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Der blaue Boll

Ernst Barlach: Der blaue Boll - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer blaue Boll
authorErnst Barlach
year1926
firstpub1926
publisherPaul Cassirer
addressBerlin
titleDer blaue Boll
pages124
created20080708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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89 Sechstes Bild

91 Logierzimmer in der Herberge zur Teufelküche, eine Tür in der Hinterwand, Bett und Tisch rechts, wo auch ein Fenster zum Hof des Hauses gerade noch Platz hat, links ein alter Lehnstuhl, auf dem Tisch eine wenig Licht gebende Küchenlampe. Grete sitzt in Kleidern auf dem Bett und scheint irgendwelchen Geräuschen zu lauschen, plötzlich hält sie sich die Ohren zu. Hinter der Scheibe des Fensters erscheint eine Faust, es klopft. Grete erschrickt, sieht um sich, geht ans Fenster und öffnet. Elias' Kopf taucht ins Helle.

Elias (flüsternd): Faß und iß und trink – bin bald zurück und du kannst indem . . . nu, faß doch, hab dir nichts Schlechtes zusammengeklaubt.

Grete: Ich will doch nicht, du weißt doch, was ich will – will nicht essen, nicht trinken, nichts geschenkt.

Elias: Nichts da von geschenkt – essen und trinken gehört mal dazu, weißt? Iß und trink, dann bist du mir recht. Deine Hohläugigkeit schaut verdammt hungrig aus, sollst gefälligst lustig sein, lustig sein gehört mit dazu – abgemacht? (Sie nimmt das Päckchen.) So, siehst du wohl, bist ja gut und wir wollen uns vertragen und einander was Gutes gönnen. Hör mal: ich muß vom Hof hier kommen, meine Frau schläft am Gang und da sind so lose Bohlen – muß noch kramen – ja so gehts im Geschäft. (Ab.)

Grete (legt das Päckchen auf den Tisch. Es klopft nun nebenan, Grete horcht, schüttelt den Kopf, es klopft wieder).

Grete (leise): Ich bin da.

92 Wehdigs Stimme (hinter der linken Wand): Bist du nicht Grete?

Grete: Ich bin da.

Stimme: Hab so Hunger und hör von Essen und Trinken, wie soll man schlafen, wenn es nebenbei von Essen und Trinken rumort!

Grete: Du kannst essen, hol' dir was zu essen.

Man hört eine Bettstatt knarren, Scharren, Tappen im Dunkeln, durch die Mitteltür vom Gang kommt Wehdig halbangezogen auf bloßen Füßen.

Wehdig: Nu?

Grete (zeigt auf den Tisch).

Wehdig: Wohl zu speisen Musche Wehdig! (Wickelt aus, schüttelt eine Flasche.) Das gluckert nicht wie was zum Waschen, scheint schön gelb durch, das heb ich auf. (Kaut.) Wo ist er denn geblieben – weg? Habt ihr noch was vor, sonst bleib ich gleich hier – he?

Grete: Wo kommen die Leute alle her?

Wehdig: Was für Leute?

Grete: Die man so hört.

Wehdig (läßt das Kauen, horcht, schüttelt den Kopf): Nu, Läuse trampeln überall, aber Leute keine. (Kaut und stiert auf Grete.)

Grete: Er geht doch zwischen ihnen herum und sagt auch was, Elias sagt was.

Wehdig: Na, was sagt er denn?

Grete: Er schilt.

Wehdig: Weiter nichts? Wenn er schimpft, hat er an was zu denken – ist gut, daß er schimpft.

93 Grete: Er ist wohl böse.

Wehdig: Ja, böse – blas' Licht aus, sonst macht er sich bei uns noch was zu schaffen. (Er bläst das Licht selbst aus.)

Grete: Licht ist auch da – scheint durch. (Deutet auf die linke Wand.)

Wehdig: Hinter der Wand ist das Loch, wo er mich hingelegt hat. (Lacht.) Hat vergessen und mirs Hemd nicht ausgezogen – na, dir kanns egal sein, mit ist so gut wie ohne – was?

Grete: Immer noch mehr Leute!

Wehdig: Wo viele sind, kommts auf mehr nicht an – laß sein.

Grete: Aber was sie da wohl tun, ist Platz für so viel Menschen?

Wehdig: Kümmern sie sich um mich? Ich kümmer mich nicht um sie.

Grete (geht zur Wand): Man sieht durch die Spalten – ach, da ist auch Elias und läuft hin und her, schleppt Geschirr und plagt sich brav.

Wehdig: Komm lieber hierher, kannst dich gern auf meinen Schoß setzen, Grete.

Grete: Ach, du lieber Gott!

Wehdig: Möcht wissen, was du denn noch willst – dahinter ist meine Kammer, hab ich dir ja gesagt – nichts weiter, keine Leute, kein Elias – Flausen, Grete, komm.

Grete: Spielen sie nicht mit goldenen Karten? Ich 94 glaub sie haben goldene Karten in Händen – klingelt, wenn sie fallen, sicher, goldene Karten!

Wehdig: Red' was dir paßt, bin gleich fertig gegessen, dann wirst ja sehen.

Grete: Ja, sie spielen mit goldenen Karten und Elias – guck doch Elias, packt sie an den Beinen und reißt die Stiefel weg. Aber nu – da schleift er Kübel ran und in den Kübeln da dampft es, und schiebt sie untern Tisch und Zwei und Zwei müssen immer zusammen die Füße in den Kübel stecken. Ich mein' wahrhaftig, es glüht in den Kübeln! Da, da, da – da kommt er mit einem Kessel voll rote Kohlen und der andre da oben, kenn ich schon, ist ja Mehlspeis, Mehlspeis mit seinem Rabenschnabel, Mehlspeis muß hinein – ei weih, ei weih, wie's den sengt, schwitzt blankes Fett wie Speck in der Pfanne und die heißen Tropfen springen wie Flöh durcheinander. Mehlspeis hat auch goldene Karten in der Faust und spielt aus – aber das Gesicht dabei, ich wollt so nicht mit goldenen Karten spielen!

Wehdig: Ja, Speck in der Pfanne, da pfeifts fein und da klinkt man seine Ohren auf – riechts auch danach, Grete?

Grete: Ach Gott, was sie alle Fratzen schneiden, wollen gern lustig sein, das gehört zum Spielen, mischen ihre goldenen Karten und spielen immer weiter. Ja, ja, Leute, hier heißts kurios dreinsehen, wenns auch sauer wird. Aber das muß ich sagen, ihr tut was ihr könnt, wollt keine Spielverderber heißen.

95 Wehdig: Ich hab die Füße kühl, halts länger aus als sie.

Grete: Da kommt auch der alte Splint und hinter ihm noch einer, kenn ich auch, Käselow aus Klüz und denn auch noch Grundbarsch, ja, das ist er – aber der ist doch längst tot, und Splint auch und Käselow hab ich selbst begraben sehen, wie kommen die hierher?

Wehdig: Ja, Grete, mußt sie fragen, werden sich wohl besinnen, wie sie herkommen.

Grete: Käselow nannten wir immer den Brombeerjochen – hat immer noch seine roten Klunker an den Backen baumeln – o, o, o, da fängt aber Elias an zu spektakeln, soll da einer nicht mit zu? Er kommt aber doch, schiebt Elias beiseit und den kenn ich doch auch, das muß Boll sein, aber der junge, schlank und rot, und brennt seine Zigarre an und bläst den Rauch in Elias seine Reden. Bin neugierig, was er da hat, er sucht in der Tasche – holt sich eine goldene Kugel heraus und läßt sie auf der Hand hüpfen. Sein Kopf dreht sich auf seinem Hals rückwärts über die Schultern, ich bin bange, er sucht mich.

Wehdig (steht auf): Na, Grete, nu fängt der gesellige Teil des Abends an. Wollen untersuchen, was in der Flasche schwimmt – sollst auch mal trinken, Grete.

Grete (stöhnt): Ihr, ihr, kommt ihr auch, alle drei? Ach, ihr armen kleinen Leute, was sucht ihr in der Hölle! Habt so schmutzige Füße vom langen Laufen und euer allerschlimmstes Zeug erwischt – wie steht ihr da so verloren und kümmert sich keiner um euch! Gut, blauer 96 Boll, daß dein Kopf sich nach hinten drehen kann, du siehst sie schon und winkst mit deiner langen Zigarre – und Elias läßt ab von Boll und hat Einsehen und lacht über sie und schleppt sich mit solchen kleinen Stühlen, da setzt euch und ruht eure müden Füße aus – und zieht ihnen die schmutzigen Stiefel aus, erst Ali, dann Lina, dann Peti, zieht ihnen die Stiefel aus und schwenkt die Arme und kriegt einen Kessel gefaßt mit Kohlen? (Schreit.) He, Elias, was machst du da, meine Kinder sinds, Elias, Elias, Elias, verfluchter Elias!

Wehdig: Mensch, bist gleich still! So mitten in der Nacht und störst das ganze Haus wach!

Grete (lauter): Erbarmen, Elias, oder ich steck dich selbst mit dem Kopf . . . erbarm dich über meine Kinder, sie suchen mich mit ihren armen Seelen, hast nichts mit ihnen zu schaffen! (Sie drängt und schlägt gegen die Wand.)

Wehdig: So haben wir nichts abgemacht in der Art, da misch ich mich aus, da wisch ich mirs Maul. (Er will die Flasche einstecken, aber sie entfällt ihm und er sucht sie vergeblich zu haschen.) Sei Gift für jeden der dich findet! (Er drückt sich hinaus, die Tür bleibt offen stehen.)

Elias mit Licht.

Elias: Willst deine Zunge verschleißen, willst den Hals in Stücke schreien? Daß du erstickst, Hexe!

Grete: Wer hat dir erlaubt und du machst dich über meine Kinder her, Teufel du, Elias!

Sie drängt an ihm vorbei durch die Tür, er hält sie fest und drückt sie aufs Bett, stellt das Licht auf den Tisch.

97 Elias: Kinder – deine – bist verhext?

Elias' Frau, Doris, eine massive Person mit einem Baß und immer gelassenen Gebärden, erscheint in der Tür.

Doris: Es geht bei ihr aus und ein, laß sie abholen, Elias – aber erst bezahlen.

Elias: Leg dich zu Bett, Frau, wird alles besorgt.

Doris kehrt langsam um und verschwindet.

Grete: Weißt du's nicht, alle drei sind meine Kinder.

Elias: Ich weiß das mit den Kindern, du hast es mir eher gesagt. (Leise.) Vernünftig sein, Grete, hörst? Sprich leise, aber Kinder – wo sind deine Kinder?

Grete: Da drin – da wo sie mit den goldenen Karten spielen und haben die Füße in den Becken, hinter der Wand – gleich hol' sie her, Elias.

Elias: Hast du gegessen?

Grete: Er hats für mich – ist auch zu den Leuten und Boll ist auch da und spielt mit der goldenen Kugel.

Elias: So, so – ja, das Pack hat den Magensack immer offen und schaufelt Dreck und Speck hinein.

Grete: Hol' sie, Elias, ich bitte dich, Elias, hol' sie alle drei!

Elias: Gleich – ganz recht, ist schon so, Boll ist da und füttert sie, Boll findet schon was für sie.

Grete: Laß mich los, Elias. Glaub mir, ich fürchte mich nicht vor den Leuten, auch nicht vor Käselow und den andern Toten – will sie selbst füttern, Elias.

Elias: Verschnauf dich – na, wie du außer Puste bist.

98 Grete: Hör mal, Elias, wo hast du denn dein Gift, kann Boll sich nicht vergreifen und gibt ihnen von deinem Gift?

Elias: Boll wirds beliebig machen, bald so, bald anders, Boll muß, Grete.

Doris in der Tür.

Doris: Elias?

Elias: Sie ist betrunken, muß ihr erst die Röcke zubinden. Geh zu Bett, ist gleich besorgt.

Doris langsam ab.

Grete: Geht die Frau auch nicht zu ihnen? Eine furchtbare Frau ist das, Elias, sie soll nicht zu den Kindern.

Elias: Hat noch keine Kinder gefressen, geht auch nicht zu ihnen, Grete, hat eigene Kinder.

Grete: Eigene Kinder – weißt du, Elias, was müssen das für Kinder sein!

Elias: Richtige Kinder, gesunde Kinder, Kinder wie alle Kinder, Grete.

Grete: Richtig gute Kinder?

Elias: Können gar nicht besser sein.

Grete: Aber wo hast du dein Gift verwahrt, Elias, Kinder klauen doch und suchen süße Sachen – wenn sie vielleicht das Gift finden?

Elias: Na, wenn schon, sie sinds von frühauf gewöhnt, ihnen tuts nichts, sie gedeihn, daß man sie wachsen sieht.

Grete: Was müssen das für Kinder sein, was seid ihr für Leute!

99 Elias: So gehts im Geschäft, in der Hölle ist man lustig – na, Grete, du siehst bei kleinem ein, daß hier alles in Ordnung ist, also will ich dir was sagen, aber ich sags leise – daß wir die Hauptsache nicht vergessen . . .

Doris an der Tür.

Doris: Elias?

Elias: Geh zu Bett, Frau.

Doris: Elias?

Elias: Zu Bett gehn sollst du!

Doris: Bist du fertig mit ihr?

Elias: Geh zu Bett, gleich ists gut.

Doris: Ich mein, es ist schon gut genug, geh und ruf die Wache an, ich will bei ihr aufpassen. (Tritt ein.)

Grete: Boll, blauer Boll, hilf!

Doris: Die? Sollt man denken, daß die solche Sachen macht? Nichts da von Wache (sie erblickt die Flasche, langt sie auf und stellt sie auf den Tisch. Zu Grete): Du gehörst gestriegelt, daß du dich besinnst. (Zu Elias): Sagte sie nichts von Kindern?

Elias: Was hast davon – Kinder, was gehn uns ihre Kinder an?

Doris: Viel geht aber das ihre Kinder an, wir wollens uns Schlaf kosten lassen um ihre Kinder. (Setzt sich in den Lehnstuhl.)

Grete: Sag ihr, Elias, sie solls nicht, nicht da sitzen.

Elias: Das kannst ihr alles selbst sagen, Grete. Das ist eine, da ist leicht mit auskommen – so eine wie die ist.

Grete: Ich hör sie Luft holen, Elias, ich fühls so dicht 100 bei, als wenn das ganze Zimmer von ihr voll wär, und sitzt doch da hinten. Nein, Elias, geh nicht weg von mir.

Elias: Kannst ganz dreist was sagen, Grete, versuch es, wirst schon sehen. (Er macht sich Geschäfte, rückt Stühle, hebt Papier auf, dreht am Docht, jeder Zoll ein Herbergsvater, nur von Zeit zu Zeit kommt eine Grimasse.)

Doris: Kommt alles zur rechten Zeit in Gang, dummes Ding. Zäher Braten bist, ich freß dich doch. (Schüttelt den Zeigefinger.) Das ist der Teufel, dummes Ding – heb dich von ihm weg und komm auf meinen Schoß.

Grete (faßt nach Elias): Hörst du's, Elias? Auf ihren Schoß, sagt sie.

Elias: Tu, was du willst, kommt alles auf eins raus. (Zu Doris): Siehst nicht, daß sie Angst hat, Frau? Wär schon Zeit und läßt ihr wieder Ruhe.

Doris: O, mein Elias, wie ich dich ausstudiert hab – Angst hat sie, da laß sie bei, die soll ihr helfen, da sei unbesorgt, daß Angst ihr schadet. Das lernt man bei uns.

Grete: Ach, Elias, ich weiß was sie meint, man lernt mit den Kohlen an den Füßen – warst du nicht schon dabei und die Kinder hatten ihre Füße im Kessel? Was sollten die von den Kohlen lernen?

Doris: Komm, mein Elias, laß das mit den Kindern, gib mir die Flasche, grade gut für Wen wie sie – dein Gift, laß mich sehen, wollen sehen. (Elias gibt die Flasche, Doris trinkt.)

Grete: Da in? Das ist es? Das steht so bloß und blank auf dem Tisch und hast nichts weiter zu gesagt?

101 Doris: Wie gut, daß du es mit ihr meinst, mein Elias, siehst du, schmeckt man aus der Flasche heraus. Ah, du dummes Ding, so also wie du muß man sich herzeigen, wenn man in seiner Gnade warm werden will. Da, da, gib ihr zu trinken, wird ihr die Angst abtreiben, lern von den Teufeln, lern was wegbringen, lern was ausstoßen.

Grete: Siehst du nicht, Elias, sie trinkt und ich solls nach ihr?

Elias: Frag nicht, sie sagt es und tu nicht dumm – was ich dir gebe und dabei bleibts. So willig stellst dich an? Sieh mal, sie trinkt Gift wie Wasser!

Grete (trinkt): Ob das nicht gleich so beschaffen ist wie mit den Kohlen? Ach, ihr armen Kleinen, eure Mutter soll an inwendigen Kohlen verbrennen.

Doris (schüttelt den Zeigefinger): Dummes Ding, an unsern Kohlen verbrennt keiner. Die verstehns, da gehts genau bei zu, da brennts, wo's gebraucht wird, die verderben nichts als was verdorben ist.

Grete (krümmt sich).

Elias: Nichts als der brühende Frost, Grete – der kriecht dir ein und verstockt dein Gedärm und versengt deine Angst, Mund auf, Grete!

Doris: Sie trinkt schon, mein Elias, quäl sie nicht.

Grete (trinkt): Ja, bei euch kann man wohl was lernen; wenns auch brennt, so verbrennts die Angst im Leibe und tut weh ohne Bange. (Sieht nach der Tür.) Ich mein, die wollen auch ihr Teil, was Elias?

102 Drei Tote treten ein.

Grete: Das könnt euch passen, ihr Schleicher – he, Käselow und Splint und Mehlspeis? Gesellen seid ihr! (Lacht.) Was habt ihr denn mit eurem Fleisch und Bein gemacht? Das soll mich doch wundern, auf was Art ihr mir guten Tag sagen wollt. Da hab ich meine Hand nicht zu, was Gewesenes anzugreifen, was Abgelegtes, was zurück Gewachsenes.

Die Toten sehen sich um.

Grete (lacht): Hier gibts keinen Spiegel, Mehlspeis. Du, ja du kannst noch stolz sein – schau auf Splint und hat nur noch die Hälfte von dir, na, lach auch mal, hast ja noch einen Rest von Gurgel.

Mehlspeis: Na, Grete, daß wir deine Kinder gleich mitnehmen, weißt du.

Grete: Dazu seid ihr da?

Splint: Grade und zu weiter nichts.

Grete: Ihr, ihr drei?

Käselow: Und gehn gleich weiter mit den Kindern.

Grete: Daß ihr sie anhaltet und müssen zu so Gestalten werden in eurer saubern Gesellschaft – und hungern müßt ihr doch auch Leute, was seid ihr bloß ausgefleischt, eure Hohläugigkeit sieht verdammt hungrig drein. Da lauert ihr nach, auf meine Kinder? Trinkt erst mal was, gutes Gift, das kann euch nicht mehr schaden, da kommt ihr auf andre Gedanken von. (Gibt ihnen zu trinken.)

103 Splint: Wenn die Kinder ihr Teil haben, bin ich so dreist, Platz hab ich. (Trinkt.)

Grete: Das muß ein verfluchtes Leben sein im Tod – aber ihr müßt es ja am besten wissen.

Mehlspeis: Ja, Grete, man schlägt sich durch, wenn man nicht unbescheiden ist – wollen wohl auf die Kinder passen. (Trinkt.)

Käselow: Kannst ganz ruhig sein, Grete, man kriegts bald weg, wie's dann ist und die Jungen lernen das so schnell wie die Alten. Fängt man erst an mit Abnehmen im frischen Fleisch, gehts Zunehmen am faulen Fleisch frisch an. (Trinkt.)

Grete (lacht): Saug' was du kannst, Käselow, siehst wohl, da hast den letzten Tropfen abgeschleckt und weiter gibts keine Krümel und keine Tropfen – – – und nichts, nichts, nichts ist übrig, nichts für Ali, nichts für Lina, nichts für Peti! Macht euch auf die Socken, Leute, geht euren Gang, was könnt ihr bei euren Umständen besseres tun, als brave Tote sein.

Die Drei sehen sich an.

Mehlspeis: Wenn das nicht so abgemacht wär, Grete.

Grete: Schlagt euch solche Abgemachtheit aus dem Kopf – ich habe euch nicht gerufen.

Splint: Kannst mir das glauben, Grete, und ich tu's gern. Aber lieber tu ichs nicht, Grete, laß dein Kroppzeug in seinem Fleisch, wenn du's nicht besser haben willst.

104 Käselow: Sollen wir uns was antun mit nach fragen? Unsereins hat auch seinen Stolz und du kannst lange warten, bis wieder so 'ne Gelegenheit kommt – kann dir nicht helfen.

Die Toten gehen rückwärts hinaus. Grete folgt ihnen und macht die Tür hinter ihnen zu.

Grete: Nun sag einer, ob ich das nicht gut gemacht hab. Ob die Toten alle so dumm werden, wenn ihr Verstand verrottet? Was das auch aussah, wußten nicht mal, wie sie zur Tür rauskommen sollten. (Steht vor Doris und klatscht in die Hände.) Und alles Gift ist ausgetrunken, nichts da, nichts für Ali und Lina und Peti, keinen einen Tropfen und nur was in eurer leeren Flasche ist!

Doris (streckt die Arme aus, Grete gleitet nieder und birgt sich in ihrem Schoß).

Elias (hat sich ins Bett gelegt und bald schnarcht er).

Doris: Zu und dichter, bett dich warm, wollen vergessen, wers ist von uns Beiden, vergiß alles und dich selbst, laß dich liegen im Gleichen, wo alles herkommt und gut ist – gib her, was du hast, falsch und verflucht, ich kanns lassen, bei Elias' Satansweib ist es aufgehoben am unschädlichen Ort, da wächst was drüber und wird mein und ich kanns tragen und trags leicht. Sei getrost, so ledig wirst du, wie ich voll, gib deinen Boßelkopf her und hör ins Ohr.

Grete (hält ihr Ohr hin): Boll ist – Boll ist tot, der blaue Boll ist tot?

Doris: Hör genau. (Spricht leise.)

105 Grete: Ja, das ist wahr, ich weiß schon – der blaue Boll sitzt mit den Füßen in Elias seinem Kohlenkessel – au, au, au, blauer Boll, dir ziehts hinauf bis ins Herz, da platzen die Blasen, da bläst die böse Bange mit dicken Backen drauf – so gehts, blauer Boll, so solls sein, sagt sie. Aber der junge Boll, nicht? Der junge, der schlanke, der den Kindern die goldene Kugel zum Spielen schenkt, braucht der auch in die Kohlen?

Doris: Braucht nicht, was der spart, kommt dem blauen zugute – hörst du? (Spricht ihr ins Ohr.)

Grete: Kanns nicht, kanns wirklich nicht hingehen, kann sich selbst nicht verzeihen, niemand und er selbst auch nicht? Ach, du armer Boll, ich verzeih dir ja – spiel mit den Kindern und laß dir verzeihen.

Doris: Das ist doch der junge, der mit den Kindern spielt.

Grete: Ja, das ist der junge, der braucht nicht büßen, was der blaue verbrochen hat. Aber wenn sie so viel kann und frißt mich und saugt mich leer vom Schlimmen, daß ich ledig werde wie sie voll, kann sie nicht auch den blauen Boll austilgen, daß sie ihn auch in sich trägt und gedeiht dennoch?

Doris: Laß den blauen Boll sich selbst richten, sei du zufrieden – bist den Teufeln in die Hände gefallen, die wohnen im Haus des Übels, da können viel Übel mit unterkriechen. Elias schnarcht und ich bin auch müde – habe was geschafft und brings zu Haufen in gute Ruh.

Elias (im Schlaf): Boll muß, bald so, bald so.

106 Man hört heftig an die Haustür klopfen.

Grete: Will jemand noch so spät ins Haus?

Doris (schläft und läßt sich vergeblich rütteln).

Elias (im Schlaf): Boll muß . . .

Grete: Das ist Boll! (Springt auf.) Boll, blauer Boll, wart, ich komme! (Ab.)

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