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James Fenimore Cooper: Der Bravo - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Bravo
publisherVerlag Das Neue Berlin, Berlin
isbn3-360-00073-0
translatorRichard Zoozmann
year1987
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid258ed961
created20061222
modified20170303
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Achtes Kapitel

Ein schönerer Tag, als dieser Nacht folgte, war noch selten heraufgekommen über die mächtigen Dome, über die prächtigen Paläste und schimmernden Kanäle Venedigs. Die Sonne stand noch nicht hoch über dem Horizont des Lido, als Hörner und Trompeten vom Markusplatze ertönten. Wie ein starkes Echo antworteten andere vom Arsenal. Tausend Gondeln glitten aus den Kanälen hervor und durchkreuzten in allen Richtungen den Hafen, die Giudecca und die verschiedenen Außenkanäle.

Die Bürger fingen an sich zu versammeln in ihrem Sonntagsputz, und zahllose Contadini landeten an den verschiedenen Brücken in der muntern Tracht des Festlandes. Der Tag war noch nicht weit vorgerückt, als alle Zugänge zum Markusplatz voll Gedränge waren, und während das Glockengeläute der ehrwürdigen Kathedrale freudige Klänge erschallen ließ, wimmelte der Platz von einer frohen Menge. Kurz, man sah Venedig und sein Volk in alter Heiterkeit eines italienischen Lieblingsfestes, der Ausfahrt des Dogen mit dem Buzentauren und die Zeremonie seiner symbolischen Vermählung mit dem Meer.

Inzwischen begannen reich verzierte und vergoldete Gondeln sich zu Hunderten im Hafen zu versammeln. Die Schiffe kamen sämtlich in Bewegung, und eine breite Straße ward eröffnet vom Kai, am Ende der Piazetta, bis zu dem entfernten Damm, der den Fluten des Adriatischen Meeres wehrt.

Sowie der Tag zunahm, vergrößerte sich die Volksmenge; die weiten Ebenen Paduas schienen alle ihre Bewohner herzugeben, um die Zahl der Fröhlichen zu vermehren. Dann kamen die reichen Fahrzeuge der fremden Gesandten, und dann unter dem Klang der Klarinetten und dem Geschrei des Volkes ruderte der Buzentaur aus dem Kanal des Zeughauses hervor und schwebte seinem Standorte am Kai des Markusplatzes zu.

Nach diesen Präliminarien, die einige Stunden währten, sah man die Pikenträger des Staatsoberhauptes eine Gasse im Gedränge eröffnen. Darauf verkündigten die Harmonien vieler Instrumente die Ankunft des Dogen.

Da drängte sich durch die Wachen ein Mann mit gebräuntem Gesicht, mit bis ans Knie nackten Beinen und offener Brust und warf sich auf den Steinen des Kais dem Dogen zu Füßen.

»Gerechtigkeit – großer Fürst!« schrie der kühne Fremde. »Gerechtigkeit und Gnade! Höre einen Untertan, der für San Marco geblutet und der seine Narben zu Zeugen hat.«

»Gerechtigkeit und Gnade sind nicht immer Gefährten!« bemerkte ruhig der Mann, der die gehörnte Mütze trug, und bedeutete seinem Gefolge, den Eingedrungenen nicht zu verscheuchen.

»Mächtiger Fürst, ich komm, um Gnade zu bitten.«

»Wer bist du, und was treibst du?«

»Ein Fischer von den Lagunen, ich heiße Antonio und bitte um Freiheit für die Stütze meines Alters – einen prächtigen Knaben, den mir die Politik des Staates gewaltsam entrissen hat.«

»Das sollte nicht sein. Gewalt ist nicht eine Eigenschaft der Gerechtigkeit – aber der junge Mensch hat wohl die Gesetze verletzt und büßt sein Verbrechen?«

»Seine Schuld, großer und erhabener Gebieter, ist Jugend, Gesundheit und Kraft und einige Geschicklichkeit im Schifferhandwerk. Ohne seine Zustimmung haben sie ihn hinweggeführt zum Galeerendienst, und ich bin allein in meinem Alter.«

Der teilnehmende Ausdruck, der sich über die Züge des Fürsten ergossen hatte, verwandelte sich augenblicklich. Das Auge, das noch eben von Mitgefühl erglänzte, wurde kalt und der Blick entschlossen, und indem er seinen Wachen winkte, verbeugte er sich mit Würde gegen die fremden Gesandten, die aufmerksam und neugierig umherstanden, zum Zeichen, daß er aufbrechen wolle.

»Schafft ihn hinweg!« rief ein Offizier, der des Dogen Blick verstanden hatte. »Die Feierlichkeiten sollen um solch ein müßiges Gesuch nicht verzögert werden.«

Antonio widerstand nicht, sondern von denen gedrängt, die ihn umringten, wich er bescheiden zurück unter die Menge. In wenigen Augenblicken war die durch diese kurze Szene hervorgebrachte Unterbrechung vergessen.

Als der Fürst mit seinem Gefolge Platz genommen und sich ein Admiral an das Steuerruder gestellt hatte, bewegte sich das große prächtige Schiff mit seinen vergoldeten Galerien, ganz erfüllt von Menschen, schwer und gewaltig vom Kai hinweg. Seine Abfahrt wurde wieder von einer Fanfare der Trompeten und Klarinetten und vom Jauchzen des Volkes begleitet. Die Haufen drängten sich nun an den Rand des Wassers, und als der Buzentaur etwa die Mitte des Hafens erreicht hatte, war die Flut schwarz von den Gondeln, die sich anschlossen.

Der Buzentaur machte endlich halt, ein Raum um ihn her wurde von allen Barken frei gemacht, und der Doge trat auf eine Galerie, die so hoch war, daß ihn jeder sehen konnte. Er erhob einen von Edelsteinen glänzenden Ring, und nachdem er die Trauungsworte gesprochen hatte, senkte er diesen ins Meer, in den Schoß seiner vermeintlichen Gemahlin. Beifallsgeschrei erhob sich, Trompeten schmetterten, und jede Dame wehte mit ihrem Schnupftuche, die freudige Verbindung zu beglückwünschen. Mitten unter dem Lärm, den besonders der Kanonendonner vom Bord der Kreuzer im Kanal und vom Geschütze des Zeughauses vergrößerte, glitt ein einzelnes Boot in den unter der Galerie des Buzentauren gelassenen offenen Raum. Die leichte Gondel regierte ein geschickter und noch kräftiger Arm, obgleich das Haar des Ruderers spärlich und grau war. Ein flehender Blick traf die freudeglänzenden Gesichter im Gefolge des Fürsten; darauf wandte sich das Auge aufmerksam dem Wasser zu. Eine kleine Fischerboje fiel aus dem Boote, das so schnell verschwand, daß unter dem Leben und Getümmel des Augenblicks die ganze Erscheinung von der aufgeregten Masse kaum wahrgenommen wurde.

Die Prozession schiffte nun wieder der Stadt zu. Das Volk erfüllte die Luft mit Freudengeschrei über die glückliche Beendigung einer Zeremonie, der ihr Alter und die Sanktion des Papstes eine Art Heiligkeit gegeben hatte, die noch durch Aberglauben vermehrt ward. Einigen freilich von den Venezianern selber war die berühmte Vermählung mit dem Adriatischen Meere ganz gleichgültig, und manche Gesandte der bedeutenden nördlichen Seemächte, die der Feierlichkeit beiwohnten, bargen kaum ihr Lächeln. Aber der Einfluß der Gewohnheit, weil sich auch selbst Anmaßung, wenn sie lange und mit Ausdauer behauptet wird, unter den Menschen in Geltung setzt, war noch so mächtig, daß weder die zunehmende Ohnmacht Venedigs noch das bekannte Übergewicht anderer Mächte auf dem Elemente, das durch dieses Prunkfest als Besitz des heiligen Markus zur Schau gestellt ward, die Ansprüche Venedigs so lächerlich machte, als sie verdient hätten.

Der Buzentaur kehrte nicht geradewegs zum Kai zurück, um seine schwere und würdereiche Last abzusetzen; sondern mitten im Hafen warf das verzierte Schiff Anker, der weiten Mündung des großen Kanals gegenüber. Hier waren Beamte seit dem frühen Morgen geschäftig gewesen, alle großen Fahrzeuge und schweren Boote, deren Hunderte im Hauptkanal der Stadt lagen, aus der Mitte der Straße hinwegzuräumen. Jetzt luden Herolde die Bürger ein, der Regatta beizuwohnen, die die öffentlichen Feierlichkeiten des Tages beschließen sollte.

Venedig ist in dieser Art von Kampfspiel durch die eigentümliche Geübtheit und zahllose Menge seiner Bootsleute seit alter Zeit berühmt gewesen. Sobald der Buzentaur seinen Stand eingenommen hatte, wurden einige dreißig bis vierzig Gondolieri, aufs beste geputzt, im Kreise vieler besorgter Freunde und Verwandten vorgeführt. Man erwartete, daß sie den altbegründeten Ruhm ihrer verschiedenen Familien aufrechterhalten würden, und rief ihnen die Belohnungen des Sieges in das Gedächtnis, sie stärkten sich durch Gebete zu den Heiligen; endlich wurden sie unter dem Zurufe und den Segenswünschen der Menge entlassen, um ihre bestimmten Plätze dicht an dem Spiegel des Prunkschiffes einzunehmen.

Venedig wird durch seinen breitesten Kanal in zwei beinahe gleiche Massen geteilt. Dieser heißt Canale Grande (großer Kanal) wegen seiner Breite und Tiefe und wegen seiner größeren Wichtigkeit für die Stadt. Auf diesem Kanal sollte die Regatta vor sich gehen, weil er hinreichend lang und geräumig war und weil die Paläste der angesehensten Senatoren, die seine Ufer säumten, den Zuschauern des Kampfes die meiste Bequemlichkeit darboten.

Die Bewerber nahmen ihre Plätze ein. Die Gondeln waren bei weitem größer als die gemeinhin üblichen, und eine jede war mit drei Bootsleuten bemannt und wurde von einem vierten gelenkt, der auf dem kleinen Verdeck des Hinterteiles am Ruder stand und steuernd zugleich das Boot beschleunigen half. An den Seiten waren kleine Stäbe mit Flaggen aufgesteckt, die mit den Farben verschiedener edeln Familien der Republik oder mit andern einfachen Devisen nach der Erfindungsgabe ihrer Besitzer geziert waren. Einige Schwenkungen mit den Rudern wurden gemacht; die Boote tanzten, so wie die Rennpferde zu kurbettieren pflegen, und als zum Signale eine Kanone gelöst wurde, flogen die Gondeln wie von selbst bewegt dahin. Ihrem Laufe folgte ein Zurufen den Kanal entlang, und eine eilfertige Bewegung der Köpfe ging schnell von Balkon zu Balkon.

Einige Minuten lang war der Unterschied der Kraft und Geschicklichkeit nicht sehr merklich. Keine von den zehn Gondeln zeigte sich im Vorteile. Nun aber, als die überwiegende Kunst des Steuermannes oder die größere Ausdauer der Rudernden oder ein verborgener Vorzug des Bootes selber hier und da wirksam zu werden anfing, teilte sich allmählich der Haufen der Fahrzeuge. Der ganze Zug schoß unter der Rialtobrücke durch, so nah einer dem andern, daß der Sieg noch zweifelhaft war, und nun kam die wetteifernde Reihe dem Gesichtskreise der vornehmsten Personen des Staates auf dem Buzentaur näher.

Die Schwächeren fingen an nachzulassen, der Zug verlängerte sich, nach und nach wurden die Entfernungen zwischen den einzelnen Booten größer, während die Entfernung vom Ziel geringer wurde; endlich schossen drei Boote wie fliegende Pfeile, kaum eine Bootslänge auseinander, unter das Vorderteil des Buzentauren. Der Preis war gewonnen, die Sieger erhielten ihre Belohnung, und die Artillerie tat ihre üblichen Freudenschüsse.

Ein Herold verkündigte, daß ein neuer Wettkampf anderer Art beginne. Dieser, der ein Nationalrennen heißen könnte, stand nach altem Herkommen nur den anerkannten Gondolieri Venedigs offen. Der Preis war vom Staate festgesetzt, und das Ganze hatte einen förmlichen, fast politischen Charakter. Es wurde indessen bekanntgemacht, daß ein Wettlauf stattfinden sollte, an dem ein jeder teilnehmen dürfte, ohne Rücksicht auf Rang und Stand. Ein goldenes Ruder, das an einer Kette von demselben kostbaren Metalle hing, ward als das Geschenk des Dogen für den vorgezeigt, der die meiste Geschicklichkeit und Kraft entwickeln würde. Der zweite Preis war ein ähnlicher Zierat von Silber und der dritte ein kleines Boot von geringerem Metall. Die Fahrt sollte in den gewöhnlichen leichten Fahrzeugen der Kanäle ausgeführt werden, und da es galt, jene der Inselstadt eigentümliche Kunst zu zeigen, so durfte nur ein Ruderer die Gondel regieren, dem also das Forttreiben und Lenken des Fahrzeugs zugleich oblag. Alle, die sich anzuschließen wünschten, erhielten die Weisung, sich nach dem Spiegel des Buzentauren binnen einer festgesetzten ganz kurzen Frist zu begeben, damit ihr Wunsch vorgemerkt würde. Da diese Anzeige schon früher bekanntgemacht worden war, so verging nicht viel Zeit zwischen den beiden Wettkämpfen.

Aus der Schar von Booten, die den für die Bewerber offengelassenen Platz umringten, fuhr zuerst ein öffentlicher Gondoliere hervor, der wegen seines geschickten Ruders und wegen seines Gesanges auf den Kanälen berühmt war.

»Wie heißest du, und welchem Namen vertrauest du dein Glück an?« fragte ihn der Herold.

»Bartolomeo heiß ich, wie alle wissen, und befinde mich stets zwischen der Piazetta und dem Lido. Als ein ergebener Venezianer vertraue ich auf San Teodoro.«

»So bist du wohlbeschützt. Nimm deinen Platz ein und erwarte dein Glück.«

Voll Selbstbewußtsein schlug der Gondoliere das Wasser mit einer Rückbewegung seines Ruders, und die leichte Barke flog mitten in den leeren Raum hinein.

»Und wer bist du?« fragte der Beamte den nächsten.

»Enrico, Gondoliere von Fusina. Ich komme, um es mit den Prahlhänsen der Kanäle durch mein Ruder aufzunehmen.«

»Auf wen setzest du dein Vertrauen?«

»Auf Sant' Antonio di Padua.«

»Du wirst seine Hilfe nötig haben, wir loben aber deinen Mut. Fahre hinein und nimm Platz.«

»Und wer bist du?« fuhr er, zu einem dritten gewendet fort, als der zweite die kunstreiche Leichtigkeit dem ersten nachgetan hatte.

»Ich bin Gino von Kalabrien, Gondoliere in Privatdiensten.«

»Welchem Edeln dienest du?«

»Dem erhabenen und vortrefflichen Don Camillo Monforte, Herzog und Herr von Sant' Agata in Napoli und der seinem Recht nach Senator von Venedig ist.«

Unter den Senatoren war eine Bewegung bei Ginos Antwort entstanden, und der halb erschreckte Bursche glaubte saure Blicke auf manchen Gesichtern wahrzunehmen. Er schaute sich nach dem um, den er gepriesen hatte, als solle ihm der zu Hilfe kommen.

»Willst du deinen Schutzpatron in diesem großen Wettkampfe nicht nennen?« hob der Herold wieder an.

»Mein Gebieter«, sagte der bestürzte Gino, »und St. Januarius und St. Markus.«

»Du bist wohlbeschützt. Sollten dir die beiden letzteren fehlen, so kannst du auf den ersten doch mit Sicherheit zählen.«

»Signore Monforte hat einen berühmten Namen und ist uns willkommen bei unsern Spielen in Venedig«, bemerkte der Doge, sich leicht verbeugend gegen den jungen kalabrischen Edeln, der ganz in seiner Nähe aus einer Prunkgondel dem Schauspiel mit großer Teilnahme zusah. Er dankte dem Dogen mit einer tiefen Verbeugung dafür, daß er die Spöttereien des Beamten unterbrochen hatte, und das Geschäft ging seinen Gang fort.

»Begib dich an deinen Platz, Gino von Kalabrien, und das Glück geleite dich«, sagte der Beamte, und sich dem nächsten Bewerber zuwendend, sagte er verwundert: »Weshalb kommst du hierher?«

»Um die Schnelligkeit meiner Gondel zu versuchen.«

»Du bist alt und diesem Kampfe nicht mehr gewachsen. Spare deine Kraft für dein Tagewerk. Ein übel angebrachter Ehrgeiz hat dich zu diesem nutzlosen Unternehmen bewogen.«

Der neue Bewerber hatte ein gemeines Fischerboot von gutem Bau und hinlänglicher Leichtigkeit, aber abgenutzt durch den täglichen Gebrauch, unter die Galerie des Buzentauren gebracht. Er nahm den Vorwurf demütig hin und war schon im Begriff, sein Boot mit trauriger, gekränkter Miene umzuwenden, als ein Zeichen des Dogen ihn zurückhielt.

»Frage ihn wie gewöhnlich«, sagte der Fürst.

»Wie heißest du?« fuhr der Beamte widerstrebend fort.

»Ich bin Antonio, ein Fischer von den Lagunen.«

»Du bist alt.«

»Signore, das weiß niemand besser als ich, denn es sind sechzig Sommer, seitdem ich zum ersten Male Netz oder Schnur in das Wasser warf.«

»Du bist auch nicht so gekleidet, wie sich's bei einer Regatta vor dem Adel Venedigs geziemt.«

»So gut, als ich's habe. Mögen die sich, die den Edeln mehr Ehre machen wollen, besser kleiden.«

»Der Kampf steht allen offen«, sagte der Doge. »Doch würde ich dem armen, alten Mann empfehlen, Rat anzunehmen. Man gebe ihm Geld, denn gewiß treibt ihn die Not zu diesem hoffnungslosen Versuch.«

»Du hörst es, Almosen wird dir geboten. Mache nur denen Platz, die zum Spiele tüchtiger und besser angetan sind.«

»Der Kampf, sagten sie, stehe allen offen, und ich bitte die Edeln um Verzeihung, weil ich nicht gemeint habe, ihnen Unehre zu machen.«

»Gerechtigkeit im Palaste und Gerechtigkeit auf den Kanälen«, fiel der Fürst hastig ein. »Wenn er drauf besteht, so hat er ein Recht dazu. Es ist der Stolz der Republik, daß sie die Waage im Gleichgewicht erhält.«

»So will ich denn versuchen, was dieser nackte Arm noch vermag«, sagte Antonio. »Meine Gliedmaßen sind voll Narben, aber die Türken haben ihnen vielleicht doch noch Kraft genug gelassen zu dem Wenigen, was ich begehre.«

»Auf wen setzest du dein Vertrauen?«

»Auf den gelobten St. Antonius vom wunderbaren Fischzug.«

»So nimm deinen Platz. Ha, hier kommt jemand, der nicht gekannt sein will. Heda! Wer erscheint mit einem solchen falschen Gesicht?«

»Nenn mich Maske!«

»Ist es Ew. Hoheit Wille, daß ein verkleideter Mann am Spiele teilnehme?«

»Ohne Zweifel. Eine Maske ist geheiligt in Venedig. Es ist der Ruhm unserer vortrefflichen und weisen Gesetze, daß sie einem jeden, der seine eigenen Gedanken für sich haben will oder der die Züge seines Gesichtes vor der Neugier bergen will, verstatten, unsere Straßen und Kanäle zu durchziehen, so sicher, als wäre er in seinem eigenen Hause.

Dies sind die heiligen Vorrechte der Freiheit, und das will es sagen, ein Bürger zu sein in einer hochherzigen, edelgesinnten, freien Republik.«

Tausende verneigten sich diesem Ausspruche beifällig, und es verbreitete sich von Mund zu Mund das Gerücht, ein junger Adeliger sei im Begriffe, seine Tüchtigkeit in der Regatta zu versuchen, zur Ehre einer eigensinnigen Schönen.

»Das ist Gerechtigkeit!« rief der Herold mit lauter Stimme, als bezwänge in dem Feuer des Augenblicks die Bewunderung selbst seine Ehrerbietung. »Glücklich, wer in Venedig geboren ist! Auf wen verlässest du dich?«

»Auf meinen eigenen Arm!«

»Ha, das ist gottlos! Ein Übermütiger soll nicht das Vorrecht dieser Spiele genießen.«

Ein allgemeines Murren, wie es sich bei plötzlicher und heftiger Aufregung der Menge zu erheben pflegt, folgte der schnellen Äußerung des Herolds.

»Die Kinder des Staates«, bemerkte der ehrwürdige Fürst, »stehen alle unter einer unparteiischen Behörde. Das ist unser gerechter Stolz. Doch das ist keinem vergönnt, die Anrufung der Heiligen abzulehnen.«

»Nenne deinen Patron oder verlaß diesen Ort«, fuhr der gehorsame Herold fort.

Der Fremde schwieg einen Augenblick, als lese er in seinem Innersten, und erwiderte dann: »St. Johannes von der Wüste.«

»Du nennst einen Namen von gesegnetem Andenken.«

»Ich nenne einen, der sich vielleicht über mich erbarmt in dieser belebten Wildnis.«

»Du mußt die Stimmung deines Gemüts am besten selbst kennen, aber diese ehrwürdige Versammlung von Patriziern, dieser glänzende Kreis von Schönheiten und dies stattliche Volk heischen eine bessere Bezeichnung. Nimm deinen Platz ein!«

Während der Herold noch drei oder vier andere Gondolieri, die in Privatdiensten standen, als Teilnehmer vermerkte, lief ein Gemurmel durch die Zuschauer, das den Anteil und die Neugier verkündete, die durch das Auftreten und die Antworten der beiden zuletzt erwähnten Bewerber erregt wurden. Der Herold machte kund, daß die Liste geschlossen sei, und die Gondeln wurden, wie zuvor, nach dem Platze des Auslaufs bugsiert, so daß der Raum am Spiegel des Buzentauren leer blieb. Die folgende Szene ging daher gerade unter den Augen jener ernsten Männer vor sich, die sich mit den meisten Privatverhältnissen der Familien nicht minder als mit den öffentlichen Angelegenheiten Venedigs zu beschäftigen pflegten.

Es schwärmten nämlich viele Gondeln umher, und unmaskierte Damen von hoher Geburt saßen darin, begleitet von Kavalieren in reichem Putz. Hier und da blitzten ein Paar schwarze, leuchtende Augen durch die seidene Maske, die das Antlitz einer Schönen barg. Eine Gondel vor allen andern trug eine herrliche Gestalt, deren Schönheit und Anmut sogar durch die halbe Verkleidung, in die sie sich hüllte, hindurchschimmerten. Das Fahrzeug, die Diener und die Damen, denn es waren ihrer zwei im Boote, zeichneten sich aus durch jene vollendete Einfachheit des Äußeren, die häufiger bei einem gebildeten Geschmack angetroffen wird als prunkende Überladung des Schmuckes. Ein Karmeliter, dessen Gesicht sich in der Kutte barg, ließ auf den hohen Stand der Damen schließen und verlieh als ein ernster Beschützer ihrer Erscheinung Würde. Hundert Gondeln näherten sich dieser einen und schlüpften wieder hinweg nach vergeblichem Bemühen, die Damen durch die Verkleidung zu erkennen. Geflüster und Fragen über Namen und Stand der jungen Schönheit liefen aber von einem zum andern. Endlich fuhr in den Kreis der Neugierigen eine stattliche Barke ein, mit wohlberechneter Pracht ausgestattet und mit Gondolieri in prächtiger Livree bemannt Ein einziger Kavalier saß darin. Er erhob sich und begrüßte die maskierten Damen mit der Sicherheit eines an vornehmen Umgang gewöhnten Mannes, aber mit der Zurückhaltung tiefer Ehrfurcht.

»Mein Lieblingsdiener«, sagte er galant, »nimmt an diesem Rennen teil, und ich kann auf seine Geschicklichkeit und Kraft Vertrauen setzen. Ich habe mich bisher vergeblich nach einer so schönen und tugendhaften Dame umgeschaut, daß ich sein Glück an ihr wohlwollendes Lächeln knüpfen könnte, nun aber suche ich nicht weiter.«

»Ihr habt ein durchdringendes Auge, Signore, daß Ihr auch unter diesen Masken das entdeckt, was Ihr suchet«, erwiderte eine von den Damen, während sich ihr Begleiter, der Karmeliter, mit Anstand bei der Höflichkeit des Fremden verbeugte.

»Erkennt man sich denn nur an den Augen, meine Damen, und bewundert nur mit den Sinnen? Ihr mögt Euch verstecken, wie Ihr wollt, ich weiß es dennoch, daß mir das schönste Gesicht nahe ist, das wärmste Herz und das reinste Gemüt in ganz Venedig.«

»Eine kühne Prophezeiung, Signore!« sagte die ältere von den beiden Frauen und sah auf ihre Gefährtin, als wollte sie erforschen, welche Wirkung auf diese die galante Rede hervorbringe. »Venedig ist berühmt durch die Schönheit seiner Frauen, und Italiens Sonne erwärmt manch edles Herz.«

»So herrliche Gaben sollten lieber zum Preise des Schöpfers als des Geschöpfes angewendet werden«, murmelte der Mönch.

»Es gibt doch Leute, heiliger Vater, die für beide Bewunderung hegen. Dies, darf ich hoffen, ist wenigstens das glückliche Los derer, deren der geistliche Rat eines so tugendhaften und weisen Mannes zugute kommt, als Ihr seid. Ihr überlasse ich mein heutiges Glück, komme, was da wolle, und ihr möcht ich gern wohl mehr überlassen, wenn ich dürfte.«

So sagte der Kavalier und überreichte der schweigenden Schönen einen Strauß der lieblichsten, duftigsten Blumen. Es waren auch solche darunter, denen die Dichtung die Bedeutung der Liebe und Treue beilegen. Die Dame, der dies artige Geschenk dargeboten ward, war unschlüssig, ob sie es annehmen dürfte.

»Nimm die Blumen, meine Liebe!« flüsterte ihr die Gefährtin sanft zu. »Der Kavalier, der sie darbietet, will nur einen Beweis seiner guten Lebensart geben.«

»Das wird sich am Ende zeigen«, versetzte hastig Don Camillo – denn er war es. »Signora, lebet wohl. Wir sind uns auf diesem Wasser wohl begegnet, wo uns weniger Zurückhaltung auferlegt war.«

Er verneigte sich und gab seinem Gondoliere ein Zeichen. Sogleich verlor er sich unter der Menge der Gondeln. Jedoch, ehe sich die Boote voneinander trennten, lüftete die Schöne ihre Maske ein wenig, als suchte sie Kühlung durch die frische Luft, und der Neapolitaner ward belohnt durch einen flüchtigen Blick in Violettas glühendes Gesicht.

»Dein Vormund blickt sehr verdrießlich her«, bemerkte Donna Florinde schnell. »Ich wundere mich, daß man uns erkannt hat.«

»Ich würde mich mehr wundern, wenn man uns nicht erkannt hätte. Ich würde den edeln neapolitanischen Kavalier unter Millionen herausfinden! Du denkst nicht an alles, was ich ihm schuldig bin.«

Donna Florinde erwiderte nichts. Sie wechselte mit dem Karmeliter verstohlen einen Blick voll Besorgnis; sie schwiegen aber beide, und es folgte dem Begegnen eine lange, gedankenvolle Pause.

Da weckte ein Kanonenschuß und ein Getümmel auf dem Canale Grande, dem Orte des beginnenden Kampfes, zunächst und danach eine helle Trompetenfanfare die kleine Gesellschaft aus ihrem Sinnen und erinnerte die ganze fröhliche, lachende Menge an ihren gegenwärtigen Zweck.

 

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