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Der Cicerone

Jacob Burckhardt: Der Cicerone - Kapitel 10
Quellenangabe
typetravelguide
booktitleDer Cicerone
authorJacob Burckhardt
year1986
publisherAlfred Kröner Verlag
addressStuttgart
isbn3-520-13404-7
titleDer Cicerone
pagesI-XIV
created20040114
sendergerd.bouillon
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Neben der Basilikenform, deren Lebensprinzip die Längenperspektive ist, behauptet auch der Zentralbau eine wichtige Stelle. Italien bietet eine Anzahl verschiedenartiger Versuche dieser Gattung aus den frühern christlichen Jahrhunderten. Für Baptisterien (Taufkirchen, welche von jeder bischöflichen Kirche unzertrennlich waren) mochte diese Form wohl die passendste sein; für eigentliche Kirchen aber, d. h. für den Altardienst nur dann, wenn man den Altar wirklich in den mittlern Hauptraum als in die feierlichste Stätte des ganzen Gebäudes verlegte. Dies konnte man aber nirgends über sich gewinnen; in Gebäuden, welche eigentlich kein Ende, sondern nur einen Mittelpunkt und eine Peripherie haben, wurde ein besonderes Ende in Gestalt einer Nische u. dgl. für den Altar eingerichtet und so für die Gemeinde die von andern Kirchen her gewohnte Längenperspektive hergestellt. Dieser Widerspruch benimmt den betreffenden Kirchen gewissermaßen die höhere Weihe; das schöne Gebäude und dann der Altarraum sind zwei verschiedene Dinge.

Abgesehen hiervon ist aber der Zentralbau eines so vollkommenen Abschlusses in sich, einer so großen monumentalen Ausbildung fähig, daß selbst die weniger geschickten Lösungen dieser Aufgabe immer ein hohes Interesse erregen. Für die Baptisterien, welche hier vorweg zu behandeln sind, behauptete sich von frühe an die Form des einfachen oder des mit einem Umgang versehenen, oben zugedeckten oder zugewölbten Achtecks, in dessen Mitte der Taufbrunnen stand. Seltener kommt eine andere polygone oder die runde Form vor. An keinem des ersten Jahrtausends zeigt die Außenseite (jetzt) mehr als glatte Wände; die ganze, oft große Pracht war dem Innern aufbehalten. Auf künstliche Beleuchtung geflissentlich berechnet, sind die Räume meist ziemlich dunkel, nur durch eine Lanterna und durch die offene Tür erhellt.

Das Baptisterium beim Lateran in Rom (432–440) hat nichts Ursprüngliches mehr als seine Doppelstellung von Säulen mit geraden Gebälken und die Mauern, nebst der von zwei großen Porphyrsäulen gestützten, in zwei halbrunde Nischen auslaufenden Vorhalle (gegen den Hof). Mit dem echten, ernsten Schmuck versehen, würde es einen ganz andern Eindruck gewähren als mit den Malereien des Sacchi und Maratti; ein kleiner mosaikierter Nebenraum und das prächtige Ornament grüngoldener Weinranken auf blauem Grunde in der linken Nischenkuppel der Vorhalle deuten noch an, in welchen Farben und Ornamenten das ganze Gebäude prangen mochte.

Die Kirche S. Maria maggiore, einige Minuten außerhalb Nocera unweit seitab von der Landstraße nach Pompeji, ist ein Baptisterium des 4. Jahrhunderts, aus antiken Baustücken ohne besondere Sorgfalt zusammengebaut. Ein Kreis von je zu zweien zusammengestellten Säulen trägt sofort (ohne Zylinder) die mittlere Kuppel; der Umgang ist rings angewölbt; eine kleine Tribuna schließt sich daran. Von außen ganz formlos, gibt dieses Gebäude in besonderm Grade denjenigen Eindruck des Geheimnisvollen, durch welchen die damalige Kirche mit dem erlöschenden Glanz heidnischer Tempel und Weihehäuser wetteifern mußte.

Das Baptisterium der Orthodoxen beim Dom zu Ravenna (begonnen vor 396) im Vollbesitz seiner Wandbekleidung und Mosaiken (diese vor 430), welche für das Ornament des 5. Jahrhunderts das wichtigste Denkmal sind; das letzte kenntliche Echo der pompejanischen Dekoration; die Flächen mit erhabenen Stukkogegenständen abwechselnd: das Gefühl vom Zusammenklang der Farben scheint das der schönen und freien Bildung und Einteilung der Zierformen zu überleben. Zur Einfassung dient eine untere und eine obere Reihe von acht Wandbögen mit Ecksäulen (Composita und ionisch); oben geht das Gebäude zu einer runden und ziemlich flachen Kuppel zusammen.

Das Baptisterium der Arianer in Ravenna (jetzt S. Maria in Cosmedin) 6. Jahrhundert; Achteck mit (später?) angebautem Schiff, baulich unbedeutend.

Beim sog. »alten Dom« zu Brescia kann man in Zweifel bleiben, ob das ziemlich große Gebäude als bloßes Baptisterium oder als Kathedrale erbaut worden; im erstem Fall wäre es die größte Taufkirche. Kuppelraum auf acht (modernisierten) Pfeilern mit rundem Umgang; letzterer bedeckt mit acht Kreuzgewölben; zwischen je zweien derselben das Segment eines Tonnengewölbes, gegen die Kuppel hin ansteigend und daher eine dunkle Ecke bildend. Ein Notbehelf, der (wie Ähnliches im Dom von Aachen) die Anlage jedenfalls dem frühen Mittelalter zuweist. Zylinder und Kuppel aus dem 12. Jahrhundert, wenigstens was die jetzige Gestalt des Äußern betrifft. Der sehr sonderbare hintere Anbau, welcher als Chor mit Nebenkapellen dient, könnte wiederum ganz alt sein.

(Über Neapel und Triest s. oben.)

Fast bei jeder bischöflichen Kirche und an mancher großen Pfarre in kleinern Städten wird irgendein Bau dieser Art unter veränderter Gestalt und Bestimmung, oder in Trümmern, oder doch in Nachrichten nachzuweisen sein; mehrmals auch noch wohlerhalten und im Gebrauch. Noch im 11. und 12. Jahrhundert wurden Baptisterien neu gebaut, später dagegen die Taufen in die Kirchen selbst verlegt. Bei großen Umbauten der Kirchen ging das Baptisterium, wenn es zu nahe dabei stand, gewöhnlich zugrunde. Es mögen hier noch einige der spätern und spätesten genannt werden:

Dasjenige am Dom von Torcello (1008), einfaches Oktogon. (Der Dom selbst eine schlichte Basilika.)

Vor dem Dom von Novara ein Baptisterium, das wie so manche Bauten dieser Gegend wohl mit Unrecht in die alte Langobardenzeit versetzt wird; unten, wenn ich mich recht entsinne, Nischen ringsum.

Eines beim Dom von Asti, mit engem Mittelbau und breitem Umgang. (11. Jahrhundert.)

Neben der Hauptkirche von Chiavenna ein für uralt geltendes, überweißtes Achteck.

Ein Baptisterium war auch die Rundkirche mit Umgang, welche jetzt zu S. Stefano in Bologna gehört. Der Komplex von sieben Kirchen, welche hier in verschiedenen Zeiten zusammengebaut worden sind, bietet dem Altertumsforscher ein so angenehmes Problem, daß wir demselben die Freude der eigenen Entdeckung in betreff der Baufolge nicht stören wollen. Irgendeinen besondern architektonischen oder auch malerischen Wert haben diese geringfügigen Gebäude nicht. Dem ersten Jahrtausend gehört nur das besagte Baptisterium an; dasselbe erhielt aber im 12. Jahrhundert durch ein eingebautes heiliges Grab eine neue Bestimmung, mußte im Verlauf der Zeit durch Backsteinsäulen (die man neben die alten Marmorsäulen stellte) gestützt werden, und verlor vor etwa 50 Jahren die letzten Reste seiner alten innern Kuppelbemalung. Ein oberer Umgang ist längst vermauert und unsichtbar. – Ein kleiner anstoßender Klosterhof ist nur durch die Formwidrigkeit seiner untern Stützen interessant.

Das Baptisterium von Padua, runder Oberbau auf viereckigem Untersatz; 12. Jahrhundert, von hübscher Wirkung. Das Baptisterium von Cremona (1167).

Während bei den bisher genannten die äußere Dekoration höchstens aus den einfachen Wandstreifen und Bogenfriesen des romanischen Stiles besteht, so macht das achteckige Baptisterium von Parma (12. und 13. Jahrhundert) einen Übergang in die plastische Detaillierungsweise toskanischer Wandflächen. Nur ist der Versuch – mit Wandbogen am untern Stockwerk und fünf Reihen Wandsäulchen darüber – nüchtern und spielend zugleich ausgefallen. Das Innere sechzehnseitig, unten Nischen, dann zwei Galerien mit geradem Gebälk, spitzbogige Lünetten und der Anschluß der Kuppelgurten. – Von den Baptisterien von Pisa und Florenz, in welchen sich jener toskanische Stil glanzvoll ausspricht, wird unten die Rede sein. – Das letzte Baptisterium, welches gebaut (oder doch nur so spät umgebaut) wurde, ist meines Wissens das Achteck von Pistoja, 1337.

Eine zweite Gattung von kleinem Gebäuden, welche als Zentralbauten gestaltet wurden, kommt wenigstens in zwei Beispielen vor: Die Grabkirchen hoher Personen.

S. Costanza bei Rom, wahrscheinlich als Grabmal zweier Töchter Konstantins d. Gr. erbaut; der innere Zylinder mit der Kuppel auf zwölf Doppelstellungen von Säulen mit besondern Gebälkslücken (roh, ausgebauchte Friese) ruhend; der Umgang ebenfalls rund mit mosaikiertem Tonnengewölbe. Merkwürdiges Gegenbild zu den ganz als Außenbau gedachten heidnischen Kaisergräbern. (In Konstantinopel scheint die Apostelkirche zur Kaisergruft absichtlich gebaut gewesen zu sein.)

Das Grabmal Theodorichs d. Gr. († 526), jetzt insgemein la rotonda genannt, vor dem Tor von Ravenna; außen polygon und ehemals mit einer Säulenhalle versehen, innen rund; Erdgeschoß und Hauptgeschoß; die flache Kuppel bekanntlich aus einem von Dalmatien hergebrachten Stein, 34 Fuß im Durchmesser. Namentlich am Hauptgesimse selbständige und ausdrucksvolle Detailbildung. Der Porphyrsarg, beim Sturz der Ostgoten der Gebeine beraubt, ist jetzt in der Stadt an dem sog. Palazzo del Re Teodorico eingemauert, einem echten Rest des alten Königspalastes, von dessen ehemaliger Fassade ein Mosaik in S. Apollinare nuovo (rechts vom Eingang) ein phantastisches Bild gibt.

Diesen Denkmälern schließen wir noch das der Galla Placidia in Ravenna an, jetzt SS. Nazario e Celso genannt (um 440); zwar ein lateinisches Kreuz, aber durch die Erhöhung und Überkuppelung der Mitte (mit einem sog. böhmischen Gewölbe) den Zentralbauten genähert. Die Mosaikornamente zumal am Tonnengewölbe des vordern Kreuzarms an Wert und Alter denen des orthodoxen Baptisteriums nahekommend. Das Äußere ein roher Ziegelbau, klein und unscheinbar.

Der eigentlichen Kirchen sind unter den Zentralbauten allerdings nur wenige bedeutende, wenn S. Lorenzo in Mailand (Seite 50 ff.) als antiker Thermenbau ausgeschieden werden muß.

Das einfachste Motiv zeigt der rätselhafte, im 5. Jahrhundert höchstwahrscheinlich als Kirche errichtete Bau S. Stefano rotondo auf dem Coelius zu Rom. Ein innerer Säulenkreis mit Bogen trägt den zylindrischen Oberbau, wozu er im Verlauf der Zeit einer halbierenden Zwischenmauer auf zwei Säulen und drei Bogen als Unterstützung bedurfte. Ein äußerer Säulenkreis ist seit dem 15. Jahrhundert durch dazwischengezogene Mauern zur Grenze der Kirche geworden; der äußerste Mauerumfang wurde aufgegeben und ist nur noch in Trümmern vorhanden. Es sind lauter weite Räume, nicht auf Wölbung, sondern auf flaches Eindecken berechnet. Der Altar unter dem hohen Mittelraum ist modern; an einem erhaltenen Stück des äußersten Umganges ist für den ursprünglichen Altar eine eigene Tribuna eingerichtet. Die höchst rohen ionischen Kapitelle passen kaum zu der beglaubigten Einweihungszeit (468–483), wenn man erwägt, daß diejenigen von S. Maria maggiore kaum 30 Jahre älter sind, allein der Zustand Roms in dieser Zeit würde am Ende jede Mißform erklären.

Weit das wichtigste Gebäude dieser Gattung ist jenes berühmte Achteck San Vitale zu Ravenna, in der letzten Ostgotenzeit erbaut, zu Anfang der byzantinischen Herrschaft ausgeschmückt (Mitte des 6. Jahrhunderts). Nachahmung zentraler Kirchen des Orients, mit oberm und unterm Umgang, dessen acht einzelne Seiten mit Stellungen von je zwei Säulen im Halbrund einwärtstreten; die Kuppel der Leichtigkeit wegen aus tönernen Hohlkörpern (Amphoren) konstruiert, leider durch Stukkozieraten entstellt: die Tribuna als besonderer Ausbau durch den Umgang hindurchgelegt: die jetzige Vorhalle nicht die ursprüngliche; die Außenmauern schlicht. Der Eindruck reich, aber unruhig; das Einwärtstreten der Säulenstellungen aus einem Zweck perspektivischer Scheinerweiterung, welche erst wieder im Barockstil des 17. Jahrhunderts ihresgleichen findet. (Vgl. S. 51, S. Lorenzo.) Der untere Teil der Wände und der Fußboden sind oder waren auf das kostbarste inkrustiert. Einen andern Nachklang byzantinischen Zentralbaues gewährt die Kirche S. Fosca auf Torcello bei Venedig, welche dem Verfasser nur aus Abbildungen bekannt ist. Als lebensfähiges Motiv für große Binnenräume verdient sie die Beachtung der Architekten – In den ältern kleinen Kirchen Venedigs selbst zeigt sich ein merkwürdiges Schwanken zwischen den beiden Systemen; es sind kurze Basiliken mit einer Kuppel über der Kreuzung; S. Giacometto di Rialto, angeblich schon aus dem 5. Jahrhundert, ist jedenfalls das älteste dieser Kirchlein, die Bauform als solche reicht aber bis ins 15. Jahrhundert hinunter. (Z. B. S. Giovanni Crisostomo, 1483 von Tullio Lombardo erbaut.) S. Tommaso in Limine, dritthalb Stunden von Bergamo (9. Jahrhundert), ist wieder ein einfacher Rundbau; Zylinder mit Kuppel auf Säulen; runder Umgang mit hinausgebauter Tribuna.

Endlich S. Angelo zu Perugia, wahrscheinlich noch aus dem ersten Jahrtausend; ein Sechzehneck. Über 16 (spätkorinthischen) Säulen erhebt sich der Zylinder; aus acht Ecken springen Bogen hervor gegen die Mitte und tragen das Dach; ebenso tragen sechzehn von Wandpilastern aus gegen den Zylinder hinansteigende Bogen das Dach des Umganges. Ohne die modernen Zutaten würde dieses sehr glücklich gedachte Gebäude mit seinem ausschließlichen Oberlicht (durch die Fenster des Zylinders) eine bedeutende Wirkung machen.

Bei all diesen Gebäuden des ersten Jahrtausends, mit ihren Säulen und andern Fragmenten aus dem Altertum, trägt eine historische Ideenverbindung, selbst in unbewußter Weise, sehr viel zur Wertschätzung bei. Es ist ein Weltalter, das die Erzeugnisse eines andern zu seinen neuen Zwecken aufbraucht; eine Kirche, der unsere Phantasie einen geheimnisvollen Nimbus gibt und deren Andenken mit der ganzen europäischen Geschichte unlösbar durcheinander geflochten ist. Diesen mitwirkenden Eindruck elegischer Art möge man von dem künstlerischen getrennt halten. Es handelt sich eben doch um lauter zusammengesetzten Notbehelf, dessen Ganzes nie einen wahrhaft harmonischen Eindruck machen kann. Wohin mußte es schon im 6. Jahrhundert in Italien gekommen sein, wenn man für die ravennatischen Kirchen, in Ermanglung antiker Bruchstücke, die Säulen und Kapitelle aus der Gegend von Konstantinopel fertig holen ließ? Selbst die baulichen Kombinationen und Ideen kamen, wie erwähnt, teilweise von Osten her.

Und doch keimt neben der Barbarisierung der größern Bauformen ein Rest schöner Einzelbildung weiter in Gestalt des Ornamentes zu gewissen Zwecken.

Der Schutt Roms war damals unermeßlich reich an kleinern Baustücken aller Art, die jedem zu Gebote standen. Aus steinernen und tönernen Konsolen, Simsfragmenten, Kassetten usw. entstand im 10. Jahrhundert die sog. Casa di Pilato (richtiger Haus des Crescentius). Außerdem aber gab es und gibt es stellenweise noch Platten von kostbaren Steinen, mit welchen einst die Wände der Paläste belegt gewesen waren; es gab Porphyrsäulen und Fragmente solcher, auch vielen grünen numidischen Marmor und Giallo antico. Diese Reste zerschnitt man und setzte daraus neue Zeichnungen zusammen; die zu Scheiben gesägten Porphyrsäulen pflegten dann die Mitte der zu verzierenden Fläche einzunehmen; das übrige wurde mit gelbem, grünem und weißem Marmor ausgelegt. Das inzwischen sehr emporgekommene Mosaik half mit seinen Glaspasten und zumal mit Gold nach; doch blieb der Stein in Rom immer das Vorherrschende, und diese Dekoration ist daher schon von Anfang an etwas anderes als die sarazenische oder moreske, welche wesentlich auf Glaspasten beschränkt blieb. Letzteres gilt, wie wir sehen werden, auch von der unteritalischen.

Die Gegenstände, um welche es sich handelt, sind Fußböden, Türpfosten, bischöfliche Throne, Lesepulte (Ambonen, Analogien), Schranken und Einfassungen von Sitzen, Altäre und Säulen für die Osterkerze. Die der Skulptur und der plastischen OrnamentikWas von dieser in Rom vor dem 12. Jahrhundert vorkommt, ist äußerst barbarisch, und so auch Späteres, was nicht von den Cosmaten herrührt. unfähig gewordene Kunst ergeht sich in einem angenehmen mathematischen Linienspiel, im Wechsel bunter Flächen. – Manche der betreffenden Überreste sind frühmittelalterlich, allein wir sind nicht imstande sie auszuscheiden von denjenigen des 12. und 13. Jahrhunderts, unter welchen sich die wichtigsten mit befinden. Damals tat sich nämlich in Rom die Familie der Cosmaten (Laurentius, Jacobus, Johannes usw.) mit solchen Arbeiten hervor; für diese kleinern, dekorativen Aufgaben studierten sie zum erstenmal wieder einigermaßen die Bauwerke des Altertums und sahen denselben wenigstens das Notwendigste für die Profile der Einfassungen, Ränder, Gesimse usw. ab. Dieser kleine Anfang von Renaissance macht einen erfreulichen Eindruck, obschon er die Baukunst im großen nicht berührte.

Von den unzerstörbaren Fußböden aus jenen harten Steingattungen enthält jede ältere und auch manche sonst modernisierte Kirche ein Stück, wenigstens im Chor. (S. Cecilia, S. Alessio, S. Crisogono, SS. Giovanni e Paolo, S. Gregorio, S. Prassede und viele andere.) Die reichsten sind mehr oder weniger sicher, und zwar spät datiert: der in S. Maria in Cosmedin (um  1120), der prachtvolle von S. Maria maggiore (um 1150), der von S. Maria in Trastevere (etwas früher), der sehr reiche in der Vorderkirche von S. Lorenzo fuori le mura (12. Jahrhundert, vielleicht erst um 1220). Im Detail Teppichmustern ähnlich, doch als Ganzes anders komponiert, geben sie deutliches Zeugnis davon, welchen Wert die Kirche von jeher auf schöne Fußböden gelegt hat. Zu einer Zeit, da die Kunst sich noch an das Material halten, durch Goldgerät, Prachtgewebe und Mosaiken den Eindruck des Heiligen und Außerweltlichen hervorbringen muß, weil sie die ewige Form nicht mehr oder noch nicht schaffen kann, – zu einer solchen Zeit gebührte auch dem Fußboden, der ja ein geweihtes Asyl bezeichnete und den Schauplatz für die heiligsten Begehungen ausmachte, eine Ausstattung, die ihn von dem profanen Draußen auf das stärkste unterschied.

Außerhalb Roms hat auch S. Vitale in Ravenna einen prächtigen Boden von Steinmosaik, ebenso S. Marco in Venedig. Doch herrschen andere Dessins und Steinarten vor. Die übrigen steinernen Schmucksachen sind hauptsächlich in folgenden Kirchen von Rom zerstreut:

S. Agnese fuori le mura: Wandbekleidung und Sitz im Chor (7. Jahrhundert); Altar einer Nebenkapelle.

S. Cecilia: der Altartisch; sein Tabernakel erst vom Ende des 13. Jahrhunderts.

S. Cesareo: mehrere Altäre, ein reicher Bischofsstuhl mit gewundenen mosaikierten Säulen, ein Pult, reiche Chorschranken, – eine der bedeutendsten Kirchen hierfür.

S. Clemente: der Altartabernakel und die vollständige Einrichtung des Chorus (s. oben S. 77 und 83).

S. Giorigio in Velabro: zierlicher Altartabernakel.

S. Lorenzo fuori le mura: das Pult (Ambo) rechts das herrlichste unter den vorhandenen; die Brustwehren und der Bischofsstuhl in der hintern Kirche ebenfalls vom zierlichsten Cosmatenstil; der Altar vom Jahre 1148.

S. Maria Araceli: willkürlich getrennte und neu zusammengesetzte Pulte, von den Cosmaten Laurentius und Jacobus; im linken Querschiff die Ara.

S. Maria in Cosmedin: Boden, Bischofsthron und Pult um 1120 im Auftrag des Kardinals Alphanus gefertigt, dessen Grab in der Vorhalle.

SS. Nereo ed Achilleo: Pult, Schranken, Kandelaber, Bischofsstuhl und Fußboden.

Geringere Reste in S. Balbina, S. Pancrazio, S. Saba (datierte Türeinfassung des Cosmaten Jacobus) usw.In Ravenna sind derartige Gegenstände meist aus älterer Zeit und nicht mosaikiert, dagegen merkwürdig als späte Urkunden der antiken plastischen Dekoration. In S. Apollinare in Classe: die Abschlüsse der Rundbank der Tribuna, entlehnt vom Bischofsstuhl des h. Damian († 705); der Altartabernakel am Ende des linken Seitenschiffes (8068–10); beide Werke mit schon kalligraphisch leblosen Zieraten. – In S. Agata: der runde Ambo, spätrömisch. Im Dom: Chorumgang: die beiden abgesondert eingemauerten Hälften des runden Ambons aus der Zeit des Erzbischofs Agnellus (556–569) mit flachen Tierfiguren in lauter viereckigen Feldern, schon sehr roh; in der Sakristei der elfenbeinerne Bischofsstuhl des h. Maximian (546–556), s. d. Skulptur. – In SS. Nazario e Celso (Galla Placidia): der Altartisch aus dünnen Alabasterplatten, weniger wegen der unbedeutenden Reliefs merkwürdig, als weil er auf Erhellung durch hineingestellte Lampen berechnet war. – In S. Apollinare nuovo der besterhaltene Ambon, auf vier Säulen, mit reichem römischem Detail in barbarischer Anwendung usw.

Auch die beiden Ambonen und das kleine Sacellum (an einem Pfeiler links) in S. Marco zu Venedig gehören eher dem Kreise dieser ravennatischen Dekoration an als der römischen. Leblose plastische Verzierung mit Vergoldungen, aber kein Mosaik; die Steingattungen sind an sich selbst schon kostbar genug. – Ein Unikum des 9. Jahrhunderts ist endlich der mit Relieffiguren versehene und (nach den alten Spuren neu) bemalte Tabernakel des Hochaltars in S. Ambrogio zu Mailand.

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Die einzige wahrhaft architektonische Blüte, welche diese Dekoratorenschule hervorbrachte, sind ein paar Klosterhöfe und kleinen Bogen und Säulchen, innen flachgedeckt oder gewölbt. Die einfachern derselben (bei S. Lorenzo fuori, S. Vincenzo alle tre fontane, S. Sabina) haben nichts als den Marmor vor irgendeinem frühen romanischen Kreuzgang in Deutschland voraus. An dem Hof von Subiaco dagegen bemerkt man schon einen Versuch, durch ernste Annäherung an die antiken Bauformen Seele und Sinn in die Halle zu bringen, und in den rosenduftenden Klosterhöfen des Laterans und der Abtei S. Paul sind diese antiken Formen sowohl durch Anwendung des prachtvollsten Mosaikschmuckes, als durch gemeißelte Marmorzieraten zu einer neuen und ganz eigentümlichen Belebung gediehen. (Erste Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts.) Unmittelbarer als in den ganzen Basiliken dieser Zeit, welche ältern Vorbildern nachfolgen, spricht sich hier der Formengeist der Epoche Innozenz III. aus. – Die Vorhalle des Domes von Cività Castellana zeigt ein ähnliches Zurückgehen auf klassische Vorbilder, verbunden mit zierlicher Mosaikierung. – Die letzten Cosmaten arbeiteten im gotischen Stil, wovon bei Gelegenheit.

Die unteritalischen, ganz auf der Glaspaste beruhenden Zierarbeiten des 11. und 12. Jahrhunderts (denn was Älteres darunter sein mag, läßt sich schwer ausscheiden) haben, wie gesagt, einige Motive mit den sarazenischen gemein, möglicherweise sogar die Urheber.

Weit das Umständlichste und Prachtvollste in dieser Art auf dem italischen Festlande: die Ambonen, die Sängertribüne, die Osterkerzensäule, der Rest der Chorschranken u. a. m. im Dom von Salerno.

Auch der Fußboden, von harten Steinen, ist wenigstens im Chor erhalten.

Einfachere Reste im Dom von Amalfi. (Das nahe Ravello hat der Verfasser nicht besucht.)

Im Dom von Capua sind am Grab Christi in der Krypta große Mosaikplatten von der ehemaligen Kanzel eingelassen, mit moresken Dessins, doch auch Mäander.

Im Dom von Sessa dient die sehr reiche Kanzel, deren Säulen auf Tieren ruhen, jetzt als Orgellettner; prachtvolle Mosaikplatten als Einfassungswände des jetzigen Chores; die Osterkerzensäule mit skulpierten Bändern unterbrochen. In der Kathedrale zu Fondi: Mosaikkanzel auf Säulen mit Tieren.

Im Dom von Terracina: eine ähnliche; die Osterkerzensäule, gewunden und gestreift, eine der prächtigsten.

Es läßt sich nicht leugnen, daß die italische Kunstübung sich mit diesem anmutigen Spiel von Material und Farben begnügt, gleichzeitig mit den größten Fortschritten der nordischen Architektur. Diese, von Vernützung antiker Baustücke fast seit Anfang an abgeschnitten und, was mehr heißen will, von einem andern Geiste getragen, hatte inzwischen die erlöschenden Erinnerungen des römischen Stiles zu einem eigentümlichen romanischen Stil ausgebildet, der um 1200 schon im Begriff war, sich zum germanischen zu entwickeln. Diesem romanischen Stil stellt sich nun in Mittel- und Oberitalien ein nicht unwürdiges Seitenbild gegenüber.

Das große Verdienst, dem Basilikenbau zuerst wieder ein neues Leben eingehaucht zu haben, gebührt, was Italien betrifft, unstreitig den Toskanern. Der hohe Sinn, der dieses Volk im Mittelalter auszeichnet, und dem man auch ein stellenweises Umschlagen in die Sinnesart der Erbauer des Turmes von Babel verzeihen mag, begnügte sich schon frühe nicht mehr mit engen, von außen unscheinbaren und innen kostbar verzierten Kirchen; er nahm eine Richtung auf das Würdige und Monumentale. Dieselbe offenbarte sich zunächst, seit dem 11. Jahrhundert, in der Wahl des Baustoffes. Der Sandstein und Kalkstein, welchen man in der Nähe hatte, schien zu sehr der Verwitterung ausgesetzt; man holte in Carrara den weißen, anderswo schwarzen und roten Marmor und inkrustierte damit wenigstens den Kernbau, wenn man ihn auch nicht daraus errichtete. Zum erstenmal wieder erhielten die Außenwände der Kirchen eine organisch gemeinte, wenn auch zum Teil nur dekorativ spielende Bekleidung: Pilaster oder Halbsäulen mit Bogen, Gesimse, Streifen und Einrahmungen von abwechselnd weißem und schwarzem Marmor, nebst anderm mosaikartigem Zierat. An den größern Fassaden behauptete sich seit dem Dom von Pisa ein System von mehrern Säulchenstellungen übereinander; die obern schmaler und dem obern Teil des Mittelschiffes (wenigstens scheinbar) entsprechend; unten größere Halbsäulen mit Bogen, auch wohl eine Vorhalle (Dome von Lucca und Pistoja). Im Innern rücken die Säulen auseinander; ihre Intervalle sind bisweilen beinahe der Breite des Mittelschiffes gleich, welches allerdings sich sehr in das Schmale und Hohe zieht; in den echt erhaltenen Beispielen hat es flache Bedeckung, während die Nebenschiffe gewölbt werden (S. Andrea in Pistoja). An den Säulen ist häufig der Schaft, außerhalb Pisa aber selten das Kapitell antik, obwohl die oft auffallende Disharmonie zwischen beiden (indem das Kapitell einen schmälern untern Durchmesser hat als der Schaft) auf die Annahme benutzter antiker Fragmente führen könnte; ein Rätsel, welches sich nur durch die Voraussetzung einigermaßen löst, daß die Kapitelle etwa aus wenigen Steinmetzwerkstätten für das ganze Land bestellt oder fertig gekauft wurden. Ihre Arbeit ist sehr ungleich, von der rohsten Andeutung bis in die feinste Durchführung des Korinthischen, auch der Composita. An den bedeutendern Kirchen versuchte man schon frühe, der Kreuzung des Hauptschiffes und des Querschiffes durch eine Kuppel die möglichste Bedeutung zu geben.

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