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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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IV.

Die Jahreszeit war gekommen, in der dem vielgeplagten Landmanne die Ruhe winkt. Das wenige Korn, das man in diesem Sommer geerntet hatte, war ausgedroschen und lag auf den Böden; die Kartoffeln und Rüben waren in den Kellern oder Mieten geborgen. Der Wintersturm fegte über die leeren Felder dahin und trieb die Menschen in ihre schützenden Behausungen. Wer einen wärmenden Ofen besaß, rückte ihm möglichst nahe, denn die Kälte war schlimm, wie seit Jahren nicht.

Das sind die Monate, in denen die Landbewohner auch einmal Zeit finden, die Freuden der Geselligkeit zu pflegen, und wie es immer gewesen war, so war es auch dieses Jahr. Die Bauern und Tagelöhner besuchten sich gegenseitig in ihren Spinnstuben, die Honoratioren hielten ihre Kränzchen ab, die Edelleute luden einander zu festlichen Schmausen auf ihre Schlösser oder Güter ein, oder veranstalteten wohl auch einen Ball in der nahe gelegenen Stadt. Aber eines fehlte bei dem allen, was früher auch die einfachste Geselligkeit verschönt und gewürzt hatte, die frohe Laune. Sie war hinweggeschwunden aus den Schlössern, wo die Gutsherren mit finsteren Mienen einander die Not der Zeit klagten, die unerschwingliche Steuerlast, die ewigen Einlagerungen fremden Kriegsvolks, die schlechte Ernte und die ungeheuren Preise aller Erzeugnisse des Handels und der Industrie. Sie war noch viel weniger zu finden in den Hütten der kleinen Leute. Wie lustig war es ehedem oft in den Spinnstuben zugegangen; jetzt wollte ein herzhafter Spaß gar nicht mehr aufkommen. Man sang nicht mehr, wie in vergangenen Tagen, man erzählte einander nicht mehr die alten Schnurren und Schwanke, die immer wieder ein unauslöschliches Gelächter hervorzurufen pflegten, wenn sie unermüdlich von neuem aufs Tapet gebracht wurden. Jetzt wußte man andere Geschichten. Da erzählte der eine, wie die westfälischen Gendarmen seine Gänse oder Schweine gepfändet oder gar seine Kuh aus dem Stalle gezogen hatten, weil er die Kopf- und Grundsteuer nicht hatte entrichten können. Da wußte der andere zu berichten von Frechheiten oder gar Freveltaten, die von den französischen Soldaten gegen Frauen und Mädchen verübt worden waren. Oder man sprach von den Landeskindern, die auf den Befehl des französischen Kaisers hinaus hatten ziehen müssen nach Spanien und nun in dem wilden Lande gegen einen erbarmungslosen Feind kämpften. Die Familien mehrten sich, die Trauer anlegen mußten, weil die Söhne oder Brüder in der Ferne den Tod gefunden hatten. Erst hatte man um jeden dieser Gefallenen, wenn die Trauernachricht eintraf, in den Dörfern die Totenglocken geläutet. Später, als die Fälle sich häuften, verbot die Regierung das Geläute, weil es zur Beunruhigung des Volkes beitrage. So mußte es verstummen. Nur in Laublingen kehrte man sich nicht daran, trotz des Pfarrers ängstlicher Bedenklichkeit. Als dort im Februar 1811 die Nachricht einlief vom Tode zweier Söhne des Dorfes, die in den Pyrenäen erschossen worden waren, ordnete Heinrich von Krosigk an, daß für die beiden drei Tage lang je eine Stunde geläutet wurde, und das geschah auch.

Überhaupt fiel es dem Schloßherrn zu Poplitz nicht ein, sein Benehmen zu ändern; er blieb der böse Baron. Er spielte nun die Rolle mit voller Absicht; »denn,« sagte er zu seinen Vertrauten, »je mehr sie mich in Kassel für einen närrischen und tollen Kerl halten, um so weniger werden sie auf den Gedanken kommen, daß ich konspiriere.« Darin täuschte er sich auch keineswegs. Die Geheimpolizei in Westfalen spürte wohl, daß etwas gegen den König im Werke war, daß die »Patrioten«, wie man sie kurzweg nannte, rüstig daran arbeiteten, das Volk aufzuhetzen und den neugeschaffenen Staatsbau zu unterwühlen. Sie gab sich auch alle erdenkliche Mühe und entfaltete eine fieberhafte Tätigkeit, den geheimnisvollen Umtrieben auf die Spur zu kommen. Aber in keinem der neunmal klugen Herren regte sich der Argwohn, daß die Fäden der Verschwörung in der Hand des tollen Junkers auf Poplitz zusammenliefen. Dazu galt er ihnen als viel zu dumm. Sie hielten ihn für einen bösartigen Grobian, der seinem Hasse in wilden Redensarten und törichten Streichen Luft mache, aber kaum ernst zu nehmen sei. Vielmehr richtete sich der Verdacht gegen den Piesdorfer Wedell. Der galt von jeher als ein enragierter Preußenfreund und zudem als ein kluger Kopf. Ihm mißtraute die Polizei gründlich. Sein Haus wurde mit Spähern umgeben, seine Dienerschaft suchte man zu bestechen; alle Briefe, die in Piesdorf aus- und eingingen, wurden aufs schamloseste erbrochen und durchstöbert.

Als Gottlob von Wedell das bemerkte, kam er auf eine sehr sinnreiche Idee, den Verdacht von sich abzulenken. Sein Schwager und Vetter Wilhelm lebte zurzeit in Halberstadt. Dort hatte er eine Stelle als Provinzialrat angenommen, und zwar aus keinem anderen Grunde als dem, der Patriotenpartei im Lande noch besser dienen zu können als bisher. An den ließ Wedell durch einen Freund einen Brief schreiben, in dem er ihn auf den ersten April einlud, einer Versammlung im Schlosse Piesdorf beizuwohnen. Man werde da große Entschlüsse fassen. Die übrigen Verschworenen würden auch anwesend sein. Er sollte nicht vergessen, die überaus wichtigen Akten und Verzeichnisse mitzubringen. Nachmittag drei Uhr werde die Sitzung beginnen. Der Brief war in einer sehr leicht entzifferbaren Chiffreschrift abgefaßt und wurde der westfälischen Partei mit Absicht in die Hände gespielt.

Der Erfolg blieb nicht aus. Schlag drei Uhr am Nachmittage des ersten April rückte eine Kompanie Soldaten gegen den Piesdorfer Gutshof heran, besetzte alle Eingänge und ließ keinen Menschen mehr passieren. Der Kapitän mit einem Kriminalkommissar an der Seite und fünfzehn Bajonetten hinter sich stürmte die Treppe empor, um das Verschwörernest auszunehmen. Aber als sie die Tür aufrissen, saß Wedell mit seiner Frau, seiner Schwester und dem Hauslehrer, dem Kandidaten der Theologie Friedrich Christian Schwen, friedlich beim Whistspiele. Er stellte sich ungemein entrüstet über das Eindringen der Polizei in seine Häuslichkeit und protestierte heftig gegen die beabsichtigte Haussuchung. Sie fand trotzdem statt und förderte natürlich nicht das geringste Belastende zutage. Empört erklärte Wedell, er werde sich beim Könige selbst beschweren; sein Vetter, der Graf Wolffradt, werde ihm leicht eine Audienz verschaffen. Die Erwähnung Wolffradts verfehlte ihre Wirkung auf das Gemüt des Kriminalkommissars ebensowenig wie auf die Seele des Kapitäns, denn der Graf stand bei Hofe in höchstem Ansehen, war neulich sogar Minister geworden. Die beiden sahen sich verdutzt an, wurden dann sehr höflich und beklagten das Mißverständnis.

»Ich will Ihnen sagen,« rief Wedell anscheinend im höchsten Zorn, »wie solche Mißverständnisse entstehen. Die Polizei hat nach ihrer löblichen Gewohnheit einen Brief erbrochen, in dem ein unverschämter Spaßvogel sich mit meinem Schwager in Halberstadt einen Aprilscherz erlaubt hat. Mein Schwager hat mir den Wisch durch besonderen Boten hergeschickt mit der Anfrage, ob ich denn verrückt geworden sei. Er hat sich also nicht in den April schicken lassen, dagegen ist dieses Malheur einer hohen Polizei passiert. Das sind eben die Folgen davon, wenn man harmlosen Leuten alle möglichen bösen Dinge zutraut. Dann fällt man hinein und blamiert sich unsterblich!«

Die beiden Herren verließen das Schloß wie zwei begossene Pudel, und der Bericht des Kommissars nach Kassel lautete so, daß man dort den Verdacht gegen Wedell zum großen Teile fallen ließ.

Dagegen wurde nun mit einem Male der Argwohn der Geheimpolizei auf Heinrich von Krosigk gelenkt; denn er war in Dessau mit sehr verdächtigen Personen zusammen gesehen worden. Daß er häufig nach Anhalt hinüberfuhr, hatte niemand beargwöhnt. Auf dem bernburgischen Schlosse Gröna lebte jetzt seine Mutter bei ihrem jüngsten Sohne Anton Emil. Auch seine unverheirateten Schwestern hielten sich zumeist dort auf, und die Hälfte seiner ferneren Verwandten wohnte auf anhaltischen Gütern. Deshalb konnten seine Fahrten über die Grenze nicht weiter auffallen. Nun aber erhielt die geheime Polizei Bericht von einem der französischen Spione, deren es in Dessau ebensoviel gab, wie in jeder anderen deutschen Residenz, der Major von Krosigk habe dort eine Zusammenkunft gehabt mit Leuten, von denen der eine als der Berliner Prediger Schleiermacher, der andere als der Oberst Gneisenau erkannt worden sei.

Das war sehr verdächtig, und man beschloß, ein wachsames Auge auf ihn zu haben. Spione wurden ausgesendet, die ihn beobachten sollten. So erschien gegen Ende April ein Mann in Laublingen, der fast einen ganzen Monat im Orte blieb, um im Auftrage der Regierung, wie er sagte, Landkarten der Umgegend aufzunehmen. In Wahrheit war er ein vertrauter Agent des gefürchteten Direktors der Geheimpolizei, des schlauen und rücksichtslosen Legras de Borcogny. Aber er vermochte nur sehr wenig Belastendes über die Tätigkeit Krosigks aufzuspüren, denn er konnte eigentlich gar nicht an ihn herankommen, keinen Einblick in sein Hauswesen, sein Tun und Treiben gewinnen. Die Dienerschaft zu bestechen, wie es anderswo geschah, ging hier nicht an, Krosigks Leute waren viel zu treu und anhänglich, und nur die Treuesten unter den Treuen verwendete er zu gefährlichen Aufträgen. Ja, die wichtigsten Sendungen ließ er durch eine Person ausführen, auf die auch nicht der Schatten eines Verdachtes fiel. Es war Lisette Schicht, die Tochter des verstorbenen Pfarrers von Laublingen, die nach seiner Verheiratung Gesellschafterin und häusliche Stütze seiner Gemahlin geworden war. Das Mädchen war ihm aus Dankbarkeit treu ergeben; denn als sie einst den Tod in der Saale gesucht hatte, weil sie die bösen Nachreden der Menschen nicht mehr zu ertragen vermochte, da hatte er sie nicht ohne eigene Gefahr dem Wasser entrissen und sie dann durch die Aufnahme in sein Haus in den Augen der Leute rehabilitiert. Seitdem verehrte sie ihn mit einer schwärmerischen Bewunderung, von der er freilich nie ein Sterbenswörtchen erfuhr. Sie war selig, daß sie ihm dienen konnte, und da sie einen scharfen und schnellen Verstand besaß, so eignete sie sich vorzüglich zur Verschwörerin. Das Mädchen, das wöchentlich nach Halle oder Bernburg fuhr, um wirtschaftliche Einkäufe zu machen, trug oft die wichtigsten Geheimschriften aus dem Schlosse heraus oder in das Schloß hinein.

So mußte sich denn die hohe Polizei in Kassel damit begnügen, Krosigk zu belauern und zu beargwöhnen. Ein Beweis seiner hochverräterischen Umtriebe war nicht zu erbringen, nicht einmal eine Haussuchung konnte irgendwie gerechtfertigt erscheinen. Da mit einem Male brachte der törichte Leichtsinn eines Mitverschworenen den Baron und das ganze Unternehmen in die höchste Gefahr.

Es war an einem heißen Augusttage kurz nach dem Mittagsmahle. Frau Friederike hatte sich in einem kühlen Zimmer zu kurzer Ruhe niedergelegt; ihr Gemahl hatte den Park aufgesucht. Dort stand gegenüber der hohen Sandsteinsäule ein aus Felsblöcken und Steinen kunstlos zusammengefügter Ruhesitz, »der Sorgenstuhl« genannt. Dahin zog er sich oftmals zurück, rauchte seine Pfeife und dachte nach oder las. Heute hatte er einmal wieder zu Schillers Dramen gegriffen und wollte sich gerade in die Lagerszene des Wallenstein versenken, als er den Kies des Weges von Schritten knirschen hörte. Er blickte auf und erkannte in dem Näherkommenden, der noch von einem Gebüsch halb verdeckt wurde, zu seinem Erstaunen den Professor Steffens. Der Freund und Bundesgenosse strebte heftig auf ihn zu, und Krosigk sah an seinem erregten und verstörten Antlitze sogleich, daß er ihm eine unwillkommene Kunde bringe.

Sofort sprang er auf und eilte ihm entgegen. »Steffens,« rief er. »Wo kommen Sie her? Wie sehen Sie aus? Ist etwas vorgefallen?«

Der Gelehrte kam erst ganz nahe an ihn heran und antwortete dann in heiserem Flüstertone: »Ja, allerdings ist etwas vorgefallen, etwas sehr Schlimmes, das Schlimmste. Es läßt sich in die Worte zusammenfassen: wir sind verraten.«

Krosigk prallte zurück. »Mein Gott, wie ist das möglich? Was ist geschehen?«

Steffens schob seinen Arm unter den des Barons und erwiderte: »Es ist doch hier niemand in der Nähe?«

»Keine Menschenseele.«

»Nun, dann kommen Sie. Wir wollen uns hier auf die Steine setzen. Ich bin ganz erschöpft von der heißen Fahrt.«

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und berichtete dann immer halb flüsternd: »Also hören Sie: Bertram, Sie kennen ihn ja, kommt von einem Ausfluge nach Göttingen zurück. Wir waren gerade in Harthausens Garten und übten uns im Schießen. Der Unglücksmensch war ganz begeistert, weil er uns zufällig beisammen fand. »Freunde,« sagte er, »ich habe auf meiner Reise eine wundervolle Acquisition für unseren Bund gemacht. Ich habe einen alten Jugendfreund angetroffen und ihn angeworben für unsere heilige Sache. Stellt euch vor, welch herrliche Gesinnung den Mann beherrscht: er hat es nicht verschmäht, eine Schmach auf sich zu laden, um desto sicherer in die geheimen Ratschlüsse der Feinde einzudringen. Wir können jetzt viel ruhiger sein als bisher. Jeder Verdacht, der gegen uns entsteht, auch der leiseste, wird uns bekannt, unsere Feinde werden durch meinen Jugendfreund, der ihr vollstes Vertrauen besitzt, auf eine schlaue Weise irregeführt werden, denn Mertens, mein Freund, ist westfälischer Polizeikommissar.« – »Wir sind verraten,« rief ich auf der Stelle aus. »Alles wird der wahrhaft deutsch Gesinnte wagen für die Sache, die ihm heilig ist, die Ehre nie.« Bertram war tief entrüstet über meinen Verdacht und erklärte, die treue und edle Gesinnung seines Jugendfreundes sei über jeden Zweifel erhaben. Ich aber bin fest davon überzeugt, daß wir durch seinen Leichtsinn den Judas in unserer Mitte haben.«

»Sie haben ohne Zweifel recht,« erwiderte Krosigk, der ihn ruhig bis zu Ende angehört hatte. »Wer sich herabwürdigen kann zum Werkzeug der geheimen Polizei, wer Tag für Tag teilnehmen kann an ihren systematischen Ruchlosigkeiten und Gemeinheiten, der muß ein Schuft sein.«

»Und jede Ungewißheit schwand mir,« unterbrach ihn Steffens, »als ich den Menschen mit eigenen Augen sah.«

»Wie? Sie haben ihn gesehen?«

»Er hat mich besucht und mir eine Menge Schmeicheleien gesagt in Bezug auf meine Schrift über die Idee der Universitäten, die er, nebenbei gesagt, weder verstanden hat noch überhaupt verstehen kann. Eine widerwärtige Personage, breiter, untersetzter Kerl, plattes Gesicht, tückisch funkelnde kleine Augen. Wir hatten ein reines Lügengespräch miteinander. Er machte mir Komplimente und suchte mich dabei auszuhorchen. Ich dagegen behandelte unser ganzes Unternehmen mit überlegener Ironie, scherzte darüber und machte den Versuch, ihm einzureden, ich hätte mich an der kindischen Spielerei unreifer junger Leute nur beteiligt, um größere Torheiten zu verhindern. Er glaubte mir das nicht, ich sah es ihm an. Ich bin demnach der Geheimpolizei hochverdächtig, kann jeden Tag erwarten, aufgehoben zu werden. Sie können mir nicht verdenken, Krosigk, daß ich mich dem entziehe. Denn wenn ich vielleicht auch nicht überführt werden kann, an einer hochverräterischen Verbindung teilgenommen zu haben – was kümmert das unsere Gerichte? Ist etwa von Paris die Weisung eingetroffen, wieder einmal ein Exempel zu statuieren, dann spricht man mich einfach schuldig und knallt mich über den Haufen. Dazu bin ich mir denn doch zu schade, von meiner Familie gar nicht zu reden.«

»Und was wollen Sie tun?« rief Krosigk.

»Sie wissen, daß ich einen Ruf nach Breslau habe. Man hat mir lange Bedenkzeit gegeben, und ich habe mich lange bedacht. Nun aber brennt mir der Boden unter den Füßen. Ich bin entschlossen, Halle zu verlassen, habe mich bereits durch Schleiermacher an Schuckmann gewendet und erwarte in den nächsten Tagen das Reisegeld.«

»Wieder einer,« sagte der Baron finster.

»Ich hoffe, daß Sie mein Entweichen nicht als einen Akt der Feigheit betrachten,« rief Steffens.

»Nicht im mindesten. Ich muß vielmehr sagen. Sie tun recht, so bitter es für mich ist, nach Reil nun auch Sie zu verlieren. Ich werde ja immer einsamer. Aber wenn Sie ernstlich kompromittiert sind, haben Sie in der Tat bei der Qualität unserer edlen Gerichte alles zu befürchten.«

»Und Sie?« rief Steffens stehen bleibend und seine Hände ergreifend. »Sind Sie nicht in ganz ähnlicher Lage? Wollen Sie nicht auch an Ihre Sicherung denken?«

Der Baron schüttelte den Kopf. »Bei mir ist das nicht so leicht wie bei Ihnen. Ich bin mit dem Grund und Boden zu fest verwachsen. Meine großen Güter kann ich nicht so einfach hinter mir lassen wie Sie Ihre Wohnung in Halle. – Aber,« fuhr er nachdenklich fort, »auf eine Flucht vorbereiten will ich mich doch. Ich habe meinen Bruder Ernst in vertraulicher Sendung zum Erbgrafen Heinrich von Stolberg nach Wernigerode geschickt. Morgen erwarte ich ihn zurück und werde ihn dann hier behalten. Muß ich fliehen, so kann er hier administrieren. Fürs erste aber will ich noch etwas aushalten. Beim nächsten verdächtigen Anzeichen bin ich über die Grenze. Sie ist keine halbe Stunde weit, denn jenseits der Saale beginnt das Reich Anhalt-Bernburg.«

Steffens versuchte vergeblich, ihn umzustimmen, und verließ ihn mit schwerer Sorge. Aber die Folgezeit schien Krosigk recht zu geben. Verdächtige Anzeichen wurden von keiner Seite her wahrgenommen. Man ließ den Professor ruhig von Halle nach Breslau ziehen; kein Mensch legte ihm bei seinem Abschied etwas in den Weg. Auch sonst wurde niemand behelligt. Krosigk gelangte allmählich zu der Überzeugung, sein Freund Steffens habe die Gefahr doch wohl überschätzt, denn Woche auf Woche und Monat auf Monat verrann, ohne daß irgend etwas sich regte. Deshalb fing er von neuem an, in der Stille Verbindungen anzuknüpfen, und reiste sogar auf weiten Umwegen selbst nach Wernigerode, um mit dem Erbgrafen persönlich zu konferieren. Denn von dem wurden die großen Besitzungen des Hauses Stolberg im Harz zurzeit ganz selbständig verwaltet. Sein Vater, Graf Christian Friedrich, war nach Schlesien gegangen, weil er sich unter die Herrschaft der westfälischen Majestät von Napoleons Gnaden nicht beugen wollte. Auch sein Sohn war ein geschworener Feind der Fremdherrschaft und zeigte sich willig, den Verschworenen mit seiner Macht beizustehen, sowie Preußen losschlüge und der König die westfälischen Untertanen ihres Treueides entbinden werde.

So kam wieder der Winter heran. In einer Frühstunde des 9. Dezembers trat Friederike in Reisekleidung in das Arbeitszimmer ihres Gemahls. Sie hatte sich's ausgebeten, zum ersten Male wieder zu ihrer Mutter nach Groß-Salze fahren zu dürfen, und der Baron hatte ohne weiteres seine Billigung ausgesprochen. Ein Zusammentreffen mit dem Boisselliersschen Ehepaare schien ausgeschlossen, denn der Oberstleutnant lebte mit seiner jungen Frau in Stettin. Man wußte nichts von ihnen auf Poplitz. Heinrich hatte seiner Schwiegermutter geschrieben, daß er ihre Haltung zwar nicht billige, aber doch verstehen könne; übrigens komme es ihm nicht zu, ihr Vorschriften zu machen über ihr Tun und Lassen. Dagegen bitte er sich's dringend aus, »die Franzosen« ihm und seiner Frau gegenüber nicht mehr zu erwähnen.

Frau von Schurff respektierte den Wunsch ihres Schwiegersohnes, aber es trat doch dadurch ganz unwillkürlich eine leise Entfremdung ein zwischen den Häusern Poplitz und Groß-Salze. Heinrich hatte nie wieder einen Fuß in den blauen Hof gesetzt, die gegenseitigen Briefe wurden kürzer, seltener und kühler. Das schmerzte Friederike tief. Sie hatte sich's vorgenommen, eine Aussprache mit der Mutter herbeizuführen, und da diese übermorgen ihren Geburtstag feierte, so nahm sie das als einen willkommenen Anlaß, wieder einmal hinüber zu fahren.

Nun kam sie zu ihrem Manne, um Abschied zu nehmen. »Ich danke dir von Herzen, Heinrich,« sagte sie, »daß du mir die Erlaubnis gegeben hast, nach Groß-Salze zu fahren. Ich hoffe, du verargst sie mir auch in deinem Innern nicht.«

»Nein, mein Kind. Dann würde ich dir's offen sagen. Wir beide spielen doch wohl nicht Verstecken voreinander. Ich will dich und deine Mutter nicht trennen, denn Mutter und Kind gehören zusammen. Nur das wundert mich, daß du bei dem miserablen Wetter die Tour nicht verschiebst.«

Friederike schlang die Arme um seinen Hals. »Dazu habe ich ganz besondere Gründe, die du jetzt gleich erfahren sollst. Und das soll dein Lohn dafür sein, daß du mich fortläßt.« Sie schmiegte sich noch fester an seine Schulter und sagte leise: »Es wird mir nicht lange mehr möglich sein, solche Fahrten zu machen.« Und sie flüsterte ihm noch ein paar Worte zu, so leise, daß sie kaum vernehmlich waren. Aber der Baron hatte sie doch verstanden. Er stieß einen Freudenruf aus und drückte sie stürmisch an seine Brust. So hielt er sie lange schweigend umfangen. Als er sie wieder aus seinen Armen ließ, schimmerte es feucht in seinen Augen, und mit einer Stimme, in der seine tiefe innere Bewegung wiederklang, rief er: »Also auch dieses schönste Glück soll uns zu teil werden, wonach wir uns so lange schon sehnen. Herr Gott, wie danke ich dir. Am liebsten ließe ich dich nun gar nicht fort, nachdem du mir das gesagt hast. Aber gehe nur; es ist gut und richtig, daß du eben jetzt zu deiner Mutter gehst. Grüße sie von mir und erzähle ihr von meiner Freude.«

Den ganzen Tag über war der Baron so aufgeräumt, daß es jedermann auffiel, aber den Grund seiner Freude erfuhr niemand, auch nicht sein Bruder Ernst. Mit dem saß er heute beim Wein zusammen bis weit über Mitternacht und war so heiter, so gesprächig und scherzhaft aufgelegt, daß sich der Rittmeister über die frohe Laune seines Bruders heimlich wunderte.

Eben hatten die Brüder einander gute Nacht gesagt, und Heinrich ergriff den Leuchter, um sich in sein Schlafgemach zu begeben, als vom Hoftore ein lautes Pochen ertönte. Der Baron riß das Fenster auf und fuhr zurück, denn er hatte im Lichte des Mondes, der hinter den jagenden Wolken hervorgetreten war, Uniformknöpfe und Waffen aufblitzen sehen. Mit einem raschen Sprunge stürzte er zu seinem Schreibsekretär und riß aus einem Fache ein Bündel Papiere heraus. Dann ergriff er den Schürhaken und stieß in die schon halb erloschene Glut des Ofens, daß helle Flammen emporzüngelten. Die Briefschaften und Blätter, die er hineinschleuderte, loderten hoch empor.

»Bis sie hereindringen, wird alles Asche sein,« murmelte er.

»Was ist das, Heinrich?« rief sein Bruder, der auf den Lärm hin umgekehrt war.

»Wahrscheinlich Soldaten, die mich verhaften sollen. Komm her, Ernst, und schüre die Glut, daß alles richtig verbrennt. Ich trete ihnen einstweilen im Hausflur entgegen und halte sie auf. Am Gottes willen, alles vernichten!«

Er ging mit festen Schritten durch die Zimmer und schloß die Haustür auf. Schon schmetterten Kolbenstöße dagegen, denn die Feinde waren schnell in den Hof gedrungen. Sie stutzten und wichen zurück, als plötzlich die Tür aufflog und der gefürchtete böse Baron auf der Schwelle stand und sie andonnerte: »Was soll das? Wer gibt euch das Recht, hier einzudringen?«

Ein Offizier, der eben vom Pferde gesprungen war, kam die Freitreppe herauf. Er stellte sich dem Baron gegenüber und musterte ihn mit höhnischen, triumphierenden Blicken, indem er einem Soldaten die Laterne aus der Hand nahm und sie hoch emporhielt. »Endlich, mein Herr von Krosigk, wird mir die Ehre zuteil, Sie wiederzusehen. Ich war schon einmal hier und hatte nicht das Glück, Sie zu treffen. Jetzt habe ich mir das Kommando ausgebeten, um die Scharte auszuwetzen. Mein Name ist Martignac.«

Heinrich sah ihm verächtlich ins Gesicht. »Was wünschen Sie?« fragte er schroff.

»Ich denke, das wissen Sie. Im Namen Seiner Majestät des Königs von Westfalen verhafte ich Sie hiermit. Füsiliere, legt dem Arrestanten die Handschellen an.«

»Wagt es!« schrie Heinrich und erhob die mächtige Faust.

» En avant drauf!« brüllte Martignac. Die Soldaten drängten vorwärts. Ein wildes Ringen entstand. Dann lag Heinrich von Krosigk schwer atmend mit gefesselten Händen auf der Diele seines Hauses.

Martignac trat an den Gefangenen heran und zischte: »Meine Rache, Krosigk! Endlich. Sie fallen nicht durch die Kugel eines Kavaliers, Sie werden auf dem Sandhaufen verenden. – Hebt den Arrestanten auf und tragt ihn in den Wagen!« rief er laut den Soldaten zu. Dann wandte er sich wieder dem Gefesselten zu: »Ich selbst habe Befehl, Ihr Schloß zu durchsuchen und einstweilen besetzt zu halten. Haben Sie noch einen Gruß zu bestellen an die Frau Gemahlin? Ich werde ihn ausrichten. Ich werde mit ihr« – er stockte plötzlich und taumelte zurück. Aus der Seitentür war Ernst von Krosigk herausgetreten und stand ihm nun Auge in Auge gegenüber. Der Pole starrte ihn bleich und stumm an, als sähe er einen Geist, während ihm der junge Edelmann mit glühenden Augen unverwandt ins Gesicht blickte.

Dann begann Ernst von Krosigk langsam und hohnvoll: »Ah! Monsieur Martignac! Sie hier! Und Sie wollen das Schloß durchsuchen? Vielleicht ziehen Sie es doch vor, das durch einen Ihrer Offiziere besorgen zu lassen!« Dann wandte er sich mit einer brüsken Bewegung von ihm ab und legte die Hand auf seines Bruders Arm. »Lebe wohl, Heinrich. Ich wache. Gott führe dich glücklich zurück.«

»Grüße meine Frau und bringe ihr's schonend bei!« erwiderte der Baron. »Lebe wohl!«

»Führt den Arrestanten ab!« gebot Martignac mit heiserer Stimme und schritt blaß und mit verstörten Zügen zur Tür hinaus.

Nach einigen Minuten kam einer der draußen gebliebenen Offiziere und erklärte dem jüngeren Krosigk höflich, daß er das Schloß besetzt halten und ihn selbst einstweilen in seinem Zimmer unter Aufsicht eines Leutnants und Sergeanten internieren müsse. Herr Oberstleutnant Martignac werde den Gefangenen in eigener Person nach der Festung Magdeburg geleiten.

So fuhr Heinrich von Krosigk in der Nacht denselben Weg dahin, den seine Frau am Tage gefahren war. Als in der ersten fahlen Morgendämmerung die Häuser von Groß-Salze auftauchten, seufzte er tief auf. Er dachte derer, die da drüben im Hause ihrer Mutter ahnungslos schlummerte, und an das schwere Herzeleid, das ihr der neu anbrechende Tag bringen mußte, und er faltete die gefesselten Hände zu einem Gebet für sie und das Kind, das sie erwartete.

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