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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Der Bogen des Odysseus

Gerhart Hauptmann: Der Bogen des Odysseus - Kapitel 4
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleDer Bogen des Odysseus
printrun
editorHans-Egon Hass
publisher
year1965
isbn3549051427
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170203
projectid8d5112a3
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Zweiter Akt

Inneres im Anwesen des Sauhirten Eumaios. Rohe Steinwände. Im Hintergrund der Herd mit glimmendem Feuer, darüber ein rußiger Rauchabzug. Das ganze längliche Gemach ist von Ruß geschwärzt. Neben dem Herd setzt sich der Raum in andere Räumlichkeiten fort, die zu Wirtschaftszwecken dienen. Es sind dort Kesselanlagen zur Bereitung des Viehfutters, man sieht Amphoren zur Aufbewahrung von Wein usw. Der Fußboden besteht aus unregelmäßigen Steinplatten.

Das vordere Gemach enthält in der linken und rechten Wand je eine Tür. Die der linken Wand bleibt verschlossen. Ein langer, sehr alter hölzerner Tisch nimmt den größten Teil des Raumes ein. Hier pflegt Eumaios mit seinen Mägden und Knechten die Mahlzeit einzunehmen.

Im anstoßenden Raume ist Melantho beschäftigt. An ihr vorüber kommt Leukone nach vorn. Sie trägt eine Schüssel mit Wasser in den Händen.

Melantho

Wo bleibst du? und was gibt es vor dem Hoftor?

Leukone

Einen, der zu uns paßt mit seinem Unglück.

Durch die Tür rechts, die sich öffnet, kommen der Bettler und Eumaios, jener von diesem gestützt, aus dem Hofe herein.

Eumaios

Ich sah noch keinen, der wie du, o Mann,
so tiefe Demut lernte. Richte dich
empor! Vergiß, und sei's auf kurze Zeit,
die Mühsal deines Kampfs und deiner Jahre!

Odysseus

Oh, was vergaß ich nicht!

Eumaios

Nimm Platz und laß
Melantho dir die Füße waschen. Komm,
Magd, tu dem armen Greisen diesen Dienst.

Melantho

hereinblickend, dreist

Fußwaschen dem verlausten Pracher dort?
Wär' es so weit mit mir gekommen, wehe!

Leukone

Dies ist mein Amt. Hier bin ich schon, Großvater.
Laß die Erboste ihrer Arbeit nachgehn.

Eumaios

Ja, tu das, Magd, geh deiner Arbeit nach;
doch wenn ich auch zusehe, deines Treibens
scheinbar nicht achte, einstmals kommt der Tag,
wo du dein Korn wirst hundertfältig ernten.

Odysseus

da Melantho höhnisch auflacht

Laßt an den Steinen dieses Herdes, in
die kalte Asche eingewühlt, mich rasten!
Und duldet mich so lange und vergeßt mich!

Eumaios

Du bist willkommen, nicht geduldet, Fremdling.

Odysseus

Dir! nicht den Himmlischen: willkommen dir
vielleicht, doch von den Himmlischen verflucht.

Er sinkt in die Asche nieder und wühlt darin, den Herd küssend.

Eumaios

Was tust du? Dieses schlichten Herdes Stein
birgt keinen Dämon, dich zu ängsten, nichts,
was du versöhnen müßtest oder fürchten:
er trägt ein gastlich Feuer dir und mir. –
Und nun, sei mannhaft! Bist du so verfolgt
um Schuld, so ist's um große Schuld, und du
warst groß und mannhaft einst in Schuld. Sei nun
nicht minder groß und mannhaft im Erdulden!

Odysseus

Laß mich die Flamme streicheln dieses Herdes
und mein entehrtes und verfluchtes Antlitz
tief in die Glut eindrücken: wie ein Kind
das Haupt verbirgt in seiner Mutter Schoß.
Laß mich!

Eumaios

Er ist von Sinnen.

Melantho

Oder ist
nicht mehr als ein gerißner Ferkeldieb,
der seinen Vorteil ausmacht.

Eumaios

Komm und iß.

Er und Leukone heben Odysseus auf und führen ihn an die Tafel, wo sie ihn niedersetzen. Indessen wendet sich Eumaios wieder an Melantho

Du aber zähme deine dreiste Zunge
ein wenig, du Rothaarige! Poche etwa
nicht auf tagscheue Räuber, die ich jüngst
schon einmal habe kläglich heimgesandt.

Melantho

Du tust mir nichts: du weißt, sie kommen wieder!
und dem geht's übel, der mir nur ein Haar krümmt.

Eumaios

Was bebst du unter meinen Händen und
blickst so voll Grauen?

Odysseus

Herr, ich fürchte mich.

Eumaios

Vor was?

Odysseus

Ich fürchte mich vor deinen Mägden.

Melantho

Da tust du gut. Und tische nur nicht etwa
ein Märlein von Odysseus' Heimkehr auf.

Odysseus

mit ersticktem Aufschrei

Niemals! denn wer dahin ist, kehrt nie wieder.

Melantho

Recht so! Betrüger peitscht man hier vom Hof.

Eumaios

Entweihst du dieses Mannes Gram, Melantho,
mit frechen Worten? Peinigst dem Verfolgten,
im Frieden dieses Hauses noch, den Schrei
der Furcht und des Entsetzens aus der Brust?
O ich erkenne, wo du dies gelernt hast! –
Gramvoller, dies ist nur ein Weib, nichtswürdig
und gottlos! Grob von Art! Sie weiß noch nicht,
daß einer, den der Fluch der Gottheit zeichnet,
der Gottheit Zeichen auf der Stirne trägt. –
Nun ist's genug, du Hündin, packe dich!

Während sich Melantho mit höhnischem Achselzucken entfernt, bringt Noemon, ein junger Schweinehirt, das gebratene Ferkel auf einer Schüssel herein und setzt es auf den Tisch. Eumaios fortfahrend

Des sei gewiß, o Greis, daß ich dich nicht
für einen jener Erzbetrüger nehme,
die uns mit Märlein jezuweilen etwa
daherschmarutzen von Odysseus' Heimkunft.
Nimm, was geboten wird, und letze dich. –
Du flüsterst?

Odysseus

Laß mich sinnen: Sage mir,
was Lüge ist.

Eumaios

Der Lügner weiß es, und
nicht minder weiß es, wer die Wahrheit spricht.

Odysseus

So bin ich zwischen Wahrheit eingeklemmt
und Lüge, über einem Abgrund. – Doch
genug.

Zu Leukone

Hab Dank! – Odysseus kehrt nie heim.

Er beginnt heißhungrig zu schlingen. Leukone geht in den anstoßenden Raum, von wo sie beobachtet.

Eumaios

Du sagst zu viel. Und weiß ich gleich, du kannst
nichts wissen von Odysseus, fremder Vater:
der leere Klang der Worte, die du aussprichst,
macht dennoch eine Wunde in mein Herz.
Du willst mir Wohltat nicht mit Wunden lohnen,
und was ist dir ein Name, sei es auch
der unsres Königs, daß du seiner nicht,
sei unser Herr lebendig oder tot,
entraten solltest: laß den Namen ruhn.

Odysseus

schlägt auf den Tisch, schreit

Zwölf Klaftern tief begrabt ihn in die Erde!

Eumaios

befremdet

Wen?

Odysseus

Nun, wen sonst, den König!

Eumaios

Wen?

Odysseus

Nun, ihn!
Fort mit ihm, sei's auch nur der Name, der
euch ängstet: scharrt ihn ein, er sei vergessen!

Eumaios

Odysseus' Name ängstet seine Feinde,
nicht aber uns.

Odysseus

Doch, Hirt!

Eumaios

Da irrst du dich!
Was weißt du von Odysseus!

Odysseus

Dies, sonst nichts:
An seinem Tisch ihn nennen bringt Gefahr!

Eumaios

Meinst du den Tisch, um den die Freier sitzen
und Werber um Penelopeias Hand,
die Schwelgertafel unten im Palaste,
so hast du recht, doch unrecht, wenn du meinst,
daß hier bei uns ein Name beßren Klang hat.
Nein! doch des Harrens müde – zwanzig Jahr
und länger warten wir –, des Harrens nicht,
allein, des hoffnungslosen Harrens, mein' ich,
regt der erlauchte Name unsres Herrn
uns nutzlos Martern der Verzweiflung auf.

Odysseus

Und wenn er wiederkäme?

Eumaios

Greis, vergiß
des Essens nicht und laß dies gut sein! – Was
durchbohrst du mit den Augen mich? Wer bist du?

Odysseus

Ein armer blinder Bettler, Herr, sonst nichts.

Eumaios

So wärst du blind und kannst so blicken?

Odysseus

Freilich!
Mit diesem Blick hab' ich den Gott besiegt!

Eumaios

Und welchen Gott bezwangst du?

Odysseus

Dessen Licht
seitdem in meiner Seele Nacht erlosch.

Eumaios

O armer, armer Sieger!

Telemach, so wie er vom Schiff gestiegen ist, tritt ein.

Telemach!
Bist du's?

Telemach

Leibhaftig, Vater Hirt.

Eumaios

Du bist's
leibhaftig, hochgeliebter Sohn?

Telemach

So wahr das Meer mich nicht behielt.

Odysseus

mit Ekstase aufspringend

Ein Gott!

Eumaios

Ein Gott! wohl darfst du dieses sagen, ja,
ein Gott!

Telemach

Nur Telemach. Wo ist Leukone, Alter?

Eumaios

Laß dich betrachten, du Geliebter! du
Ersehntester! komm! Gott beschütze mich:
ein Mann! als Knabe ging er auf die Reise.

Telemach

Gut, brav, ein Mann! ihn eben brauchen wir,
den Mann: nicht mehr! Mög' euch der Schein nicht trügen,
wie er den Bettler trog, der dort mich anstiert.
Laß dich nicht stören, Fremder, setze dich!

Odysseus

indem er sich zitternd setzt, für sich

Ein Gott!

Telemach

Kein Gott! nur einer Mutter Sohn.

Eumaios

Und wäre statt des Sohnes, der hier steht,
Odysseus selbst, der Vater, heimgekommen –
bist du nicht beides? lebt er nicht im Sohn? –,
Sohn, keinen größeren Jubel kennt' mein Herz.

Er umarmt Telemach.

Allein nun sag: wie kamst du durch die Späher?

Telemach

Wir landeten am Vorgebirge. Die
Genossen segeln ohne mich rings um
die Insel und zum Hafen.

Eumaios

Dies, o Sohn,
riet euch ein Himmlischer.

Telemach

Mir riet mein Herz.

Eumaios

So darf ich auf ein Gut wohl nicht mehr schelten,
das dich vom Bord und zum Neriton zog:
da es vom sichren Tod dich rettete.
Nun, Schurken draußen, laßt die Ruder poltern
und eure Rahen kreischen; er ist hier!
Der Fisch brach durch das Garn; er ist geborgen.

Telemach

Wie steht es in der Stadt, seit ich nicht hier war?

Eumaios

Viel ärger, als es stand, eh du in See gingst.
Kein Wunder: seit du fort bist, sehen jene
Fürsten, die sich selbst Freier nennen und
nichts Besseres als Räuber sind, die Gipfel
von Hellas, die weißschimmernden, mit Mißtraun.
Und wie wir hoffend des Taygetos
Schneespitzen täglich mit den Augen suchten,
so taten sie's mit schlechtverhohlner Angst.
Und konnte doch von dorther jede Stunde
ein Heer von Rächern kommen ihrer Schandtat,
die nun durch dich in Hellas ruchbar ward!
Nun zechten sie und schwelgten doppelt, häuften
die Greuel und die Taten der Gewalt:
und wehe dem Bauern, Winzer oder Hirten,
der ihren zügellos entbundnen Lüsten
sich nicht mit Weib und Kindern unterwarf.
Bringst du uns Hilfe, Retter Telemach?

Telemach

Nicht, wenn nicht hier in meinen beiden Händen.
Kein Kiel, kein Segel und kein Mast folgt mir
hierher, die ausgenommen, die ich mitnahm:
es sei denn, daß du eine Ladung leerer
Versprechungen für Myrmidonen anschlägst.

Odysseus

schlägt auf den Tisch, närrisch

Schlachtet ein Mastschwein! Schlachtet! Opfert und
esset bis an den lichten Morgen! Ich,
der Herr, befehle: schlachtet! schlachtet und
eßt!

Eumaios

Herr, die Götter schlugen ihn mit Irrsinn.

Telemach

Richtet ein schlichtes Mahl! Mir widersteht's,
den Prassern im Palast es gleichzutun.

Eumaios

Dies nenn' ich nicht mit Umsicht handeln. Lieber.
Der Knecht, der seinen Herrn erkennen soll,
verlangt mit Fug sein Fest zu rechter Zeit.
Darum soll mir des Bettelmanns Gebot
heut mehr Gebot als deines sein. – Da kommt
die Enkelin. Ihr mögt mich wohl entbehren.
Ich geh' und richte selber, was zu tun ist.

Leukone nähert sich mit einer gewissen Verhaltenheit aus dem anstoßenden Raume, während Eumaios nach rechts in den Hof gegangen ist.

Leukone

Kaum trau' ich meinen Augen, Telemach.
Bist du es wirklich?

Telemach

Hat die Fremde mich
so sehr verändert, daß ich fremd dir bin?

Leukone

Wohl hat die Fremde dich verändert; doch
aus Finsternissen banger Sorge plötzlich
gerissen, glaubt man nicht sogleich an Licht.

Telemach

Nun, ich bin Telemach, derselbe, dem du
die Fahrt anrietest, die er nun bestand.

Leukone

Und rauschten Schiffe nicht mit vollen Segeln
in euren Lauf, bemannt, von Waffen starrend,
als bei Asteris ihr vorüberfuhrt?

Telemach

Ich mied das Eiland.

Leukone

So bewahrte dich
ein Gott! Der gleiche, der das Seil dir löste
zur Reise, brachte wohlbehalten dich
vor Meuchlerschwertern heim: denn daß ich's gleich
dir sage, nach dem Leben trachten dir
die Freier, trachtet dir Antinoos,
seit deine Reise ruchbar ward; von nun an
ganz schamlos offen, keineswegs geheim,
betreiben sie's mit ihren Helfershelfern.
Sie lagen auf der Lauer Tag und Nacht,
abwechselnd wachend, draußen auf dem Wasser.

Telemach

Was zagst du? ich bin hier. An jenem Tag,
als ich vergeblich in der Volksversammlung
ein Schiff erbeten hatte und die Worte
der Freier, salziger als selbst die Lauge
der Meerflut, sich ausgossen über mich –
den Knaben, wie sie meinten! –, sieh, da stand's
um meine jungerworbne Mannheit schlimm.
Ich kam zu dir. Wir opferten der Nymphe
am Quell. Wir stiegen dann hinab zum rauschenden
Gestade, tauchten in die graue Flut
die Hände, beide zu Athene flehend.
Und sieh, der Gott vernahm uns. Deine Seele,
entzündet ward sie von der Himmlischen.
Du sprachst, sprachst Unvergessenes, Du sagtest:
»Was dir die Plappermäuler weigern, nimm!
Odysseus ist kein Name. Telemach,
Odysseus' Sohn, ist nicht ein leerer Schall!« –
Erfahren hab' ich's, daß er es nicht ist! –
»Des Löwen Same zeuget junge Löwen,
nicht junge Zicklein«, sagtest du, »so sei
ein junger Löwe, zeige deine Pranken,
was gilt's, daß keiner in den Weg dir tritt?«
So hab' ich's denn vollendet! und zu dir
strebt' ich zuerst. Denn die Gefährten segeln
nun ohne mich rings um die Spitze in
den Sund, zum großen Hafen. Ich verließ sie
am Vorgebirg' und klomm zu euch hinauf:
zu dir! um dich zu sehn, eh irgendwer
mich sieht, eh irgend jemand etwa sich
vermißt, den Blick, der seine Weide sucht,
auf sich zu lenken, den verschmachtenden:
auf toten, leeren, ausgebrannten Grund. –
Warum bist du voll Grauen? hast im Blick
statt jenes hellen Muts, den du mir schenktest,
die Angst? Sei fröhlich, Mädchen, denn ich weiß ...
ich wußte, weiß es, hab' es stets gewußt
und weiß es mehr als je: es ist ein Kampf
auf Tod und Leben, der begann, und nicht
ein Spiel! So soll es sein! Hoch ist mein Mut,
froh meine Seele, und mein Herz ist furchtlos!
Wie geht es meiner Mutter?

Leukone

Als sie es
erfuhr, du seist heimlich zu Schiff gegangen ...

Telemach

Still, fremde Ohren hören uns; und ich
vergaß den Bettler dort.

Leukone

Er ist entschlummert. –
Als deine Mutter es erfuhr, du seist
heimlich zu Schiff gegangen, ohne Abschied,
da konnte sie's nicht glauben. Nun sie aber
erkannte, daß man Wahrheit sprach, erschrak sie.
Sie schwieg und schloß sich ein. Dann hörten ihre
Mägde sie weinen. Und sie rief und schalt
die alte Eurykleia, schlug die Brust
und drohte schwerste Strafen jedem an,
der etwa heimlich um den Plan gewußt.

Telemach

Wie viele Tage, sage mir, vergingen,
eh sie nach ihrem Sohne fragte?

Leukone

Vier.

Telemach

Gern hätt' ich dir's erspart, o arme Mutter,
daß du dich nun am fünften Tage doch
erinnern mußtest eines Sohnes, der
dir schwerlich halb so lieb als lästig ist.
Doch still davon. Genug, es geht ihr wohl
und allen ihren Freiern, hoff ich, die
Kronion meiner Rache aufbewahrt. –
Was ächzt der alte Mann im Traum?

Leukone

Ich weiß nicht.
Doch wenig geb' ich für sein Leben, das
nur schwach im rauhen Wind des Schicksals noch
flackert und etwa heute schon verlischt.

Telemach

Nun sieh, dies ist der weiten Fahrt Gewinn:
Am Herd des greisen Nestor und im Land
des Helden Menelaos, aber mehr
im Kampf mit Wog' und Wind ward ich ein andrer.
Dort draußen erst erkannt' ich, wer ich bin.
Und mehr erkannt' ich: das, was ist und nicht ist,
ich unterschied es! Was sein sollte, sah
mein Blick, und was zu dulden schmählich ist.
Ich sah das Ziel und sah den Weg und sah
die Tat! die unausweichlich dieser Hände
und keiner andren wartet: eine Tat,
die, blutig treffend, meinen Vater, mich
und meine Mutter rächen wird! – Nicht sie
zuletzt, sie ist die meist Beschimpfte
durch ihrer Werber widerlichen Schwarm. –

Leukone

Und welche Kunde bringst du heim vom Vater?

Telemach

Daß er ein Gott war! Hier auf Ithaka
beißt man die Lippe, krampfhaft schweigend, wenn
sein hoher Name durch die Säle schwebt.
Man kehrt zum Nachbar sich und zuckt die Achsel,
bedauernd oder zweifelnd. Wenn die Mutter
sein Lob singt, spöttelt's in den Angesichtern
der Männer, und ihr Schweigen nimmt sich aus
wie Nachsicht mit der Schwachheit eines Weibes.
So ist's in Ithaka, des rauher Felsgrund
den Mann, dem keiner gleicht, hervorgebracht.
So schmachgewohnt und stumpf ist dies Geschlecht,
das hier den Boden düngt, daß es sich ärgert
am Strahlenglanze des Olympiers
und auf nichts andres denkt, als Gier und Brunft
in seinem Bett und Reichtum auszulöschen.
Da draußen ist es anders. Mächtig schreitet
der Vater im Gesange, schreitet klirrend
im Vollgetön der Harfen durch die Hallen
der Könige. Und so gewaltig schwoll
das Lied der Sänger, ihn verherrlichend,
daß ich erschrak und bei mir selbst erwog,
ob ich auch wirklich seines Blutes sei.

Leukone

Und welcher Meinung sind die Fürsten nun,
soll man noch hoffen?

Telemach

Daß er etwa lebt
und heimkommt? Nein! Noch ferner harren wäre
nur Frevel. Er ist tot. Die Götter wollen
nicht, daß man, flehend um Unmögliches,
sie an die Grenzen ihrer Macht erinnre.
Und wahrlich: wohl ihm, daß er nicht mehr lebt,
fern von der Heimat! Solchen Jammer fügen
die Götter ihren Lieblingen nicht zu
für ewige Zeit. Was er, der Herrliche,
erlitten hat, ermess' ich nun erst. Als
im weiten Schoß des Meeres Ithaka
versank, rang sich zum erstenmal hervor
aus meiner Brust der Name: Vater!
Da erst verstand ich ihn zum erstenmal
mit Schmerzen, und sein ungeheures Leid,
aufdämmernd bloß, trieb mir die Tränen heiß
aus beiden Augen. Da zum erstenmal
war er mir nah, der Fremdling, dessen Sohn
mich meine Mutter nennt, und seine Seele
umarmte mich – des Vaters Seele! – weinend.
Und dann: sie blieb bei mir. In tiefer Nacht,
als ich das Ruder hielt und sich hochrollend
die Fluten wälzten unter unsrem Schiff,
berührte mich des Vaters Atem, fühlte
ich streicheln etwas, gleichend einer Hand,
auf Stirn und Schultern, und hochklopfend schwoll
mein Herz von einem rätselschweren Glück,
wuchs mir voll Mut! Hochklopfend sprach's in mir:
Du bist sein Sohn und ferner keine Waise!
Und wie wir nun den Kiel heimlenkten, siehe,
da flog sein Geist voraus. Der dumpfe Hall
des Ufers, als ich von dem Borde sprang,
schien mir ein Gruß des Unterirdischen,
Zurückgekehrten, Heimatsrecht verlangend.

Es soll dir werden, Vater. Wem die blaue
Meerflut, gleich einem wellenwerfenden,
glückseligen Himmel leuchtend ausgedehnt,
lieblicher dünkt als blumenreiche Wiesen
und Waldesrauschen um Neritons Haupt,
der kennt Poseidaons, des blaugelockten,
furchtbare Tücken nicht. Er soll bedenken,
daß diese breite, heuchlerische Flut,
sofern ihn dürstet, nicht den kleinsten Becher
vom Quell der Arethusa aufwiegt. – Vater,
willkommen bist du in der Heimat! wohnen
sollst du in bunten Wohnungen aus Stein,
im Licht, nachdem ich deinen Hügel dir
geschichtet und mit Opfern dich getränkt,
du Durstverschmachteter! und trinken sollst du
von allen heil'gen Quellen deines Landes –
des süßen Wassers und des süßen Weines,
das schwarze Blut der Widder und was süßer
als dieses alles: deiner Feinde Blut.

Odysseus

ist aufgesprungen, steht mit närrischem Gebaren vor Telemach

Hier! Bah! begrabe mich: ich bin Odysseus.

Leukone

Wagst du den Heros zu entwürdigen?

Telemach

Laß ihn, Leukone, komm, er widert mich.

Telemach und Leukone ab.

Odysseus

Ihn ekelt's! Wie denn nicht, sofern Leichname
atmen, Verwesung hauchend, betteln um
Begräbnis. Wer denn lehrte ihn, den Sohn,
den Kern der goldnen Ruhmesfrucht erkennen,
der ausgespien am Wege fault und der
nicht ist das, was er scheint! – Und auch nicht scheint
das, was er ist! Doch wer, wer bin ich? ist
nicht meine Tat von mir entflohn und steht
fern, zwischen Göttern, am gestirnten Himmel,
in Licht verhüllt, ein funkelndes Gestirn,
fremd meiner Seele? und ich hocke hier,
ein Bündel schlechter Lumpen! Wandte sich
mein eignes Fleisch und Blut nicht schaudernd von mir,
als ich, ich selbst zu sein, mir angemaßt?
Ist nicht mein Sohn so fremd mir wie mein Ruhm?
Und ich bin hier, um Sohn und Ruhm zu betteln!
O tückische Götter! still! Den ihr zu Taten
beriefet, muß das Dulden lernen: Mut
lernt Feigheit! Wer der Erste war im Rat
und in der Schlacht, lernt kopflos fliehn. Der Held
sucht wie ein Hund vor einem Stein das Weite.

Er will davonrennen. Da tritt Eurykleia, gefolgt von Eumaios, ein. Odysseus weicht zurück und nimmt zusammengekrümmt wieder auf der Bank Platz.

Eurykleia

Ihr metzget, wie, Ihr brüht ein Mastschwein, was?
Auch Ihr gebt Gasterein, verpraßt das Gut
des edlen Laertiaden? Pfui! o pfui,
Eumaios!

Eumaios

Pfui, Eumaios, sagt sie: ei,
soll die Heuschrecke unten im Palast
den Raub allein verzehren?

Eurykleia

Pfui! o pfui!
Mög' Euch das Wort gereuen, Sauhirt! möget
Ihr an dem Fraß ersticken, Sauhirt! an
dem Raub blau werden und erwürgen.

Eumaios

Das
wird Zeus verhüten. Schürze dich und hilf
zurichten, altes Schwatzmaul.

Eurykleia

Ja, ich will
Euch wohl zurichten, Sauhirt, will Euch unten
zurichten vor Penelopeia! Euch
ausrichten, Sauhirt! Wahrlich, in der Angst
des Herzens steige ich zu Euch empor ...

Eumaios

Zeus stärk' das Eselein, das dich getragen.

Eurykleia

Ich steig' empor, so alt ich bin, ich schwanke
am Abgrund, stürze, sterbe fast: so glitt,
so stolperte das Tier ...

Eumaios

Ja, und? Vergiß
nicht, was du sagen wolltest, Eurykleia.

Eurykleia

Und find' Euch toll geworden wie die andern.

Eumaios lacht laut auf.

Odysseus

schlägt inmitten des Lachens auf den Tisch

Schlachtet und eßt! schlachtet und eßt!

Eurykleia

erschrocken

Wer ist
der Mann, Eumaios?

Eumaios

Niemand! Nimm
für niemand ihn, denn so viel ist er: niemand!

Eurykleia

Wo Aas ist, sammeln sich die Geier, Sauhirt.
Gesindel überall! Wär' ich hier Herr
auf Ithaka, Giftbrocken legt' ich oder
hetzte mit Hunden dieses Prachervolk
ins Meer! Doch dies hat gute Weile, ich
bin ein hilfloses altes Weib, kein Herr
herrscht mehr im Land! Der Erbe ging den Weg
des Vaters. Zeus mag wissen, wo der Sohn,
wo Telemach und wo der Vater fault.
O mächtiger Odysseus! –

Zu Eumaios

Wehe dir,
auch dir, Abtrünniger, wenn er zurückkehrt!

Eumaios

einfach

Er sei willkommen.

Odysseus

Der Roßtäuscher! der
an Ränken unser aller Meister ist:
behend in jedem Diebespfiff, erfahren
in jedem feigen Trug, gerissen und
gehauen und gestochen, wie man sagt.
Wir wollen ihn zum Fürsten machen über
die Gaunerzunft auf Ithaka.

Eurykleia

fährt auf ihn los

Du schmähst
den König, fremder Lump, und niemand
schlägt, Lügner, hinter beide Ohren dich?!

Odysseus

Ja, Niemand schlägt mich! Niemand schlägt mich!

Er bearbeitet seinen Kopf selbst mit Schlägen.

Eumaios

Er
ist ganz von Sinnen, achte seiner nicht.

Eurykleia

erschrocken

Wer ist es?

Odysseus

Niemand!

Eurykleia

Bist du niemand?

Odysseus

Ja!
Du kennst mich, ich bin Niemand, Tochter Ops'.

Eurykleia

Mir graut vor ihm.

Eumaios

Nun er gegessen und
getrunken, fällt er lästig.

Odysseus

in Angst, wie verfolgt

Raum, gebt Raum!
Laßt mich!

Eumaios

Wo willst du hin? was ficht dich an?

Odysseus

Ihr wollt des armen Bettlers Schlaf beschleichen.
Mörder!! –

Er rennt nach hinten davon.

Eurykleia

Stütze mich, Hirt. Wer würgt ihn?
Das Blut gerinnt mir. Ich bin alt. Ich sah
Menschen einander morden, doch noch nie
zerriß ein Schrei wie der die Seele mir.

Eumaios

Nun, alte Schaffnerin, ich hörte schlimmre.
Was führt dich zu uns?

Eurykleia

Nachricht soll ich bringen
von Telemach. Die Herrin schickt mich, sie
zerschlägt die Brust sich, weint und schilt,
weil man sie hintergeht.

Eumaios

Wer hintergeht sie?

Eurykleia

Du, ihre Werber, ihre Mägde, alle!
und nun zuletzt der eigne Sohn! Sprich nicht
für Telemach! Die Mutter töten, wie –
durch Schreck und durch Bestürzung töten –, ist
das guten Sohnes Art? Der Gott vergebe
es seinem Leichtsinn! Macht sich heimlich auf,
allein, unkindlich, ohne Abschied, steigt
ins Schiff und fährt davon, bei dunkler Nacht.
Ihm fehlt der Vater, sag' ich! diesem Buben
hat eines Vaters strenge Faust gefehlt.

Eumaios

Bist du nun fertig, Eurykleia?

Eurykleia

Nein!
Der Himmel weiß es, um die Kehle mir
mit Worten rauh zu machen, stieg ich nicht
herauf zu dir und deinen Schweinen. Du
und deine Schweine sind mir minder wert
als Telemach und seine Mutter. Du
Verräter deines jungen Herrn! denn wie
willst du heraus dich schwatzen? hast du nicht
den Anschlag heimlich fördern helfen? Schiff
und Knechte ihm verschafft und Steuermann?
Und zu was Ende? Um ihn los zu sein.

Eumaios

O alte kluge Henne du!

Eurykleia

Ich habe
Augen und sehe, Ohren hab' ich noch
und höre, hätt' ich auch Melantheus nicht,
den Ziegenhirten, noch getroffen.

Eumaios

Wie?
du trafst Melantheus?

Eurykleia

Freilich traf ich ihn.
Den Freund Eumaios stieg er zu besuchen.

Eumaios

Machst du mir nichts Geringeres zum Vorwurf,
und hast uns die Buhldirne, die Melantho,
wie Ungeziefer in den Pelz gesetzt!
Nun kommt der widerliche Ziegenhirt –
soll dies ein Wunder sein –, sie zu besuchen,
die doch des listigen Schubiacks Tochter ist.
Beim Zeus, so geht's mit uns nicht weiter, Alte.
Zudem ist Telemach zurückgekehrt.
Wir haben einen Mann und einen Herrn
uns eingewechselt für den Knaben, der
vor Monatsfrist in See ging. Spare dir
deshalb nur jedes Wort und sei zufrieden.

Eurykleia

Hat mir doch wahr geträumt vergangne Nacht.
Ich will ihn sehn, befühlen, bring mich zu ihm.

Melantho hat, dreist und neugierig horchend, sich aus dem anstoßenden Raume genähert.

Melantho

Ist's wahr, daß du den Vater trafst?

Eumaios

Was willst du?

Melantho

Ei, nichts. Nur hören, ob ich recht gehört.

Eumaios

Arbeite! Stopfe Wachs in deine Ohren!

Melantho

Man hört gern manches, was zu wissen gut ist.

Eumaios

O ja! so wisse: dir gebührt ein Stein
um deinen Hals, und daß man dich versenkte
im Meere für dein Tun und für dein Maulwerk.

Melantho

lacht höhnisch

Die Häupter der Fürsten denken nicht wie du
und werden andren tun, was du mir wünschest.
So lange harr' ich ruhig mit Geduld.
O wüßten nur die Freier, was hier vorgeht.

Eurykleia

Bist du noch nicht gebändigt, Schändliche,
die sich im heiligen Palast des Königs
an jeden Lotterbuben schamlos wegwarf,
willfährige Dienerin jedes fremden Lüstlings,
den heiligen Herd verratend, der dich großzog!
Gehst du noch jetzt nicht in dich, wo die Herrin
die mildeste Strafe, dich zu bessern, aussann?

Melantho

Wär' denn die Königin so keusch, mit ihrer
Schar toller Fürsten, wilder Jünglinge,
die ihr das Haus durchlärmen tags und nachts?
Liegt auf der Schwelle ihres Schlafgemachs
der hundertköpfige Höllenhund zur Wache?
Und schnäbelt sich hier oben Telemach
anders mit eines Hörigen niedrer Magd,
als es geschah, wenn man nicht log und mich
Eurymachos, der Held, wirklich geküßt hat!?

Melantho lacht und begibt sich in das hintere Gemach zurück. Der alte Laertes, dem Bettler Odysseus zum Verwechseln ähnlich, hat sich unbemerkt auf den Platz gesetzt, den jener vorher innehatte.

Eumaios

Seit sie hier ist, hab' ich den Feind im Haus.
Und kommt es einst zur blut'gen Rechnung, Alte,
so ist sie nicht die letzte, die hinab muß.

Eurykleia

bemerkt Laertes und erschrickt

Da ist er wieder.

Eumaios

Wer?

Eurykleia

Ein Grauen faßt mich.
Was will der fremde Schleicher wiederum?

Eumaios

Du irrst: Laertes ist es!

Laertes

Ruft mich jemand?

Eumaios

Willkommen heißt dein Knecht dich, edler Herr.

Laertes

Koche mir eine Hafersuppe, hörst du?
Du sollst mir eine Hafersuppe, sollst
mir eine Hafersuppe kochen, Sauhirt.

Eumaios

Heilig ist diese Stunde, Herr, dein Enkel
ist heimgekehrt! Reich soll dein Mahl sein, Herr.
Wir haben ein Gelage angerichtet
zu deines Enkels, Telemachens, Heimkehr.

Laertes

Jawohl, die Hafersuppe. Recht so, koche
mir eine Hafersuppe, Sauhirt.

Eurykleia

Oh,
mein alter, lieber, göttergleicher Herr,
Vater des vielgeprüften Irrenden,
den man Odysseus nennt, den Zornigen.
Ich kannte ihn. Ich kannte seinen Zorn,
der, einmal aufgewacht, mit Blut allein
sich sättigte und stillte. Armer Vater,
bist du so schutzlos? Hast du niemand, der
im Bad dich knetet und dich königlich
ankleidet? Sind Penelopeias Kammern nicht
mit Prunkgewändern angefüllt?

Laertes

Eumaios,
du sollst mir eine Hafersuppe kochen.

Eurykleia

Läßt man dich darben, den ehrwürdigen
eisgrauen Patriarchen? Ward dies je
erhört, ein reicher Fürst in Lumpen? Käme
dein Sohn doch wieder, dies zu rächen.

Laertes

Wer
ist dieses Weib, Eumaios?

Eumaios

Eurykleia.

Laertes

Ah, bist du es, Eurykleia, Tochter Ops'? –

Eurykleia küßt ihm die Füße, schluchzend.

Es ist doch wunderlich, Eumaios: sieh,
dies Weib war einstmals jung! noch wunderlicher:
ich selbst bin einstmals jung gewesen! beide,
sie und sogar auch ich, wir waren jung!
Ich hatte keinen Sohn und keine Schwieger,
die mir mein Leichenhemde webt, und keinen
Enkel mit Namen Telemach. Ich war
geboren und lachte. Und sie war geboren
und richtete mir, hoch geschürzt, das Bad.
Denke: von allen unsren Feinden, die
das Eiland heut bevölkern, dem Gewimmel
des Schiffsvolks groß und klein am Hafen war
noch keiner da. Noch ungeboren war
so Tier und Mensch, was heut hier wütet, und
weißt du, warum ich damals nicht, als ich
so gern es wollte und du lieber noch
geduldet hättest, deinen jungen Leib
genossen, Eurykleia, Tochter Ops'?

Kichernd

Ich weiß es nicht! Nun sind wir alt und zahnlos,
und du und ich, wir buhlen nicht mehr, nein! –
Koche mir eine Hafersuppe, Hirt!

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