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Der Brand der Cheopspyramide

Hans Dominik: Der Brand der Cheopspyramide - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Brand der Cheopspyramide
authorHans Dominik
year1927
firstpub1926
publisherErnst Keils Nachf. (Aug. Scherl)
addressBerlin
titleDer Brand der Cheopspyramide
pages295
created20151201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die »Potomac«, das große Transatlantikschiff, war auf dem Fluge nach Amerika. Es war ein Sonderflug zu den Niagarafällen anläßlich jenes gewaltigen, von William Jefferson vorgeschlagenen Experimentes, das seit mehreren Wochen alle 62 Welt in Atem hielt. Des Nachmittags um drei Uhr hatte die »Potomac« den Hamburger Hafen verlassen. Nach einer Fahrzeit von genau vierundzwanzig Stunden sollte sie fahrplanmäßig am folgenden Tage morgens um acht Uhr bei den Fällen landen. Die Zeitdifferenz von sieben Stunden zwischen Deutschland und Mittelamerika kam ihr bei dem Westflug zugute, so daß sich für die Reise nur eine scheinbare Fahrzeit von siebzehn Stunden ergab.

Unabhängig von Land und Wasser, von Wind, Wetter und Eis folgte die »Potomac« dem kürzesten Kurse, der über Nordschottland und Südgrönland geht und die Niagarafälle von Kanada her anschneidet. Das Schiff war überfüllt, jede Kabine, jeder Platz, jeder Stuhl besetzt. Während die »Potomac« schon in dreißig Kilometern Höhe über Nordschottland dahinschoß, waren die Stewards immer noch eifrig beschäftigt, neue Sessel und Liegestühle aus den Vorratsräumen herbeizuholen.

So erhielt Malte von Iversen endlich im Speisesaal der »Potomac« eine Sitzgelegenheit, auf der er seine Glieder strecken konnte. Er war gerade noch zurechtgekommen, als man bereits die Laufplanken der »Potomac« einziehen wollte, um mit einem letzten gewaltigen Satz an Bord zu springen.

Jetzt saß er, streckte und verschnaufte sich. Die nächsten vierundzwanzig Stunden gehörten ihm. Hier konnte ihm Eisenecker nicht entkommen.

Aber bei dieser Völkerwanderung zu den Niagarafällen, von der die Überfüllung der »Potomac« einen kleinen Vorgeschmack gab, würde es ihm nicht leicht sein, seinen Mann in der unübersehbaren Menge an den Fällen selbst im Auge zu behalten.

Indes vier Augen sehen mehr als zwei, und zehn Augen sehen noch mehr. Darauf hatte Iversen seinen Plan gebaut und sich telegraphisch mit amerikanischen Detektivs ins 63 Einvernehmen gesetzt. Ein unbemerktes Verschwinden sollte dem Beschatteten bis zur Unmöglichkeit erschwert werden.

Auch hier im Speisesaal der »Potomac« bildete das bevorstehende Experiment William Jeffersons an allen Tischen den Hauptgegenstand der Unterhaltung. In allen Sprachen Europas wurde darüber debattiert und stellenweise recht absprechend geurteilt. Seit Monaten hatten ja bereits die Zeitungen darüber berichtet und die Möglichkeiten eines Erfolges erörtert. Manche Blätter hatten das Ganze als eine richtige Yankeeidee bezeichnet. Diese groteske Idee, die fünfunddreißig Millionen Pferdestärken der Niagarafälle konzentriert auf ein Becken mit einhundert Kilogramm Quecksilber wirken zu lassen. Einige Gelehrte hatten sogar von einer hemdsärmeligen amerikanischen Physik gesprochen, wie man in früheren Zeiten wohl ähnlich von der amerikanischen Diplomatie zu sprechen pflegte. Die Mehrzahl der europäischen Zeitungsstimmen hatte auf das Problematische des ganzen Versuches hingewiesen.

Aber die Wirtschaft und besonders die Börse war nervös geworden, wurde immer nervöser, je näher der Tag des Experimentes heranrückte. Von Tag zu Tag gaben die Kurse der Gold- und Energiewerte nach. Der schwarze Donnerstag, der Todestag Montgomerys, war noch nicht vergessen.

Iversen hatte einen Platz in der einen Ecke des Saales bekommen, von dem aus er den ganzen großen Raum gut übersehen konnte. Während er dort saß, hier und da Gesprächsbrocken über das Thema William Jefferson auffing und einzelne Passagiere musterte, trat Eisenecker ein. An einem Tisch in der Mitte des Saales fand er Platz und ließ sich das Schiffsdiner servieren. Von seinem Winkel aus konnte Iversen das Gesicht des Mannes in aller Ruhe studieren, und er tat es gründlich. Geübt, in den Physiognomien der Menschen zu lesen, verfolgte er jeden Zug dieses Gesichtes. Er studierte dies Antlitz wie ein Buch.

Verbarg sich da nicht etwas, das den äußeren Schein Lügen 64 strafte? Welche geheimen Pläne woben hinter dieser breiten, kantigen Stirn? Welches Ziel hatten diese leuchtenden, willensharten Augen?

Der ganze Mensch ein Rätsel, ihm. Warum nutzte er nicht unverzüglich seine Erfindungen aus?

Die Atomenergie . . . sollte die Erkenntnis der Macht, die sie ihrem Beherrscher in die Hand gab . . . sollte diese Erkenntnis solche rätselhaften Wandlungen hervorrufen. Schon die bizarre Weise, in der Elias Montgomery sein Leben umgestellt hatte, nachdem ihm die Entdeckung gelungen, gab der Welt reichlichen Grund zum Kopfzerbrechen. Hier schien sich der Fall, wenn auch in anderer Weise, zu wiederholen. Auch dieser hier schwieg über seine Entdeckung. Zwar vergrub er sich nicht in seinem Haus, schloß sich nicht hermetisch von jedem Verkehr ab, aber im Erfolg war sein Tun das gleiche. Er floh in die Welt.

Flucht . . . Ja Flucht war's, die Eisenecker in die Ferne trieb! Flucht vor den quälenden Zweifeln, die ihm Herz und Sinn beschwerten. Die Erkenntnis der ungeheuren Tragweite dessen, was ein günstiges Geschick ihm nach mühevoller Arbeit in den Schoß geworfen, wuchtete wie eine ungeheure Last auf seiner Seele. Mit allen Kräften des Geistes und des Körpers rang er dagegen, um nicht niederzubrechen.

Durch ein einfaches Versehen waren damals in seinem Hause Energiemengen von unbeabsichtigter Größe frei geworden, der alte Ellernhof war bis auf die Grundmauern niedergebrannt. In diesem Augenblick war ihm die gefährliche Größe seiner Entdeckung klar vor die Augen getreten. Gleichgültig, ohne Bedauern hatte er zugesehen, wie das Jahrhunderte alte Gebäude ein Raub der Flammen wurde.

Ein Wink des Schicksals war ihm diese Feuersbrunst, die ihm das Obdach raubte, die ihn aus enger Einsamkeit hinaus in fremde Welten trieb. Neue Kräfte sammeln im Getriebe der Welt! Neue Kräfte, um das Errungene so auszubauen, 65 so zu verwerten, daß es Segen für die Menschheit wurde. Nicht ein blutiger Sieg, bei dem unzählige Existenzen die Opfer der gewaltigen Umstellung werden mußten.

Eine neue, ganz große Aufgabe. Sie mußte gelöst sein, bevor er Europa, der Welt die neue Energiequelle in die Hand gab.

Wohin sich wenden? Amerika . . .? Seine Industrie die bestentwickelte, zugleich die am straffsten organisierte der Welt. Hier die neue Energiequelle zur Anwendung gebracht! Hier mußten die Folgen am deutlichsten zu sehen sein. Hier hatten sich auch bereits ernste Köpfe mit dem Problem beschäftigt, wie einem so umwälzenden Ereignis wie der Entdeckung der Atomenergie am besten zu begegnen sei.

Der Versuch Jeffersons . . . die Riesenenergie der Niagarafälle auf ein wenig Quecksilber loszulassen . . . er lächelte bei dem Gedanken daran . . . ein erheiterndes Zwischenspiel, das auf ihn wirken sollte wie der Besuch einer guten Komödie.

Der Kaffee wurde serviert. Mechanisch folgte Eisenecker dem Beispiel der meisten anderen Gäste und griff nach dem Radiohörer, der neben jedem Sitz hing. Neueste Nachrichten aus der Welt . . . vier Jahre hatte er einsam auf dem Ellernhof gehaust, in seine Arbeit vertieft, abgeschnitten von jedem Verkehr. Was vier Jahre hindurch in der Welt geschah war ihm fremd geblieben. Es würde einige Zeit benötigen, die Lücke wieder auszufüllen. Wahllos ließ er den Einstellhebel über die Metallscheibe gleiten.

Kairo: Attentat auf die ägyptische Staatsbank. In der heutigen Sitzung des ägyptischen Parlamentes machte der Innenminister folgende Mitteilung:

Von einer weitverzweigten internationalen Bande ist ein Attentat auf unsere Staatsbank versucht worden. Man hat von einem gegenüberliegenden Gebäude aus unter der Straße hinweg mit der Aushebung eines unterirdischen Ganges begonnen. Die ägyptische Polizei, die schon seit langem 66 unterrichtet war, griff heute mit schnellem Schlag zu und konnte mehrere Mitglieder der Bande verhaften.

Doch nun kommt das Außergewöhnliche, woran unsere Hörer vielleicht zweifeln werden. Es war nicht beabsichtigt, den Bankschatz zu rauben. Man wollte ihn nur vernichten. Es war beabsichtigt, hundert Zentner der brisantesten Sprengstoffe unter die Bankkeller zu bringen, um das ganze Bankgebäude, das ganze Stadtviertel von Grund auf in die Luft zu sprengen. Über die Täter schweigt sich die Polizei vorläufig noch aus.

Der Minister teilte dem Parlamente darauf den folgenden, jedenfalls nicht gewöhnlichen Entschluß des Gesamtministeriums mit, den Bankschatz bis auf weiteres in den Totenkammern der Cheopspyramide unterzubringen. Das vollkommen freie und übersichtliche Gelände um die Pyramide herum wird in einem Umkreise von drei Kilometer gesperrt werden. Um die Sicherung durchzuführen, beabsichtigt die Regierung zunächst, einen Militärkordon um die Pyramiden zu legen. Später soll der Schutz noch durch elektrische Sicherungen verstärkt werden. Diese Nachricht wird bei denen, die in diesem Jahre einen Besuch Ägyptens und der Pyramiden vorhaben, sehr gemischte Gefühle auslösen. Viele werden den Besuch sicherlich unterlassen, da die Pyramiden ein Hauptziel für die Touristen sind.

Eisenecker rückte den Hebel weiter: Bern, Sitzung des europäischen Staatsrates. Rede des deutschen Delegierten über die europäisch-maurischen Verhandlungen in Rom.

Die Brauen des Hörenden schoben sich halb unwillig, halb drohend zusammen. Die Schmach noch immer nicht getilgt! Noch immer der Feind auf europäischem Boden! Seine Gedanken flogen zu der spanischen Halbinsel, flogen zurück durch die Jahre. Zurück zu der Zeit, als er im Auftrage der Riggers-Werke dort die großen Kraftwerke in Segovia, in Zamora und bei La Roda baute. Ein Name besonders ging ihm durch den 67 Sinn. Gonzales . . . Pionierhauptmann damals in Segovia . . .

Er hörte nichts mehr von dem, was aus dem Radiohörer klang. Alle seine Gedanken und Erinnerungen weilten bei dem Hauptmann Antonio Gonzales. Damals in Segovia war der zu ihm gekommen, sich Rat wegen einer technischen Erfindung zu holen. Eisenecker war erstaunt gewesen, in dem einfachen Soldaten einen glänzenden Techniker kennenzulernen. Aus der Bekanntschaft war schnell eine Freundschaft geworden . . . wo mochte Gonzales jetzt leben? . . . Wenn er noch am Leben war. War er vielleicht in den maurischen Kämpfen gefallen?

Ein Schüttern ging durch den Rumpf der »Potomac« und unterbrach seine Gedanken. Das Schiff hatte während der letzten Stunden das Eismeer zwischen Island und Grönland überflogen und mußte sich jetzt etwa in der Höhe von Christianland befinden. Schon seit einiger Zeit schien es Eisenecker, als ob der Lauf der Maschinen unregelmäßiger geworden wäre. Jetzt konnte kein Zweifel mehr sein. Die Maschinen setzten aus. Man hatte es zweifellos mit einer Betriebsstörung zu tun.

Von allen Seiten her klangen jetzt aufgeregte Stimmen durch den Raum. Überall war man auf das Versagen der Maschinen aufmerksam geworden und suchte die Gründe dafür zu erfahren. Widersprechende Nachrichten zuerst . . . ein Defekt an der Kühlung. Ein Undichtwerden des Gasraumes . . . heißgelaufene Lager.

Die »Potomac« ging im Gleitfluge nach unten. Jetzt standen die Maschinen für die Horizontalpropeller ganz still. Tiefer und tiefer ging es hinab. Die Wolken wurden durchstoßen. Die Erde wurde sichtbar. Die »Potomac« befand sich über dem grönländischen Inlandseis . . . Fast stoßfrei setzte sie jetzt auf einer glatten Gletscherfläche auf.

Es war eine Notlandung. Schon begann die 68 Schiffsstation zu senden und Hilfe herbeizurufen. Ein Tenderschiff vom nächstgelegenen Stützpunkt in Reykjavik mit Monteuren, Werkzeugen und vor allen Dingen mit neuem Betriebsstoff. Denn das war ja ganz unzweifelhaft die Ursache der Notlandung. Eisenecker erkannte den Grund, als er aus einem der Heckfenster die lange, breite, schwarzschimmernde Spur sah, die das ausfließende Teeröl auf dem Eise hinterlassen hatte. Nur ein Tankdefekt konnte es gewesen sein, der vorzeitig die Betriebsstoffe der »Potomac« erschöpfte und sie hier zum Niedergehen zwang.

Da lag das Schiff in der eisigen Einöde. Hilfe war bereits zugesagt, aber es würden Stunden vergehen, bevor sie da sein konnte. Es wäre nicht schlimm gewesen, wenn man Brennstoff gehabt hätte. So aber fehlte jede Heizung der »Potomac« durch Auspuffgase oder heißes Wasser von den Maschinen her. Schon begann die grönländische Kälte sich auch im Schiffsinneren fühlbar zu machen. Die Reisenden waren nur mit leichter Sommerkleidung versehen. Alle möglichen Decken und Hüllen aus den Beständen der »Potomac« wurden zusammengesucht und mußten zum Schutz gegen die Kälte dienen.

Trotz alledem wäre es immer noch ein lustiger Mummenschanz gewesen, wenn nicht das Unwetter hinzugekommen wäre. Von Minute zu Minute verstärkte sich die Gewalt des eisigen Sturmes, der von Norden her über die Gletscher hinraste. Aus dem Sturm wurde ein Schneesturm. Immer dichter füllte sich die Luft mit feinen Eiskristallen. Schon war die Hügelkette, die kaum einen Kilometer vom Landungsplatz der »Potomac« entfernt den Gletscher im Norden säumte, durch den dichten Schleier der wirbelnden eisigen Schneemassen nicht mehr zu erkennen. Wie aufprallender Hagel fast hörte es sich im Schiffsinnern an, wenn der Sturm in immer neuen wütenden Stößen den Schnee gegen die eisernen Flanken der »Potomac« schleuderte.

69 Immer schneidender, immer eisiger die Kälte im Schiffsraum. Schon drängten sich Gruppen von Passagieren eng aneinander, verkrochen sich zusammen unter Kissen und Decken, um dem schweren Frost besser Widerstand leisten zu können.

Eine andere schwere Gefahr dabei im Hintergrunde. Es war fraglich, ob das Hilfsschiff bei diesem Unwetter landen konnte, ob es die »Potomac« in diesem Schneesturm überhaupt finden würde.

Etwa zwei Stunden waren seit der Notlandung der »Potomac« verstrichen. Was erst ein verhältnismäßig harmloser Zufall zu sein schien, drohte nun eine Katastrophe zu werden. Zu allem Überfluß brach jetzt auch die kurze nordische Nacht an. Immer dichter legte sich die Dämmerung über das vereiste Land, während der Nordsturm mit ungebrochener Kraft die stiebenden Schneemassen vor sich herjagte.

Mittschiffs hatte man inzwischen eine Luke geöffnet und den Laufsteg ausgelegt. Die Maschinisten waren hinausgegangen, um den Defekt zu untersuchen und womöglich auszubessern. Elektrische Fackeln beleuchteten die Arbeitsstätte. Phantastisch brach sich ihr Licht in den unablässig niederwirbelnden Schneemassen. Das Kreischen von Bohrern und Sägen wurde hörbar. Schwere Hammerschläge ließen den Rumpf der »Potomac« erdröhnen. Die Ausbesserungsarbeiten kamen in Gang. Aber was konnte es helfen, wenn nicht rechtzeitig das rettende Tenderschiff kam und neue Kraft und Wärme in diese Eiswüste brachte.

Iversen hatte sich, so gut es gehen wollte, in einen dicken Smyrnateppich eingewickelt. Trotzdem zitterte er vor Frost. Mechanisch schaute er durch das Fenster den Maschinisten bei ihrer Arbeit zu. Sah verwundert schärfer hin. Stand dort nicht ein Passagier bei den Maschinisten? War das nicht die Gestalt Eiseneckers, die dort im Scheine der Fackeln sichtbar wurde?

70 Da sah er ihn auch schon wieder eintreten, sah ihn zu seinem Gepäck gehen und sich damit beschäftigen.

Malte von Iversen hielt es für geboten, sich möglichst wärmefest in seinem Smyrnateppich zu verkriechen, denn die Kälte wurde schlimmer und schlimmer.

Eisenecker sah, daß die Komödie im Begriff stand, sich zur Tragödie zu wandeln. Verstummt die Scherze über den Mummenschanz. Verklungen das Lachen über die wunderlichen . . . grotesken Bilder, die einzelne da in den Verkleidungen boten.

Wie lange würde es noch dauern, bis das Hilfsschiff kam? Selbst bei günstigster Fahrt mußte es noch Stunden dauern. Stunden, in denen vielleicht schon manchen der Passagiere der eisige Tod weggerafft . . . Und kam es gar, ohnmächtig, gegen den wahnsinnigen Sturm, der über die Eisfläche brauste, anzukämpfen, erst am nächsten Morgen . . . keinen einzigen von der Besatzung der »Potomac« mehr . . . einen Sarg würde es finden.

Weit draußen auf dem Eise. Eisenecker war's, der dort gegen den Sturm ankämpfte, die Taschenlampe in der einen, den Kompaß in der anderen Hand, Schritt für Schritt vordrang. Oft mußte er stehenbleiben. Atem schöpfen, neue Kraft sammeln.

Immer wieder warf der Sturm ihn zu Boden. Er nahm die Lampe zwischen die Zähne. Keuchend kroch er geblendet von den Schneeflocken vorwärts. Immer wieder drohten die Kräfte ihn zu verlassen. Eine tiefe Schneewehe. Er stürzte hinein. Die Lampe entglitt ihm. Die starren Hände tasteten nach ihr, fanden sie nicht . . . das Ende? . . .

Mit letzter Kraftanstrengung warf er sich zur Seite, den Rücken gegen eine Schneewehe gelehnt. Hier traf ihn der Sturm weniger.

Eine unendliche Müdigkeit . . . unendliche Ruhe überkam 71 ihn . . . Ah! Wie tat das wohl, hier zu liegen. Die Augen fielen ihm zu. Schlafen . . . schlafen . . . Ruhe!

Und so lag er, und wie im Fluge glitt sein Leben, alles was er getan, an ihm vorüber . . .

Barsum! . . . Der Tag, der die Wende bedeutete. Wie ein krankes Tier hatte er sich nach jenem Furchtbaren in seine Höhle . . . in das fast vergessene Vaterhaus zurückgezogen. Hatte gewartet, sich in Sorge und Liebe um Mette Harder verzehrend, daß irgendein Lebenszeichen zu ihm dränge. Ein halbes Jahr verstrich darüber. Da las er in der Zeitung von der Verlobung Mettes mit dem anderen. In tage- und nächtelangem Kampf hatte er mit sich gerungen. Er hatte geglaubt, zugrunde gehen zu müssen. Zwecklos jede Lebensstunde ohne Mette an seiner Seite.

Der Herbst war ins Land gegangen. Eine Schar Zugvögel in langer Kette über seinem Kopf nach Süden steuernd . . . ihnen nach! Reisen! In die weite Welt! . . . Vergessenheit suchen!

Schon hatte er mit einem letzten Blick Abschied nehmen wollen vom Vaterhaus. Da war ihm der alte Wahlspruch der Eisenecker, der oben im Querbalken des Tores tief eingehauen stand, in die Augen gefallen:

Holt fast und kolt Isen!

Er hatte ihn gelesen, wieder und wieder, bis sich unbewußt seine Lippen öffneten, er die harten Worte laut vor sich hinsprach, sie schrie.

Da war es ihm klar geworden: Halt fest! Gib's ihnen!

Und dann war er an das große Werk getreten . . . das Werk, das ihn . . . gelang es . . . zum Herrn der Welt machen mußte. Tag und Nacht . . . Jahr um Jahr hatte er gearbeitet. Das Jahrhunderte alte Besitztum der Eisenecker war dabei zugrunde gegangen. Schon das Dach über seinem Haupte bedroht. Da war der gleißende Klumpen aus dem Kasten gesprungen, der Bote des Sieges . . .

72 Der Kasten! . . .

Seine Hand fuhr zur Seite. War's denn möglich? Hier lag er, den Tod erwartend, und der Retter hing ihm zur Seite.

Holt fast!

Die Hand klammerte sich um den kleinen Kasten. Er fühlte, wie die Schrauben und Spangen nachgaben. Sein Werk . . . Szepter und Krone! Herr über die Menschen . . . über die Natur! Die Hand, die den Kasten umspannt. Eine wohlige Wärme daran zuerst . . . immer stärker werdend. Schon zuckte die Hand zurück. Unbeabsichtigter Zufall! Es arbeitete darin.

Mit einem Sprung stand er da. Kinderspiel! Ein König, der nicht wußte, wie weit seine Macht ging. Da lag die Lampe. Er ergriff sie, schaltete sie ein. Mit neuer Kraft warf er sich dem Sturm entgegen. Drang weiter, weiter vor, bis er das Ziel erreicht . . . eine Felsenwand. Zum Teil Granit, zum Teil Basalt. Durch den älteren und längst erstarrten Granit mußte viel später wohl ein glühender Basaltstrom in vulkanischem Ausbruch seinen Weg gebahnt haben. War dann auch erstarrt und hatte bei der Abkühlung eine weite und tiefe Höhle gebildet.

Eisenecker trat in die Höhle, schritt weiter und weiter in sie hinein, bis er das Ende erreicht hatte. Mit der Taschenlampe leuchtete er um sich. Seine Blicke musterten die Wände, den ganzen Höhlenbau.

»Ein guter, solider Stollen. Zum mindesten so gut wie der des Herrn Jefferson. Wie geschaffen für den Versuch!«

Er ergriff die Kassette, setzte sie durch einen Fingerdruck in Betrieb und stellte sie in einer Felsspalte nieder. Die Taschenlampe in der vorgestreckten Rechten haltend, strebte er eilig dem Ausgange zu.

Daß er nicht zu schnell ging, zeigte der warme Luftstrom, der plötzlich hinter ihm herfegte, stärker und wärmer wurde. Ihn 73 heiß umspülte, ihn mit Gewalt aus dem Höhlenmund ins Freie warf.

Da lag er . . . stand er. Der Schnee um den Höhlenmund taute schnell weg. Das massive Gletschereis hier geriet ins Schmelzen. Schon bildeten sich Wasserlachen, wo eben noch klingender Frost das Eis gebannt.

Er stand und lauschte, bis ein Dröhnen wie der Klang einer schwachen Detonation aus dem Höhlenmunde herausdrang.

»Gut so!« Er lächelte dabei. »Den Apparat findet keiner mehr, wenn sie später einmal in der Höhle suchen sollten. Energie nur an seiner Stelle . . . keiner, der sie sehen . . . messen kann.«

Zurück zur »Potomac«! Der warme Sturm, der ihn trieb, brachte ihn schnell zum Schiff. Da lag es. Tot? . . . Schon ein Sarg? Durch den Montageraum kroch er ins Schiff.

Ein Bild des Grauens. Wo noch Leben? Wo Tod? Zu Haufen zusammengedrängt, in starrer Ruhe die Insassen des Schiffes . . . kein Laut . . . keine Stimme. Friedhofsstille . . .

Er sprang zum Kabinenfenster, riß es auf, daß sie eindrang, die Retterin . . . die warme, linde Luft.

Er stand und schaute. Und dann begann es sich zu regen. Stimmen wurden laut. Rettung? Hilfe? Was ist?

Der Kapitän der »Potomac« sprang auf die Füße, schaute wirr um sich. Schritt taumelnd zu einer Luke. Seine Hände umkrampften den Rahmen des Fensters. In tiefen Atemzügen sog er den warmen lebenspendenden Hauch in die Brust ein. Einmal . . . zweimal . . . . dann erinnerte er sich seiner Pflicht. Laut klang seine Kommandostimme durch das Schiff. Und wie, wenn sie Tote zum Leben zurückgerufen, begann es sich zu regen. Einer nach dem anderen. Die Besatzung sammelte sich um ihn.

Was ist's? Wo sind wir? klang's wirr aus dem Haufen.

74 Das Hilfsschiff? Ist es da? . . . Nein! . . . Nichts ist da! . . . Wetterumschlag! . . .

»Zu den Passagieren«, kommandierte der Kapitän.

Eine Viertelstunde nach der anderen. Lange . . . lange schienen alle Bemühungen bei einzelnen der Passagiere vergeblich zu sein. Dann war es doch getan . . . geglückt. Alles zum Leben zurückgebracht.

Und dann drang alles nach außen . . . heraus aus dem Schiff. Statt des eisigen Schneegestöbers ein leichter warmer Regen. Sie achteten nicht, daß er sie durchnäßte. Froh jauchzend boten sie sich dem Wunder dar.

Unfaßbar! . . . unerklärlich! Was war es?

Das herannahende Tenderschiff erlöste die Harrenden, brachte neue Gedanken. Der Schaden war schnell repariert, schnell wurden die Tanks wieder aufgefüllt. Dann rief die Sirene alles an Bord. Die Laufstege wurden einbezogen, die Luken geschlossen. Die Schiffe stiegen auf. Nach Osten, nach Reykjavik setzte der Tender seinen Kurs, nach Westen, nach Kanada die »Potomac«.

Verlassen blieb die eisige Einöde zurück. Noch waren die weiten Eis- und Schneeflächen in Sicht, da schossen Feuerströme fontänenartig aus dem Gestein des Basaltberges. Vermischt mit riesigen Dampfsäulen erhitzten Wassers.

»Ein Erdbeben! Ein Vulkanausbruch!« Viele hundert Stimmen schrien es gleichzeitig. Nur so konnte es sein.

Malte von Iversen stand in der Nahe Eiseneckers. Seine Blicke sogen sich an dessen Mienen fest. Ein unbestimmter Argwohn in ihm. Der da! Der Eisenecker. Dessen Mienen ruhig, unbeweglich! Nur einmal, als der Ruf: Ein Erdbeben! erklang, glaubte er ein belustigtes Lächeln über dessen Züge huschen zu sehen. Aber das konnte vielleicht auch eine andere Erklärung haben.

Iversen grübelte und kombinierte. Der letzten einer war 75 er gewesen, die die Mannschaft ins Leben zurückbrachte. Kostbare Zeit verstrich, wo er jenen nicht beobachten konnte.

Und er fragte und fragte. Den und den. Die Besatzung . . . die Offiziere . . . den Kommandanten . . .

». . . Herr Eisenecker? . . . Hm! Jawohl! Gewiß . . . ich erinnere mich. Er war der ersten einer . . . wohl gar der erste . . .«

Malte von Iversen sann lange, kombinierte hin und her . . . verwarf alle Kombinationen . . . gab dem Generaldirektor Harder telegraphischen Bericht von dem, was geschehen.

* * *

Wochenend an den Niagara-Fällen. Alle Gasthöfe überfüllt. Unmöglich, die Massen in den engen Mauern zu beherbergen . . . und immer neue noch, die zu Wasser, zu Lande und zu Luft herbeiströmen. In selbstgebauten Zelten, oft aus den unmöglichsten Dingen errichtet, lagerten Tausende und aber Tausende in Erwartung jenes Momentes, von dem man in den Staaten, ja in der ganzen Welt schon seit Wochen sprach. Sie erwarteten jenen Augenblick, an dem Punkt 12 Uhr mittags alle Wasserkräfte des Niagara mit ihren 35 Millionen Pferdestärken auf jenen Versuch Jeffersons konzentriert werden sollten. Auf jenen wunderbaren Versuch, von dessen Erfolg für das Wirtschaftsleben der ganzen Welt so unendlich viel abhängen konnte . . . wenn er gelang.

Das südliche, amerikanische Ufer der Fälle war seit einer Woche gänzlich abgesperrt. Dort hatte man in den massiven Fels der hohen Ufermauern unterhalb der Fälle einen Stollen gesprengt, der den Versuchsraum bilden sollte. Auf dem anderen, dem ehemals kanadischen Ufer, staute sich die neugierige Menge. Staute sich und starrte, obwohl kaum etwas zu sehen war. Nur der betonierte Stolleneingang, in den ein paar mannstarke Kabel hineinführten.

76 Um 12 Uhr sollte das Experiment stattfinden. Jetzt war es 11 Uhr. Schon begannen die in Flugzeugen Kommenden sich möglichst gute Plätze in der Luft zu sichern. Etagenweis stand die ungeheure Menge der Flugzeuge im Äther über den Flußufern aufgebaut.

Die Fälle selbst donnerten jetzt am Sonntag mit kaum geschwächter Kraft in die Tiefe, wie sie schon vor Hunderten und Tausenden von Jahren niedergestürzt waren. Unendliche Wassermassen, die über die Felskante fielen und Gischt und Nebel 100 Meter hoch warfen. Denn so war es ja jetzt geregelt. Wenn am Sonnabend die großen Kraftwerke den größten Teil ihres Betriebes stillegten, wenn nur noch ein Teil der Energie für Beleuchtungs- und Verkehrszwecke gebraucht wurde, dann schloß sich allmählich eine der Kanalschleusen nach der anderen, und die Wassermassen, deren Energie im Augenblick nicht mehr benötigt wurde, durften sich in freiem Sturze im alten Bett austoben. Ein majestätisches Schauspiel für die Besucher, die jeden Sonntag zu den Fällen kamen. Ein Schauspiel, das jedesmal bis zum Montag morgen währte, an dem sich die Schleusen wieder öffneten und die Wassermassen zu den riesigen Turbinen leiteten.

Heut trat diese Veränderung schon am Sonntag um 11 Uhr vormittags ein. Eine Schleuse nach der anderen wurde geöffnet, ein Kraftwerk nach dem anderen nahm den Betrieb an dem sonst so heilig gehaltenen Sonntag voll auf, um seinen Beitrag an Energie für das Experiment liefern zu können. Schwächer und schwächer wurden die Wassermassen, die noch über die Felskante stürzten. Nur noch ein leises Rieseln schwacher Rinnsale. Jetzt ist der kanadische Fall fast völlig trocken, jetzt auch der Horseshue-Fall auf der anderen Seite. Die Ziegeninsel in der Mitte, Goats-Island, trockenen Fußes von beiden Ufern her erreichbar. Alle Kraft der Fälle arbeitete in den Werken, bereit, im entscheidenden Augenblick durch eine einzige Schalterbewegung in jenen in den massiven Fels 77 eingesprengten Experimentierraum geleitet zu werden. Eine druckfeste Wanne dort tief im Felsen, gefüllt mit einigen wenigen Zentnern reinen Quecksilbers. Um 12 Uhr würden sich 35 Millionen Pferdestärken auf dieses Quecksilber stürzen, würden es . . . wie die amerikanischen Physiker erwarteten . . . zertrümmern . . . in Gold . . . in Helium . . . in Nichts. Selbst wenn das Experiment nicht in seiner ganzen Größe gelang, wenn die Atomenergie des Quecksilbers noch nicht freigemacht werden konnte, so erwartete man doch mit Sicherheit die Zerlegung und Umwandlung des Quecksilbers in einfachere Elemente.

* * *

Ein Mann in besten Jahren, einfach gekleidet, vielleicht ein Arbeiter aus den Kraftwerken, suchte sich durch die dichtgedrängten Menschenmassen am kanadischen Ufer nach vorn zu schieben. Was ganz unmöglich schien, nach und nach war's ihm gelungen, sich bis zu den vordersten Reihen durchzudrängen. In nächster Nähe eines hochgewachsenen blonden Mannes hielt er plötzlich an. Betrachtete den Minuten hindurch mit größter Aufmerksamkeit. Murmelte dann zu den Umstehenden etwas von Unwohlsein und begann sich wiederum hastig nach rückwärts durch die Massen zu drängen.

Jetzt blieb er wieder stehen. Stand in der Nähe eines anderen, mit äußerster Eleganz gekleideten Herrn unbestimmten Alters. Machte dem, für die Umstehenden gar nicht bemerkbar, ein Zeichen mit den Fingern, und sofort begann auch dieser andere seinen Platz zu verlassen, sich aus dem Gedränge nach hinten hin zurückzuarbeiten, wo der Platz freier, mehr Beweglichkeit möglich war. Dort stand der Elegante, holte ein Taschentuch aus der Brusttasche und breitete es umständlich aus. Es war ein weißes großes Tuch mit einem gezackten blauen Rand. Er wischte sich damit den Schweiß von der Stirn und legte es genau so umständlich wieder zusammen, 78 wie er es entfaltet hatte. Dann, als ob ihm das noch nicht genug, zog er ein rotseidenes Tuch heraus, mit dem er sich Luft zufächelte, während er sich immer mehr vom Ufer entfernte. Und schließlich, als wäre ihm die Hitze ganz unerträglich geworden, entfaltete er ein neues weißes Tuch und führte auch das ans Gesicht. Dann sprang er in einen der hier stehenden Kraftwagen und fuhr in der Richtung der Stadt davon.

Im gleichen Augenblick begann sich einer der in der obersten Flußschiffreihe stehenden Helikopteren aus dem Verbande zu lösen, fuhr über den Fluß und nahm ebenfalls den Kurs zur Stadt.

Der Apparat Iversens arbeitete. Seine Spürhunde hingen an Eiseneckers Fersen und würden ihn auch hier in dieser Riesenmenge bestimmt nicht aus den Augen verlieren.

* * *

Je näher die Mittagsstunde kam, desto höher stieg die Erregung der vieltausendköpfigen Menge. Sinnlos schoben die Massen immer weiter nach vorn. Auch das umfangreiche Polizeiaufgebot vermochte nicht mehr, die befohlene Ordnung aufrecht zu erhalten. Schon gab es Verwundete und Ohnmächtige in dem gefährlichen Gedränge. Die Sanitätsmannschaften hatten alle Hände voll zu tun. Immer gewaltiger der Lärm, immer wilder die Stimmung.

Da endlich 12 Uhr! . . . Ein Kanonenschuß erdröhnte . . . sekundenlange Stille folgte. Alles starrte wie hypnotisiert auf das gegenüberliegende Ufer.

Ein leichtes Dröhnen und Brausen drang durch die Luft. Ein Zittern ging durch den Erdboden. Dann ein befreiender Aufschrei aus hunderttausend Kehlen.

Bravo! . . .Hurra! . . .Händeklatschen . . .die Massen kamen in Bewegung. Ihr Johlen und Schreien wetteiferte 79 mit dem immer stärker werdenden Dröhnen in den Felsen des anderen Ufers.

Doch stärker und stärker wurde das Dröhnen, wurde zum Donnern . . . und dann ein häßlicher markdurchdringender Klang. Ähnlich etwa, wie wenn das eiserne Rad eines schweren Wagens auf der Straße einen Ziegelstein zermalmt. Aber viel tausendfach stärker, millionenfach kreischender. Ein Klang, bei dem es den Hunderttausenden auf dem gegenüberliegenden Ufer kalt über den Rücken rann.

Die Menge stand starr, stierte in höchster Spannung auf das gegenüberliegende Ufer, auf jene Stelle hin, wo die meterstarken Kabel in den Fels eintraten. Starrte und sah, was geschah.

Die ganze gewaltige Felswand dort drüben geriet in Bewegung, schwankte wie im Erdbeben und klaffte in immer größer werdenden Rissen auseinander. Leichter Dampf schoß aus den Spalten. Wassermassen folgten. Immer mächtiger, immer gewaltiger brachen sie aus der Felswand. In breitem Schwall sprudelten sie aus den Klüften, stürzten schäumend und donnernd in die Tiefe.

Was war das? War eine verborgene Wasserader angeschlagen? Nein! . . . Wie ein Lauffeuer ging es durch die Tausende.

Eine Katastrophe hatte sich ereignet, eine Katastrophe für die Kraftanlagen. Die riesige Energie, tief im Felsen auf einen einzigen Punkt konzentriert, hatte sich gewaltsam Luft gemacht. Sie hatte die Eingeweide der Felswand zerstört, zerbrochen, zermalmt. Die Turbinenschächte, die von den oberen Stromschnellen her das Kraftwasser zu den Werken führten, waren aufgebrochen und verschüttet, alle Kraftanlagen tot . . . unbrauchbar.

Die sinnlose Menge sah es und jubelte beim Bilde dieser Zerstörung. Was kam es noch weiter auf die Kraftwerke an. Das Experiment mußte ja gelungen sein . . . mußte ganz 80 sicher geglückt sein. Und dann, im Besitze der neuen Energie, der Atomenergie . . . was brauchte man da noch die Wasserkraftwerke des Niagara.

Und wenn es etwa nicht vollständig gelungen war, wenn die Atomenergie noch nicht entfesselt war . . . das mußte doch zum mindesten geglückt sein, die Umwandlung des Quecksilbers in Gold. Und mit dem Golde, damit konnte man ja leichtlich neue bessere Turbinenschächte bauen, wenn man die Kraftwerke vorläufig doch noch brauchen sollte.

Die große Menge war bei diesem Schauspiel jedenfalls auf ihre Kosten gekommen und machte ihrer Begeisterung in unendlichem Toben und Lärmen Luft.

Das Experiment William Jeffersons war zu Ende. War es wirklich gelungen? Erst nach Tagen, vielleicht nach Wochen würde man darüber etwas wissen können. Dann erst, wenn die entfesselten Wassermassen wieder abgelenkt, der Zutritt zu dem Versuchsstollen wieder frei sein würde. Dann vielleicht, wenn die tobenden Fluten den ganzen Apparat nicht etwa mitgerissen und alle Ergebnisse fortgeschwemmt hatten. Jetzt wußte man noch nichts darüber. Aber schon jetzt war es für jeden Fachmann klar, daß es viele Millionen und lange Arbeit kosten würde, um die verhängnisvollen Folgen dieses Experimentes zu beseitigen und den alten Zustand der Kraftwerke wiederherzustellen.

* * *

Abendgesellschaft im Königsschloß von Madrid. Schimmernde Uniformen hoher Offiziere mischten sich mit dem schwarzen Kleid der obersten Beamten und Diplomaten. Wie ein bunter Flor dazwischen die vielfarbigen glänzenden Toiletten der Damen.

Der neue Hof. Die ganze neue Gesellschaft, die sich um diesen Hof scharte. Darunter wohl einige schiffbrüchige Existenzen der alten Gesellschaft . . . Alles war versammelt. 81 Trotzdem offensichtlich eine gewisse Auswahl unter den farbigen Vertretern getroffen war, sah man doch so ziemlich alle Typen des nordafrikanischen Völkergemisches. Hier der stolze gelassene Maure, dort der schlanke rassige Berber. Neben dem eleganten Tunesier der blonde, blauäugige Rifkabyle. Dazwischen die Kreuzungen aller dieser Rassen. Mischlinge aus europäischem und afrikanischem Blut.

Unter den Damen die gleichen Erscheinungen. Die entblößten Nacken und Arme blitzend von kostbarem Schmuck, übergossen vom Sonnenglanze der elektrischen Lampen.

An der Seite der Fürstin Iraklis, welche für die fehlende Hausfrau die Honneurs machte, Prinz Ahmed Fuad, der Bruder des Kalifen. Das Antlitz schwach gebräunt, unter den schweren Lidern ein paar dunkle Augen. In ungezwungener Haltung begrüßte er jeden Gast mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit.

Jetzt verweilte er lange bei einem hohen Offizier, dem der linke Ärmel leer an der Uniform hing. Das war Fürst Murad Iraklis, der berühmte Führer der maurischen Vorhut. Sein Haar war schon stark ergraut, doch straff die Haltung, ungebeugt die Gestalt. Das ebenmäßig geschnittene Gesicht, die helle Hautfarbe ließen ihn durchaus als Europäer erscheinen. Fürst Iraklis, der Georgier, der Kaukasus seine Heimat. Doch nach einem Zwist mit Soliman el Gazi, dem Kalifen des neuen asiatischen Reiches, war der Feuerkopf außer Landes gegangen, war der Paladin des maurischen Kalifen geworden.

An seiner Seite ein junges blondes Mädchen. Nordländischer Typ unverkennbar. Bewundernd blickten die blauen strahlenden Augen auf das glänzende Bild dieser Gesellschaft . . . . und doch wäre ein gewisser müder, abgespannter Ausdruck in den feinen Zügen dem aufmerksamen Beobachter kaum entgangen. Es war Modeste von Karsküll, die Schwester der Baronin Jolanthe. Die schöne Russin, wie sie in der Madrider Gesellschaft genannt wurde.

82 Erst seit kurzem weilte sie hier. So überraschend und verwirrend war alles gekommen. Vor wenigen Wochen noch in Livland auf dem einsamen Tirsenhof. Und dann plötzlich diese Reise nach Spanien, hier die Einführung in die Gesellschaft und bei Hofe.

Jolanthe hatte sie von dort geholt. Wollte sie der Einsamkeit entreißen, ihr die Schönheiten Europas zeigen.

Das Reiseziel? Alle Hauptstädte Europas standen auf dem Programm. Der Tod des alten Fürsten Iraklis warf es über den Haufen.

Ein gewaltiger Besitz hatte seinen Herrn verloren. Zwar ging der bedeutendste Teil davon an den Fürsten Murad, aber große Liegenschaften fielen auch an Jolanthe. Eine Auseinandersetzung war notwendig. So ging sie nach Spanien, und so kam Modeste von Karsküll nach Madrid. Herzlich hier die Aufnahme der Schwestern im Hause des Gouverneurs.

Aber dann . . . Modeste hatte die Gründe dafür nicht recht verstehen können . . . dann mußte Jolanthe plötzlich in einer wichtigen Angelegenheit nach London fahren. Auf kurze Zeit nur, hieß es. Täglich wurde sie jetzt zurückerwartet. Inzwischen boten die Verwandten alles auf, um Modeste den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, ihr durch Zerstreuungen und Unterhaltungen aller Art über die Trennung hinwegzuhelfen.

Prinz Ahmed Fuad, der Regent, kam öfters in das Haus des Gouverneurs. Hier sah er Modeste das erstemal. Tief war der Eindruck, den Modestes taufrische Jugend, in blonder Schönheit blühend, auf den maurischen Fürsten machte. Tief die Leidenschaft, die das Blut des reifen Mannes entflammte. Immer häufiger wurden die Besuche des Prinzen, so häufig bald, daß ihre Ursache dem Fürstenpaar nicht länger verborgen bleiben konnte. Auch in der Gesellschaft huldigte der Prinz der jungen Baronin in solcher Weise, daß es vielen auffiel.

83 Modeste, betäubt und berauscht von dem glänzenden Leben dieser Hofkreise, in das sie so plötzlich getreten war, ließ sich seine Huldigungen ahnungslos gefallen. Die vornehme, unaufdringliche Art, in der Prinz Ahmed sie mit den Beweisen seiner Ergebenheit umgab, schmeichelte ihr.

Erst allmählich gelang es ihr, den klaren Blick wiederzugewinnen. Mit Erschrecken hatte sie wahrgenommen, daß die Worte und Blicke des Prinzen mehr bedeuteten als die üblichen Huldigungen des galanten Kavaliers. Was sollte sie tun? Sich der Fürstin Iraklis anvertrauen, diese um Rat fragen? Sie ließ den Gedanken bald wieder fallen.

So ganz anders stand sie ja der Familie des Gouverneurs gegenüber als Jolanthe, die durch enge Blutsverwandtschaft mit dem Fürsten Iraklis verbunden war. Ihr wollte es nicht gelingen, ein wärmeres Gefühl für die Fürstin zu fassen. Zu vieles schied sie innerlich von der Frau, die auf seiten der Gegner des europäischen Vaterlandes stand.

Gegner des Vaterlandes? Modeste begann in diesen Wochen, da Jolanthe in London weilte, über die Verhältnisse nachzudenken. Fürst Murad, der rechte Oheim Jolanthes, der Eroberer Spaniens, das Schwert des Kalifen. Jolanthe, die Schwester? Fühlte die noch für das europäische Vaterland, oder stand ihr Herz auf der Seite der maurischen Eroberer?

Modeste erschrak bei dem Gedanken. Sie fühlte, daß sie hier allein stand, ihre Sache allein auskämpfen mußte. Bis die Schwester wiederkam, bis sie dies Land verlassen, nach Europa zurückkehren konnte. Zurück, wenn es sein mußte, selbst in die enge Stille des Tirsenhofes.

Sie nahm sich vor, sich dem Prinzen gegenüber so reserviert wie möglich zu verhalten, seine Nähe, so gut es ging, überhaupt zu meiden. Und erreichte damit doch nur das Gegenteil. Mehr denn je bemühte er sich jetzt um sie und zeichnete sie vor aller Welt in einer Weise aus, daß kein Zweifel an seinen 84 Gefühlen bestehen konnte. Jetzt wieder, als der Prinz so auffällig lange bei ihr verweilte, glaubte sie zu spüren, wie die Blicke der Gesellschaft auf ihr brannten, glaubte das Geflüster zu hören, das von Mund zu Mund durch den Saal ging.

Da brandeten die Wellen der Musik durch den weiten Raum. Eine tiefe Verbeugung des Prinzen. Er reichte Modeste den Arm und eröffnete mit ihr den Ball. Röte und Blässe wechselten in ihren Zügen. Schwankend ging sie an seiner Seite. Fast körperlich glaubte sie jetzt die Blicke der Gäste zu fühlen. Diese Auszeichnung vor den Augen der Hofgesellschaft . . . Kaum, daß sie die Kräfte fand, die freundlichen Worte, die der Prinz zu ihr sprach, zu erwidern.

Erlöst atmete sie auf, als der Rundgang beendet war und der Prinz sie zu dem Fürstenpaar zurückführte. Wie hilfesuchend wollte sie sich an den Arm der Fürstin hängen, doch die erhobene Hand fiel zurück, als sie das strahlende, vielsagende Lächeln in deren Mienen sah. Hier war es vergeblich, Beistand zu suchen. Alleinsein der einzige Wunsch.

Mit unsicheren, zitternden Gliedern gelang es ihr, sich aus dem Gedränge der Gäste zu entfernen. In einer Ecke des großen Wintergartens sank sie erschöpft auf eine Bank nieder. Die Stille, die kühle Luft hier beruhigten sie. Allmählich gelang es ihr, ihre Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. Sie wollte sich erheben, in den Saal zurückkehren, da stand der Prinz vor ihr.

»Verzeihung, Baronin . . . Ihr Entfernen . . . Sie fühlen sich nicht wohl? . . . Ich bin besorgt.« Er blickte in ein farbloses Antlitz, das sich abzuwenden versuchte. Wie abwehrend hob Modeste die Hand. Der Prinz ergriff sie, hielt sie fest.

»Baronin . . . Modeste, ich glaubte Ihr Vertrauen zu besitzen . . . ich fühlen daß Ihre Freundlichkeit gegen mich geringer . . . habe ich Sie gekränkt?«

85 »Nein, Königliche Hoheit haben mich nicht gekränkt . . . ich wüßte auch nicht, daß ich mich irgendwie geändert hätte.«

»O doch! Sie sind ganz anders in der letzten Zeit geworden. Die schöne Freundschaft, die Sie mir am Anfang unserer Bekanntschaft gönnten, die mich so sehr beglückte, ist verschwunden . . . habe ich das verschuldet?«

Der Prinz stockte. Modeste fühlte den zitternden Unterton seiner Stimme, fühlte, wie er immer fester ihre Hand umklammerte.

»Modeste . . .?« Drängend, werbend klang der Name ihr ins Ohr. Mit aller Kraft versuchte sie den Bann zu brechen, in den die Stimme sie zu zwingen drohte. Nach einer Pause kam ihre Antwort.

»Was wünschen Königliche Hoheit?«

Ihre Stimme klang fest. Das scharf hervorgehobene Wort »Königliche Hoheit« im Gegensatz zu seiner vertraulichen Anrede brachte ihn ein wenig zu sich.

Mit einer raschen Bewegung machte Modeste ihre Hand frei.

»Verzeihung, Baronin . . . wenn ich irrte, wenn ich glaubte . . .«

Noch einmal suchte er ihre Hand zu erfassen. Sie barg sie hinter sich, wandte sich wie zur Flucht.

Er vertrat ihr den Weg.

»Noch eine Frage, noch die letzte, Baronin . . .«

»Königliche Hoheit!« Die Stimme seines Adjutanten klang vom Eingang her. Ahmed Fuad zuckte zusammen. Mit drohender Miene wandte er sich um. Der Adjutant kam auf ihn zugeschritten.

»Was ist?« Die Stimme des Prinzen klang heiser vor Zorn.

»Das Telegramm aus England, Königliche Hoheit!«

In der Stimme des Offiziers klang etwas, das den Prinzen aufhorchen ließ.

»Das Telegramm?«

86 »Jawohl, Königliche Hoheit. Ich glaubte die Nachricht unverzüglich . . .«

»Gewiß! . . . Natürlich . . . Sie sind vollkommen entschuldigt. Rufen Sie den Fürsten Iraklis sofort in mein Arbeitszimmer. Die Gesellschaft . . . entschuldigen Sie mein Fernbleiben, gnädigste Baronin. Die Staatsgeschäfte zwingen mich, dem schönsten Fest den Rücken zu kehren.«

Er reichte Modeste den Arm und führte sie zum Ballsaal zurück. Am Eingang beugte er sich über ihre Hand. Sein Blick suchte ihr Gesicht, es war abgewandt.

»Die Frage . . . Baronin, später werde ich sie . . .«

Noch ehe er den Satz vollendet, war Modeste von seiner Seite verschwunden. Er verfolgte sie mit den Blicken, sah sie im Gewühl der Gäste zur Fürstin Iraklis eilen. Der Adjutant riß ihn aus seinen Sinnen.

»Das Telegramm aus England, Königliche Hoheit.«

* * *

Fürst Iraklis saß dem Prinzen gegenüber. Die chiffrierte Depesche lag auf dem Tisch zwischen ihnen. Trotzdem niemand außer ihnen in dem großen Raum war, sprachen sie nur flüsternd miteinander, als fürchteten sie, daß die Wände Ohren hätten. Beide befanden sich, es war unverkennbar, in starker Erregung. Aber ihre freudigen Mienen verrieten, daß die Nachricht nicht nur wichtig, daß sie auch gut sein mußte.

Der Prinz sprach.

»Und wem verdanken wir diesen wichtigen Erfolg? Einzig und allein Ihrer Nichte, Fürst. Ohne sie wäre es wohl niemals gelungen.«

»Ich bin beglückt, Königliche Hoheit, daß es ein Mitglied meiner Familie war, dem unsere Sache das zu verdanken hat.«

»Sie dürfen stolz darauf sein, Fürst Murad. Der bewundernswürdige Geist Jolanthes . . . sie hat schon manche Probe gegeben. das hier ist das Beste, was sie je geleistet. Die 87 Art und Weise, wie sie alles vorbereitet . . . die kühne und glückliche Ausführung dann . . . es verdient uneingeschränkteste Bewunderung und Anerkennung. Mein Bruder, der Kalif, wird mit den Beweisen seiner Huld nicht zurückhalten . . . soweit es möglich ist, ohne Jolanthes Verhältnis zu uns zu decouvrieren.«

»Es ist meine ständige Sorge, Königliche Hoheit, daß eines Tages die Mission Jolanthes bekannt würde. Die Folgen für sie wären unausdenkbar.«

». . . Unausdenkbar. Das muß in jedem Falle vermieden werden.«

»Ich habe ihr schon mehrfach Vorstellungen gemacht. Sie zu größerer Vorsicht gemahnt. Sie lacht mich aus. Ich kenne Jolanthe aus ihrer frühesten Kindheit. Sie war stets ein streitbarer, schwer zu bändigender Charakter. Tollkühn, waghalsig, jedem Sport zugeneigt, der Gefahren in sich barg. Sie bedauerte es immer, nicht als Mann auf die Welt gekommen zu sein. Stundenlang konnte sie von den großen Taten schwärmen, die sie dann ausrichten würde. Als der letzte Krieg gegen die Russen ausbrach, war sie eines Tages aus meinem Hause verschwunden.«

Der Prinz nickte.

»Ich hörte davon. Sie soll es fertig gebracht haben, als Freiwillige . . . nein, als Freiwilliger in das Heer Solimans einzutreten.«

»Sie hat es in der Tat fertiggebracht, Königliche Hoheit. Wir mußten lange Zeit suchen, bis es uns gelang, sie zu finden. Soliman el Gazi ließ sie sich vorstellen. Sie fiel ihm zu Füßen und bat, im Heere bleiben zu dürfen. Er schlug es ihr natürlich ab. Als sie bei ihrer Bitte beharrte, machte ein Adjutant scherzend den Vorschlag, sie möchte doch die russischen Kriegspläne aus Moskau holen und uns bringen.

Ich sehe noch, wie Jolanthe aufhorchte, überlegte, dann plötzlich, als hätte sie einen Entschluß gefaßt, aufsprang und 88 davonlief. Die anderen lachten. Ich, der Jolanthe kannte, äußerte Bedenken. Doch Königliche Hoheit kennen ja die Geschichte von früher her.«

»Ich hörte davon sprechen . . . andeutungsweise.«

Der Prinz schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Es ist nicht gut für uns . . . gefährlich für Jolanthe, wenn diese Geschichten zu vielen bekannt werden. Ich hörte nur, daß sie auch hier das Unmögliche möglich machte.«

»So war es in der Tat, Königliche Hoheit. Vier Wochen nach jener Szene stieß ein Flugzeug im türkischen Hauptquartier nieder. Jolanthe trat heraus. Sie hatte es selbst gesteuert, verlangte, zum Sultan geführt zu werden. Zufälligerweise war es derselbe Adjutant von damals, der sie empfing und lächelnd nach den Kriegsplänen fragte.

Statt der Antwort legte sie ein umfangreiches Paket auf den Tisch. Man glaubte immer noch an einen Scherz. Man öffnete es, und es waren die Abschriften der russischen Pläne. Wie sie das zuwege gebracht hat? Man muß es aus ihrem Munde selbst hören. Wenn sie wiederkommt . . .«

»Wann denken Sie, daß wir Jolanthe wieder hier haben werden?«

»Das hängt von unserem Londoner Botschafter ab. Er allein kann die Situation klar beurteilen.«

»Sie wird ihre Schwester Modeste später mit nach London nehmen?«

»Sie hatte die Absicht. Königliche Hoheit.«

Ein Schatten lief über das Gesicht des Prinzen.

»Ich würde das sehr bedauern..«

»Gestatten mir Königliche Hoheit gnädigst ein offenes Wort?«

»Bitte, Fürst Iraklis, sprechen Sie.«

»Die Auszeichnung, mit der Königliche Hoheit Modeste von Karsküll begegnen . . . so ehrend sie auch ist, ist doch geeignet, in den Augen der Gesellschaft . . .«

89 Der Prinz richtete sich hoch auf.

»Die Gesellschaft? Wer wagt es, Modeste . . .?«

»Ich bitte, Königliche Hoheit! Niemand wagt es . . . doch dürfte es genügen, die Gesichter der einzelnen zu beobachten, um zu wissen, wie man darüber denkt.«

Der Prinz war aufgesprungen und schritt erregt auf und ab.

»Die Gesellschaft!« Ein bitteres Lachen begleitete die Worte. »Ja, ja, die Gesellschaft. Ich hätte sie besser kennen sollen. Nichts ist dieser sensationslüsternen Menge heilig. Nichts bleibt von ihren unlauteren Gedanken verschont . . .«

Ein Zug zweifelnder Freude glitt über sein Gesicht. Sollte es das gewesen sein, was Modeste so verwandelte? Sollte die Furcht vor dem Urteil der Menge, der Meinung ihrer Umgebung die Ursache sein? Daher vielleicht der Zwiespalt ihrer Gefühle, daß sie über die Lauterkeit seiner Pläne in Unklarheit geraten?

Er trat an den Fürsten heran und legte ihm leicht die Hand auf die Schulter.

»Sie selbst, mein Fürst, haben, ich bin dessen gewiß, niemals geglaubt, daß ich aus anderen als rein freundschaftlichen Gefühlen heraus den Verkehr in Ihrer Familie gepflogen habe. Schon meine hohe Achtung vor Ihnen dürfte Ihnen Gewähr geben, daß es mir fern liegt, der Ehre Ihres Hauses zu nahe zu treten . . .«

Der Prinz stockte, als würde es ihm schwer, die Worte zu finden, sprach dann langsam weiter.

»Ich selbst habe es eine Zeitlang nicht vermocht, mir über meine Gefühle klare Rechenschaft zu geben. Die verschiedenen Verhältnisse . . . politische Erwägungen . . . Sie verstehen.

Jetzt bin ich mir vollständig im klaren. Hören Sie! Ich habe bei meinem Bruder als dem Oberhaupt der Familie angefragt, wie er sich zu meiner Heirat mit Modeste stellen würde.«

90 Fürst Iraklis war aufgestanden und beugte sich tief über die Hand, die der Prinz ihm entgegenstreckte.

»Ich verhehle Ihnen nicht, Fürst Iraklis, daß es von der Seite des Kalifen aus gesehen Gründe gibt, die dagegen sprechen. Ich hoffe jedoch, daß er sich meinen Darlegungen nicht verschließen und meiner Bitte ein gnädiges Ohr schenken wird. Bliebe nur das Wichtigste: wie wird Modeste meinen Antrag aufnehmen?«

»Ich hoffe, Königliche Hoheit, daß meine Nichte die hohe Ehre genügend zu schätzen weiß.«

»Mein lieber Fürst, ich weiß es nicht. Ja, ich muß sagen, daß ich über Modestes Gefühle gegen mich in Unklarheit und Zweifeln bin.

Es wäre mir sehr angenehm, wenn Jolanthe recht bald nach Madrid käme. Ihr Einfluß, ihr diplomatisches Geschick würden mir die Bahn ebnen. Mein Vertrauen zu ihr ist unbegrenzt.«

»Königliche Hoheit, ich glaube kaum, daß Jolanthe vor einer Woche nach Madrid kommen wird. Ich werde es mit allen Mitteln versuchen, ihre Rückkehr zu beschleunigen. Man könnte die Erbschaftsangelegenheit benutzen . . . ihr vielleicht sogar durch das englische Auswärtige Amt Nachricht zukommen lassen, die ihre Reise hierher als unbedingt nötig und eilig erscheinen läßt. Ich will versuchen, es auf diesem Wege zu erreichen.«

* * *

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