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Der blaue Boll

Ernst Barlach: Der blaue Boll - Kapitel 8
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer blaue Boll
authorErnst Barlach
year1926
firstpub1926
publisherPaul Cassirer
addressBerlin
titleDer blaue Boll
pages124
created20080708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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107 Siebentes Bild

109 Inneres der Kirche, von dem man nur einen Pfeiler, Bogenfenster und Gestühl sieht. Ein hölzerner Apostel am Pfeiler. Grete schläft auf der Bank, Boll geht im Gang auf und ab. Die Morgensonne strahlt durchs Fenster und bescheint den Apostel. Einige Augenblicke später erwacht Grete und richtet sich langsam auf, sie folgt Boll, der immer noch auf- und abgeht, mit den Augen. Wenn er an ihr vorbeikommt, sehen sie sich an.

Grete: Ist das nicht der blaue Boll – kann niemand sein als der, aber wie kommt er hierher?

Boll: Und du, Grete, bist du nicht auch da? (Macht eine Gebärde.) Was für ein Haus, Grete, was für steinerne Raketen steigen auf und wie springts da oben lustig im Bogenhimmel herum – ist Morgen, Grete, hast gut geschlafen?

Grete: Hat Boll ihnen denn nicht die goldene Kugel gegeben und sie liefen immer weiter und immer hinter der Kugel her?

Boll: Genau so, immer hinter der leuchtenden Kugel her und die Kugel direkt auf Parum los und zeigt den Weg im Dunkeln – sind längst wieder in Parum, Grete, und spielen immer mit der goldenen Kugel.

Grete: Aber Boll war doch jung und schlank und rot – und ist doch wieder der blaue Boll?

Boll: Was schadet dirs, Grete! Ja, ich war jung und schlank, so gut wie . . ., Grete, so gut als ob, und darum küßtest du mich im Dunkeln. Weißt nicht mehr, was der Nachtwächter sagte?

110 Grete: Ich lief mit dir und du sagtest, die Kinder sind vorauf, darum lief ich. Ich war schon müde und wurde matt und immer schneller wollte ich laufen – ja dunkel war es!

Boll: Sehr! Aber du liefest nicht lange und lagst bald am Boden und rührtest kein Glied und sagtest kein Wort – und ich hob dich auf, ich und der Nachtwächter hoben dich auf und brachten dich mit Mühe (zeigt gegen die Wand) da vors Haus, vor die Kugel, und er kriegte sein Trinkgeld und bedankte sich und meinte, ich sollte meine kleine Braut nur ja ordentlich ausschlafen lassen, sie hätts wohl nötig und lachte sich dabei wie solche Schlauberger es machen. Braut, sagte er, Grete, denn er konnte sichs nicht anders denken.

Grete: Und da küßte ich Boll?

Boll: Im Dunkeln – im Dunkeln war ich jung und schlank, Grete. Dabei kriegte ichs denn auch klug, was es zu bedeuten hatte, daß du immer sagtest: Gift, Gift – ja, da roch ichs und begriff, warum du mit Lachen und Weinen und Husten anfingst und mit Schnarchen aufhörtest. Also ich war jung und schlank und wars gern – im Dunkeln.

Grete: Und dann?

Boll: Und dann ließ ich die Kugel links liegen und holte den Schlüssel aus der Tasche und schloß auf, und einmal im Turm kamen wir von selbst ins Gehäuse – ist mir sauer geworden, hätte dich lieber wo anders hingebracht, aber es mußte wohl so sein. Und du hast da 111 gelegen und geschlafen, schwer geschlafen und gut, und ich bin Wache gegangen, immer auf und ab im Dunkeln. Kanns im Himmel stiller sein – denk mal wie still!

Grete: Weißt du noch, wie es in der Hölle lärmte und wie sie die nackten Sohlen auf Glut setzten? Elias weiß damit Bescheid, blauer Boll – und viel Gift hat er mir gegeben.

Boll: Elias? Richtig, Grete, Elias gehörte ja auch dazu – na, Grete, wo siehst denn hin, was hast du an dem Petermännchen aus Holz zu gaffen – hm?

Grete (sieht zwischen der Figur des Apostels und Boll hin und her, lacht): Was der auch aussieht, wie ihr Beide ausseht! Die Sonne scheint ihm ins Gesicht und er hat seine Glotzaugen weit auf – sucht er Läuse, oder was hat er in seinem Vollbart zu grabbeln?

Boll: Der? Ja, der! Sieh, jetzt scheint sie mir auch aufs Gesicht und nun wächst da ein schattiger Boll an der Wand, der Heilige aus Holz und mein Schatten stehen sich gegenüber und man kanns gut absehen, von welcher Art Fleisch sie fallen. Er war ja auch einmal im Fleisch und ich bins noch – sieh dirs an, Grete.

Grete: Er macht den Mund zu und seine Augen blinkern.

Boll: Glühen, glühen – und meine?

Grete: Deine – ach, blauer Boll, das ist nicht dein bester Putz. Da klappen Luken über zusammen, Luken, daß man sich schämen sollte, daheraus zu sehen. Sonst, die Augen sind richtige Augen, aber sie haben sich in 112 dicke Walnußschalen verkrochen. Er hat einen Mund, aber er macht ihn zu.

Boll: Fest! Hat nichts zu sagen, will nichts sagen, außer dann einmal und wann einmal – mehr nicht als ein halb Dutzend gut ausgekochte Wörter – und meiner?

Grete: Dein Mund? Boll, deiner ist nicht schlecht, gut zum Gähnen und Zähnezeigen und zum Besorgen von allerlei Unrat für die Zähne. Aber deine Zähne sind sehr gut, die können ihr Teil beschicken – er, sieh hin, was für hohle Backen, da ist kein Platz mehr für Zähne, die Kammer hat dünne Wände und leere Betten. Vielleicht glühen seine Augen darum, weil er keine Zähne hat und nach was anderm ausschauen kann als nach Fleisch.

Boll: Nein, er ist hungrig, Grete – und hungrig, kannst du zugeben, seh ich nicht aus!

Grete: Seine Stirn ist geteilt, wenn man genau zusieht – zwei schöne schiere Schalen!

Boll: Und meine?

Grete: Blauer Boll, du bist wohl ein guter blauer Boll, aber ich wollte doch, ich hätte dich nicht geküßt. Du hast eine glatte Backe unterm Haar und deine Stirn ist das, weil sie da sitzt, wo sie bei dir sitzen soll. Das tut sie auch.

Boll: Was wolltest du noch von Elias sagen, Grete?

Grete: Hier ist es wirklich wie im Himmel, wollen lieber still sein – ich bin auch müde. Das Gift kratzt noch immer hinter den Augen, will gern gehen und nach Haus – aber da hats was. (Faßt an die Stirn.) Will gleich gehen, aber noch sitz ich ein Stück.

113 Boll: Du brauchst nicht gehen, Grete. Weil du noch schliefst, war ich drüben und weckte den armen alten Saugwurm. Saugwurm spannt an, Grete. (Sieht nach der Uhr.) Kannst bald losfahren und fährst nach Parum – und Saugwurm ist zurück, ehe die Herrschaften ihre Stiefel gewichst kriegen. Aber sag mir, wie es mit Elias war!

Grete: Du sollst hören, was du hören willst – sprich mir vor, ich sags nach.

Boll: Na, Grete, sieh mal, wenns auch kein schöner Schatten ist da an der Wand, die allmächtige Sonne hat ihn ehrbar und ohne Spott hingemalt – willst du böser mit mir sein als sie? Das Werden, weißt du, Grete, ist eine saure Sache und wenn du nach Parum rollst, kannst du in Parum aussteigen, als wäre der Besitzer des Wagens der Mann im Mond und Boll eine Vogelscheuche sonstwo. Das kannst du und das ist Bolls saures Werk und bei dem Werk ist mein Werden reichlich in Schweiß gekommen – aber Werden und Gedeihen sollen ihr Recht kriegen und also wird der blaue Boll aus seinem ungeheuren Elendstal eingehen in den blanken Saal der guten Geheuerlichkeit und – hoch soll er leben in aufgetürmten Gehäusen! Was?

Grete: Sag's zu Ende.

Boll: Ach, ja, Grete, du hast den Anfang gemacht, bei dir hat Boll den Einblick getan, wie das Werden schmeckt. Solcher Aufstieg soll ihm nun immer vollkommener glücken . . . .

114 Grete: Weiter, blauer Boll.

Boll: Denn Boll hat keine Wahl mehr, Boll muß sich der Herrlichkeit des Werdens zubereiten und darum hat er den Wagen anspannen lassen und Saugwurm fährt die liebe Hexe im Trab heil und ganz, heil und ganz, Grete, das weißt du nun – heil und ganz zu den lieben Kindern heim. Und Boll winkt mit der ehrbaren Rechten und läßt fahren dahin, was nie wiederkehrt – und wendet sich zum Wandel aus dem geliebten Elendstal und eilt hinan und geht wohlbehalten ein, wo? Im Festsaal der unvermeidlichen Dereinstigkeit – sieh, Grete, so muß es werden und nicht anders.

Grete: Sprich zu Ende, blauer Boll.

Boll: Gott, Grete, liebe Grete, wieviel lieber bliebe ich im trauten Elendstal, wo ich so lustig war und nicht mehr sein darf. Kein schlechter Wille, Bolls Wille, aber ganz schlechte Lust ist Bolls Lust zum allfortigen steinigen Wandelgang. Nichts von Elias!

Grete: Ich will dir alles gern glauben und soll wahr sein, daß du an mir dein erstes Probestück gemacht hast, und saure Arbeit solls auch gewesen sein! Aber hör' mal, was war das für eine gewaltige Frau, Elias' Satansweib, und sie hat mich aus seinen Klauen gezogen und wie ichs sage, so ists und niemand kanns anders sagen. Hörst du das gern? Wenn die Sonne in deine Augen scheint, glühen sie besser als dem seine, das seh ich genau, wenn ich gut hinseh'.

Boll: Was Wunder – kann er was anderes mit seinen Augen anfangen als läßt sie sehen – ich aber sehe selbst 115 und seh dich sitzen und höre dich die Wahrheit reden, und siehst aus deinen Augen wie eine heile gesunde Frau. (Sieht nach der Uhr.) Kannst gleich fahren, ich bring dich hin – frisch, es wird losgefahren!

Grete (zögernd): Und wo bleibst du, blauer Boll, wenn du doch nicht mehr lustig sein kannst?

Boll: Ach was, Grete, Boll kanns nicht lassen und bringt Boll zur Welt, man wird schon sehen, Bolls Geburt und turmhohe Veränderung steht vor der Tür. Jeder ist sich selbst der Nächste bei seiner Entfaltung und muß wissen, wie ers schafft.

Man hört die Tür zum Turm knarren, sie sehen sich um.

Boll: Das trifft sich ja sehr gut, Martha, da können wir gleich zusammen frühstücken – nein, nein, komm gern heran, du störst nicht im geringsten.

Frau Boll kommt.

Frau Boll: Aber ob sie es erlaubt?

Boll: Küß' der gnädigen Frau die Hand, Grete, das ist Bolls Ehefrau – na, was zierst du dich – wirds bald?

Frau Boll (winkt ab): Wie ich da zufällig aus meinem Fenster seh . . . und du gingst über den Platz und verschwandest in der Kirche . . . .

Boll: Küß ihr die Hand, Grete! (Grete tut es mit äußerstem Widerstreben, linkisch und furchtsam, kaum daß Frau Boll es duldet.) Sie fährt dahin und kehrt nie wieder, Martha, nie wieder, was wie Grete war. Saugwurm hält doch wohl vor der Kugel, wie du hoffentlich bemerkt haben wirst – ja, nie wieder, nie wieder.

116 Frau Boll: Würdest du mir das alles nicht bitte besser verschweigen, Kurt? Nein, ich kann den lieben Gott wirklich nicht mehr begreifen! (Kehrt sich ab und legt die Hand auf die Stirn.) Ohne eine Sterbensmöglichkeit von Schlaf wie die Nacht verlaufen ist – und habe ich denn nicht regelmäßig Migräne nach solchen Aufregungen? (Wieder zurück.) Gott, Kurt – du weißt wohl überhaupt noch gar nicht, was heute Nacht geschah?

Boll: Ich denke doch – viel, reichlich viel, aber vielleicht geschah noch mehr?

Frau Boll: Also du weißt es wirklich noch nicht? Ich hätte es nie geglaubt!

Boll: Was denn, Martha, wenn du so gut sein willst?

Frau Boll: Woher solltest du auch – wer könnte . . . (Zu Grete): Ich muß meinem Mann, der leider ganz unvorbereitet ist, von einer er – schütternden Familienangelegenheit Mitteilung machen.

Grete: Ja, Frau Boll?

Frau Boll: Sie versteht nicht, Kurt.

Boll (zu Grete): Wenn du noch was für mich tun willst, Grete, kannst du nach vorn gehen und ein Vaterunser für mich beten. Für mich wie für jemand, der keine Zeit mehr dazu hat oder keine Kurage aufbringt – ja, Grete?

Grete (wendet sich, Boll begleitet sie mehrere Schritte und zeigt ihr den Weg zum Altar, Grete ab).

Boll: Also schlecht geschlafen, Martha, auch Migräne wie immer nach solchen Geschichten?

117 Frau Boll: Eine Aufregung stürzt sich auf die andere, Kurt.

Boll: Aufregungen, Martha, wenn du mir das erlauben willst, einzuschieben, sind Gelegenheiten, Pulver zu nehmen – aber ich unterbrach dich.

Frau Boll: Kannst du es auch anhören, Kurt? Wenn dir nur im Geringsten unklar vor Augen wird, oder gar . . .

Boll: Einerlei, ich bin ja wohl der Erste an der Reihe, also los!

Frau Boll: Setz dich lieber in den Stuhl, Kurt, und nimm dir fest vor und gib dir Mühe, dich von vornherein dagegen gefühllos zu machen – mein Gott, die Zeit tut es dann ja doch und du wirst einmal sagen, es geschah, was schon längst hätte geschehen können oder auch später erst – ich hätte es wirklich nie geglaubt.

Boll: Na, ja, Martha, jetzt bin ich wirklich auf alles vorbereitet – wenn du denn so gut sein willst.

Frau Boll: Du weißt vielleicht noch, daß ihr gestern Abend nicht grade sehr freundlich auseinanders gegangen seid, du und Otto?

Boll: Ich und Otto? Na, dergleichen kam schon öfter vor – mir ist es durchs Gedächtnis gerutscht – hat er noch was gesagt?

Frau Boll: Ach, Kurt, wie soll ich dirs nur schonend und zartfühlend genug beibringen. Erst trank er noch ganz allein für sich und sagte, er müßte diesen Herrgott mit Schnaps von seiner inwendigen Furnitur abbeizen – und dann, als er zu Bett wollte, war Bertha gerade 118 eingeschlafen und so störte er sie auch noch, und dann schlug er vor dem Waschtisch leibeslang zu Boden. Es war nur gut, daß der Mann, den sie den Herrgott nennen, gleich zur Hand war, schlief ja nebenbei und Bertha brauchte bloß zu klopfen. Solche Leute sind bei solchen Sachen ja wirklich gut zu gebrauchen. Wir taten alles, was richtig war – nun liegt er ganz still zu Bett und der Mensch sitzt dabei und spricht mit ihm. Aber er ist wirklich auffallend verändert, Kurt, und seine Hand zittert unaufhörlich. Selbst sagen kann er denn ja nichts. Der Sanitätsrat meint, er wird für dies Mal noch ziemlich wieder in Ordnung kommen – ich hätte es nie geglaubt.

Boll: Du hast ganz recht mit deinem Bonmot, das hätte ihm längst passieren können, oder es wäre bald mal oder auch später soweit gewesen – siehst du, wie gefaßt ich bin?

Frau Boll: Na, Kurt, das ist ja auch gut, aber es tut mir doch immerhin schrecklich leid, der arme Otto!

Boll: Ist er vielleicht tot, soll ich es etwa nach und nach eingetrichtert kriegen – von mir aus könnte er nämlich ebensogern tot sein. Die Wohngelegenheit in dem so veränderten Elendstal kann bestenfalls doch nur noch ein Schweinestall sein.

Frau Boll: Wie du so was sagen magst, Kurt, nein, Gott sei Lob und Dank – er lebt.

Boll: Aber sehr verändert und die Hand zittert? Sieh mal an, wer hätte das von Otto gedacht, nein, das hätte ich auch nie geglaubt! Ich will wetten, diese Art 119 zu werden ist ihm leichter gefallen, als mir das saure Probestück an der Grete. Dieser Otto – er redet jetzt wie mit Engelszungen, es dröhnt mir in den Ohren, kann ich dir sagen, grade als hätte ihm eine von den Tanten die Tute an den Mund gesetzt und er stößt darein mit seiner ganzen Leibeskraft. (Ruft:) Hörst du, Grete?

Grete (von hinten); Ja, Herr Boll?

Boll: Hast wohl ausgebetet, wenn du dich nicht allzu lang auf den Anfang besonnen hast, um Kurage ist mir nicht mehr zu tun. (Zu Frau Boll:) Merkwürdig, wie geläufig mir die Unterhaltung mit dieser Hexe wird, hast du eine Erklärung dafür?

Grete (von hinten); Boll, ich hör sie wieder.

Boll: Ich nicht, Grete.

Grete (hinten): Wieder was die Satansfrau sagte. Ich habe gebeten und geweint, aber sie sagte, er soll sich selbst richten – aber von mir sollst du Verzeihung haben.

Boll: So, so, also weiß ich Bescheid.

Grete kommt zurück.

Frau Boll (will sprechen).

Boll: Ganz richtig, Martha, so ist es, genau so.

Frau Boll: Aber ich habe doch nichts gesagt!

Boll: Was macht das aus, du bist immer im Recht, das wußte ich voraus – hätte dir aber doch das Wort nicht abschneiden sollen – nicht böse werden, hörst? (Er legt den Arm um sie, faßt zugleich Grete unter und macht mit Beiden im Gang Schritte hin und her, steht dann vor dem Apostel still.) Seht, Kinder, den alten Griesgram – 120 vorhin, da wollte ich bange werden vor seiner hölzernen Grandezza, aber jetzt steh ich mit seltsamer Pomadigkeit vor ihm. Dir kann ich die Zähne zeigen, du mit deiner Maultasche voll Stillschweigen und kann dich auslachen, da sag, was du willst, du verbissenes Stück Zahnlosigkeit. Sagt er was, Martha, hörst du was, Grete? Was ich am Leben gehabt habe, das hab' ich gehegt, habs gehegt wie mirs gegeben war und was daraus geworden ist – einerlei – gemußt, gemußt, Boll hat so gemußt. – – – Kinder, er schüttelt den Kopf, siehst du, Martha, nein, wahrhaftig, er weiß es besser. Nun gut, so seht ihn nochmal an: was Dürres durch und durch, aber nichts Verdorbenes, auch er hat seines Müssens Fasson, hat auch so gemußt, hat auch gemußt. Was sagst du, Martha?

Frau Boll: Willst du, daß die Scham mich umbringt? Ich vergehe, wenn du mich nicht aus dieser Hölle entläßt. Ich schreie, Kurt!

Boll: Nicht schreien, Martha, und noch mehr tun als nicht schreien, gut zu ihr sollst du sein – und nichts von schämen!

Frau Boll: Ich muß schreien, ich werde schreien.

Boll: Martha, bedenk, wie sehr sie es um uns verdient hat, das mußt du, bedenken mußt du – und darum sollst du ihr die Hand küssen und das ists, was du ihr erzeigen mußt. Sie verzeiht, das ist ihr Teil, und du mußt sie ehren, das ist dein Teil – die Hand geküßt und sie dann betulich an den Wagen gebracht. So ist die Ordnung, die ich will.

121 Frau Boll (redet weinend unverständliche Worte).

Boll: Dennoch, dennoch, du hast Recht, aber doch! Warme Gewalt, himmelweit her, ist am Werk. Stand, sagst du? Gutsbesitzerin, sagst du? Und so weiter, sagst du? Ich sage dir, du bist Bolls Frau und Bolls Stand hat ein oberes und ein unteres Ende. Wir sind am unteren Ende. Dir in deinem sauren Beharren kann der Zucker der Demut zum süßen Werden verhelfen – schüttel dich, wach auf! (Schüttelt sie.)

Frau Boll (von Boll zu ihr gedrängt, nimmt Gretes Hand und beugt sich über sie).

Der Herr von hinten.

Boll (ohne sich umzusehen): Wie gehts Otto?

Herr: Gut, so gut wie sonst nie, Herr Boll. Ihr Herr Vetter ist dem zweiten, ganz leisen Wink einer sanften Hand ohne Mühe gefolgt – es geschah mit der gelassensten Leichtigkeit, wie ein bereitwilliges Lächeln auf eine leichtverständliche Anspielung folgt – – –

Boll: Also, also! Mir wird schwarz vor den Augen (macht sich los, schiebt die Frauen sanft hinaus). Tu es, vollend es, Martha, führ sie zum Wagen und hilf ihr – es geschieht für mich, und was du für mich tust, tust du für dich.

Frau Boll und Grete ab.

Boll (zum Herrn): Hat sanft gewinkt, die Hand, und Ottos zitternde Rechte ward wieder sicher? Wie die Veränderungen sich hetzen – schon bei mir hat ein ganz hübscher Trieb angesetzt, bei Otto ist das Werden 122 ja förmlich in Saat geschossen. – So danke ich Ihnen für alle Sorge – – – ich danke, bedarf weiter keiner Hilfe (winkt ungeduldig nach der Tür).

Herr: Nur nach Ihnen, Herr Boll!

Sie sehen sich an, Boll verbirgt mühsam seine Verwirrung.

Herr: Und wie steht es mit Ihnen? Vielleicht liegt es nur an der Anschaulichkeit Ihrer meisterlichen Ausmalung eines Sturzes heute Nacht, daß mir zu fragen beifällt . . . .

Boll: Ach, Unsinn, wer wird sich um so was noch am nächsten Morgen kümmern!

Herr: Und doch – was bleibt Ihnen, wenn Sie es recht bedenken, was bleibt Ihnen zu tun übrig? Und zögern Sie, so wird überhaupt nichts damit, das sage ich Ihnen voraus – in zwei, drei Minuten ist es geschehen.

Boll: Zwei – drei – na, hören Sie mal, was für zwei, welche drei!

Herr: Je mehr Worte, je mehr Aufschub, desto mehr Qual. Ihr Atem, Herr Boll, reicht kaum, sich hoch genug hinauf zu kämpfen. Ich höre Ihre Brust pfeifen, Ihr Odem quält sich aus und ein und muß Sie doch mindestens bis zum ersten Fenster tragen. Wie hieß es noch heute Nacht – ein Lüftchen fährt nieder und das Pflaster rot von Bollschem Blut?

Boll (setzt sich): Ganz richtig, so sollt es kommen, so sah ichs voraus – mein Atem . . . .

Herr: Ihr Atem hat eine glänzende Schilderung ihres Sturzes geleistet – der Sturz selbst . . . .

123 Boll: Wir – werden – uns – arrangieren, mein Atem und ich. Ich danke Ihnen und so ists gut – die Tür ist doch auf?

Herr: Ich geh lieber nach Ihnen, habe Zeit und möchte Ihren Absichten förderlich und dienstlich sein. Wartens Sie's nicht ab, mit jeder Sekunde des Zögerns wirds schwerer.

Boll (springt auf); Herr, was für ein ausgelernter Satan sind Sie, welche Dreistigkeit maßen Sie sich an!

Herrr Also wären Sie wieder bei Kräften, wie man sieht, nützen Sie also den frischen Moment, kümmern Sie sich im geringsten um das Nichts, das ich herweise, Herr Boll, Herr Boll!

Boll (keuchend auf ihn zu): Es reicht noch, o, es langt. Sie sollen merken, wozu! (Schüttelt ihn.)

Herr: Schön, ich bin gestraft, es hat gereicht, aber es kostet Sie, fürchte ich, das letzte bißchen Kraft. Werden Sie es noch vollbringen können?

Boll (lehnt sich an, faßt sich): Gedenken wir nun wieder der Gesetze der Höflichkeit, überbieten wir uns – also – nach Ihnen! (Winkt nach der Tür.)

Herr: Die Zeit ist abgelaufen – zu spät, Herr Boll, wie ja alles seine Zeit hat. Das Werden, wissen Sie, das vom Turm herab, dieses primitive Werden, ist verpaßt. Fängt man vernünftiger Weise mit enden an –?

Boll: Aber wieso konnten Sie sich erkühnen, sich abringen, oder – sich aufschwingen, wenn Sie wollen, mich so unerhört zu nötigen?

124 Herr: Pst! Ich habs im Vertrauen gewagt, im Vertrauen auf den andern Boll, den Boll, der über dem alten steht und über ihn hinaus zum Anfang strebt, der das enden verwirft und verbietet. Sie wissen, was ich meine, und daß ich Recht habe zu sagen: Boll hat mit Boll gerungen, Boll hat Boll gerichtet und er, der andere, der neue, hat sich behauptet.

Boll: Boll hätte Boll gerichtet – und meinen Sie, ich könnte noch weiterleben?

Herr: Weiter? Nein, gewiß nicht, aber von frischem. Es ist erwiesen – Sie müssen, Boll muß Boll gebären, und was für einer es sein wird – es ist bessere Aussicht auf Werden als mit dem Schwung vom Turm herab. Gute Aussicht – denn es ist Schwere und Streben in Ihnen, Leiden und Kämpfen, lieber Herr, sind die Organe des Werdens. – Schon ist Ihr Atem ruhig und gleich und wird reichen, verspreche ich Ihnen, zu einem gedeihlichen Kämpfen und wird Kraft haben zu tragen. Boll wird durch Boll – und Werden, Herr, Werden vollzieht sich unzeitig, und Weile ist nur sein blöder Schein. Dies alles sei Ihrer Einsicht unterbreitet, und mehr ist vom Übel. (Ab.)

Boll (stürzt die Arme um sich schlagend auf die Knie, hebt dann langsam den Kopf und sieht zu dem Apostel hinauf): Sagtest du das? Hast den Mund so lange zugehalten, um das Wort gar zu machen? Boll muß? Muß? Also – will ich!

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