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Der bunte Vogel

Otto Erich Hartleben: Der bunte Vogel - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorOtto Erich Hartleben
booktitleNeuland
titleDer bunte Vogel
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090416
projectid2c435421
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Das Sonnenblatt

Die Stadt, in der ich geboren bin, liegt hoch im dunklen Gebirge. Weite Wiesen, auf denen der Klee wuchert, umgeben sie rings. Die Winde wehen frei über sie hin. –

Die Wiesen senken sich nach allen Seiten, und wo man auch hinabsteigt, tritt man bald in den schweigenden Wald. Die Edeltannen sind schwarz und ernst. Heimlich und furchtbar zugleich ist das Dickicht. Unsichtbar rauschen und murmeln die Bergquellen. Bei Nacht werden sie lauter. –

Ich war ein Kind und kannte nur die Wiesen und die Stadt. Es war eine kleine Stadt und alle Bewohner wußten, wer ich war. Sie waren freundlich gegen mich, denn meine Eltern waren hochangesehen und auch freundlich gegen jedermann. So durft' ich denn frei spielen überall, auf dem Markt, auf den Straßen und aus den Wiesen, nur in den Wald durft' ich nicht hinein: das war mir streng verboten.

»Im Wald ist es kalt,« sagten meine Eltern.

Wenn die Sonne auf das Heu schien und es dörrte, dann stieg ein Duft auf, stark und süß. Ich lag auf dem Rücken und glaubte ihn fast zu sehen, wie er sich hob in weißen, zarten Wogen. Ich griff mit den Händen empor und in mir wurd' es ganz warm vor Glück.

*

Das geschah es einmal, daß ich auch so dalag selig in den stillen Strahlen der Sonne. Da zogen Wolken vom Walde herauf und drängten sich vor das hohe Licht und ich sah das Heu nicht mehr duften.

Ein Schmerz, wie ich ihn zuvor noch nie gefühlt, ergriff mich da. Bisher wenn mich etwas gekränkt hatte, hatt' ich geweint und an meine Mutter gedacht, die meine Thränen trocknen konnte. Aber jetzt, da die Sonne verschwand und alles so farblos wurde um mich her, da konnte ich nicht weinen und dachte auch nicht an die Mutter. Aber schwerer, viel schwerer als je fühlte ich mich beklemmt und gequält ... das war ein Weh, das ich nicht kannte, das ich niemals geahnt hatte.

Und ich stand auf und sah mich um. Mir war – als sei in diesem Augenblicke ein neues Leben für mich angebrochen: ein Leben kalt und grau und nicht mehr bunt wie die Wiese, auf der der Klee wuchert.

Und meine Augen blieben auf dem dunkeln Walde haften. Von dorther waren die Wolken gekommen.

Ohne zu wissen, was ich that, ging ich langsam den Weg, der hinab in den Wald führte. Ich mußte ja nun da hinein ... hinter mir war es zu Ende. »Auch auf dem Markte liegt jetzt keine Sonne mehr« dachte ich im Weiterschreiten.

Es war ein Hohlweg, den ich ging. Er war schnurgerade. Hinten im Walde, es war kaum noch zu erkennen, brach er plötzlich ab. Dort war wohl ein Abgrund.

Und immer tiefer schnitt der Hohlweg in das Land ein. Schon konnte ich die Wiesen nicht mehr sehen ... über meinem Kopfe rechts und links war ihr Saum. Dort begann steiniges Geröll ... das war wie Mauern.

Nun hob ich die Augen nicht mehr von der Straße auf. Vor mir auf den Boden hielt ich den starren Blick gerichtet. »Ich will es nicht merken, wenn der Wald beginnt,« sagt' ich zu mir.

Es wurde dunkler um mich her, ich hörte ein Rauschen und ein kalter Luftstrom drang in den Hohlweg. »War das schon der Wald?« –

Da sah ich vor mir auf dem Wege, auf einem schmutzig gelben Stein, ein Blatt liegen ... ein Blatt, wie ich es noch nie gesehen. Es war ganz lang und schmal und spitz – fast wie eine Feder, aber ganz gerade, von schlanker Schönheit. Und es leuchtete und glänzte wie fließendes Gold.

Und ich hob es auf, vorsichtig faßt' ich es am breiten Ende. Es war ganz leicht und fühlte sich frisch an, wie ein Grashalm im Tau. Ich lachte es an und schwenkte es ein wenig. Was war das? War das auch die Sonne?

Und unwillkürlich hob ich es empor, gegen den Himmel, als müsse die Sonne hindurch scheinen.

»Das ist ja ein Sonnenblatt,« sagte ich und lächelte.

Da sah ich, wie sich die Wolken teilten und vor mir über dem Hohlweg zwischen zwei riesigen Tannenspitzen stand plötzlich die Sonne. Sie war blutrot und erschien mir so furchtbar groß und so schrecklich nah, daß ich im tiefsten Entsetzen zusammenfuhr. Das Blatt fiel mir aus der Hand und mir vergingen die Sinne. Im Niedersinken war es mir, als ob die beiden ungeheuren, schwarzen Riesentannen von rechts und links über mich zusammenstürzten ... dann sah ich die Sonne nicht mehr. –

Bergleute, die am Abend heimkehrten in die Stadt, fanden mich bewußtlos in dem Hohlweg liegen. Sie brachten mich in das Haus meiner Eltern.

Ich fiel in eine schwere, hitzige Fieberkrankheit, von der sich mein Gehirn nur langsam wieder erholte. Aber so ganz richtig ist es nie mehr mit mir geworden, ich taugte nachdem zu nichts Ordentlichem und habe schließlich ein Dichter werden müssen.








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