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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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I.

Das Korn von 1807 stand reif auf dem Halme, und die Landleute in Preußen schickten sich an, es abzumähen. Es war gutes Getreide, schwere, vollwichtige Körner in langen, goldgelben Ähren und eine Erntesonne strahlte vom klaren Himmel hernieder, daß einem richtigen Bauern das Herz im Leibe lachen mußte. Trotzdem fiel es jedem, der durchs Land wanderte, auf, wie ernst und gedrückt die Leute aussahen. Es war ein reicher Erntesegen, aber es fehlte die Freude dabei. Ohne ein Scherzwort arbeiteten die Männer und Frauen auf den Feldern, schichteten die Garben und fuhren sie heim. Sonst hatte sich am Abend die Jugend der Dörfer im Kruge oder unter der Linde zusammengefunden, um des Tages Last und Hitze bei gemeinsamem Gesang, einem Glase dünnen Bieres und mehr oder weniger harmlosen Neckereien zwischen Burschen und Mädchen zu vergessen. Jetzt erscholl selten einmal ein helles Jauchzen oder gar ein Lied durch die Sommernacht. Meist standen die Leute in Gruppen vor den Haustüren, und der Nachbar erörterte mit dem Nachbarn sorgenvoll, was wohl die Zukunft bringen werde, oder man erzählte sich Neuigkeiten, die niemals etwas Gutes verkündigten. So war es auf dem platten Lande, und in den Städten lebten die Menschen auch nicht fröhlicher und sorgloser.

Was legte diesen drückenden Bann auf die Gemüter? Was machte die Augen so trübe und die Kerzen so freudlos? War es die Sorge, daß die Kriegsflut über die noch nicht abgeernteten Felder hinbrausen, daß etwa Feindeshand die halbgefüllten Scheunen, die friedlichen Kutten und Häuser in Flammen stecken werde? Nein, es war ja seit einer Woche Friede. Aber welch ein Friede! Zu Tilsit waren sie zusammengetroffen, die drei kriegführenden Häupter, auf einem Flosse mitten auf der Memel, wie sich das Volk erzählte. Dort hatte der unbesiegbare Korse Freundschaft geschlossen mit dem jungen Russenkaiser, und der König hatte stumm zur Seite stehen und zusehen müssen, wie die beiden sich umarmten, und mit anhören müssen, wie sie Europa unter sich verteilten. Für ihn ließen sie nur einen kleinen Teil seiner bisherigen Staaten übrig. Die polnischen Länder im Osten nahm der russische Freund an sich, alle Gebiete im Westen bis zur Elbe riß der französische Kaiser von der Monarchie Friedrichs des Großen ab. Sie gehörten vor der Hand dem Gewaltigen, der sie erobert hatte, sollten aber, wie man hörte, entweder an die Rheinbundfürsten verteilt oder einem Bruder des Siegers als Königreich gegeben werden. Vorläufig waren sie von französischen Truppen überschwemmt, und wenn auch Plünderungen und Gewalttaten fast ganz aufgehört hatten, so richteten die ewigen Requisitionen, Einquartierungen, Fouragierungen, Leistungen von Hand- und Spanndiensten schon fast den Bauern und Handwerker zugrunde. Wie sollte es erst werden, wenn ein ähnlicher Zustand Jahre hindurch anhielt? In Altpreußen, das dem Könige verblieb, stand es nicht besser; denn eine ungeheure, fast unerschwingliche Kontribution war dem schon schwer genug heimgesuchten Lande aufgebürdet, und die Regimenter des Feindes blieben so lange in den Festungen stehen und zehrten vom Schweiße der friedlichen Bürger, bis das letzte Goldstück entrichtet sein sollte. Dazu begannen die unentbehrlichen Kolonialwaren in unerhörter Weise im Preise zu steigen, denn der Kaiser hatte befohlen, alle Häfen des Festlandes gegen England zu verschließen, und der König hatte sich auch diesem Machtspruche unterwerfen müssen. Was sollte werden, wenn man keinen Zucker und Pfeffer und Kaffee mehr kaufen konnte, wenn der fleißige Hausvater am Abend sein geliebtes Pfeifchen Tabak entbehren mußte?

Das waren so die Sorgen, die auf die Menschen der Masse, die Stumpfen, die Kleinen, die Armen im Geiste drückten. Viel schwerere Sorgen, viel bitterere Qualen trugen die Höhergesinnten. Es gab doch schon Tausende von Männern und Frauen, die es wie einen unerträglichen Schmerz empfanden, daß der preußische Nationalruhm untergegangen war, daß der Glanz von Roßbach und Leuthen verdunkelt und verblichen war durch die Niederlagen des preußischen Heeres und die noch schmachvolleren Kapitulationen der Festungen. War es nicht wie ein böser, spukhafter Traum, daß an den Toren, die noch Friedrichs Adler trugen, wälsche Truppen Wache hielten und wälsche Kommandoworte widerhallten? War es nicht ein zugleich empörendes und groteskes Schauspiel, wenn man sehen mußte, wie sich die kleinen braunen Kerle aus der Gascogne und der Provence in Lande der märkischen und ostpreußischen Hünen als Herren aufspielten? Viele von denen, die anfangs gleichgültig gewesen waren, wurden nun aufgerüttelt aus ihrem Humanitäts- und Friedensdusel und lernten erkennen, daß die Ehre des Volkes auch jedes einzelnen Volksgenossen Ehre ist. Die scheue oder auch stürmische Bewunderung, die das Genie des »großen« Napoleon gerade bei den Gebildeten so häufig gefunden hatte, schwand dahin wie Schnee vor der Märzsonne, denn man lernte ihn nun kennen nicht nur als erbarmungslosen, sondern auch als gemeinen und rohen Gegner. Manche aber gab es, die trugen des Vaterlandes Demütigung wie ein persönliches Leid; keine Stunde wich aus ihrem Herzen die herbe Trauer und der fressende Grimm über das, was im letzten Jahre geschehen war. Man konnte sie geradezu an dem gramvollen, starren Ausdruck ihrer Gesichter unter den andern Menschen herausfinden.

Zu den Leuten dieser Art gehörten offenbar die beiden Männer, die an einem Julimorgen dem Hafen von Memel zuschritten. Sie waren einander sehr ähnlich in ihren Gesichtszügen, aber während der jüngere rüstig und stramm des Weges daherkam, stützte sich der andere schwer auf einen Krückstock und mußte manchmal vor Ermattung stehen bleiben, und die Majorsuniform, die er trug, schlotterte an seinem Leibe. Es war schwer, in diesem hinfälligen Manne mit dem gelblich-bleichen Antlitz den kraftstrotzenden Heinrich von Krosigk wiederzuerkennen, der im Herbste in den Kampf hinausgezogen war.

Sein Begleiter war sein jüngerer Bruder Ernst Friedrich, der im Regiment Gardeducorps den unglücklichen Feldzug mitgemacht hatte und nun als Rittmeister a. D. auf einem dänischen Schiffe über Hamburg nach der Heimat zurückkehren wollte.

Vor der Landungsbrücke blieb der ältere Krosigk stehen und faßte den Bruder am Arme. »Du reisest also über Groß-Salze und bringst dort die Sache zur Ordnung,« sagte er. »Ich hoffe, daß Schurffs sich nicht weigern werden, Friederike einstweilen nach Poplitz zu unserer Mutter gehen zu lassen. Dort ist sie unter deinem Schutze ganz sicher.«

»Gewiß,« entgegnete der Jüngere. »Der Vorschlag ist so richtig und vernünftig, daß niemand etwas dagegen haben kann.«

»Und wenn der französische Schuft auch dort noch ihre Kreise stört,« fuhr Heinrich fort, »oder wenn er dir sonstwie in den Weg treten sollte, so weißt du ja, was du dir und unserem Hause schuldig bist.«

Ernst von Krosigk tauchte seinen blitzenden Blick tief in die fieberisch glänzenden Augen seines Bruders und sagte dann in einem fast übermütigen Tone: »Die Mahnung wäre überflüssig, lieber Henri. Du weißt, daß mir's ein Vergnügen sein wird, einen dieser Hunde auf noble Manier von der Welt wegzuschaffen, und eine sichere Hand habe ich ja!«

»Ja, du warst von jeher ein großer Schütze,« bestätigte Heinrich. »Darin warst du mir über, obwohl ich auch nicht gerade der schlechteste bin. Ach, ob ich wohl je die alten Kräfte und Fertigkeiten wiedererlange?«

»Nun, nun, warum nicht?« erwiderte der jüngere Bruder. »Es geht dir doch wieder viel besser, und jeder Tag bringt dich vorwärts in der Genesung. Wer dich noch vor vier Wochen sah, mußte dich für einen Todeskandidaten halten. Jetzt kannst du bereits gehen, und in vier bis sechs Wochen besteigst du vielleicht schon wieder ein Pferd.«

»Das gebe Gott! Dieses Krüppeldasein ist unerträglich. Wenn ich nur wenigstens erst meinen Abschied in der Tasche hätte und kräftig genug wäre, heimzukehren.«

Ein schrilles, scharfes Läuten, das vom Hinterdecke des Schiffes her erklang, unterbrach ihn. »Das letzte Zeichen zur Abfahrt,« rief Ernst. »Lebe wohl!«

»Lebe wohl, grüße alle Lieben daheim!« sagte Heinrich, und die Brüder umarmten sich, beide mit Tränen in den Augen. Dann sprang der Jüngere über die Brücke. »Du kannst dich auf mich verlassen!« war sein letztes Wort.

Heinrich stand noch lange auf dem Flecke, wo sie voneinander Abschied genommen hatten, und sah dem Schiffe nach, wie es mit geschwellten Segeln von dannen fuhr. »Es ist schwer, einem anderen das zu überlassen, was man selbst tun möchte, und wenn es der eigene Bruder ist,« dachte er bei sich. Aber allerdings, er konnte sich auf ihn verlassen. Denn dieser Bruder war ihm nicht nur im Äußeren, sondern auch in seinem Charakter überaus ähnlich, ein harter, klarer, tapferer Mensch, nur ohne die Gemütstiefe, die dem älteren Bruder trotz seiner Schärfe eigen war.

Endlich drehte er sich mit einem Seufzer um und ging langsam den Strand entlang. Gegenüber dem alten Leuchtturm stand eine einfache Bank aus Holz und Steinen, der strebte er zu und setzte sich nieder. Er hatte sie schon öfter aufgesucht in den letzten Tagen, denn man hatte von hier eine weite Aussicht über die rollenden Wogen der Ostsee, und der Weg, der hierher führte, war von Menschen wenig belebt. Das war ihm besonders lieb, denn er war fast menschenscheu geworden und suchte, wenn er konnte, die Einsamkeit.

Er ließ sich schwerfällig nieder, öffnete seinen Uniformrock und entnahm ihm ein Schreiben. Wie oft hatte er in den letzten Tagen die zittrigen Züge der Greisenhand gelesen, die diesen Brief an ihn geschrieben hatte! Er war schon vierzehn Tage alt und war über Kopenhagen befördert worden. Der Schreiber war der alte Major von Schurff auf Groß-Salze, der ihm darin die innigste Teilnahme der ganzen Familie an seiner Verwundung und schweren Krankheit und ihre Freude über seine Wiedergenesung aussprach. Was er aber weiterhin schrieb, war unerfreulich und und widerwärtig genug, und obwohl Heinrich von Krosigk diese Zeilen wohl schon dreißigmal gelesen hatte, versetzten sie ihn auch jetzt wieder in zornige Erregung. Es hieß da: »Nun wird hoffentlich der Friede bald geschlossen werden – gebe der Allmächtige, daß es für uns kein allzu schmachvoller Friede wird, und daß unser Preußen erhalten bleibt! Dann kommen Sie auch wohl bald hierher, lieber Krosigk, und es wird gut sein, wenn Sie kommen. Denn was bei uns passiert, das gefällt mir nicht. Wir werden durch beständige Einquartierung molestiert, der Hof liegt voll gemeines Volk, das Schloß voll Offiziers. Darunter war bis vorige Woche ein Major, ein noch junger, auffallend stattlicher Mensch. Er schien vom ersten Tage an eine heftige Affektion für meine Tochter Friederike zu fassen. Das Mädchen konnte sich während der drei Wochen seiner Galanterie gar nicht erwehren. Auch als ich ihm direkt sagte, sie sei mit einem preußischen Offizier verlobt, ließ er nicht ab von ihr. Endlich reitet er ab mit seiner Schwadron, und ich dankte Gott und machte drei Kreuze hinter ihm und Friederike auch, und am frohesten war meine Frau, die sagte immer: »So muß Luzifer ausgesehen haben,« Aber unser Triumph war zu früh, er war nur bis Magdeburg kommandiert und soll bis auf weitere Ordre in der Festung bleiben. Und nun macht er dem Mädchen von dort aus die Cour, schickt Blumen und Billetts und kommt alle paar Tage unter dem Vorwande, seine Kameraden zu besuchen, von Magdeburg herüber. Was soll man nun machen? Rausschmeißen kann man die Kerls nicht, denn das könnte einem recht schlecht bekommen. Auch bin ich so malade, daß ich viele Tage nicht gehen kann; meine Knie und meine Hände zittern, ich werde es wohl nicht allzu lange mehr treiben auf Erden. Ein Renkontre mit dem Kerl würde deshalb übel ablaufen, auch haben mich Frau und Töchter beschworen, keinen Eklat zu machen. Aber es wäre wohl gut, lieber Krosigk, wenn Sie bald kämen und durch eine Mariage der Sache ein Ende machten. Ich ärgere mich jeden Tag, daß mir die Galle ins Blut tritt.«

Dann folgten noch einige Notizen, Grüße, Empfehlungen, Unterschrift, und als Postskriptum war hinzugefügt: »Der französische Offizier, von dem ich oben schrieb, heißt Martignac und ist Major bei den Chasseurs à cheval.

Besonders diese Nachschrift war es, die dem einsamen Manne das Herz rascher klopfen machte und ihm die Röte zorniger Erregung in die Stirne trieb. Er wußte nun längst, daß er an diesem Menschen einen Todfeind besaß, daß die Warnung des Kandidaten Moldenhauer keine eitle gewesen war. Daraufhin hatte er bei französischen Offizieren vorsichtig Erkundigungen eingezogen über den Major; es lagen mehrere mit ihm im Lazarett nach der Schlacht bei Eylau, die jenen Wohl kannten. Er war bei seinen Kameraden geschätzt wegen seiner brausenden Tapferkeit, aber unbeliebt wegen seines rücksichtslosen und rachsüchtigen Charakters. Einer erklärte sogar, daß er hin und wieder nicht ganz zurechnungsfähig sei, oder daß er irgend etwas Schweres auf Seele und Gewissen trüge, was ihn zuweilen ganz verstört mache. Heinrich gewann aus dem allen, was er da hörte, die Überzeugung, daß ihm irgendwo und irgendwann mit diesem Menschen noch ein Gang auf Leben und Tod bevorstehe, wenn nicht vorher einer von ihnen beiden in einem Gefechte dahingerafft wurde. Nun war der Kerl in Groß-Salze oder wenigstens nahe dabei. Zufall war das natürlich nicht; er hatte es sicherlich so einzurichten gewußt, daß ihm dieses Quartier und dieses Kommando zuerteilt ward. Ohne Frage hatte er das Billett gelesen, das er, Heinrich von Krosigk, in sein Testament eingeschlossen hatte, denn das fehlte, als ihm Moldenhauer bei seinem kurzen Verweilen auf Poplitz die Ereignisse der letzten Tage erzählte. Der Kandidat hatte von der Existenz eines solchen Briefes überhaupt nichts gewußt. So war jener französische oder polnische Schuft auf unrechtmäßige Weise Mitwisser seines Geheimnisses geworden und beutete das nun aus. Kein Zweifel, er wollte eine Rache an ihm nehmen, wie sie seiner und zugleich teuflischer nicht gedacht werden konnte. Das Weib seiner Wahl, das Mädchen, das er liebte, wollte er ihm abspenstig machen und ihm somit ein Messer ins Herz stoßen. War sie auch sicher vor dem Unholde? Sie war ein reines, stolzes Mädchen; an ihrer Treue zweifelte er nicht. Wie aber, wenn der Franzose mit Gewalt versuchte, was ihm in Güte, durch Schmeichelei und Galanterie nicht gelang? Ihr alter Vater war kein Schutz, ihr junger Bruder im Felde. Ach, hätte er doch auf der Stelle hinreisen können nach Empfang des Briefes, um den Buben zu züchtigen und sein Kleinod in Sicherheit zu bringen! Aber noch band ihn hier sein Fahneneid, noch war sein Dienstverhältnis nicht gelöst, ach, und er war ja sogar jetzt noch zu schwach zum Reisen! Die Rache, die ihm zukam, und die Sorge für die Geliebte hatte er in seines Bruders Hände legen müssen. Gott sei Dank, daß sie da wenigstens gut aufgehoben waren! Denn er kannte seinen Bruder. Wer mit dem feindlich zusammentraf, mochte sich hüten. Mit grimmiger Genugtuung dachte er daran, wie oft der Leutnant Ernst von Krosigk selbst nach einem schweren Gelage das rote Aß aus der Karte geschossen hatte, er war deshalb in der ganzen Armee bekannt und gefürchtet. Der würde dem französischen Polacken hoffentlich einen Denkzettel geben, er war der Mann dazu. Und doch – schlimm, schlimm, daß er nicht selbst fahren konnte.

Er preßte die Hände fest über seinem Stocke zusammen und starrte düster vor sich nieder in den Sand. In seinen tiefen Gedanken hatte er dabei überhört, daß Leute in der Nähe aufgetaucht waren, und schrak empor, als dicht neben ihm eine frische Knabenstimme ertönte. Hastig schob er seinen Brief in die Brusttasche des Rockes und wandte den Kopf nach den Spaziergängern um, die schon ziemlich nahe waren. Da ging es wie ein Nuck durch seine Gestalt, er sprang auf, so schnell er vermochte, stellte sich in Positur und grüßte ehrerbietig. Denn die hohe Dame, die, in tiefe Trauer gekleidet, gefolgt von einem Lakaien, langsam daherschritt, war die Königin Luise, und die Knaben an ihrer Seite waren die beiden jüngsten Prinzen Wilhelm und Karl von Preußen.

»Bitte, lassen Sie sich nicht stören,« sagte die Königin mit liebenswürdigem Lächeln näher hinzutretend. Mit wem habe ich die Ehre?«

»Major von Krosigk, Ew. Majestät.«

»Von Krosigk? Der Name ist mir wohlbekannt,« erwiderte die Königin lebhaft. »Ah, ich entsinne mich: in Halle empfing uns bei unserem Einzüge ein Landrat dieses Namens, ein prächtiger alter Herr von auffallend großer Figur mit schneeweißen Haaren. Ist das ein Verwandter von Ihnen?«

»Er war mein Vater,« erwiderte Heinrich von Krosigk mit zuckenden Lippen.

»Er war? Oh, er ist gestorben?«

»Er ruht schon seit zwei Jahren im Grabe.«

Die Königin schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Ich meine auch, Sie schon gesehen zu haben, mein Herr. Wo war das doch?«

»Ich stand früher bei Schwerin, dann bei Alt- Larisch. Aber vielleicht verwechseln mich Majestät mit meinem Bruder bei der Garde du Corps oder mit dem bei Jung-Larisch oder einem meiner Vettern.«

»Da scheinen Sie ja einer richtigen Soldatenfamilie anzugehören,« versetzte die Königin lächelnd. »Aber setzen Sie sich, mein Herr,« fuhr sie mit einer anmutigen Handbewegung fort, indem sie selbst auf der Bank Platz nahm. »Sie scheinen krank und angegriffen zu sein.«

»Ich kam schon krank hierher infolge einer stürmischen Seereise, wurde dann bei Eylau verwundet und habe mich seitdem noch nicht erholt.«

»Eylau?« sagte die Königin halblaut, und ein Schatten flog über ihr Antlitz. Nach einigen Augenblicken fügte sie hinzu: »Entsetzlich, daß auch das vergebens war!«

»Es war nicht vergebens, Ew. Majestät,« sagte Heinrich von Krosigk fest. »Der Tag hat die preußische Waffenehre wiederhergestellt, die bei Jena in den Staub gesunken war. Zum ersten Male in diesem Feldzuge flatterten preußische Fahnen über einer siegreichen Truppe. Darum war es ein schöner und großer Tag!«

»Aber die furchtbaren Opfer, die vielen Toten!« rief die Königin.

»Ach Majestät, konnten sie denn schöner fallen?« entgegnete der Major. »Was kommt darauf an, ob einige Tausend Menschen mehr oder weniger leben, wenn es sich um die Ehre und den Bestand des Vaterlandes handelt! Nichts, gar nichts. Aber das war eben der Fehler unserer Generale, daß sie das kostbare Leben ihrer Leute schonen wollten um jeden Preis. Hätte Hohenlohe bei Jena seine Grenadiere drauf gehen lassen, unbekümmert darum, wie viele über den Haufen geschossen wurden, so ständen wir jetzt, Gott weiß wo! Hier aber sicher nicht.«

Di« Königin sah sinnend vor sich nieder. »Sie mögen recht haben,« sagte sie endlich nachdenklich. »Aber es ist furchtbar! Sie waren mit bei Jena?« fragte sie dann mit einem fast scheuen Blicke.

»Nein, Ew. Majestät. Ich erhielt die Schreckensnachricht auf meinen Gutem. Ich ging dann nach Magdeburg, um dem Kommandanten ins Gewissen zu reden, aber da war nichts zu machen. Die Festung fiel. Ich entkam und eilte über Hamburg zu Schiffe hierher, um den letzten Kampf mitzukämpfen.«

Die Königin hatte sich, während er sprach, ganz zu ihm herumgewendet und sah ihm nun voll ins Gesicht. Ein warmes Leuchten glomm in ihren Augen auf, und sie streckte ihm plötzlich die Hand entgegen.

»So sind Sie einer von den Treuen, die in der höchsten Not zum Könige kamen!« rief sie. »Ach, es waren ihrer nicht allzuviele!«

»Leider,« entgegnete Heinrich und küßte ehrfurchtsvoll die dargereichte Hand. »Aber, Majestät, wenn die Not und die Schmach die Lauen und Schwachen zu Männern geschmiedet haben wird, dann wird es anders werden. Wir waren ein in Weichheit und Schwäche versunkenes Geschlecht. Aber wir werden wieder hart werden, wie unsere Väter waren, und es werden Tausende und Abertausende zu den Fahnen eilen, wenn der König uns zur Rache aufruft. Dann kommt ein Tag, an dem die Herrlichkeit des Korsen ein Ende mit Schrecken nimmt!«

Die Königin sah ihn unverwandt an. »Glauben Sie an einen solchen Tag?« fragte sie leise.

»So wahr ich an einen gerechten Gott und an ein besseres Jenseits glaube! Können denn Ew. Majestät wirklich der Meinung sein, daß ein Gebäude Bestand hat, das auf die Lüge, die Ehrsucht, auf alle gemeinen Instinkte der Menschennatur gegründet ist?«

»Nein!« rief Luise, und ein prächtiges Feuer strahlte aus ihren großen blauen Augen. »Nein, ich glaube auch wie Sie, daß dieses Reich nicht dauern kann, und hoffe zu Gott, den Tag zu erleben, von dem Sie sprachen. Es wäre Frevel, zu sagen, Gott sei mit Napoleon. Aber offenbar ist er ein Werkzeug in des Allmächtigen Hand, um alles Alte, das kein Leben mehr hat, zu begraben. Es soll eine neue Zeit werden, und er ist gesandt, das Überlebte umzustürzen.«

»Majestät!« rief der Major ergriffen, »wie richtig sehen Sie, was Gottes Wege sind! Und was auch kommen mag – Gott der Herr wolle Ihnen und uns allen diesen Glauben erhalten! Es wird und muß doch auf die Nacht das Morgenrot der Freiheit folgen!«

Beide schwiegen eine Weile. Dann erhob sich die Königin. »Ich muß nach der Stadt zurück,« sagte sie. »Dort hinten kommt schon die gute Voß, mich zu holen. Werden Sie bei der Armee bleiben, Herr Major?«

»Leider muß ich für jetzt den Abschied nehmen, Majestät. Ich habe die großen Güter meiner Familie zu verwalten, die im Saalkreise liegen.«

»Im Saalkreise?« wiederholte die Königin mit einem schmerzlichen Lächeln. »Dann sind Sie ja für uns verloren, denn der Kreis ist an Napoleon mit abgetreten.«

»Wir müssen uns der Gewalt beugen,« erwiderte Heinrich. »Aber seien Ew. Majestät überzeugt: wo ich auch bin, bleibe ich vor mir und meinem Gewissen ein Vasall des Königs von Preußen. Wir denken alle so, der ganze Adel in unserer Nachbarschaft, die Wedells, die Rauchhaupt, die Trotha und wie sie alle heißen. Kommt der Tag, an dem unser König uns ruft, dann eilen wir über die Elbe zu seinen Fahnen. Nichts kann uns abhalten. Das sage ich Ew. Majestät als ein Gelöbnis.«

»So nehmen Sie durch mich den Dank Ihres Königs, und denken Sie auch in Treue an Ihre unglückliche Königin.«

»Immer, Majestät, immer!« rief der Major mit Tränen in den Augen und führte noch einmal Luisens dargereichte Hand an die Lippen. Die Königin neigte das Haupt gegen ihn und schritt dann den ankommenden Hofdamen entgegen. Die kleinen Prinzen, die in der Nähe gestanden hatten, lüfteten ihre Mützen und folgten der Mutter.

Der Major stand noch lange auf seinen Stock gestützt und schaute ihr nach. »Was sie trägt, tragen wir doch alle nicht,« murmelte er. »Gott lasse sie bessere Tage erleben!«

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