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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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VI.

Im Hause des Tribunalrates Dedo von Krosigk zu Halberstadt wurde ein freudiges Familienereignis erwartet. Die Geheimrätin erhielt die Nachricht davon in den ersten Tagen des März und war hocherfreut. Da ihr ältester Sohn gleichzeitig schrieb, daß seine Gemahlin etwas leidend sei, so beschloß sie sogleich, nach Halberstadt zu reisen und der Schwiegertochter in ihrem Hauswesen zu helfen. Der elfte März wurde zum Abreisetage bestimmt.

Heinrich sah seine Mutter ungern scheiden; aber er sagte sich, daß zurzeit das Haus seines Bruders ein weit passenderer Aufenthaltsort für die alte Dame war als das Poplitzer Schloß, wo sie aus der Aufregung und Sorge nicht herauskam. Sie hatte dort ein ruhigeres Dasein. Die Frau Tribunalrätin, Tochter des »tollen Hagen« auf Nimburg, war allerdings eine exzentrische Dame, aber damals noch lebenslustig und heiter, und ihr Gemahl hatte nicht das leidenschaftliche Temperament seines Bruders; er war bei aller Entschlossenheit des Charakters eine diplomatische Natur. Zudem war er durch sein Wohnen in der Stadt und seine hohe Beamtenstellung feindlichen Zusammenstößen mit französischen Soldaten viel weniger ausgesetzt als der Gutsherr auf dem Lande. –

Am Vormittage des sechsten März kam Heinrich von Krosigk auf den Piesdorfer Gutshof geritten. Er stieg vor dem alten Schloßgebäude ab, über dessen Tür das Doppelwappen der Wedell und der Bülow, der Mönch und die vierzehn Kugeln, in Stein gehauen ist. Von dem Diener, dem er die Zügel zuwarf, erfuhr er, daß der Gutsherr weit draußen auf dem Felde sei, und daß seine Gemahlin noch immer liegen müsse und niemand empfangen könne. Dagegen sei der Herr Präsident von Wedell gestern angekommen.

Diese Nachricht erfreute den Baron sehr; denn Wilhelm von Wedell war ganz und gar ein Mann nach seinem Herzen. Er war ein Vetter und zugleich Schwager des früheren Landrates Gottlob von Wedell, der des Präsidenten Schwester, seine Cousine, geheiratet hatte. Trotz seiner jungen Jahre war er vor dem Kriege Präsident der Kriegs- und Domänenkammer in Halberstadt gewesen, hatte aber nach der Aufrichtung des neuen Königreiches auf der Stelle seinen Abschied erbeten und erhalten. Der feurige Mann mit den blitzenden Augen war nicht nur, wie sein Schwager auch, ein Gesinnungsgenosse, sondern recht eigentlich ein Geistesverwandter des bösen Barons. Er haßte die Franzosen mit der gleichen Glut und gab ebenso wie Heinrich seinem Hasse jederzeit ohne alle Scheu den kräftigsten Ausdruck.

So war es denn natürlich, daß die beiden sich sehr freudig die Hände schüttelten, als der Major droben ins Zimmer getreten war. Zu ihrer Begrüßung gesellte sich aus dem Nebenzimmer ein dritter, ein untersetzter Mann mit starken, aber etwas stubenfarbenen Zügen und auffallend hellen graublauen Augen. Auch er streckte dem Baron die Hand entgegen, und Krosigk schlug lebhaft ein.

»Den Teufel auch! Das nenne ich eine Überraschung!« rief er. »Sie auch hier, Steffens? Bleiben Sie längere Zeit?«

»Weiß ich noch nicht,« erwiderte der Angeredete. »Ich bin in Geschäften hier, will das Gestein in den Kupfergruben zwischen hier und Alsleben untersuchen.«

»Sind Sie denn wenigstens die nächste Woche noch in Piesdorf? Ja? Dann müssen Sie mit zu mir kommen. Ich bin nämlich auch in Geschäften hier. Ich will euch zu einer Fête einladen.«

»Was? Du willst Feste feiern?« fragte der Präsident. »Du wirst dich doch nicht etwa gar verheiraten?«

»Nee, nee, da sei unbesorgt,« lachte Krosigk. »Ich möchte nur am zehnten März ein paar Gäste aus der Umgegend bei mir sehen. Am elften reist nämlich meine Mutter ab, und ihr zu Ehren will ich ein solennes Abschiedsessen geben.«

Der Präsident erhob warnend den Finger und funkelte den Major mit seinen großen Augen lustig an, indem er ausrief: »Krosigk, Krosigk, du alter, unverbesserlicher Hochverräter! Weißt du nicht, daß es streng verboten ist, den Geburtstag der Königin Luise zu feiern? Wird das bekannt, so mache dich auf ein paar Wochen Festung gefaßt.«

»Ei sieh da! Der Geburtstag der Königin,« rief Krosigk mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt. »Nee, so etwas. Richtig. Der trifft mit meiner Fête gerade zusammen. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Ein merkwürdiger Zufall.«

»Sehr merkwürdig in der Tat,« erwiderte der Präsident und schüttelte sich vor Lachen. »Und nun, da du weißt, wie unpassend der Tag ist, verschiebst du dein Fest natürlich um einen Tag.«

»Fällt mir gar nicht ein, lieber Wilhelm. Meine Mutter reist am elften ab und wird am zehnten weggegessen. Honny soit, qui mal y pense. Ihr seid doch von der Partie?«

»Ich komme sicher mit Pläsir, und Gottlob wird wohl auch kommen,« gab der Präsident zur Antwort. »Meine Schwester ist leider wieder einmal krank, kann also schwerlich erscheinen. Oder sind nur Herren eingeladen?«

»Aber bester Freund, wenn ich meine Mutter fêtiere, kann ich ihr doch nicht nur Herren einladen.«

»Ja so,« sagte der Präsident. »Es gilt ja deiner Mutter. Das hatte ich eben schon wieder vergessen. Ich wußte übrigens gar nicht, wie gut du schauspielern kannst. Du bist ja der reine Iffland. Der kann auch so verwünscht harmlose Gesichter machen, wenn er den größten Bösewicht darstellt.«

Der Major lachte. »Ja siehst du, es lernt sich alles. Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken. Sie kommen doch auch hinüber, lieber Professor?« wandte er sich an Steffens.

»Mit Freuden,« antwortete Steffens. »Ich bin sehr neugierig, Ihr Schloß kennen zu lernen, und wäre übrigens auch so gekommen, hatte mir's wenigstens fest vorgenommen.«

»Schön, schön. Ein Mann wie Sie, ist mir immer herzlich willkommen. Nun grüße Gottlob, lieber Wedell, und deiner Schwester wünsche ich baldige Genesung. Kann sie mitkommen, so wird uns das natürlich sehr freuen. Und damit Adieu.«

»Wie, Mensch, du willst ohne Frühstück fort? Das gibt's nicht,« rief Wedell.

»Ich muß,« erwiderte Krosigk, »denn ich habe noch den ganzen Vormittag umherzureiten und einzuladen. Es ist die höchste Zeit. Die Damen in Trebnitz und Merbitz werden sonst nicht mehr mit ihren Chignons und Toiletten fertig. Also ich erwarte euch den zehnten gegen Abend. Um sieben wird gegessen. Gehabt euch wohl.«

Wedell sah ihm vom Fenster aus nach, wie er abritt. »Dieser Krosigk,« sagte er, »ist doch ein prächtiger Kerl. Sehen Sie einmal, Professor, wie er zu Pferde sitzt. Nur Marwitz kann mit ihm rivalisieren. Wahrlich, wenn ich ihn sehe, fallen mir immer Leute wie Franz von Sickingen ein. Er gehört eigentlich gar nicht in dieses tintenklexende Säkulum.«

»Sehr richtig,« bemerkte Steffens. »Er gehört in die Zeit, in der sein Geschlecht noch mit Reichsfürsten und Erzbischöfen Krieg und Fehde führen konnte. Und deshalb, Herr Präsident, ist er eine tragische Gestalt.«

»Tragische Gestalt? Wieso? Wie meinen Sie das?« fragte Wedell verwundert.

»Nun,« rief Steffens, »ist es nicht ein tragisches Geschick, wenn ein Mann, dem der unbeugsame Stolz im Blute liegt, in die Zeit der tiefsten Volksschmach hineingeboren ist? Ein Mann, der das Bücken und Schmiegen nicht kann, auch nicht lernen kann, kommt in einer Zeit zur Welt, die kluge Diplomaten verlangt.«

»Sollte nicht die Zeit gerade solche Männer brauchen?« fiel Wedell ein. »Wenn alles nur laviert unb diplomatisiert, wie soll es jemals besser werden?«

»Ja, wenn er die Macht hätte!« fuhr Steffens fort. »Wäre er König oder Kaiser, er könnte die Welt in andere Bahnen lenken. Aber so? Unbemerkt kann er nicht bleiben, dazu steht er zu hoch, und ändern kann er nichts, dazu fehlt ihm die Kraft. Auf die Dauer wird ihn das aufreiben. Ich nenne deshalb sein Los ein tragisches. Dieses scheinbar festgegründete Dasein trägt die Keime des Untergangs in sich. Am Verhältnisse seines Charakters zur Zeit muß er untergehen.«

»Sie sind ein Unglücksprophet, Professor,« erwiderte der Präsident, und nach einigem Nachsinnen setzte er hinzu: »In Ihrem Sinne wäre ich ja dann selbst gewissermaßen solch eine tragische Figur. Denn ich denke ganz wie er, und an Unvorsichtigkeit fehlt es mir leider auch nicht.«

»Sie haben doch in viel höherem Maße die Fähigkeiten zum Diplomaten,« wandte Steffens ein.

»Ach, Sie meinen, die fehlten Krosigk?« fragte der Präsident. »Da irren Sie sich ganz und gar. Er will sie nur jetzt nicht haben, denn er sieht die Notwendigkeit dazu nicht ein. Aber als Haupt einer Verschwörung wäre er ganz an seinem Platze. Sie glauben das nicht? Sie schütteln mit dem Kopfe? Sie kennen ihn nicht. Er ist z. B. einer der kaltblütigsten und verschwiegensten Menschen, die ich kenne.«

»Aber die Vorsicht?« versetzte Steffens.

»Die Vorsicht? Die übt er auf der Stelle, wenn er einen großen Zweck damit verfolgt. Jetzt, wie gesagt, sieht er keinen. Er ist der ›böse Baron‹, um sich und seinen Leuten die Franzosen vom Halse zu halten, was ihm ja auch vortrefflich gelingt. Wenn aber einst die preußische Patriotenpartei das hiesige Land unterwühlen will – Sie wissen, Graf Chasot, Oberst Gneisenau und andere planen schon derartiges – dann kann Krosigk ihr bestes Werkzeug werden. Denken Sie einmal an mich, wenn's eintrifft.«

»Hm, hm,« machte Steffens und wiegte den Kopf hin und her. »Daran kann etwas Wahres sein. Jedenfalls kennen Sie ihn ja viel besser als ich. Aber dann müßte man alles tun, daß er sich jetzt nicht nutzlos in Verdacht bringt. Sonst sitzt er am Ende gerade in Magdeburg oder Kassel, wenn man ihn braucht.«

»Ja, da machen Sie mal etwas!« lachte Wedell. »Wenn Sie ihn von seinen wilden Streichen abhalten wollten, müßten Sie ihm auch gleich sagen können: Lieber Freund, deine Kraft wird anderweit gebraucht. Und das ist ja eben der Jammer, daß Sie das nicht können und ich nicht und niemand. Deshalb, weil er keine großen Ziele sieht, tobt er seine wilde Kraft in einem Kleinkriege gegen die Franzosen aus. Die Geburtstagsfeier der Königin kann ihm immerhin ernstliche Angelegenheiten zuziehen, denn gerade die edle Frau wird von dem Bonapartegeschmeiß mit besonderem Hasse beehrt. Aber hingehen wollen wir doch.«

Da der Baron auch sonst nur wenige Absagen erhielt, so durfte er hoffen, eine überaus zahlreiche Gesellschaft in seinem Schlosse zu sehen. Aber noch in letzter Stunde trat ein Ereignis ein, das geeignet schien, den ganzen Plan zu nichte zu machen. Am achten März erhielt er die amtliche Mitteilung, daß mehr als fünfzehnhundert Mann französischer Truppen, Fußvolk und Reiterei, am zehnten in der Umgegend, auch in seinem Kanton, einquartiert werden würden, und daß sein Schloß dazu bestimmt sei, acht Offiziere des Kaisers zu beherbergen. Seit langer Zeit war es das erste Mal wieder, daß ihm solches zugemutet ward, und sein Zorn entbrannte heftig. Seine Laune ward noch weniger rosig, als nun von verschiedenen Seiten noch Absagen eingingen, so natürlich das war, denn die Landedelleute konnten doch die fremden Gäste nicht allein in ihren Schlössern hausen lassen und derweile zu einem Feste in die Nachbarschaft fahren. Manchem kam vielleicht die Abhaltung auch nicht ganz ungelegen.

Am Abend des achten traf ein reitender Bote von Piesdorf ein mit einem Billet Gottlobs von Wedell. Der schrieb, ob nicht der Freund nun doch noch sein Fest verlegen oder ganz aufgeben wolle mit Rücksicht darauf, daß die Franzosen kämen, dagegen wohl die Hälfte der Gäste ausbleiben würde.

Der Baron antwortete umgehend: »Teuerster Freund! Die Hälfte der Gäste ist noch gerade genug, und die Franzosen sind mir totalement egal. Es bleibt bei der Verabredung. Komme nur herüber mit den Deinen.«

Wedell lachte halb ärgerlich, als er dieses Schreiben erhielt. »Der Eisenkopf!« brummte er. »Hätte mir's denken können. Man kann wirklich neugierig sein, wie es ablaufen wird.«

So kam der Festtag heran. Kurz vor sieben hielt die ungeheure Piesdorfer Kutsche vor der Freitreppe des Poplitzer Schlosses, und es entstiegen ihr die beiden Schwäger von Wedell, der Professor Steffens und ein junger Vetter der Familie, Albert von Wedell, der als Leutnant in preußische Dienste treten wollte und, um deshalb Rücksprache mit seinen Verwandten zu nehmen, nach Piesdorf gekommen war. Von ihm wußte man, er werde Krosigk auf jeden Fall angenehm sein; darum hatte man ihn sans façon mitgebracht.

Ein lautes »Donnerwetter« entfuhr dem Präsidenten, als er den Fuß zur Erde setzte, denn er hatte Poplitz noch nie in solchem Glanze gesehen. Das Schloß war illuminiert von oben bis unten, selbst an den Nebengebäuden funkelten unzählige kleine bunte Lichter. Das Ganze machte einen wirklich prächtigen Eindruck. Dazu steckten eben die Diener eine Reihe von Pechfackeln in der Reitbahn an, so daß es hell wurde, wie bei Tage.

Gottlob von Wedell faßte seinen Schwager fest am Arme. »Ich sage dir, dieser Krosigk bringt sich noch um seinen Hals. So sind hier jedes Jahr die Geburtstage des Königs und der Königin gefeiert worden, ich bin gar manchmal mit dabei gewesen. Wenn das nur gut abgeht! Hoffentlich weiß keiner von den Franzosen, welchen Tag heute Preußen feiert, oder es denkt wenigstens keiner dran. Sie müßten sonst diese Feier geradezu als Provokation auffassen.«

»Es ist kaum zu glauben, daß sich nicht wenigstens einer des Tages erinnert,« bemerkte Steffens.

» Nous verrons! Komme, was kommen mag!« rief der Präsident und schritt ins Haus hinein.

Auf der Diele nahmen die Diener den Herren die Mäntel ab und geleiteten sie die Treppe hinauf in den Bildersaal, wo einstweilen vor dem Essen die Gesellschaft sich versammelt hatte.

Hatte sich Gottlob von Wedelt unten über die Keckheit des Freundes verwundert, so erstaunte er noch mehr bei dem sonderbaren Bilde, das sich droben seinen Augen darbot. Auch der Präsident sah geradezu verblüfft aus. Von den älteren Herren des benachbarten Adels waren nur wenige zugegen, von Damen überhaupt nur die Rauchhauptschen aus Trebnitz. Die Herren, die der Einladung gefolgt waren, bestanden zumeist aus den verabschiedeten preußischen Offizieren, die zurzeit in der Gegend lebten. Da war natürlich Friedrich Ernst von Krosigk, der seit einigen Wochen sein Domizil auf dem Gute seiner Familie in Beesedau aufgeschlagen hatte. Da war ein Trotha, der beim Oberamtmann Neubauer lebte, um bei ihm die Landwirtschaft zu erlernen. Da war ein junger Rauchhaupt mit seinem Vetter, dem Rittmeister Timon von Werder, und mehrere andere, ein Alvensleben, ein Kerssenbrock, ein Schulenburg. Sie alle waren in ihren preußischen Uniformen erschienen, der Gastgeber natürlich ebenfalls. Er stand gerade unter dem Kronleuchter in der Mitte des Saales und sprach mit einem Kapitän der französischen grünen Husaren. Dabei lächelte er so verbindlich, als hätte er nie in seinem Leben ein Wässerlein getrübt.

Wedell war sprachlos. Wenn im vergangenen Winter französische Offiziere auf dem Schlosse gelegen hatten, so war ihnen der Major stets aus dem Wege gegangen, hatte ihnen den schlechtesten Krätzer vorgesetzt und ihnen die Speisen gesondert auftragen lassen. In einem anderen Zimmer pflegte er dann mit einigen seiner Freunde zu zechen, und zwar den besten Wein, der im Keller lag. Heute nun hatte er sein Benehmen gänzlich geändert; er spielte den ungebetenen Gästen gegenüber den höflichen Wirt, und diese bewegten sich ebenso höflich unter den Einheimischen. Die preußischen Uniformen schienen sie nicht im mindesten zu stören.

Als der Baron die Eintretenden bemerkte, brach er mit einem » Pardon Monsieur!« die Unterhaltung mit dem Franzosen ab und eilte auf sie zu. Er streckte ihnen schon von weitem die Hände entgegen und rief: »Endlich! Ihr seid die letzten. Ich fürchtete schon, ihr kämet nicht mehr, um meine Zauberkomödie ›Die Verbrüderung zweier großer Nationen‹ mit anzusehen. Nun soll aber auch gleich gegessen werden. Wilhelm, bitte führe meine Schwester Antoinette zu Tisch, Gottlob, du nimmst die jüngere Rauchhauptin, ich die ältere. Meine Mutter wird mein hochverehrter Freund, Herr Kapitän von Boisseliers, zu Tische führen. Darf ich die Herren miteinander bekannt machen?«

Während die beiden Wedells sich vor dem französischen Offizier höflich verbeugten, hatten sie beide denselben Gedanken: entweder ist Krosigk, obwohl dies das erste Mal wäre, total betrunken, oder er hat irgend einen ganz bösen Streich in petto. Steffens schien mindestens etwas sehr Ähnliches zu denken. Nur der jüngste Wedell sah ganz ratlos und dabei sehr zornig aus. Er war ein glühender Patriot, ein wütender Feind der Franzosen und hatte sich deshalb auf die Bekanntschaft Heinrichs von Krosigk von Herzen gefreut. Wie fand er sich betrogen! Das sollte der bekannte böse Baron sein? War er etwa gerade gekommen, um mit zuzusehen, wie er sich mauserte und aus einem bösen ein zahmer Baron wurde?

Kurz bevor man hinüberging, gelang es Gottlob von Wedell noch, den Freund in eine Ecke zu ziehen. »Mensch,« raunte er ihm zu, »bist du toll geworden?«

»Wieso?« fragte Krosigk kaltblütig.

»Was bedeutet das alles? Diese Maskerade?«

Der Baron kniff ihn vergnügt in den Oberarm und flüsterte: »Ich will heute Ihrer Majestät eine ganz besondere Ovation bereiten, indem ich sie von französischen Offizieren hochleben lasse. Alle diese Kerle sollen auf das Wohl der Königin Luise trinken!«

»Aber das gibt einen Eklat!«

»Gott bewahre!« gab Krosigk zurück, verbeugte sich vor der in der Nähe stehenden Frau von Rauchhaupt und bot ihr den Arm, indem er Wedell höchst amüsiert zunickte.

Das Souper begann, und die Unterhaltung wurde sehr bald ganz animiert. Man trank damals nicht die leichten Weinsorten von den Ufern der Mosel, sondem man bevorzugte die schweren Rheinweine. Daran erhitzten sich die Köpfe leicht; besonders die Franzosen, die nicht viel vertragen konnten, wurden bald sehr lebendig. Deutsch und Französisch schwirrte durcheinander, denn die meisten der Fremdlinge verstanden die Sprache des Landes, in dem sie weilten, nur sehr mangelhaft, man mußte deshalb in ihrer Sprache mit ihnen reden. Der einzige, der eine Ausnahme machte, war ihr Führer, der Kapitän Claude de Boisselliers. Er sprach das Deutsche ziemlich fließend und unterhielt sich aus Höflichkeit mit der Geheimrätin, die neben ihm saß, in ihrer Muttersprache.

»Was ist das, gnädige Frau?« fragte er, auf ein riesiges L aus nachgemachten Kornblumen deutend, das an der Wand befestigt war.

»Ich heiße Luise,« erwiderte die alte Dame und errötete dabei, obwohl sie damit die Wahrheit sagte.

»Ah!« sagte der Franzose. » Merveilleux! Wo man hinkommt in diesem Lande, trifft man diesen Namen. Ich war soeben in Quartier vier Wochen in einem Hause, wo eine Tochter diesen Namen trug.« Da man ihm gesagt hatte, die Feier gelte der morgen abreisenden Mutter des Schloßherrn, so faßte er keinen Argwohn.

»Wo war denn das, Herr Kapitän?« fragte die Geheimrätin, weniger aus Neugier, als um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben.

»In einem Dorfe an der Elbe, Madame. Es waren reizende Leute, die Familie von Schurff.«

Die Geheimrätin warf ihm einen erstaunten Blick zu, und der Baron, der die Worte gehört hatte, rückte unruhig seinen Stuhl. Da Frau von Rauchhaupt eine Frage an ihn richtete, so konnte er leider nur das wenigste von dem verstehen, was der Franzose seiner Mutter weiterhin erzählt«. Er hörte nur noch, daß der alte Herr ein scharmanter Mann und seine Gemahlin eine scharmante Dame sei. Die älteste Tochter bezeichnete der Kapitän als eine stolze Schönheit, die jüngste sei noch ein halbes Kind, die zweite aber eine sich entfaltende Knospe von der größten Anmut und Liebenswürdigkeit. Er pries ihre Reize so begeistert, daß jeder merken mußte, welch einen tiefen Eindruck die Rosenknospe Minette von Schurff auf das Herz des fremden Kriegsmannes hervorgebracht hatte. »Ich hoffe, bald wieder einzukehren in dieses Haus,« schloß er seine Rede.

Die Geheimrätin hatte wohl bemerkt, daß ihr Sohn bei Erwähnung des Namens Schurff zusammengezuckt war. Sie beobachtete ihn, während der Franzose sprach, verstohlen von der Seite; aber die Unterhaltung mit seiner Nachbarin nahm ihn augenscheinlich ganz in Anspruch.

Als der Braten serviert war, stand der Baron auf, ergriff sein Glas und rief mit tönender Stimme: »Meine Damen und Herren! Insbesondere geliebte Nachbarn und Freunde! Sie wissen, wem die Feier dieses Tages gilt. Sie gilt der verehrungswürdigsten Frau, die zur Zeit die Erde trägt. Was auch das Leben noch bringen mag – in meinem, in Ihrer aller Herzen wird der Name ›Luise‹ nie untergehen. Trinken wir auf das Wohl dieser teuren Frau. Gott segne sie und ihr ganzes Geschlecht! Sie lebe hoch!«

Ein donnerndes dreifaches Hoch durchbrauste den Saal. Am lautesten schrien die preußischen Offiziere; aber auch die Franzosen hatten sich mit erhoben und stießen mit an. Sie richteten sich dabei nach Boisselliers; denn sie vermochten der deutschen Rede schlecht oder gar nicht zu folgen.

Der Kapitän hatte auch jetzt noch keinen Argwohn; denn an den Geburtstag der preußischen Königin zu denken, kam ihm gar nicht in den Sinn. Er fand es freilich sehr auffallend und höchst geschmacklos, daß dieser Edelmann seine eigene Familie, also sich selbst mit, hochleben ließ; aber mein Himmel! – in dem halbzivilisierten Lande mußte man auf solche Verstöße gefaßt sein.

Gleich nachdem das Konfekt herumgereicht war, zogen sich die Damen in ein Zimmer jenseits des Korridors zurück. Die Herren blieben beim Wein sitzen und begannen zu rauchen. In kurzem war der Saal in eine riesige blaue Wolke gehüllt, und den Franzosen, die den schauderhaften Kanaster nicht vertragen konnten, wurde der Rauch bald sehr unangenehm. Aber man kümmerte sich nicht darum. Überhaupt war der Ton mit einem Male ein ganz anderer geworden. Von den höflichen Floskeln, mit denen man sich vorhin regaliert hatte, ward nichts mehr vernommen, man schien sich vielmehr wieder darauf zu besinnen, daß man zwei feindlichen Lagern angehöre. Allerdings waren daran die Fremdlinge selbst schuld, oder vielmehr einer von ihnen. Es war ein Premierleutnant, der mit dem Marschall Augereau nicht nur den Namen, sondern auch die kolossale Gestalt und die unflätigen Manieren gemein hatte. Er konnte mehr vertragen, als seine Kameraden, hatte aber auch soviel getrunken, wie drei von ihnen, und befand sich in dem Stadium, wo sich der eigentliche Charakter eines Menschen zu enthüllen pflegt. Da kam denn bei ihm nicht viel Gutes zutage.

Er begann zunächst über den miserabeln Tabak zu schimpfen, den der Baron seinen Gästen vorgesetzt habe. Für Deutsche sei ja das Kraut vielleicht ganz gut, aber für Franzosen, Angehörige der grande nation, sei es einfach nicht rauchbar.

Mit der größten Seelenruhe erwiderte Heinrich von Krosigk: »Sie haben sehr recht, mein Herr. Der Tabak ist in Wahrheit ganz miserabel. Aber daran sind Sie selber schuld. Sie haben unsern Handel unterbunden, so daß wir unsern Tabak aus der Uckermark beziehen müssen. Essen Sie also gefälligst aus, was Sie sich eingebrockt haben.«

Der Franzose murmelte und brummte etwas Undeutliches vor sich hin, räkelte dann seine langen Beine flegelhaft weit von sich und begann nach einer Weile, indem er das vor ihm stehende Glas austrank: »Armseliges Zeug das! Wie ganz anders schmeckt doch der Wein aus der Champagne! Wenn Sie die Ehre haben, Offiziere der großen Armee in Ihrem Hause zu bewirten, so sollten Sie ihnen französische Weine vorsetzen. Oder haben Sie keinen in Ihrem Keller?«

»O ja!« entgegnete der Baron mit freundlichem Lächeln. »Aber Sie müssen doch zugeben, daß man die Gesundheit der Königin Luise nicht in französischen Weinen trinken kann.«

»Wessen Gesundheit?« fragte der Franzose aufhorchend.

»Aber mein Herr,« sagte der Major anscheinend verwundert, »Sie fragen noch? Sie hatten ja doch die Güte, selbst mit anzustoßen auf das Wohl der erhabenen Königin von Preußen, deren Geburtstag wir heute feiern.«

Da er französisch und sehr laut sprach, verstanden ihn alle, und wie mit einem Schlage fuhren die Franzosen von ihren Sitzen empor, während die preußischen Offiziere sitzen blieben und lachten.

»Sie haben uns düpiert!« rief Boisselliers mit zornbleichem Antlitz. Der betrunkene Augereau aber ergriff eine vor ihm stehende Flasche und schleuderte sie nach Krosigk, verfehlte ihn und traf statt seiner einen Diener, der hinter dem Baron stand. Dabei stieß er gegen die Königin eines der gemeinsten Schimpfworte aus, das die französische Sprache überhaupt besitzt.

»Hund!« brüllte der Baron und wollte sich auf ihn stürzen. Aber die Nächsitzenden hielten ihn zurück, und Boisselliers rief mit scharfer, durchdringender Stimme: »Halt, Messieurs! Vergessen Sie nicht, daß Sie Kavaliere sind. Sie haben uns aufs Eis geführt, mein Herr! Sie werden uns Ihre Entschuldigung äußern. Dann wird Herr Premierleutnant Augereau, wie ich hoffe, Ihnen gleichfalls sein Bedauern aussprechen.«

Der Baron brach in ein Hohngelächter aus. »Nicht mich hat der Mensch beleidigt, sondern meine Königin. Deshalb will ich sein Blut sehen.«

»So tragen Sie die Folgen Ihrer Tat!« antwortete Boisselliers. »Meine Herren Offiziere, Sie folgen mir hinüber in unser Quartier. In weniger als einer Viertelstunde, mein Herr Baron, wird Ihnen Herr Premierleutnant Augereau seine Zeugen zuschicken. Wir sind die Beleidigten, nicht Sie.«

Er verbeugte sich kalt und schritt mit seinen Offizieren hinaus. Auf einen Wink des Barons folgte ihnen Schröder und noch ein Diener mit Armleuchtern.

Drüben sagte Boisselliers, nachdem er die Tür abgeschlossen hatte, zu den ihn im Kreise umstehenden Offizieren: »Eine sehr fatale Affäre, meine Herren! Ich würde ja am liebsten diesen unverschämten Baron zur Anzeige bringen. Aber davon würden Sie, Augereau, die größten Unannehmlichkeiten haben. Wir leben in Frieden mit Preußen, wenn wir auch innerlich Feinde sind, und Sie haben über die Königin ein Wort gebraucht, das man einer Dame gegenüber unter allen Umständen vermeidet. Sie werden ihn also fordern müssen – für Sie, als trefflichen Schützen, keine schlimme Sache. Herr Leutnant d'Aurignac, gehen Sie hinüber und regeln Sie die Angelegenheit. Ich denke: Pistolen, fünf Schritt, Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit des einen. Ich verpflichte Sie alle zum Stillschweigen, meine Herren! Der freche Patron wird schon seine Strafe erhalten.« –

Am anderen Tage fielen beim ersten Morgengrauen dicht hintereinander zwei Schüsse im Poplitzer Schloßparke. Kurze Zeit danach trugen die französischen Offiziere ihren Kameraden Augereau in den Seitenflügel des Schlosses, in dem sie einquartiert waren. Er war nicht lebensgefährlich verletzt, hatte nur einen Streifschuß am Kopfe. Eine unwillkürliche Drehung hatte ihm das Leben gerettet. Aber die Wunde blutete stark, und er war ohnmächtig.

Heinrich von Krosigk mußte von dem Präsidenten Wedell und seinem Bruder Ernst nach dem Schlosse geführt werden, obwohl er unverwundet war. Die Kugel des Franzosen hatte ihn auf die linke Seite der Brust, dicht unter dem Herzen getroffen, war aber an einem Knopfe oder einer Schnalle abgeprallt. Indessen war ihre Wucht so gewaltig gewesen, daß sie ihn zu Boden geworfen hatte, wo er zum Entsetzen seiner Freunde eine Zeit lang wie leblos liegen geblieben war.

Auf der Diele kam ihnen seine Mutter entgegengeeilt. Die in unmittelbarer Nähe des Schlosses fallenden Schüsse hatten sie geweckt, denn ihr Schlafzimmer lag nach der Parkseite. Sie hatte sich rasch ein leichtes Morgengewand übergeworfen und wollte sehen, was in der frühen Stunde geschehen sei.

»Mein Gott, Heinrich! Was ist dir?« rief sie aufs höchste bestürzt, als sie sah, daß ihr Sohn sich fest auf seine Begleiter stützte.

»Eine Schießerei mit den verdammten Franzosen,« sagte der Baron. »Es ist gut abgegangen, Mutter, wir können Gott danken. Aber ich will doch lieber eine Stunde ruhen.«

Die Freunde führten ihn ins Zimmer und halfen ihm, sich auf ein Sopha hinzulegen. Dann gingen sie hinaus.

Nun erzählte Heinrich seiner Mutter mit kurzen Worten den Hergang und fügte dann hinzu: »Es spannt mir auf der Brust, Mutter, alles ist mir zu eng. Ich will lieber einmal den Rock ausziehen, da wird's wohl besser werden.«

Als die alte Dame den Rock ihres Sohnes aufnahm, um ihn an die Wand zu hängen, fielen zwei harte Gegenstände klappernd zur Erde. Sie bückte sich danach und hob sie auf. Der eine war die französische Kugel, der andere eine kleine Dose aus Silber, auf dessen eingequetschtem Deckel das Bild eines jungen Mädchens gemalt war.

Der Geheimrätin schossen die Tränen in die Augen. Sie streckte ihren Fund dem Barone entgegen und rief mit zitternder Stimme: »Das, das hast du bei dir getragen! Und das hat dir das Leben gerettet! Ach, Heinrich, sieh darin Gottes Finger. Überwinde dich! Wirb aufs neue um Friederike!«

Der Baron sah lange nachdenklich auf die kleine, stark beschädigte Dose nieder. »Vielleicht, Mutter,« sagte er dann und drehte sich der Wand zu.

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