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James Fenimore Cooper: Der Bravo - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Bravo
publisherVerlag Das Neue Berlin, Berlin
isbn3-360-00073-0
translatorRichard Zoozmann
year1987
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid258ed961
created20061222
modified20170303
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Zwanzigstes Kapitel

Die Stunde war gekommen, wo die Piazza von Herumschwärmern und die Kanäle von Gondeln zu wimmeln pflegten. Masken stahlen sich wie gewöhnlich längs des Portikus, Gesang und Geschrei ließ sich hören, Venedig war wiederum der trügerischen Heiterkeit hingegeben.

Als Jacopo aus dem Gefängnis auf den Kai herauskam, mischte er sich unter den Menschenstrom, der nach den Plätzen hinwogte, durch seine Maske gegen alle Beobachtung gesichert. Wie er über die Brücke des Kanals von St. Markus kam, blieb er einen Augenblick stehen, um nach der eben verlassenen Galerie hinaufzuschauen, dann zog er weiter mit der Menge, das Bild der lieblichen und vertrauensvollen Gessina im tiefsten Herzen bewahrend. Unter den dunklen Bogen des Broglio suchten seine Blicke Don Camillo. An der Ecke des kleinen Platzes begegneten sie sich, wechselten geheime Zeichen, und der Bravo entfernte sich unbemerkt.

Hunderte von Booten lagen am Fuß der Piazetta: Unter diesen suchte Jacopo sein eigenes und ruderte es aus der schwimmenden Masse nach dem Stromwasser hin; wenige Ruderschläge, so lag er an der Seite der »Bella Sorrentina«. Der Schiffer schritt das Verdeck auf und ab, die frische Abendluft genießend, während sein Schiffsvolk am Vorderteil der Feluke gruppiert war und ein kalabrisches Schifferlied sang. Die Begrüßung war gutherzig, aber kurz, wie sie unter Männern dieser Klasse gebräuchlich ist. Aber der Padrone schien den Besuch zu erwarten, denn er führte seinen Gast, fern von den Ohren seiner Leute, ans andere Ende der Feluke.

»Hast du was Besonderes, guter Roderigo«, fragte der Seemann, der Jacopo an einem Zeichen zu erkennen pflegte und dennoch ihn nur unter jenem erdichteten Namen kannte. »Du siehst, wir sind nicht müßig gewesen, obgleich gestern Festtag war.«

»Bist du zur Fahrt in den Golf fertig?«

»Nach der Levante oder nach den Säulen des Herkules, wie es dem Senat gefällig ist. Wir haben unsere Segelstangen aufgezogen, seit die Sonne hinter den Gebirgen sank, und trotz unserer anscheinenden Gemächlichkeit bedürfen wir nur einer Stunde, um uns für die Außenseite des Lido zu rüsten.«

»Dann nehmt Eure Maßregeln.«

»Meister Roderigo, Ihr bringt Eure Neuigkeiten auf einen überfüllten Markt. Man hat mich schon unterrichtet, daß man uns diese Nacht brauche.«

Eine schnelle Bewegung des Mißtrauens von Seiten des Bravo entging dem Padrone, dessen Augen über den Windfang der Feluke liefen, mit der dem Seemann eigenen Aufmerksamkeit für diesen Teil des Schiffes, wenn sein Dienst begehrt wird.

»Du hast recht, Stefano. Indes doppelte Vorsicht schadet nicht. Bei einem schwierigen Auftrag ist Vorbereitung die Hauptpflicht.«

»Wollen Sie sich selbst überzeugen, Signore Roderigo?« sagte der Seemann mit leiser Stimme. »Die ›Bella Sorrentina‹ ist nicht der Buzentaur, auch keine Galeere des Großmeisters von Malta; doch im Verhältnis ihrer Größe sind in des Dogen Palast selbst keine besseren Zimmer zu finden. Als ich erfuhr, daß eine Dame zur Fracht gehöre, da kam die Ehre Kalabriens ins Spiel, ihr alles recht bequem zu machen.«

»Gut. Wenn man dir alle Umstände mitgeteilt hat, so wirst du gewiß alles tun, um Ehre einzulegen.«

»Ich sage nicht, daß man mir die Hälfte davon mitgeteilt hätte, guter Signore«, unterbrach ihn Stefano. »Die Heimlichkeit bei euren venezianischen Ladungen ist eben das, was mir das Gewerbe am meisten verleidet. Mehr als einmal ist es geschehen, daß ich wochenlang in den Kanälen gelegen habe, meine Räume so rein wie ein Mönchsgewissen, und dann kam Befehl, die Anker zu lichten, und ein Bote, der im Hafen einstieg, ging als Fracht mit, um an der Küste von Dalmatien oder an den griechischen Inseln wieder hinauszukriechen.«

»Bei solchen Fällen hast du dein Geld leicht verdient.«

»Diamine! Meister Roderigo, hätt ich einen Freund in Venedig, der mir beizeiten Nachricht gäb, so könnte man die Feluke mit solchem Ballast beladen, der auf der jenseitigen Küste Gewinn brächte. Diene ich den edeln Herren nach Pflicht treu, was ginge es dann den Senat an, wenn ich nun auch zu gleicher Zeit meine Pflicht täte für mein gutes Weib und ihre kleinen braunen Kinder daheim in Kalabrien?«

»Es ist viel Vernunft in dem, was du sagst, Stefano; allein du weißt, die Republik ist ein strenger Gebieter. Ein Geschäft dieser Art will mit leiser Hand berührt werden.«

»Das weiß niemand besser als ich; denn als sie den Handelsmann mit all seinen Gerätschaften aus der Stadt sandten, da mußte ich gewisse Kisten in die See werfen, um Raum zu machen für seinen nichtswürdigen Plunder. Der Senat ist mir Ersatz schuldig für diesen Verlust, werter Signore Roderigo.«

»Den du dir wohl gern diese Nacht zueignen möchtest?«

»Allerheiligste Maria! Sie können der Doge selbst sein, Signore, so wenig kenne ich von Ihrem Angesicht, doch ich möchte am Altar drauf schwören, daß Sie, Ihres Scharfsinns wegen, zum Senat gehören müssen. – Wenn die Dame nicht gar zu sehr mit Sachen beschwert und es noch Zeit ist, so möchte ich wohl ein wenig für den Geschmack der Dalmatier sorgen, mit gewissen Artikeln, die aus den Ländern hinter den Herkulessäulen herkommen.«

»Du kannst ja selbst darüber urteilen, da man dich von der Art deines Geschäftes unterrichtet hat.«

»St. Januarius von Neapel, öffne meine Augen! – Man sagte nicht ein Wörtchen weiter, als daß eine junge Dame, für die sich der Staat sehr interessiere, diese Nacht die Stadt verlassen wolle, um nach der Ostküste zu gehen. Wenn es für Ihr Gewissen nicht zu unangenehm wäre, Meister Roderigo, so würde es mich sehr beglücken, zu hören, wer Ihre Gesellschafter sein werden?«

»Davon sollst du zur rechten Zeit mehr erfahren. Bis dahin empfehl ich dir eine vorsichtige Zunge, denn St. Markus spaßt nicht mit denen, die ihn beleidigen. Ich freue mich, dich so vorbereitet zu sehen, werter Padrone, und dir eine gute Nacht und glückliche Reise wünschend, empfehle ich dich deinem Schutzpatron. Doch halt – ehe ich dich verlasse, möchte ich wohl die Stunde wissen, wann der Landwind eintritt?«

»Ihr seid in Euern Sachen exakt wie ein Kompaß, Signore, doch habt Ihr wenig Erbarmen mit Euern Freunden! Nach der heutigen brennenden Sonnenhitze zu urteilen, müssen wir die Alpenluft um Mitternacht haben.«

»Wohl – mein Auge wird dich bewachen. Nochmals, addio!«

»Cospetto! Du hast ja vom Kargo gar nichts gesagt?«

»Der wird an Wert beträchtlicher als an Umfang sein«, antwortete Jacopo nachlässig und stieß ab von der Feluke. Während Stefano auf dem Verdeck stand und über den wahrscheinlichen Ertrag seiner Spekulation nachdachte, glitt das Boot schnell und behende nach dem Kai.

Gleich den Windungen des listigen Fuchses durchkreuzt Betrug oft seine eigenen Wege; demgemäß fallen in seine Schlingen nicht nur die, denen sie gelegt wurden, sondern auch die, die sie legten. Als Jacopo sich von Don Camillo trennte, verabredeten sie, daß ersterer all seinen angeborenen Scharfsinn oder seine Erfahrung anwenden sollte, um mit Gewißheit die Absichten des Senats hinsichtlich Donna Violettas zu erfahren. Dies war auf dem Lido geschehen, und da niemand außer ihm von ihrer Unterredung etwas wußte und ihre neuerlich geknüpfte Verbindung ahnen konnte, so übernahm der Bravo seinen neuen Auftrag nicht ohne Aussicht auf einen glücklichen Erfolg. Bei ganz besonders delikaten Geschäften ihre Agenten zu wechseln, war ein sehr gebräuchliches Mittel der Republik, um dadurch Nachforschungen zu entgehen. Oft war Jacopo ihr Werkzeug bei ihren Unterhandlungen mit dem Seefahrer, der häufig gebraucht ward, geheime polizeiliche Maßregeln auszuführen. Er hatte anfangs den Befehl bekommen, den Padrone aufzusuchen und ihm zu empfehlen, daß er sich jeden Augenblick zum Dienste bereithalten möge; seit dem Verhör Antonios aber waren ihm von seinen bisherigen Prinzipalen keine Instruktionen mehr erteilt worden. Unter diesen nachteiligen Umständen also war es, daß Jacopo seine neuen wichtigen Pflichten anzutreten hatte.

Daß sich die List, wie gesagt, oft selber überlistet, ist sprichwörtlich und bewährte sich aufs neue in dem gegenwärtigen Falle mit Jacopo und seinen Herren. Sie hatten ihn bisher bei ähnlichen Gelegenheiten aufgesucht, jetzt schwiegen sie. Dieser Umstand war ihm nicht entgangen. Als er daher auf seinem Gange längs des Kais die Feluke erblickte, so leitete der Zufall seine Nachforschungen, und wie sehr ihm dabei die Habgier des Kalabresen zu Hilfe kam, haben wir eben erzählt.

Kaum hatte Jacopo den Kai erreicht und sein Boot angebunden, als er wieder auf den Broglio eilte, der in diesem Augenblick von Maskierten und den Pflastertretern der Piazetta angefüllt war. Die Patrizier waren nicht mehr da, sie hatten sich zurückgezogen.

Jacopo, schien es, hatte gemessene Befehle; denn nachdem er sich überzeugt hatte, daß Don Camillo nicht mehr auf dem Platze war, drängte er sich durch die Menge wie einer, der einen bestimmten Gang zu tun hat. Beide Plätze waren jetzt voll, und wenigstens die Hälfte derer, die in diesen Vergnügungsorten die Nacht zuzubringen gedachten, erschien maskiert. Der Bravo, obgleich eine entschiedene Richtung nehmend, schritt nicht so eilig einher, daß er nicht im Gehen die sich auf der Piazetta bewegenden Gestalten hätte mustern können. So kam er bis an den Punkt, der beide Plätze vereinigt, als er seinen Ellenbogen leise berührt fühlte.

Er war nicht gewohnt, sich auf dem St.-Markus-Platze, noch dazu in solcher Stunde, unnötigerweise durch Sprechen zu verraten. Aber seinem fragenden Blicke erwiderte ein Zeichen, daß er folgen möchte. Die Gestalt, die ihn angehalten hatte, war so vollständig in ihrem Domino verhüllt, daß er sich vergeblich bemühte zu erkennen, wer es wäre. Da jedoch der Teil des Platzes, wo sie ihn hinwinkte, leer war und in der Richtung lag, die er eben nehmen wollte, so gab der Bravo ein einwilligendes Gegenzeichen und folgte. Sobald sie sich außerhalb des Gedränges und an einem Orte befanden, wo sich kein Lauschender verbergen konnte, stand der Fremde still, untersuchte unter seiner Maske hervor Jacopos Person, Wuchs und Anzug und endigte zuletzt mit einer Gebärde, die anzeigte, daß er den Rechten vor sich habe. Jacopo erwiderte ebenfalls in Zeichensprache, behauptete aber strenges Stillschweigen, bis sich jener gezwungen sah, das Gespräch zu eröffnen.

»Gerechter Daniel«, brummte er, »sollte man nicht glauben, erlauchter Signore, Ihr Beichtiger habe Ihnen Stillschweigen zur Begrüßung auferlegt? Warum reden Sie Ihren Diener nicht an?«

»Was willst du?«

»Da hat man mich hierhergeschickt in die Piazza unter die Gauner, Kammerdiener, Gondolieri und alle Arten von Zechern und Schmausern, die dieses christliche Land zieren, und da soll ich suchen den Erben von einem der ältesten und geehrtesten Häuser Venedigs?«

»Wieso weißt du denn, daß ich der bin, den du suchst?«

»Signore, ein weiser Mann sieht manches, was dem Unachtsamen entwischt. Wenn junge Kavaliere Geschmack finden daran, sich vornehm maskiert zu begeben unters Volk, wie bei einem gewissen jungen Patrizier dieser Republik der Fall ist, so brauchen sie eben nicht aufzutun den Mund, man kennt sie schon an ihrer Haltung.«

»Du bist ein schlauer Bote, Hosea; doch dein Stamm lebt ja von seiner Schlauheit.«

»Sie ist das einzige, was wir entgegensetzen können dem Unrecht des Drängers. Gehetzt sind wir wie Wölfe, warum sollten wir also nicht bisweilen zeigen die wilde Natur der Bestien, für die Ihr uns haltet. Doch was erzähl ich die Trübsale unserer Leute einem, der da glaubt, daß das Leben eine Maskerade ist?«

»Aber zu deinem Auftrag! Ich wüßte nicht, daß ich ein Pfand auszulösen hätte, auch bin ich dir kein Gold schuldig.«

»Gerechter Samuel! Ihr Kavaliere vom Senat gedenkt nicht immer an das, was vergangen ist, Signore, oder Ihr hättet Euch sparen können diese Worte. Wenn Ew. Exzellenz sind geneigt, Pfänder zu vergessen, kann ich was dafür? Sicherlich, was anbelangt die Rechnung, die nun schon so lange ist angewachsen unter uns, da ist auf dem ganzen Rialto kein Handelsmann, der die Beweise wird ziehen in Zweifel.«

»Und wär's auch so, kommst du hierher auf den vollen St.-Markus-Platz als Gläubiger, meines Vaters Sohn zu mahnen?«

»Wo werd ich Schande antun, Signore, irgendeinem, der da kommt von diesem erlauchten Geschlecht! Darum wollen wir jetzt nicht weiter sprechen von der Sache, wohl zu merken allerdings, daß Ihr, wenn die Zeit da ist, Euch bekennet zu Eurer Handschrift und Siegel.«

»Deine Klugheit gefällt mir, Hebräer, sie ist mir Bürgschaft, daß dein Geschäft diesmal nicht von der gewöhnlichen unangenehmen Art ist. Da ich eben nicht viel Zeit habe, so wirst du wohl so gut sein und damit herausrücken.«

Hosea sah sich noch einmal verstohlen, aber genau auf dem menschenleeren Fleck um, trat dann näher auf den vermeintlichen Edelmann zu und fuhr fort: »Signore, Ihre Familie ist in Gefahr, einen großen Verlust zu erleiden! Sie wissen, daß der Senat hat gänzlich und plötzlich entfernt die Donna Violetta von der Bewachung des treuen und erlauchten Senators, Ihres Vaters.«

Jacopo trat erschrocken einen Schritt zurück, doch so leise, daß die Bewegung für einen Liebhaber, dessen Hoffnung vereitelt worden, nur natürlich erschien und den Irrtum des Juden noch bestärkte.

»Beruhigen Sie sich, junger Signore«, setzte Hosea hinzu, »Diese Striche durch die Rechnung erfahren wir alle in der Jugend, wie ich weiß, durch gar schwere Versuchungen. Lea ist auch nicht gewonnen worden ohne Müh, und zunächst dem Glück im Handel ist Glück in der Liebe vielleicht das, worauf am wenigsten kann gerechnet werden. Aber Gold tut viel bei beiden, und in der Regel setzt es die Sache durch. Aber Sie sind näher daran, die Dame, die Sie lieben, und ihre Besitztümer zu verlieren, als Sie sich einbilden, denn ich bin hergeschickt, ausdrücklich, daß ich Ihnen soll sagen, daß sie soll werden entfernt aus der Stadt.«

»Wohin?« fragte Jacopo hastig, und der vermutete Liebhaber ward dem guten Hosea dadurch nur um so deutlicher.

»Das ist es ja eben, Signore, was noch ist zu erfahren. Dein Vater ist ein scharfsinniger Senator und tief eingeweiht bisweilen in die Geheimnisse des Staates. Doch wenn ich etwas darf schließen von seinem Schwanken bei dieser Gelegenheit, so kommt's mir vor, als wenn er sich richtete mehr nach Berechnungen als nach sicherem Wissen. Gottseliger Daniel! Es hat gegeben Augenblicke, wo ich hab vermutet, daß der ehrwürdige Patrizier ein Mitglied ist des Rates der Dreimänner!«

»Sein Adel ist alt, seine Privilegien wohlbegründet – warum sollte er nicht?«

»Ich sag ja nichts dagegen, Signore. Es ist ein weises Kollegium, das viel Gutes tut und verhütet viele Übel. Niemand auf dem Rialto sagt den geheimen Beratungen Böses nach; dort legen sich die Leute auf Broterwerb und klügeln nicht über die Handlungen ihrer Beherrscher. Aber, Signore, er möge nun gehören zu diesem oder jenem Rate oder bloß sein Senatsmitglied, so hat er fallen lassen einen behutsamen Wink über die Gefahr des Verlustes, in der wir uns –«

»Wir! Hast du etwa Absichten auf Donna Violetta, Hosea?«

»Das verhüte Lea und das Gesetz! Ich sagte darum wir, Signore, weil bei dieser Heirat das Interesse der Leute auf dem Rialto ebensogut auf dem Spiel steht als das des Hauses Gradenigo.«

»Ich verstehe, du fürchtest für dein Gold.«

»Wenn ich so leicht Besorgnisse schöpfte in dieser Sache, Signore Giacomo, so würde ich es nicht hergegeben haben so bereitwillig. Indessen, ist auch die einstige Erbschaft von deinem Vater vollkommen hinlänglich, sicherzustellen jede Anleihe, die ich armer Mann machen kann, so würde die Sicherheit doch dadurch nicht werden geringer, wenn die Reichtümer des Signore Tiepolo noch kämen hinzu.«

»Du bist scharfsinnig, das geb ich zu, auch begreif ich die ganze Wichtigkeit deiner Warnung; allein, sie scheint keinen andern Zweck noch Grund zu haben als deine persönlichen Befürchtungen.«

»Und einige hingeworfene Winke Ihres geehrten Vaters, Signore.«

»Was sagte er denn noch weiteres über den Gegenstand?«

»Er sprach in Gleichnissen, junger Edelmann, Gleichnisse aber sind nicht in den Wind gesprochen für orientalische Ohren. Daß man im Begriffe steht, wegzubringen die reiche junge Dame aus Venedig, ist gewiß, und zum Besten des bißchen Interesses, das ich habe an ihrem Schicksal, gäb ich den schönsten Türkis in meinem Laden darum, wüßte ich, wohin.«

»Weißt du gewiß, daß es diese Nacht geschehen soll?«

»Ich verpfände mich zu nichts, wenn's etwa anders sollte ausfallen, aber ich habe Gewißheit genug, junger Kavalier, um unruhig zu sein.«

»Genug – ich werde meine eigene Angelegenheit und die deinige im Auge behalten.«

Jacopo machte ein Abschiedszeichen mit der Hand und verfolgte seinen Weg, die Piazza hinauf.

»Was meine Angelegenheiten betrifft«, brummte der Hebräer für sich, »so wollt ich nur, ich hätte sie selbst besser behalten im Auge. Was ging es dann mich an, heiratete die Dirne dich oder einen Türken!«

»Pst, Hosea!« rief ihm hier eine Maske ins Ohr, »ein Wörtchen allein mit dir.«

Der Jude schrak zurück, als er fand, daß er sich im Eifer denn doch von jemand hatte belauschen lassen. Auch dieser Fremde war in einem Domino und durchaus unkenntlich.

»Was beliebt, Signore Maske?« fragte der vorsichtige Jude.

»Ein Wort in Freundschaft und Vertrauen. – Du leihest Gelder auf Wucherzinsen aus, nicht wahr?«

»Diese Frage wär in der Schatzkammer der Republik eher am rechten Ort! Ich hab viele Steine, die taxiert sind weit unter ihrem Karatgewicht, und lieb wär's mir, könnt ich sie unterbringen bei jemand, der besser imstande ist als ich, sie zu behalten.«

»Nein, das hilft dir nichts – man weiß recht gut, daß du Zechinen hast die Hülle und Fülle; ein reicher Jude aber sagt nicht nein, wenn es gilt, sein Geld auf Hypotheken anzulegen, die so sicher sind wie Venedigs Gesetze. Tausend Dukaten in deiner bereitwilligen Hand ist keine Seltenheit.«

»Die mich reich nennen, Signore Maske, belieben ihren Spott zu treiben mit dem unglücklichen Sohn eines verfolgten Volkes. Daß ich vor Mangel geschützt, daß ich sogar nicht geradezu dürftig bin, ist vielleicht nicht unwahr; wenn man aber spricht von tausend Dukaten, so sind das Dinge, zu gewichtig für meine belasteten Schultern. Geruhten Sie vielleicht einen Amethyst zu kaufen oder einen Rubin, galanter Signore, so dürften wir wohl handelseinig werden.«

»Juwelen hab ich selber, alter Hebräer, Gold ist's, was ich brauche, dringend brauche, gleich und ohne viele Worte haben muß – nenne nur deine Bedingungen.«

»Wer so gebieterisch spricht in Geldangelegenheiten, Signore, der muß stellen können gute Sicherheiten.«

»Du hast gehört, daß die Gesetze Venedigs nicht sicherer sind. Tausend Zechinen, geschwind! Die Höhe der Wucherzinsen setze nach deinem eigenen Gewissen fest.«

Das hieß nun freilich, der Unterhandlung weiten Spielraum zu geben, und Hosea fing an, die Sache ernstlicher in Erwägung zu ziehen.

»Signore«, sagte er, »tausend Dukaten liest man nicht beliebig auf vom Pflaster des großen Platzes. Wer sie will darleihen, der muß sie erst verdienen durch lange, geduldige Arbeit, und wer sie borgen –«

»– will, der steht neben dir –«

»– will, der muß haben einen Namen und ein Gesicht, welche kreditfähig sind auf dem Rialto.«

»Nun, du verleihest ja wohl auch an Masken, bedächtiger Hosea, wenn anders der Ruf dir nicht zuviel Gutes nachsagt.«

»I nun, ein hinlängliches Pfand macht mir freilich die Sache klar genug, der Borgende mag nun so verborgen sein wie der Rat der Drei selbst. Aber ich sehe nichts. Morgen komm zu mir, mit oder ohne Maske, ganz wie es dir beliebt, denn ich verlange nicht, mich weiter zu mischen in anderer Leute Angelegenheiten, als meine eigenen es erfordern, und dann will ich nachsehen in meinen Koffern, wiewohl kein präsumtiver Erbe in Venedig leerere haben kann als ich.«

»Ich brauche das Geld gleich, ohne allen Verzug. Hast du es, unter der Bedingung, dir selbst den Zinsfuß stellen zu können, so sprich.«

»Bei hinlänglicher Bürgschaft in Edelsteinen könnte ich vielleicht zusammenscharren unter unsern zerstreuten Leuten die Summe, Signore. Doch wer umhergeht auf der Insel, um zu borgen, wie ich werde tun müssen, muß können beschwichtigen alle Zweifel hinsichtlich der Bezahlung.«

»Also das Gold ist zu haben, das ist ausgemacht?«

Hosea zauderte, denn er hatte sich vergeblich bemüht, durch des andern Verhüllung zu dringen, und obgleich dessen Zuversicht ihm ein günstiges Zeichen schien, so wollte doch seinem Leihinstinkt dessen Ungeduld nicht recht gefallen.

»Ich hab gesagt, durch den freundschaftlichen Beistand unserer Leute«, antwortete er vorsichtig.

»Diese Ungewißheit verträgt sich nicht mit meinem Bedürfnis, leb wohl, Hosea, ich muß anderswo suchen.«

»Signore, Sie eilen ja, als brauchten Sie das Geld, um damit zu bestreiten Ihre Hochzeitskosten. Wenn ich Isaak und Aaron so spät noch fände zu Hause, so glaub ich ohne Gefahr für einen Teil des Geldes stehen zu können.«

»Auf diesen Zufall kann ich mich nicht verlassen.«

»Nun, Signore, der Zufall ist nur klein, da Aaron bettlägerig ist und Isaak niemals verfehlt, durchzusehen seine Bücher, sobald vorüber ist die Mühe des Tages.«

»Ich sag dir, Jude, unsere Sache muß durchaus frei von aller Ungewißheit sein. Das Geld gegen Unterpfand und mit deinem eigenen Gewissen als Schiedsrichter in der Zinsangelegenheit, aber keine Winkelzüge, die dir nachher die Wahl lassen, zurückzutreten unter dem Vorwand, die Zwischenhändler wollten nicht.«

»Gerechter Daniel! Ihnen einen Gefallen zu tun, Signore, glaub ich es wagen zu können! – Da hat mir der wohlbekannte Hebräer aus Livorno, Levi, einen Beutel gegeben zur Aufbewahrung, der genau enthält die verlangte Summe. Unter den genannten Bedingungen will ich ihn verwenden in meinen Geschäften und dem guten Juwelier sein Gold später zahlen aus meinen eigenen Mitteln.«

»Dank für die Mitteilung, Hosea«, sagte der andere, indem er die Maske ein wenig lüftete, doch schnell wieder zurechtsetzte. »Sie kürzt unsere Verhandlung bedeutend ab. Trägst wohl den Beutel des Livorneser Juden unter deinem Domino?«

Hosea stand sprachlos da. Das Lüften der Maske hatte ihn von zwei wesentlichen Dingen in Kenntnis gesetzt: erstens, daß er vorhin seinen Verdacht wegen der Absichten des Senats mit Donna Violetta einem Unbekannten, vielleicht gar einem Polizeibeamten anvertraut hatte, und zweitens: daß er sich des einzigen Grundes entäußerte, der ihm je gegen die dringenden Zumutungen Giacomo Gradenigos etwas geholfen hatte, indem er diesem selbst soeben einräumte, daß die verlangte Summe in seinem Besitze sei.

»Ich hoffe, das Gesicht eines alten Kunden zerschlägt unsern Handel nicht, Hosea?« sagte der verschwenderische Erbe des Senators, kaum sich die Mühe gebend, das Ironische der Frage zu verbergen.

»Vater Abraham! Hätt ich gewußt, daß Sie es sind, Signore Giacomo, so hätten wir können schneller fertig werden.«

»Ja, ja, indem du, wie so oft seit kurzem, kein Geld zu haben vorgabst.«

»I nu, ich pflege nicht zu verschlucken meine Worte, Signore; aber meiner Pflicht gegen Levi muß ich doch bleiben gedenk. Der sorgfältige Hebräer hat mich ein Gelübde tun lassen auf den Namen unseres Stammes, daß ich sein Gold geben wolle niemandem, der nicht besäße die Mittel, die Wiederbezahlung zu setzen außer allen Zweifel.«

»Das gehört nicht hierher, du borgst das Geld von ihm und leihest es mir.«

»Signore, Sie versetzen mein Gewissen in eine kitzlige Lage. Sie schulden mir bereits etliche sechstausend Zechinen, wenn ich nun verborg dieses anvertraute Geld und Sie es auch zurückzahlen – was ich beides nur gesagt haben will als Voraussetzung –, so könnte mich verleiten die natürliche Vorliebe für mein Eigentum, die Zahlung auf meine eigene Rechnung zu stellen und Levis Schuld zu bringen in Gefahr.«

»Mach du das mit deinem Gewissen ab, wie du willst, Hosea. Du hast dich zu dem Gelde bekannt, und hier sind die verpfändeten Juwelen – her mit den Zechinen!«

Wahrscheinlich würde bei dem steinernen Gemüt des Hebräers die Vorstellung Giacomo Gradenigos ohne Wirkung geblieben sein. Allein, nachdem er sich von seiner Bestürzung erholt hatte, setzte er dem Wüstling seine Besorgnisse in Beziehung auf Donna Violetta, deren Vermählung, wie man sich erinnern wird, nur den Trauzeugen und dem Rate der Drei bekannt war, auseinander, und da fand er denn, daß das Gold dazu gebraucht werden sollte, die Dame an einen sichern Ort zu schaffen. Da aber dies seinem eigenen Zwecke so sehr entsprach, so gewann der Handel dadurch freilich eine ganz andere Wendung. Überdies waren die dargebotenen Juwelen wirklich ein genügendes Unterpfand für die darzuleihende Summe, und Hosea, der die Wahrscheinlichkeit mit in Anschlag brachte, durch die Güter der Erbin auch zu seinen früher verliehenen Geldern zu kommen, glaubte endlich die Zechinen des angeblichen Freundes Levi nicht besser anlegen zu können.

Sobald sich die Parteien vollkommen verständigt hatten, verließen sie zusammen den Platz, um den Handel abzuschließen.

 

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