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James Fenimore Cooper: Der Bravo - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Bravo
publisherVerlag Das Neue Berlin, Berlin
isbn3-360-00073-0
translatorRichard Zoozmann
year1987
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid258ed961
created20061222
modified20170303
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Neunzehntes Kapitel

Wir wollen es nicht unternehmen, die gewölbten Galerien, dunklen Korridore und Gemächer, durch die des Gefangenenwärters Tochter ihren Gefährten führte, mit zu durchwandern. Wer jemals ein weitläufiges Gefängnis besucht hat, bedarf keiner Beschreibung, um sich die schmerzlichen Gefühle zurückzurufen, die ihm der Anblick vergitterter Fenster, rasselnder Riegel und all der anderen Dinge verursachte, die zugleich Mittel und Zeichen der Einkerkerung sind. Dies ist weitläufig, fest und labyrinthisch von innen, doch von außen, wie schon früher erwähnt, gleichsam seiner Bestimmung zum Hohn, von reiner, einfacher Schönheit.

Gelsomina trat in eine niedrige, schmale, mit Fenstern versehene Galerie, in der sie stehenblieb.

»Du suchtest mich wohl wie gewöhnlich zur bestimmten Stunde unter dem Wassertor, Carlo?« fragte sie.

»Ich wär nicht ins Gefängnis gekommen, hätt ich dich dort gefunden, denn du weißt, ich mag wenig gesehen sein. Doch da fiel mir deine Mutter ein, daher fuhr ich den Kanal herüber.«

»Du mußt bemerkt haben, daß wir nicht den gewöhnlichen Weg nach der Zelle genommen haben?«

»Das hab ich, allein, da wir nicht gewohnt sind, in deines Vaters Zimmer zusammenzukommen, wenn wir diesen Gang antreten, so dacht ich, dies sei der notwendige Weg.«

»Kennst du den Palast und das Gefängnis gut, Carlo?«

»Mehr als ich wünsche, gute Gelsomina, doch warum fragst du so, und gerade in einem Augenblick, wo ich wohl anders beschäftigt sein möchte?«

Das Mädchen schwieg. Der Bravo trat schnell an ein Fenster, sah hinaus, und sein Blick fiel auf die düstere Wasserpassage, die zwischen den beiden Mauern zweier massiver Gebäude nach dem Kai und dem Hafen hinführte.

»Gelsomina!« rief er aus, vor dem Anblick zurückbebend. »Dies ist ja die ganze Seufzerbrücke!«

»Sie ist's, Carlo, bist du je auf ihr hinübergegangen?«

»Nein, auch begreif ich nicht, warum ich es jetzt tue. Lange schon dachte ich daran, ob es nicht vielleicht einmal mein Schicksal sein möchte, diesen traurigen Gang zu machen; doch von solch einem Führer ließ ich mir nichts träumen.«

Gelsominas Augen glänzten auf, und sie lächelte.

»Mit mir wirst du nie zu deinem Schaden hinübergehen.«

»Des bin ich sicher, Gessina«, antwortete er, ihre Hand fassend. – »Indes ist dies für mich ein unauflösliches Rätsel. Gehst du gewöhnlich über diese Galerie nach dem Palast?«

»Der Weg wird nicht benutzt, außer von den Wächtern und den Verurteilten, wie du ohne Zweifel oft gehört hast; aber dennoch haben sie mir die Schlüssel gegeben und mir die Windungen gezeigt, damit ich dir, wie gewöhnlich, als Führerin dienen könne.«

»Gelsomina, ich fürchte, ich bin zu glücklich in deiner Gesellschaft gewesen, um zu bemerken, wie es mir die Klugheit hätte eingeben sollen, welch seltene Güte mir der Rat durch diese Erlaubnis erzeigt!«

»Bereust du es, Carlo, meine Bekanntschaft gemacht zu haben?«

Der traurige Vorwurf im Ton ihrer Stimme rührte den Bravo so, daß er die Hand, die er hielt, mit Wärme küßte.

»Da müßte ich die einzigen glücklichen Stunden bereuen, die ich seit Jahren gekannt habe«, sagte er. »Nein, nein, nicht einen Augenblick hat's mich gereut, dich zu kennen, meine Gelsomina! Ist es aber nicht sonderbar, daß einem Manne wie mir erlaubt wird, das Gefängnis so ohne andere Wächter zu besuchen?«

»Ich habe es nicht so gefunden; aber freilich, gewöhnlich ist es nicht.«

»Wir fanden gegenseitig so viel Vergnügen aneinander, teure Gessina, daß wir übersahen, was uns erschrecken sollte.«

»Erschrecken, Carlo?«

»Oder wenigstens mißtrauisch machen; denn diese listigen Senatoren sind nie gnädig ohne Ursache. Doch ist es jetzt zu spät, die Vergangenheit zurückzurufen, wenn wir es auch wollten; und in allem, was dich betrifft, möchte ich auch nicht das Andenken an einen einzigen Augenblick verlieren. Laß uns weitergehen.«

»Die Jahreszeit ist vorgerückt, Carlo«, antwortete sie kaum hörbar, »und wir würden ihn vergebens unter den Zellen suchen.«

»Ich verstehe dich«, sagte er.

Damit der Leser die Anspielungen, die unseren Liebenden so klar scheinen, verstehe, wird es nötig sein, ihn mit einem anderen schändlichen Zug der venezianischen Staatspolitik bekannt zu machen.

Im fürstlichen Gebäude gab es Sommer- und Winterzellen. Der Leser wird vielleicht glauben, daß bei dieser Einrichtung die Barmherzigkeit geringe Erleichterungen für die Unglücklichen beabsichtigt hatte; allein, dies hieße einem Kollegium Mitleid zuschreiben, das bis zu seinen letzten Augenblicken kein Band kannte, wodurch es mit Gefühlen für menschliche Schwachheit zusammengehangen hätte. Weit entfernt, die Leiden der Gefangenen zu beachten, hatte man vielmehr ihre Winterzellen unter der Oberfläche der Kanäle und ihre Sommerwohnungen unter den der Sonnenhitze jenes Klimas ausgesetzten Bleidächern angebracht. Den Gefangenen, den Jacopo und Gelsomina suchten, hatte man in der Tat kürzlich aus den feuchten Zellen, in denen er den Winter und Frühling verlebt, nach den glühenden Stuben unter dem Dache gebracht.

Gelsomina ging immer voran, doch mit so traurigem Auge und so umwölktem Gesicht, daß man daraus hinlänglich den Anteil erkannte, den sie an den Leiden ihres Gefährten nahm. Sie erstiegen schweigend mehrere Treppen, öffneten und schlossen zahllose Türen und durchwanderten einige enge Korridore, ehe sie den Ort ihrer Bestimmung erreichten. Während Gelsomina den Schlüssel zur Tür, vor der sie stillstanden, aus einem großen Bunde heraussuchte, atmete der Bravo in der heißen Luft des Daches wie jemand, der dem Ersticken nahe ist.

»Sie versprachen mir doch, daß dies nie wieder der Fall sein sollte«, sagte er, »doch Teufel wie sie vergessen ihr Versprechen!«

»Carlo! – Du vergißt, daß dies der Palast des Dogen ist!« flüsterte das Mädchen, einen furchtsamen Blick hinter sich werfend.

»Ich vergesse nichts, was mit der Republik in Verbindung steht! – Es steht alles hier«, an seine erhitzte Stirn schlagend, »und was nicht hier steht, ist in meinem Herzen!«

»Armer Carlo! Das kann ja nicht immer währen – es wird ja ein Ende nehmen.«

»Du hast recht«, antwortete der Bravo dumpf. »Das Ende ist näher, als du denkst. Es tut nichts, drehe nur den Schlüssel um, damit wir hineinkommen.«

Gelsomina öffnete, und sie traten ein.

»Vater!« rief der Bravo aus und eilte zu einem auf der Erde ausgebreiteten Strohlager.

Die abgezehrte und schwache Gestalt eines alten Mannes erhob sich bei diesem Worte, und ein Auge, das innere Schwäche verriet und doch in diesem Augenblick selbst glänzender als das seines Sohnes war, blickte auf Gelsomina und ihren Gefährten.

»Du hast nicht gelitten, wie ich fürchtete, Vater, durch diesen plötzlichen Wechsel«, sagte der Bravo, an dem Strohlager niederkniend. »Dein Auge, deine Wange und dein ganzes Ansehen ist besser als unten in den feuchten Kellern.«

»Ich bin hier glücklich«, erwiderte der Gefangene, »hier ist Licht, und wenn sie mir auch zuviel davon gegeben haben, so kannst du doch nicht begreifen, wie groß das Vergnügen ist, Tageslicht nach einer so langen Nacht zu sehen.«

»Er ist besser, Gelsomina – sie haben ihn noch nicht zerstört. Sieh! Sein Auge ist glänzend, und seine Wange hat Glut!«

»Sie sind immer so, nachdem er den Winter in den unteren Kerkern verlebt hat«, flüsterte das Mädchen.

»Hast du mir was Neues zu erzählen, mein Sohn? – Wie steht's mit deiner Mutter?«

Jacopo beugte das Haupt, um den Schmerz nicht zu zeigen, den ihm diese Frage verursachte, die er nun schon hundertmal gehört hatte.

»Sie ist glücklich, Vater – so glücklich, wie jemand sein kann, der dich, entfernt von dir, so sehr liebt.«

»Spricht sie oft von mir?«

»Das letzte Wort, was ich von ihren Lippen hörte, war dein Name.«

»Heilige Maria, segne sie! Ich hoffe, daß sie meiner in ihren Gebeten gedenkt?«

»Zweifle nicht daran, Vater, es sind die Gebete eines Engels.«

»Und deine geduldige Schwester? – Du hast ihrer noch nicht gedacht, mein Sohn.«

»Ihr ist auch wohl, Vater.«

»Hat sie aufgehört, sich zu grämen, weil sie die unschuldige Ursache meiner Leiden gewesen ist?«

»Ja, mein Vater.«

»So quält sie sich nicht mehr über ein Unglück, dem nicht abzuhelfen ist?«

Der Bravo schien in dem teilnehmenden Auge der blassen und sprachlosen Gelsomina Trost zu suchen.

»Sie hat aufgehört, sich zu quälen, Vater«, sagte er mit erzwungener Ruhe.

»Du hast deine Schwester immer mit Zärtlichkeit geliebt, mein Sohn. Dein Herz ist gut, wie ich aus Erfahrung weiß. Hat Gott mir Kummer gegeben, so hat er mich dagegen gesegnet in meinen Kindern.«

Eine lange Pause erfolgte, während der Vater über die Vergangenheit nachzudenken und der Sohn sich über das Aufhören der Fragen, die seine Seele marterten, zu freuen schien – indem die, von denen der Vater sprach, längst als Opfer des Familienunglücks gefallen waren. – Der Greis wandte seine gedankenvollen Blicke auf den noch immer knienden Bravo und fuhr fort: »Es ist wenig Hoffnung, daß sich deine Schwester verheiraten wird. Niemand mag sich gern mit den Geächteten verbinden.«

»Sie wünscht es nicht – sie wünscht es nicht – sie ist glücklich bei der Mutter.«

»Dies Glück wenigstens wird ihnen die Republik nicht mißgönnen. Ist gar keine Hoffnung, daß wir uns bald wiedersehen?«

»Du wirst meine Mutter sehen – ja, diese Freude kommt endlich.«

»Es ist eine schwere Zeit, seit ich keinen meiner Blutsverwandten, außer dir, gesehen habe. Knie nieder, damit ich dich segne.«

Jacopo, der sich unter seinen Seelenqualen erhoben hatte, beugte nun sein Haupt, um den väterlichen Segen zu empfangen. Die Lippen des Alten bewegten sich, und seine Augen blickten zum Himmel, doch sprach sein Herz mehr als seine Zunge. Gelsomina schien ihre Gebete mit denen des Vaters zu vereinigen. Als die stille, feierliche Handlung beendet war, machte jeder das gewöhnliche Zeichen des Kreuzes, und Jacopo küßte die runzlige Hand des Gefangenen.

»Hast du Hoffnung für mich?« fragte der Alte. »Versprechen sie noch immer, daß ich das Licht der Sonne wiedersehen soll?«

»Ja, sie versprechen alles Gute!«

»Ich wollte, ihre Worte wären wahr! Ich lebe seit langer Zeit von dieser Hoffnung – mich dünkt, ich bin schon länger als vier Jahre in diesen Mauern?«

Jacopo schwieg, denn er wußte, daß sein Vater nur die Zeit nannte, seit der es ihm selbst erlaubt gewesen war, ihn zu sehen.

»Ich baute auf die Hoffnung, daß sich der Doge seines alten Dieners erinnern und die Tür meines Gefängnisses öffnen würde.«

Immer noch schwieg Jacopo, denn der Doge, von dem der andere sprach, war längst tot

»Und dennoch bin ich nicht ohne Freuden in meiner Gefangenschaft. Sieh hierher, mein Sohn«, sagte der Alte, in dessen Auge fieberhafter Wahnsinn durchschimmerte, erzeugt durch die kürzliche Veränderung seines Kerkers und durch die, aus Mangel an Übung, wachsende Schwäche des Geistes, »Siehst du die Spalte in jenem Stückchen Holz? Sie öffnet sich nach und nach durch die Hitze, und seit ich hier wohne, ist die Spalte zweimal so lang geworden. Ich bilde mir manchmal ein, wenn sie das Astloch dort erreicht, dann werden sich die Herzen der Senatoren erweichen und meine Tür wird sich öffnen. Ich habe meine Freude dran, sie so Jahr für Jahr einen Zoll nach dem anderen wachsen zu sehen.«

»Ist dies alles?«

»Nein, ich habe noch andere Freuden. Vergangenes Jahr war eine Spinne hier, die ihr Gewebe an jenen Balken hängte, auch sie war mir eine Gesellschaft, die ich liebte. Sie können mich wegen falscher Anklage einsperren und mich jahrelang von Weib und Tochter trennen, all meine Freuden können sie mir doch nicht rauben.«

Der greise Gefangene schwieg gedankenvoll. Eine kindische Ungeduld glühte in seinen Augen, und er blickte von der Spalte, der Gefährtin so vieler einsamer Jahre, auf seinen Sohn, als fürchte er, seiner Freuden beraubt zu werden.

»Wohl! Mögen sie mir auch diese nehmen«, sagte er und zog die Decke über sein Haupt, »ich will ihnen dennoch nicht fluchen!«

»Vater!«

Der Gefangene antwortete nicht.

»Vater!«

»Jacopo!«

Jetzt war es der Bravo, der sprachlos dastand. Er wagte selbst nicht einmal, einen verstohlenen Blick auf die atemlos aufmerksame Gelsomina zu werfen, obgleich ihm das Herz vor Verlangen schlug; ihre offenen Züge zu lesen.

»Hörst du mich, mein Sohn?« fuhr der Gefangene, sein Haupt aufdeckend, fort. »Denkst du wirklich, daß sie das Herz haben werden, die Spinne aus meiner Zelle zu jagen?«

Jacopo beruhigte das Gemüt des Gefangenen und leitete seine Gedanken nach und nach auf andere Gegenstände. Er legte einige Nahrungsmittel, die man ihm erlaubt hatte mitzubringen, an das Lager nieder, sprach nochmals von der Hoffnung der Befreiung und schickte sich zum Fortgehen an.

»Ich will versuchen, dir zu glauben, mein Sohn«, sagte der alte Mann, der gute Gründe hatte, so oft getanen Versicherungen nicht zu trauen. »Ich will alles tun, was ich kann, um es zu glauben. Du wirst der Mutter sagen, daß ich nicht aufhöre, an sie zu denken und für sie zu beten, und wirst deine Schwester im Namen ihres armen, gefangenen Vaters segnen.«

Der Bravo verbeugte sich bejahend, erfreut, des Sprechens überhoben zu sein. Auf ein Zeichen des Alten kniete er nieder und empfing den Abschiedssegen. Nachdem er sich mit Ordnen des wenigen Gerätes in der Zelle beschäftigt und eine oder zwei Spalten, um mehr frische Luft hineinzulassen, zu erweitern versucht hatte, verließen sie das Gemach.

Auf ihrem Rückwege durch das Labyrinth, das sie nach dem Dache geführt, sprachen weder Gelsomina noch Jacopo eher ein Wort, als bis sie sich auf der Seufzerbrücke befanden. Selten betrat diese Galerie ein menschlicher Fuß, daher erwählte sie das Mädchen als den zur weiteren Unterhaltung sichersten Ort.

»Findest du ihn verändert?« fragte sie, unter dem Bogen stillstehend.

»Sehr!«

»Deine Worte haben eine traurige Bedeutung.«

»Ich habe meine Züge nicht gelehrt, dich zu täuschen, Gelsomina.«

»Doch ist noch Hoffnung – du sagtest ihm selbst, es sei noch Hoffnung.«

»Heilige Maria, vergib den Betrug! Ich konnte seinem Funken Leben den einzigen Trost nicht rauben.«

»Carlo! – Carlo! – Warum bist du so ruhig? Nie hörte ich dich von dem deinem Vater angetanen Unrecht und seiner Gefangenschaft so ruhig sprechen.«

»Das macht, weil seine Befreiung so nahe ist.«

»Eben diesen Augenblick war er ohne Hoffnung, und jetzt sprichst du von Befreiung?«

»Die Befreiung durch den Tod. Selbst der Zorn des Senats muß das Grab achten.«

»Glaubst du sein Ende so nahe? Ich hatte die Veränderung nicht bemerkt.«

»Du bist gütig, teure Gessina, treu deinen Freunden und ohne Argwohn der Verbrechen, die deine Unschuld nicht kennt. Aber jedem, der so viel Schlechtigkeit gesehen hat wie ich, kommt bei jeder Gelegenheit ein mißtrauischer Gedanke. Die Leiden meines armen Vaters sind ihrem Ende nahe, denn seine Natur ist erschöpft; wäre dies aber auch nicht der Fall, so sehe ich voraus, daß man Mittel finden würde, sie zum Ende zu bringen.«

»Du kannst doch unmöglich glauben, daß ihm hier irgend jemand etwas zuleide tun wird?«

»Niemand, der dir angehört. Dich und deinen Vater, Gelsomina, haben die Heiligen hierhergesetzt, damit die Teufel nicht zuviel Macht auf Erden haben möchten.«

»Ich verstehe dich nicht, Carlo – doch du bist oft so. Dein Vater bediente sich heute im Gespräch mit dir eines Wortes, von dem ich wünschte, er hätte es nicht gesprochen.«

Der Bravo warf einen hastigen, argwöhnischen Blick auf seine Begleiterin und wandte sich schnell wieder ab.

»Er nannte dich Jacopo«, fuhr das Mädchen fort.

»Den Menschen wird oft durch die Güte ihrer Schutzpatrone ein Schimmer ihrer Schicksale zuteil.«

»Meinst du damit, Carlo, daß dein Vater argwöhnt, der Senat würde sich des genannten Ungeheuers gegen ihn bedienen?«

»Warum nicht? – Sie haben sich wohl ärgerer Menschen bedient. Wenn man der Sage trauen darf, so ist er ihnen nicht unbekannt.«

»Kann das wohl sein! – Du bist erbittert gegen die Republik, weil sie deiner Familie unrecht getan haben; aber du kannst doch nicht glauben, daß sie je den Dolch eines Banditen besoldet?«

»Ich sagte nicht mehr, als was man sich täglich auf den Kanälen zuflüstert.«

»Ich wünschte, dein Vater hätte dich bei diesem schrecklichen Namen nicht genannt, Carlo!«

»Du bist zu weise, um dich durch ein Wort irreleiten zu lassen, Gelsomina. Aber was denkst du von meinem unglücklichen Vater?«

»Dein Besuch war nicht wie die früheren Besuche, die du ihm in meiner Begleitung gemacht hast. Ich weiß nicht warum, aber mir schien es, du hegtest sonst selbst die Hoffnungen, mit denen du den Gefangenen aufzuheitern suchtest, während du jetzt ein schreckliches Vergnügen in der Hoffnungslosigkeit zu finden scheinst.«

»Deine Furcht täuscht dich«, sagte der Bravo kaum hörbar, »und wir wollen darüber nicht weiter sprechen. Der Senat wird uns endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es sind ehrenwerte Herren, hochgeboren und berühmt. Es wäre Tollheit, den Patriziern nicht zu trauen. Weißt du nicht, Mädchen, daß ein aus adligem Blut Entsprossener über alle Schwachheiten und Versuchungen erhaben ist, die uns von niedriger Geburt einengen? Sie sind Menschen, die schon ihre Geburt über die Schwachheit der Sterblichen erhoben hat, und da sie niemandem Rechenschaft zu geben haben, so sind sie sicher, immer recht zu tun. Das ist vernünftig, wer kann daran zweifeln?« Der Bravo lachte bitter, als er mit diesen Worten endete.

Das furchtsame Mädchen bebte zurück und dachte einen Augenblick daran, zu fliehen, denn nie hörte sie in ihren zahlreichen, vertraulichen Unterhaltungen ein so bitteres Lachen, und nie sah sie eine so wilde Glut in ihres Gefährten Auge.

»Fast möcht ich glauben, dein Vater gebrauchte den rechten Namen, Carlo«, sagte sie, als sie, sich fassend, einen vorwurfsvollen Blick auf seine noch immer aufgeregten Züge warf.

»Eltern kommt es zu, ihren Kindern Namen zu geben – doch genug. Ich muß dich verlassen, gute Gelsomina, und ich verlasse dich mit schwerem Herzen.«

Die arglose Gelsomina vergaß ihren Schreck. Sie wußte nicht warum, aber wiewohl der vermeintliche Carlo sie nie verließ, ohne daß es sie traurig machte, so fühlte sie doch, als er jetzt diese Worte sprach, ihr Gemüt mehr als sonst bedrückt.

»Du hast dein Geschäft, und das darf nicht versäumt werden. Hast du in der letzten Zeit Glück gehabt mit deiner Gondel, Carlo?«

»Gold und ich, wir sind uns fast fremd. Die Republik hat mir die Last aufgebürdet, den ehrwürdigen Gefangenen vom Ertrag meiner Arbeit zu ernähren.«

»Ich besitze nur wenig, wie dir bekannt ist, Carlo«, sagte Gelsomina halblaut, »doch gehört es dir. Daß mein Vater nicht reich ist, kannst du begreifen, sonst würde er nicht von den Leiden anderer leben und die Schlüssel zu ihren Gefängnissen bewahren.«

»Sein Geschäft ist besser als das Amt derer, die ihm diese Pflicht auferlegten. Hätt ich die Wahl, ob ich lieber die gehörnte Mütze tragen, den Festen in ihren Hallen beiwohnen, in ihren Palästen leben, das glänzende Spielwerk ihrer Prachtgelage, wie des gestrigen, mitmachen, in ihren Gerichtshöfen Ränke mitschmieden und einer der herzlosen Richter sein, die ihre Mitmenschen zum Elend verdammen – oder der bloße Aufbewahrer der Schlüssel und Schließer sein wollte, so würde ich freudig das letztere Amt ergreifen, nicht nur als das unschuldigere, sondern auch als das bei weitem ehrenvollere!«

»Du urteilst nicht, wie die Welt urteilt. Ich fürchtete, du würdest dich schämen, eines Gefangenenwärters Tochter zum Weibe zu nehmen; ja, ich mag dir es nicht länger verbergen, da du nun so ruhig sprichst – ich habe gemeint, daß es so sein müsse.«

»Dann hast du weder die Welt noch mich begriffen. Wäre dein Vater beim Senat oder unter dem Gerichtshof der Dreimänner (wenn man überhaupt je erfahren könnte, wer zu dieser furchtbaren Dreizahl gehöre), dann hättest du Ursache zum Gram. Doch, Gelsomina, die Kanäle werden dunkel, ich muß fort.«

Das zögernde Mädchen sah die Wahrheit seiner Worte ein, drehte den Schlüssel und öffnete die Tür der bedeckten Brücke. Einige Windungen und eine kurze Treppe brachten den Bravo und seine Gefährtin zu den Kais hinab. Hier nahm er hastig Abschied und verließ das Gefängnis.

 

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