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James Fenimore Cooper: Der Bravo - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Bravo
publisherVerlag Das Neue Berlin, Berlin
isbn3-360-00073-0
translatorRichard Zoozmann
year1987
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid258ed961
created20061222
modified20170303
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Siebentes Kapitel

Eben als die geheimen Audienzen im Palaste Gradenigo beendigt waren, verlor auch der St.-Markus-Platz zum Teil seine Lebendigkeit. In den Kaffeehäusern saßen nur noch einzelne Gesellschaften, die Mittel und Lust hatten, kostbareren Vergnügungen zu frönen, während die übrigen, die ihre Gedanken den Sorgen des nächsten Tages zuwenden mußten, scharenweise zu ihren bescheidenen Wohnungen zurückkehrten. Einer jedoch von der letzteren Klasse blieb zurück an der Stelle, wo die beiden Plätze zusammenstießen, bewegungslos, als wären seine nackten Füße mit dem Stein zusammengewachsen, auf dem er stand. Es war Antonio.

Die Stellung des Fischers brachte seine muskulöse Gestalt und seine starren Züge ganz in die Beleuchtung des Mondes. Er heftete seinen dunkeln, kummervollen Blick fest auf die mildglänzende Scheibe, als wollte er in einer andern Welt den Frieden suchen, den er in dieser nicht gefunden hatte. Sein gebräuntes Gesicht trug den Ausdruck des Leidens. Ein tiefer Seufzer kämpfte sich aus der Brust des alten Mannes hervor, dann strich er sich die wenigen Haare, die ihm die Zeit noch gelassen hatte, hob seine Mütze vom Pflaster auf und wollte fortgehen.

»Du bist spät auf, Antonio«, ertönte eine Stimme dicht neben ihm. »Die Fische müssen hoch im Preise stehen, oder du mußt einen guten Fang getan haben, daß du dich bei deinem Gewerbe noch in dieser späten Stunde in der Piazza zu erlustigen Zeit findest. Du hörst, es schlägt eben die fünfte Stunde der Nacht.«

Der Fischer drehte den Kopf nach der Seite hin und blickte den Redenden, der maskiert war, einen Augenblick gleichgültig an, dann antwortete er: »Da du mich kennst, so weißt du wahrscheinlich auch, daß meiner nur eine leere Wohnung wartet. Wenn ich dir so bekannt bin, so ist dir ja wohl auch die Unbill nicht unbekannt geblieben, die mir widerfahren ist.«

»Wer hat dich beleidigt, guter Fischer, daß du selbst unter den Fenstern des Dogen so kühn davon sprichst?«

»Der Staat.«

»Das ist eine dreiste Rede für das Ohr des heiligen Marco! Zu laut gesprochen, könnte sie den Löwen dort zum Zorne reizen. Wessen klagst du denn die Republik an?«

»Führ mich nur hin zu denen, die dich schicken, so will ich ihnen die Mühe eines Unterhändlers ersparen. Ich bin bereit, selbst dem Dogen mein erlittenes Unrecht zu klagen, ein armer Greis wie ich hat von ihrem Zorne wenig mehr zu fürchten.«

»Du glaubst also, ich sei gesendet, dich zu verraten.«

»Du magst deine Sendung am besten kennen.«

Der andere nahm nun die Maske ab, und im Mondlicht erkannte Antonio seinen Gefährten.

»Jacopo!« rief der Fischer erstaunt. »Ein Mann deines Gewerbes kann mit mir nichts zu schaffen haben.«

Eine Röte, die selbst bei dem schwachen Mondlicht sichtbar war, überflog das Gesicht des Bravo, durch nichts anderes verriet er die Aufwallung seines Gefühls.

»Du irrst dich. Ich habe mit dir zu schaffen.«

»Achtet der Senat einen Fischer von den Lagunen der Mühe wert, daß er durch ein Stilett falle? So stoß denn zu«, sagte er und blickte auf seine braune, entblößte Brust, »hier ist nichts, das dich hindern könnte.«

»Antonio, du tust mir unrecht. Der Senat hat solche Absicht gar nicht. Vielmehr, weil ich gehört habe, daß du Grund zur Unzufriedenheit hast und nun öffentlich auf dem Lido und zwischen den Inseln über Dinge sprichst, die die Patrizier Leuten deines Standes gern aus dem Gesichte rücken, so komm ich als Freund, dich vor den Folgen solcher Unvorsichtigkeit zu warnen, nicht aber, dir Übles zuzufügen.«

»Bist du abgeschickt, mir dies zu sagen?«

»Alter Mann, die Erfahrung deiner Jahre sollte dich gelehrt haben, deine Zunge im Zaume zu halten. Was nützen eitle Klagen über die Republik, oder was für Früchte können sie bringen als Unheil für dich und das Kind, das du lieb hast.«

»Ich weiß nicht – aber wenn das Herz voll ist, so läuft der Mund über. Sie haben meinen Knaben weggenommen und haben mir wenig gelassen, das Wert für mich hätte. Das Leben, dem sie Gefahr drohen, ist zu kurz, um sich drum zu grämen.«

»Du solltest klug sein und deinen Kummer mäßigen. Signore Gradenigo hat sich dir immer freundlich bewiesen; und deine Mutter, hab ich gehört, war seine Amme. Wende dich mit Bitten an ihn, aber höre auf, den Zorn der Republik durch Klagen zu reizen.«

Antonio lauschte seinem Gefährten. Als er aber geendigt hatte, schüttelte er traurig das Haupt, als wollte er ausdrücken, daß auch von jener Seite keine Hoffnung mehr für ihn sei.

»Ich hab ihm alles gesagt, was ein Mann, der auf den Lagunen geboren und erzogen ist, zu sagen Worte hat. Er ist ein Senator, Jacopo! Und hat keinen Sinn für Leiden, die er nicht fühlt.«

»Ist es nicht unrecht, alter Mann, dem, der im Überfluß geboren ist, Hartherzigkeit vorzuwerfen, bloß weil er das Elend nicht fühlt, das auch du, wenn du könntest, gern von dir wiesest? Du hast deine Gondel und deine Netze und bist gesund und geschickt in deinem Handwerk, und so bist du glücklicher als jeder, der auch das entbehrt. – Willst du etwa dein Gewerbe liegenlassen und deinen kleinen Vorrat mit dem Bettler von San Marco teilen, damit euer Vermögen gleich sei?«

»Du magst recht haben in dem, was du über unsere Arbeit und unsere Hilfsmittel sagst, aber was unsere Kinder betrifft, da ist die Natur dieselbige in allen. Ich sehe nicht ein, warum des Patriziers Sohn frei gehen soll und der Sohn des Fischers bluten. Haben die Senatoren nicht Glücks genug an ihren Reichtümern und an ihrer Hoheit, daß sie mir mein Kind rauben?«

»Du weißt, Antonio, daß der Staat bedient sein will, und wollten die Staatsdiener in den Palästen starke Matrosen für die Flotte suchen, meinst du, sie möchten Leute finden, die dem geflügelten Löwen in der Stunde der Not Ehre machen würden? Dein alter Arm ist muskelfest, und dein Fuß wankt nicht auf dem Wasser, und sie suchen solche, die wie du für Schifferarbeit erzogen sind.«

»Du hättest noch hinzufügen können: Und deine alte Brust hat Narben. Ehe du geboren warst, Jacopo, zog ich gegen die Türken, und mein Blut ward für den Staat verschüttet wie Wasser. Aber das haben sie vergessen und haben reiche Marmorsteine in den Kirchen aufgerichtet, die Taten der Edeln zu rühmen, die doch ohne Wunde aus dem Kriege zurückkehrten.«

»Ich hab auch meinen Vater davon erzählen hören«, versetzte der Bravo düster und mit verändertem Ton der Stimme. »Auch er hat geblutet in jenem Kriege, aber es ist vergessen.«

Der Fischer warf einen Blick umher, und da er mehrere Gruppen auf dem Platze ganz in seiner Nähe sich unterhalten sah, bedeutete er seinem Gefährten, ihm zu folgen, und schritt den Kais zu.

»Dein Vater«, sagte er, während sie langsam nebeneinandergingen, »war mein Kamerad und mein Freund. Ich bin alt, Jacopo, und arm; meine Tage gehen hin mit Arbeit auf den Lagunen und meine Nächte mit Erholung und Stärkung für neues Tagwerk. Aber bekümmert hat es mich zu hören, daß der Sohn eines Mannes, den ich lieb hatte und mit dem ich so oft Gutes und Böses, Wohl und Weh geteilt habe, eine Lebensart ergriffen hat, wie die ist, die du dir erwählt haben sollst. Gold, das für Blut bezahlt wird, hat noch niemals Segen gebracht, weder dem Geber noch dem Empfänger.«

Der Bravo hörte schweigend zu, aber sein Gefährte, der ihm in einem anderen Augenblick und weniger aufgeregt als eben jetzt ausgewichen wäre, bemerkte, indem er ihm traurig ins Gesicht sah, daß sich dessen Muskeln leicht bewegten und daß eine Blässe die Wangen überzog, die das Mondlicht gespenstisch machte.

»Deine Armut hat dich zu schwerer Sünde verführt, Jacopo. Aber es ist nimmer zu spät, die Heiligen um Beistand anzurufen und das Stilett beiseite zu legen! Es dient einem Manne in Venedig nicht zum Ruhm, dein Gefährte zu heißen, aber der Freund deines Vaters wird den nicht verlassen, der seine Sünden bereuet. Wirf den Dolch weg und komm mit mir zu den Lagunen. Du wirst die Arbeit leichter zu tragen finden als die Schuld, und obschon du mir niemals das werden kannst, was mir der Junge war, den sie mir genommen haben – denn er war unschuldig wie ein Lamm! –, so wirst du mir immer der Sohn eines alten Kameraden sein. Komm mit mir zu den Lagunen, denn solche Armut und solch Elend, als ich erdulde, können nicht noch verächtlicher werden, auch nicht dadurch, daß du mein Gesell bist.«

»Was sagen denn die Menschen von mir, daß du mich so behandelst?« fragte Jacopo mit leiser, bebender Stimme.

»Ich wollte, sie sagten Unwahrheit! Aber wenige sterben in Venedig eines gewaltsamen Todes, ohne daß man dich nennte.«

»Würden sie denn leiden, daß ein so berüchtigter Mensch frei auf den Kanälen und auf dem Markusplatze umhergehe?«

»Wir kennen nie die Gründe, nach denen der Senat handelt. Einige sagen, deine Stunde sei noch nicht gekommen, andere sagen, dein Einfluß sei zu groß in Venedig, um dich zu richten.«

»Du hältst von der Tätigkeit der Inquisition nicht mehr als von ihrer Gerechtigkeit. Aber wenn ich heut nacht mit dir gehen wollte, wirst du dich dann mehr mäßigen unter deinen Kameraden vom Lido und von den Inseln?«

»Wenn das Herz beladen ist, so sucht ihm die Zunge Erleichterung zu schaffen. Ich wollte alles tun, um meines Freundes Sohn von seinen schlimmen Wegen abzuwenden, nur nicht meinen eigenen vergessen. Du bist gewohnt, Jacopo, mit den Patriziern zu tun zu haben. Könnte wohl einer in diesen Kleidern und mit einem so sonnverbrannten Gesicht dazu gelangen, mit dem Dogen zu reden?«

»Es fehlt in Venedig nicht an scheinbarer Gerechtigkeit, Antonio, der Mangel liegt in der wirklichen. Ich zweifle nicht, daß du gehört werden würdest.«

»So will ich hier warten auf den Steinen des Platzes, bis der morgende Prachtzug kommt, und sein Herz zur Gerechtigkeit zu bewegen suchen. Er ist ein Greis wie ich und hat auch geblutet für das Vaterland, und was noch mehr ist, er ist Vater.«

»Das ist auch Signore Gradenigo.«

»Du zweifelst an des Dogen Mitgefühl?«

»Du kannst es ja versuchen. Der Doge von Venedig wird das Gesuch des geringsten Bürgers anhören. Ich denke«, setzte Jacopo so leise als möglich hinzu, »er würde selbst mir Gehör geben.«

»Zwar bin ich nicht imstande, meine Bitte in geziemenden Reden einem so großen Fürsten vorzustellen, aber er wird die Wahrheit von einem gekränkten Manne hören. Sie nennen ihn den vom Staat Erwählten, nun, so sollte er auch mit Freuden der gerechten Sache ein Ohr leihen. Dies ist ein hartes Bett, Jacopo«, fuhr der Fischer fort, indem er sich auf das Fußgestell der Bildsäule San Teodoros setzte, »ich habe aber schon auf kälterer und ebenso harter Lagerstätte gelegen um geringerer Ursache willen und trefflich geschlafen.«

Der Bravo stand noch einen Augenblick neben dem alten Mann, der seine Arme über der dem Seewind offenen Brust verschränkte und sich anschickte, auf dem Platze Nachtruhe zu halten, wie dies unter Leuten seines Standes nicht ungebräuchlich war; als er aber bemerkte, daß Antonio ungestört zu sein wünschte, machte er sich auf und ließ den Fischer allein.

Die Nacht war ziemlich vorgerückt, und nur wenige Leute streiften noch auf den beiden Plätzen umher; Jacopo schaute sich um, und bemerkend, wie spät es sei und daß der Platz fast menschenleer war, ging er an den Rand des Kais. Hier lagen wie gewöhnlich die Boote der öffentlichen Gondolieri vor Anker, und über der ganzen Bucht herrschte eine tiefe Stille. Der Bravo hielt an, warf noch einen vorsichtigen Blick umher, legte seine Maske vor, machte ein Boot von seinen leichten Banden los und glitt im Augenblick mitten in das Bassin hinein.

»Wer da?« fragte jemand, der, wie es schien, auf einer etwas abseits liegenden Feluke Wache hielt.

»Ein Erwarteter!« war die Antwort.

»Roderigo?«

»Derselbe.«

»Du kommst spät«, sagte der Seemann von Kalabrien, als Jacopo auf dem niedrigen Deck der »Bella Sorrentina« stand. »Mein Volk ist längst unten, und ich hab schon dreimal von Schiffbruch und zweimal von schwerem Schirokko geträumt, seit ich dich erwarte.«

»So hast du mehr Zeit gehabt, den Zoll zu betrügen. Ist die Feluke fertig zur Arbeit?«

»Was den Zoll betrifft, so ist wenig zu lukrieren in solch einer gierigen Stadt. Die Senatoren nehmen allen Profit für sich und ihre Freunde, und wir armen Schiffsleute haben niedrige Fracht und schlechten Gewinn. Ich hab ein Dutzend Fässer Lacrimae Christi die Kanäle raufgeschickt, seit die Masken umherstreiften, außer dem hat sich nichts dargeboten. Dich zu stärken ist aber zur Not noch genug da. Willst du trinken?«

»Ich habe der Nüchternheit Treue gelobt. Ist dein Fahrzeug zu dem Geschäft bereit wie gewöhnlich?«

»Ist der Senat ebenso bereit mit seinem Gelde? Dies ist meine vierte Reise in seinem Dienste, und sie dürfen nur in ihre eigenen Geheimnisse gucken, so werden sie wissen, wie ich ihr Geschäft ausgeführt habe.«

»Sie sind zufrieden, und man hat dich gut bezahlt.«

»Sag es nicht. Ich habe durch eine glückliche Verladung in Früchten von den Inseln mehr Gold verdient als bei all ihrer nächtlichen Arbeit. Wenn die, die mich brauchten, der Feluke erlauben wollten, einigen Privathandel im Hafen zu treiben, so könnte Vorteil bei der Sache sein.«

»San Marco bestraft nichts schwerer als die Umgehung seiner Zölle. Nimm dich in acht mit deinen Weinen, daß du nicht Schiff und Reise und auch selbst deine Freiheit verlierst.«

»Das ist es gerade, worüber ich mich beschwere, Signore Roderigo. Schurke und Nichtschurke, das ist der Wahlspruch der Republik. Hier sind sie so streng gerecht wie ein Vater unter seinen Kindern, dort haben sie wieder Geschäfte, die mitten in der Nacht getan werden müssen. Ich liebe den Wiederspruch nicht, denn gerade wenn meine Hoffnungen ein wenig gestiegen sind durch das, was ich vielleicht ein bißchen zu nahe gesehen habe, werden sie in alle Winde gejagt von einem solchen Blitzblick, wie ihn nur der heilige Januarius selbst auf einen Sünder werfen mag.«

»Bedenke, daß du nicht in deinem weiten Mittelmeere bist, sondern auf einem Kanal von Venedig. Diese Sprache möchte dir nicht wohl bekommen, wenn sie minder freundliche Ohren vernähmen.«

»Ich dank dir für deinen guten Rat, aber der alte Palast dort ist schon eine gute Warnung für lose Zungen, wie ein Galgen an der Küste für einen Piraten. Ich hab um die Zeit, da die Masken hereinkamen, mit einem alten Kameraden auf der Piazetta gesprochen, und wir schwatzten über dieselbe Sache. Der hat mir erzählt, daß jeder zweite Mann in Venedig bezahlt ist, zu hinterbringen, was der erste redet und tut. 's ist ein Jammer, guter Roderigo, daß der Senat mit all seiner scheinbaren Liebe zur Gerechtigkeit so manche Schurken frei umhergehen läßt, Menschen, deren Anblick die Steine erröten macht in Scham und Verdruß.«

»Es ist mir nicht bewußt, daß man solche Leute öffentlich in Venedig sieht. Was heimlich geschieht, mag eine Zeitlang geduldet werden, weil sich den Tätern vielleicht nichts beweisen läßt, aber –«

»Cospetto! Man sagt mir, der Senat habe eine schnelle Manier, einem Sünder das Unrechttun zu verbieten. Da, da ist der gottlose Jacopo – was fehlt dir, Mann? Der Anker, auf den du dich lehnst, ist doch nicht glühend.«

»Er ist aber auch nicht von Flaum. Nichts für ungut, daß einem die Knochen können weh tun, wenn man sich auf dies harte Eisen lehnt.«

»Das Eisen ist von Elba – ist in einem Vulkan geschmiedet. Der Jacopo ist ein Mensch, den sie in einer rechtschaffenen Stadt nicht sollten frei umhergehen lassen, und doch sieht man ihn so gelassen auf dem Platze spazieren wie einen Edeln im Broglio.«

»Daß du von der verwegensten Faust und dem sichersten Stilett in Venedig nichts weißt, ehrlicher Roderigo, gereicht dir zur Ehre. Aber wir vom Hafen, wir kennen ihn gut, und wenn wir ihn sehen, dann fallen uns unsere Sünden ein und die Bußen, die wir versäumt haben. Ich wundere mich sehr, daß ihn die Inquisitoren nicht bei irgendeiner öffentlichen Feierlichkeit dem Teufel überliefern, zum Besten der kleineren Sünder.«

»Sind seine Verbrechen so erwiesen, daß sie ihn ohne Beweis verurteilen dürften?«

»Frag nur auf den Straßen. Es kommt keine Christenseele in Venedig unverhofft ums Leben, was doch nicht selten geschieht, ohne daß die Leute einen Stoß von seiner zuverlässigen Hand vermuteten. Signore Roderigo, Eure Kanäle sind bequeme Gräber für plötzlich Gestorbene!«

»Mich dünkt, du sprichst ungereimt. Erst sagst du von Spuren einer Erdolchung, und dann sagst du wieder, die Kanäle dienten dazu, den ganzen Leichnam zu verbergen. Es wird dem Jacopo gewiß unrecht getan, und es ist vielleicht alles bloße Verleumdung.«

»Man spricht wohl bei einem Priester von Verleumdung, denn das sind Christen, die ihren Namen reinhalten müssen, zur Ehre der Kirche; aber von Unrecht gegen einen Bravo zu reden ist mehr, als die Zunge eines Advokaten durchsetzen kann. Wenn die Hand mit Blut gefärbt ist, was tut es, ob die Schattierung ein wenig dunkler ist oder nicht.«

»Du hast recht«, erwiderte der vorgebliche Roderigo und holte tief Atem. »Es tut nichts, ob einer um vieler oder weniger Verbrechen willen verurteilt wird.«

»Weißt du, Freund Roderigo, dieser Gedanke hat mich weniger bedenklich gemacht in Hinsicht auf die Ladung, die ich bei diesem unserem geheimen Handel führe. Du bist ja im Dienste des Senates, werter Stefano, sag ich zu mir selber, drum ist keine Ursache, Umstände zu machen wegen der Art und Ware. Dieser Jacopo hat ein Auge, einen Blick, die ihn verraten würden, und säße er auf St. Peters Stuhle. Aber nimm doch die Maske ab, Signore Roderigo, und laß dir die Seeluft das Gesicht kühlen, 's ist Zeit, daß dieses argwöhnische Wesen zwischen alten und geprüften Freunden ein Ende nehme.«

»Wenn mir's nicht meine Verpflichtung gegen die verböte, die mich schicken, wollte ich dir gern von Gesicht zu Gesicht gegenüberstehen, Meister Stefano.«

»Schön! Trotz deiner Vorsicht, schlauer Herr, wollt ich von den Zechinen, die du mir bezahlen sollst, zehn Stück verwetten, daß ich morgen früh unter die Haufen des Markusplatzes gehen will und dich öffentlich bei Namen anrufen, unter Tausenden. Du kannst dich dreist demaskieren, denn ich sage dir, ich kenne dich so gut wie die Lateinsegelstange meiner Feluke.«

»Um so weniger brauche ich die Maske abzunehmen. Es gibt freilich gewisse Zeichen, an denen sich Leute wiedererkennen mögen, die so oft miteinander zu tun haben.«

»Du hast eine schmucke Gesichtsbildung, Signore, und brauchst sie nicht zu verstecken. Ich hab dich wohl erkannt unter den Herumzüglern, und du hast dich unbemerkt geglaubt. Und ich will dir so viel von dir selber erzählen, ohne dadurch einen Deut bei unserem Handel verdienen zu wollen, ein so schmucker Kerl wie du, Signore Roderigo, sollte lieber offen gehen, als sich hinter so einer Wolke zu verstecken.«

»Ich hab dir geantwortet. Dem Befehl des Staates muß Folge geleistet werden, aber da ich sehe, daß du mich kennst, so nimm dich in acht, es weiterzuplaudern.«

»Du bist bei deinem Beichtvater nicht sicherer, Diamine! Ich bin nicht der Mann, unter den Wasserhändlern herumzuscharwenzeln mit einem Geheimnis im Maule. Aber du lugtest seitwärts, als ich dir zuwinkte auf dem Kai beim Tanze mit den Masken. Nicht so, Roderigo?«

»Du bist geschickter, Meister Stefano, als ich gedacht hätte, abgerechnet deine Gewandtheit im Seefahren, die bekannt genug ist.«

»Es gibt zwei Dinge, Signore Roderigo, auf die ich stolz bin. Als Küstenfahrer gibt es wenige, die es mir gleichtun unter allerlei Winden, Schirokko, Levantwind und Westwind. Und zweitens, wenn es gilt, einen Bekannten auf der Maskerade zu erkennen, da will ich dir des Teufels Bockfuß sicherlich herausfinden, unter welche Verkleidung er sich stecke.«

»Das sind allerdings große Gaben für einen Mann, der von der See und einem gefährlichen Handel lebt.«

»Da kam ein gewisser Gino, Don Camillo Monfortes Gondoliere, ein alter Kamerad von mir, an Bord der Feluke und brachte ein maskiertes Frauenzimmer mit. Er hat das Mädel geschickt genug hier ausgesetzt, unter Fremden dachte er, aber ich hab sie auf den ersten Blick für die Tochter eines Weinhändlers erkannt, der schon von meinem Lacrimae Christi geschmeckt hat. Das Frauenzimmer war ärgerlich über den Streich, aber wir benützten die Gelegenheit und wurden einig über die paar Fässer, die unter dem Ballast lagen, während Gino auf dem Markusplatz ein Geschäft für seinen Herrn besorgte.«

»Was das für ein Geschäft war, hast du nicht erfahren, guter Stefane?«

»Was sollt ich, Meister Roderigo, der Gondoliere gönnte sich kaum Zeit zum Gruß, aber Annina –«

»Annina?«

»Jawohl. Du kennst Annina, des alten Tommaso Tochter; sie tanzte ja in derselben Reihe, in der ich deine Gestalt erblickte. Ich würde nicht so von dem Mädchen sprechen, wenn ich nicht wüßte, daß du selber der letzte nicht bist, der unverzolltes Getränk annimmt.«

»Was das betrifft, sei ohne Furcht. Ich hab dir geschworen, daß kein Geheimnis dieser Art über meine Lippen kommen soll. Aber diese Annina ist eine lebendige und kühne Dirne.«

»Unter uns, Signore Roderigo, es ist nicht leicht hier in Venedig zu sagen, wer im Solde des Senats steht und wer nicht. Ich hab mir oft eingebildet, nach deinen Manieren und dem Ton deiner Stimme zu urteilen, daß du der Galeerengeneral selber unter Verkleidung bist.«

»Und dies mit deiner Menschenkenntnis?«

»Wenn der Glaube niemals gegen Zweifel zu kämpfen hätte, so gälte er für kein Verdienst mehr.«

»Ich glaub's wohl. Aber wer ist der Gino, von dem du gesprochen hast, und was hat sein Gewerbe als Gondoliere mit einer deiner Jugendbekanntschaften in Kalabrien zu tun?«

»Es sind Sachen dabei, von denen ich nichts weiß. Sein Herr, und ich kann auch sagen, mein Herr, denn ich bin auf seinen Gütern geboren, ist der junge Herzog von Sant' Agata – derselbe, der beim Senate Ansprüche macht auf die Reichtümer und Ehrenstellen des letzten Monforte, der im Rate saß. Die Rechtssache dauerte schon so lange, daß aus dem Burschen ein Gondoliere geworden ist, denn er hat immer hin und her rudern müssen zwischen dem Palast seines Herrn und den Palästen der Edeln, denen jener sein Anliegen vorzubringen hat – wenigstens erzählt Gino seine eigene Geschichte so.«

»Ich kenne den Mann. Er trägt die Farben seines Herrn. Hat er Verstand?«

»Signore Roderigo, nicht alle, die aus Kalabrien kommen, können sich dieses Vorzugs rühmen. Gino führt sein Ruder geschickt genug und ist ein so guter Junge nach seiner Art, als not ist. Aber ein bißchen tiefer zu sehen als bloß obenauf, nu! Gino ist ein Gondoliere.«

»Und geschickt in seinem Fach?«

»Von seinem Arm und Bein sag ich nichts, die mögen beide gut genug an ihrem Flecke sein. Aber wenn es auf Kenntnis von Menschen und Sachen ankommt – da ist der arme Gino bloß ein Gondoliere. Der Bursche ist außerordentlich gutmütig und nicht faul, einem Freunde zu dienen. Ich bin ihm gut, aber ich kann doch nicht mehr von ihm sagen, als wahr ist.«

»Gut, halt deine Feluke in Bereitschaft, denn wir wissen nicht, wie schnell sie gebraucht werden wird.«

»Bring nur deine Fracht, Signore! Der Handel soll gleich abgemacht sein.«

»Leb wohl – ich wollt dir empfehlen, dich aller anderen Geschäfte zu enthalten und aufzupassen, daß deine Leute nicht im Saus und Braus des morgenden Tages die nötige Nüchternheit verlieren.«

»Gott geleit dich, Signore Roderigo. – Es soll an nichts fehlen.«

Der Bravo sprang in seine Gondel, und diese flog mit einer Schnelligkeit dahin, daß man sah, welch ein geübter Arm das Ruder regierte. Er winkte mit der Hand noch ein Lebewohl, und das Boot verschwand unter den Schiffen, die den Hafen erfüllten.

 

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