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James Fenimore Cooper: Der Bravo - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Bravo
publisherVerlag Das Neue Berlin, Berlin
isbn3-360-00073-0
translatorRichard Zoozmann
year1987
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid258ed961
created20061222
modified20170303
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Elftes Kapitel

Den Abend eines solchen Tages konnten die Einwohner Venedigs unmöglich in langweiliger Einsamkeit zubringen. Wiederum füllte sich der große Markusplatz mit einer geschäftigen und gemischten Menge, und die schon früher beschriebenen Szenen begannen von neuem mit erhöhter Lebendigkeit. Seiltänzer und Taschenspieler zeigten ihre Künste; das Geschrei der Frucht- und Delikatessenhändler vermischte sich mit den Tönen der Flöten, Gitarren und Harfen, während sich der Müßiggänger und der Geschäftige, der Gedankenlose und der Ränkeschmied, der Verschworene und der Polizeigehilfe in privilegierter Sicherheit begegneten.

Schon war Mitternacht vorüber, als eine Gondel mit leichter Bewegung durch die Fahrzeuge glitt und mit ihrem SchnabelDie venezianische Gondel führt am Bug einen hohen metallenen Schnabel, ähnlich dem der altrömischen Galeeren den Kai berührte, wo sich der Markuskanal mit der Bai vereinte.

»Willkommen, Antonio«, rief ein Mann dem einsamen Gondelführer zu, als dieser den eisernen Haken seines Taues in den Fugen der Steine befestigte, wie dies bei den Gondolieri Brauch ist, »von Herzen willkommen, Antonio, wenngleich etwas spät.«

»Trotz deines maskierten Antlitzes erkenn ich die Stimme«, sagte der Fischer. »Deiner Güte, mein Freund, dank ich den Erfolg dieses Tages; und hab ich gleich den gewünschten und gehofften Zweck nicht erreicht, so bin ich dir doch nicht mindern Dank schuldig. Die Welt muß rauh mit dir umgegangen sein, sonst hättest du dich wohl eines alten, verachteten Mannes nicht so angenommen.«

»In Spiel und Scherz verflossen die Stunden meiner Jugend nicht; das Leben war kein Festtag für mich – doch was tut's. Es hat dem Senat nicht gefallen, die Anzahl des Galeerenvolks zu verringern, du mußt auf eine andere Belohnung sinnen. Hier sind die Kette und das goldene Ruder, ich hoffe, es soll noch immer willkommen sein.«

Der erstaunte Antonio gab dem Drange einer natürlichen Neugier nach und blickte den Preis einen Augenblick verlangend an. Dann trat er schaudernd zurück und sagte mit dumpfer, entschiedener Stimme: »Ich müßte ja glauben, man habe das Spielwerk aus meines Enkels Blut geformt! Behalt es! Dir hat man es anvertraut, und dein ist es von Rechts wegen, und nun sie sich weigern, meiner Bitte Gehör zu geben, ist es jedem nutzlos, außer dem, der es ehrlich verdient hat.«

»Du denkst nicht an den Unterschied der Jahre und der Muskelkraft, Fischer. Mich dünkt, bei Zuerkennung eines solchen Preises müßte man auch darauf Rücksicht nehmen, und dann hättest du uns wahrlich alle übertroffen. Heiliger Theodor! Ich habe meine Kindheit am Ruder zugebracht, und nimmer hat jemand in Venedig meiner Gondel so hart zugesetzt!«

»Ich weiß die Zeit, Jacopo, da selbst dein junger Arm ermüdet war in einem solchen Kampf zwischen uns beiden. Es war vor der Geburt meines ältesten Sohnes, der gegen die Ottomanen fiel, als der liebe Knabe, den er mir hinterließ, noch auf den Armen getragen wurde. Sahst du jemals den schmucken Jungen, guter Jacopo?«

»Ich war nicht so glücklich, guter Alter, doch wenn er dir glich, so magst du seinen Verlust mit Recht betrauern. Bei Diana! Ich habe wenig Ursach, mich des Vorteils zu rühmen, den mir Jugend und Stärke gaben.«

»Eine innere Kraft trieb mich und das Boot vorwärts – doch welchen Vorteil hat's gebracht? Alles scheiterte an den Felsenherzen der Edeln.«

»Das kann man noch nicht wissen, Antonio. Die guten Heiligen erhören wohl unser Gebet, wenn wir es am wenigsten glauben. Komm jetzt mit mir, denn man sandte mich ab, dich zu suchen.«

Der gute Fischer sah seinen neuen Freund mit Erstaunen an, besorgte, wie es seine Gewohnheit, das Boot und erklärte dann wohlgemut, er sei bereit zu folgen. Sie standen ein wenig entfernt von der Durchfahrt der Kais, und trotz des hellen Mondscheins konnten zwei Männer in ihrer Tracht nur wenig Aufmerksamkeit erregen; doch dem Bravo schien es hier noch immer nicht sicher genug. Er wartete, bis Antonio das Boot verlassen hatte, und warf ihm dann, ohne weitere Erlaubnis, einen Mantel um, den er überm Arm getragen hatte. Eine Mütze, der seinigen ähnlich, auf das graue Haar des Alten gesetzt, vollendete die Metamorphose.

»Eine Maske ist nicht nötig«, sagte er, nachdem er seinen Gefährten aufmerksam betrachtete, »niemand wird Antonio in diesem Aufzug suchen.«

»Ist all dies nötig, Jacopo? Ich bin dir Dank schuldig für deinen wohlgemeinten und – wären nicht die harten Herzen der Reichen und Mächtigen – für deinen wohltätigen Dienst. Doch muß ich dir sagen, eine Maske trug ich noch nie; denn warum sollte jemand, der mit der Sonne aufsteht, um sein schweres Werk zu beginnen, und der sich auf den Segen des heiligen Antonius verläßt, gleich einem Stutzer ausgehen, um den guten Namen einer Jungfrau zu stehlen, oder wie ein Räuber in der Nacht?«

»Du kennst ja unsere venezianische Sitte, und es möchte überdies nicht unnötig sein, bei unserm Geschäft etwas vorsichtig zu Werke zu gehen.«

»Du vergißt, daß mir deine Absichten noch verborgen sind. Ich sag es nochmals und sag es mit Aufrichtigkeit und Erkenntlichkeit, ich bin dir vielen Dank schuldig, obgleich der Zweck verfehlt ist und der Junge noch immer festsitzt in der schwimmenden Schule der Gottlosigkeit – doch, Jacopo, du trägst einen Namen, von dem ich wünschte, er gehörte dir nicht. Es wird mir schwer, alles zu glauben, was sie heute am Lido von einem sagten, der für den Schwachen, dem man Unrecht getan, so viele Teilnahme bewiesen hat.«

Das tiefe Stillschweigen, das dieser Bemerkung folgte, war so drückend für Antonio, daß es ihm eine Art Erlösung schien, als Jacopo sich wieder mit tiefem Atemzug zu fassen schien.

»Es hat nichts zu bedeuten«, erwiderte Jacopo mit dumpfer Stimme. »Es hat nichts zu bedeuten; wir wollen ein andermal darüber sprechen. Jetzt folge und schweig.«

Antonios selbstbestellter Führer schlug den Pfad vom Wasser weg ein und deutete letzterem an, ihm zu folgen. Der Fischer gehorchte. Jacopo trat zuerst in den Hof vor dem Palast des Dogen; seine Schritte waren gemächlich, und der vorüberziehenden Menge schienen sie, gleich tausend andern, nur hier zu wandeln, um sich der frischen Nachtluft oder der Vergnügungen der Piazza zu erfreuen. Im dunkeln und gebrochenen Licht des Hofes blieb Jacopo stehen, sichtlich um die Personen zu betrachten, die dieser enthielt. Vermutlich sah er keinen Grund zum Zögern, denn nach einem, seinem Begleiter gegebenen Zeichen durchschritt er den Platz und stieg die Stufen hinauf, die, von den oben stehenden Statuen, die Riesentreppe genannt werden. Vorüber zogen sie an dem berüchtigten Löwenrachen und wollten rasch die offene Galerie entlanggehen, als ihnen ein Hellebardier der herzoglichen Garde entgegentrat.

»Wer da?« fragte der Mietling, ihnen seine lange, gefährliche Waffe vorhaltend.

»Freunde des Staates und des heiligen Markus.«

»Niemand passiert zu dieser Zeit ohne die Parole.«

Jacopo deutete Antonio an, stille zu stehen, er selbst näherte sich dem Hellebardier und lispelte ihm einige Worte ins Ohr. Alsbald richtete dieser die Waffe auf und schritt mit gewohnter Gleichgültigkeit die lange Galerie auf und ab. Die beiden gingen weiter; Antonio, nicht wenig erstaunt über alles, was er gesehen hatte, folgte eilfertig seinem Führer, sein Herz schlug lebhaft in unbestimmter Hoffnung. Der Welten Lauf war ihm nicht so unbekannt, als daß er nicht hätte wissen sollen, daß die Mächtigen zuweilen im geheimen gewähren, was ihnen Politik öffentlich zu tun verbietet. Voller Erwartung, den Dogen vielleicht selbst zu sehen und sein teures Kind zurückzuerhalten, schritt der Alte die lange, dunkle Galerie mit leichten Schritten entlang und fand sich endlich, immer Jacopo folgend, am Fuß einer andern steinernen Treppe. Der Weg ward nun für unseren Fischer zum Labyrinth, denn sein Gefährte verließ jetzt die öffentlichen Ausgänge des Palastes und führte ihn durch eine geheime Tür mehrere schwach erleuchtete oder auch ganz finstere Korridore entlang. Treppauf, treppab ging es, von Zimmer zu Zimmer, bis Antonio schwindelte und er ganz die Richtung des Weges verlor. Endlich hielten sie an in einem dunkeln, schlecht möblierten Zimmer, durch die schwache Erleuchtung nur noch dunkler gemacht.

»Du bist gut bewandert in der Wohnung unseres Fürsten«, sagte der Fischer, als ihm seines Gefährten Stillstand zu sprechen erlaubte. »Dem ältesten Gondelführer sind die Krümmungen der Kanäle nicht besser bekannt als dir diese Galerien und Korridore.«

»Mein Geschäft war, dich hierher zu leiten, und was ich zu tun habe, trachte ich gut zu tun. Antonio, du bist ein Mann, der die Gegenwart der Großen nicht fürchtet, dieser Tag hat es bewiesen. Nimm all deinen Mut zusammen, denn ein schwerer Augenblick steht dir bevor.«

»Kühn sprach ich mit dem Dogen. Wen hätt ich, außer dem Heiligen Vater selbst, noch zu fürchten auf dieser Erde?«

»Wohl magst du zu kühn gesprochen haben, Alter. Mäßige deine Worte, die Großen hören nicht gern die Sprache der Nichtachtung.«

»Gefällt ihnen die Wahrheit so wenig?«

»Dem sei, wie ihm wolle, sie hören sich gern rühmen, wenn sie Lob verdienten, doch Tadel ist ihnen zuwider, selbst wenn sie fühlen, daß er gerecht ist«

»Ich fürchte«, sagte der Alte, den andern unbefangen ansehend, »ich fürchte, es ist nur wenig Unterschied zwischen dem Mächtigen und Schwachen, wenn beide entkleidet sind und der bloße Mensch dem Menschen gegenübersteht.«

»Die Wahrheit möchte hier kein willig Ohr finden.«

»Wie! Leugnen sie, daß sie Christen, Sterbliche, Sünder sind?«

»Sie rühmen sich des ersteren, Antonio – vergessen das zweite und hören sich nicht gern das dritte nennen, außer von sich selbst.«

»Ich fange doch an zu zweifeln, daß ich des Knaben Freiheit erlangen werde, Jacopo.«

»Sprich sanft mit ihnen, sag nichts, was ihre Eigenliebe verwunden oder ihre Autorität bedrohen könnte – sie verzeihen viel, besonders wenn letztere geachtet wird.«

»Doch eben diese Autorität nahm mir mein Kind! Kann ich zugunsten einer Macht sprechen, die ich für ungerecht erkenne?«

»Wenigstens mußt du so tun, sonst schlägt dein Gesuch fehl.«

»Laß mich nach meinen Lagunen zurückkehren, lieber Jacopo, denn meine Zunge bewegt sich nur nach dem Gebot meines Herzens. Sag du ihnen in meinem Namen, daß ich hierher kam, um ihnen meine Achtung zu beweisen, daß ich aber, weil ich sah, wie fruchtlos ferneres Bitten sein würde, zu meinen Netzen und Gebeten heimgekehrt sei.«

Nach diesen Worten schüttelte er die Hand seines bewegungslosen Gefährten und schickte sich zum Fortgehen an. Ehe noch sein Fuß die Marmorhalle verlassen hatte, zielten schon zwei Hellebarden nach seiner Brust; er sah jetzt zum erstenmal, daß bewaffnete Männer den Eingang besetzt hielten und er so eigentlich ein Gefangener sei. Die Natur hatte dem Fischer einen richtigen und schnellen Blick gegeben und lange Gewohnheit seine Nerven gestählt. Als er seine wahre Lage bemerkte, wandte er sich, statt aller nutzlosen Vorstellungen und ohne Schrecken zu verraten, mit ruhigem Blick zu Jacopo.

»Gewiß wollen mir die durchlauchtigen Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen«, sagte er, »und es würde einem niedrigen Fischer schlecht anstehen, ihnen die Gelegenheit dazu zu rauben. Besser wär's freilich, man wendete hier in Venedig weniger Gewalt an, wenn es auf die einfache Entscheidung von Recht und Unrecht ankommt.«

»Wir werden ja sehen«, antwortete Jacopo, der bei dem verunglückten Versuch des anderen, fortzukommen, keine Teilnahme geäußert hatte. Ein langes Stillschweigen erfolgte. Die Hellebardiere verharrten in ihrer steifen Haltung im Schatten der Wände, während Jacopo und sein Gefährte, fast ebenso starr und unbeweglich, die Mitte des Zimmers einnahmen.

Es wird hier nicht überflüssig sein, dem Leser einige besondere Staatseinrichtungen des Landes, von dem wir schreiben und die mit der Szene, die jetzt folgt, in Verbindung stehen, zu erläutern.

In den Zeitaltern, als die Herrscher noch profan genug waren, zu behaupten, und die Beherrschten schwach genug, es zuzugeben, daß das Recht eines Mannes, seinesgleichen zu beherrschen, ein unmittelbares Geschenk Gottes sei, hielt man eine, wenn auch nur angebliche Abweichung von diesem kühnen und egoistischen Grundsatz hinreichend, einer Nation den Charakter von Freiheit und Gemeinsinn zu geben. Dieser Glaube ist auch nicht ganz unrichtig, da er – theoretisch wenigstens – den Grund der Regierung auf eine Basis stellt, die wesentlich von der unterschieden ist, die alle Macht als das Eigentum eines einzelnen betrachtet.

Wahrscheinlich glaubten die Patrizier von St. Markus, als sie eine Gemeinschaftlichkeit der politischen Rechte unter sich bildeten, ihr Stand habe nun alles getan, was nötig wäre, um jenen hohen und ehrenvollen Titel »Republik« zu verdienen.

Venedig kannte kein göttliches Recht, und da dessen Fürst wenig besser als eine Puppe war, so machte es kühn auf den Namen einer Republik Anspruch und war in der Tat nur eine ausschließliche, eine gemeine, äußerst herzlose Oligarchie.

Der Unterschied des Ranges, ganz getrennt vom Willen der Nation, bildete die Basis des venezianischen Staates. Autorität war hier, wenngleich verteilt, nicht minder ein Geburtsrecht als in den Ländern, wo sie als eine Gabe der Vorsehung angesehen ward. Die Patrizier hatten hohe, ausschließliche Rechte, die mit Anmaßung und Eifersucht bewacht und aufrechterhalten wurden. Wer nicht zum Herrschen geboren war, hatte wenig Hoffnung, jemals zum Besitze seiner natürlichen Rechte zu gelangen, während der zufällig dazu Geborene die schrecklichste, despotischste Macht ausübte. Die Namen der Hauptfamilien wurden in das sogenannte »Goldene Buch« eingetragen, und der beneidenswerte Nachkömmling dieser registrierten Vorfahren konnte, mit wenigen Ausnahmen (wie bei Don Camillo zum Beispiel die Monforte), im Senat auftreten und auf die Ehre der »Gehörnten Mütze« Anspruch erheben. Dieses grundfalsche Regierungswesen ward den Untertanen nur durch die Beiträge der eroberten und zinspflichtigen Provinzen erträglich, denn diese, wie bei jeder Zentralregierung, fühlten den Druck am meisten.

Als der Senat zu zahlreich geworden war, um die verwickelten Geschäfte des Staates mit gehöriger Verschwiegenheit und Eile zu leiten, wurden die wichtigeren Gegenstände einem Rate von dreihundert Mitgliedern anvertraut. Um der Öffentlichkeit und Verzögerung noch mehr vorzubeugen, bildete man einen noch kleineren Ausschuß, den sogenannten Rat der Zehn, dem man einen großen Teil der exekutiven Gewalt anvertraute, die in den Händen des Titularoberhauptes zu gefährlich werden konnte. Dies hatte wenigstens, wie fehlerhaft auch das Ganze war, den guten Erfolg, daß es den Gang der Geschäfte einfacher und offenbarer machte. Die Agenten der Regierung waren bekannt, und obgleich alle Verantwortlichkeit gegen die Nation durch den höheren Einfluß und die engherzige Politik der Patrizier verlorenging, so konnten doch die Herrscher dem öffentlichen Tadel nicht ganz entgehen, wenn sie sich ein ungerechtes und unrechtmäßiges Verfahren erlaubten. Doch hatte ein Staat, dessen Gedeihen hauptsächlich von Abgaben und Zuschüssen der Untergebenen abhing und dessen Existenz ebensosehr durch seine eigenen falschen Grundsätze als durch die anwachsende Größe benachbarter Staaten bedroht ward, in Abwesenheit einer exekutiven Gewalt in den Händen der Bürger Venedigs, einer wirksameren Macht nötig. Eine politische Inquisition, die mit der Zeit das furchtbarste polizeiliche Werkzeug wurde, war die Folge dieser Notwendigkeit.

Eine Gewalt ohne Schranken und Verantwortlichkeit ward periodisch einem noch kleineren Ausschusse übertragen, der seine despotischen und geheimen Funktionen unter dem Namen der Drei ausübte. Das Los entschied die Wahl dieser drei Herrscher, und zwar so, daß sie nur ihnen selbst und wenigen der vertrauteren Staatsdiener bekannt ward. So existierte zu allen Zeiten im Herzen von Venedig eine geheime und allgewaltige Macht, von Männern ausgeübt, die als solche der menschlichen Gesellschaft ganz unbekannt waren und sich den gewöhnlichen und harmlosen Verrichtungen und Ansprüchen des Lebens hinzugeben schienen, aber in Wahrheit von so tyrannischen, egoistischen politischen Maximen geleitet wurden, wie sie nur jemals der böse Genius der Menschheit erfunden hat. Kurz, es war eine Macht, die ohne Mißbrauch nur der unfehlbaren Tugend und der unendlichen Weisheit – versteht sich, nach Maßgabe menschlicher Kräfte – anvertraut, deren Ansprüche sich nur auf Geburt und die verschiedenen Farben der Kugeln gründete und denen nicht einmal die Schranke der Publizität gesetzt war. – Der Rat der Drei versammelte sich im geheimen, erließ gewöhnlich seine Dekrete ohne Beratung mit den anderen Gerichten und bekräftigte sie durch die Furchtbarkeit der Mysteriosität und plötzlichen Ausführung, die den schnellen Schlägen des Schicksals glich. Selbst der Doge vermochte nichts gegen ihre Autorität, noch war er geschützt vor ihren Beschlüssen; man weiß sogar, daß einer der privilegierten Drei von seinen Gefährten denunziert wurde. Es existiert noch ein langes Verzeichnis der Staatsmaximen, die dieses geheime Tribunal zur Richtschnur seiner Handlungen nahm, und es ist nicht zuviel gesagt, daß sie alles andere, außer Erreichung des vorgesetzten Zweckes, aus den Augen setzten – alle anerkannten göttlichen Gesetze und jeden unter den Menschen geachteten Grundsatz der Gerechtigkeit.

 

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