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James Fenimore Cooper: Der Bravo - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Bravo
publisherVerlag Das Neue Berlin, Berlin
isbn3-360-00073-0
translatorRichard Zoozmann
year1987
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid258ed961
created20061222
modified20170303
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Dreizehntes Kapitel

Eine Pause der Überlegung und vielleicht der Ungewißheit, was hierbei zu tun wäre, erfolgte. Sodann erhoben sich die Drei zu gleicher Zeit und legten die Verkleidung ab. Es zeigten sich die ernsten Gesichter bejahrter Männer, deren Züge die Sorgen und Leidenschaften der Welt mit tiefen Furchen durchzogen hatten. Das eben abgetane Geschäft hatte neue und unangenehme Gefühle in allen erregt. Sie näherten sich jetzt dem Tische und suchten Erholung von dem lang erduldeten Zwange.

»Man hat Briefe vom König von Frankreich aufgefangen«, sagte einer, nachdem sie Zeit genug gehabt, ihre Gedanken zu sammeln. »Es scheint, sie handeln von den neuen Absichten des Kaisers.«

»Sind sie dem Gesandten wiedergegeben worden, oder sollen die Originale dem Senat vorgelegt werden?« fragte ein anderer.

»Darüber wollen wir uns zu gelegener Zeit beraten. Ich habe nun nichts weiter mitzuteilen, außer, daß der Befehl, den Botschafter des Heiligen Stuhls aufzufangen, seinen Zweck verfehlt hat.«

»Davon haben mich schon die Sekretäre benachrichtigt. Wir müssen die Nachlässigkeit unserer Agenten untersuchen! Denn man hat guten Grund zu glauben, daß uns dieser Fang manche nützliche Kenntnis gebracht hätte.«

»Da der Versuch schon bekannt ist und viel darüber gesprochen wurde, so müssen Befehle zur Festnahme der Räuber ergehen, damit die Republik ihren guten Ruf nicht verliert bei ihren Freunden. Es sind Namen auf unseren Listen, die sich zur Bestrafung eignen, wie es denn in dieser Hinsicht bei uns nie an Proskribierten fehlt, mit denen man Vorfälle dieser Art verwischen kann.«

»Die Sache ist ohne Zweifel von Bedeutung, und es muß mit gutem Bedacht dabei verfahren werden.«

»Das Verfahren des habsburgischen Hauses raubt mir allen Schlaf!« rief der andere aus, die Papiere mißmutig beiseite werfend, in die er eben einen flüchtigen Blick geworfen hatte. »Heiliger Theodor! Welche Geißel des Menschengeschlechts ist die Begierde, seine Besitzungen zu vermehren und ein ungerechtes Regiment über die Grenzen der Vernunft und Natur auszudehnen! Wir waren hier in Venedig jahrhundertelang im unbestrittenen Besitz von Provinzen, die unseren Einrichtungen angemessen, unseren Bedürfnissen gelegen und unseren Wünschen genehm sind. Und diese Provinzen, die die Tapferkeit unserer Vorfahren erobert, sind jetzt dennoch der Gegenstand des begehrlichen Ehrgeizes unserer Nachbarn geworden, und zwar aus dem eiteln Vorwande einer Politik, die, wie ich fürchte, durch unsere eigene wachsende Schwäche an Stärke zunimmt. Zeichnet sich der Österreicher mit seiner Machtbegier nicht vor allen anderen Fürsten aus?«

»Wohl nicht mehr als der Kastilier, edler Signore. Sie übersehen die unersättliche Begierde des Königs von Spanien, seine Herrschaft über Italien auszubreiten.«

»Habsburger oder Bourbone, Türke oder Engländer, alle scheint derselbe Durst nach Gewalt zu beseelen; jetzt, wo Venedig nichts mehr zu hoffen hat als die Erhaltung seiner gegenwärtigen Vorteile, wird das geringste unseres Eigentums zum Gegenstand begehrlichen Neides für unsere Feinde.«

»Es ist wahr, diese Begierde der Fremden, unseren Privilegien zu nahe zu treten – und wohl kann man sagen, Privilegien, die wir mit unseren Schätzen und unserm Blut gewonnen –, wird täglich sichtlicher. Wird diesem Unwesen nicht gesteuert, so behält St. Markus zuletzt nicht einmal einen Landungsplatz für eine Gondel auf dem Festlande.«

»Der Sprung des Löwen ist sehr abgekürzt, Exzellenz, sonst wär es nicht so! Es steht nicht länger in unserer Macht, zu überreden oder zu gebieten wie ehemals; und unsere Kanäle fangen an sich mit Schneckenkraut, anstatt mit wohlbeladenen Silberschiffen und schnellsegelnden Feluken zu bedecken.«

»Der Portugiese hat uns unersetzlichen Schaden zugefügt, denn ohne seine afrikanischen Entdeckungen wär uns der Handel mit indischen Produkten geblieben. Ich hasse dies Geschlecht von ganzem Herzen. – Was gibt's, Signore Gradenigo, so in Gedanken?«

Das dritte Mitglied des geheimen Rates, das seit dem Verschwinden des Angeklagten noch kein Wort gesprochen hatte, erhob sich bei dieser Anrede langsam aus seiner nachdenkenden Stellung.

»Das Verhör dieses Fischers hat Bilder aus meiner Kindheit in meinem Gedächtnis hervorgerufen«, antwortete der Gefragte mit einer Natürlichkeit, die selten in diesem Zimmer war.

»Ich hörte dich sagen, er sei dein Milchbruder«, erwiderte der andere, sich bemühend, das Gähnen zu verbergen.

»Dieselbe Milch nährte und dieselben Spiele erfreuten uns in den ersten Lebensjahren.«

»Diese eingebildeten Verwandtschaften beunruhigen uns oft sehr. Ich freue mich, daß Euer Mißmut keinen anderen Grund hat, denn, wie ich hörte, so hat der junge Erbe Eures Hauses einige Neigung zur Verschwendung blicken lassen, und ich fürchtete, daß Dinge Eure Ohren erreicht hätten, die einem Vater, der im Rat sitzt, nicht angenehm zu hören wären.«

Signore Gradenigo blickte neugierig und mißtrauisch in die Augen seiner beiden Gefährten, begierig, ihre geheimen Gedanken zu ergründen, ehe er seine eigenen aussprach.

»Gibt es irgendeine Klage gegen den Jüngling?« fragte er zögernd. »Sie begreifen eines Vaters Interesse und werden mir die Wahrheit nicht verhehlen.«

»Sie wissen, Signore, daß die Agenten der Polizei tätig sind und daß sie nur wenig erfahren, was nicht die Ohren des Rates erreicht. Doch im schlimmsten Fall geht die Sache nicht auf Leben oder Tod. Es kann den jungen Mann höchstens einen Besuch nach Dalmatien oder einen Sommeraufenthalt am Fuß der Alpen kosten.«

»Die Jugend ist die Zeit der Unvernunft, wie Sie wissen, Signori«, erwiderte der Vater, leichter atmend, »und da niemand alt wird, ohne vorher jung gewesen zu sein, so habe ich wohl nicht nötig, Ihre eigene Erinnerung an jugendliche Schwachheiten zu wecken. Ich will doch hoffen, daß mein Sohn unfähig ist, etwas gegen die Republik zu unternehmen?«

»In dieser Hinsicht wird er nicht beargwöhnt.« Ein leichter Schatten von Ironie flog bei diesen Worten über das Antlitz des alten Senators. »Aber er soll sich zu dreist um die Person und den Reichtum Euers Mündels bewerben, und daß dies, da sie unter besonderer Aufsicht von St. Markus steht, nicht ohne Bewilligung des Senats geschehen kann, muß ja einem seiner ältesten und ehrwürdigsten Mitglieder wohl bekannt sein.«

»So ist das Gesetz, und niemand, der von mir abstammt, soll ihm seine Achtung versagen. Ich habe meine Ansprüche an diese Verbindung mit Bescheidenheit, aber offen ausgesprochen und erwarte mit achtungsvollem Vertrauen die Entscheidung des Staates.«

Seine Kollegen neigten sich höflich, der Wahrheit seiner Rede und der Aufrichtigkeit seines Benehmens beistimmend; indes geschah es auf eine Weise, die zeigte, daß an Hinterlist gewöhnte Männer wie sie nicht leicht zu täuschen sind.

»Niemand zweifelt daran, würdiger Signore Gradenigo. Hast du hinsichtlich der jungen Erbin etwas mitzuteilen?«

»Mit Kummer muß ich sagen, daß die Verbindlichkeit, die sie gegen Don Camillo Monforte hat, auf ihr Gemüt einen tiefen Eindruck gemacht hat, und ich fürchte, daß der Senat in dieser Hinsicht mit dem Eigensinn eines Weibes zu kämpfen haben wird. Die Launen ihres Alters werden ihm mehr zu schaffen machen als die Leitung wichtigerer Gegenstände.«

»Ist die Dame in ihrem gewöhnlichen Leben mit angemessener Gesellschaft umgeben?«

»Der Senat kennt ihre Umgebungen. In so wichtigen Sachen werde ich ohne dessen Autorität und Zustimmung nichts tun, doch ist dabei mit großer Delikatesse zu verfahren. Der Umstand, daß so viele Güter meines Mündels im Kirchenstaat liegen, macht es nötig, den schicklichen Zeitpunkt zur Verfügung über ihre Rechte abzuwarten und den Bestand davon in die Grenzen der Republik zu versetzen, ehe wir etwas entscheiden. Haben wir ihr Vermögen erst sicher, so mag ohne Verzug über ihr Schicksal entschieden werden, wie es für den Staat am vorteilhaftesten scheint.«

»Die Dame ist von einem Range, besitzt Reichtümer und persönliche Vorzüge, die bei unseren bedenklichen Verhandlungen, die uns seit kurzem so sehr hemmen, von großem Einfluß sein könnten. Es gab Zeiten, wo sich ein Souverän um die Hand einer Tochter Venedigs bewarb, die nicht schöner war als diese.«

»Diese großen, glänzenden Tage sind nicht mehr, Signore. Sollte es für zweckmäßig erachtet werden, die natürlichen Ansprüche meines Sohnes unberücksichtigt zu lassen und mein Mündel zum Besten der Republik zu vermählen, so kann durch das Mittel doch höchstens nur eine günstige Einwilligung bei künftigen Verhandlungen oder eine neue Stütze für eine der vielen zerrütteten Interessen der Stadt verlangt werden. In dieser Hinsicht könnte sie freilich viel nützen. Damit sie aber frei schalten könne und ihrem Glücke nichts im Wege stehe, wird es nötig sein, den Ansprüchen Don Camillos ein Ende zu machen. Können wir dies besser bewerkstelligen als durch eine schleunige Ausgleichung, um ihn zur Rückkehr nach Kalabrien zu vermögen?«

»Die Sache ist von Wichtigkeit und bedarf der Überlegung.«

»Er klagt ohnehin über unser Zögern, und nicht ganz mit Unrecht. Seit fünf Jahren bereits sind seine Ansprüche vorgebracht.«

»Von diesem Herrn von Sant' Agata müssen Gegenbedingungen gemacht werden, sonst setzen wir unseren Vorteil gar zu sehr aus den Augen.«

»Ich erwähnte der Sache vor Ew. Exzellenzen, damit Dero Weisheit darüber entscheide. Mich dünkt, es wäre schon etwas gewonnen, wenn man einen so gefährlichen Gegenstand aus den Augen und dem Gedächtnis eines liebekranken Mädchens entfernte.«

»Ist die Jungfrau so verliebt?«

»Sie ist aus Italien, und unsere Sonne erzeugt eine feurige Phantasie.«

»Schickt sie zum Beichtstuhl und zum Gebet! Der ehrwürdige Prior von St. Markus wird ihre Phantasie disziplinieren, bis sie den Neapolitaner für einen Mohren und einen Ungläubigen hält. Signori«, fuhr er dann fort, in einem Stoß Papier kramend, »wir müssen die Sache des Fischers vornehmen – doch wollen wir zuvor den Siegelring genauer untersuchen, den man vergangene Nacht in den Löwenrachen geworfen hat. Signore Gradenigo, Sie waren beauftragt, ihn zu untersuchen.«

»Meine Pflicht ward erfüllt, edle Signori, und mit einem Erfolg, den ich nicht erwartete. Die Eilfertigkeit unserer letzten Sitzung verhinderte das Durchlesen des Papiers, an dem er befestigt war, aber jetzt ist zu sehen, daß beide zusammengehören. Hier ist eine Anklage, die Don Camillo Monforte der Absicht beschuldigt, Donno Violetta, mein Mündel, aus dem Bereiche des Senats bringen zu wollen, um sich ihrer Person und ihrer Reichtümer zu versichern. Die Anklage spricht von Beweisen, die sich im Besitz des Anklägers, eines von dem Neapolitaner beauftragten Agenten, befänden. Wie ich vermute, sendet er als Pfand seiner Glaubwürdigkeit, denn nichts anderes wird dabei erwähnt, das eigne Handsiegel Don Camillos, das er nicht erhalten konnte, wenn er nicht des edeln Herrn Vertrauen besäße.«

»Ist der Ring auch ganz bestimmt der seinige?«

»Davon bin ich vollkommen überzeugt. Sie wissen, daß ich besonders beauftragt bin, sein persönliches Begehren beim Senat zu leiten, und so haben mir denn häufige Unterredungen Gelegenheit gegeben, zu bemerken, daß er früher den Siegelring trug, der ihm jetzt fehlt. Mein Juwelier auf dem Rialto hat diesen für den vermißten Ring erkannt.«

»Insoweit ist die Sache klar, obgleich der eigentümliche Umstand, daß sich der Siegelring des Angeklagten bei der Anklage vorgefunden, etwas dunkel scheint und die Klage unsicher und ungewiß macht. Haben Sie einen Schlüssel zu der Schrift oder Mittel, zu erfahren, woher sie kommt?«

Ein kleiner, fast unbemerkbarer roter Fleck auf der Wange Signore Gradenigos entging dem scharfen Mißtrauen seiner Gefährten nicht, indes verbarg er seine Verlegenheit und antwortete vernehmlich, daß er nichts dergleichen besitze.

»So müssen wir denn die Entscheidung bis auf weitere Beweise verschieben. Die Gerechtigkeitspflege des heiligen Markus ist zu sehr hervorgehoben, als daß man ihren Ruf durch einen übereilten Ausspruch bei einer Sache, die einen mächtigen italienischen Edeln so nahe angeht, aufs Spiel setzen sollte. Denn Camillo Monforte trägt einen ausgezeichneten Namen und zählt zuviel bedeutende Personen unter seinen Verwandten, als daß man mit ihm wie mit einem Gondoliere oder mit dem Boten eines fremden Staates umspringen könnte.«

»In bezug auf ihn haben Sie unbezweifelt recht, Signore, werden wir aber durch zu große Delikatesse unsere Erbin nicht in Gefahr bringen?«

»Es gibt ja viele Klöster in Venedig, Signore.«

»Ein klösterlich Leben eignet sich wenig für mein Mündel«, bemerkte Signore Gradenigo trocken, »und ich fürchte das Experiment, Gold ist der Schlüssel zur festesten Zelle, übrigens können wir ein Kind des Staates auch nicht ohne einen Schein von Anstand unter Gewahrsam bringen.«

»Signore Gradenigo, wir haben über diesen Gegenstand schon lange und ernste Beratungen gepflogen, und da dies unsere Gesetze zulassen, wenn einer aus unserer Zahl ein augenscheinliches Interesse bei der Sache hat, so haben wir uns mit Sr. Hoheit beraten, die auch mit unserer Meinung einverstanden sind. Ihr persönliches Interesse hinsichts der Dame könne Ihr in der Regel vortreffliches Urteil verdunkelt haben, sonst, glauben Sie sicherlich, hätten wir Sie zu unserer Konferenz gezogen.«

Der alte Senator, der sich so unerwartet von der Beratung einer Sache ausgeschlossen sah, die ihm vor allen anderen seine temporäre Autorität wert machte, stand beschämt und schweigend – seine Kollegen indes, den Wunsch, mehr zu erfahren, in seinem Gesicht lesend, fuhren fort, ihm mitzuteilen, was er nach ihrer Absicht hören sollte.

»Es ist beschlossen worden, die Dame nach einem anständigen, einsamen Ort zu bringen, und für die Mittel zu diesem Zwecke hat man bereits Sorge getragen. So wirst du auf eine Zeitlang eine unangenehme Verpflichtung los, die nur zu sehr deinen Geist eingenommen und deine so schätzbare Brauchbarkeit für die Republik bei andern Dingen verringert haben muß.»

Diese unerwartete Mitteilung geschah mit ausgezeichneter Höflichkeit, aber auch mit einem Nachdruck und einem Ton, der Signore Gradenigo hinlänglich mit der Natur des gegen ihn gefaßten Argwohns bekannt machte. Daher lehrte er seine Züge ein ebenso verräterisches Lächeln wie das seiner listigen Gefährten und antwortete mit scheinbarer Dankbarkeit: »Se. Hoheit und Sie, meine vortrefflichen Kollegen, haben Ihre wohlwollenden Wünsche und Ihr gutes Herz zu Rate gezogen. Die Behandlung eines eigensinnigen Weiberherzens ist kein leichtes Geschäft, und indem ich für die gütige Berücksichtigung meiner Bequemlichkeit danke, werden Sie zugleich erlauben, meine Bereitwilligkeit auszudrücken, die Verpflichtung wieder zu übernehmen, wenn es dem Staate gefallen sollte, sie mir wieder zu übergeben.«

»Davon kann niemand mehr überzeugt sein als wir und niemand Ihre Fähigkeit, sich der Verpflichtung treu zu entledigen, besser beurteilen. Doch Sie werden darin mit uns übereinstimmen, daß es sowohl der Republik als auch einem ihrer ruhmwürdigsten Bürger nicht angemessen ist, ein Mündel der Republik in einer Stellung zu lassen, die einen Bürger unverdientem Tadel aussetzt. Glauben Sie mir, wir haben bei dieser Sache weniger an Venedig als an die Ehre und das Interesse des Hauses Gradenigo gedacht; denn sollte dieser Neapolitaner unsere Absichten vereiteln, so würde man Ihnen den größeren Teil der Schuld davon aufbürden.«

»Tausend Dank, vortrefflicher Signore«, erwiderte der abgesetzte Vormund. »Sie haben mir eine schwere Last vom Herzen genommen und mir etwas von der Frische der Jugend wiedergegeben. Die Ansprüche Don Camillos sind nun nicht länger drängend, da es Ihr Wille ist, die Dame auf einige Zeit aus der Stadt zu entfernen.«

»Besser wär's, ihn noch in Ungewißheit zu lassen, wenn auch nur, um ihn zu beschäftigen. Setzen Sie Ihre Verbindung mit ihm fort, und berauben Sie ihn nicht aller Hoffnung, sie ist ein Belebungsmittel für ein durch Erfahrung noch nicht ertötetes Gemüt. Wir wollen es einem der Unsern nicht verhehlen, daß wir bald am Schluß einer Unterhandlung sind, die den Staat der Sorge für die Dame überheben und der Republik zum Vorteil gereichen wird. Ihre Güter, die außer unsern Grenzen liegen, erleichtern die Sache sehr, deren Kenntnis Ihnen nur vorenthalten worden ist, weil wir Sie seit kurzem zu sehr mit Geschäften überhäuft haben.«

Wieder verneigte sich Signore Gradenigo untertänig und mit scheinbarer Freude. Er sah, daß man trotz seiner geübten Hinterlist und scheinbaren Offenheit seine geheimen Absichten recht gut erkannt habe, und er unterwarf sich nun mit verzweiflungsvoller Resignation. Nach Beendigung dieses delikaten Geschäfts, das die höchstmögliche Freiheit venezianischer Politik erforderte, da es mit dem Interesse eines Mannes verflochten war, der jetzt eben zu demselben Gerichte gehörte, wandten die drei ihre Aufmerksamkeit auf andere Dinge, mit allem Anscheine von Gleichgültigkeit gegen persönliches Gefühl, den sich Männer auf den krummen Pfaden der Staatspolitik aneignen.

»Da unsere Meinungen in Hinsicht der Donna Violetta so glücklich übereinstimmen«, bemerkte der älteste Senator, »so lassen Sie uns die Liste unserer täglichen Pflichten durchmustern – was bringt uns heute abend der Löwenrachen?«

»Einige der gewöhnlichen und unbedeutenden Anklagen, die persönlicher Haß erzeugt«, erwiderte ein anderer. »Da beschuldigt jemand seinen Nachbarn der Hintansetzung religiöser Pflichten und der Nichtbeachtung der Fasttage der heiligen Kirche – törichte Verleumdungen, gut für die Ohren eines Priesters.«

»Sonst nichts?«

»Eine andere Klage beschuldigt einen Ehemann der Vernachlässigung. Es ist Weibergekritzel und trägt deutlich den Stempel weiblicher Rachsucht an der Stirn.«

»Die bald zu erwecken und ebenso bald zu besänftigen ist. Mag das Gerede der Nachbarn Ruhe bringen in den Hausstand. – Was folgt zunächst?«

»Ein Kläger bei dem Gerichtshofe klagt über die Saumseligkeit der Richter.«

»Das tastet den Ruf von St. Markus an und muß untersucht werden.«

»Halt« unterbrach Signore Gradenigo. »Das Tribunal handelt mit gutem Bedacht – es betrifft einen Hebräer, der um wichtige Geheimnisse weiß. Die Sache verdient Überlegung, ich versichere Euch.«

»Vernichtet die Klage. – Gibt's noch mehr?«

»Nichts Bedeutendes. Die gewöhnliche Anzahl Witzeleien und scherzhafter Knittelverse, die nichts bezwecken.«

»Das ist der Übermut der Sicherheit. Mag's immerhin durchgehn, denn alles, was zum Zeitvertreib dient, unterdrückt unruhige Gesinnungen. Wollen wir nun zu Sr. Hoheit, Signori?«

»Sie vergessen den Fischer«, bemerkte ernsthaft Signore Gradenigo.

»Da haben Ew. Gnaden recht. Was das für ein Geschäftskopf ist. Nichts Nützliches entgeht seinem stets regen Geist.«

Der alte Senator, wenngleich zu erfahren, um sich durch diese Sprache bestechen zu lassen, sah die Notwendigkeit ein, geschmeichelt zu scheinen. Wieder verneigte er sich und protestierte laut und wiederholt gegen Komplimente, die er so wenig verdiene. Als dies kleine Zwischenspiel vorüber war, beschäftigten sie sich angelegentlich mit der vorliegenden Sache.

Da die Entscheidung des Gerichts der Drei im Laufe dieser Geschichte bekannt werden wird, so wollen wir nicht weiter fortfahren, ihre bei diesen Beratungen gehaltenen Gespräche einzeln zu berichten. Die Sitzung währte lange, so lange, daß, als sie sich nach Beendigung ihres Geschäftes erhoben, die schwere Glocke des Platzes die Stunde der Mitternacht schlug.

»Der Doge wird ungeduldig sein«, sagte eines der namenlosen Mitglieder vor dem Weggehen. »Mir schien Se. Hoheit heute mehr ermüdet und schwächer, als sie sonst bei ähnlichen Stadtfestlichkeiten gewesen ist.«

»Se. Hoheit hören auf, jung zu sein, Signori. Wenn mir recht ist, so ist er uns allen an Jahren weit überlegen.«

»In Wahrheit, es zeigen sich Spuren von Hinfälligkeit in seinem System. Es ist ein ehrenwerter Fürst, und wir verlieren einen Vater an ihm, wenn wir seinen Verlust beweinen werden.«

»Sehr wahr, Signore; die gehörnte Mütze ist kein undurchdringliches Schild für die Pfeile des Todes.«

»Du bist heute abend verdrießlich, Signore Gradenigo, sonst pflegst du unter Freunden nicht so still zu sein.«

»Nichtsdestoweniger bin ich dankbar für Eure Güte. Scheint mein Antlitz beschwert, so hab ich ein erleichtert Herz. Wer seine Tochter so glücklich verheiratet weiß wie du, kann beurteilen, von welcher Last ich mich befreit fühle durch die Anordnung über mein Mündel. Die Freude äußert sich oft wie der Schmerz, ja oft sogar durch Tränen.«

Die beiden Gefährten blickten den Redenden mit scheinbarer Teilnahme an. Dann verließen sie das Zimmer des Gerichts. Die Diener kamen herein, verlöschten die Lichter und ließen alles in einer Dunkelheit, die kein schlechtes Bild der düsteren Mysterien des Ortes war.

 

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