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Carl Gottlieb Samuel Heun: Der Blutschatz - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Blutschatz
authorH. Clauren
year1824
publisherAnton v. Haykul
addressWien
titleDer Blutschatz
pages1-228
created20051205
sendergerd.bouillon
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H. Clauren

Der Blutschatz


H. Clauren: Der Blutschatz

Bei Prelloni waren frische Austern angekommen. Der Kammerrath ließ eiligst ein Umlaufschreiben an die befreundeten Leckermäuler seiner Bekanntschaft ergehen, mit dem Ersuchen, sich diesen Abend bei dem wackern Italiener einzufinden, und Frau und Kind mitzubringen; nahm, als die unerträglich langsame Uhr endlich die achte Stunde verkündete, seine Klotilde an den Arm, und schlenderte fröhlich zum traulichen Schmause.

Tausend Stück, Prelloni, zum ersten Anfange. rief beim Eintreten in den stattlich geschmückten Keller der gastliche Fettbauch, und schaute sich schmunzelnd um, denn ihn lüsterte nach den Bayonner Schinken, die riesengroß neben den dutzendweise aufgeknüpften, ellenlangen Eselsfleischwürsten, von der Gewölbdecke herabhingen, und die mitten darunter herabbaumelnden Göttinger und Braunschweiger Prachtexemplare, machten ihm den Mund wässerig und die Wahl schwer; zugleich warf er einen verlangende Blick in die glänzenden Augen eines halb durchgeschnittenen, herrlichen Schweizerkäses, schielte hinab, in die Reize eines geöffneten frischen Kaviarfasses, und rief, das Auge zum Wurst- und Schinkenhimmel andächtiglich gehoben, mit rührender Stimme: Gott was ist deine Welt schön! Klotilde aber zog aus der, eben auf den Ladentisch kommenden großen Terrine, den feinen Duft des Bischofs in die frische Brust, und ergötzte sich an den würzigen geschälten Pomeranzen, die in dem süßen rothen Meere herumschwammen, wie unser Erdball im Ocean. Sie heftete absichtlich den Blick in den Spiegel des aromatischen Bischofblutes, um nicht wieder hinüber zu sehen in den Winkel des Gewölbes; denn da saß an einem gedeckten Tischchen ein junger Grünrock, der kein Auge von ihr verwandte. Ein wildes Gesicht, gelblich und mit Blatternarben bedeckt; das Haar starr und struppig, und im ganzen Wesen etwas Düsteres, Barsches, Trotziges.

Hundert Stück Austern, kommandirte er mit einem dröhnenden Basse, daß alle Anwesende sich nach ihm wendeten: und wenn eine darunter ist, die nichts taugt, setzte er, zum Kellner gewendet, hinzu: werf ich Euch alle an den Kopf.

Er schielte, nach diesen Worten, über die Achsel wieder nach Klotilden, diese flüchtete aber hinter den Rücken des Vaters, und war froh, daß Einige der für den Abend zusammengeschriebenen Gesellschaft in das Gewölbe traten, mit denen sie, sammt dem Vater, in das bestellte Kabinet ging.

Prelloni, wer war denn der? fragte letzterer, als sie, vom Wirthe geführt, in das elegante Kabinet eintraten, der mit der Baßposaune in der Kehle; denke doch, weiß Gott, es fängt der Cyclope Steropes aus dem Schlunde eines feuerspeienden Berges an zu reden.

Kann nicht dienen, entgegnete der höfliche Italiener: muß aber ein reicher Herr seyn. Kam gestern Abend mit fünfen seines Kalibers; die aßen männiglich zweihundert Stück Austern und setzten par tète, zwei Flaschen Champagner darauf; heute früh desselben Gleichen, und diesen Mittag hinwiederum; und der Herr mit dem Basse, bezahlt alles in Gold.

Hatte der Vater die Blicke des grünröckigen Brummdrüsels bemerkt, mit denen dieser sein Tildchen, wie er das süße Kind gewöhnlich nannte, zu verschlingen drohte? Prelloni's letztes Wort klang ihm recht beifällig; wer 5600 Stück Austern und 36 Flaschen Champagner, mit Prellonischer Kreide berechnet, in 24 Stunden, in blankem Golde bezahlen konnte, mußte des gelben Zeuges im Ueberfluß haben, und ein solcher Eidam – er mußte selbst im Stillen über den weiten Blick lächeln, den er da in das Blaue hinaus that, aber wenn er sich dachte, einmal einen Schwiegersohn zu bekommen, der mit ihm die Liebe zu jenen Schaalthierchen theilte, der für den Knall des Schaumweines gleiche Empfänglichkeit hatte, der, wie hier sichtlich sich zeigte, die Gabe Gottes nicht allein genießen konnte; der sich gewiß eine kindliche Freude daraus machte, vor allen Andern den geliebten Schwiegervater an den reichen Austerbänken seines Ueberflusses schwelgen zu sehen; so – er konnte nicht anders – entzückt über die bloße Möglichkeit einer solchen Zukunft, betrachtete er seine hübsche Klotilde mit Wohlgefallen und drückte ihr den, nach den Kamm-Muscheln wässerigen Mund, lächelnd auf die rosige Wange.

Was ist Dir Väterchen? fragte die Holde freundlich; aber der Vater nickte blos schmunzelnd, bestellte, dem eidamlichen Grünrock gleich, ein Dutzend der feinsten Sorten von Ay, und bat die unterdessen vollständig versammelte Gesellschaft, sich zu setzen; man aß und trank und war fröhlich und guter Dinge, und hörte nur mit halbem Ohre auf die salbungvolle Rede des Kammerraths, der sich, das Köstlichste des aufgeblasenen Meeres und Frankreichs auf der Zunge, des Breitern über beides ausließ, und die kleinen Meerungeheuer mit gründlicher Gelehrsamkeit, in Berg-, Sand- und Lehmaustern theilte, den Ersteren, die auf Höhen wohnen, und darum dem Wechsel der Ebbe und Fluth ausgesetzt sind, den Vorzug gab, und die seeländischen, die von Colchester, die Holländischen und Jütländischen, die Triester Pfal-Austern und die Insular-Austern von Venedig, so systematisch kritisirte, daß ihm dabei selbst immer das Wasser im Munde zusammenlief, und er einen drath- und siegelbewahrten Pfropfen nach dem andern, zum Deckengewölbe des paradiesischen Kellers springen ließ, um die unterdessen verschlungene Anzahl der belobten Schaalleckerbissen hinabzuschwemmen. Dankbar pries er des Schöpfers weise Einrichtung, der die Austerbänke mit Millionen dieser Delikatessen besät und ihnen die wohlfeilsten Lebensmittel, ein Bischen Lehmerde und Seegras zur Nahrung angewiesen habe; er schöpfte hieraus die trostreiche Hoffnung, daß es auch der spätesten Nachwelt an dieser Götterspeise nicht fehlen werde; er erlaubte sich gegen die Allweisheit in der Natur nur den einzigen Tadel, daß die Schaalen dieser anbetenswürdigen Seebürger so unnöthig dick und schwer wären, zog nebenbei auf die unmäßig hohen Portosätze der obersten Postbehörde, und auf die unchristliche Accise los, die den Genuß eines Produktes, das wir im Lande ja doch ewig nicht erzeugen könnten, über alle Gebühr vertheuerten, und griff eben zur zweihundert und ersten Auster, als vorn im Laden des Italieners, wo der Grünrock mit seinen Gästen saß, ein von paukenartigem Wirbel begleitetes wildes Vivat-Geschrei ertönte, und Prelloni kurz darauf eintrat und triumphirend berichtete, daß die Herren eben der Mamsell Kammerräthinn Gesundheit getrunken, und dabei, jeder mit zwei vollen Champagnerflaschen auf dem Tische; die Pauken so lange geschlagen hätten, bis sie blos die Hälse der zertrümmerten davon in den Händen behielten. Am ärgsten habe der bewußte Grünrock, der den Toast eigentlich ausbrachte, geschrieen und getrommelt; so daß die Andern selbst gelacht und ihn scherzweise den trojanischen Trompeter Stentor genannt hätten.

Der Kammerrath war in der Freude über die seiner Tochter bewiesene Aufmerksamkeit, und im stillen Entzücken, daß er sich in den Blicken des grünen Trompeters nicht irrte, drauf und dran sich durch Prelloni, für die erzeigte Ehre förmlich bedanken zu lassen, und den Toast mit seinem Kreise erwiedern zu wollen; indessen riethen die Vernünftigeren, die wohl abnehmen konnten, daß alsdann das wilde Heer unausbleiblich selbst erscheinen, und ihnen allen vielleicht den ganzen Abend verderben würde, davon ab, und Klotilde, bei dem ganzen Auftritt von sonderbarem Grauen befallen, bat den Vater dringend, das nicht zu thun. Man gab sich von Neuem den Tafelfreuden hin, und der Kammerrath, der in der Kunst, seine Gäste mit verschwenderischer Freigebigkeit fröhlich zu machen, seines Gleichen suchte, schenkte ein, ließ vom Beßten auftragen und ergoß den Zauber seiner rosigsten Laune über den ganzen Zirkel, als wäre es das letzte Freudenmahl, daß er seinen Freunden gebe, als wolle er sich selbst überbieten.

Da trat – die Mitternachtstunde war längst schon vorüber – Herr Beifuß, der Supernumerar-Vice-Kontroleur bei der, dem Kammerrath untergebenen General-Kasse, todtenbleich herein und konnte die Bitte, mit ihm zwei Worte allein zu sprechen, kaum herausbringen, so preßte ihm das, was er auf dem Herzen hatte, Brust und Kehle zusammen.

Was tausend, Herr Vice-Beifuß! so spät? rief der Kammerrath lachend. Setzen – trinken, fuhr er mit freundlicher Herablassung fort, und schenkte einen rothen Bouzy ihm ein, daß der Schaum über das Glas lief; aber dem jungen Menschen fehlte der Athem, so war er gelaufen.

Nur zwei Worte, verehrtester Herr Kammerrath, flüsterte dieser bittend: die Sache ist dringend.

Geschäftsachen? fragte der von Lust und Rebenblut halb Berauschte, mit ungewisser Stimme und ging mit dem Unwillkommenen in einen Fensterbogen.

Die Marschorder ist heraus, wisperte hier der junge Beifuß in gedrängtester Kürze. Alle Regimenter brechen auf; Alle schreien nach Geld. Für den ersten Augenblick sollen die bereitesten Fonds. wo solche nur irgend befindlich, morgen früh an den Kriegs-Minister überwiesen werden. Sämmtliche Kassen sollen morgen neun Uhr alle ihre Bestände abliefern. Unsere hat nach dem gestrigen Abschlusse 342,000 – –

Sämmtliche Ka – Ka –? fiel ihm der Erbebte in das Wort und krampfte sich an den Fensterwirbel fest.

Wenn ich gehorsamst bitten darf, fuhr der Unglücksbote fort: so wollen der verehrliche Herr Kammerrath, zur Zeit, von der pflichtmäßigen Mittheilung noch keinen Gebrauch machen. Die Sache soll noch ein Geheimniß bleiben, ich eilte nur her, damit wir morgen bei Zeiten zu zählen anfangen können, und das Geld in Bereitschaft haben, wenn die Herren vom Kassen-Kuratorium und von der Kriegs-Kasse kommen, um unsere Bestände nach den Büchern zu revidiren und die Gelder in Empfang zu nehmen.

Geheimniß, stammelte der Kammerrath, wie vom Schlage gelähmt, heimlich nach: aber woher wissen Sie denn darum?

Vicebeifüßchen schlug verschämt die Augen nieder, und lispelte: Fiekchen –

Fiekchen? fragte der Kammerrath mit schaafähnlichem Blicke, denn im wüsten Kopfe würgte sich Ungeheures durcheinander. Wer ist Fiekchen? Wie kommt die in unsere General-Kasse? –

Darin ist selbige wohl nicht, entgegnete Beifuß, von des Kammerraths blutdunkeln Flammenblitzen eingeschüchtert – ich weiß nicht, ob Denenselben das – das Fiekchen bei Geheime Kriegsraths bekannt ist.

Das Kammermädchen? brummte der Kammerrath horchend – ja.

Bei selbigem habe ich, fuhr der Vicesupernumerar-Kontrolleur entschuldigend fort, und es jammerte ihn, das jahrelang bewahrte Heiligthum seiner stillen Liebe selbst verrathen zu müssen: bei diesem habe ich zuweilen des Abends das kleine Wirthschaftbuch nachzucalculiren, Federposen und das Dintenfäßchen in Ordnung zu halten und solche Keckschooßereien mehr –

Weiter, weiter! unterbrach ihn der Kammerrath auf Kohlen.

Fiekchen, fuhr Beifuß fort: hatte die Frau Geheime Kriegsräthinn entkleidet, der Herr Geheime Kriegsrath waren zugegen gewesen, hatten mit der Frau Geheimen Kriegsräthinn vom unvermeidlichen Ausbruche des Kriegs gesprochen, dabei des erhaltenen Auftrags erwähnt, in der ganzen Residenz morgen alle Kassenbestände in Empfang zu nehmen, und geäußert, daß das manchen der Herrn Rentanden, die mit ihren Büchern nicht in Ordnung wären, wohl ein etwas schreckhafter Besuch werden dürfte. Solches Alles steckte mir Fiekchen; als sie die Frau Geheime Kriegsräthinn zu Bette gebracht hatte, schleuniglich, weil sie weiß, daß ich das Glück habe, unter den verehrten Herrn Kammerrath, bei der General-Kasse zu arbeiten, und weil der Herr Geheime Kriegsrath im vertraulichen Gespräche mit der Frau Geheimen Kriegsräthinn, quantsweise hatte fallen lassen, daß, wo ein Kreuzer nur fehle, der – mit Respect zu sagen – der Teufel die kalkulatorischen Kassenbestien alle mit einander holen solle – und somit habe ich nicht verfehlen wollen, den durch Fiekchen erhaltenen ersten Wink dem verehrten Herrn Kammerrath fördersamst mitzutheilen. Selbiges Fiekchen war um meinetwillen sehr beängstigt, indessen unser Kaßchen, konnte ich ihr mit gutem Gewissen betheuern, ist in klarvoller Ordnung; und unsere Bücherchen stimmen auf's Daus. Wann befehlen der Herr Kammerrath, daß ich morgen früh zum Zählen –

Dieser aber stand, tief in Gedanken verloren, vor dem Demüthigen, hörte und sah nicht und starrte durch die Scheiben in das schwarze Dunkel der Nacht; und erst als Beifuß fragweise flisterte: wäre es vielleicht um 7 Uhr gefällig? brach der Kammerrath das düstere Schweigen, raffte sich zusammen und entgegnete ein leises Nein. Er meinte, daß das aussehen würde, als sey er auf die Ablieferung der Bestände vorbereitet gewesen, äußerte, daß er nicht eher als um 9 Uhr, wie gewöhnlich, auf die Kasse kommen werde, machte dem diensttreuen Supernumerar-Vice-Controlleur Beifuß zur strengsten Pflicht, gegen keine menschliche Seele von der Sache etwas zu verlautbaren, entließ ihn mit vornehmfreundlichem Handwinke, und setzte sich wieder zur Tafel. Allein die Austern hatten kein Wasser und wollten nicht rutschen, und der Champagner zog Fäden: er ließ späterhin merken, daß er anfange schläfrig zu werden; die Gesellschaft dankte für genossene Höflichkeiten, ging auseinander, und Papa Kammerrath wanderte mit Tildchen nach Hause.

Die grauenvolle Macht des bösen Gewissens ertödtete den flüchtigen Rausch des Schaumweines, der in der letzten Zeit der einzige Tröster des Verlorenen gewesen war. Jahrelang hatte er durch Feste und Aufmerksamkeiten aller Art, die Kassen-Kuratoren und seine Vorgesetzten geblendet, daß diese nicht sehen wollten, was sie als pflichtstrenge Männer sehen mußten. Ihre Nachsicht hatte ihn immer dreuster gemacht und so war der Defect immer größer geworden. Bei der ganz unerwarteten, morgen früh bevorstehenden Ablieferung aller Kassenbestände, mußte die Sache zur Sprache kommen, wenn er sich nicht unrettbar verloren geben wollte. Den Betrag des Fehlenden sich genau anzugeben, war er jetzt, wo er die auf der Kasse befindlichen Bücher nicht zur Hand hatte, außer Stande; ungefähr aber überschlug er das Deficit auf 30 bis 40,000. Fl.

Menschen in solcher Lage haben Beichtväter eigener Art. Diesen werfen sie sich, wenn die Noth am höchsten ist, mit unbedingtem Vertrauen in die Arme, weil sie auf deren Verschwiegenheit rechnen und von ihnen für einen gewichtigen Beichtpfennig, Trost und Rettung ihrer im Fegefeuer der peinigendsten Angst bratenden Seele, mit Sicherheit erwarten können. Der große Haufe haßt gemeiniglich diese Retter aus aller Noth, begreift nicht, warum diese das ausschließliche Vorrecht zum Reichwerden haben, und verfolgt sie mit Haß und Verachtung, und oft doch verdienen diese beides nicht, oder doch wenigstens in weit geringerem Grade, als der, welcher ihnen seine Ehre, seine Pflicht blos gibt, und sich zum nichtswürdigen Werkzeuge ihrer Speculationen erniedrigt. Sie kennen die Schlechtigkeit der Welt, sie wissen, daß auch unter den Höhergestellten ihr Gold einen größern Werth hat, als die Pflicht und daß der Metallklang stärker ist, als die leise Sprache des Gewissens; sie verstehen diesen Umstand zu benutzen, und haben wahrhaftig Recht, wenn sie behaupten, daß der Bestechliche, der Beamte, welcher Fürsten und Vaterland, Diensttreue und Dienstehre für ein Paar Rollen Dukaten verkaufen kann, viel schlechter sey, als sie selbst.

Der Kammerrath schrieb an die Wechsler Moses Schmuel und Joel Esau, bat unter dem Siegel der Verschwiegenheit jeden um 20,000 fl., bot 20 Procent, versprach binnen zwei Monaten das Geld wieder zu bezahlen, verpflichtete sich, vorkommenden Falles, zu ähnlichen Gegengefälligkeiten, und ersuchte sie, ihm die gewünschte Summe vor 3 Uhr zu übersenden.

Beide lehnten den Antrag ab, weil sie, bei dem bevorstehenden Ausmarsche, ihre Kapitale auf Lieferungen und Verpflegungen weit höher, als zu den gebotenen lumpigen 20 Procent brauchen konnten, und halb neun Uhr war der Kammerrath todt.

Der Schlag hatte ihn gerührt, hieß es: die vielen Austern gestern Abend; der in ziemlichem Maaße genossene Wein; der gleich darauf erfolgte Heimgang in der kalten Nacht; der schwammige Körper – das war ja natürlich.

Das Deficit der General-Kasse ward – ein in derlei Fällen recht schönes Wort, – vertuscht; aus reinem Patriotismus, aus purer Schonung für den geliebten Landesherrn. Man nannte es eine der zartesten Pflichten, vor der Allerhöchsten Person jede Unannehmlichkeit möglichst zu entfernen. Doppelt sey, hieß es, diese Rücksicht jetzt nöthig, wo das Gemüth Serenissimi, durch den Ausmarsch der Truppen ohnehin beunruhigt sey. Daß indessen mehrere Vorgesetzte des Seligen, diesem bedeutende Summen schuldig waren, daß wenn mit Strenge gefordert wurde, den Defect wenigstens so viel als möglich, aus dessen hinterlassenem Vermögen zu decken, Klotildens Vormund, oder die fiskalische Behörde die Schuldigen zur sofortigen Bezahlung ihrer Schuld, durch Rechts-Mittel dringend anhalten mußte; daß diese also mäuschenstill waren, und die erborgten Kapitälchen in ihrem Leben nie wieder zurückzahlten; daß die Kassen-Kuratoren sammt Weib und Kind, bei Geburttagen, Weihnachtbescherungen und dergleichen freundlichen Veranlassungen, vom Kammerrath mit Aufmerksamkeiten aller Art überschüttet, und bei den Cassen-Revisionen selbst mit den ausgesuchtesten Delikatessen der ganzen Welt so überfüttert und mit den beßten und feurigsten Weinen aller Erdtheile so überschwemmt worden waren, daß sie kein Auge hatten aufthun können – das alles wußte niemand, und wußte oder ahndete es auch hie und da einer der ehrlichen Subalternen, er wäre ja zertreten worden, wenn er nur gemuckt hätte. Kam nur ein Wort vom Defecte vor das Ohr des Fürsten, so war es natürlich, daß die Herren Kuratoren ihn ersetzen mußten; also gebot man, wie es hieß, zur Ehre des in Gott entschlafenen Herrn Kammerraths, den untern Kassenbeamten unverbrüchliches Stillschweigen: meinte, das Fehlende werde sich bei genauerer Durchlegung der Rechnungen wohl noch ermitteln lassen, schob die ganze verhaßte Angelegenheit auf die sogenannte lange Bank, auf der solcher Verbrechen mehrere ruhen, und rühmte sich gegenseitig, die Sache mit pflichtmäßiger Rücksicht auf des Serenissimi verehrteste Person; mit billiger Schonung des lieben seligen Kammerrathes, mit beßter Beachtung der öffentlichen Beamten-Ehre, kurz – wieder in solchem Falle ein recht glattes Wort, – mit der erforderlichen Delikatesse abgemacht zu haben.

Onkel Flümer, des Kammerraths Schwager, und wohlbestellter Apotheker zu Finsterberge, eilte auf die erhaltene Todespost in die Residenz, bat im Taumel über die unermeßliche Erbschaft, die er als nächster Verwandter und Vormund von Klotilden zu verwalten bekommen werde, die halbe Stadt zum Leichenbegängnisse, und freute sich wie ein Kind über den langen schwarzen Zug, der dem reich mit Silber beschlagenen Sarge folgte; als er die endlose Reihe Wagen erblickte, stürzte ihm das Wasser in die Augen. Ja, rief er Klotilden zu, die vom kindlichen Schmerze aufgelös't, händeringend im Zimmer auf- und abschwankte: daß der Vater ein reicher, ein vornehmer Mann war, wußte ich; aber daß er so in Ehren, so grausam in Ehren stand, nein das hab' ich nicht gedacht. Sieh nur, alle kommen sie mit ihren Eklipahschen angekariolt, Excellenzen und Geheime Räthe, wie Kraut und Rüben durch einander; Fickerment, Tildchen, sieh die beiden Braunen da vor der gelbausgemalten Staatskarosse; Donner und Wetter sind das Pferde! weine nicht Tildchen, solch eine Ehre widerfährt Dir im Leben nicht wieder.

Bei meiner armen Seele, ich stürbe heute noch mit tausend Freuden, wenn ich wüßte, so begraben zu werden. Aber müssen wir nicht hinunter, und die hohen Herrschaften ersuchen, auszusteigen und mit einem Stückchen Leichenkuchen und einem Gläschen Wein vorlieb zu nehmen?

Eine eben gegenwärtige Bekannte von Klotilden aber erklärte ihm, daß in allen diesen Equipagen kein Mensch sitze, sondern, daß es unter den Großen hier Sitte sey, die Wagen leer zu schicken, und daß dieß auch für eine Ehrenbezeigung gelte. Der kleinstädtische Apotheker nannte dieß, vielleicht nicht mit Unrecht, eine Narrenposse; meinte, der selige Schwager hätte den Herren wohl oft genug zu essen und zu trinken gegeben, daß sie dafür wohl nun in Person ihn hätten zu Bette bringen können, und lobte sein Finsterberge, wo niemand seinen Knecht zur Leiche schicke, sondern entweder gar nicht, oder in eigener Person komme; doch er gewahrte jetzt die Schaaren von Leichenträgern, deren jeder mit einer Citrone in der Hand paradirte, und sendete Jeremischen, den aus seiner Apotheke zum schwarzen Mohren mitgebrachten Burschen, heimlich hinab, um mit ihnen die Ablieferung der goldgelben Südfrüchte, nach der Rückkunft vom Kirchhofe, für ein Billiges zu behandeln, denn er gedachte, mit diesen die Honoratioren seiner Heimath zu erquicken, die des Abends gewöhnlich bei ihm einzusprechen pflegten, um ihre politischen Gespräche durch ein Glas Punsch zu befeuern. Allein Mohren-Jeremischen kam unverrichteter Sache zurück; denn die lang beflorten Trauer-Figuranten entgegneten einmüthiglich, daß der Italiener Prelloni, seit undenklichen Zeiten schon, wegen Ablieferung der fraglichen Leichencitronen, zu gleichem Behufe mit ihnen eine General-Konvention geschlossen, und mißgelaunt über die raffinirte Spekulation der Großstädter, schimpfte er auf Prelloni, der ihm zuvorgekommen war, recht weidlich, als dieser sich ihm mit freundlichen Bücklingen nahte, und sich äußerst glücklich schätzte, den vielberühmten Herrn Apotheker Flümer aus Finsterberge, den hochgeachteten Herrn Schwager des viel zu früh zu den himmlischen Freuden berufenen Herrn Kammerrathes, persönlich kennen zu lernen. At einer, fuhr er mit gepreßter Stimme fort: Raison, su weine über die Verlust von der Err Kammrath, bin ick; o Signor Flümähr, die Err Kammrath war mon ami le pluis fidèle; ick verlier considerable par son mort. Beßte Kundmahn, beßte Freund, il meglior avventore! l'ottimo amico!

Der Schmerz übermannte ihn, er konnte den Thränen nicht länger wehren, und riß mit Hast sein Tuch aus der Tasche. Zufällig fiel ein Packet Papiere mit heraus; Flümer, von des Leidtragenden Theilnahme tief bewegt, bückte sich, ihm die Papiere aufzuheben; da bemerkte erst Prelloni, daß er sie verloren, und rief: o bealte Sie, bealte Sie; das is theuer Souvenir von mein liebe, liebe Freund! Flümer warf einen Blick hinein, es war eine kleine, von dem Hochseligen unberichtigt gelassene Rechnung, die Prelloni mit geziemenden Kratzfüßen begleitete.

O Gott, erwiederte Flümer, von den Huldigungen des Höflichen gedrängt; mein würdiger Herr Schwager sind noch nicht unter die Erde, und schon wird man mit derlei liquidirlichen Zumuthungen behelliget. Nur der Ordnung halber, meinte Prelloni, habe er nicht versäumen wollen, das Nötchen zu sich zu stecken. Flümer hatte im Leben schon einen ungemessenen Respect vor seines reichen Schwagers Vermögen gehabt; aber nach dessen Tode erst sollte er die reine Übersicht von dem Umfange seiner Wohlhabenheit bekommen. 1840 fl. war der Selige blos für Austern, Kaviar und dergleichen Leckereien dem ehrlichen Prelloni schuldig geblieben; was mußte jener für ein Einkommen gehabt haben, um auf solche Nebendinge diese enormen Summen verwenden zu können, von der Flümer seinen ganzen Hausstand vier Jahre lang unterhalten hätte. Auch Prelloni stieg bei ihm im Werthe. Im ganzen Jahre nahm er in seiner Finsterberger Apotheke, kaum die Hälfte jener Summe ein, die Prelloni von einem einzigen Kunden zu fordern hatte. Der Vormund der reichen Klotilde, der sich im Stillen immermehr aufblähende Flümer, drückte Prelloni vornehm die Hand, versicherte, daß die Kleinigkeit in wenigen Tagen berichtigt seyn solle, und ging nun, um den schwägerlichen Crösus zur ewigen Ruhe zu begleiten.

Klotilde trat halb ohnmächtig aus dem Hause. Auch der Grünrock stand unter den tausend Zuschauern, die sich versammelt hatten, um das Leichengepränge in Augenschein zu nehmen. Er sah das bleiche, schöne Mädchen, von der Gewalt des Schmerzes vernichtet, seiner selbst sich kaum bewußt, zum Trauerwagen geführt werden. Hundertmal hatte er gesehen, daß die weibliche Eitelkeit sich im Schmucke der Leidtragenden gefalle, und daß der schwarze Kreppflor der Frauen, besonders der Blondinen Liebreiz erhöhe. Klotilde aber, das sah man ihr an, wußte von dem Allen nichts. Ihr verweintes Gesicht, die eingesunkene Haltung ihrer stolzen, edlen Figur, ihr zur Erde geschlagener Blick, sprachen deutlich, wie tief sie gebeugt war. Alle Umstehende starrten sie theilnehmend an. Ein jedes wußte etwas Gutes von dem zarten Kinde zu erzählen, und der Grünrock, der gestern so barsch und wild ausgesehen hatte, war von dem sonderbaren Eindruck, den das mit eigener Anmuth ausgestattete, lebendige Bild des Kummers auf ihn machte, so überrascht, daß er eine Thräne, vielleicht die erste in seinem Leben, verstohlen im Auge zerdrückte, weil er sich vor seinen Kameraden schämte, die über die Schuljungen lachten, welche, ihr blankes Zweigroschenstück in den Händen, das eben beginnende Sterbelied mit einem Diensteifer abbrüllten, als wäre es selber ihr letztes.

Flümer schnitt auswendig zwar auch das Gesicht eines Leidtragenden; inwendig aber lachte er, und freute sich des großen Augenblickes, der ihm geworden; denn solche Ehre als heute, war ihm noch nicht widerfahren. Er hatte sich, kraft der ihm nicht abzusprechenden Bescheidenheit, im Zuge hinten an die Kanzellisten und solche kleine Leutchen, als seines Gleichen anschließen wollen; allein der Leichenbitter, der bei derlei festlichem Gepränge gewöhnlich den Ceremonienmeister macht, setzte ihm aus einander, daß er heute, als der nächste Verwandte des Hauses, den Vorrang vor Allen habe; erwiederte auf seine mit tausendfältigen Bücklingen begleiteten Bittegehorsamst und auf seine kleinstädtischen Betheuerungen, daß sich das nicht schicken werde, daß er recht gut wisse, wohin er gehöre, um daß er die Achtung und die tiefe Ergebenheit, die er den hohen Herrschaften hier schuldig sey, nimmermehr aus den Augen setzen werde, nichts als ein trockenes: das muß ich besser verstehen! und schob ihn über die hier ganz überflüssige Einrede, ohne Weiteres in den ersten Wagen, wo er den General-Superintendenten als seinen Begleiter fand.

Seinen ganzen Chinavorrath hätte Flümer darum gegeben, wenn die Bürgerschaft von Finsterberge ihn diesen Triumph hätte feiern gesehen. Zum Unglück hatte er aber keinen Zeugen seiner Herrlichkeit, als Jeremischen. Dieser trabte, des kalten Wetters ungeachtet, mit entblößtem Haupte neben dem Wagen durch dick und dünn, denn Herr Flümer hatte ihm beim Hineinsteigen zugeflistert, daß der Herr, der heute die Ehre hätte mit ihm zu fahren, in Kirchensachen, nächst dem Fürsten der Erste im Lande sey, und einen solchen hatte Jeremischen noch nicht gesehen.

Flümer klemmte sich, aus lauter Ehrfurcht vor Sr. Hochwürden, dergestalt zusammen, daß der General-Superintendent 4 / 5 des Platzes im Wagen zu seiner Bequemlichkeit behielt; dieser aber sprach über den Verstorbenen wohl mit christlicher Schonung, jedoch ließ er manche mißbilligende Aeußerung über die heutige Sucht, vor der Welt glänzen zu wollen, über den immer mehr einreißenden unglücklichen Hang, mehr auszugeben, als man einzunehmen habe, über die fast ganz aus der Mode kommende Tugend, für die Seinigen nach dem Tode zu sorgen, und dergleichen mehr fallen, daß jeder andere leicht hätte merken können, wo Se. Hochwürden hinaus wollten; nur Flümer nicht, der hörte nur halb, und freute sich, wenn die Leute in den Wagen sahen, denn er saß oben an.

Was wird denn das arme Kind beginnen, das gute liebe Klotildchen? fragten Se. Hochwürden mit väterlichem Antheil.

O die ist dicke durch! entgegnete Herr Flümer: die nehmen wir zu uns; wie unser Kind soll sie da bei uns im Hause seyn; wie den Apfel im Auge wollen wir sie lieb haben. Mein Schatz ist eine tüchtige Wirthinn, der soll sie ein bischen an die Hand gehen, und –

Recht, recht, fiel der General-Superintendent beifällig ein, und schien sich jetzt etwas mehr dem Manne nähern zu wollen, der ihm anfänglich nicht recht gefallen haben mochte, in dem er aber jetzt einen wackern, wenn auch etwas ungebildeten Kleinstädter kennen zu lernen glaubte: nur nehmen Sie den zarten Sinn des Mädchens recht in Obacht. Es ist ein gar reines, herrliches Wesen. Sie kam oft zu meinen Töchtern und ich habe sie immer gern gesehen. Sie will mit sehr vieler Liebe behandelt seyn. Der gute, selige Vater, über den sich manches wohl sagen ließe, hat sie an vieles gewöhnt, was ihr schwer werden wird, aufzugeben; dafür hat er aber, und das ist in ihrer nunmehrigen Lage ein großes Glück für das arme Kind, bei ihrer Erziehung keine Kosten gescheut – er hat dem Mädchen einen Schatz hinterlassen –

Einen Schatz! schrie Flümer, und spreite alle zehn Finger aus, als wollte er ihn heben, und säße er tausend Klafter unter der Erde. Der Zug aber hielt jetzt auf dem Gottesacker; beflorte Lohnbedienten öffneten die Schläge und beide stiegen aus.

Des Nachbars Meisterrede am Sarge des Entschlafenen ging an Flümers Ohren vorüber, denn dieser hatte nichts als den Schatz im Kopfe. Klotilde sollte ein Leben haben, wie im Himmel. Täglich Syrup, Sonntags Zuckerkant im Kaffee. Von Arbeiten war gar nicht die Rede. Ein Bischen Stricken und Lesen war das Ganze. Uebrigens sollte sie ihr eigener Herr seyn, schlafen, so lange sie wollte, aufstehen, wann sie wollte, essen und trinken was sie wollte. Dafür aber natürlich kamen ihm, bis zu ihrer Volljährigkeit, die Zinsen ihres unermeßlichen Vermögens zu Gute; mit seiner Ober-Vormundschaftbehörde, mit dem Magistrate, wollte er deshalb schon fertig werden; seine Apotheke, sein ganzes Hauswesen mußte sich dabei aufnehmen; die langjährigen Bären bei den Droguisten hier in der Residenz wurden abgestoßen; Zucker und Kaffee waren seit Jahren nicht so wohlfeil gewesen, als eben jetzt; er kaufte sich umgehend Vorräthe davon an. Beide Artikel stiegen gewiß einmal im Preise, er gewann dabei Thaler auf Thaler. Das große, schöne Haus des alten pensionirten Obersten, gegenüber, mit dem langen Garten und den zehn Scheffeln Feld, war feil, – wer konnte ihm wehren es zu kaufen! Sollte es, wie man munkeln wollte, zum Kriege wirklich noch kommen, so konnte ihm – er hatte ja Geld in Händen – eine recht fette Lazareth-Lieferung nicht entgehen; dabei war, wenn man den Rummel nur ein Bischen weg hatte, unmenschlich zu verdienen. Großenau, das prächtige Rittergut – kam er mit vollen Händen – der Besitzer stak bis über beide Ohren in Schulden, der schlug gewiß los; dann hieß er Erb- Lehn- und Gerichtsherr auf – – da polterten die ersten Erdklöße und Steine auf den eingesenkten Sarg hinab, und das grausende Geräusch störte den Träumenden in seiner glücklichen Milchmädchen-Rechnung; Klotilde aber, von der wohlverstandenen Rede des frommen Dieners Christi tief erschüttert, und jetzt von dem hohlen Schauergetöse des herabrollenden Steingerilles bis auf das Mark durchbebt, schrie laut auf, rang voller Verzweiflung die Hände gen Himmel, und sank in die Arme einer Freundinn; man mußte sie zum Wagen tragen. Der Grünrock war der erste, der herbeisprang, um hülfreiche Hand zu leisten. Er benahm sich mit so vielem Antheil, mit solchem Anstand, daß Niemand des unberufenen Liebesdienste verbat; er trug mit fester Kraft das ohnmächtige Mädchen zum Wagen. Als Klotilde aber auf dem Wege bis dahin die Augen aufschlug und zufällig in die seinigen sah, entsetzte sie sich, denn sie hatte in eine Stichflamme gesehen, die dunkelglühend verzehrte, ohne zu erwärmen. Bedienten und Dienstboten empfingen die arme Klotilde aus seinen Armen noch halb erstarrt, und er verschwand unter der Menge.

Kaum zu Hause angelangt, kam Onkel Flümer hastig in das Zimmer, nahm das Mädchen aus dem kleinen Kreise seiner Bekanntinnen, die eben gekommen waren, um die Verlassene durch sanfte Tröstungen aufzurichten, in die anstoßende Arbeitstube des seligen Vaters, und fragte dringend: Tildchen, wo ist Dein Schatz; wo sitzt er, wo liegt er, wo steckt er? Das Mädchen schüttelte schweigend das blasse Haupt und glaubte einen Irren reden zu hören. Heraus mit der Sprache, fuhr er pressend fort, und hätte das Kind lieber gleich auf eine Folterbank gespannt: heraus damit, Mädchen, leugne nicht, verstelle Dich nicht. Ich habe Pläne, ich sage Dir, Riesenpläne. Es soll Dir nichts abgehen; wie eine Prinzessinn sollst Du leben; aber ausliefern mußt Du ihn, ich bin Dein Vormund.

Klotilde wußte nicht, ob sie wache oder träume; sie hatte in ihrem ganzen Leben von keinem Schatze gehört, und der Doppelsinn, der in dem Worte lag, ließ sie in Ungewißheit, ob der Onkel einen lebendigen oder todten meine.

Sprechen Sie denn, fragte sie endlich zweifelnd, von Geld, oder – von Geld, von Geld! rief er hastig: von was sonst? von Pretiosen, Effecten, Gold, Silber und anderen edlen Metallen. Der Schwarzrock, Se. Hochwürden, der Herr General-Superintendent haben mir Alles vertraut. Der Vater hat Dir Mädchen einen Schatz hinterlassen. – Klotilde sah ihn verwundert an, und meinte, ohne auf diese Neuigkeit vielen Werth zu legen, daß sie davon noch keine Sylbe gehört habe; hier im Secretair des Vaters wären alle Papiere desselben befindlich; vielleicht würden diese näheren Aufschluß geben.

Nichts von Aufschluß, fiel ihr der Oheim in das Wort: der gute Vater war noch nicht kalt, als ich hier schon Alles durchstöberte.

Haben Sie auch das verborgene Fach –

Verborgenes Fach? unterbrach sie Flümer hastig; nein, nein, schließ auf englisches Tildchen, zeig' mir das verborgene Fächelchen, bestimmt finden wir da Deine Mosen und Propheten.

Klotilde drückte an einer Feder: ein nicht ganz kleines Schubfach sprang hervor. Flümer stierte mit gierigem Blicke hinein; er mochte das Fach bis an den Rand voll mit alten Ducaten oder Juwelen gefüllt sich gedacht haben, denn er brummte ein verdrüßliches Hm! vor sich hin, als er bloß Papiere darin gewahrte; indessen Se. Hochwürden hatten doch Recht gehabt; die Papierchen waren lauter Wechsel von großen, bedeutenden Männern der Residenz, von Geheimen Räthen, Präsidenten, Directoren und dergleichen. Er durchlief die Documente mit flüchtigem Blicke, summirte den Betrag derselben in aller Geschwindigkeit zusammen und murmelte mit freundlichem Lächeln etwas von Fünf und Zwanzigtausend vor sich hin, schob dann, in seinem Gott still vergnügt, das Fach wieder an seinen Ort, nahm die Schlüssel an sich, und erwiederte auf Klotildens beinahe spottweise hingeworfene Frage: ob er den großen Schatz gefunden habe? mit einer Miene, als meine er, das dumme Ding brauche auch nicht Alles zu wissen: Papier ist kein Geld; so ein Theolog ist doch in der Welt immer wildfremd. Die Paar Schuldbriefchen, ei nun, wenn sie eingehen, ist es wohl gut, aber baar Geld wäre mir lieber gewesen: baar Geld lacht; besser haben, als hätte ich; ein Sperling in der Hand ist mir lieber, als zehn Tauben auf dem Dache.

Er wollte morgen den Anfang machen, die Wechsel einzucassiren, aber diesen Abend noch traf ein Eilbote von der Frau Apothekerinn Flümer aus Finsterberge ein, die den Herrn Gemahl dringend bat, die Rückreise sofort anzutreten, weil sonst Apotheke, Ehre, Privilegium und Alles auf dem Spiele stehe! Denk nur Flümerchen, fuhr sie in ihrem Schreiben fort: wie es mir geht; man kann doch nicht immer in der lieben Apotheke stecken, wenn man nicht ganz und gar verputten will; ich bin also gestern Abend bei Steuerrevisors zum Konversations-Thee; der Sextus las uns, wie gewöhnlich, aus dem Konversationslexikon vor; wir hatten schon die Artikel – Miloradowitsch, Miltiades, Milz und Mimen herunter und stehen justement bei dem Artikel von der Mimik, das ist ein sehr schweres Studium, wo Du, mein Kind, auch noch ein schön Stück Arbeit hast, ehe Du darin Meister wirst. Mir war erst die ganze Geschichte von der Objektivität der Darstellung und von dem mimischen Rhytmus und Accent böhmische Dörfer; aber der Herr Sextus demonstrirte uns das alles ganz handgreiflich, und tanzte uns einen mimischen Hopser vor, wie ihn der Herr von Xenophon in der Anabasis beschrieben haben soll, als unsere Anneliese hereingestürzt kommt, und uns unter Schreien und Heulen erzählt, daß sie Postmeisters Sabinchen vergiftet habe. Der Sextus, der eben einen lyrischen Kreuzsprung machte, drei viertel Ellen hoch in die Luft, schlug wie ein Nußsack zur Erde, und mir zitterten alle Glieder am ganzen Leibe. Wie wir uns nur erst wieder ein Bischen recolligirt hatten, erzählte Anneliese, daß Sabinchen mir hätte sagen lassen, sie hätte wieder ihre komischen Krämpfe. – Clonischen, verbesserte Flümer, der den Brief seiner theuern Hälfte dem kleinen Familienkreise laut vorlas – und ich sollte ihr doch etwas dafür schicken. Anneliese sieht sich in der ganzen Apotheke danach um, findet in ihrer Dummheit aber weiter nichts, als ein Bischen Johanniswedel, vergreift sich jedoch in der Angst und gibt statt Johanniswedel, Eselsspringgurkenpulver –

Selbst Eselsspringgurke! schrie Flümer und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. – Bei Sabinchen hat sich nun zu den Krämpfen ein nachdrückliches Kneipen gesellt, und was dann weiter erfolgt, kannst Du denken. Sie haben gleich nach dem alten Schäfer geschickt, und der hat das Pulver für Gift erklärt, so das Sabinchen vor Schreck in drei Ohnmachten hinter einander hat fallen wollen, wovon jedoch keine zur Reife kam. Ich setzte mich nun gleich in Trab, lief durch dick und dünn zu Postmeisters, und fand da einen Heidentumult; der Alte wollte eine Stafette an den König schicken, sie, die Postmeisterinn wollte Anneliesen rädern lassen, und das von unten auf, und mir sagte sie Sachen in's Gesicht, daß ich denke der Schlag rührt mich auf der Stelle; Sabinchen aber meinte, ihr sey zu Muthe, wie der Louise in Kabale und Liebe, im letzten Akt; sie hätte lange schon gern sterben wollen, denn die schlechte Welt sey nicht werth, daß man darauf lebe, nur ärgere es sie, daß sie aus Annelisens Hand den Tod empfangen solle; hätte sie dem Leben Ade sagen müssen, so wüßte sie andere Leute, die ihr den Jüngling mit der gesenkten Fackel hätten zuführen sollen, und dann wäre ihr dieser willkommen gewesen. Sie zielte damit ganz bestimmt auf den Sextus, aber der macht sich aus der alten sechs und dreißigjährigen Mamsell keinen Pfifferling. – Schrien die, so schrie ich zehnmal mehr, und endlich drang ich durch und brachte sie zum Schweigen und schwur hoch und theuer, daß das Eselsspringgurkenpulver kein eigentliches Gift sey, daß ich das besser verstehen müsse, als der alte Pfuscher, der Schäfer, daß es, nur im Uebermaße genossen, schädlich werden könne, daß aber von dem Hahnemann'schen Häppchen die Mamsell Zimperlich nicht gleich sterben würde; ich stopfte nun, was ich stopfen konnte, Muskatenbalsam, Kinogummi und Kolumbowurzel in die Trauerspielheldinn, schlemmte Luciuswasser hinterdrein, und sie befindet sich gegenwärtig wie ein Fischchen.

Aber was uns der Spaß gekostet hat, will ich keinem Menschen erzählen. Erst kam der Bürgermeister und sprach vom Anzeigen des Vorfalls. Ein Paar Flaschen Wein stimmten ihn indessen wieder zu unsern Gunsten; dann kam der Kreis-Physikus, der wollte die ganze Historie in die Residenz berichten; ich mußte einen Schinken, zwei Pfund Schokolate, und sechs Flaschen Würzburger springen lassen; dann erfuhr ich, daß der Rattenschwanz, der Hofmeister bei Ober-Forstraths, die Geschichte wollte in die Zeitungen setzen lassen, den bearbeitete ich mit zwei Pfund von Deinem beßten Rollknaster, und endlich mischte sich der Amtmann hinein. Der liebt das Klingende – drei schöne, blanke Ducaten –

Weiter konnte Flümer nicht lesen; der Schmerz über den verlornen Verdienst eines ganzen Monats schnürte ihm die Kehle zu. Er knillte vor Unmuth den Unglücksbrief in einen Haarwickel zusammen, und erklärte nach einer furchtbaren Pause, daß er fort müsse, gleich auf der Stelle, diesen Abend noch, denn solche Auftritte dürften nicht wieder vorkommen, wenn er nicht sein ganzes Haab und Gut riskiren wolle.

Er ließ dabei, nach ächt gemeiner Weise, die zarte arme Klotilde fühlen, daß die Verwandtschaft mit ihr an dem ganzen Unglück allein Schuld sey. Wärst Du nicht meine Nichte, rief er halb weinerlich: so wär' ich nicht hier, sondern zu Hause, und dann wäre die heidnische Konfusion nicht vorgefallen. Jetzt aber marsch fort; pack Deine Siebensachen über Hals und Kopf zusammen, in einer halben Stunde müssen wir in Wagen sitzen. Nimm nur das Nöthigste mit; das Uebrige kann Dir nachgesendet werden.

Klotilde fügte sich still. Sie sah in die düstere Zukunft mit banger Ahnung; sie fühlte, wie roh und unleidlich der Oheim war; sie kannte die Tante als eine grillige, eitle, verbildete, unerträgliche Frau; aber sie hatte ja keine Wahl. Beide waren ihre nächsten Verwandten, sie mußte sich fügen, und um den Onkel, der ihr geradezu vorwarf, daß sie eigentlich an Sabinchens Giftmorde, wenn er zur Ausführung gekommen, Schuld gewesen wäre, nur zu beschwichtigen und wieder gut zu machen, beeilte sie die Abreise nach Kräften, und fuhr diesen Abend noch mit ihm ab.

Onkel Flümer hatte, auf daß nichts umkomme, noch in den letzten Augenblicken vor der Abreise, alle Reste des Leichenweins möglichst zu gewältigen gesucht, und schnarchte jetzt in dem Winkel des Wagens, daß man fast hätte meinen sollen, er habe sich in ein Plumpenrohr mit desolatem Ventile verwandelt. Klotilde hingegen hüllte sich fröstelnd in die Tiefe ihres weichen Pelzes; Herz und Kniee zitterten ihr heimlich, und Stirn und Auge glüheten wie Feuer. Ohne Abschied von den Gespielinnen ihrer Jugend nehmen, ohne ihnen ein freundliches Wort sagen zu können, war sie in die dunkle Nacht hinausgefahren, und der kalte, schwarze Himmel graus'te sie seltsam an. Kein Stern blinkte am ganzen Himmel. Dichter Nebel lag auf der erstarrten Erde, und der Wind braus'te hohl in den Wipfeln des düstern Nadelholzes. Gibt es Wahrzeichen, so waren diese wahrlich nicht geeignet, um das arme Mädchen auf seinem neuen Lebenswege zu ermuthigen. Vom zärtlichen Vater auf den Händen getragen, der Liebling ihrer Jugendfreundinnen, rein und schuldlos, fröhlich und leicht war sie durch sechszehn Sommer geflattert, und wußte von keinem Kummer und keiner Sorge. Jetzt auf einmal versank sie in die drückendste Aengstlichkeit; sie dünkte sich von der ganzen Welt verlassen, und zagte dem Geschick, dem sie verfallen war, mit geheimen Schauder entgegen. Sie irrte sich.

Wenn auch der erste Empfang der Tante nicht ganz so war, wie das verwais'te Kind von der mütterlichen Freundinn ihn gewünscht hätte, so sah Klotilde doch schon in den ersten Stunden nach ihrer Ankunft, daß sie sich die Sache viel schlimmer vorgestellt hatte.

Diese schnelle Wandlung hatte einen Grund, den freilich Klotilde nicht ermitteln konnte.

Onkel Flümer hatte, gleich nach den ersten, ziemlich kalten Begrüßungen, seine Frau, wie er es nannte coramirt. Klotilde, hatte er ihr gesagt, bringt jährlich 1000 Gulden Zinsen in das Haus. Daß sie so reich ist, wird in der Stadt und Gegend bald ruchbar werden. Zehne, Zwanzig werden kommen, und sich um sie bewerben. Gefällt es ihr bei uns nicht, so wird sie dem Ersten dem Beßten ihre Hand geben; blos um aus unserem Hause zu kommen, und dann sind die tausend Gulden jährlich pritsch; machen wir ihr aber hier das Leben süß, so denkt sie nicht daran; das Ding ist noch ein Kind, und wenn wir es recht anfangen, bleibt sie eine alte Jungfer, und unsere Kinder erben einmal ihr ganzes schönes Bischen. Laß mich nur machen, ich will ihr schon, wenn Einer kommt und ernsthafte Absichten blicken , von dem Mosje so viel Schlechtes erzählen, daß sie Gott dankt, wenn er wieder geht; und haben wir auf die Art nur ihrer drei, vier mit der langen Nase abziehen lassen, so kommt kein fünfter; Jungfer Tildchen bleibt sitzen, und die zwanzig, fünf und zwanzig tausend Gulden sind unser. Aber fein müssen wir es anfangen, mein Putthünchen. Sieh, Du hast, Du mußt mir es nicht übel nehmen, zuweilen wohl so etwas abstringirendes, schweißtreibendes, durchschlagendes in Deinem Gesichte; ich darf Dich, wenn Du nicht bei Laune bist, nur ansehen, und es wirkt auf mich, als hätte ich in hinreichender Dosis genossen. Ich für meine Person bin nun seit den zwanzig Jahren unserer glücklichen Ehe daran gewöhnt, aber das Mädchen – das ist ohnehin ein Bischen superfein; man muß wahrhaftig mit ihr umgehen, wie mit einem rohen Eie. Also Putthühnchen, wenn Du Deine Sächelchen fein hübsch machst, so sollst Du auch aus Tildchens Zinsen, jährlich 100 fl. Nadelgeld haben.

Dieser Zusatz wirkte. Madame Flümer gelobte, des schlauen Gatten Willen zu thun, und sah dabei so freundlich aus, daß Flümer in die während seines Ehestandes selten gehörte Betheurung ausbrach, daß in ihrem Gesichte auch emulsirende Kräfte lägen.

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