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Der Cicerone

Jacob Burckhardt: Der Cicerone - Kapitel 14
Quellenangabe
typetravelguide
booktitleDer Cicerone
authorJacob Burckhardt
year1986
publisherAlfred Kröner Verlag
addressStuttgart
isbn3-520-13404-7
titleDer Cicerone
pagesI-XIV
created20040114
sendergerd.bouillon
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Indes war es nicht dem Niccolò Pisano, sondern einem seiner Schüler, dem Florentiner Arnolfo del Cambio (gewöhnlich A. di Lapo genannt) beschieden, von jener neuen Behandlung des Pfeilers aus dem ganzen Stil eine neue Wendung zu geben. Seine Bauten fallen sämtlich in die letzten Jahre des 13. Jahrhunderts.

Der wichtigste derselben ist der Dom (seit 1296). Die Florentiner verlangten von dem Meister das Unerhörte und nie Dagewesene, und in gewissem Betracht hat er es geleistet. Wer mit dem Maßstab des Kölner Domes an das Gebäude herantritt, verdirbt sich ohne Not den Genuß. Von strenger Harmonie ist bei einem sekundären und gemischten Stil wie dieser italienisch-gotische a priori nicht die Rede, aber innerhalb der gegebenen Schranken ist hier eigentümlich Großes geleistet. – Wir beginnen mit dem Langhaus. Arnolfo war zunächst kein angenehmer DekoratorOder wer sonst nach ihm die Inkrustation leitete. ; die Inkrustation der ganzen obern und untern Mauern der Schiffe ist eine endlose Wiederholung einförmiger Motive; die Fenster und Türen haben nicht bloß etwas Strenges, sondern durch das Überwiegen der Mosaikbänder etwas Lebloses (zumal wenn man damit die schönen spätern Türen zunächst beim Querschiff vergleicht); die Gesimse sind am tüchtigsten charakterisiert. Im Innern liegt das Unerhörte in der Raumeinteilung; möglichst wenige und dünne Pfeiler mit Spitzbogen umfassen und überspannen hier Räume, wie sie vielleicht überhaupt noch nie mit so wenigen Stützen überwölbt worden waren. Ob dies ein höchstes Ziel der Kirchenbaukunst sein dürfe, ist eine andere Frage; die Wirkung ist aber, wenn man sich allmählich mit dem Gebäude vertraut macht, eine großartig ergreifende, und wäre es noch mehr, wenn nicht eine unglückliche Galerie auf Konsolen ringsumlaufend die sämtlichen Gewölbegurte gerade bei ihrem Beginn durchschnitte und auch die Obermauer des Mittelschiffes unschön teilteS. Petronio in Bologna, das Nachbild, hat sie nicht. Sollte sie etwa spätere Zutat sein? . Die Bildung der Pfeiler und ihrer Kapitelle ist eigentümlich streng; nur in dieser Gestalt paßte sie zu den ungeheuern Spitzbogen, welche darauf ruhen; Säulenbündel würden kleinlich disharmonisch erscheinen. Mit dem Kuppelraum und den drei hintern Kreuzarmen verdunkelt sich das Bewußtsein Arnolfos; es ist eine mißratene Schöpfung, wozu die Ruhmsucht der Florentiner ihn mag getrieben haben. Auf einmal wird mit dem nordischen Verhältnis der Stockwerke ein Pakt geschlossen und dem KapellenkranzDen Arnolfo doch nicht mit nordischem, polygonem Reichtum bilden durfte, weil sonst der Unterbau viel zu unruhig geworden wäre. Zwischen den viereckigen Kapellen mußte er keilförmige Mauermassen hineinschieben. um die drei Kreuzarme nur etwa die halbe Höhe des Oberbaues gegeben, mit welchem er durch häßliche schräg aufsteigende Streben in Verbindung gesetzt wird. Die drei Kreuzarme und als vierter das Hauptschiff bilden im Innern vier große Mündungen gegen den achteckigen Kuppelraum, dessen vier übrige Seiten äußerst unschön durch schräge Mauermassen dargestellt sind; zwei der letztern haben Durchgänge nach den Seitenschiffen des Langhauses, die beiden übrigen enthalten die Sakristeitüren und die Orgeln. Um eine riesigere Kuppel zu haben als irgendeine andere Stadt, verzichtete man auf das System von vier Pfeilern mit Pendentifs; um diese Kuppel möglichst groß erscheinen zu lassen, hatte man auch den Kreuzarmen jenen niedrigem Kapellenkranz gegeben. – Und inzwischen starb der Baumeister, und es vergingen über 100 Jahre, ehe man sich wirklich an die Kuppel wagte. Nach der Abbildung einer Idealkirche zu schließen, welche in den Fresken der Capella degli Spagnuoli bei S. Maria novella (1322) vorkommt, hatte Arnolfo eine etwa halbkugelförmige Kuppel beabsichtigt, deren Gesimse dem Hauptgesimse des Langhauses entsprochen hätte, und die mit den Kreuzarmen im ganzen eine Pyramide gebildet haben würde; vielleicht eine harmonischere Gesamtform, als die jetzige durch den Zylinder erhöhte Kuppel Brunellescos mit den von ihr einigermaßen gedrückten Anbauten darbietet. – Der unangenehme Eindruck des ganzen Kuppelraumes wird durch das wenige und zerstreute Licht, durch die schon beim Langhaus genannte Galerie und durch die Bemalung der Kuppel noch verstärkt; ein widriges Echo steigert ihn ins Unleidliche. Man darf nur nicht vergessen, daß ohne dieses Lehrstück keine Kuppel von S. Peter vorhanden wäre.

Die Fassade wurde 1332 nach einem herrlichen Entwurfe Giottos begonnen. Das wenige, was davon vollendet war und 1588 wieder weggenommen wurde, sieht man teilweise dargestellt in einem der Freskobilder Poccettis im ersten Klosterhof von S. Marco. (Wand vom Eingang rechts, sechste Lünette. Die Darstellung des Domes in einem Freskobild desjenigen Kreuzganges, welcher sich unmittelbar an der Südseite von S. Croce hinzieht, ist sehr verdorben und unbedeutend.) – Ein schweizerischer Architekt, der zu früh verstorbene Joh. Georg Müller von Wyl, hat nach diesen und andern Indizien eine Fassade entworfen, wie sie für dieses Gebäude nicht vollkommener gedacht werden könnteIm Stich mitgeteilt in der von Ernst Förster verfaßten Biographie des Verstorbenen. .

Noch eine andere Gewölbekirche auf viereckigen Pfeilern, S. Maria maggiore in Florenz, wird Arnolfo zugeschrieben. Schlank, das Mittelschiff oben ohne Fenster; statt der Kapitelle bloße Simse, sowohl an den Pfeilern als an den darüber emporsteigenden Wandpilastern. – Derselben Schule gehört S. Remigio an, mit kaum überhöhtem Mittelschiff, auf achteckigen Pfeilern mit Blätterkapitellen.

Sodann baute Arnolfo selbst (seit 1294) die gewaltigste aller Bettelordenskirchen: Santa Croce. Die Aufgabe war, mit möglichst Wenigem, wie es sich für die Mendikanten ziemt, ein Gotteshaus für ein ganzes Volk zu bauen, welches damals den Kanzeln und Beichtstühlen der Franziskaner zuströmte. Arnolfo ist hier, wie überall, streng und kalt im Detail, allein seine Disposition ist großartig. Bei der ungeheuern Größe des Gebäudes war es konstruktiv wünschbar, wenn nicht notwendig, die Mauern der Nebenschiffe nicht durch bloße angestützte Balken, sondern durch gewölbte Bogen mit den Mauern des Hauptschiffes zu verbinden und ihnen über diesen Bogen eigene Dächer, damit auch eine Reihe eigener Giebel zu geben. Die Pfeiler sind achteckig. An der hintern Seite des Querschiffes ziehen sich zehn Kapellen von halber Höhe hin; in ihrer Mitte der polygone Chor; außerdem sind höhere Kapellen an beiden Enden und an der nähern Seite des Querschiffes angebaut. Die Ansicht von hinten (am besten sichtbar vom Garten des Marchese Berte aus), zeigt die Mauern des Chores und der Kapellen mit steilen Giebeln gekrönt, welche indes kein Dach hinter sich haben. Der Turm ganz erneut; die Fassade ohne Inkrustation; der vordere Klosterhof, mit etwas abgeflachten Rundbogen, achteckigen Säulen, eigentümlichen Basen, gilt für Arnolfos Werk, überblicken wir seine Tätigkeit, so ist das, was ihm Ruhm und Bedeutung gab, gewiß mehr das Konstruktive, als das Formale an seinen Werken. Er geht in der weiten Spannung seiner Gewölbe und Decken, endlich in dem Entwurf seiner Kuppel über alles bisher Bekannte, namentlich aber über alle nordische Gotik (die etwas ganz anderes wollte) hinaus.

Wo er die Baukunst in formaler Beziehung vernachlässigt, da trat Giotto mit seinem hohen Sinn des Maßes als Vollender in die Lücke. Außer dem Entwurf zur Domfassade schuf er den prächtigen »Campanile« (seit 1334; nach seinem Tode 1336 seinem Entwurf gemäß vollendet von Taddeo Gaddi; die Sage von einem beabsichtigten Spitzdach, das über dem starken Hauptgesimse keinen rechten Sinn mehr hätte, lassen wir auf sich beruhen). Von einer Entwicklung aus dem Derben ins Leichte, wie sie etwa das Lebensprinzip eines Turmes von Freiburg im Breisgau ausmacht, sind hier nur Andeutungen vorhanden, nur so viel als streng notwendig war; das dritte und vierte Stockwerk sind z. B. soviel als identisch; nur das Größerwerden der Fenster in den obern Stockwerken ist eine nachdrückliche Erleichterung. Aber an feinern Abwechslungen der Inkrustation sowohl als der plastischen Details gewährt dieser schöne Bau ein stets neues Studium. Die Gliederung in Farben und Formen ist durchgängig ungleich leichter und edler als bei Arnolfo; die Fenster vielleicht das schönste Detail der italienischen Gotik.

Endlich zwei Gebäude in Florenz, welche nur in bedingtem Sinne zu den Kirchen gehören.

Das eine ist Orsanmicchele. Als städtischer Kornspeicher 1284 von Arnolfo begonnen und 1337 von Taddeo Gaddi umgestaltet und in die Höhe gebaut, gibt das edle und stattliche Gebäude mit seinen feinen Gesimsen und seinem Konsolenkranz ein Zeugnis von der schönen Seite desjenigen monumentalen Sinnes, welcher die damaligen Florentiner beseelte. Bei Anlaß des schwarzen Todes 1348 wurde einem sehr wirksamen Gnadenbild zu Ehren die bisher offene untere Halle vermauert und zur Kirche umgeschaffen durch Andrea Orcagna. Ihm gehört das zierliche Füllwerk der jetzigen Fenster, sowie der berühmte Tabernakel im Innern. Was den baulichen und dekorativen Teil betrifft, so wird man dieses Werk des höchsten Luxus niemals neben gute deutsche Altaraufsätze, Sakramenthäuschen u. dgl. stellen dürfen; es ist gerade die schwächste Seile, von welcher sich hier die italienische Gotik produziert. Statt des Organischen, an dessen volle Strenge bei vollem Reichtum unser nordisches Auge gewöhnt ist, gibt es hier Flächen mit angenehmen, aber bedeutungslosen Spielformen, zum Teil aus buntem Glas nach Cosmatenart, ausgefüllt. Die Kuppel zwischen den vier Giebeln ist wie eine Krone gestreift; das Mosaik erstreckt sich selbst auf die Stufen. (Die Nebenkirche der Certosa bei Florenz, ein griechisches Kreuz ohne Nebenschiffe von reizender Anlage, wird nebst dem festungsartigen Unterbau des Klosters ebenfalls Orcagna zugeschrieben.)

Sodann steht auf dem Domplatz, dem Turm gegenüber, das zierliche Bigallo. Eine jener Konfraternitäten zu frommen und mildtätigen Zwecken schmückte nach guter italischer Sitte aus eigenen Mitteln ihr Lokal auf das beste aus in einer Zeit, da kein heiliger und kein öffentlicher Raum ohne Verklärung durch die Kunst denkbar war. Hier entstand nun zwar keine Palastfassade wie an mehrern der sog. Scuole zu Venedig, welche eben solche Bruderschaftsgebäude sind, sondern nur ein verziertes kleines Haus, dessen Reiz ausschließlich in der prächtigen Behandlung anspruchloser Formen liegt. Der unbekannte Urheber möchte ein Nachfolger Orcagnas gewesen sein. Die Dachkonsolen sind in ihrer Art klassisch und mögen hier statt derjenigen vieler andern Gebäude genannt werden.

Strenger und reicher ist die Fassade der Fraternita della Misericordia zu Arezzo (hinter der Pieve vecchia) ausgebildet; ein wahrer und in seiner Art reizender Übergangsbau, indem das obere Stockwerk den gotisch begonnenen Gedanken in den Formen der Renaissance vollendet.

Endlich bieten die neuern Teile des Domes von Lucca (das Langhaus und das Innere des Querschiffes) ein ganz sonderbares und in seiner Art schönes Schauspiel. Es ist die Pfeilerbildung des Domes von Florenz, angewandt auf Verhältnisse, welche denen des Domes von Siena ähnlich sind. Nicht ein möglichst großes Quadrat des Hauptschiffes, sondern das (doch nicht ganz vollkommene) Quadrat der Nebenschiffe bildet wieder die Basis; doch wird die Vielheit der Pfeiler durch ihre Schlankheit ausgeglichen; die Bogen fast alle rund; oben Reihen großer Fenster mit reichem Stabwerk, welche in eine dunkle Galerie über den Nebenschiffen hineinblicken lassen; darüber kleine Rundfenster. Die Galeriefenster gehen sogar als bloße Stütze und Dekoration quer durch das Querschiff und teilen auch seine beiden Arme der Länge nach. (Am Gewölbe des Hauptschiffes sind die gleichzeitig gemalten Medaillons mit Halbfiguren auf blauem Grund, an den Gewölben der Seitenschiffe eine Renaissancebemalung erhalten.) Außen mischt sich wieder Siena, Florenz und das Streben nach Harmonie mit den ältern Teilen ganz eigentümlich zu einem schönen Ganzen. (Alles etwa vom Ende des 14. Jahrhunderts.)

Südlich über Toskana hinaus begegnet man, hauptsächlich in Perugia und Viterbo, einer Anzahl kleiner gotischer Kirchen, welche selten mehr als ihre Fassade, etwa noch ihren einfachen Turm in alter Form aufweisen. Ihre zum Teil hochmalerische Lage, einzelnes tüchtiges Detail und der Ernst des Materials machen ihren Wert aus. (Ein besonders zierliches Kirchlein in Viterbo, unweit vom Palazzo Communale.) Sonst offenbart sich an mehrern eine ganz wunderliche Ausartung der Inkrustation, welche nicht mehr einrahmend, auch nicht mehr schichtenweise, sondern schachbrettartig, selbst gegittert zwischen rotem und weißem Marmor abwechselt. (So schon an S. Chiara in Assisi.) Am Dom von Perugia ist ein Anfang gemacht, dessen Durchführung das ganze Gebäude mit einem Teppichmuster würde überzogen haben. (Das Innere weiträumig, aber mit schwerem Detail, die drei Schiffe von gleicher Höhe, die Pfeiler achteckig.)

Das einzige gotische Gebäude Roms, S. Maria sopra Minerva, begonnen um 1370, repräsentiert einen damals längst beseitigten Stand der baulichen Entwicklung und bleibt hinter der fast um 100 Jahre ältern Schwesterkirche S. Maria novella zu Florenz beträchtlich zurück. Die jetzige Restauration mit Stuckmarmor, Gold und Fresken wird die Kirche nur noch schwerer erscheinen lassen, als sie in der weißen Tünche war. Außerdem hat noch das Innere der Kapelle Sancta Sanctorum beim Lateran eine gotisierende Bekleidung von gewundenen Säulchen mit Spitzbogen, um 1280 vermutlich von dem Cosmaten Adeodatus erbaut. Sie dient alten Malereien zur Einfassung. – Einzelne gotische Bogen und Bogenfriese kommen hin und wieder vor. – Von Klosterhöfen dieses Stiles hat Rom meines Wissens nur die wenig bedeutenden bei Araceli. – Als Klosterbau im großen ist S. Francesco zu Assisi (13. und 14. Jahrhundert) unvergleichlich, weniger in betreff der Höfe als der Außenseite, welche mit ihren Substruktionen und Gängen wie eine Königsburg über der Landschaft thront.

In sehr kenntlichem Wetteifer mit den Florentinern begannen die Bolognesen 1390 die Kirche ihres Stadtheiligen S. Petronius, nach dem Plan eines angesehenen Mitbürgers, Antonio Vincenzi. Das Gebäude sollte ein lateinisches Kreuz von 608 Fuß Länge werden, der in gerade Fronten ausgehende Querbau 436 Fuß lang; das Ganze durchaus dreischiffig und außerdem mit Kapellenreihen zu beiden Seiten; über der Kreuzung sollte eine achteckige Kuppel von 250 Fuß Höhe entstehen, flankiert von vier Türmen. Sonach hätte man die Florentiner überholt in der riesenhaften vierarmigen Ausdehnung, auch durch die Zugabe der Kapellenreihen ringsum; man wäre hinter ihrer (damals übrigens noch nicht erbauten) Kuppel zurückgeblieben, um nicht ebenfalls die innere Perspektive durch schräge Mauermassen statt schlanker Pfeiler aufheben zu müssen; man hätte dies aber wenigstens nach außen reichlich ersetzt durch den Effekt der vier Türme. Gegenüber nordischen Kathedralen wäre man durch die sinnlose Ausdehnung des Querbaues im Nachteil gewesen, auch hätte die Verstärkung der Pfeiler unter der Kuppel, selbst wenn sie sich auf das Unentbehrliche beschränkte, immer den Blick in das Chor etwas beeinträchtigt. Der runde Chorabschluß endlich hätte schwerlich eine erträgliche Gestalt bekommen.

Von all diesem ist nun bloß das Langhaus und ein Ansatz zum Querschiff wirklich ausgeführt, und auch dieses nur mangelhaft, mit bloß teilweiser Vollendung der Außenflächen, in ungleichen und zum Teil sehr späten Epochen (bis tief ins 17. Jahrhundert).

So wie das Gebäude vor uns steht, ist es die Frucht eines Kompromisses zwischen nordischer und südlicher Gotik, doch in einem viel bessern und strengern Sinn als der Dom von Mailand.

Zur Basis des Innern nahm man die Anordnung des Langhauses von Florenz mit möglichst großen Pfeilerweiten und Hauptquadraten, steigerte aber die Höhe. Den oblongen Abteilungen der Nebenschiffe entsprechen je zwei etwas niedrigere Kapellen mit gewaltigen Fenstern; wenn dieselben sämtlich mit Glasgemälden versehen waren, so blieb den obwohl an Umfang kleinern Rundfenstern der Nebenschiffe und des Hauptschiffes, d. h. dem Oberlicht, dennoch die Herrschaft. Die Pfeiler und ihre Kapitelle sind viel weniger scharf und schön gebildet als in Florenz, wirken aber durch ihre Höhe besser; zudem sind die Bogen schlanker, die Obermauer durch keine Galerie durchschnitten. (S. 135 u. Anm.)

Außen ist durchgängig nur das Erdgeschoß ausgeführt; den obern Teilen fehlt die Inkrustation, welche in reicher Form, teils in Stein, teils in Backstein beabsichtigt war. Die untern Teile der Seitenschiffe zeigen einfache Pfeiler und ziemlich reines Fensterstabwerk mit Ansätzen zu Giebeln. Die Fassade (von Marmor) ist so wie sie aussieht nicht gut begonnen; ihre Wandpfeiler sind schräg profiliert, diejenigen gegen die Ecken hin sogar rund. Man ist auch nie recht damit zufrieden gewesen.

Ein Zimmer am Ende des linken Seitenschiffes, das auf Verlangen (am besten um Mittag) geöffnet wird, enthält mehr als 30 Entwürfe verschiedener, zum Teil hochberühmter Architekten vom 15. bis zum 17. Jahrhundert für eine Fassade von S. Petronio, großenteils in einem gotischen Stil, dessen Gesetze sie nicht mehr kannten. Man kann z. B. sehen, welche Begriffe sich Giulio Romano und Baldassar Peruzzi von der Gotik machten. Soviel ich habe (bei schlechtem Licht) sehen können, sind die Entwürfe in modernem Stil, z. B. von Alberto Alberti und Palladio, bei weitem erfreulicher. Eine verkleinerte Herausgabe in Umrissen würde sich gewiß lohnen.

Die Bettelordenskirchen der Via Aemilia weichen überhaupt sowohl von den toskanischen als von den deutschen ab. Es sind ganze durchgeführte backsteinerne Gewölbekirchen mit Anbauten und Querbauten aller Art, hinten mit Chorumgang und außen abgerundetem Kapellenkranz, dergleichen im Norden nur Hauptkirchen und vornehmere Klosterkirchen zu haben pflegenLetztere unterscheiden sich fast gar nicht von den Mendikantenkirchen. . Obschon die Seitenschiffe nur etwa die halbe Höhe des Hauptschiffes haben, so ist doch in der Regel eine Fassade nach lombardischer Art vorn angesetzt, deren obere Ecken also blind sind. Die Stützen sind Rundsäulen, achteckige Säulen, Pfeiler mit Säulen, Säulenbündel, je nach der Stärke des nordischen Einflusses. (In den Servi zu Bologna wechseln runde und achteckige Säulen.) Der möglichst vielseitige Chorabschluß (außen durch ebensoviele Strebebogen repräsentiert) macht eine bedeutende Wirkung. In Bologna: S. Francesco (innen neuerlich gotisch restauriert, mit einem der schönsten Backsteintürme des gotischen Stiles); – S. Domenico (sehr lang, innen modernisiert); – S. Martino maggiore (Karmeliterkirche von 1313); – Servi (vom Jahre 1383, mit einem Portikus vorn und an der linken Seite, der sich durch ungemeine Dünnheit und weite Stellung der Säulen auszeichnet; der Baumeister war der General des Servitenordens Fra Andrea Manfredi von Faenza, der damals auch die Aufsicht über den Bau von S. Petronio führte); – S. Giacomo maggiore (Eremitanerkirche vom Ende des 13. Jahrhunderts, wovon der hintere Teil und die Fassade noch erhalten). Beiläufig ist hier auch das Chorherrenstift S. Giovanni in monte zu nennen, als eine der ältesten spitzbogigen Kirchen Italiens (1221? Kuppel, Chor und Fassade neuer). – In Modena: S. Francesco. – In Piacenza: S. Francesco (eine der mächtigsten Kirchen dieser Klasse, mit dem bedeutendsten und bestgebildeten äußern Strebewerk von Backstein); – S. Antonio (mit eigentümlicher Vorhalle, die eine schöne Innentür enthält); – il Carmine usw.

Nördlich vom Po folgen eine Anzahl von Ordenskirchen und auch einzelne Pfarrkirchen und Kathedralen eher demjenigen Typus, welchen Niccolò Pisano in den Frari zu Venedig aufgestellt hatte: mit weitgestellten Rundsäulen oder Pfeilern, so daß große mittlere Quadrate und in den Seitenschiffen oblonge Räume entstehn; über den großen Bogen ein nur ganz mäßiges Oberschiff; der Chor ohne Umgang; der Querbau mit zwei bis vier Kapellen an der Hinterwand. Eigentümlich ist: die Vermeidung der Seitenfenster.

Ein schönes und frühes Beispiel gewährt S. Lorenzo in Vicenza; auch die Fassade gut und schon deshalb beachtenswert, weil sie zeigt; wie man sich ungefähr diejenige von S. Giovanni e Paolo zu Venedig nach der ursprünglichen Absicht vollendet zu denken hat. (Sonderbare schiefe Wölbung der Seitenschiffe, wahrscheinlich um die kleinen Rundfenster möglichst hoch oben anbringen zu können, etwa mit Rücksicht auf gegenüberstehende, lichtraubende Gebäude?) – S. Corona in Vicenza, von ähnlicher Anlage, nur altertümlicher und gedrückter; von außen bietet der tüchtige Backsteinbau mit Anbauten und Umgebung einen malerischen AnblickDer Dom von Vicenza, innen einschiffig mit Kapellen auf beiden Seiten, gehört dagegen zu den gedanken- und prinziplosen Gebäuden der italienischen Gotik; die Marmorfassade hat eine jener matratzenartigen Inkrustationen, wie sie sonst hauptsächlich in Mittelitalien vorkommen. Der Chor geringe Renaissance. .

S. Anastasia in Verona (Dominikanerkirche), nach 1261 begonnen, hat eine nur teilweise und spät inkrustierte Fassade, ist aber in betreff des Innern eine der schönsten und schlanksten Kirchen dieser Gattung, mit reinem Oberlicht und trefflicher Verteilung des innern Schmuckes. Auch der äußere Anblick malerisch. (Das Kirchlein links vor der Fassade heißt S. Pietro martire.)

Das Innere des Domes von Verona verbindet eine ähnliche Anlage mit gegliederten schlanken Pfeilern statt der Rundsäulen. Diese Gliederung nähert sich schon etwas derjenigen im Dom von Mailand, allein die Leichtigkeit der Bildung und die Wohlräumigkeit des Ganzen lassen dies vergessen. Da die Seitenschiffe fensterlos blieben, brach man in die (ältere) Fassade große gotische Fenster ein.

Die einschiffigen gotischen Kirchen Veronas teilen mit den übrigen die schöne, malerisch glückliche Behandlung des Äußern. Nichts, was nicht auch anderswo vorkäme, aber alles vorzüglich hübsch beisammen und selbst durch Unsymmetrie reizend. Einen solchen Anblick gewährt besonders S. Fermo mit seiner aus Backstein und Marmor gemischten Fassade, dem Vorbogen des Seitenportals, den Giebeln und Spitztürmchen des Chores und Querbaues. Im Innern das vollständigste Beispiel eines großen Holzgewölbes, aus je drei Reihen Konsolen mit zwei halben und einem mittlern ganzen Tonnengewölbe bestehend; den konstruktiven Wert können nur Leute vom Fach beurteilen. S. Eufemia ist von außen weniger bedeutend und im Innern ganz erneuert.

Die gotischen Kirchen Venedigs sind mit Ausnahme der beiden genannten von keinem Belang; meist auf Säulen ruhend, deren Kapitelle insgemein von auffallend roher Bildung sind. Sie wiederholen etwa außen im kleinen den Chorbau von S. Giovanni e Paolo, nur mit bloß je einer Kapelle zu beiden Seiten des Chores. Die einzige schöne Fassade findet sich an S. Maria dell' Orto; – einfach gut in Backstein: diejenige von S. Stefano. Die Liebhaberei für rundteilige und wunderlich ausgeschwungene Mauerabschlüsse, welche sogar den erhabenen einfachen Giebel der Frari nachträglich nicht verschonte, hat an S. Apollinare, S. Giovanni in Bragora und anderwärts ihr Genüge gefunden. – Im Carmine (1348) sind vom alten Bau nur noch die 24 Säulen und die Chorabschlüsse kenntlich. – S. Giacomo dall' Orio, wunderlich durcheinander gebaut. Die Decken bestanden wohl ehemals durchgängig aus jenen eigentümlich und nicht unschön konstruierten Holzgewölben, deren eines (erneuert) noch in S. Stefano vorhanden ist (s. oben, e).

Die gotischen Kirchen des alten Herzogtums Mailand, zum Teil von großem, dekorativem Reichtum, stehen den toskanischen und manchen der ebengenannten in all dem, was die Seele der Architektur ausmacht, beträchtlich nach. Man fühlt, daß die großen Fragen über Raum, Verhältnisse und Gliederung nicht hier entschieden werden, wo man sich noch mit der alten lombardischen Unform der in ganzer Breite emporsteigenden Fassaden begnügt und auch im Innern die Schiffe kaum in der Höhe unterscheidet, wo der Säulenbündel in gedankenloser Weise beibehalten oder mit besonders schweren Rundsäulen vertauscht wird, wo endlich das Detail schon des wechselnden Stoffes wegen beständig im Ausdruck schwankt. Neben dem Stein kommt nämlich in Oberitalien der Backstein, oft in sehr reicher Form und schönen, geschickten Motiven, zur häufigen Anwendung; – der Architekt wird eine Menge vortrefflicher Einzelideen darin ausgedrückt finden, – aber der Steinbau wurde darob an seinen eigenen Formen irre.

Vom Dom zu Mailand, welcher teils Ergebnis, teils Vorbild dieser Bauentwicklung ist, war oben schon die Rede.

Der Dom von Monza, im 14. Jahrhundert, so wie er jetzt ist, von Marco di Campione neu erbaut, fünfschiffig, wiederholt in seiner Marmorfassade lauter Ziermotive, welche eigentlich dem Backsteinbau angehören. Dieselbe ist das nächste Vorbild, zugleich das Geripp der Mailänder Fassade. Das Innere hat dicke Rundsäulen mit weitgespannten Bogen, ist übrigens total verkleistert. – An S. Maria in Strata zu Monza ist die einzig erhaltene obere Hälfte der Fassade ein wirklicher und höchst eleganter Backsteinbau. In Mailand geben die gotischen Teile von S. Maria delle Grazie – Fassade und Schiff – den mittlern Durchschnitt lombardischer Kirchen dieses Stiles. (Sonstige gotische Kirchen in Menge, eine der größten S. Eustorgio, eine der edelsten S. Simpliciano.) – Der sehr elegante Turm von S. Gottardo (am kaiserlichen Palast), aus Stein und Backstein gemischt, gibt mit Ausnahme der Spitzbogenfriese kein einziges Motiv, welches nicht schon im romanischen Stil vorkäme. Achteckig; die Ecken so leicht als das übrige.

S. Francesco zu Pavia zeigt bei einer tollen, schachbrettartigen Verzierung der Fassade doch ein gewisses Gefühl für bedeutende Wirkung.

Der Dom von Como; die ältern Teile, von einem im Jahr 1396 begonnenen Bau, gehören zur besten lombardischen Gotik; die Pfeiler ungleich besser gebildet; ihre weite StellungDie beiden ersten Intervalle sind noch eng, so daß die Nebenschiffe hier in regelmäßige Quadrate zerfallen wie im Dom von Mailand. Erst vom dritten Intervall an beginnt die Schönräumigkeit im Sinne des Italienisch-Gotischen. italienischer als im Dom zu Mailand. Die Fassade, eine der wenigen in der Mitte bedeutend erhöhten, hat auch sonst wohltuende Verhältnisse, aber eine spielende Dekoration. (Auflösung der Wandpfeiler in Kästchen mit Skulpturen usw.) Querschiff und Chor 1513 von Tommaso Rodari beigefügt, sind von trefflichster Renaissance (s. unten). In dieser Zeit wurden auch die Außenseiten und Strebepfeiler des Langhauses inkrustiert; die Spitztürmchen der letztern eine höchst zierliche Übersetzung aus dem Gotischen in die Renaissance. (Ähnliches besonders an französischen Kirchen dieser Zeit, S. Eustache in Paris usw.) Die berühmte Certosa von Pavia, in demselben Jahr 1396 von Marco di Campione begonnen, hat dieselben Vorzüge vor dem Dom von Mailand; schlanke, edelgebildete Pfeiler von weiter Stellung. Der Hauptnachdruck liegt indes auf der Fassade, welche die prächtigste des Renaissancestils ist, wovon unten; aus dieser Zeit auch Querbau und Chor.

Inbetreff des gotischen Profanbaues hat wohl Oberitalien im ganzen das Übergewicht durch die große Anzahl von damals mächtigen und unabhängigen Städten, welche in der Schönheit ihrer Stadthäuser und Privatpaläste miteinander wetteiferten. Dem Stile nach sind es sehr verschiedenartige Versuche, etwas Bedeutendes und Großartiges zu schaffen; eine unbedingte Bewunderung wird man vielleicht keinem dieser Gebäude zollen, da das gotische Detail nirgends in reinem Verhältnis zu dem Ganzen steht. Allein als geschichtliche Denkmale, als Maßstab dessen, was jede Stadt an Repräsentation für sich verlangte und ihrer Würde für angemessen hielt, machen besonders die öffentlichen Paläste einen oft sehr großen Eindruck.

An den Anfang dieser Reihe gehört schon zeitlich als ganz frühgotisches Gebäude und vielleicht auch dem Werte und dem Eindruck nach der Pal. Communale zu Piacenza; unten eine offene Halle von Marmorpfeilern mit primitiven, aus reinen Kreissegmenten bestehenden Spitzbogen, oben ein Backsteinbau mit gewaltigen Rundbogen als Einfassung der durch Säulchen gestützten Fenster; die Füllung mit einem auf die einfachste Weise hervorgebrachten Teppichmuster. (Der große Saal im Innern völlig entstellt.) Eines der frühsten Gebäude, in welchen das freistädtische Selbstgefühl sich auf ganz großartige monumentale Weise ausspricht.

Von den berühmten Bauten Cremonas kann der Verfasser nicht aus eigener Anschauung berichten.

Mailand besitzt ein Backsteingebäude einziger Art, aus der letzten gotischen Zeit, schon mit Renaissance gemischt: die alten Teile der Fassade des großen Hospitals, angeblich von Antonio Filarete, einem Florentiner; es sind die reichsten und elegantesten gotischen Fenster, die sich in diesem Stoff bilden ließen.

Der stattliche Palazzo pubblico in Como, mit Steinschichten verschiedener Farben (beim Dom) folgt in der Anlage dem Palast von Piacenza, nur in viel kleinerm Maßstab.

Ebenso derjenige in Bergamo, dessen offene untere Halle auf Pfeilern und (innen) auf Säulen ruht.

In Parma und Modena nichts von Belang.

Dagegen besitzt Bologna eine Anzahl von Denkmälern, welche die oberitalische und die toskanische Weise zu einem merkwürdigen Ganzen vereinigen. – Vor allem ist die Loggia de' Mercanti (oder la Mercanzia) ein sehr schönes Beispiel gotischen Backsteinbaues, angeblich vom Jahr 1294, doch wohl ein Jahrhundert neuer und vielleicht von der Loggia de' Lanzi in Florenz (s. unten) bedingt. Der Sinn ist wesentlich ein anderer: es sollte die Fronte einer Art von Börse und Handelsgerichtslokal werden. – Das Material lud dazu ein, die Pfeiler als reiche Säulenbündel zu konstruieren; anderseits hängt damit die zaghafte Bildung des Hauptgesimses zusammen. Eine empfindliche Disharmonie liegt darin, daß (dem mittlern Baldachin zuliebe) die Fenster nicht auf die Mitte der beiden untern Spitzbogen kommen. (Die Seitenfronten modern.)

Den Eindruck einer jener großen Familienburgen des Mittelalters gibt, ebenfalls im Backsteinbau, am ehesten der Palazzo Pepoli, wo außer den reichprofilierten gotischen Torbogen noch ein gewaltiger Hof mit Hallen an der einen Seite und vorgewölbten Gängen an den drei übrigen erhalten ist. Nimmt man den zierlichen Hof des Hauses Nr. 373 hinzu, so vervollständigt sich einigermaßen das Bild des bolognesischen Privatbaues im 14. Jahrhundert. – Das riesige Schloß, welches jetzt Palazzo Apostolico heißt, hat an der Vorderseite noch einige reiche große Fenster; der erste Hof ruht fast nach altflorentinischer Weise auf achteckigen Pfeilern mit Blätterkapitellen und nicht völlig halbrunden Bogen.

Der Palazzo della ragione zu Ferrara, vom Jahre 1326, ein merkwürdiger gotischer Backsteinbau, hat bei der vor 20 Jahren unternommenen Erneuerung eine fast völlig neue Oberfläche erhalten.

Der Palazzo della ragione zu Padua ist mehr wegen der ungeheuern Größe eines gewölbten obern Saales als aus irgendeinem andern baulichen Grunde merkwürdig. (Die jetzige Gestalt nach 1420.) Sehr unglückliche Beleuchtung; die Verteilung der Fresken Mirettos nicht architektonisch motiviert; die äußere Halle von zwei Stockwerken interessant als diejenige Form, welche Palladio anderthalb Jahrhunderte später an der sog. Basilika zu Vicenza neu belebt zu reproduzieren hatte.

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