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Der Cicerone

Jacob Burckhardt: Der Cicerone - Kapitel 12
Quellenangabe
typetravelguide
booktitleDer Cicerone
authorJacob Burckhardt
year1986
publisherAlfred Kröner Verlag
addressStuttgart
isbn3-520-13404-7
titleDer Cicerone
pagesI-XIV
created20040114
sendergerd.bouillon
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Eine ganz andere, weit von allem Bisherigen abweichende Gruppe von Gebäuden bietet Venedig dar. Der eigentümliche Genius der handelsreichen Lagunenstadt spricht sich darin von allem Anfang an ganz deutlich aus; die tiefsten nationalen Züge liegen klar zutage. Mit schwerer Einschränkung, durch Pfahlbau im Wasser, erkauft der Venezianer den Hort, wo seine Schätze unangreifbar liegen können; je enger, desto prächtiger baut er. Sein Geschmack ist weniger ein adliger als ein kaufmännischer; das kostbarste Material holt er aus dem ganzen verwahrlosten Orient zusammen und türmt sich daraus seine Kirchenhallen und Paläste. Das Vorbild Konstantinopels und der eigene patriotische Ehrgeiz drängen allerdings auf das Bedeutende und Große hin, allein vorwiegend bleibt das Streben, möglichsten Reichtum an den Tag zu legen.

Die Markuskirche, begonnen 976, ausgebaut während des 11. und 12. Jahrhunderts, dem Schmuck nach fortwährend vervollständigt bis ins 17. Jahrhundert, ist nicht als Kathedrale von Venedig (S. Pietro hatte diesen Rang), sondern als Prachtgehäuse für die Gebeine des Schutzheiligen, das Palladium des Inselstaates, errichtet. Auch für die Bauform möchte dies nicht unwesentlich sein.

Die monumentale Absicht war hier nicht minder groß als bei den Erbauern des Domes von Pisa, die Mittel wohl ohne Zweifel größer, zumal in betreff der Stoffe, welche seit den römischen Zeiten im ganzen Abendland kaum wieder so massenhaft kostbar aufgewandt worden sind wie an S. Marco.

Im Orient, wo man die prächtigen Steinarten zusammensuchte, standen auch diejenigen Kirchen, welche auf die damaligen Venezianer den größten Eindruck machten: die Kuppelbauten des byzantinischen Stiles; diesen wünschte man etwas Ähnliches an die Seite zu stellen. Nicht zunächst von der Sophienkirche, welche nur eine Hauptkuppel mit zwei großen angelehnten Halbkuppeln hat, sondern von den in allen Formen vorkommenden mehrkuppeligen Kirchen der Griechen entnahm man die Anordnung der fünf einzelnen Kuppeln über den Kreuzarmen und der Mitte; byzantinisch sind auch die großen Seitenbogen, welche, durch Säulenreihen abgetrennt, die Nebenschiffe sämtlicher Haupträume bilden; ebenso die um den ganzen vordem Kreuzarm herumgeführte Außenhalle; endlich die zahlreich angewandten Nischen, in welche zumal an den hintern Teilen und an der Außenhalle die Wandfläche aufgeht, eines derjenigen Elemente des altrömischen (und jedes großen) Gewölbebaues, an welchem die Orientalen von jeher mit Vorliebe festgehalten hatten. Die halbrunden Abschlüsse der Hauptmauern, welche uns so befremdlich vorkommen, sind ursprünglich nichts als die äußere, nach orientalischer Art dachlose Gestalt der Seitenbogen, auf welchen die Kuppeln ruhen; in dekorativem Sinn wurden sie dann auch an den untergeordneten Räumen reihenweise wiederholt. (Die jetzige Verzierung derjenigen an S. Marco mit Blattwerk, Giebeln und Zwischentürmchen stammt erst aus dem 14. Jahrhundert.)

Die Höhe der Kuppeln ist, wie man leicht bemerkt, eine falsche, d. h. der innern Schale nicht entsprechende. Nach der Mosaikabbildung (am äußersten Frontportal links) zu urteilen, war sie es von jeher.

Vom Detail ist die Bekleidung sämtlicher untern Wandflächen mit kostbaren Steinarten und die der obern mit Mosaik noch ganz im Sinne des ersten Jahrtausends, das sich immer auf den Stoff verließ, wenn es einen höhern Eindruck hervorbringen wollte. Alles dasjenige Detail dagegen, welches das Leben und die Entwicklung der Baumasse plastisch darzustellen hat, ist überaus ärmlich: die Gesimse jedes Ranges sind kaum zu bemerken; die Bogen, Kuppelränder usw. im Innern haben nicht einmal ausgesprochene Profile, sondern nur einen unbestimmten Mosaikrand; am Äußern bestehen die Profile teils in bloßer Verzierung, teils in ausdruckslosem und willkürlichem Bandwerk. Dies alles sind echt byzantinische, oströmische Eigentümlichkeiten; ebenso auch die Bekleidung der äußern Wandflächen mit zerstreuten Reliefs und Mosaikzieraten, die namentlich in den obern Halbrundwänden der Palastseite den Charakter einer vor Alter kindisch gewordenen Kunst zeigen. – Wie dieselbe in betreff des Details beinahe nur das Längstvorhandene aufbraucht, ist namentlich in einer Beziehung interessant zu verfolgen.

Die Leidenschaft, möglichst viele Säulen an und in dem Gebäude aufzustellen, verlangte auch eine reiche Auswahl von Kapitellen. Und so ist an S. Marco angebracht, was die sieben letzten Jahrhunderte an Kapitellformen produziert hatten, eine wahre baugeschichtliche Repetition. Von antiken habe ich kein einziges entdecken können, während von den Säulen wahrscheinlich sehr viele antik sind; dafür ist jeder Grad von frühmittelalterlicher Nachahmung und Umbildung der antiken Kapitelle irgendwie repräsentiert. Die großen Kapitelle über den Hauptsäulen im Innern sind von der in Ravenna üblichen Art der korinthischen, zum Teil auch der Composita-Ordnung; der Akanthus ist zwar zu sehr ermattet, um noch jenen schönen elastischen Umschlag der römischen Zeit hervorbringen zu können, allein seine Blätter sind doch eigentümlich lebendig gezackt: an einigen statt der Voluten Widderköpfe. – Sonst findet man außer dieser gewöhnlichsten ravennatischen Form auch die mit einzeln aufgeklebt scheinenden Blättern, die zu Ravenna an S. Apollinare in Classe und an der Herkulesbasilika vorkommt, sogar mit seitwärts gewehten Blättern. Korinthisierende mit bloß einer Blattreihe kommen besonders an den kleinern Säulen der Fassade vor; darunter auch solche mit Stieren, Adlern usw. an den Ecken.

Im Gegensatz zu diesen vom Altertum abgeleiteten Bildungen macht sich dann das ganz leblose, nur durch ausgesparte vegetabilische und kalligraphische, z. B. gitterartige Verzierungen äußerlich bereicherte Muldenkapitell geltend, das in Ravenna schon seit dem 6. Jahrhundert auftaucht. Von den vielen Variationen, in welchen es hier vorkommt, ist die rohste die an mehrern Wandsäulen des Innern, die interessanteste die an den bogentragenden Wandsäulen in der Vorhalle; da letztere ein zaghaftes Nachbild ionischer Voluten unter sich haben, so scheinen sie eher für eine Art von vermittelnden Konsolen als für eigentliche Kapitelle gelten zu sollen. Neben dieser Form kommt auch das echte abendländische Würfelkapitell, doch nur vereinzelt vor.– Endlich offenbaren die Kapitelle der acht freistehenden Säulen in der Vorhalle den Charakter absonderlicher Prachtarbeiten irgendeiner Bauhütte von Konstantinopel; es sind diejenigen mit den noch antik-schönen Löwenköpfen und Pfauen. – Die beiden viereckigen Pfeiler außen an der Südseite, welche aus einer Kirche in Ptolemais stammen, sind eine Trophäe aus der Zeit der Kreuzzüge. – Einzelne Renaissancekapitelle kamen bei Ausbesserungen hinzu.

Der Eindruck des Gebäudes ist von der historisch-phantastischen Seite ungemein bedeutend. Der Inselstaat, ein Unikum in der Weltgeschichte, hat hier geoffenbart, was er in den ersten Zeiten seiner höhern Blüte für schön, erhaben und heilig hielt. Er hat das Gebäude auch später immer respektiert und sich selbst auf dem Gipfel seiner Macht (um 1500) wohl gehütet, es etwa durch eine Renaissancekirche zu ersetzen. Sankt Markus war Herr und Mittelpunkt der Stadt, des Staates, der Flotten, die auf allen Meeren fuhren, der fernsten Kolonien und Faktoreien; geheimnisvolle Bande walteten zwischen dem ganzen venezianischen Dasein und diesem Bau. In den fünf letzten Jahrhunderten ist niemand mehr darin begraben worden; es hätte geschienen, als dränge sich ein einzelner in dem Raume vor, der allen gehörte. Die einzige Ausnahme, zugunsten des Kardinals Giov. Batt. Zeno, wurde gemacht, als die Kunstbegeisterung einen Augenblick stärker war als jede andere Rücksicht (1505–1515).

Rein als Bauwerk betrachtet, ist S. Marco von außen ziemlich nichtig und ungeschickt. Die Kuppeln heben sich in der Wirkung gegenseitig auf; die Fassade ist die unruhigste und zerstreuteste, die es gibt, ohne wahrhaft herrschende Linien und ausgesprochene Kräfte. Anders verhält es sich mit dem Innern. Man wird dasselbe vor allem größer finden, als der Eindruck des Äußern erwarten ließ, trotz der Bekleidung mit Mosaiken auf Goldgrund, die sonst ein Gebäude eher verkleinert, und trotz der Außenhalle, welche für den Effekt des Innern natürlich in Abrechnung kommt. Diese scheinbare Größe beruht auf den einfachen, gar nicht (wie am Äußern) in kleine Motive zersplitterten Hauptformen; die Mittelräume sind wirklich groß und gleichsam aus einem Stück, die Nebenschiffe versprechen eine bedeutendere Ausdehnung, als sie in der Tat besitzen. Auch die Kuppeln gewähren hier eine Bereicherung der Perspektive und eine scheinbare Erweiterung des Raumes. Sodann macht die ernste, gediegene Pracht sämtlicher Baustoffe, hier im Dienste größerer Einfachheit, immer eine große Wirkung. Ihr jetziges Hauptlicht hat die Kirche erst im 14. Jahrhundert, durch das große Rundfenster des südlichen Querschiffes erhalten; vorher war sie nach byzantinischer Art ziemlich dunkel; die wichtigsten Gottesdienste gingen wohl bei starker Lampenbeleuchtung vor sich. – Noch größer als die bauliche Wirkung ist aber die malerische im engern Sinn, welche S. Marco zum Lieblingsbau der Architekturmaler gemacht hat. Sie beruht auf den geheimnisvollen Durchblicken mit scharfabwechselnder BeleuchtungDie dunkeln, satten Farben des meisten Steinwerkes wären reflexlos ohne die eigentümliche Spiegelglätte der Flächen desselben. , auf der gedämpften Goldfarbe der sphärischen und zylindrischen Flächen, und auf der ernsten Farbigkeit aller plastischen Gegenstände; abgesehen von dem hier sehr stark mitwirkenden historisch-phantastischen Eindruck.

Diesem Gebäude kann schon deshalb in und um Venedig nichts mehr gleichkommen, weil nur ein politisch-religiöses Palladium, nur ein Leichnam des Evangelisten vorhanden war.

Von den Kirchen der umliegenden Inseln wurden diejenigen auf Torcello schon bei einem frühern Anlaß (S. 88, a; 91, a) erwähnt. Der Dom (S. Donato) in Murano aus dem 12. Jahrhundert, eine gewölbte Säulenkirche mit Querschiff auf Pfeilern, ist in der innern Dekoration mit aller Anstrengung der Pracht von S. Marco genähert; Säulen von griechischem Marmor, ein ähnliches Bodenmosaik usw. Außen dagegen zeigt die Chorseite, auf welche Art sich dieser Stil ohne Marmorbekleidung in Backstein zu helfen suchte.

Von weltlichen Gebäuden dieses Stiles ist der sog. Fondaco de' Turchi, ein alter Privatpalast, das bedeutendste; eine lange Loggia mit überhöhten Rundbogen über einer starken Säulenhalle im untern Stockwerk gibt ihm ein bedeutendes Ansehen. (Mit den Türken hat das Gebäude erst seit 1621 zu schaffen.)

Außerdem: Palast Farsetti, jetziges Municipio (nahe bei der Post) mit einer durchgehenden Stellung von Doppelsäulchen im ersten Stock und einer viersäuligen Halle im Erdgeschoß, deren Basen umgekehrte Kapitelle sind. (Innen ein schönes Treppenhaus des Barockstils.) – Noch bedeutender der anstoßende Palast Loredan, mit bunten Inkrustationen. (Soll in einen Gasthof verwandelt werden.) – Ein kleiner Palast zwischen Palast Micheli und Palast' Civran hat sogar von jenen kleinen Zierfensterchen, wie sie an S. Marco vorkommen.

Diese sämtlichen Gebäude mögen uns etwa das Venedig des vierten Kreuzzuges (1202) vergegenwärtigen helfen.

Zwischen Venedig und Toskana, in der Lombardei und stellenweise die ganze Via Aemilia abwärts bis ans Adriatische Meer entwickelt sich, nicht ohne nordische Einwirkung, derjenige Stil des Kirchenbaues, welcher von manchen als der lombardische schlechtweg bezeichnet wird. Mit großem Unrecht würde man aber diese Benennung (wie schon geschehen) auf den romanischen Stil überhaupt ausdehnen; der Norden hat hier gewiß eher gegeben als empfangen, und seine Bauten sind viel strenger in einem bestimmten Sinne durchgeführt als die lombardischen; sie geben gerade das Wesentliche: den Gewölbebau mit gegliederten Pfeilern, ungleich konsequenter und edler. – In einer Beziehung aber bleiben die italienischen originell: im Fassadenbau. Die romanische Architektur des Nordens hatte von frühe an die Türme, zu zweien, zu vieren, als wesentliche Bauglieder an den Ecken der Kirche angebracht; seit dem Vorgang normannischer Baumeister nach der Mitte des 11. Jahrhunderts wurden die Türme sogar zum Hauptmotiv aller bedeutendem Kirchenfassaden. In Italien dagegen blieb der Turm als Nebensache auf der Seite stehen, und die Fassade war auf irgendeine andere Weise zu dekorieren. Wir sahen, wie die Toskaner durch Anwendung des Marmors, durch mehrere Stockwerke von Säulenstellungen zu wirken wußten; ihre Fassade ist immer der wenigstens annähernde Ausdruck der Kirche, d. h. eines hohen Mittelschiffes und niedrigerer Nebenschiffe. In Oberitalien dagegen wird die Frontwand nur allzuoft als ein Gegenstand beliebiger Bildung und Dekoration vor die Kirche hingestellt; ohne Absatz steigt sie empor, als wären alle drei Schiffe gleich hoch; Galerien laufen querüber und am Dachrand auf und nieder; als Strebepfeiler dienen vorgesetzte Säulen, deren Kapitelle in der Regel nichts tragen; Bogenwerk, Wandsäulchen, Skulpturen oft ohne allen Sinn füllen den Raum wohl oder übel aus. (Der Portalbau ist oft von großer Pracht, seine Gliederung teils nordisch mit schräg einwärtstretenden Säulenreihen, teils südlich mit vorgesetzter Halle von zwei Säulen, in der Regel auf Löwen, teils aus beiden Motiven zusammengesetzt.) Auch an den übrigen Außenseiten macht sich eine willkürlichere Verzierung geltend als an den bessern Kirchen des Nordens. – Über der Kreuzung der beiden Arme wird wo möglich eine achteckige Kuppel angebracht, mit Galerien ringsum, flach gedeckt.

Mehr als im Norden und in Toskana ist hier eine unbarmherzige Modernisierung über das Innere der Kirchen ergangen. Während die Fassade das reinste Mittelalter verspricht, wird man beim Eintritt in die Kirche beinahe regelmäßig durch einen Umbau im Barockstil enttäuscht. Die historische Pietät, welche seit dem 16. Jahrhundert manche toskanische Kirche als Werk einheimischer Künstler rettete, fiel weg bei Gebäuden, die man als Werke eines aufgedrungenen barbarischen Stiles betrachteteEs ist unglaublich, welche Vorurteile oft selbst den gebildetsten Italienern in betreff der »maniera gotica« und der vermeintlichen »Zerstörungen durch die Barbaren« ankleben. Sie halten Dinge für barbarisch, die der schönste Ausdruck und Überrest ihres eigenen städtischen Geistes im Mittelalter sind, und beklagen einen Ruin, bei dem vielleicht kaum im hundertsten Fall ein Germane das Brecheisen geführt hat, durchaus auf Rechnung des Nordens. Wo man wieder für das Gotische Partei nimmt, wie z. B. in Mailand, geschieht es in einer solchen Weise, daß es besser unterbliebe. .

Die allzu berühmte Kirche S. Michele in Pavia muß zuerst genannt werden, weil ihr vermeintliches Alter – man verlegte sie in die Zeit des langobardischen Königreiches – zu dem irrigen Zugeständnis einer Priorität Oberitaliens in dem betreffenden Stil Anlaß gab. Der ganze jetzige Bau, auch innen leidlich erhalten, stammt aus der letzten Zeit des 11. Jahrhunderts. Die Fassade ist ganz besonders gedankenlos. – Später und etwas belebter: die der Augustinerkirche.

S. Ambrogi in Mailand, vom gewölbten Vorhof aus (S. 75, f) ein bedeutender Anblick, mit einer untern und obern Vorhalle, entspricht im Innern durch keine Art von Schönheit dem klassischen geschichtlichen Ruhm. Ungeschickte und frühe Umbauten (die jetzige Gestalt aus dem 12. Jahrhundert) ; geringes Licht; Anzahl wichtiger Altertümer.

S. Fedele in Como, beträchtlich verbaut, aber wegen der abgerundeten Kreuzarme mit Bogenstellungen als mittelalterliche Nachbildung von S. Lorenzo in Mailand merkwürdig.

Der Dom von Modena in seiner jetzigen Gestalt begonnen 1099; außen mit einer ringsumlaufenden Galerie, von welcher je drei Bogen durch einen größern Bogen auf Wandsäulen eingefaßt werden; im Innern abwechselnd Säulen mit antikisierenden Kapitellen, und starke Pfeiler mit Halbsäulen; die obere Galerie (von jeher) bloß scheinbar, indem ihr Raum noch zu den Seitenschiffen gehört; hohe Krypta auf Säulen mit romanischen Kapitellen; ihr Eingang ein Lettner von geraden Steinplatten auf Säulchen, deren vordere Reihe auf Stützfiguren (Zwerge auf Löwen) ruht. Hinten drei Tribünen. Der Oberbau neuer. Das Detail durchgängig befangen, doch nicht roh.

Der Dom von Cremona, 12. Jahrhundert.

Der Dom von Piacenza, begonnen 1122, erhielt im 13. Jahrhundert eine Erhöhung, welche sich schon von außen durch den Backstein im Gegensatz zum Marmor des Unterbaues kundgibt. Innen macht jetzt das Hauptschiff den Eindruck einer französischen Kirche des Übergangsstiles; man hatte für nötig gefunden, die alten (Säulen oder) Pfeiler zu schweren Rundsäulen zu verstärken; je zweien ihrer Intervalle entspricht nun eine Abteilung des hohen Kreuzgewölbes. Die Lösung der Kuppelfrage ist hier viel weniger gelungen als in Pisa; die Kuppel entspricht – sehr unharmonisch – zweien Schiffen des dreischiffigen Querbaues, welcher übrigens mit dem pisanischen die halbrunden Abschlüsse gemein hat. Unter dem Chor eine weitläufige fünfschiffige Krypta mit dreischiffigem Querbau; die Kreuzung ist durch eine Lücke markiert, die vier Säulen entsprechen würde.

Der Dom von Parma, ein Bau des 12. Jahrhunderts, mit gegliederten Pfeilern, einschiffigem Querbau (der in Nischen schließt) und hoher weiter Krypta, erhielt, wie es scheint, im 13. Jahrhundert einen höhern Oberbau wie der Dom von Piacenza, doch ohne dabei seine innere Galerie einzubüßen wie dieser. Das Detail der alten Bestandteile erscheint durchgängig, zumal in der Krypta, noch sehr unentwickelt. Der Anblick von der hintern Seite vorzüglich bedeutend.

Am Dom von Ferrara gehören dem Urbau von 1135 nur noch der untere Teil der Fassade und die beiden Seitenfassaden an. Die letztern sind vorherrschend (die nördliche fast ganz) von Backstein; eine obere Galerie, mit birnförmigen Giebelchen über den je vier und vier zusammengehörenden Bogen, entspricht zwar nicht der weiter unten angebrachten, wo je drei Bogen von einem größern Bogen eingefaßt sind, ist aber doch wohl ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert. – Chor und Turm Renaissance; das Innere vollständig (und zwar nicht schlecht) modernisiert. Der Oberbau der Hauptfassade ist eine wunderliche Dekoration, noch romanisch gedacht, aber in bereits gotischen Formen, aus dem 13. Jahrhundert.

Vielleicht der edelste romanische Bau Oberitaliens ist die schöne Kirche S. Zeno in Verona, die in ihrer jetzigen Gestalt 1139 begonnen wurde. In der Fassade spricht sich früher als sonst irgendwo die Neigung zum Schlanken und Strebenden aus, nicht bloß durch die vertikalen Wandstreifen, sondern noch deutlicher durch die Unterordnung der horizontalen Galerie, welche von jenen durchschnitten wird, statt sie zu durchschneiden. – Das Innere ist eine unverkennbare Vorstufe desjenigen von S. Miniato; eine Basilika abwechselnd auf Säulen und Pfeilern; über letztern sollten sich oben große Bogen als Mitträger eines Sparrendaches wölben; allein sie wurden nur über zwei Pfeilern ausgeführt, indem beim weitern Verlauf des Baues eine Erhöhung der Obermauer und ein Holzgewölbe sie unnütz machten. Die Krypta ist hoch und ausgedehnt, wie in den meisten oberitalischen Hauptkirchen dieser Zeit. Die Kapitelle der Säulen scheinen fast alle im Mittelalter nach antiken Vorbildern gemeißelt, die hintersten modernisiert. (Antik: vielleicht das vorletzte rechts.) Die Bildung des Details ist durchweg ziemlich streng und gut. – (Das Innere von S. Miniato ist unleugbar schöner: je zwei Säulen zwischen den Pfeilern, statt bloß einer oder zweien, so daß die Pfeiler mit ihren Bogen große Quadrate abschließen; eine geringere Länge und eine nicht bloß relativ, sondern auch (wenn wir nicht irren) absolut größere Breite des Mittelschiffes; endlich eine vollständige Durchführung derjenigen Bedachung, welche in S. Zeno beabsichtigt und wieder aufgegeben wurde.) – Der anstoßende Klosterhof mit einem eigentümlichen Ausbau ist gleichzeitig mit der Kirche.

Die übrigen alten Basiliken Veronas, welche wir bei diesem Anlaß nachholen, zeigen einige interessante Eigentümlichkeiten. So hat S. Lorenzo ein oberes Stockwerk von Galerien und außen an der Fassade zwei antik scheinende Rundtürme. Das Innere, abwechselnd Pfeiler und Säulen, letztere zum Teil mit antiken Kapitellen, gehört doch wohl erst unserm Jahrtausend an; das Tonnengewölbe vielleicht ursprünglich. – S. Zeno in Oratorio, zwar klein und gedrückt, doch nicht sehr alt, mit einem Kuppelchen vor der Tribuna. – In S. Maria antica haben nur noch die Säulen ihre ursprüngliche Gestalt. – S. Giovanni in Fonte, das Baptisterium, ist eine einfache Basilika, etwa 12. Jahrhundert. – S. Stefano, Pfeilerbasilika von schwer zu ermittelndem Alter, mit Polygonkuppel aus romanischer Zeit; der auf hoher Krypta stehende Chor mit einem wunderlichen Umgang. (Das Grab der jüngern Placidia ist der Altar unmittelbar rechts vom Hochaltar.)

Am Dom ist die Fassade (12. Jahrhundert) zwar besser und sinnvoller als die der Kathedralen von Piacenza bis Modena, doch derjenigen von S. Zeno noch nicht zu vergleichen. Sehr interessant ist die gleichzeitige Außenverzierung der Tribuna: engstehende Wandstreifen mit einem geraden Gesimse, welches mit zierlicher Schüchternheit die Antike nachahmt. (Die Ausbauten an den Seitenschiffen ähnlich, aber erst aus dem 15. Jahrhundert.)

Im Süden ist der Dom S. Ciriaco zu AnconaAngeblich von Margheritone von Arezzo entworfen, doch wohl älter. (12. und 13. Jahrhundert) ein eigentümliches Gemisch lombardischer und orientalischer Bauweise: ein griechisches Kreuz, nach jeder Richtung dreischiffig; die Mittelschiffe und ihre Fronten erhöht; gewölbter Säulenbau; in der Mitte eine Kuppel; an der Fronte gegen die Stadt ein reiches Portal. – Die Kirche S. Maria della Piazza ebenda zeigt in ihrer einzig erhaltenen Fassade (12. Jahrhundert) die Bogenstellungen, die an den lombardischen Kirchen noch immer einen Anschein von Sinn haben, zur bunten Spielerei entwürdigt. – Ähnlich, jenseits vom Apennin, die Fassade des Domes von Assisi (12. Jahrhundert, mit einer viel ältern Krypta); am Portal das Dekorative auffallend gut gearbeitet. – In S. Flaviano vor Montefiascone ist der romanische Stil überhaupt nur noch wie von Hörensagen gehandhabt. (Als Doppelkirche sehenswert.) – Die Seitenfassade des Domes von Foligno und die Hauptfassade des Domes von Spoleto haben schon eher etwas einfach Imposantes. – Aber auch einzelne ziemlich streng romanische Bauten kommen noch weit abwärts, bis nach Apulien vor; freilich ist nichts von dem Belang irgendeiner rheinischen Kathedrale darunter.

Da der Maßstab, nach welchem wir verfahren, nicht der der historischen Merkwürdigkeit, sondern der des bestimmten Stilbildes ist, so müssen hier eine Menge Gebäude unentschiedener, disharmonischer Bildung ungenannt bleiben. Italien ist ganz besonders reich an wunderlich zusammengeflickten, teilweise aus alten Resten, teilweise aus Zubauten aller Jahrhunderte bestehenden Kirchen; die Unterscheidung dieser verschiedenen Bestandteile könnte ganze Abhandlungen erfordern, ohne daß das künstlerische Verlangen dabei die geringste Nahrung fände. Wir beschränken uns auf eine allgemeine Bemerkung, welche bei der Altersbestimmung vieler Gebäude zum Leitfaden dienen kann: noch während der ganzen Herrschaft des germanischen oder gotischen Baustils in Italien (13. und 14. Jahrhundert) wurde unaufhörlich, zumal bei kleinern und entlegenem Bauten, an dem Rundbogenstil aus Gewohnheit festgehalten. Da man ferner selbst an Hauptbauten dem gotischen Stil sein echtes Detail nur mit Widerstreben und Mißverstand abnahm, so bildete sich überhaupt keine so kenntliche, bis in das geringste Gesims, Blatt oder Türmchen charakteristische Formation aus, wie in der nordischen Gotik. Rechnet man hinzu, daß die Italiener, selbst wo sie das meiste beibehielten, doch den Spitzbogen bald wieder aufgaben, so wird es nicht mehr befremden, wenn ihre Kirchen des 14. Jahrhunderts bisweilen von viel frühern nur unwesentlich oder fast gar nicht abweichen.

Das Eindringen der germanischen oder gotischen Bauformen aus dem Norden war für die italienische Kunst ein Schicksal, ein Unglück, wenn man will, doch letzteres nur für die Ungeschickten, die sich auch sonst nicht würden zu helfen gewußt haben. Wenn man z. B. am Baptisterium von Florenz das 13. Jahrhundert auf dem besten Wege zu einer harmonischen Schönheit in antikisierenden Formen findet, so wird man sich auch bald überzeugen, daß unter der kurz darauf eingedrungenen gotischen Zierform das Grundgefühl unverletzt blieb und sich gerade unter dieser Hülle auf das herrlichste ausbildete.

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