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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Der Bogen des Odysseus

Gerhart Hauptmann: Der Bogen des Odysseus - Kapitel 6
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleDer Bogen des Odysseus
printrun
editorHans-Egon Hass
publisher
year1965
isbn3549051427
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170203
projectid8d5112a3
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Vierter Akt

Der gleiche Raum wie im zweiten Akt, jene Halle aus Stein mit dem langen Tisch. Eumaios, gleich darauf Eurykleia.

Eurykleia

in fassungsloser Angst hereinstürzend

Was war dies für ein fürchterlicher Blitzschlag?

Eumaios

der sich mit dem Bogen des Odysseus zu schaffen macht

Recht so! Die Erde lechzt, und meinen Herden
mangelt das Wasser. Der Kronide sammelt
seit Wochen sein Gewölk, umnachtet schweigend
die waldbedeckten Gipfel des Neriton.
Gern hör' und seh' ich, wenn der Finsterbrütende
mit Strahl und Donner endlich niederbricht.

Eurykleia

angstvoll

Es riecht nach Schwefel hier und brandig, Hirt.

Eumaios

grimmig

Recht so! Ausräuchern will der Himmlische
die Schänder des Gastrechts.

Eurykleia

Hirt, verstecke mich,
wenn, wie sie sagen, Freier hier im Haus sind.
Denn wahrlich, ich, die älteste Schaffnerin,
bin ihrem Haß nicht zu gering und ihrem
tückischen Mißtraun.

Eumaios

Laß es gut sein, Alte,
sie werfen auf der Tenne mit der Scheibe
und trinken gierig meinen schwarzen Wein.

Eurykleia

Eurymachos ist unter ihnen?

Eumaios

Ja.

Eurykleia

Sieht er mich hier, so ist mein Tod besiegelt.
Mir gibt er schuld, daß seine Metze, die
Melantho, von Penelopeia nicht mehr
im Haus geduldet ward und nun bei dir lebt.

Eumaios

So zog Leukone den Antinoos
und den Eurymachos mir die Melantho
über den Hals und den verräterischen
Vater der Dirne auch noch obendrein.
Mein niedrig Dach ward hoch geehrt: du siehst es.
Wären's doch Eber, steckt' ich sie auf Mast
in meine Kofen. Doch nun sind's nur Menschen,
und schlechte dazu: verdorbnes Fleisch und Blut.

Eurykleia

Laß mir das Saumtier bringen, Hirte, ich
muß fort. Mich hält es länger nicht. Mich jagt
die Angst vor Gott und Menschen und zugleich
die Freude über Telemachens Heimkunft,
die ich der Fürstin gleich berichten muß.

Eumaios

Noch prasselt Regen und Hagel übern Dachfirst,
gedulde dich so lange, bis es nachläßt.

Eurykleia

Viel lieber fallen in Kronions Hand
als unter die Fäuste rachbegier'ger Menschen.

Eumaios

So schließ' ich diese Seitentür dir auf
und leite dich hinab die Felsenstiege,
geheim, zum heiligen Ölbaum, wo der Knabe
auf mein Geheiß mit deinem Eslein wartet.

Er öffnet den Riegel der verschlossenen Seitenpforte.

Eurykleia

Schnell, Sauhirt! – Halt! – 'ne schwere Sorge frißt
mir noch am Herzen: was wird aus Laertes?

Eumaios

Du hältst ihn nicht! Soll man ihn packen und
wie einen kranken, alten Adler ihn
in einen Käfig tun: so bricht sein Herz.
Lieber laß mit Zeus' Töchtern ihn verkehren –
den Göttinnen, die ohne Dach sind – und
ihn ruhn auf trocknem Weinlaub. Weiß er doch,
die Götter und die Hirten kennen ihn,
und meine arme Seele ist ihm treu.

Er öffnet die Tür, feuchte, gereinigte Luft und Klarheit strömt ein.

Sieh, wie der Iris weiter, bunter Bogen
sich herwölbt. Fußt er nicht mit einem Schaft
unten auf unsres Königs Haus und macht
die goldnen Ziegel funkeln, während hier
der andre Schaft in naher Nähe ruht,
am Koraxfelsen, und den heil'gen Ölbaum
Athenens – auf dem weitumschauenden Ort –
in farbiges Glitzern einhüllt? Sage, was
du willst, du Furchtsame! Dies deut' ich mir
als einen heil'gen Wink, der Glück verheißt.

Er weist Eurykleia den Bogen des Odysseus.

Des Donnerers Tochter ist nicht müßig: sie,
die Göttin, die vor allen andern unsern
verschollnen König liebt. Ich sah so viele
Tageulen nie auf ihrem heil'gen Ölbaum
sich sammeln. Nie entstieg so viele Male
wie jetzt die Himmlische der klaren Nacht
und stand mit Speer und Schild in meinen Träumen.
Sie schreitet ums Gehöft, und jeden Tag fast
berichtet mir ein Hirt, der sie erblickt hat,
wie sie inmitten einer Herde Wacht hält. –
So hieß sie des Odysseus Bogen mich
rüsten, mit einem Mund, der lautlos war,
weil Götterwort den Menschen tötet! – und
nun wartet diese Waffe auf den Schützen.

Eumaios entfernt sich mit Eurykleia durch die Seitentür, die offenstehen bleibt. Gleich darauf kommen von rückwärts Leukone und Telemach.

Leukone

Nicht so! nicht so, Geliebter!

Telemach

O Leukone!
Wie seiner selbst unkundig ist der Mensch.

Leukone

Wo aber willst du hin, wenn du hier fortgehst?

Telemach

Gleichviel: dorthin, wo nicht die Heimat ist.
Dort find' ich mich und meines Vaters Sternbild,
leuchtend auf meine junge, blinde Freiheit.
Und wenn du mutig bist, gehst du mit mir.

Leukone

Du hast kein Schiff und hast kein Schiffsvolk.

Telemach

Nur
ein Wink, und alle springen wiederum
an Bord, die mir nach Pylos folgten und
in Phorkys' Hafen eben landeten.
Was soll ich auf ein bröckelnd Erbe hoffen,
wo mir das Schrankenlose offensteht,
voll ungemessenen Reichtums meiner wartet.

Leukone

O wüßtest du, wie sehr die Seele mir
weh tut, mich bitter schmerzt, bei deinen Reden.

Telemach

Weil ich mit dir mehr spielte als mit Knaben,
meint meine Mutter und auch du, Leukone,
ich müsse wie ein Mädchen fühlen und
nicht wie ein Mann. Ich bin ein Mann! Ihr irrt euch!
Zwar hatt' ich keinen Vater, als ich seiner
bedurfte, wuchs als Waise auf, ward groß
in weichlicher Verwahrung einer Witwe.
Doch Zeus vergaß mich darum nicht. Zeus kennt mich!
Nur ihr wollt mich nicht kennen und begreifen,
ihr Weiber, und vor allen andern du!
Was soll ich betteln? Hab' ich nicht genug
dich angefleht und deine spröde Kühle
doch nicht gebrochen? Immer streichelst du
und küssest etwa mahnend meine Stirn,
wie einen Knaben mich beschwichtigend.
Und doch kam ich um deinetwillen nur
zurück auf dieses fluchverstörte Eiland.
Schläng' es das Meer doch ein, so wie es ist!

Er umarmt Leukone und hängt weinend an ihrem Halse.

Leukone

O Telemach, komm zu dir selbst! Du bist
wie Aiolos, der Gott der Stürme, den
die eignen Stürme selber packen und
aufheben und hin wirbeln durch den Luftraum.
Was hat dich so entwurzelt, Telemach?

Telemach

O dieser Bettler hat mich angepackt
stark wie ein Dämon, und ich bin ganz hilflos.
Denn wenn hier einer kommt mit brüchiger,
gemeiner Stimme, fremd, ganz fremd mir, ein
Pracher, ein Pocher, der mir nah- und zudringt
und meiner heil'gen Seele heil'ge Tür
eintritt, einschlägt, mit Fuß und Faust, und sagt ...
und sagt ... und sagt ... mit dreistem Zwinkern sagt
oder mit wildem Aufblitz des Befehlens:
Ich will in deiner Seele herrschen als
der Vater, der Gebieter, als der Gott!
so sinkt des Todes Wolke um mich her
oder der blut'ge Wahnwitz der Atreiden.

Leukone

Nicht so: sprich anders! anders! Telemach!
Was jener ist, ob Mensch, ob Gott, ob Dämon,
bleibe einstweilen noch dahingestellt.
Bei seinem Nahen sprossen alle Quellen;
und was er tat, schien es auch rätselhaft,
ward dir zum Guten und nicht wider dich.
Auch er haßt die Verderber deines Hauses.
Sofern er rückkehrt – was nicht sicher ist,
entschwand er doch wie Nebel in den Lüften –,
müssen wir prüfen, was er weiter anstellt.
Denn dies ist wahr, die Welt ist voll Betrüger,
und dies nicht minder, daß der listigre
der größere, der schlauste unter allen
der größte ist. Drum laß uns auf der Hut sein.
Doch, Telemach: wenn je die Götter ihm,
dem Übergewaltigen, die Heimkehr schenken –
wie denn das Haus voll dunkeln Ahnens ist –,
so wirst auch du heimkehren zu dir selber.
Nicht fliehn wirst du, verkehrt zum Widersinn
den reinen Sinn der Sohnesliebe, in
häßlicher Abkehr, törichter Verzweiflung,
nicht fliehn, dich selber geißelnd und mißhandelnd.

Telemach hat sich mit einem plötzlichen Ruck losgerissen und den Bogen des Odysseus ergriffen, dessen Senne er vergeblich an beiden Enden festzumachen sucht. Er vermag den Bogen nicht zu biegen. Indessen kommt Eumaios durch die offengebliebene Tür zurück, beobachtet die Bemühungen Telemachs, bricht in herzliches Gelächter aus und weist dann mit der Hand in die Landschaft.

Eumaios

Sieh diesen Regenbogen, Telemach:
der Gott spannt seinen Bogen leichter als
du deinen.

Telemach

wirft den Bogen von sich

Fort! er ist nicht mein.

Eumaios

Doch ist er's!
Und eines Tages klingt die Senne auch,
von deiner Hand gespannt um beide Enden.

Telemach

Er steckt voll Zauberei. Er steckt voll Unheil.
Ihn steift ein Dämon, der mir feindlich ist.

Fast weinend vor Beschämung und Ingrimm, tritt er nun in die offene Tür, in die Ferne blickend.

Eumaios

leise zu Leukone

Was lief ihm übern Weg? was ist geschehen?

Leukone

O wüßt' ich das nur selbst, Großvater; doch
sein neuer, starker Mannesmut ist hin.
Als er von mir erfuhr, die wildesten
der Werber um die Mutter seien hier,
wollte er unter sie stürzen mit dem Schwerte.
Vielleicht mit Unrecht hielt ich ihn zurück.
Und dann war da der Bettler. O Großvater,
wer ist doch dieser Hilfeflehende,
der Feuer vom Himmel rufen kann und dessen
Anblick den jungen Helden Telemach
mit Angst des Todes anhaucht?

Eumaios

Was heißt das?

Leukone

Weißt du, daß er sich für Odysseus ausgibt?

Eumaios

erschrocken

Wer gibt sich für Odysseus aus, sagst du?

Leukone

Der Bettler, der um Mittag heut ins Haus kam.

Eumaios

Nun, und? Seid ihr denn wirklich so vernunftlos,
daß des Landfahrers armer Wahn euch ansteckt?
Kenn' ich nicht meinen Herrn, betörte Kinder?
Ist er mir nicht vertraut von Jagd und Fischfang
und von so manchem Wettspiel auf dem Kampfplatz?
Deckte uns nicht ein Mantel oft des Nachts,
wenn wir dem Wolf nachpirschten in den Bergen?
Ihr Unerfahrnen! wenn dies ausgesaugte
Eiland je seine Sohle wieder spürt,
so wird es beben und ihn so verkündigen.

Leukone

Die Kiesel hüpften, also hat's gebebt.

Eumaios

Und träte er vor meine Augen, mit
der Kraft des Proteus, des Meergreises, sich
umwandelnd in Gestein, in Tier, in Pflanze,
in Vogel oder Fisch! ... was mich betrifft,
vor mir kann sich Odysseus nicht verbergen.

Telemach

Bist du dir des ganz sicher, Vater Hirt?
Noch jüngst erzählte die spartanische
Helena mir am Tisch des Menelaos,
wie sich mein Vater durch die Tore Trojas
unkenntlich einschlich. Der Gewaltige
nahm eines Bettlers scheußliche Gestalt an,
erschien als Siecher, Husten krächzte hohl
aus kranker Brust ihm, und sein Blick war triefig.

Eumaios

's ist Wahnsinn. Doch wo ist der Mann? Euch ängstet
verstörter Sinn der schicksalsträchtigen Zeit.

Odysseus kommt aus dem rückwärts anstoßenden Raume. Er scheint größer und mächtiger geworden, schreitet aber immer noch ein wenig gebeugt und schwer und lautlos wie ein gigantischer Waldmensch. Seine Augen prüfen mit verstohlenen, aber bohrenden Blicken schon aus der Ferne die, denen er sich annähert. Sein Gesichtsausdruck ist in Stirn und Augen stille lauernde Wut, tiefer ein schreckliches Lächeln. Die Dämmerung ist hereingebrochen.

Telemach

erschrocken

Der Dämon! Bin nur ich der Sehende?
Oder erkennt auch ihr, wie er dort aufsteigt?

Eumaios

mit gewollter Unbefangenheit

Gut, daß ich endlich dich entdecke, Alter.
Wir haben Fürsten heut im Haus zu Gast:
mache dich nützlich, wenn sie tafeln, und
damit sie ihre Mäuler finden, hüte
das Licht und speise dort das Feuerfaß.

Telemach

Er wächst! er dehnt sich! er erfüllt das Haus,
und niemand außer ihm kann drin noch atmen.

Eumaios

ängstlich

Er spricht nicht. Mädchen, rede du mit ihm.

Leukone

Willst du des Feuers hüten, fremder Vater? .

Odysseus tritt neben das Feuerfaß. Leukone unsicher

Warum noch fragen? Seht, er will es tun.

Noemon tritt ein, mit blutiger Schürze und das Haupt mit Efeu bekränzt. Durch die hinter ihm offengebliebene Tür hört man Gesang und Musik der Syrinx.

Noemon

hochrot von Feuer und Wein, mit Frische

Das Fleisch ist gar. Das Gastmahl kann beginnen.

Eumaios

Schon hast du dich bekränzt, Noemon. Laß
den Efeukranz nun schneiden für die Freier.

Noemon

Meister, für Gotteslästerer Kränze? Ungern!

Telemach

Geh, lade denn die Allgefräßigen,
daß sie herkommen an Odysseus' Tisch,
um sich mit unserm Gute aufzumästen.

Noemon geht hinaus.

Und nun, du Bettelmann. Denk, heute sei
des Kronos Tag, ein wahrer Mummenschanz!
Es dient der Herr an seinem Tag dem Knecht,
der schlichte Knecht gebietet seinem Herrn!
Gebiete, was ich tun soll! An die Tafel
der Fresser unsres Guts mich quetschen oder
gehn, mich verstecken in den Schweinestall? –
Erst schüttelst du den Kopf, dann nickst du: gut,
ich folge wie das Hündlein dem Gebieter.

Er geht schnell durch dieselbe Tür wie Noemon ab.

Eumaios

zu Odysseus

Soll heut des Kronos Tag sein, Feuerhüter,
und er, der junge Herrscher selbst, gehorcht dir:
gebiet auch uns! Soll ich dem wilden Sinn
der Freier willfahren, muß Leukone ihnen
bei dieser Schwelgerei Handreichung tun?

Odysseus

geheimnisvoll und furchtbar

Ah bah! Da glotzt die Magd, da glotzt der Knecht.
Da glotzt der Knecht und glotzt die Magd und wissen
beide nicht, was zu tun ist. Ist sie etwa
phönizisches Glas? Zerbricht sie etwa, wenn
ein Fürst sie ansieht, einer von denen, die
doch ihre Königin Penelopeia
naher Gemeinschaft würdigt?

Man hört das wüste Gelächter der sich nähernden Freier.

Geht, und wenn
der Brand aufflackert, kehrt zurück! Gehorchet!

Eumaios und Leukone entfernen sich nach rechts in den Hof. Die von Eumaios entriegelte Tür nach links ist nur angelehnt. Durch Wein und Spiel erhitzt, kommen die Freier aus dem hinteren Raum in den vorderen. Es sind Antinoos, Amphinomos, Eurymachos, Ktesippos. Mit dem Eintritt in den vorderen Raum stutzen sie und brechen ihr Gelächter ab.

Antinoos

Hier riecht es süßlich wie in einem Schlachthaus.

Eurymachos

Und ist so düster wie in einer Gruft.

Ktesippos

Will man uns hier zum Narren halten? Macht
dies Schweinehirtenvolk sich unsichtbar?
Will dieses Knechtgesindel etwa sich
aufspielen, sich erfrechen gegen Fürsten?

Eurymachos

Das mag wohl sein, wenn man des Beispiels denkt,
das noch vorhin Eumaios selber gab.

Ktesippos

Warum läßt sich der Sauhirt nicht mehr blicken?

Antinoos

Odysseus am Feuerfaß erblickend

Was wollt ihr mehr? Der Blümlein-Moly-Mann! –
Der Hausherr sorgt für würdige Vertretung.

Amphinomos

Hier ist ein Nest voll Ungeziefers, eine
Brutstätte der Heimtücke gegen uns:
Kommt uns je Unheil, so ist hier der Ursprung.

Antinoos

Der Schäferhund haßt einen Wolf nicht so
als dieser zähe Schweinehirt uns Fürsten.
Genau besehn, hat er nicht einmal unrecht.
Wär' er mein Knecht und hielte mit so zäher
Treue an mir wie an Odysseus fest
und Telemach, dem rosenwangigen Mägdlein,
und hütete mir so des Hauses Güter,
Gott weiß, ich hielt' ihn wert wie einen Freund.

Eurymachos

Antinoos hat seine weiche Stunde,
wo er am liebsten kleine Kinder herzt,
ja, Säuglinge mit einem Liedchen einlullt.
Allein, dies geht vorüber. Sag uns, Fürst,
was dünkt dich nun, meinst du noch jetzt,
daß Telemach hier im Gehöft versteckt ist?

Antinoos

Mir ahnt, er hatte Glück auf seiner Reise.

Amphinomos

Vergeßt niemals, warum wir hier sind, Fürsten.
Nehmt diesen Knaben Telemach nicht leicht.
Er wirbt, er schleicht umher und macht sich Freunde.
Wer weiß denn überhaupt, ob er in See ging?

Antinoos

Er ging in See! Dies ist ganz sicher.

Amphinomos

Dann,
beim Zeus, kommt er vielleicht mit einem Schweif
von Griechenschiffen hinter sich nach Hause.
Was dann?

Antinoos

Dann kommt ein blutiger Austrag, und
der Stärkere bleibt auf dem Plan: sonst nichts!

Eurymachos

Wo ist Melantho? Seit ich sie erblickte
vorhin im Hof, ist sie verschwunden und
nicht wieder aufgetaucht. Die Dirne ist
mir treu: Sprech' ich mit ihr, so weiß ich alles,
und also auch, ob Telemach im Haus ist.

Ktesippos

Fürsten, ihr tragt doch Schwerter! Fasset doch
dies bäurische Gesindel kräftig an,
wie sie's gewohnt sind und wie sie's verdienen.
Wenn sie auftauchen, packt sie; wollen sie
nicht Rede stehn, drückt ihnen kurzerhand
die Gurgel ein, die ihnen doch nichts nütz ist.
Verstecken sie sich, holt sie! aus den Kofen
der Schweine, aus der Kammer, aus dem Bett,
und machet sie diensteifrig mit dem Knittel!

Er brüllt und schlägt auf den Tisch.

Wirtschaft! Wirtschaft!

Das Feuer der Feuertonne geht hell auf und beleuchtet den immer mehr verdüsterten Raum. Nun wird durch die Hoftür für die Freier aufgetragen. Glaukos schreitet mit der Syrinx voran, die er spielt. Es folgt Dryas, der die Schüssel mit dem Schweinerücken auf dem Kopfe trägt, Lamon mit einem gewaltigen Weinschlauch, Leukone mit einem Wassergefäß, um die Hände zu begießen, Noemon mit Bechern und Efeuranken. Gleichzeitig kommt Eumaios.

Ktesippos

Dein Glück, daß du dich noch auf uns besannst, Hirt.

Eumaios

Ihr Fürsten, das Gewitter hielt uns auf.
Der Wassersegen löschte unsre Feuer.
Doch sei ihm das vergeben: ist er doch
von allem, was da dürstet, heiß erwünscht.

Eurymachos

Wo ist Melantho, deine Magd, Eumaios?
Warum bedient sie uns nicht auch bei Tisch,
wie wir's gewohnt sind unten im Palaste?

Eumaios

Auch ohne sie fehlt's euch an nichts, glaubt mir.

Eurymachos

Du weichst mir aus. Sag mir erst das: wo ist sie?

Eumaios

Wüßt' ich es dir zu sagen, sagt' ich's dir.

Antinoos

als ihm Leukone Wasser über die Hände gießt

Warum bist du verweint, schöne Leukone?
Etwa weil Knabe Telemach nicht gut tut
und ihm die Untreu aufsproßt mit der Mannheit?
Getröste dich, so sind wir alle.

Ktesippos

Ei,
ich wette, Knabe Telemach und sie
sind, wie der Kypris Tauben, unzertrennlich.

Amphinomos

Sind, Fürst? Sie waren! sind nicht mehr,
denn der Ephebe treibt im Ionischen Meere,
und Fisch und Möwe streiten um den Leichnam.
Oder meinst du, dein Buhle lebe noch?
Und hältst du ihn wohl gar im Kämmerlein
verborgen, den Gespielen deiner Kindheit?
Wir tun ihm nichts. Gib ihn getrost heraus.

Antinoos

Bekränzt euch, Fürsten, und vergeßt der Trübsal.
Nicht übel ist, was uns Eumaios auftischt.

Glaukos spielt die Syrinx. Die Freier bekränzen sich und beginnen zu tafeln.

Eurymachos

eigensinnig, als ihn Leukone bekränzen will

Melantho legt den Kranz mir um, nicht du.
Die derbe Melkerin des Ziegenstalls,
die mir Pans Bocksduft bringt in erdiger Haarflut!
Und deshalb, Hirt, zum letztenmal: wo ist sie?

Er hat den Efeukranz fortgeschleudert. Melantheus kommt in großer Erregung herein.

Melantheus

Ihr Fürsten, daß ihr's wißt, in diesen Mauern
lauert Verrat. Indes ihr tafelt, übt
man tückisch im verborgnen hier Gewalttat.
Seht, wie er sich verfärbt, der Schweinehirt:
das Werkzeug des Geschlechts der ränkevollen
Arkeisiaden, das noch unterm Fluch
der Götter nicht sein zähes Leben aushaucht.

Alle sind aufgesprungen außer Antinoos.

Antinoos

Stör uns die Mahlzeit nicht. Was ist geschehn?

Melantheus

Melantho, meine Tochter, liegt in Fesseln,
bewacht von Hirten, die in Waffen sind.
Man stieß ihr einen Knebel in den Mund,
damit sie, die treu zu euch Fürsten hält,
nicht mehr verraten kann, was hier im Gang ist.

Eumaios

Ihr Herrn, wenn dieser Ziegenhirt nicht lügt,
des Rachsucht mich verfolgt seit vielen Jahren,
so bin ich ganz unwissend dieser Tat.
Allein, er lügt, lügt, um mich zu verderben.
Wir hängten seinen Bruder, weil er heimlich
die Ziegenherde unsres Herrn bestahl
und an Seeräuber seinen Raub verkaufte.
Was Wunder, denkt er nun auf meinen Tod.

Eurymachos, der nach der Meldung des Ziegenhirten hinausgestürzt war, kehrt jetzt mit der vollständig erschöpften Melantho wieder.

Odysseus

Seht nicht auf mich, ich bin ein rasender
Narr! bin ein Narr, der rast! ein Rasender!
Laßt mich! blickt nicht auf mich! legt mich in Fesseln!

Eurymachos

mit wuterstickter Stimme

Sag uns nur eins: wer dazu den Befehl gab?
Und wenn es auch Eumaios selber wäre,
er müßte köpflings nieder in die Nacht.

Melantho

streckt die Hand gegen Odysseus

Der war es, der am Feuer steht: der Bettler!

Odysseus

mit rollenden Augen, wahnwitzig

Der uns der Flamme Saat vom Himmel brachte,
daraus des Feuers Blume keimte, war
Prometheus! Seht, ich pflücke Blumen! seht,
ich pflücke Blumen!

Odysseus stellt sich so, als ob er die Flammen abpflücke.

Antinoos

der wie Amphinomos in lautes Gelächter ausbricht

Nun, Eurymachos,
an diesem Feuerblumengärtner wirst
du dich wohl nicht vergreifen, denk' ich mir.
Er tat unwissend, was er tat, im Schwachsinn!
Die ihm gehorchten, muß man strafen, denn
wahrlich, gefährlich ist zu große Einfalt.

Ktesippos

schleudert einen Schemel nach Odysseus, den jener mit dem Arm pariert

Tilgt aus dies rasende Geziefer, Fürsten,
des Wahnsinns, das sich giftig schäumend aufreckt,
sonst gebt ihr jedem Frevel einen Freipaß.

Odysseus

mit schrecklichem Lächeln

Weißt du, Ktesippos, wem du das getan hast?

Ktesippos

Wie ich dich schätze, räudiger Schädling, bist
du einer von den Göttern des Olympos,
und heiliger Blödsinn füllt das Hirn dir an,
eng, wie gequollene Erbsen einen Tontopf.
Möchtest du, brüchige Scherbe, doch zerplatzen.

Eurymachos

hat Melantho viel Wein zu trinken gegeben

Erhol dich, braves Kind. Komm wieder zu dir.

Antinoos

Kommt ihr auch endlich wieder zu euch, Fürsten,
und laßt uns diesen Spaß des großen Pan,
den er mit Magd und Knecht sich machte, so
belachen, wie's sich ziemt. Ein solcher Schreck
darf Helden eine Mahlzeit nicht versalzen.

Melantho

Traut diesem Bettler nicht, der sich verwirrt stellt.
Er ist ein Schleicher, ein Kundschafter, ganz
so hell und klug im Kopf wie irgendwer.
Und überdies, wenn ihr es noch nicht wißt
und es die Freier im Palast nicht wissen:
auf diesem Hof verbirgt sich Telemach,
der heute heil von seiner Reise heimkam.
Und deshalb banden sie mich fest, daß mir
die Arme tot sind, knebelten den Mund mir,
damit ich euch nicht warnen könnte. Seht
den Hirten, wie ihm seine Lippe bebt
und wie Leukonens Miene sich verändert.

Amphinomos

Seht ihr, wer hat nun recht, ob er im Haus ist?

Melantho

Fragt mich! fragt mich, ihr Herrn! Hier wühlt Verrat

Man hört in den Bergen wiederum den Ton des Hornes.

und höhlt die Erde aus, auf der ihr wandelt.
Hört ihr den Hornton in den Bergen, der
so wie der Ruf des kriegerischen Pan klingt?
Es ist nichts weiter als das Schallrohr des
bösen kindischen Greisen, des Laertes.
Doch mit ihm wiegelt er die Hirten auf.
Seid achtsam. Seid behutsam. Legt die Waffen
nicht aus den Händen, Fürsten, wo ihr mir folgt.

Antinoos

Seht die Kassandra aus dem Schweinestall!
Hat sie so reichlich Atem wiederum,
so singe sie ein Nymphenlied und tanze
zur Syrinx! Und zuvor laß dich bekränzen,
Eurymachos, von ihr, wie du's gewollt hast.
Und nun: weilt wirklich Telemach im Haus,
so ist's nur billig, wenn die Gäste dem
Gastgeber auch ein Stücklein Brotes gönnen.
Geh, lad ihn flugs an unsre Tafel, Hirt!
Sag ihm, ich sei nicht Kronos und ich fräße
Kinder nur in der allerletzten Seenot.

Die Freier sind in lautes Gelächter ausgebrochen. Jetzt erscheint in guter Haltung Telemach, vom Hof her eintretend. Es wird still.

Telemach

Ich grüße euch, ihr werten Fürsten, und
heiße an meinem Tische euch willkommen.

Antinoos

Recht gut gesagt. Hab Dank, mein Herzchen. Komm.
Seht doch, er ließ sein weißes Fell in Sparta
und kommt mit brauner, eingesalzner Haut
zurück ins Vaterland.

Amphinomos

Wenn ihr scharf hinseht,
ihr Freunde, so entdeckt ihr hier, beim Zeus,
ein Inselchen von blondem Bartflaum.

Ktesippos

Wo?

Telemach

Mit Freude seh' ich, ihr seid aufgeräumt.
Hat euch der Hirt in allem gut versehen?

Ktesippos

Danke. Es macht sich. Nur zu wenig Mägde.
Du siehst, sein Schätzchen hat Eurymachos,
und auch Antinoos ist wohlberaten.
Ich und Amphinomos, wir gehen leer aus.

Eurymachos

zu Melantho, die er auf seinen Schoß gezogen hat

Ich weiß noch nicht, wen ich vorziehe: dich
oder das Töchterlein Penelopeias.

Antinoos

Ihr wißt recht gut, daß Telemach kein Weib ist.
Wenn ich mit seiner Mutter Hochzeit mache,
so soll dies Inselland zwölf Tage lang
von heiligen Spielen widerhallen, zur
Ehre der Götter. Dann wird Telemach
ein Dreigespann von Füllen lenken und
den Siegeskranz empfangen in der Rennbahn.
Doch was macht Nestor? wackelt ihm der Kopf
noch immer zwischen beiden hohlen Schultern?
Wie geht es Menelaos, sag, dem Hahnrei?
Und Helena, das alte Weib, was tut sie,
wo doch im Alter schwerlich jemand ist,
es sei denn ein Helot, mit ihr zu schäkern?

Telemach

Seid mir willkommen, Fürsten, trinkt und eßt,
und mög' euch das nicht fernerhin bekümmern,
auf welchen Spielen etwa mir ein Sieg
bestimmt ist. Und was meine Reise anlangt
und die Gastfreunde, deren Schwelle mich,
den unerprobten Jüngling, herzlich aufnahm,
so laßt mich schweigen, denn ich fürchte Zeus
und wollte lieber sterben, als das Gute,
das ich genoß, vergelten durch Gemeinheit.

Amphinomos

Ein höchst gewandter Schwätzer, meint ihr nicht,
der seines Vaters falsche Zunge erbte.

Antinoos

Er gleicht der Mutter mehr, Amphinomos.
Kneif' ich das Auge zu und blick' auf ihn
und auf die süße Schwellung seiner Lippen,
die küssigen Wangengrübchen, diesen Blick,
verschleiert von den neidischen Vorhängen
der Wollust ... gleiten meine Blicke dann
über die vollen Schultern, weichen Arme,
so glaub' ich fast der Mutter Bild zu sehen.

Ktesippos

Vergleiche weiter, Fürst Antinoos.

Antinoos

Ihr lechzt nach Gold. Ich liebe seine Mutter.
Trinkt auf die Frau, die kalt ist wie der Schnee
und die ich schon seit jenem Tag begehre,
wo sie als Kind mich an den Busen hob.
Wenn sie wie eine große bunte Spinne
inmitten des Gewebs am Webstuhl sitzt
und immer starr und undurchdringlich lächelt
und Atem schwellend ruhig durch sie hingeht,
durch diesen wogenden Leib, den köstlichen:
wer will da widerstehn? Die Grausame,
die kühler Tücke voll die Wimper senkt,
umspinnt, fängt, würgt mit aphrodisischem
und schadenfrohem Lächeln tödlich furchtbar.

Eurymachos

Und wie sie lügnerisch und listig mit
uns spielt, uns hinhält, heut zur Glut entfacht,
morgen mit kalten Wassergüssen abkühlt.

Antinoos

Wenn du in Sparta warst, o Telemach,
so sahest du auch unter den Platanen
den heiligen Denkstein zur Erinnerung
des Tages, wo zum ersten Male deine
Mutter nackt tanzte unter Spartas Jungfraun.
Hast du den Stein umarmt, o Telemach,
geküßt die Wiese, die von ihren Sohlen,
von den ambrosischen, berührt ward? Nein?
Sieh, ich, um dies zu tun, ich schwämme gern
mit diesen Armen durch das Ionische Meer
und lief' im Sonnenbrande bis nach Sparta
barfüßig über den Taygetos.
Und vor dem Denkstein würf' ich mich ins Gras,
um nur zu träumen. O du stählerne,
langschenklige Mänade, warum bin ich
der tote Odysseus nicht, der dies gesehn hat?

Odysseus

Recht hast du, Held Antinoos! Allein,
eher macht dich zum toten Hund der tote
Odysseus, als du selbst im Tod ihm gleich wirst.

Antinoos

Von deiner Mutter träumt' ich, Telemach!
Und süße Träume! Wir sind jung! uns steigt
der Saft, o Telemach! und deine Mutter
ist eine durstige Göttin, die nie altert.

Auf einen Augenwink des Odysseus gießt Telemach mehr Wein in Antinoos' Becher. Es blitzt.

Zeus winkt! Wein! – So bedient Dionysos
mit Licht den Seher in der schwarzen Nacht,
dort, wo Apollons heil'ger Strahl nie hindringt.
Du machst mich sehend, Telemach, mein Sohn,
und rate, was ich sehe: deine Mutter!
Wo? Nun, im Schlafgemach! Wie? Nackt! ganz nackt!
Umarme mich! nenne mich Vater! und
beim Zeus dem Stier, wenn er im Donner brüllt,
im Blitz bespringt Europens Leib, ich will
dir einen ebenbürtigen Bruder machen
aus jenem süßen Leib, der dich gebar!
Und ihr sollt ringen: du und er, wenn wir
beim Mahle sitzen, um den Kranz des Siegers!
Du bist zu schwach, o Telemach, du bist
ein Weib! doch sei mein Freund: denn sieh, ich liebe
weichliche Knaben.

Telemach

Nenne du mich nur,
Antinoos, nach deinem finstren Wahnsinn,
der deine beßre Seele dir verbirgt
und dein Geschick!! Frevel, wie deine Zunge
sie schamlos auf sich nimmt, verraten die
Ängste des scheinbar mutigen Frevlers, der
längst weiß, wie rings ihn sein Verhängnis einkreist.

Ktesippos

nachdem allgemeines Gelächter der Freier sich gelegt hat

Das Muttersöhnlein ist sehr zimperlich;
doch achtet der Milchzähnlein auch, ihr Fürsten,
die uns das knurrende Pinscherlein gefletscht hat!

Amphinomos

Sag uns doch einmal, Jüngling Telemach,
der du als Kalchas hier und Herr zugleich
dich aufspielst, welche Untat du uns vorwirfst.
Wir sind Nachbaren, Fürsten, mächtige
Herren, Gäste, Gastfreunde, meinetwegen
Verehrer und Freier deiner hohen Mutter.
Wo siehst du da die Ungebühr und wo
den todeswürdigen Frevel? Sind denn nicht
mächtige Freunde eines Hauses Schmuck
und Ehre? Schützet nicht Zeus selbst das Gastrecht,
das du in deinem Sinn verraten hast?
Wer kränkt dich denn? Wer schlägt dich denn, daß du
flennend zu deinen Anverwandten läufst
und deiner Mutter Freier und sie selber,
die Mutter, wie ein dummer Schulbub anklagst?
Bin ich vielleicht ein grindiger Homer
wie dieser da, der Lieder krächzt und bettelt?

Er weist auf Odysseus.

Und nicht ein Fürst, der selbst sein Land regiert,
Palast und Knechte hat, Herden und Hirten?

Ktesippos

Meinst du, wir hätten noch kein Schweinefleisch
gegessen außer hier auf Ithaka?
Es gäbe sonstwo keine Kälbermagen
und kein Stück Brot, uns dran zu sättigen?
Ehre ist's für euch, Knabe, wenn wir hier sind!

Telemach

Muß ich, der Jüngling, euch es lehren, Männer,
was Ehre und Unehre sei? Unehre
ist's für den Gast, wenn er sich einfrißt und
einnistet, zäh, dort, wo man ihn nicht gern sieht!
Unehr' ist für den Wirt, wenn schweigend er sich
dreinfindet, so man seinen Vorrat ausraubt.
Freigebig ist, wer gibt, nicht wer beraubt wird.
Freigebigkeit bringt Ehre, Rauben aber
und schmähliches Erdulden bringt sie niemand.

Eurymachos

So schilt mit deiner Mutter! Warum zieht
dies Weib uns hin mit ihrer kalten Wollust?
Ihr Mann ist tot. Was will sie? Auf wen wartet
sie noch? Kehrt' er flugs wieder, wäre heut
Odysseus eine Spottgeburt des Alters.
Sie giert nach unsrer unverbrauchten Kraft,
ein jeder Blick bezeugt's, so sehr sie heuchelt.
Wähle sie endlich, und so ziehn wir heim
und lassen den in ihrem Bett sich kühlen,
den ihr erfahrnes Auge vorzieht. Längst
ist allen dieses Dasein schon verhaßt,
mit dem sie schmählich uns gebunden hält,
uns täglich anreizt und betrügerisch hinhält.
Ich hass' dies Weib, wie ich sie liebe. Nein!
Ich hasse sie mehr! und in ihr Schlafgemach
möcht' ich einbrechen mit Gewalt, sie packen
und niederbändigen ihren stolzen Hochmut.

Telemach

packt sein Schwert

Nimm nun dein Schwert, Eurymachos, du wirst
mir heut der Mutter Ehre nicht mehr kränken.

Eurymachos

Um dich zu züchtigen, brauch' ich kein Schwert.

Antinoos

schlichtet

Nicht so, Eurymachos. Seid friedlich. Reicht
euch brüderlich die Hand. Vertragt euch. Wahrlich,
auch Telemach hat Grund zum Zorn. Die Langmut
des lammsgeduldigen Sohnes mußte reißen,
wenn sich die zügellose Rede so
wie unsre über seine Mutter ausgießt.

Eurymachos

schlägt auf den Tisch

Ich sterbe, oder ich besitze sie!

Antinoos

Wenn sie mich vorzieht, Fürst, stirbst du durch mich!

Amphinomos

Teilt nicht die Beute, eh ihr sie erlegt habt.
Ich bin's, der ihr den engen Gürtel noch
dereinst auflösen wird, mir ist's geweissagt.
Aus ihren farbigen Röcken schäl' ich sie
und lös' ihr überm Knie die goldnen Bänder.
Breche mein Auge, doch ich will vorher
das ihre brechen sehn. Sie soll hinsterben
in Wut und Durst, auslöschen wilde Glut
nach Jahren der Entbehrung und des Harrens.

Odysseus

Der Bock ist los, der Bock ist los, Melantheus!
Lauf, Ziegenhirt, lauf, lauf! Der Bock ist los!

Amphinomos

Werft ihn doch übern Felsen in den Abgrund!

Telemach

Beleidigt nicht den Hilfeflehenden,
der so wie ihr an meinem Tische Gast ist.

Eumaios

Ihr Fürsten, mög' euch Eris nicht das Mahl
in Galle wandeln. Laßt den Span, den ihr,
wie jeder mit jedem etwa, heimlich habt,
unausgetragen, bis ihr in der Stadt seid.
Ländlich und friedlich sind wir hier. Ist's euch
genehm, soll ein unschuld'ger Hirtenspaß
Frieden und heitern Mut euch wiederschenken.

Eurymachos

mit Bezug auf Telemach

Nicht, eh dies Bürschlein bleich und kalt im Sand liegt.

Ktesippos

Ein Narr, der Nachsicht hat mit seinem Todfeind.
Ihr wißt nun gut genug, ob er uns gram ist.

Antinoos

Wer ihm die Haut ritzt, dem Nestküken, der
mache sich keine Rechnung auf die Mutter:
sonst dreht' ich selbst den Hals ihm um, weiß Gott.

Hektor, der alte Hirt, springt herein mit einer Glocke um den Hals, sich als Kuh gebarend. Glaukos spielt die Syrinx.

Amphinomos

Schweintreibervolk, packt euch! laßt euren Unfug,
denn wir sind hier nicht, um zu scherzen, sondern
zu richten einen tückischen Bruch des Gastrechts.

Antinoos

indem er den Bogen des Odysseus entdeckt und aufhebt

Der schurkische Vater dieses Sohnes, dem
der Bogen zugehört, den ich hier halte,
vererbte seine Hinterlist dem Sohn,
der meuchlings schießt auf Unbewehrte und
die Spitzen seines Pfeils wie er mit Gift reibt.

Telemach

reißt ihm den Bogen weg

Entweihe diesen Bogen nicht, der mein ist!

Antinoos

Du wagst sehr viel.

Amphinomos

Nicht übereilt, ihr Herrn.
Kommt, treten wir beiseit, wie Richter tun:
das Urteil fällen, ehe wir's vollstrecken.

Die Freier mit Melantho, Melantheus, dem musizierenden Glaukos und den übrigen Hirten treten in den Hof. Zurückgeblieben sind Odysseus, Telemach, Eumaios und Leukone.

Odysseus

dem vor Erregung bebenden Telemach Auge in Auge

Halt! Keinen Schritt! Kein Wort und keinen Laut!
Dies sagt dir einer, den die Himmlischen
durch qualerfüllte Jahre schwerer Irrfahrt
zum Dulder machten. Einer, der ertrug
und litt, was unter Göttern und Menschen nur
zu dulden und zu leiden uns verhängt ist.

Leukone

zu Telemach

Erkennst du dieses Mannes Auge jetzt,
das unvergeßliche aus unsrer Kindheit?
Ich blick' und blicke immerzu auf ihn,
und alle Nebel schwinden endlich hin
vor eines Gottes Strahl, der sie durchleuchtet.
Geh zu ihm, denn er ist, er ist ...

Telemach

plötzlich überwältigt, umklammert schluchzend des Odysseus Knie

Mein Vater!

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