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Der Cicerone

Jacob Burckhardt: Der Cicerone - Kapitel 11
Quellenangabe
typetravelguide
booktitleDer Cicerone
authorJacob Burckhardt
year1986
publisherAlfred Kröner Verlag
addressStuttgart
isbn3-520-13404-7
titleDer Cicerone
pagesI-XIV
created20040114
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Die einfachsten Elemente dieses ganzen Typus enthält wohl der Dom von Fiesole (1028); das Äußere dürftig, doch schon von Quadern; innen ungleiche Bogen über den Säulen; der Kreuzraum kuppelartig zugewölbt; die Nebenräume (oder Arme des Querschiffes) mit halben Tonnengewölben bedeckt, die sich sehr ungeschickt an die Bogen des Kreuzraums anlehnen. Alle Details einfach bis zur Roheit; die Krypta (mit ionischen Säulchen) ein späterer EinbauDas Ganze liefert den stärksten Beweis gegen die behauptete Gleichzeitigkeit von S. Miniato bei Florenz (angeblich von 1013), welches durchweg die feinste Durchbildung zeigt. . Merkwürdigerweise entspricht schon hier die ganz schmucklose Fassade der Kirche nicht, sondern ragt bereits als vorgesetzte Dekoration über dieselbe hinaus.

Zur vollen Ausbildung des Typus reichte aber ein bloßer Bischofssitz nicht aus; es bedurfte dazu des ganzen munizipalen Stolzes einer reichen im Zentrum des damaligen Weltverkehrs gelegenen Handelsrepublik. Wie nördlich vom Apennin Venedig, so vertrat südlich Pisa diese Stelle. Im Hochgefühl eines Sieges über die Sizilianer gründeten die von Pisa 1063 ihren Dom; als Baumeister nennt sich Rainaldus. Die schöne isolierte Lage, der edle weiße Marmor mit schwarzen und farbigen Inkrustationen, die klare Absicht, ein vollendetes Juwel hinzustellen, die gleichmäßige Vollendung des Baues und der benachbarten Prachtgebäude – dies alles bringt schon an sich einen großen Eindruck hervor; es gibt nicht eben viele Kirchen, welche diese Vorbedingungen erfüllen. Außerdem aber tut die Kunst hier einen ihrer ganz großen Schritte. Zum erstenmal wieder seit der römischen Zeit sucht sie den Außenbau lebendig und zugleich mit dem Innern harmonisch zu gliedern; sie stuft die Fassade schön und sorglich ab und gibt dem Erdgeschoß Wandsäulen und Wandbogen, den obern Teilen durchsichtige Galerien, zunächst längere, dann dem Mittelschiff und dem Giebel entsprechend kürzere. Sie weiß auch, daß ihre Wandsäulen jetzt einem neuen Organismus angehören, und verjüngt dieselben fast gar nicht mehr (womit es der Baumeister von S. Micchele in Lucca versah.) An den Seiten wird ebenfalls die einfachere Form, hier Wandpilaster mit Bogen und eine kleinere Reihe darüber mit geradem Gebälk, den untern Schiffen zugewiesen, die leichtere und reichere, nämlich Wandsäulen mit Bogen, dem Oberschiff. Es ist denkbar, daß orientalische Kirchen einzelne dieser Elemente darboten, aber ihre Vereinigung in einem Guß ist pisanisch. Von der Wiese hinter dem Chor aus offenbart sich dann eine andere große Neuerung: nach vielhundertjährigem Herumirren in den Wirkungen des Details hat die Baukunst wieder ein wahres Kompositionsgefühl im großen errungen; sie weiß wieder bei großen dominierenden Hauptlinien in der Einfachheit reich zu sein. Von den niedrigen Nischen der etwas höhern Querarme aus leitet sie den Blick empor zum First des Hauptschiffes und zur Kuppel und gibt als mittlere reiche Schlußform die prächtige Chornische mit ihren Galerien.

Im Innern ist der Dom eine fünfschiffige Basilika und ruht auf lauter antiken Säulen (deren Kapitelle seit ihrer Überarbeitung mit Gips für die Untersuchung meist verloren sind), teilt sonach die hemmenden Bedingungen der römischen Basiliken. Aber ein neuer Geist hat sich das gegebene Material dienstbar gemacht, und daraus vor allem einen schlanken Hochbau zu schaffen. Nach römischer Art hätten bei dieser Breite drei Schiffe genügt; hier sind es fünf, von enger Stellung, die vier äußern gewölbt; der zweiten niedrigern Säulenreihe ist durch Überhöhung der Bogen nachgeholfen. Statt der hohen Oberwände und ihres Mosaikschmuckes sieht man dann die herrliche luftige Galerie von Pfeilern (gleichsam Repräsentanten der Mauer) und Bogen, in der Mitte von Säulen gestützt. Schon einzelne römische Basiliken haben Obergeschosse; auch die Oströmer liebten solche, obere Galerien, allein sie versäumten, ihnen durch diese leichtere Behandlung den lokalen Charakter zu geben. Das Querschiff endlich wurde hier – zum erstenmal an einer Basilika – dreischiffig gestaltet, um dem Eindruck des Hohen und Schlanken treu zu bleiben; es bildet mit seinen Schlußnischen gleichsam zwei anstoßende Basiliken. Vielleicht mehr aus praktischen als ästhetischen Gründen führte der Baumeister die durchsichtige Galerie auf beiden Seiten quer hindurch nach dem Chor zu und schuf damit jenen geheimnisvoll prächtigen Durchblick in die Querarme. – Welches Quadrat aber sollte nun als Basis der Kuppel angenommen werden, die man hier zum erstenmal mit dem Basilikenbau zu kombinieren wagte? Langhaus und Querbau schneiden sich in ungleicher Breite, man nahm die ganze Breite des letztern und die des Hauptschiffes des erstern, und so ergab sich die merkwürdige ovale Kuppel, die später noch eine gotische Außengalerie erhielt.

Während des Baues reinigte sich der Stil. Wir dürfen z. B. annehmen, daß die schon sehr gut gegliederte Galerie im Innern zu den spätern Baugedanken gehört, ebenso ihre Außenwand, welche eine obere Pilasterordnung über den Wandbogen bildet.

Vollständiger spricht sich dann dieser gereinigte Stil im Baptisterium aus, welches 1153 von Diotisalvi gegründet wurde. (Die gotischen Zutaten, Baldachine, Giebel, Spitztürmchen, sind erst im 14. Jahrhundert hinzugekommen.) Man wird hier durchgängig die Formenbildung des Domes veredelt und vereinfacht wiederfinden, die Bogenprofile, die Mosaikierung der Füllungen usw. Auch meldet sich an der äußern Galerie wie im Innern, wenn nicht durchgängig, so doch vorherrschend das eigentümlich romanische Kapitell. Ganz besonders wichtig ist aber die Unterbrechung nach jeder dritten Säule im Innern durch einen Pfeiler, und zwar im obern sowohl als im untern Stockwerk, worin sich deutlich das Verlangen nach einem höhern baulichen Organismus ausdrückt. Ebenso ist die hohe konische Innenkuppel nur eine ungeschickte Form für das Bedürfnis nach einem leichten, strebenden Hochbau. – Die Schranken um den Mittelraum und die Einfassung des Taufbeckens zeigen, welch ein neues Leben auch innerhalb der Dekoration erwacht war, wie man auch hier sich von dem bloßen Mosaik mit Prachtsteinen losmachte zugunsten einer reinen und bedeutenden plastischen Verzierung.

Seit 1174 bauten Wilhelm von Innsbruck und Bonannus das Campanile, den berühmten schiefen TurmDie berühmte Frage über Absicht oder Nichtabsicht beim Schiefbau erledigt sich bei einiger Aufmerksamkeit leicht. Offenbar wurde der Turm lotrecht angefangen und senkte sich, als man bis in das dritte Stockwerk gelangt war, worauf man ihn schief ausbaute. – Bei diesem Anlaß hat E. Förster (Handbuch usw., s. d. Art.) eine allgemeine Ansicht nicht nur über diesen Schiefbau, sondern über die Bauungleichheiten der sämtlichen umliegenden Prachtgebäude entwickelt, welcher ich anfangs glaubte beipflichten zu müssen, bis die Vergleichung anderer italienischer Gebäude des 11. und 12. Jahrhunderts mich wieder davon abbrachte. Der Raum erlaubt mir hier keine Widerlegung, sondern nur Gegenbehauptungen, deren Bündigkeit der Leser beurteilen mag.

Fürs erste wagte man damals allerdings absichtliche Schiefbauten; dieser Art ist wohl die Garisenda in Bologna, ein Werk der Prahlerei des adligen Erbauers oder des Architekten; die daneben stehende Torre degli Asinelli könnte schon eher durch Senkung des Bodens schief geworden sein. Dann ist gerade der Ausbau des Turmes von Pisa ein immerhin sehr auffallendes Werk dieser Art; die meisten Bauverwaltungen hätten den Turm, als er sich senkte, unvollendet gelassen oder auf bessern Fundamenten neu angefangen; der pisanische Übermut aber ließ sich auf das Schwierige und vielleicht damals noch Unerhörte ein.

Weit die meisten schiefen Gebäude aber sind es ohne Absicht des Baumeisters geworden, durch ungenügende Fundamente. Das Pilotieren, als einzige Sicherung bei morastiger oder sonst bodenloser Beschaffenheit der Erde, scheint nur ungleich und allmählich aufgekommen zu sein; die Frühern machten sich auf die Senkung des Baues unter solchen Umständen gefaßt und kamen dem Schaden durch Dicke der Mauern, Verklammerungen usw. zuvor. Einen sprechenden Beleg liefert noch Pisa selbst; der von N. Pisano erbaute Turm von S. Nicola steht sehr merklich schief, allein doch lange nicht schief genug, um als Werk der Kühnheit mit dem berühmten Campanile wetteifern zu können, welches schon als Gebäude so viel bedeutender ist; an eine Absicht läßt sich hier nicht denken, wohl aber an eine Voraussicht, wie aus der starken Bildung des Mauerzylinders hervorgeht. Ebenso ist am Dom von Modena die wahrhaft bedrohlich aussehende Neigung des ganzen Hinterbaues gegen den ebenfalls geneigten Campanile offenbar eine unabsichtliche, nur daß der letztere allerdings mit Rücksicht auf diesen Umstand ausgebaut sein mag. (Dagegen stehen Dom und Baptisterium in Parma völlig lotrecht.) Am Dom von Ferrara neigt die Fassade nicht unbedeutend vor, gewiß gegen den Willen des Baumeisters.

Kunstgeschichtlich viel wichtiger wäre die Ansicht Försters über den Zusammenhang des pisanischen Schiefbaues mit den Ungleichheiten der Vermessung, schrägen und krummen Baulinien, unentsprechenden Intervallen usw.; in all diesem spreche sich nämlich eine Scheu vor dem Mathematischen, vor der völligen Gleichförmigkeit aus; es seien dies »die unbeholfensten Äußerungen romantischer Bestrebungen«. Da man an griechischen Tempeln (vgl. S. 5) etwas Analoges unbedingt zugeben muß, so hat diese Annahme etwas sehr Anziehendes. Ich glaube indes die betreffenden Phänomene anders erklären zu müssen, und zwar nicht durch Mangel an Geschicklichkeit – wovon an den edeln pisanischen Bauten keine Rede sein kann –, sondern durch eine dem frühern Mittelalter eigene Gleichgültigkeit gegen das mathematisch Genaue. Letzteres verstand sich durchaus nicht immer so von selbst, wie es sich jetzt versteht.

Den besten Schlüssel gewährt S. Marco in Venedig. Auf einer Laguneninsel errichtet, zeigt dieses Gebäude vor allem in seinen vertikalen Teilen und Flächen viele unwillkürliche Schiefheiten, doch keine eigentlich auffallende, indem ohne Zweifel das mögliche geschah, um sie zu vermeiden. (Der Fußboden der Kirche mit seinen wellenförmigen Unebenheiten beweist am besten, welche Opfer man bringen mußte, um wenigstens Pfeilern und Mauern eine leidlich lotrechte Stellung zu sichern.) Sehr auffallend dagegen ist die Ungleichheit und Unregelmäßigkeit sämtlicher Bogen und Wölbungen, selbst der Kuppelränder. Anfangs ist man versucht, dieselbe von dem Ausweichen der Pfeiler und Mauern abzuleiten, welches auch in der Tat hier und da die Schuld tragen mag; bei längerer Betrachtung dagegen überzeugt man sich, daß die reine Gleichgültigkeit gegen das Regelmäßige der wesentliche Grund ist. Ich glaube, daß schon die Lehrbogen nicht einmal genau gemessen waren. Man betrachte z. B. die obern Wandbogen an der Südseite des Äußern; sie sind krumm und unter sich ungleich, obschon es hier ganz leicht gewesen wäre, sie im reinsten Halbkreis zu konstruieren und ihnen diese Form auf immer zu sichern; auch an eine ästhetische Absicht wird hier niemand denken wollen, da die bunte Verschiedenheit des Details schon Abwechslung genug mit sich bringt.

Auf diesen Vorgang gestützt dürfen wir auch in Pisa das (doch sehr unmerkliche) Überhängen der Domkuppel nach hinten für eine bloße Ungenauigkeit, die schiefe Stellung des Baptisteriums (wovon ich mich näher zu überzeugen versäumt habe) für die Folge einer Bodensenkung halten. – Für die krummen Linien, ungenauen Parallelen, ungleichen Intervalle am Äußern des Doms würde ebenfalls S. Marco bündige Analogien bieten; eine nähere Vergleichung aber gewährt z. B. die Südseite des Domes von Ferrara, welche von auffallenden Ungleichheiten der Intervalle, Krümmungen der Horizontalen u. dgl. wimmelt, während die Anspruchslosigkeit des Baues jeden Gedanken an ästhetische Intention ausschließt.

Die mathematische Regelmäßigkeit, welche mit den bald zu nennenden florentinischen Bauten den Sieg davonträgt, mußte eintreten schon infolge der strengern Plastik des Details, welche von selbst auf genaue Vermessung hindrängt; sie war es, welche z. B. an S. Marco noch völlig fehlte. Allerdings gibt es noch weit spätere Rätsel, wie z. B. der Dom von Siena, welche wir als Rätsel müssen auf sich beruhen lassen.

. Hier ist die Gliederung des Details wieder um einen Grad einfacher, und das romanische Kapitell mit seiner derben Blätterbildung hat entschieden das Übergewicht vor dem römischen. Der Komposition nach ist dieses einzige Gebäude eines der schönsten des Mittelalters. Das Prinzip der Griechen, die Säulenhalle als belebten Ausdruck der Wand ringsum zu führen, ist hier mit der größten Kühnheit auf ein mehrstöckiges Gebäude übertragen; es sind viel mehr als bloße Galerien, es ist eine ideale Hülle, die den Turm umschwebt und die in ihrer Art denselben Sieg über die Schwere des Stoffes ausspricht, wie die deutschgotischen Türme in der ihrigen.

Das reiche System dieser drei Bauten ist natürlich an den übrigen Kirchen nur stellenweise durchgeführt, oder auch nur in Andeutungen, gleichsam im Auszug gegeben. Immer aber wirkt diese erste konsequente Erneuerung eines plastisch bedeutenden Architekturstils mit großem Nachdruck, und auch die kleinste dieser Kirchen zeigt deutlich, daß man diesen bezweckte. Bei den kleineren beschränkt sich der Marmor auf die Fassaden; statt der Galerien kommen bloße Wandbogen vor, aber auch da ist mit geringen Mitteln, z. B. mit dem Charakterunterschied von Wandpilastern und Wandsäulen, das Wesentliche entschieden ausgesprochen. Im Innern sind oder waren es lauter Säulenbasiliken, das Oberschiff meist verändert.

Aus dem 12. Jahrhundert: S. Frediano; im Innern liefern z. B. die zwei nächsten Säulen den Beweis, daß die allzu kleinen Kapitelle nicht immer antike sind, mit denen man sich hätte begnügen müssen, wie man sie fand (vgl. S. 100). Die Säulen dagegen scheinen sämtlich antik.

S. Sisto, antike Säulen von ungleichem Stoff; auch hier gerade die unpassendsten Kapitelle modern. Das Äußere fast formlos.

S. Anna, nur ein Teil der Südseite erhalten; das übrige ein Umbau von 1610.

S. Andrea, außen nur die einfache Fassade alt, sowie das backsteinerne Campanile; innen die Überhöhung der Bogen durch ein besonderes Zwischengesimse erklärt; die Kapitelle meist aus dem Mittelalter, mit Tierköpfen usw.

S. Pierino, in seiner jetzigen Gestalt 12. Jahrhundert, außen einfach, innen wahrscheinlich beim damaligen Umbau (des Arnos wegen?) erhöht; die Kapitelle zum Teil antik; der Boden mosaikiert.

S. Paolo all'Orto, nur der untere Teil der Fassade erhalten (wonach die Kirche eine der ältesten nächst dem Dom sein möchte). Das Innere ganz verbaut.

S. Sepolcro, eine der im ganzen Abendland vorkommenden polygonen Heiliggrabkirchen, 13. Jahrhundert. Hohes Achteck mit Pfeilern und Spitzbogen, mit achtseitigem Umgang, die Fenster noch rundbogig. Alle Details für Pisa auffallend schlicht. (Wird gegenwärtig großenteils neu gebaut.)

S. Paolo in ripa d'Arno, wohl ebenfalls erst 13. Jahrhundert, mit der besten Fassade nach dem Dom; innen mit Querschiff und Kuppel; durchgängig Spitzbogen; doch unter den vieren, welche die Kuppel tragen, noch besondere Rundbogen. (In den letzten Jahren großenteils neu gebaut.)

An S. Nicola die Fassade und der schon erwähnte Turm (S. 100, **) von Nic. Pisano.

S. Micchele in Borgo; das Innere, soweit es erhalten ist, eine ziemlich alte Basilika; von der Fassade der obere Teil mit den schon spitzbogigen Galerien 13. Jahrhundert, vorgeblich von Niccolò Pisano, eher von dessen Schüler Fra Guglielmo; in die Mitte treffen Säulchen statt der Intervalle.

S. Caterina, 13. Jahrhundert, die Fassade eine noble und prächtige Übertragung des pisanischen Typus in die gotischen Formen. Innen einschiffige ungewölbte Klosterkirche.

(Die alte Kirche S. Piero in Grado, eine halbe Stunde seewärts, mit merkwürdigen Fresken verschiedener Zeit, hat der Verfasser nicht gesehen.)

Die Kirchen von Lucca sind (mit Ausnahme der oben genannten ältern Reste) fast nur Nachahmungen der pisanischen, und zwar keine ganz glücklichen. An unendlichem und fast penibelm Reichtum tun sie es den reichsten derselben bisweilen gleich oder zuvor (figurierte Säulen, Mosaikierung möglichst vieler Flächen usw.), allein das Vorbild der Antike steht um einen kenntlichen Grad ferner (man vergleiche die Gesimsbildung), obschon auch hier nicht wenige antike Reste mit vermauert und z. B. die meisten Säulen römisch sind. Einen unbegreiflichen Stolz scheinen die Lucchesen dareingesetzt zu haben, daß in den Galerien ihrer Fassaden nicht ein Intervall, sondern ein Säulchen auf die Mitte traf. Man möchte glauben, es sei das Wahrzeichen ihrer Stadt gewesen. In Pisa ist dies Ausnahme. – Die Campanili, sowohl die marmornen als die backsteinernen, ohne besondere Ausbildung.

S. Giovanni, 12. Jahrhundert; die Kapitelle meist aus dem Mittelalter, doch gut den römischen nachgeahmt; an das linke Querschiff lehnt sich ein uraltes, zur gotischen Zeit nur umgebautes viereckiges Baptisterium. Außen einfach, von der Fassade nur die Tür alt.

S. Maria forisportam, 12. Jahrhundert; eine der bessern, mit Querschiff und Kuppel; die Kapitelle der Säulen hier meist antik; nach alter Weise etwa in der Mitte der Reihe ein Pfeiler statt einer Säule.

S. Pietro Somaldi, Fassade vom Jahr 1203; backsteinernes Campanile; das Innere modern.

Der Außenbau von S. Micchele (vgl. S. 84, b): die Chornische reich und gut, die Fassade dagegen (13. Jahrhundert) mit absichtlicher Übertreibung des pisanischen Prinzips stark über die Kirche vorragend, spielend reich; das ganze Erdgeschoß um eines vermeintlich höhern Effektes willen nicht mit Wandpilastern, sondern mit vorgelehnten Säulen bekleidet, die sich verjüngen und damit unförmlich hoch erscheinen.

Kleinere Kirchen, zum Teil nur mit einzelnen alten Bestandteilen: S. Giusto, S. Giulia, S. Salvatore, S. Vincenzo usw. Der Übergang ins Gotische: Fassade von S. Francesco.

Über S. Frediano vgl. S. 84, b. Was aus dem 12. Jahrhundert ist, scheint Nachbildung von älterm und weicht von dem pisanisch-lucchesischen Stil ab.

Endlich die altern Teile des Doms: die Fassade, von Guidetto 1204, empfindungslos reich; die Galerien auf einer dreibogigen Vorhalle ruhend, deren Inneres im Detail schon mehr gereinigt erscheint. Dann das Äußere des Chorbaues und Querschiffs, sehr edel und gemäßigt (auch in der Inkrustation) ; durch die Höhe des Querschiffes ein imposanter Anblick. Der Glockenturm mit regelmäßig zunehmender Fensterzahl, wie der von Siena.

In andern Städten Toskanas:

Der Dom von Prato, angefangen im 12. Jahrhundert, hat aus dieser Zeit noch das schmale Mittelschiff mit den weiten Bogen über schweren Säulen mit rohen Kapitellen. Anmutig ausgebaut im 14. Jahrhundert, trägt die Kirche im ganzen das Gepräge dieser Zeit.

In Pistoja ist S. Giovanni fuori civitas ein einfaches längliches Viereck, dessen eine Langseite aber die Zierlust jener Zeit (12. Jahrhundert) in fast kindlicher Weise an den Tag legt; unten Pilaster mit Wandbogen, darüber zwei Reihen von kleinern Wandsäulen mit Bogen; keines der drei Stockwerke entspricht den andern; die Wand gestreift und mosaikiert.

S. Andrea, Basilika des 12. Jahrhunderts, mit schmalem Mittelschiff, dessen hohe Obermauern schmale Fenster enthalten; die Fassade mit Wandbogen, schachbrettartiger Fläche und (als Gesims) großem Eierstab. (Der obere Teil neuer.) – Der innern Anlage und der Zeit nach verwandt: S. Bartolommeo.

Der Dom, mit der schon erwähnten Vorhalle und drei Säulchenstellungen darüber, im Innern eine sehr verbaute Basilika, mit ungleichen, doch wohl nicht antiken Kapitellen, ist wohl ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert, nicht von Niccolò Pisano. Die Seitenfassade, jetzt bloß Wandpfeiler mit Bogen, trug vielleicht einst eine obere Galerie. Der Turm wiederholt in seinen drei obersten Stockwerken das Motiv des pisanischen: freistehende Säulchen um einen Mauerkern herum, nur viereckig statt rund. Der Chorbau modern. Das erhöhte Tonnengewölbe, welches die Vorhalle in der Mitte unterbricht, mit schönen gebrannten Kassetten des Luca della Robbia.

Der Dom von Volterra gehört ebenfalls in diese Reihe und wird ebenfalls dem Niccolò Pisano zugeschrieben (was sich nach andern nur auf die von 1254 datierte Fassade beziehen soll).

Wiederum einen höhern Aufschwung nahm die neue Bauweise unter den Händen der Florentiner. Sie legten zunächst in die bisher spielende Inkrustation mit dem Marmor verschiedener Farben einen neuen Sinn, bildeten aber vorzüglich das plastische Detail der Architektur edler und konsequenter aus, nicht ohne ein ziemlich eingehendes Studium antiker Überreste, so daß auch hier wieder ein früher Anfang von Renaissance unverkennbar ist. Endlich faßt die Kirche S. Miniato das vorgotische Kunstvermögen Italiens auf eine so glänzende Weise zusammen, daß man die bald darauffolgende Einführung des gotischen Stiles aus dem Norden beinahe zu bedauern versucht ist.

Die betreffenden Gebäude haben wohl sämtlich kurz vor oder um das Jahr 1200 ihre jetzige Gestalt erhalten, eine Annahme, für die wir hier die Beweise schuldig bleiben müssen und die mit sonst geltenden Zeitangaben im Widerspruch steht.

Das erste derselben ist die kleine Basilika SS. Apostoli in Florenz; die Nebenschiffe gewölbt; gleichmäßige Compositasäulen tragen Bogen mit feiner antiker Einfassung; ihnen entsprechen Wandpilaster (mit vielleicht neuern Kapitellen); die Kapellenreihen gelten als ursprünglich; ihre Hinterwände laufen schräg, wohl aus Rücksicht auf irgendeine Bedingung des engen Platzes.

An S. Jacopo in dem gleichnamigen Borgo ist nur eine dreibogige Vorhalle mit Aufsatz, an der Badia bei Fiesole nur ein inkrustiertes Stück der Fassade aus dieser (letzteres vielleicht aus einer etwas frühern) Zeit vorhanden; merkwürdig ist hier das besondere Gebälkstück (Architrav, Fries und Sims) über den Wandsäulen, neben einer sonst noch ziemlich spielenden Inkrustation.

Das Baptisterium S. Giovanni bezeichnet einen Höhepunkt aller dekorativen Architektur überhaupt. Schon die Verteilung des Marmors nach Farben im Einklang mit der baulichen Bestimmung der betreffenden Stellen (Simse, Flächen usw.) ist hier selbst edler und besonnener als z. B. am DomLaut Vasari wäre die Inkrustation wenigstens der untern Teile des Baptisteriums ein Werk des Dombaumeisters Arnolfo, nach 1294. Allein aus Vasaris eigenen Worten schimmert hervor, daß Arnolfo nur das schon Vorhandene von entstellenden Zubauten befreite und ergänzte. . Vorzüglich schön sind dann in ihrer Mäßigung die plastischen Details, die Kranzgesimse der drei Stockwerke, die Wandpfeiler, welche im halben Viereck beginnen, im halben Achteck fortfahren und als kannelierte Wandpilaster die Bewegung in der Attika fortsetzen. Im Innern stehen vor den acht Nischen des Erdgeschosses je zwei Säulen, müßig, wenn man will, aber hier als bedeutendes Zeugnis eines Verlangens nach monumentaler Gliederung. Sie sind von orientalischem Granit, ihre vergoldeten korinthischen Kapitelle aber ohne Zweifel für diese Stelle gearbeitet, mit genauem Anschluß an römische Vorbilder. Die Galerie des obern Stockwerkes schließt sich streng harmonisch an das untere an, mit korinthischen Pilastern und ionischen Säulchen. Die bauliche Wirkung wird beeinträchtigt durch die Mosaikfiguren auf blendendem Goldgrund, welche Friese, Brustwehr und zum Teil auch das Innere der Galerie in Anspruch nehmen, und vorzüglich durch die drückenden Mosaiken der Kuppel. Der Chorbau steht außer Harmonie mit dem übrigen, und sein Triumphbogen möchte wohl der Teil eines ältern Ganzen sein. – Die Bodenplatten zum Teil als Niellen mit Ornamenten, ein Ersatz für Mosaiken, wozu die harten Steine fehlen mochten.

San Miniato al Monte, vor dem gleichnamigen Tor, beschließt diese Reihe auf das ruhmvollste. Zwar hat die graziöse Fassade mehr Willkürliches, zumal im Farbenwechsel der Inkrustation, als das Baptisterium, allein daneben finden sich die zartesten antiken Details (z. B. am Dachgesimse Konsolen); das Verhältnis des obern Stockwerks zum untern ist vielleicht hier zum erstenmal nach einem rein ästhetischen Gefühl bestimmt, weil keine antiken Säulen das Maß vorschrieben. Im Innern findet man jene Unterbrechung des Basilikenbaues durch Pfeiler und Bogen, welche in S. Prassede zu Rom noch roh auftritt, in höchst veredelter Gestalt wieder; auf jede zweite Säule folgt ein Pfeiler von vier Halbsäulen mit überleitenden Bogen. Der Dachstuhl, durchaus sichtbar, ist einer der sehr wenigen, welche noch ihre einfache ursprüngliche Verzierung behalten habenEin späterer, beiläufig gesagt, in S. Agostino zu Lucca. . Die Kapitelle sind teils für das Gebäude gemacht und dann einfach, teils reich antik. Auch die Vorderwand der ziemlich hohen und bedeutenden Krypta und das Halbrund der Tribuna sind inkrustiert; an letzterm erscheinen die Säulen aus einem Stein und antik, während die großen Säulen der Kirche aus lauter Stücken zusammengesetzt sind. Die fünf Fenster der Tribuna sind mit großen durchscheinenden Marmorplatten geschlossen. Die Steinschranken und das Pult des Chors gehören zu den prächtigen Dekorationstücken derselben Art wie die Sachen im Baptisterium zu Pisa; die Bodenplatten im Hauptschiffe vorn, mit Niellen ähnlich denen des florentinischen BaptisteriumsWogegen die pisanischen Bodenmosaiken (Battistero, Dom, S. Pierino) nebst denen von S. Frediano zu Lucca noch fast ganz der christlich-römischen Technik folgen, wie sie oben S. 95 u. 96 geschildert wurde. , tragen das Datum 1207, welches wohl das des Ausbaues der ganzen Kirche sein möchte. (Ob sie von S. Zeno in Verona, s. unten, bedingt ist?)

Man sollte kaum glauben, daß auf ein System von Kirchenfassaden wie die genannten noch eine Mißbildung habe folgen können wie die Vorderseite der sog. Pieve vecchia zu Arezzo, vom Anfang des 13. JahrhundertsDas Datum der Portalskulpturen, 1216, gilt doch wohl annähernd für die ganze Fassade. . Mit einer solchen Anstrengung ist kaum irgendwo jeder Anklang an Harmonie, an vernünftige Entwicklung durchgehender Motive vermieden worden wie hier. Das Innere ist bei weitem besser und durch die fast antiken korinthischen Kapitelle interessant; das Äußere der Chornische dagegen wieder der Fassade würdig.

In Genua vermischt sich der romantische Stil Frankreichs mit der von Pisa ausgehenden Einwirkung. Die betreffenden Kirchen sind meist Basiliken mit einer Art von Querschiff, auch wohl mit einer (unbedeutenden und meist veränderten) Kuppel; die Säulen teils antik, teils in Schichten von Schwarz und Weiß abwechselnd; die Kapitelle teils antik, teils antikisierend. An den Fassaden ist nirgends das reichere toskanische System von Galerien, sondern nur das einfachere von Wandpfeilern, mit Abwechslung der Farbenschichten, zu bemerken (die auch oft nur aus moderner Romantik aufgemalt sind). Zur gotischen Zeit behielt man diese ganze, für die reiche Stadt etwas dürftige Bauweise bei und ersetzte nur einen Teil der Rundbogen durch Spitzbogen.

Durch plastischen Reichtum sind nur die beiden Portale der Seitenschiffe des Domes (12. Jahrhundert?) einigermaßen ausgezeichnet. (Das Innere des Domes ein Umbau vom Jahr 1308, mit Benutzung der altern Säulen.) S. Maria di Castello ist nach den fast durchaus antiken Säulen und Kapitellen zu schließen die älteste dieser Kirchen (11. Jahrhundert?). Die Kreuzgewölbe sämtlicher Schiffe wohl neuer. – S. Cosmo (12. Jahrhundert?), die Säulen schichtenweise von schwarzem und weißem Marmor, die Kapitelle roh antikisierend. – S. Donato, 12. Jahrhundert (die Fassade etwas später), die hintern Säulen samt Kapitellen antik; die vordern von abwechselnd schwarzen und weißen Marmorschichten mit roh antikisierenden Kapitellen; auf dem Chorquadrat ein achteckiger Turm. (Moderne Bemalung des Innern mit gotischen Zieraten ohne Sinn.)

Unbedeutend und nur mangelhaft erhalten: S. Stefano, S. Tommaso usw.

Aus gotischer Zeit, und zwar noch aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts: S. Giovanni di Prè, Pfeilerkirche, zweistöckig mit Benutzung eines Abhanges; in neuerer Zeit umgekehrt orientiert, so daß das Querschiff und der ehemalige Chor jetzt der Haupttür nahe sind. – Etwas später: S. Matteo, innen mehr durch die geschmackvolle Umbildung Montorsolis als durch die alte Anlage merkwürdig. S. Agostino und S. Maria in via lata, beide innen verändert, ruiniert und aufgegeben.

Die Türme sind meist von dem einfachsten romanischen Typus, der im ganzen Abendlande galt. Die neuern zeichnen sich außer der Mittelpyramide noch durch vier Eckpyramiden nach französischer Art aus.

Von Klosterhöfen, welche im ganzen nicht die starke Seite des enggebauten Genua sind, findet man einen rohen und sehr alten (11. Jahrhundert?) links neben S. Maria delle Vigne, mit Würfelkapitellen auf stämmigen Säulen und mit weitern Bogen; sodann einen wenig neuern mit kleinen Rundbogen auf je zwei Säulchen, Erdgeschoß und Obergeschoß, neben dem Dom links.– Schon weit aus der gotischen Zeit (1308) und doch kaum erst spitzbogig: der niedliche, ebenfalls doppelsäulige Kreuzgang von S. Matteo (links).

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