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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Der Bogen des Odysseus

Gerhart Hauptmann: Der Bogen des Odysseus - Kapitel 5
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleDer Bogen des Odysseus
printrun
editorHans-Egon Hass
publisher
year1965
isbn3549051427
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170203
projectid8d5112a3
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Dritter Akt

Das Innere des Hofes im Anwesen des Eumaios, umschlossen von Blockhäusern, die landwirtschaftlichen Zwecken dienen, und von Palisaden. Von der Seeseite her ist der Hof offen, weil in gewaltiger Höhe gelegen und über die felsige Küste unzugänglich. Im Hintergrund ein starkes hölzernes, verschlossenes Eingangstor, in der Mitte Röhrenbrunnen, jetzt aber ohne Wasser. Ein Schwein hängt unweit des Tores am Haken und wird von Noemon ausgeweidet. Unweit davon steht Melantho und quirlt in einem irdenen Topfe Blut.

Das Wohngebäude steht linker Hand. Neben dem Zugang ist eine Bank angebracht.

Auf dieser Bank sitzt zusammengekrochen der Bettler Odysseus. Laertes, dem Bettler Odysseus nun deutlich in allem fast gleich, kommt aus dem Hause, bemerkt Odysseus und setzt sich neben ihn.

Laertes

Du bähst dich in der Sonne. Magst du wohl
ein wenig Platz mir lassen, Kamerad?

Odysseus

erschrickt, springt auf, zittert

Zeus sei mit mir! Wer bist du?

Laertes

Hafersuppe
hab' ich gegessen. Gelt, hi hi, du möchtest
auch Hafersuppe essen, Kamerad?

Odysseus

Hast du nichts Beßres?

Laertes

Beßres mag ich nicht.

Odysseus

O meine blöden, blinden Augen: müßt ihr,
die ihr so vieles saht, nun eingestehn,
daß ihr noch nichts gesehn bisher, bis heut?

Laertes

Was murmelst du, Kamerad? Komm, laßt uns schwatzen.

Odysseus nimmt neben Laertes Platz.

Was treiben sie dort für Geschäfte?

Odysseus

Einer
weidet ein Schwein aus, und die Magd quirlt Blut.

Laertes

So geht's hier auf der ganzen Insel jetzt.
Fraß in den Wäldern, in der jungen Feldfrucht:
Fraß! Fraß im Halme, Fraß im Korn und Fraß
auch in den Wurzeln. Keller und Böden sind
voll gierigen Ungeziefers, das nichts aufhält,
auch nicht des Königs goldne Wohnung: denn
auch sie wird ausgezehrt von Raub und Fraß.
Das Mark des Landes malmen gierige Zähne,
und Rachen, nie gesättigt, würgen's ein.
Laßt uns die Ohren spitzen, Kamerad,
und horchen, was sie reden.

Melantho

Weshalb schlachten
wir heut schon wieder?

Noemon

Nun, doch wohl, damit
du nicht von Fleisch kommst, junger Rotscheck.

Melantho

Weil manche im Gehöft sich daran ärgert,
häng' ich mein braunes Haar nicht in den Rauchfang,
noch schneid' ich's mir im Tempel Herens ab.

Noemon

Das wär' auch schade, Dickchen, denn ein Roß
wie du, wer bändigt's ohne feste Zügel.

Melantho

Mag sein, das junge Mädchen Telemach
ist diesmal seiner Strafe noch entgangen;
doch wart ein wenig, und bald wirst du sehn,
wer an den Tisch sich setzt, der ihm gedeckt wird.

Noemon

Zu wem soll man sich halten? Es ist schwer.

Melantho

Mit Sommersanfang herrschet hier als Herr,
wenn nicht Antinoos, Eurymachos.
Zwar gibt es einige, die wollen meinen,
Penelopeia buhle mit Ktesippos –
auch dieser ist kein übler Held, ein Kerlchen
wie'n Bergstier, der noch nie ein Joch gefühlt hat –,
allein, ich glaube nicht, daß sie ihn vorzieht.
Viel eher etwa den Amphinomos:
denn oft verschlingt er sie mit seinem Blick,
in dem Begehrlichkeit aufzuckt wie Feuer.
Und sie wird rot und blaß, die Heuchlerin,
und birgt die schwimmenden Augen scheu im Schoß.
Oh, sie versteckt sich, doch man muß sie kennen.
Dann sieht man, wie ihr Blick auf Diebstahl ausgeht.
Man sieht noch mehr: verräterisch beben ihr
Nüstern und Mund in heimlicher Verzückung,
so daß die marmorkühle Göttin wankt
und ihre keuschverhüllten beiden Knie
den Trägerdienst versagen und sich weichend
unmerklich vor dem Pfeil des Eros auftun.
O heiße rote Blume! lüsterner
und trügerischer Schnee, der durstige Flammen
des brennenden Sommers hier nur scheinbar einhüllt.
Es kommt ein Tag, und alles wogt in Glut.
Weh dem, der diese falsche Hera heimführt,
selbst des Athleten wartet langes Siechtum.
Gestauter Liebe Wut läßt ihn nicht los,
und eingeschnürt in solcher Spinne Netz,
empfängt er Biß auf Biß und muß verbluten.

Noemon

Wenn nun Odysseus wiederkäme, o
du ziegelbrauner Dämon, wäre er
dann nicht ein Greis? Was glaubst du, würde da
mit ihm die Herrin wohl zufrieden sein?

Melantho

Zufrieden, sie, mit einem Greise? Ei,
er komme, er versuch' es! Häng mich selbst,
gibt sie ihn nicht sogleich der Meute preis
und läßt von ihren Buhlern ihn zerfleischen.

Laertes

Ein schlechtes Weibsstück, diese Magd.

Odysseus

Wahrhaftig.

Er stellt sich frierend und ängstlich

Ich ängste mich, ich ängste mich!

Laertes

Auch ich!
Doch ich weiß Höhlen voller Laub. Komm mit mir.
Wir wollen in den Bergen uns verstecken.

Odysseus

Es ist nicht wahr, daß ich Odysseus bin,
so kann mein Weib mich mit Bluthunden auch
zu Tod nicht hetzen. Hab' ich recht? Und wenn
ich's wäre, Vater, schwieg' ich mäuschenstill.

Laertes

Ha ha ha ha! du bist mein Sohn Odysseus?
Warum nicht, wenn doch ich sein Vater bin!?
In meinen Lumpen steckt Odysseus' Vater.
Nein, nein, ich log: Laertes bin ich nicht,
und also kann mich meine Schwieger auch
nicht hetzen mit Bluthunden. Wär' ich's aber,
macht' ich's wie du und schwiege mäuschenstill.

Odysseus röchelt und überdeckt das Gesicht des Laertes mit rasenden Küssen.

Laertes

Was machst du?

Odysseus

Meinen Vater küss' ich. Soll
ich ihn nicht küssen, wenn ich sein geheiligt Haupt
nach mehr als zwanzig Jahren wiedersehe?
Drück mich nicht von dir, denn sonst birst mein Herz,
brennt mir vor Graun mein Eingeweid zu Asche.

Laertes

Leck mich nur ab, leck mich nur ab, Kamerad.
Zwar hatt' ich keinen Bruder, doch du gleichst mir.
Die Götter ließen dich einschrumpfen, ließen
dein Haupt wie meins bebrüten von den Geiern
der Trübsal, und in ausgezehrter Höhlung
flattern bei dir und mir verstaubte Motten.
Komm, laß uns lallen. Mag die halbgelähmte
Zunge kindischer Greise Torheit plappern.
Klingt es auch hölzern, so erinnr' ich mich
trotz aller Musen keines besseren Klangs.
Entehrte Greise sind der Götter Labsal.
Wo kommst du her?

Odysseus

In eines Räuberschiffes
Bauch lebt' ich fürchterliche Jahre, bis
ich alt und krank ward und die Ruderknechte
mich ganz Entkräfteten aussetzten. Schlafend
schleppten sie mich hierher an euern Strand.
Dies war ein wunderlicher Schlaf, o Greis,
und ein Erwachen wie aus tausend Toden.

Laertes

Du sprichst nicht übel. Doch wie meinst du das?

Odysseus

Ich plappre nur so gradaus, was mir einfällt,
und weiß nicht was und kann mich nicht erinnern.

Laertes

Die so tun, sind der Götter Lieblinge.
Auf, Götterliebling, komm und laß uns tanzen.

Noemon

hält sich die Seiten vor Lachen

Ward so was je erhört: zwei Bettler, taub
und krumm und steif und lahmgezogen von
Gicht, Alter und Entbehrung, tanzen, und
sie küssen sich und lecken sich die Schnauzen!?

Melantho

hält sich kreischend die Seiten

Dies dacht' ich nie zu sehn, und es geschieht
gewiß zum erstenmal, seitdem die Welt steht.

Laertes

Ich tanz' und krau' dich hinterm Ohr, Kamerad.

Odysseus

Das gleiche tu' ich dir, mein alter Vater.

Laertes

O sähe doch Odysseus, wie mir's wohlgeht!

Odysseus

Weh mir!

Laertes

hält erschreckt inne

Was schreist du so? wer schlägt dich?

Odysseus

Wehe!

Mit lautem Gelächter haben Noemon und Melantho den Tanz der Bettler begleitet. Odysseus ist vor Laertes niedergekniet und küßt ihm aufs neue wie rasend Hände und Knie. Indessen hat Melantho den Riegel des Haupttors zurückgeschoben und läßt ihren Vater, den Ziegenhirten Melantheus, ein.

Melantheus

ein unruhiger, spitznäsiger, dreister Mensch mit tückischen Augen

Ein alter Ziegenbock ist mir entlaufen,
ich hört' ihn meckern, und hier find' ich ihn.

Er zieht unter allgemeinem Gelächter Laertes am Barte.

Im Käfig können wir dies Wundertier
führen von Sparta bis Athen, auf alle
Märkte von Hellas, als den letzten aller
Arkeisiaden. Tanze! lerne tanzen,
Laertes! tanze, alter geiler Bock,
und sage den Gaffern, was für ein Geschmeiß
du einst aus dieser Lenden Kraft gezeugt hast.

Laertes

Wie nennst du mich? Ich bin es nicht. Du lügst!
Bin nicht Laertes, bin ein armer Bettler.

Melantheus

Du bist's geworden, und so nimm denn dies.

Er schlägt ihn. Eumaios tritt mit dem Bogen des Odysseus aus dem Hause. Laertes läuft davon.

Eumaios

Was geht hier vor?

Odysseus

heult, schreit, gebärdet sich wahnsinnig

Sie haben meinen Vater
geschlagen! meinen Vater haben sie
geschlagen! meinen Vater! hu! hu! hu!

Durch das offene Tor kommen in stolzer Haltung und bewaffnet die Freier Antinoos, Amphinomos, Ktesippos und Eurymachos. Die bedeutendste Erscheinung ist der dreißigjährige Antinoos, nächst ihm Eurymachos.

Eumaios

Wer hat, ihr Knechte, gegen mein Gebot
das Tor geöffnet?

Noemon

Diese Hündin tat es.

Er weist auf Melantho.

Eumaios

Wer gab dir die Erlaubnis, es zu tun?

Melantho

Ich hörte meines Vaters Stimme rufen.

Eumaios

Mein Ruf, nicht deines Vaters Ruf ist hier
Befehl, Melantho. Schnür dein Bündel denn
und folge deinem Vater dorthin, wo
sein Wort regiert.

Melantho

Dies war mein Wille längst,
und nur gezwungen hielt ich's bei dir aus.

Sie geht ab.

Eumaios

Nun, um so besser.

Melantheus

Sie wird gehen, Sauhirt,
sofern es diese hier zulassen, die
mächtigen Fürsten, die sie einließ und
also geziemend zu empfangen wußte:
anders als du, der Knecht, der sich den Herrn dünkt.

Ktesippos

Er ist ein Knecht von zween Leichen, die
im Meere draußen bersten.

Eumaios

Sei es denn
so und nicht anders, Held Ktesippos. Muß
ich nur nicht dein Knecht sein, bin ich zufrieden.

Melantheus

Sagt' ich zuviel, ihr Herrscher? Dieser Alte
führt furchtlos unverschämte Reden und
bringt sich mit seiner Zunge um den Hals.

Antinoos

Genug. Wir sind bescheidne Gäste, Sauhirt.
Man sagt, du seist ein Neunmalkluger, hörtest
die Eicheln wachsen und das Gras. Die alten
Weibsen, die unten in der Stadt den Abfall
nach leckren Bissen durcheinanderstökern,
heißen dich einen heiligen Seher, der
täglich den fürchterlichen Völkerhirten
Odysseus auf der Insel landen sieht,
ein Ding, um Säuglinge zu ängstigen.
Nun aber sieh mich immer forschend an,
als war' ich deine Sphinx, du Ödipus
im Saustall! Dies sind meine Rätselfragen:
Weißt du hier jemand, der es sich getraut,
nachts mit den Hunden Fürstensöhne, Herrscher
wie Waldgetier zu jagen?

Eumaios

Ja, beim Zeus,
ich kenne einen solchen Mann: Odysseus.

Antinoos

Du hast es schlecht geraten, Ödipus!

Eumaios

Frag die gehetzten Fürsten denn nach ihm.

Antinoos

Wenn du ein Seher bist, was siehst du nicht?

Eumaios

Was, Held Antinoos, willst du, soll ich sehen?

Antinoos

Zuvörderst richte deinen Blick auf mich.

Eumaios

Ungern, doch kann ich's dir nicht wohl verweigern.

Antinoos

Was steht auf meiner Stirn geschrieben, Hirt?

Eumaios

Wär' ich des Lesens kundig, könnt' ich's wissen.

Antinoos

Dein Urteil! Dein Verhängnis und dein Tod!
Macht Zeus mich je zum Herrscher über euch –
ich schwör's beim Styx, hörst du –, so mußt du baumeln!

Eumaios

Auch ich, sobald ich Herr bin, hänge dich.

Die Freier brechen in ein gezwungenes Gelächter aus.

Eurymachos

Antinoos, dein Feind ist witzig.

Ktesippos

Weißt du,
was ich mit deinem Leichnam tue, Sauhirt,
wenn ich hier Herr bin?

Eumaios

Nein, wie sollt' ich?

Ktesippos

Nicht?!
Ich würde schreien: Schmeißt ihn vor die Säue!

Eumaios

Du schreist zuviel, Ktesippos, und du wirst
zuviel beschrieen: schone deine Stimme.

Eurymachos

Nun bleibt dir noch zu wissen übrig, Sauhirt,
was du von mir, bin ich erst Herrscher, zu
befahren hast. Du bleibst mein Freund, nimmst Gold
und gibst mir deine Enkelin als Kebsweib.

Amphinomos

Und kurz, wo ist nun dein Meerwunder, Fürst?
Deine Lampetia oder Phaethusa,
die Nymphe, die den Schlaf dir raubt.

Ktesippos

Hier ist sie.

Leukone, ein Wassergefäß auf der Schulter tragend, geht über den Hof.

Odysseus

stürzt ihr mit närrischer Angst vor die Füße

Du Hochherwandelnde, du Zauberin!
Furchtbare Göttin Kirke, die du alle
in Schweine wandelst, die dein Zauber anzieht,
hab Mitleid mit den Fürsten.

Ktesippos

Dieser Bettler
ist toll.

Leukone

Allein, er spricht die Wahrheit, Fürsten.
Nur daß ich nicht die Göttin selber bin,
sondern der hehren Nymphe Magd, die alle
auf Ithaka so fürchterlich verwandelt.

Antinoos

Seht, wie sie zürnt, die Himmlische. Schuf je
ein Meister, wär's auch Daidalos, wie hier
von Elfenbein und Gold ein gleiches Bildwerk?

Odysseus

eilt närrisch geschäftig zu Antinoos und drückt ihm etwas in die Hand

Schnell, schnell, nimm dies, o Held, und rette dich!

Antinoos

Was will der kindische Greise?

Odysseus

Schließ die Hand
und halte, was du hast und was ich dir
gegeben, Fürst!

Eurymachos

Was gab er dir?

Antinoos

weist die leere Hand

Da: Nichts.

Odysseus

Das Blümchen Moly war's, das mir Hermeias,
der Götterbote, einst verehrte, der
mit goldnem Stab mich grüßte auf Aiaia.
Dies ist die Insel Kirkes, deren Mutter
war Perse und ihr Vater Helios.
Der Göttin Ställe sind voll Schweine, die
einst Helden waren. Nur das Blümchen Moly
hat vor dem gleichen Schicksal mich bewahrt.
Gebt acht, ihr Helden, lauscht! auch hier erklingt,
auf Ithaka, der Göttin Webstuhl. Fürchtet
der heiligen Web'rin sinnbetörenden
Gesang und ihren Trank aus Gift und Honig.

Leukone ist weitergeschritten und verschwunden.

Eurymachos

Recht hast du, Held Antinoos. Du willst
die Erbschaft Telemachs antreten, eh
du des Odysseus Erbschaft antrittst.

Antinoos

Beim
allmächt'gen Zeus, Eurymachos, so soll
es sein! Wird sie je deine Kebse,
so fress' ich Kirkes Treber.

Eumaios

Nun, ihr Männer,
spült euch den Mund und wascht die Hände. Dort
im Krug ist Wasser.

Amphinomos

Deine Pallas trug
Kaldaunen oder Schweinemagen, wie
mir vorkam, übern Hof.

Ktesippos

Flugs mach dich an sie.
Der Knabe Telemach wird ihr das Bett
doch nicht mehr wärmen: 's ist ein kalter Freund.

Melantheus

Dies weiß der Sauhirt nicht: die Schiffer hocken
am Strand und spähn ins Meer und warten, daß
sein Leichnam, überhüpft von Geiern, antreibt.

Odysseus

ruft

Sei klug, o Gastfreund, gib Antinoos,
dem König, deine Enkelin zur Kebse!

Eumaios

König wird der, der diesen Bogen spannt,
kein anderer! den Bogen des Odysseus.
Ich will dem Herrn, der diesen Bogen biegt,
mich selber biegen, aber keinem schwächren.

Antinoos

Genug, wir sind ermüdet, Sauhirt, und
wir wollen essen, weiter nichts. Dein Wein
sei gut, sagt uns Melantheus, und dein Brot.
Du wirst uns beides nicht versagen.

Eumaios

Zeus
verhüte! Nicht dem Bettler, der mich anspricht.

Ktesippos

Hinein zu Telemachens Leichenschmaus!

Die Freier gehen lachend ins Wohnhaus. Mit ihnen Melantheus und Eumaios, der den Bogen des Odysseus mitnimmt.

Odysseus

ruft ihnen nach

Nehmt auch das Blümlein Moly mit, ich rat' euch!

Wie er ihnen nachblickt, unverwandten Auges, wird seine Haltung drohend, er scheint zu wachsen. Das geschlachtete Schwein wird von Noemon und hinzugekommenen anderen Knechten fortgetragen. Aus einer Tür, der gegenüber, in welche die Freier verschwunden sind, kommen Telemach und Leukone.

Telemach

erblickt Odysseus, der ihm den Rücken zukehrt

Wer ist der Mann?

Leukone

Ein Fremder! – Nein, der Bettler,
an dem du dich erst jüngst noch ärgertest.

Odysseus merkt, daß er beobachtet wird, und krümmt sich zu seiner alten Bettlergestalt.

Telemach

Richtig! nur wenig fehlte, und ich sah
in diesem Jammerbilde Herakles:
so ist mein Sinn verstört durch deine Nachricht.

Leukone

ihn begütigend bei der Hand haltend

O Telemach, verstörter Sinn wirkt Unheil.
Bleib, geh nicht zu den Männern in den Saal:
sie stellen sich, als wärest du ertrunken.
Vielleicht auch täuscht sie eine falsche Nachricht.
Allein, wer weiß? Heimtückisch droht ihr Blick.

Telemach

Wenn ich im Saal der Mutter früher,
eh ich nach Sparta ging, die Freier sah,
so war ich wohl ein Lämmlein unter Wölfen.
Nun hass' ich jeden wie der Wolf das Lamm.
Laß mich: sie mögen sehn, daß ich noch lebe.

Leukone

Bist du ein Wolf, sind diese doch nicht Lämmer.
Dein Vater war Athenens Liebling, sei
der Göttin und des Vaters eingedenk,
des Meisters in den Künsten der Verstellung.

Telemach

Und weshalb stiegen sie zu euch herauf?

Leukone

Dies zu erfahren, laß uns listig sein!
Geduld!

Telemach

Nichts von Geduld! Es ist genug,
wenn diese Hunde meines Vaters Halle
besudeln, auf den Polstern dünsten, sich
ausspeien an die bildgeschmückte Wand.
Es ist genug, mich dünkt, was sie dort tun,
im königlichen Saale meines Vaters,
dem lieben, dem geheiligten, wo sich
die Schmach der Arkeisiaden mit dem Unrat
ihrer verfluchten Leiber mengt und von
den heiligen Säulen des Palastes rieselt.
O ekelhafte Schande! seh' ich nur
von ferne blitzen dies entehrte Dach,
so würgt mich Qual, die bittre Galle tritt
mir in den Mund, und schwarz vor Gram und Wut
seh' ich die Welt. Doch nun nicht weiter! Spreche
mir niemand von Geduld! Es ist genug!
Ich will hinein! ich will sie züchtigen!
Denn daß sie mir nachschleichen, meine Fährte
beschnüffeln, mich zum jagdbarn Wilde machen,
mich graben wie den Dachs in seinem Bau,
davor sei Zeus!

Er stürmt vor.

Odysseus

verstellt ihm den Hauseingang

Halt ein. Siehst du die Göttin,
die mahnende, nicht hinter dir?

Telemach

Wer bist du?
Und welche Göttin siehst du, Mensch?

Odysseus

Die aus
dem Haupt des Zeus Entsproßne seh' ich, Pallas.

Leukone

Schlag dieses Mannes Ruf nicht in den Wind,
o Liebster! denn von Leid und Alter wirr
und kindisch, rührt ihn doch mitunter etwas
wie heiliger Wahnsinn an, und er sieht Götter.

Odysseus

Ich sehe Götter auf der Erde wandeln.

Telemach

Bist du mehr, als du scheinst? Bist du vielleicht
ein Seher, der dem Herrscher, dem er diente,
Unglück verkündete und darum etwa
von ihm verstoßen ward, so nenne dich!
Bist du ein Freund der Götter, sei auch meiner.

Odysseus

Nenne mich Niemand, Knabe, ich bin Niemand.

Telemach

Du bist nicht niemand, und ich bin kein Knabe.
Tritt denn beiseit.

Odysseus

Niemand schlug Polyphem!
Niemand ist listig wie dein Vater.

Telemach

Zeus,
erleuchte dieses Narren Kopf!

Odysseus

Dies walte
der Alleswaltende!

Telemach

Und mich dazu!

Odysseus

Den Vater und den Sohn, o Telemach.

Telemach

unwillkürlich, betroffen von der Stimme des Bettlers

Wer ruft?

Odysseus

Was schrickst du so zusammen, wenn
dich Niemand ruft? Du hast in deinem Herzen
Niemand verraten! Du willst herrschen! Du
warst noch ein Knabe, als dich Niemand oft
bei Namen rief und du »Hier, Vater« ihm
antwortetest! Und doch, was schillerte
dein Auge anderes denn Mord, als du vorhin
Niemandes Tod verkündet. Niemand lebt!
Er ist nicht tot! Niemand verlangt's, die Göttin
wiederzusehen, zu gebieten wie
in alten Zeiten in dem Seinen! Niemand
liebt dich! Niemandes Zunge klebt
trocken vor Bitternis am Gaumen so
wie deine, wenn er seines Hauses Schmach
im Herzen wälzt. Der schwarze Mord umwittert
Niemandes Haupt! Gib Niemands Bogen ihm,
den niemand außer Niemand spannt, er wird
so viele Pfeile wählen und sie tauchen
in schwarzes Buhlerblut, als Werber sind
um deine Mutter unten im Palaste.

Telemach

Wer bist du?

Odysseus

Ein Verzweifelter! Leb wohl! –

Telemach

Bleib! oder geh! geh! Kehre niemals wieder!

Odysseus

Ja, Knabe, du hast recht, stoß mich hinab!
Warum nicht? Ist das Rund der Erde denn
für Lebende nicht eng genug? Ist nicht
kostbar der Fußbreit Moder, den der Strahl
des Sonnengottes küßt? Wo bliebe doch
die Erde, wälzte die gestaute Flut
des Styx, des Acheron darüber sich
mit seinem schwarzen Ozean von Leichen?
Dort laß sie ruhn, im Acheron, die Toten.
Dort liegen sie gehäuft bis an den Mond,
der mit dem schwachen Licht des Grausens und
Entsetzens Berg und Tale übersickert,
die nie auch nur des Geiers Flug belebt.
Dort find' ich Platz, und niemand braucht zu rücken.

Telemach

Geh, laß mit diesem Manne mich allein.

Rückschreitend entfernt sich Leukone. Telemach fährt fort

Seit ich zum erstenmal dich sah, ward ich
erregt zum Mitleid halb und halb zum Grauen.
Du starrst von Unflat, deine Augen quellen
aus blut'gen Rändern, deine Brauen sind
verfilzt und buschig. Deine Lippe trieft
und feuchtet dein verfilztes Bartgestrüpp,
das kein Schermesser sah seit vielen Jahren.
Spärlich bedecken Lumpen deinen Leib,
den ausgemergelten, von Hunger, Siechtum und
Alter gekrümmten. Deines Mundes Laute
sind stammelnd. Deiner Brust entringt sich pfeifend
und röchelnd ein verdorbner Atem. Du
starrst grinsend bald und blöde vor dich hin,
bald blökst du laut und blöde wie ein Tier,
kurz, scheinst besessen und entwürdigt und
gebunden in unheilbaren Wahnsinns Nacht.
Doch dann auf einmal ist es mir, als wärest
du weder alt noch krank noch arm noch hilflos
und aus dem Grunde deiner Seele winke
mir immer etwas heimlich zu: 'ne Weisheit,
'ne Wahrheit durch den Gauklerwirrwarr, der
mir vor den Augen steht und mich anekelt.
Willst du mir etwas sagen: rede! Hast
du eine Botschaft auszurichten: sprich!
Du siehst in mir den König dieser Insel,
der dir gebieten und dich schützen kann.

Odysseus

Wenn du der König dieser Insel bist,
so bin ich wohl ein Bettler: außer du
hüllst mich in deinen Purpur, setzest mich
auf deinen goldnen Stuhl, in dem du thronest.
O Telemach, dann wollt' ich von dem Sitze
mich wahrhaft heben als der Zürnende,
aufstehen wollt' ich und mich hoch empor
in schrecklich klirrender Rüstung richten als
der Rächende, der Strafende, Odysseus.
Was zitterst du?

Telemach

bleich

Vor deinem Wahnsinn, Greis,
der meines Vaters heil'ge Kraft sich anmaßt.
Und mehr noch vor dem Heros, dessen Ruhm,
der unerreichliche, dich blendete
und deine Seele aus den Angeln hob.

Odysseus

Mein Ruhm ist Fremder Eigentum, nicht meines,
o Telemach, Freund seines Ruhmes und
nicht deines Vaters! Doch du bist zu jung,
nur um zu wissen, was der Ruhm, geschweige
ein Mann und eines Mannes Schicksal ist
und wie sich Welt und Götter ihm – und Welt
und Götter ihn verwandeln müssen, ehe
er reif ist für den Tod, dem er stets zuläuft. –
Du würdest deinen Vater, sag' ich dir,
wenn er einst wiederkäme, nicht erkennen.

Telemach

Erkennen würd' ich ihn beim ersten Blick.

Odysseus

Ich schwöre beim Zeus, du würdest deinen Vater
nicht sehn, nicht hören, wenn er vor dir stünde
und mit dir redete wie ich mit dir!

Telemach

Und ich, beim Donnerer, schwöre: mit dem ersten
Laut seines Mundes müßt' ich meinen Vater
erkennen!

Odysseus

mit furchtbarem Lächeln

Nun? Und du erkennst mich nicht?!

Leukone kommt wieder.

Leukone

Mich litt es nicht entfernt von dir. Du mußt
erfahren, welches Wunder sich soeben
zutrug, als du mit unsrem Gastfreund dich,
dem leidverfolgten, unterredest.
Dies ist gewiß, er bringt uns Glück, nicht Unheil.
Seit Monden dörret wasserlose Zeit
den Boden unsres Eilands aus. Das Bett
des Stromes stäubt im Wind von trocknem Flugsand.
Nur hier und da floß noch versteckt ein Brunnquell.
Auch dies Gehöft, seit Monden wasserlos,
war übel dran, mit seiner Menge von
Menschen und Tieren, die der Durst verzehrte.
Nun fängt es allenthalben an zu sprudeln,
durch jede Röhre drängt kristallnes Naß,
und überfließend steht schon jeder Steintrog.
Auch hier erwacht der Lebensborn: sieh her.

Sie zeigt Telemach den Röhrenbrunnen, der in der Tat eben mit großer Macht zu fließen begonnen hat. Nun kommen voll Heiterkeit und mit großem Gelächter, im lauten, munteren Gespräch, etwa dreißig Hirten, verschiedenen Alters, Knechte des Eumaios, hereingestürmt. Ohne vorher auf irgend etwas anderes zu achten, stürzen alle an den fließenden Brunnen, um ihren Durst zu löschen. Jeder will zuerst trinken, sie drängen einander von der Röhre weg und schlürfen direkt vom Rohr oder aus hohlen Händen. Einige bespritzen einander voll Übermut. Unter den Hirten sind: Glaukos, Lykurgos, Idomeneus, Hektor, Lamon, Dryas, Euphorion. Zu ihnen treten Noemon und Melantho.

Lykurgos

Die Nymphen sind uns längst vorausgeeilt.
Seht doch, wie hier der kalte Born schon sprudelt.

Dryas

Dies ist ein großes Wunder, Jünglinge.
Zwar murrt der Donner des Kroniden schon
seit Tagen um die Schultern des Neriton,
doch noch kein Tropfen Wassers fiel herab
noch quoll von unten auf, den Quellgrund netzend.

Noemon

Wer hat euch hergerufen, Jünglinge?

Lykurgos

Die heiligen Nymphen dieses Borns, sonst niemand.

Dryas

Mich rief 'ne Stimme unten aus dem Walde
und hieß mich hierher eilen auf den Hof.

Euphorion

Auch mich.

Idomeneus

Die gleiche Stimme rief auch mich.

Lamon

Auch mich rief eine solche Stimme an,
ihr Hirten, der ich doch mit meinen Ebern
entfernt von euch im Tal der Pinien lagre.

Melantho

Wie kommt's, daß ihr zu gleicher Zeit hier einstürmt?

Alle

Dies war uns so wie dir verwunderlich,
als wir einander trafen vor dem Hoftor.

Melantho

Was faselt ihr von Stimmen Unsichtbarer?
Ihr seid wie Fliegen, und ihr riecht die Fleischbank.

Idomeneus

der zurückkehrt, nachdem er sich in den anstoßenden Höfen umgesehen hat. Er dreht sich mit erhobenen Händen einige Male wie im Tanz

O Nymphen! O Pan! Tut Efeu euch ums Haupt!
Eumaios hat geschlachtet. Im Obstgarten
düftelt bereits, mit Glut bedeckt, das Mastschwein,
und thymianduftig quillt ein dicker Weihrauch.

Alle

begeistert

O Nymphen! O Pan!

Dryas

Wo ist ein andrer Wirt
wie unserer so biedren Herzens? einer,
der alles Gute mit den Seinen teilt,
nicht nur die Arbeit.

Euphorion

legt einen beliebigen knorrigen Holzpflock in der Nähe des Brunnens auf einen erhöhten Platz

Du seist Priap! Laßt
uns tanzen, Jünglinge! Und Glaukos nimmt
die Syrinx an den Mund zur Ehre Pans,
und auch den Töchtern des Allvaters Zeus
zur Ehre ihrer frohen Wiederkehr.
Mögen die heiligen Nymphen immer wissen,
wie sehr sie dem geringsten unter uns
willkommen sind und wie wir, dankbar ihrer
Wohltaten stets gedenkend, fromm und gut sind.

Alle

indem sie einen Reigentanz um den Priapos beginnen, durcheinander

Ein Priaplied! Ein Nymphenlied! Ein Lied
zu Ehren des Zeus, der Nymphen und des Pan!

Leukone

da Odysseus still für sich weint

Da unsre Hirten froh sind, warum weinst du?

Odysseus

Soll der nicht weinen, dem ein Himmlischer
im Spiegel zeigt, was er verlor? Ich war
wie sie. Die goldne Heimat gab
mir goldne Früchte, reichlich goldnen Wein
und goldnes Glück. Und kam ich etwa, seit
ich von der Heimat schied, näher den Göttern?
Sie wohnen Wand an Wand dem großen Pan
benachbart. Ihre Herden hüten sie,
die Hirten, und er ist der Hirten Hirt.
Als wir um Ilion uns würgten, sproßte
hier auf des Muttereilands unberührten
friedsamen Bergeshöhen diese Saat
von Jünglingen! Sind es dieselben, die
ich zu des Krieges Schlachtbank einst hinschleppte
und die wie Halme neu emporgeblüht,
nachdem der Schnitter sie geschnitten? Nein.
Sie kennen mich nicht, und die Gefährten kehren
nicht wieder, die ich in die Nacht hinabstieß. –

Man hört außerhalb des Hofes einen weichen, gedehnten Hornton. Die Hirten unterbrechen den Tanz.

Hektor

Hört ihr den langgezognen Hornton, Hirten?

Alle

Was ist's? Wo kommt er her? Er weckte mich
des Nachts! erschreckte mich und meine Herde.
Kam aus der Erde bald, bald aus den Wolken.
Und manchmal war die Nacht bei seinem Klang
in jähes, kurzes, stummes Licht getaucht.

Hektor

Traut einem alten Schweinehirten. Zum
Olymp wird jeder Berg, sofern die Götter
es wollen, und der Wissende erkennt,
wo sie zur Ratsversammlung sich versammeln.
Da fliegt der Götterbote ab und zu.
Die Wolke murrt. Der Höhenrauch in Schwaden
zieht um. Die Schwalbe kreischt. Die Schafe bellen
wie Wölfe, und im Hafen hebt der Meergreis
Phorkys den weißen Scheitel aus der Salzflut.
Schon einmal traf dies zu auf Ithaka,
einst, da Odysseus, unser König, auszog
gen Troja. – Ach, er kehrte nie zurück! –
Der Bauer sah zu jener Zeit Demeter
durchs grüne Korn herschreiten. Pallas lehnte
geharnischt an des Tempels heiliger Pappel,
Pan tobte durch die Syrinx so wie heut,
als wär' das grüne Rohr ein rauhes Stierhorn.
All dies bedeutet etwas, glaubt es mir.

Odysseus

tritt unter die Hirten mit den Bewegungen eines Blinden

Hirten, Apoll nahm mir das Licht, er machte
mir eine weiße Binde übers Auge.
Doch dafür gab er mir die innre Sehkraft.
Hört denn: ich weiß und fühle, was heranschleicht.
Dies ist das Horn des kriegerischen Pan,
dem ihr das Heiligtum errichtet habt
am Koraxfelsen. Habt ihr selber ihn
nicht Pan, den Kriegerischen zubenannt?
Nehmt Waffen! Hole jeder seinen Speer,
und wenn Eumaios winkt, der Herr des Hofes,
so seid bereit und stürzt euch auf den Feind.

Melantho

Du grindiger, verfluchter Pracher! du
verlaustes, widriges, verdammtes Unflat!
Nun schere dich, nun packe dich vom Hof,
wenn du nicht willst, daß ich die Zunge dir
ausreiße, list'ger, hintertückischer Lumpenhund!
Dies sollen sie erfahren, was du anstellst,
kriechende Viper! ja, erfahren sollen's
die Fürsten, die dies Haus beehren und
die dort im Saal sind. Wart nur: eine Schlinge
ist schnell genug gemacht, und baumeln sollst du,
Einschleicher, bald genug am nächsten Birnbaum.

Odysseus

Schlagt sie in Fesseln, knebelt sie und werft sie
in einen Kerker, wo kein Lichtstrahl eindringt.
Kein andrer ist's als Zeus, der's euch befiehlt.

Es blitzt, fast gleichzeitig Donnerschlag. Die Hirten ducken sich wie unter einem Peitschenhieb und tun, was ihnen anbefohlen ward. Melantho, vom Schreck gelähmt, wird fortgeschleppt. – Hierauf unterirdischer Donner.

Poseidaon, antwortest du dem Gotte,
des Braue mir Gewährung eben winkt?
Antwortest du dem Wetterleuchtenden
trotzig auf alten Groll mit deines Abgrunds
rollendem Donner? Färbst du rings die See
schwarz in ohnmächt'ger Wut? Hier steh' ich, hier!
Und achte deiner nicht. Denn draußen liegt
auf deinem Meer der Pallas weißer Schild
und gleißt herauf zu mir, sosehr es nachtet.
Laß die Gestade donnern, Schrecklicher.
Gelb dampft der Strand! nur zu! rolle nur immer
im galligen maßlosen Grimme mächtige
schwarzgrüne Platten schweren Erzes und
zerbrich am Felsen sie zu weißem Staub!
Ich hasse dich und spotte deiner, hier
von sichrer Klippe, die du doch nicht einschluckst.
Recht so! mach auch die Berge wogen! Recht so,
du zahnloses, neidgrünes, pantschendes
Waschweib! Um mehr zu leiden, litt ich schon
zu viel: so oder so, ich bin am Ziele.

Er fällt auf das Angesicht und bleibt regungslos liegen. Inzwischen ist ein Wetter aufgezogen mit einem düsteren, schwefelgelben Licht. Öftere schwache Blitze und schwaches Donnermurren. Wolken formen, bewegen sich schweigend und gigantisch wie finstere, zergehende Gebirge. Außer Odysseus sind nur Telemach und Leukone auf dem Hof zurückgeblieben.

Telemach

Wo ist er? Sank er in die Erde?

Leukone

Nein!

Er betet, scheint es, zu den Himmlischen.

Telemach

So betet er, die Flüche abzuwaschen,
die er noch eben ausstieß?

Leukone

Telemach,
er ist ein Seher und des Gottes voll.
Er schäumt! Er windet sich in Zuckungen!

Telemach

Und auch die Erde zuckt. Sie zuckt! Mich schwindelt's.

Leukone

O Telemach, ist dies kein Halbgott? Sammelte
dies Seherhaupt nicht Strahlen?

Telemach

Wehe!

Leukone

Und
lieh ihm der Göttervater nicht den Strahl
auf seinen Anruf?

Telemach

Wehe!

Leukone

Schrecklich war
sein Hadern. Doch der Speer in meiner Hand
begann zu glühn, indes er schmähte! Und
mir war, ich wüchse, trüge Helm und Schild
und müßte kämpfen ihm zur Seite, wär's
auch wider Götter. Übermächtig ist
sein Leid und setzt die Himmlischen ins Unrecht.

Telemach

Zeus! Wetterleuchtender! Du machtest mich
zum Manne, um mich wieder zu entmündigen.
Was schickst du diesen fürchterlichen Gaukler
und leihst ihm deinen Donner? Allzu helles
Leuchten macht blind, und allzu lauter Schlag
weckt nicht, noch macht er hören: er macht taub.
O heil'ge Weiten! heil'ge Weiten! fliehn!
Wär' seine Irrfahrt wirklich denn zu Ende,
des Manns, des Namen ich nicht nennen mag,
so ist der Tummelplatz, ist der Irrgarten
der Welt nun leer. Und Götter brauchen immer
ein neues Spielzeug: fort! ich will es sein.

Leukone

O Telemach, wie bist du so verwandelt!

Telemach

Ich wanke, greife hilflos um mich her
und taumle.

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