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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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VII.

In den nächsten Wochen war der Haushalt des bösen Barons ganz frauenlos, denn auch seine Schwester Antoinette hatte ihn verlassen. Auf dem Rittergute Groß-Böhla in Sachsen lebte ihr Bruder Friedrich, der, wie alle die anderen Brüder mit Ausnahme des ältesten, noch unbeweibt war. Zu ihm wollte sie auf einige Tage gehen, um dort auch einmal nach dem Rechten zu sehen; aber sie fand so viel zu tun, daß ihr Aufenthalt sich immer mehr verlängerte. Wie der Bruder dem Baron vertraulich schrieb, schien sich zwischen ihr und einem Herrn von Einsiedel, der häufig in Groß-Böhla verkehrte, etwas anzuspinnen.

Es war natürlich, daß dem Major während dieser Wochen in seinem einsamen Schlosse die Zeit recht lang wurde und daß er deshalb häufig auswärts weilte. Oft ritt er nach Piesdorf zu seinen Freunden, den Wedells; aber auch lange, weite Ritte unternahm er, besuchte die Trothas auf Hecklingen und Gänsefurth und die Krosigkschen Vettern in Hohenerxleben drüben im Anhaltschen. Ganz besonders oft und gern aber ritt er nach Halle. Die Stadt, die sich schon während des Mittelalters durch ihren kräftigen Bürgertrotz bekannt gemacht hatte, erwarb sich in den Tagen der Fremdherrschaft den Ruhm, unter den von Preußen abgetretenen Städten die treueste zu sein. Nirgendwo anders war der Grimm und der Haß gegen die Franzosen und den verschwenderischen und sittenlosen Hof in Cassel so gleichmäßig in allen Schichten des Volkes verbreitet wie in der alten Salzstadt an der Saale. Liebedienerei gegen die Volksbedrücker, Franzosenfreundschaft gab es hier nicht, sie wagten sich wenigstens nicht ans Tageslicht hervor. Der Verräter und Franzosenknecht würde hier zu Boden gedrückt worden sein durch die Last der allgemeinen Verachtung, ja er wäre kaum seines Lebens sicher gewesen. In Anhänglichkeit an das alte Herrscherhaus wetteiferte Halle mit den treuen Städten Hessens, unter denen Marburg den ersten Rang einnahm. In einem hallischen Wirtshause konnte man ungenierter seine Meinung äußern als an anderen Orten in Privathäusern.

Schon deshalb war Heinrich gern in Halle. Beim Anblick der königstreuen Bürgerschaft ging ihm das Herz auf, und der böse Baron, von dessen Grobheit gegen die Fremden so viele Geschichten im Volke umliefen, war auch in der Stadt eine bekannte Persönlichkeit. Fast alle Leute grüßten ihn freundlich und ehrerbietig, wenn er durch die Gassen ritt, oft kam es auch vor, daß ein Rudel Gassenjungen seinem Pferde folgte und ihm weit hinaus das Geleit gab bis zu den Saaleufern hinter Gibichenstein. Dort stand inmitten eines riesigen Gartens das schlichte Landhaus Reils, und dieses Haus war wöchentlich einmal sein Ziel. Hier befand er sich in einem Kreise, der ihn ganz verstand, und in dem er sich völlig heimisch fühlte. Hier konnte er frisch von der Leber weg reden und brauchte nie ein Wort auf die Goldwage zu legen. Wer hier verkehrte, mußte ein Patriot sein, denn Reil, der mit der ganzen Zähigkeit seines ostfriesischen Naturells an Preußen hing, verkehrte mit keinem Menschen näher, der nicht so dachte wie er.

So kam es, daß der Poplitzer Schloßherr in keinem Hause des Saalkreises häufiger und lieber verkehrte, als in dem des berühmten Arztes, mit dem ihn trotz ihres großen Altersunterschiedes eine immer festere Freundschaft verband.

Gerade an dem Tage aber, an dem die ganze Umgegend in Halle zusammenströmte, dem Tage, da Jérôme einzog, blieb er fern. Der König hatte eine Huldigungsreise durch sein Land angetreten und kam in der zweiten Hälfte des Mai auch nach Halle. Vorher erklärte Heinrich im Reilschen Hause: »Die ganze Woche bekommen Sie mich nicht zu sehen, denn ich werde krank.«

»So? fühlen Sie das jetzt schon?« lachte Reil. Dann fügte er in ernsterem Tone hinzu: »Ihr Fernbleiben wird natürlich nicht unbemerkt bleiben. Der König legt, wie Sie wissen, den größten Wert auf die Huldigungen des Adels. In Braunschweig soll ihn nichts so sehr erfreut haben wie die Nobelgarde, die ihm beim Einzug entgegengeritten ist.«

»Jämmerliche Gesellschaft!« brummte Krosigk.

»Sie sind der größte Grundherr des Kreises und Repräsentant der ältesten Familie. Es wird schon Leute geben, die den König auf Ihre Abwesenheit aufmerksam machen werden.«

»Meinetwegen. Will den Kerl nicht sehen mit seinem Hofgeschmeiß. Sind mir alle speifatal,« knurrte der Major.

»Und wie wollen Sie sich entschuldigen?«

»Gar nicht,« entgegnete Krosigk trotzig. »Werde ich aber befragt, so erkläre ich, meine alte Wunde von Eylau sei wieder aufgebrochen. Sie brennt ja auch in Wahrheit immer, wenn ich an die Bonapartische Rasse denke.«

So kam es, daß Heinrich von Krosigk an dem Tage, an dem Jérôme mit großem Gepränge die Hauptstadt des Saalkreises besuchte, seelenruhig auf seinem Schlosse Poplitz verblieb. Als er am Vormittage, die kurze Pfeife im Munde und die Flinte auf dem Rücken, von seinen Wiesen heimging, um zu frühstücken, hörte er in der Ferne starken Kanonendonner.

»Die Ehrensalven für die wälsche Majestät!« murmelte er vor sich hin und lächelte verächtlich. Dann stemmte er seinen Stock fest in den Erdboden und blickte, auf ihn gestützt, lange nach der Gegend hin, aus der die Freudenschüsse ertönten. Immer finsterer wurde dabei sein Angesicht. Da drüben beugten sie jetzt ihre Rücken vor dem nichtigen, windigen Patron, dem seines Bruders Laune einen Königsthron geschenkt hatte. Selbst Leute wie Reil und Steffens waren unter denen, die sich dort verneigen und die Prunkreden auf den neuen Vater des Vaterlandes mit anhören mußten. Da pries man mit servilem Lächeln das hohe Glück, das dem Lande widerfahren sei, indem ein so edler, trefflicher, mit jeder Herrschertugend gezierter Monarch die Zügel der Regierung ergriffen habe. Verweile seufzte das Volk unter einem unerschwinglichen Steuerdruck, mußte sich von den fremden Soldaten, die im Lande lagen, aussaugen und quälen lassen und durfte sich nicht einmal laut und offen über sein Elend beklagen.

Heinrich knirschte mit den Zähnen bei diesen Gedanken. »Herr Gott, wann wirst du dich unser erbarmen und unsere Ketten brechen helfen?« sprach er vor sich hin.

»Untertänigen guten Tag, Herr Baron,« sagte da plötzlich eine klare Stimme hinter ihm.

Heinrich fuhr herum und sah einen Bauern in seinem Sonntagsstaate vor sich stehen. Die Filzmütze hatte er abgenommen und blickte den Major respektvoll und etwas vertraulich lächelnd an.

Heinrich ließ vor Erstaunen seine Pfeife fallen, als er ihn erkannte, und rief: »Potz Blitz! Das ist doch der Meier aus Groß-Salze. Wie kommt er denn hierher? Und was soll die Verkleidung?«

Der alte Diener hob die Pfeife auf und sagte: »Pscht, pscht, Herr Baron, gefälligst nicht so laut, indem daß ich in meinem Inkognito reise! Ich habe eine sehr wichtige Botschaft an den Herrn Baron.«

»Donnerwetter, von wem denn?«

Meier sah sich vorsichtig nach allen Seiten um und sagte dann leise: »Vom Herrn Leutnant von Hirschfeld.«

»Was? Wie kommt er denn zu dem? Ist er nicht mehr in Groß-Salze?«

»Natürlich bin ich noch in Groß-Salze, und der Herr Leutnant von Hirschfeld sind auch dort und können nicht 'raus, indem daß die Franzosen und Westfälinger ihm scharf auf den Dienst passen, und wenn sie ihn fangen, da erschießen sie ihn. Da hat er mich denn zu Ihnen geschickt, Herr Baron, ob Sie ihm nicht aus der Klemme helfen wollten. Denn er sagte: ›Der Herr von Krosigk hat einen so anschlägigen Kopf, der wird schon einen Weg finden, mir aus der Patsche zu helfen.‹«

Heinrich schüttelte den Kopf. »Das ist ja eine ganz tolle Geschichte! Hat er denn einen Brief an mich, irgend etwas Schriftliches?«

»Schriftliches habe ich nicht, indem daß man sich nicht getraut hat, mir was mitzugeben. Was unser gnädiges Fräulein Friederike ist, die sagte zu mir: ›Heinrich‹ – ich heiße nämlich auch Heinrich, Herr Baron – ›Heinrich, auf dich kann man sich verlassen und du wirst das alles merken.‹«

In des Majors Augen blitzte es auf. Er ließ sich auf einen Baumstumpf am Wegesrande nieder und wies auf einen andern. »Da setze er sich und erzähle er der Reihe nach, was passiert ist und was ich soll!«

»Also,« begann der alte Diener, »ich fahre das gnädige Fräulein vor vier Tagen von Magdeburg nach Hause. Es war schon dämmerig, wie wir an das kleine Gehölz bei Westerhüsen kamen. Plötzlich springt ein Mensch aus dem Gebüsch in einem nassen Rocke; denn er war in der Elbe geschwommen, mit Schmutz bedeckt von oben bis unten. Der schreit: ›Um Gottes willen, meine Gnädige, retten Sie einen Landsmann, der von den Franzosen verfolgt wird!‹

»Unser Fräulein läßt gleich halten und fragt, wie er heißt. ›Ich bin der Leutnant von Hirschfeld, bin aus Magdeburg entsprungen‹, sagte er.

»›Kommen Sie‹, sagte unser Fräulein. ›Kriechen Sie unter's Leder, damit Sie niemand sieht. Und nun, Heinrich, fahre zu!‹

»Wie wir in Groß-Salze ankommen, ist es ganz dunkel. Der Herr mußte vorher aussteigen, ehe wir in den Hof einfuhren, und über die Gartenmauer springen. Dann ließ ihn das gnädige Fräulein von hinten ins Haus und versteckte ihn in dem kleinen Alkoven neben ihrem Zimmer.«

»Und da ist er noch?« fragte Heinrich.

»Da ist er noch,« erwiderte Meier. »Bei Groß-Salze und Schönebeck ist die ganze Gegend voll von Franzosen. Er darf sich nicht herauswagen. Sie sind auch tüchtig hinter ihm her. In allen Häusern haben sie Haussuchungen angestellt.«

»Und da haben sie ihn nicht gefunden?«

Meier blinzelte schlau. »Bei uns sind sie gar nicht gewesen.«

Als ihn der Major erstaunt ansah, fuhr er fort: »Es liegt bei uns im Quartier ein Kapitän von Boisselliers, der schon im Februar fast vier Wochen da war.«

»Ah, der!« brummte Krosigk dazwischen.

»Der hat Bürgschaft geleistet, daß nichts Verdächtiges im Hause wäre. Da sind sie gleich wieder abgezogen.«

Heinrichs Gesicht verdüsterte sich auffallend. »Der Kapitän ist ein Freund der Familie?« fragte er rauh.

Meier lächelte wieder verschmitzt und zugleich respektvoll. Dann entgegnete er: »Erlauben der Herr Baron einem alten Diener, der siebenunddreißig Jahre im Hause ist, ein Wort. Der Kapitän hat es auf unser Fräulein Minettchen abgesehen, denn er ist wie der Deuwel hinter ihr her. Und was unser Fräulein ist, Herr Baron, die sieht ihn viel zu gerne. Ich glaube, sie tät ihn vom Flecke weg heiraten, wenn's nur ginge.«

»Und warum geht's denn nicht? Solche verdammte Mariagen werden doch jetzt Mode!« rief der Major und stieß grimmig seinen Stock in die Erde.

»Darüber läßt sich wohl viel sagen,« versetzte der vorsichtige Meier.

»Na, dann rede er mal, wie ihm der Schnabel gewachsen ist!« rief Krosigk. »Mir gegenüber kann er das schon riskieren.«

Der alte Diener blicke den Major pfiffig an und entgegnete geheimnisvoll: »Indem daß nämlich die Herren Eltern dagegen sind. Und was unser Fräulein Friederike ist, die ist ganz Gift und Galle. Unsereiner hört mancherlei, Herr Baron. Vor ein paar Tagen hat es eine schreckliche Szene gegeben. Der alte Herr schimpfte und die alte gnädige Frau weinte und Fräulein Friederike wollte das Fräulein Minettchen nach Hecklingen schaffen, wenn erst nur wieder der Herr Major von Trotha zu Hause wären. Sie sagte, es wäre eine Schande.«

»Ist es auch,« warf Krosigk ein, sah aber plötzlich sehr erfreut, fast verklärt aus.

Meier bemerkte das wohl, und ein noch pfiffigerer Ausdruck trat in sein schlaues Bedientengesicht. O, er war viel klüger, als er aussah; er wußte so ungefähr, wie der Mann da mit seinem gnädigen Fräulein stand! Denn er war zwar eine treue Seele, hatte aber die löbliche Gewohnheit, an den Türschlössern zu horchen, und der Himmel hatte ihn mit einem überaus feinen Gehör begabt. So war ihm nicht verborgen geblieben, weshalb Krosigk nicht wieder auf Groß-Salze erschienen war und weshalb Fräulein Friederike noch immer nicht den Brautkranz getragen hatte. Da mußte etwas geschehen; denn er, August Heinrich Meier, begünstigte diese Manage aus verschiedenen Gründen: erstens bevorzugte er Fräulein Friederike vor allen anderen Kindern des Schurffschen Hauses, zweitens achtete er den Baron hoch wegen seiner Leutseligkeit, die sich zuweilen zu harten Talern verdichtete. Deshalb sprach er jetzt, indem er seinem Gesichte den Ausdruck ehrlichster Einfalt zu geben versuchte: »Und wissen der Herr Baron, was unser gnädiges Fräulein noch sagte? ›Mutter,‹ sagte sie, ›wenn Heinrich von Krosigk den Leutnant von hier fortholt‹ – verzeihen der Herr Baron, aber sie sagte nicht ›Herr Baron‹, sondern ›Heinrich von Krosigk‹ – ›dann, Mutter, wollte ich, er könnte die Minette gleich mitnehmen; denn dort wäre sie doch vor dem Kapitän ganz sicher.‹«

»Ha!« rief der Major aufspringend, und seine Augen glänzten, sein ganzes Gesicht strahlte. »Dem Mädchen kann geholfen werden! Komme er. Wir gehen nach dem Schlosse.«

Nach ein paar Augenblicken blieb er wieder stehen und fragte mit derselben strahlenden Miene: »Weiß sein gnädiges Fräulein auch, daß sie ein paar Jahre im Gefängnis Wolle zupfen kann, wenn die Geschichte 'raus kommt?«

»Freilich, freilich,« flüsterte Meier. »Die Frau Mutter hat auch die größte Angst.«

»Das Fräulein nicht?«

»Die hat niemals Angst,« erwiderte Meier im Brusttone der Überzeugung.

Der Baron faßte seinen Arm so fest, daß er fast geschrien hätte. »Er weiß gar nicht, was er mir gebracht hat,« murmelte er. Dann stürmte er mit mächtigen Schritten vorwärts, machte aber kurz vor dem Eingange der Reitbahn noch einmal Halt.

»Ja, welcher von den Hirschfelds ist es denn? Moritz oder Eugen?« rief er.

»Das weiß ich freilich nicht, Herr Baron.«

»Na, wie sieht er denn aus? Kleiner Mann, gerade Nase, starker schwarzer Schnurrbart? Wie?«

»Akkurat so, Herr Baron. Er ist auch schon einmal hier bei dem Herrn Baron gewesen,« sagte Meier.

»Also Eugen! Was hat er denn eigentlich verbrochen?«

»Er soll in der Festung Magdeburg gespioniert haben,« erwiderte Meier und setzte dann mit gedämpfter Stimme hinzu: »Was die Westfälinger sind, die in Groß-Salze liegen, die sagen, er hätte den Kaiser Napoleon oder wenigstens den König Schärome ermorden gewollt.«

Krosigk lachte. »Immer gleich das Wildeste! Wieviele Leute wissen denn übrigens darum, daß Hirschfeld im Schlosse ist?«

»Nur die gnädige Herrschaft, das gnädige Fräulein und ich,« sagte Meier mit Selbstgefühl.

»Gut!« rief Heinrich von Krosigk. »Ich fahre in einer Stunde nach Groß-Salze, denn ich habe einen Plan. Er bleibt aber hier, bis ich wiederkomme. Er bekommt ein Zimmer und wird gehalten wie ein Landrat. Und wenn die Geschichte gut ausgeht, kann er sich freuen.«

Schmunzelnd folgte ihm Meier ins Schloß. »Schröder,« befahl der Baron dem herbei eilenden Diener, »der Mann hier wohnt heute und morgen in demselben Zimmer, das Herr Kandidat Moldenhauer bewohnt hat. Es soll sehr gut für ihn gesorgt werden, hörst du? Vor der Hand erhält er ein ausgezeichnetes Frühstück. Stelle auch eine Flasche Rheinwein dazu. Wenn du das besorgt hast, schickst du Breitmann nach Beesedau zu meinem Bruder Ernst. Ich lasse den Herrn Rittmeister bitten, sofort hierherzukommen. Es wäre etwas Dringliches! – Halt, noch eins: der Herr Rittmeister möchte in einem Anzuge erscheinen, als wäre große Gesellschaft, aber nicht in Uniform!«

In der nächsten Stunde beherbergte das Poplitzer Schloß zwei sehr glückliche Menschen. Der eine war der alte Meier, der selig vor seinem Frühstück saß und sich bedienen ließ und eine große Flasche Rüdesheimer vor sich stehen hatte. Gerade dieser Wein war seine Schwäche. Er bekam aber nur zu Geburtstagsfeiern der Herrschaft ein Glas und war sonst auf die Reste angewiesen. Daß er eine ganze Flasche des Göttertrankes sein eigen genannt hatte, war noch nie vorgekommen. Der ungewohnte Genuß des feurigen Getränkes machte ihn so dreist, daß er es wagte, in dem herrschaftlichen Zimmer seine Pfeife zu entzünden. In Hochgefühlen schwelgend, blickte er in die Dampfringel und schwur in seines Gemütes Innerstem dem freigebigen Herrn Baron ewige Freundschaft.

Der saß unten in seinem Zimmer, noch weit glücklicher als der alte Diener, und sein Glücksgefühl hatte keine so materiellen Gründe. Wer ihn jetzt erblickt hätte, wie er dasaß, das Auge mit einem träumerischen Ausdruck in die Ferne gerichtet, der hätte den allzeit strengen und herben bösen Baron nicht wiedererkannt. Das ganze Antlitz des Mannes leuchtete in freudigem Glanze – er durfte ja nun die Hand ausstrecken nach dem Glücke, nach dem sein leidenschaftliches Herz so lange schon begehrte, und das ihm sein harter Wille trotz alledem vorenthalten hatte. Nun war der Weg zur Geliebten frei; es war kein schwächlicher Kompromiß nötig zwischen Liebe und Pflicht; alle seine Zweifel waren zerstoben wie Nebel vor der Sonne. Sie hatte gezeigt, daß sie eine wahre Patriotin war, und daß sie Eisen im Blute hatte. Eine Geistesgegenwart, eine Umsicht, einen Mut hatte sie an den Tag gelegt, die ihn entzückten. In eine schwere Gefahr hatte sie sich ohne Zaudern gestürzt, denn was sie getan, ahndete das französische Gesetz oder die französische Willkür mit langer Kerkerstrafe. Was verschlug es dem gegenüber, daß sie in manchen Punkten anders dachte als er? Sie war mit ihm doch einig in dem, was ihm das Höchste war, in der Liebe zum Vaterlande. Setzte sie selbst Ehre und Freiheit aufs Spiel, um einen preußischen Verschwörer zu retten, so würde sie auch nicht dem Gatten mit kleinlichen Bedenken kommen, wenn er sich mit Gleichgesinnten verband, um die Not des Vaterlandes zu wenden. Noch weniger würde sie ihn hindern, Blut und Leben zu wagen, wenn der große Tag der Rache hereinbrach. Er konnte nur eine Lebensgefährtin heimführen, die bereit war, jederzeit bereit, das häusliche Glück auf dem Altare der höheren Pflicht zu opfern, und jetzt durfte er hoffen, in dem Mädchen, das er liebte, solch eine Frau zu finden.

Der Eintritt seines Bruders Ernst schreckte ihn aus seiner tiefen Versunkenheit auf. Die beiden Krosigks hielten nun eine kurze, ernste Beratung. Nach einiger Zeit wurden die Diener Schröder und Breitmann in das Zimmer des Herrn entboten und endlich auch noch zwei treue Knechte, die Geschirrführer Naumann und Keller herbeigeholt.

Eine halbe Stunde später ward zum höchsten Erstaunen aller auf dem Hofe beschäftigten Leute die große Galakutsche aus der Remise gezogen und mit den vier besten Pferden bespannt. Der Major und sein Bruder nahmen darin Platz. Die Dienstmädchen stießen einander an, kicherten und warfen sich bedeutsame Blicke zu, als sie sahen, daß der Major einen kleinen grünen Strauß an seinen Rock gesteckt hatte. Auch Schröder und Breitmann, die in feinster Livree auf dem Bocke saßen, trugen Sträuße angesteckt und zwar solche von riesigen Dimensionen, und von den Hüten der Vorreiter Keller und Naumann flatterten bunte Bänder.

»Eine richtige Hochzeitsfuhre!« bemerkte Ernst von Krosigk, als die Pferde anzogen.

»Die soll's ja, so Gott will, auch werden,« erwiderte sein Bruder. »Übrigens je bunter, desto besser. Um so weniger Argwohn erregen wir.« –

Am späten Nachmittag langte man in Groß-Salze an. Vor dem Dorfe wurde der Wagen von französischen Zollwächtern angehalten. Die Douanenkette ging hier durch, wo man auf die englischen Waren vigilierte, die etwa ins Land hineingepascht werden sollten. Wie ernsthaft diese Sperre gehandhabt wurde, bezeugte ein großes Feuer, das etwa tausend Schritte vom Zollhause entfernt brannte und schwelte und einen pestilenzialischen Geruch verbreitete.

»Was ist denn das?« fragte Ernst von Krosigk.

»Leinen und Webereien,« war die Antwort.

»Was?« rief der Rittmeister. »Die verbrennt man auf freiem Felde? Konnte man sie nicht wenigstens armen Leuten schenken?«

»Befehl Seiner Majestät des Kaisers,« erwiderte mürrisch der Sergeant und gab das Zeichen, daß der Poplitzer Wagen passieren könne.

»Verfluchte Schwefelbande!« knurrte Ernst und blickte seinen Bruder an, eine beistimmende Bemerkung erwartend. Aber er sah mit Verwunderung, daß der Major lächelte und offenbar gar nicht zugehört hatte. Er sagte nur: »Nun laßt die Gäule laufen, so schnell sie noch können, und du, Keller, kannst jetzt meinetwegen blasen.«

Der treue Keller war in früheren Jahren Postillon gewesen und verstand sehr kunstreich das Posthorn zu blasen. Er war aber auch Trompeter bei Jung-Larisch gewesen, und diese Erinnerung wurde jetzt übermächtig in ihm. Denn statt eines lustigen Liedes blies er das preußische Signal »Zur Attacke, marsch, marsch!« und unter dessen schmetternden Klängen rasselte die Kutsche durch das Tor des blauen Hofes.

Als der Baron das Schlößchen betrat, hatte sich die ganze Familie Schurff auf der Diele zusammengefunden. Der alte Major stand da auf seinen Stock gestützt, neben ihm seine Gemahlin, im Hintergrunde die beiden jüngeren Töchter. Friederike trat eben aus einer Seitentür heraus und blieb wie erstarrt stehen, als sie den Eintretenden erblickte.

»Friederike!« rief Heinrich und eilte auf sie zu. »Hier bin ich wieder. Willst du mich noch?«

Sie gab ihm mit den Lippen keine Antwort, denn sie konnte nicht reden; aber ihre Augen, die sie zu ihm aufschlug, sagten ihm genug. Er riß sie stürmisch an sich und schlang seine mächtigen Arme so fest um ihre schlanke Gestalt, als wolle er sie niemals wieder loslassen.

»Nun bist du mein und bleibst mein für immer,« sagte er leise, als er sie endlich wieder freigab.

» Mon dieu, was ist das? Sie hier, Herr von Krosigk?« fragte in dem Augenblicke der Kapitän von Boisselliers, der die Treppe herunter kam.

»Eine Verlobung,« antwortete Frau von Schurff, indem sie ihre älteste Tochter liebevoll an sich zog. Heinrich von Krosigk aber verbeugte sich höflich gegen den Franzosen und sagte mit einem triumphierenden Ausdruck: »Ich habe mich mit Ihrer gütigen Erlaubnis soeben mit Fräulein Friederike von Schurff verlobt.«

Der Kapitän erblaßte leicht. Er hatte sich's ernstlich in den Kopf gesetzt, Minette von Schurff zu heiraten, und war fest entschlossen, mit aller Energie um ihren Besitz zu kämpfen. Die Eltern des geliebten Mädchens, das wußte er, hatten gegen seine Person nichts einzuwenden, sondern nur gegen seine französische Herkunft, und den Widerstand der alten Leute hoffte er mit der Zeit überwinden zu können, ebenso die Abneigung, mit der Minettes ältere Schwester dem Plane gegenüberstand. Nun aber, wenn dieser Mann in die Familie eintrat, mußte sein Kampf dreimal so heiß und heftig werden. Er hatte sich seit seinem Aufenthalte in Poplitz gründlich über den bösen Baron informiert und wußte gerade genug.

Indessen war er nicht nur ein Mann von Welt, sondern auch ein wirklich vornehmer Charakter. So überwand er sich denn und sprach seinen Glückwunsch aus. Der an den Baron fiel freilich sehr kurz und frostig aus; aber für die Eltern der Braut fand er verbindliche, sogar herzliche Worte.

Noch mehr zeigte er sein feines Taktgefühl dadurch, daß er den ganzen Tag über die Familie sich selber überließ und sich, soweit er nicht außerhalb des Hauses beschäftigt war, ganz auf seine Zimmer beschränkte. Dafür stattete ihm nach Einbruch der Dunkelheit der alte Major von Schurff eine Visite ab. »Ich habe eine Bitte an Sie, Herr Kapitän,« sagte der Greis, nachdem er Platz genommen hatte.

Boisselliers, sehr erfreut, dem Vater Minettes einen Dienst leisten zu können, erwiderte: »Sie ist im voraus gewährt, mein Herr Major, wenn es in meiner Macht steht, sie zu erfüllen.«

»So hören Sie denn. Es handelt sich um die Heirat meiner Tochter Friederike. Der Bräutigam, Herr von Krosigk-Poplitz, besteht darauf, sobald wie irgend möglich zu heiraten. Wir haben unsere Gründe, darein zu willigen. Nun muß aber das Brautpaar vorher mindestens zweimal aufgeboten werden, so fordert es die Sitte und die kirchliche Ordnung des Landes. Weil nun morgen als an einem Sonntage das erste Aufgebot schon erfolgen kann, so hat Herr Rittmeister von Krosigk sich erboten, in Begleitung eines Reitknechtes zurückzureiten und es dem Pastor in Laublingen zu überbringen. Ich möchte Sie nun bitten, die beiden durch die Douanenkette zu geleiten, damit sie nicht noch irgend welchen Scherereien und Schikanen ausgesetzt sind.«

»Mit Vergnügen,« entgegnete Boisselliers. »Mein Pferd soll sogleich gesattelt werden.«

So kam es, daß der Kapitän den im Hause verborgenen Leutnant von Hirschfeld selbst in die Freiheit befördern half. Der junge Offizier hatte Breitmanns Jägerlivree angezogen und saß auf Breitmanns Pferde, hatte sich den Schnurrbart abrasiert und den Dreimaster tief ins Gesicht gedrückt. Da weder Boisselliers noch sonst jemand Breitmanns edle Züge vorher irgend welcher Aufmerksamkeit gewürdigt hatten, so erregte er nicht den geringsten Argwohn und gelangte ohne alle Fährlichkeit nach Poplitz. Von dort halfen ihm Ernst von Krosigk und Wilhelm von Wedell nach Preußen durch.

Ungefähr vierzehn Tage später fand in Groß-Salze die Hochzeit Heinrichs von Krosigk mit Friederike statt und zwar im engsten Familienkreise. Nur der älteste Bruder des Barons war mit der hochbeglückten Mutter aus Halberstadt herübergekommen, sonst niemand aus dem ganzen Freundes- und Bekanntenkreise. Bräutigam und Braut hatten es einmütig so gewünscht. »Unser Glück kann eine prunkende Feier nicht steigern,« sagte der böse Baron und sah die errötende Friederike mit Augen an, in denen das alte freudige Leuchten wieder zu erblicken war. »Und rauschende Feste feiern wir erst wieder im befreiten Vaterlande.«

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