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Der Cicerone

Jacob Burckhardt: Der Cicerone - Kapitel 18
Quellenangabe
typetravelguide
booktitleDer Cicerone
authorJacob Burckhardt
year1986
publisherAlfred Kröner Verlag
addressStuttgart
isbn3-520-13404-7
titleDer Cicerone
pagesI-XIV
created20040114
sendergerd.bouillon
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Schon vor Bramantes Ankunft in Mailand hatte Ambrogio Borgognone die Fassade der Certosa von Pavia begonnen (1473). Neben derjenigen des Domes von Orvieto ist sie das erste dekorative Prachtstück Italiens und der Welt. Der bauliche Gedanke – ein fünfteiliges Erdgeschoß und ein dreiteiliges Obergeschoß, beide mit Galerien abgeschlossen – ist ziemlich gering, die Anordnung des obern Mittelfensters paßt nicht harmonisch zum übrigen; der ohne Zweifel beabsichtigte plastische und ornamentale Schmuck über der obersten Balustrade fehlt. Allein die unermeßliche Pracht und zum Teil auch der feine dekorative Geschmack, welche das Erdgeschoß beherrschen, haben ein in seiner Art unvergleichliches Ganzes hervorgebracht. Schon die Basis des Sockels beginnt mit Puttenreliefs und Kaiserköpfen; am Sockel selbst wechseln Reliefs und Statuen in Nischen; die Pilaster sind beinahe in Nischen aufgelöst, in welchen sich Statuen befinden; was sonst von Flächen übrigbleibt, ist mit Figuren und Zieraten in Relief völlig bedeckt, alles in weißem Marmor. Das auf Säulen vortretende Portal ist edel gedacht; vollends aber gehören die vier großen untern Fenster zu den größten Triumphen aller Dekoration; ihre Innenstützen sind reiche Kandelaber, ihre Akroterien mit betenden Engeln geschmückt.

Das Langhaus ist gotisch (S. 145). Über Querbau und Chor kann ich aus schon ziemlich alter Erinnerung nicht urteilen; jeder der drei Arme schließt mit drei Nischen nach drei Richtungen; wenn diese Anordnung erst der Renaissance angehört, so wäre sie für viele der unten genannten oberitalischen Kirchen ein nahes und bedeutendes Vorbild gewesen. Die in vier Galerien abgestufte Kuppel ist entschieden erst aus dieser Zeit, ihr Abschluß noch neuer. An der Kathedrale von Lugano ist die marmorne Fassade ein graziöses kleines Exzerpt aus derjenigen der Certosa; quadratisch, mit einem höhern Erdgeschoß und einem niedrigem Obergeschoß, in dessen Mitte ein Rundfenster; Friese, Pilaster und teilweise auch die Wandflächen mit Skulpturen geschmückt.

Es folgt der im Jahr 1513 von Tommaso Rodari begonnene Ausbau des Domes von Como (vgl. S. 145): Chor, Querbau und Außenseiten des Langhauses, vielleicht das schönste Spezimen höherer Renaissancebaukunst in diesen Gegenden. Die drei Abschlüsse im halben Zehneck; das Äußere einfach-edel gegliedert; im Hauptfries an den Strebepfeilern Urnenträger für den Wasserablauf. (Die achteckige Kuppel in ihrer jetzigen Gestalt von Juvara)Die Dekoration der vordern Teile des Langhauses, möglicherweise ebenfalls von Rodari aus früherer Zeit, gehört mehr der buntern und befangenern Frührenaissance an. So die Nordtür, die Außeneinfassungen der Fenster und die geistreichen Renaissance-Spitztürmchen, welche über den Strebepfeilern des Querbaues und Chores, also an dem Bau der mehr klassischen Zeit nicht mehr vorkommen. Hiernach möge man verbessern, was S. 145 in zu allgemeinen Ausdrücken vom ganzen Bau gesagt ist. Die Inschrift über den Beginn des Hinterbaues steht an der Rückseite des Chores. . Innen ist Chor und Querbau umzogen von einer Doppelordnung korinthischer und Compositasäulen, welche ein herrliches Doppelsystem von Fenstern einfassen; die übrigbleibenden Flächen zwar nüchtern dekoriert, aber trefflich eingeteilt; unter den untern Fenstern Nischen mit (oder doch für) Statuen. Die Wölbungen mit prachtvollen rot-weiß-goldenen Kassetten. Bei der durchgängigen Einfachheit, welche auf reine Totalwirkung ausgeht und z. B. keine Arabesken an Pilastern und Friesen zuläßt, gehört dies Gebäude wie S. Maria presso S. Celso zu Mailand schon eher der klassischen Zeit als der Frührenaissance an.

Schon die genannten Bauten geben einige gemeinsame Züge kund, die auch für die folgenden wesentlich sind. Die Lombardei war schon in der vorigen Periode das Land des großartigen und verfeinerten Backsteinbaues gewesen und behielt jetzt dieses Material bei, abgesehen natürlich von Gebäuden des äußersten Luxus, wie z. B. die Fassade der Certosa. Zweierlei Konsequenzen hiervon sind: 1. die Vorliebe für den Pfeilerbau mit Stukkierung; dieser gestattete kühne Gewölbe; die Säule und mit ihr die flachgedeckte Basilika kommen zur Renaissancezeit im ganzen selten vor. 2. Die Vorliebe für reiche, kecke Dispositionen, hauptsächlich runde Abschlüsse, große Nischen usw., die im Backstein, wo man es im Detail nicht so genau nimmt, ungleich leichter darzustellen sind als im Stein, der eine sehr konsequente Durchführung des Details und eine hier mühsame Messung verlangt. Diese reichen Formen sind gleichsam ein Ersatz für den mangelnden Adel des Materials. – Weitere Folgen sind: die stets einfache und befangene Bildung der Säule, wo sie vorkommt, wie z. B. an vielen (doch nicht den meisten) Klosterhöfen; die Dekoration des Innenpfeilers, den man doch einmal nicht roh lassen wollte, durch gemalte oder selbst erhabene Arabesken; eine ähnliche Behandlung der Gesimse, der Gewölbe (Rippen sowohl als ganze Kappen, Halbkuppeln usw.). Die Kuppel bleibt noch längere Zeit die mittelalterliche, polygone, außen flachgedeckte, mit Galerien umgebene. Man sieht an der Certosa von Pavia recht deutlich, wie sie sich steigern und verklären möchte, es aber nicht über die Vervielfachung der Galerien hinausbringt.

Die Dauer der Frührenaissance ist hier eine längere als in Mittelitalien; Bramante (oder wer es sonst war) drang mit der großartigen Vereinfachung der Formen, die man z. B. an S. Maria presso S. Celso bemerkt, zunächst nicht durch. Der Bruch erfolgt hier erst gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts und dann ziemlich unvermittelt.

Die nächste bedeutende Gruppe von Kirchen, welche der Verfasser aus Anschauung kennt, besteht aus S. Sisto in Piacenza, S. Giovanni in Parma (1510) und der Steccata in Parma (1521), die beiden letztern (und wohl gar auch die erstere) von Bernardino Zaccagni aus Torchiara. Die älteste ist S. SistoIn dieser Kirche befand sich ehemals die berühmte Madonna di S. Sisto, welche daher den Namen der Sixtinischen führt. (In Dresden.) Als Schluß der schönen Kirche, in dem trefflichen Licht, welches jetzt die Kopie genießt, mußte sie eine einzige Wirkung machen. ; für die moderne Fassade entschädigen zwei gute ionische Kreuzgänge. Das Innere ist von glänzend naivem Reichtum der Disposition und Ausführung; eine Säulenkirche mit Tonnengewölben und zwei Querschiffen, über deren Mitte Kuppeln; die Seitenschiffe mit lauter kleinen Kuppelgewölben; seitwärts davon Kapellen in Nischen auslaufend, welche indes von außen durch eine gerade Mauer maskiert sind. Von ganz besonders seltsamer Komposition sind die beiden Schlußkapellen des vordem Querschiffes: griechische Kreuze auf vier Säulen ruhend, mit Kuppelchen und vier Eckräumchen, an den Enden Hauptnischen, in den Eckräumen kleinere Wandnischen, und dies alles so klein, daß man sich kaum darin drehen kann. – S. Giovanni in Parma hat eine ähnliche Disposition, doch lauter Pfeiler (von schöner schlanker Bildung) und nur ein Querschiff; außerdem (links) zwei prächtige Klosterhöfe mit bemalten Bogenfüllungen und Friesen (die Fassade modern). – La Steccata endlich bildet ein einfaches griechisches Kreuz mit runden Abschlüssen, Mittelkuppeln und vier etwas niedrigem Eckräumen, welche zu besondern Kapellen abgeschlossen sind. (Die Verlängerung des Chores neuer.) Es ist eine der schönsten, wohltuendsten Baumassen, welche die neuere Kunst geschaffen hat, übrigens von außen wie alle diese Kirchen möglichst einfach; die einzige reichere Form ist die Galerie um die Kuppel.

Die gemeinsamen Eigenschatten dieser Kirchen sind nun: 1. Eine wahrhaft prächtige architektonische Bemalung aller Bauglieder des Innern, teilweise auch der Bauflächen, wie denn in S. Sisto der Fries über den Hauptbogen durch eine ganze hohe Attika mit lauter allegorischen Malereien grau in grau vertreten ist. (Von dieser Bemalung unten ein Mehreres.) 2. Eine merkwürdig schlechte Beleuchtung. In S. Sisto und S. Giovanni kommt das meiste Licht durch die Fenster der untern Kapellenreihen, die zu beiden Seiten der Altäre in den halbrunden Nischen angebracht sind, an der Steccata hat der Meister sogar seine Fenster ohne alle Not so weit unten als möglich angebracht. Von den Kuppeln hat leider gerade diejenige von S. Giovanni, mit Correggios Fresken, das kümmerlichste Licht durch vier kleine Luken. In der Steccata geht dem Innern, das sonst so schön gedacht ist, sein bester Reiz durch diesen Mangel ganz verloren.

Um sich den Eindruck des Ganzen einigermaßen zu vervollständigen, denke man sich bei S. Sisto und S. Giovanni eine Backsteinfassade dieses Stiles hinzu, wie sie z. B. S. Pietro in Modena recht schön darbietet. Wie einst die gotischen, so reproduziert in dieser Epoche der Backstein die antiken Formen in einer oft eigentümlich reizenden Weise. In Modena ist außer der eben erwähnten Backsteinfassade von S. Pietro nichts von höherer Bedeutung vorhanden: der zweite Klosterhof daselbst (ionische Halle) hat ein sonderbar niedriges Obergeschoß. Für Architekten: Pal. Coccapane (Strada Rua del muro), Backsteinbau mit reichen Gesimsen außen und im Hof, gemalten Friesen und Decken in den untern Hallen. – Pal. Rangoni (jetzt Bellintani, Hauptstraße) hat rechts noch ein sehr entstelltes Höfchen mit oben herumgehenden offenem Pfeilergang.

Von andern Renaissancebauten der Gegend können zwei Gebäude an der Via S. Antonio zu Piacenza und ein großer halbzerstörter Klosterhof links neben S. Quintino in Parma für Architekten einiges Interesse bieten. Die Madonna della Campagna in Piacenza (an einem Ende der Stadt) scheint eine frühe Nachahmung der Steccata zu sein. Das bischöfliche Seminar in Parma, beim Dom, ist eine gute, jetzt vermauerte Doppelhalle.

Bologna besitzt aus dieser Zeit keine bedeutende Kirche, aber einzelne sehr wertvolle Bruchstücke von solchen. Die ganze fröhliche Naivität der Frührenaissance lebt z. B. in der zierlichen Backsteinfassade der Madonna di Galliera (nahe bei S. Pietro), vom Jahre 1470. In den allerkleinsten Dimensionen repräsentiert diesen Stil das aufgehobene Kirchlein S. Spirito. – An der Kirche Corpus Domini (oder la Santa) ist von dem Bau des Jahres 1456 (?) ebenfalls nur die Fassade und vollständig nur die prächtigste Backsteintür erhalten. Sie zeigt gerade in ihrem Reichtum den tiefen Unterschied zwischen oberitalischer und toskanischer Dekoration. – Eine vollständige, aber nur einschiffige Kirche (angeblich von 1447, doch eher erst nach 1500) ist S. Michele in Bosco; namentlich außen gut und gediegen; das Portal dem Peruzzi beigelegt; von den Anbauten mehrere einfach gut. – An S. Bartolommeo di Porta ravegnana ist auf zwei Seiten die reiche Pfeilerhalle des Formigine erhalten, vom Jahr 1530 und doch noch Frührenaissance, wie alles, was noch auf vorherrschende Einzelwirkung ausgeht. Das Innere, eine Säulenkirche mit Tonnengewölben, vielleicht aus derselben Zeit, aber modernisiert. – In S. Giacomo maggiore ist das ganze Langhaus ein sehr schöner Einbau vom Jahr 1497 in die ältere Kirche; einschiffig, mit je drei Bogenkapellen zwischen den vortretenden Wandpfeilern. – An der anstoßenden S. Cecilia gewährt die kleine Kuppel von außen einen zierlichen Anblick.

Wie langsam und gegenüber welchem Widerstand die Renaissance in Bologna eindrang, beweist z. B.: die Annunziata (vor Porta S. Mammolo), welche noch in den 1480er Jahren gotisch erbaut wurde. Der Weiterbau von S. Petronio hielt hier den gotischen Stil überhaupt lange am Leben.

Einzelne Kapellen, oft sehr hübsch mit eigenen polygonen Kuppeln und Eckpilastern nach florentinischer Art: In S. Martine maggiore, die erste links; – in der Misericordia (vor Porta Castiglione), die letzte rechts; überhaupt ist das Innere dieser gotischen Kirche im Jahr 1511 umgebaut; – in S. Stefano: ein hübsches Kapellchen links neben dem sog. Atrio di Pilato; – in S. Giacomo maggiore: die Capella Bentivoglio (Chorumgang), datiert 1486, durch ihre halbmoderne Bemalung entstellt; – in S. Giovanni in Monte: an jedem Ende des Querbaues eine.

Für Paläste der Frührenaissance (die wir hier, wie bemerkt, noch über die ersten Dezennien des 16. Jahrhunderts ausdehnen müssen) ist Bologna eine der wichtigsten Städte Italiens. Allerdings treten zwei beinahe durchgehende Beschränkungen ein, welche eine florentinische oder venezianische Entwicklung des Palastbaues hier unmöglich machen: der Backstein und die Verwendung des Erdgeschosses zur Straßenhalle. Letzterer Gebrauch, an sich sehr schön und für Sommer und Winter wohltätig, hat eben doch das Aufkommen jeder streng geschlossenen Komposition verhindert; es entstanden fast lauter Horizontalbauten, bei welchen das Verhältnis der Länge zur Höhe gar nicht beachtet, keine Mitte bezeichnet und z. B. die Tür ganz willkürlich angebracht wird.

Innerhalb dieser Schranken aber äußert sich die Renaissance hier äußerst liebenswürdig, ja es gibt in ganz Italien wenige Räume, wo der Geist des 15. Jahrhunderts uns so ergreift, wie in einzelnen Hofräumen von Bologna. Das Detail ist meist gerade so reich, als der Backstein es gestattete; allerdings liegt zwischen hier und Rom wieder ein Gebirge mehr, und die antiken Formen werden schon mehr wie von Hörensagen reproduziert. – Die Backsteinsäulen des Erdgeschosses, meist mit einer Art einblätteriger korinthischer Kapitelle, tragen reichprofilierte Bogen; über einem Sims setzen dann die rundbogigen Fenster des Obergeschosses an, oft sehr prächtig, mit einer Art von Akroterien seitwärts und oben; in dem (bisweilen noch bemalten) Fries finden sich runde, auch rundschließende, auch viereckige Luken. Das Kranzgesimse mit seinen kleinen und dichtstehenden Konsolen tritt nur mäßig vor. – In den Höfen, wo sie wohlerhalten sind, entspricht den untern Säulen oben die doppelte Zahl von Säulchen (seltener Pilaster mit Zwischenbogen), welche eine Galerie um den größten Teil des Hofes bilden; oder auch Fenster, die den äußern ähnlich sind. Die Friese, Einfassungen u. dgl. meist um einen Grad reicher als außen.

Diese Bauweise dauerte bis gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts, und gerade aus dieser spätern Zeit gibt es Beispiele von besonderer Schönheit. Der Baumeister Formigine bemühte sich damals, den jetzt sandsteinernen Kapitellen eine möglichst reiche und abwechselnde, oft figurierte Bildung zu geben. In den Höfen bemerkt man oben statt der Säulen hier und da kleine Pilaster mit dazwischengesetzten Bogen. Außen wird auch wohl durch viereckige Fenster (statt halbrunder) der eindringenden Klassizität ein Zugeständnis gemacht. – Wir zählen einige bezeichnende Beispiele aus dem 15. und 16. Jahrhundert auf.

Pal. Fava, N. 590, sehr schön; im Hof auch ein offener Verbindungsgang auf reichen Konsolen. – Ähnlich das Haus N. 1060. – Das phantastisch-schöne kleine Eckhaus N. 496 Via delle Grade. – Der Pal. Bevilacqua, eins der wenigen Gebäude dieser Zeit, welche unten keine Halle, sondern eine ganze und zwar steinerne Fassade haben, deren Quadern denn auch mit ganz besonderm Nachdruck behandelt, nämlich jeder einzeln verziert sind; auch alle übrigen Details sehr reich, das Gesimse eines der wirksamsten. Der Hof, mit Ausnahme der Säulen ganz von Backstein, ist der schönste dieses Stiles. Man hat auf verschiedene Baumeister geraten; wenn aber der reiche Portikus an S. Giacomo (um 1483) urkundlich von Gaspero Nadi erbaut ist, so wird man ihm wenigstens auch den Hof von Pal. Bevilacqua zuschreiben dürfen, der in der Zierweise mit jenem Portikus fast völlig übereinstimmt. – Der Pal. del Podesta (1485, von Fioravanti) sieht dem Werk einer unreifen Begeisterung für Pal. Bevilacqua ähnlich; das zahme obere Stockwerk paßt nicht zu den facettierten und geblümten Quadern und den derben Halbsäulen der Pfeiler des Erdgeschosses. (Der rechts davon gelegene Portico de' Banchi rührt in seiner jetzigen Gestalt erst von Vignola her, der auf eine sehr geschickte Weise eine Menge kleiner Räume und Fensteröffnungen einer neuen großartigen Haupteinteilung zu subordinieren wußte.) –

Der Platz von S. Stefano ist fast mit lauter Gebäuden dieser Gattung umgeben; darunter N. 94, neben Pal. Isolani, noch halbgotisch (oben eine Art Bogenfries mit Köpfchen ausgefüllt) ; besonders artig N. 80.

Der zierliche Palast auf dem Platz der beiden schiefen Türme (eigentlich Pal. dell' arte degli Stracciaiuoli) mit dem Datum 1496, soll von niemand anders als von Francesco Francia entworfen sein. Wenn man in den mehr dekorativ als architektonisch gehandhabten Formen den »Goldschmied« wiedererkennen will, so haben wir nichts dagegen einzuwenden (1620 umgebaut). – Wiederum einfach und sehr tüchtig: Pal. Fibbia, N. 580. – Artige Höfe: N. 1063, N. 1079, N. 2501 (letzterer mit gemaltem Puttenfries). Außerdem ist der große Portikus der Putte di Baracano unweit Porta S. Stefano beachtenswert, als Fassade einer wohltätigen Anstalt aus den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts.

Dem reinem Klassizismus nähert sich dieser Stil z. B. in Pal. Bolognini N. 77 unweit S. Stefano (vom Jahr 1525), mit den Prachtkapitellen des Formigine und den Medaillonköpfen des Alf. Lombardi. Den bolognesischen Hofbau in klassischer Umbildung zeigt sehr schön Pal. Malvezzi-Campeggi, N. 2598, von Formigine. Für die Fassaden dagegen wußte dieser Meister, als der römisch-florentinische Einfluß nach Bologna drang, keinen rechten Rat; an dem genannten Gebäude behielt er für Friese, Pilaster und Füllungen wenigstens eine öde kalligraphische Spielerei bei, und an Pal. Fantuzzi gab er den gekuppelten Halbsäulen beider Stockwerke eine ganz widersinnige Rustikaoberfläche. Naiver verläuft sich die alte bolognesische Zierlust in den Barockstil an dem Pal. Bolognetti (jetzt Savini, N. 1310), vom Jahr 1551, mit einer allerliebsten untern und obern Halle und Treppe. Das beste Gebäude dieses Übergangsstiles aber möchte wohl Pal. Buoncompagni sein (N. 1719, hinter dem erzbischöflichen Palast), vom Jahre 1545; im Hof erlöschende mythologische Grisaillen des Girol. da Treviso. Von Klosterhöfen der Renaissance sind zu nennen: der von S. Martino maggiore; derjenige der Certosa, welcher jetzt den Haupthof des Camposanto ausmacht, mit besonders reichen und schönen Kapitellen usw.

Die völlige modern-klassische Umbildung tritt dann ein mit Bart. Triachini (Pal. Malvezzi-Medici, N. 2492, eines der besten Gebäude Bolognas), mit Francesco Terribilia (die alte Universität, jetzige Bibliothek, der durchaus mit Rustika bekleidete Klosterhof bei S. Giovanni in Monte usw.); sie neigt sich dem Barockstil entgegen mit Pellegrino Tibaldi und seinem Sohn Domenico, von welchen unten.

Ferrara besitzt zunächst einen der wichtigsten Renaissancetürme Italiens, den Kampanile des Domes. (Anfang des 16. Jahrhunderts.) Mit Marmor, und zwar schichtenweise rot und weiß inkrustiert, mit derb vortretenden Eckpilastern und Säulensteilungen dazwischen wirkt dieser Bau ganz imposant, obschon man es den Säulen ansieht, daß der Baumeister beim Backstein aufgewachsen war. (Die Fensterbogen setzen unschön ohne Mittelplatte auf.) – Die Tribuna der Kirche ein guter Backsteinbau, innen mit reich skulptierten Wandpilastern.

Südlich gegenüber die aufgehobene, sehr verbaute Kirche S. Romano, von früher und schlichter Renaissance.

S. Francesco (1494, wahrscheinlich von einem gewissen Pietro Benvenuti) gehört noch zu der oben mit S. Sisto zu Piacenza begonnenen Reihe. Außen mager verteilte Pilaster mit hübschen Friesen (Putten, Medaillons haltend); innen Säulenkirche mit lauter Kuppelgewölben und den beiden Seitenschiffen entlang mit hübsch eingefaßten Kapellenreihen, durch deren Fenster wiederum das meiste Licht kommt. Auch die Ornamentierung in ähnlicher Weise an Friesen, Bogenfüllungen usw., sowie an den Pfeilern der Kreuzung aufgemalt, wie in jenen Kirchen. – Von demselben Geschlecht: S. Benedetto (um 1500 von Gianbatt. und Alberto Tristani), die Fassade mit jenen von L. B. Alberti (S. 173, f) zuerst gebrauchten, von Pintelli (S. 183, a) nachgeahmten Seitenvoluten und mit Marmorpilastern; alles übrige schlichter Backstein; die Kapellenreihen auch außen rund, ebenso die Abschlüsse des Querbaues. Innen Tonnengewölbe (in der Mitte des Langhauses durch eine Flachkuppel unterbrochen); über der Kreuzung die Hauptkuppel; die Nebenschiffe mit lauter kleinen Kuppelgewölben. Die prächtige und doch weislich gemäßigte dekorative Bemalung ist an den untern Teilen überweißt oder nie vorhanden gewesen. – Eine der besten dieser Reihe, obschon ebenfalls durch das vorherrschende Unterlicht beeinträchtigt: die Certosa S. Cristoforo (1498–1553), einschiffig mit Kuppelgewölben, geradlinigen Kapellenreihen, Mittelkuppel und Querbau; die Gliederungen außen nobel von Backstein (mit Ausnahme der noch nicht inkrustierten Fassade), innen sämtlich von Marmor; über den Kapellenreihen eine hohe Attika wie in S. Sisto zu Piacenza (hier leer). – S. Maria in Vado (seit 1475 erbaut von Biagio Rossetti und Bartol. Tristani) ist in der Bildung des Äußern den bisher genannten analog, innen eine Säulenkirche mit Flachdecke, ohne Kapellenreihen und Unterlicht, deshalb von schöner Wirkung. (Die Hauptfassade erneuert, die Querbaufronte ursprünglich und der Fassade von S. Benedetto ähnlich. – Die Nebenschiffe haben Kreuzgewölbe.) – Endlich S. Andrea, mit noch gotischer Fassade von 1438; innen Pfeilerkirche mit flacher Decke über niedriger Obermauer; die Nebenschiffe mit Kreuzgewölben; Kapellenreihen mit Seitenlicht durch je zwei Fenster; dies alles etwa um 1500. – Von S. Giorgio ist wenig mehr als der schiefe Backsteinturm aus dieser Zeit erhalten (1485, von Biagio Rossetti). Als griechisches, gleicharmiges Kreuz mit Eckräumen wurde S. Spirito 1519 gegründet; nach mancherlei Schicksalen jetzt sehr verändert. – Noch zu Ende des 16. Jahrhunderts baute Alberto Schiatti das einfache und sehr artige Kirchlein la Madonnina in dieser Form (unweit Porta romana).

Von den Kreuzgängen blieb dem Verfasser zufällig derjenige der Certosa (jetziges Camposanto) unzugänglich; – drei durch offene Durchblicke zu einer sehr schönen Wirkung vereinigte finden sich neben S. Benedetto (davon einer auf Pfeilern, die andern auf Säulen) ; – ein ähnlicher bei S. Giorgio vor Porta romana; – ein vermauerter bei S. Maria in Vado.

Von Profanbauten dieses Stiles ist in Ferrara nicht soviel Bedeutendes erhalten, als man erwarten möchte. Die schönsten Bauten der Herzoge vom Hause Este sind untergegangen; ihr Kastell ist als malerischer, imposanter Anblick ohnegleichen, kann aber nicht als Palast gelten. Von den sonstigen fürstlichen Gebäuden zeigt der jetzige Pal. Communale allerlei interessante Reste, aber nichts Zusammenhängendes mehr, mit Ausnahme des hinten angebauten herzoglichen Arsenals, welches außen ein schlichter Backsteinbau mit Pilastern, innen eine regelrechte Basilika (nur ohne Tribuna) ist. – Die angefangene Halle außen im Erdgeschoß des Palastes, gegen das Kastell hin, ist erst von Galeazzo Alessi (s. unten), der längere Zeit in Alfonsos II. Diensten stand. – Der Palazzo Schifanoja, vom Herzog Borso seit 1470 ausgebaut, ist architektonisch nicht bedeutend, ausgenommen das schöne Portal mit dem Wappen darüber. – Das Wichtigste ist immer der Pal. de' Diamanti (jetziges Ateneo, mit der städtischen Galerie), begonnen 1493 für Sigismondo von Este, mit der facettierten Bekleidung, den skulpierten Pilastern und den sehr schön gebildeten Fenstern versehen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, mit dem Kranzgesimse vollendet 1567 für Kardinal Luigi d'Este. Die schönen Verhältnisse des Ganzen leiden nur durch die Disharmonie zwischen den zarten Pilastern und der energisch sein sollenden Quaderbehandlung. – Der letzte estensische Zierbau gehört schon dem klassischen Stil an und verrät die Einwirkung des Palazzo del Te in Mantua: nämlich la Palazzina (1559), ein ehemals köstliches Gartenhaus, nur Erdgeschoß mit Fenstern, Portal und vier Pilastern, hinten mit (jetzt vermauerter) Loggia und einem links anstoßenden, jetzt meist unzugänglichen »teatro«. Das Ganze im kläglichsten Verfall.

Die Privatpaläste des Adels sind hier, wie in den Städten kleiner Fürsten überhaupt, nie so wichtig als in den ehemaligen Hauptstädten der Republiken. Das argwöhnische Regiment, auch wohl der finanzielle Druck des Hauses Este im 15. und 16. Jahrhundert ließ keine große bauliche Machtäußerung aufkommen. Der einzige bedeutende Hof aus dem 15. Jahrhundert, der des Pal. Scrofa (Corso di Porta romana), ersetzt aber zehn Paläste, obwohl er nur zur Hälfte gebaut und in drohendem Verfall begriffen ist. Er zeigt den bolognesischen Hofbau vortrefflich in das Schlanke und Leichte übertragen, welches die Hallen Ferraras, deren Säulen durchgängig von Marmor sind, überhaupt kennzeichnet. – Die fehlende Fassade mag man sich ergänzen durch die äußerst zierliche des Pal. Roverella (der dafür nur einen unbedeutenden Hof hat). Über dem heitern Eindruck dieses Gebäudes übersieht man es gerne, daß z. B. die Arabesken des obern und des untern Frieses derber und massiger gebildet sind als die der Pilaster, und daß die Fenster sich auf die damit eingefaßten Flächen nicht gut verteilen. Die Pforte marmorn; darüber ein großer Erker, woran dies bei der Post gelegene Gebäude leicht kenntlich ist. – Pal. de' Leoni, beim Pal. de' Diamanti, hat an seinen Eckpilastern die schönsten Arabesken Ferraras, außerdem ein stattliches Portal mit einem von Putten umgebenen Balkon; sonst sind Fassade und Hofhalle ganz einfach. – Pal. Bevilacqua und Pal. Zatti auf Piazza Ariostea, beide mit vorderer Straßenhalle, der erstere mit einem der bessern Höfe.

Weiter im 16. und 17. Jahrhundert begegnet man hier einigen kleinern Palästen, welche durch harmlose Zieraten in den Wandflächen selbst (Trophäen, Büsten, Mottos usw.) ein Echo der frühern Zierlust offenbaren; Pal. Bentivoglio; Pal. Costabili. Das beste Gebäude des etwas strengern Klassizismus, Pal. Crispo (um die Mitte des 16. Jahrhunderts von Girolamo da Carpi entworfen) läßt es bei bloßen Denksprüchen bewenden, die aber das ganze Gebäude bedecken. – Das einfache Haus des Ariost, Strada Mirasole, N. 1208.

In Venedig drang der neue Stil im Verhältnis zu den Umständen spät durch. Die paduanische Malerschule und die einheimischen Skulptoren hatten schon die naturalistische Darstellungsweise ansehnlich ausgebildet, während Baukunst und Dekoration noch an den gotischen Formen mehr oder weniger festhielten. Der Chorbau von S. Zaccaria wurde (1457) gotisch begonnen fast zu derselben Zeit, da Mantegna schon seine heilige Euphemia malen konnte. Die Einfassungen der Prachtaltäre, welche von der muranesischen Malerwerkstatt ausgingen, sind noch bis nach 1450 gotischen Stiles; Mastro Bartolommeo meißelt Statuen im Stil des 15. Jahrhunderts für seine noch gotischen Zierbauten. Seine Porta della Carta am Dogenpalast und die dazu gehörende Halle bis zur Riesentreppe hin (um 1439) zeigen diesen Stil in seinem Verscheiden und doch noch in eigentümlich schöner Weise behandelt; das spätgotische, starkgebauschte Blattwerk bildet schon Friese, die im Geist des neuen Jahrhunderts gedacht sind. Sogar das Dogengrab Franc. Foscari († 1457) im Chor der Frari (rechts) ist noch gotisch, ein Werk der Bildhauerfamilie Bregno. An den Chorstühlen mehrerer Kirchen hält sich das Gotische bis um 1470. (S. unten.) Auch das ganze Portal von S. Giovanni e Paolo gehört dieser späten, vegetabilisch prächtigen Gotik an.

Als aber die Renaissance hereinbrach, fand sie in dem reichen Venedig eine Stätte ganz eigentümlicher Art. Die edlern Steingattungen, deren ihre Dekoration bedarf, um völlig zu gedeihen, wurden ihr hier bereitwillig zugestanden; von Backstein und Stukko ist keine Rede mehr, wenigstens an dekorativen Teilen nicht. Der neue Stil kam gerade in die Zeit der größten Macht des Staates und eines großen Reichtums der Vornehmen hinein. Ihm schien eine Hauptrolle zugedacht, wenn es sich darum handelte, der Inselstadt einen dauernden Ausdruck festlicher Freude und Herrlichkeit zu verleihen. Es fehlte an nichts als an Platz und – an wahrhaft großen BaumeisternDie meisten wichtigern Bauten werden der Künstlerfamilie der Lombardi beigelegt, von welchen man einen altern Martino Lombardo, einen Pietro L. mit zwei Söhnen Antonio und Tullio, einen Sante L. und einen späten Tommaso L. namhaft macht, anderer dieses Namens nicht zu gedenken. Allem nach zu urteilen, waren sie wirklich Lombarden und verleugnen auch in ihren Skulpturen diese Herkunft nicht. – Girolamo Lombardi aus Ferrara steht, wie der gleichnamige Alfonso (von welchem bei Anlaß der Skulptur ein Mehreres), in keinem Zusammenhang mit ihnen. .

Auf eingerammten Pfählen wird nie von selbst eine freie und großartige Architektur sich entwickeln. Die einzigen bisherigen Gebäude, welche großartig gedacht heißen können, die Kirchen S. Giovanni e Paolo und S. Maria de' Frari, waren Niccolò Pisanos Gedanken; dem Dogenpalast, so groß auch sein älterer (vorderer) Teil ist, wird man es immer ansehen, daß sein Erbauer unter den Eindrücken einer kleinräumigen Pracht aufgewachsen warMan vergleiche damit z. B. das Stadthaus von Piacenza. . Und diese Beschränkung ging nun auch der venezianischen Renaissance nach, und alle folgenden Baustile, die in den Lagunen geherrscht haben, sind mehr oder weniger derselben unterlegen. Wir werden weiter unten finden, daß auch ein Jacopo Sansovino sich beugte. Der einzige Andrea Palladio leistete erfolgreichen Widerstand.

Von jenen großartigen baulichen Dispositionen, wie wir sie in Brunellescos Basiliken finden, von dem mächtigen Ernst florentinischer und sienesischer Palastfassaden, von der toskanischen und römischen Wohlräumigkeit des Hallenbaues gibt kein Gebäude Venedigs im Stil der Frührenaissance einen Begriff. Man war weder des Platzes genugsam Herr noch des festen Bodens sicher. Um so ergiebiger ist das damalige Venedig an einzelnen überaus netten dekorativen Effekten zu Nutz und Frommen des jetzigen Platz sparenden Privatbaues. Die Komposition im höhern Sinn, nämlich nach Verhältnissen, ist an Kirchen und Palästen meist null, aber das Arrangement geschickt und die Phantasie reich und durch kein Bedenken gehemmt. Das Äußere wird an Kirchen und Palästen mit zwei, drei Ordnungen von Pilastern bekleidet, ohne daß man sich auch nur die Mühe nähme, die obern Ordnungen durch größere Leichtigkeit zu charakterisieren, oder einen Gegensatz in den Flächen auszudrücken (S. Maria de' miracoli, Seitenfronte der Scuola di S. Marco usw.). An den Hauptfassaden sind die Pilaster wohl mit Arabesken oder mit Nischen ausgefüllt, kanneliert, in der Mitte durch Scheiben von rotem oder grünem Marmor unterbrochen u. dgl.; überall sonst haben sie ihr eigenes vertieftes Rahmenprofil, welches ihnen die Bedeutung einer Stütze, eines Repräsentanten der Säule benimmt und sie selber zum bloßen Rand eines Rahmens um das betreffende Mauerfeld macht. Von einem notwendigen Gradverhältnis zwischen der Pilaster- und der Friesdekoration trifft man kaum eine Ahnung. Für den obern Abschluß der Kirchenfassaden erlaubte man sich fortwährend die fröhliche runde Form in verschiedenen Brechungen; seit dem Bau von S. Marco war die venezianische Baukunst daran gewöhnt und hatte auch in der gotischen Zeit damit barock genug zu schalten gewußt. – Auch an den Palastfassaden behielt man die bisherige Anordnung (S. 148) bei, nur im neuen Gewande. Die schöne Wirkung der offenen Loggien in der Mitte der Hauptstockwerke ist nicht das Verdienst des neuen Stiles, sondern das einer alten Sitte. Die zwischen den Fenstern, Türen, Gesimsen und Pilastern übrigbleibenden Flächen wurden mit bunten Steinscheiben in symmetrischer Zusammenstellung, an den Kirchen auch wohl mit Nischen, Skulpturen usw. ausgeschmückt.

Im Innern sind die Paläste größern Teils verbaut; was von Treppen und Sälen einigen Eindruck macht, ist durchgängig spätern Ursprunges. Das Erdgeschoß ist weder entschieden als bloßer Sockelbau, noch als mächtiges Grundstockwerk behandelt, und diese Halbheit raubt natürlich der untern Halle jede höhere architektonische Bedeutung, wenn sie auch – in Verfall und Verkommenheit – oft ein ganz malerisches Interieur gewährt. Höfe sind entweder nicht vorhanden oder ohne BelangBei diesem Anlaß ist vorläufig auf Pal. Pisani an Campo S. Stefano hinzuweisen, welcher zwar von Renaissance nicht mehr als die Zwischenhalle seiner beiden Höfe besitzt, als vollständigster Privatbau der Barockzeit aber von Interesse ist. Die großen Schifflaternen in den untern Hallen dieser und anderer Paläste sind Ehrenzeichen des Seekommandos der Inhaber. .

Das Innere der Kirchen ist je nach der Aufgabe sehr verschieden.

Die älteste des betreffenden Stiles ist wohl unleugbar S. Zaccaria, begonnen 1457 (von einigen dem Martino Lombardo zugeschrieben). Der Chorbau ist noch zum Teil gotisch, Umgang und Kapellenkranz von gleicher Höhe damit. Die gewölbten drei Schiffe ruhen auf Säulen über hohen geschmückten Piedestalen, das Chor nach Art einiger romanischer Kirchen auf Säulengruppen. Im Detail wagt hier die Frührenaissance höchst unsichere und barocke Formen. (Wulste der Säulen, mittlere Simse des Kapellenkranzes usw.) Die Fassade ist mit Ausnahme des Erdgeschosses wohl um mehrere Jahrzehnte neuer; in ihren vielen Stockwerken und runden Abschlüssen zeigt sie zuerst jene nur in Venedig so ausgebildeteVielleicht durch kleinliche Römerbauten, wie Porta de' Borsari in Verona, geweckte. Schreinerphantasie, welche die Bauformen aus reinem Vergnügen an ihrer Wirkung vervielfacht, ohne sie zum Ausdruck von Verhältnissen zu benutzen. Diese Wirkung aber, erhöht durch das Material und ein großes dekoratives Geschick, ist für den flüchtigen Blick eine sehr angenehme.

Nahe mit diesem Bau verwandt, nur einfacher, ist S. Michele (1466), welches Martinos Sohn, Moro Lombardo, angehört. Flachgedeckte Säulenkirche, schon vorn durch einen fast gleichzeitigen Lettner unterbrochen; hinten drei Tribünen ohne Umgang. An der Fassade ist außer den runden Abschlüssen die unbeholfene Rustikabekleidung bemerkenswert, eine florentinische Anleihe.

Es folgt das kleine Juwel unter den venezianischen Kirchen: S. Maria de' miracoli, 1480 unter Mitwirkung des Pietro Lombardo erbaut. Es dauert eine Weile, bis das von einem »allerliebst« zu nennenden Eindruck beherrschte Auge sich gesteht, daß der bauliche Gehalt des Gebäudes fast null ist. Der große runde Abschluß, mit buntem Scheibenwerk ausgefüllt, erdrückt die beiden delikaten Pilasterordnungen; der mittlere Bogen der obern wird auf barbarische Weise breitgezogen, um der Tür unten zu entsprechen. Auch am Chor tragen runde Abschlüsse das Quadrat, auf welchem sich die kleine Kuppel erhebt. Innen hat das Schiff ein Tonnengewölbe; die bemalte Kassettierung ist sehr verschwärzt und geht ihrem Untergang entgegen. Der Chorbau, auf zierlicher Treppe mit Balustraden bedeutend erhöht (um darunter die Sakristei anzubringen), ist in betreff seiner innern Gestalt ein florentinischer Gedanke auf venezianischem Boden. Die Pilasterbekleidung des Innern und Äußern ist fast ohne alle Abstufung als bloße Dekoration mitgegeben; von dem Wert ihrer Ornamente wird unten die Rede sein.

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