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Der blaue Boll

Ernst Barlach: Der blaue Boll - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer blaue Boll
authorErnst Barlach
year1926
firstpub1926
publisherPaul Cassirer
addressBerlin
titleDer blaue Boll
pages124
created20080708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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71 Fünftes Bild

73 Gastzimmer im Hotel zur goldenen Kugel. Otto Prunkhorst hinter Flaschen im Sofa, ihm gegenüber Frau Boll.

Frau Boll: Ja, Otto, wenn du mir das so sagst, siehst du . . .

Otto: Überhaupt, und . . . also mit einem Wort: überhaupt.

Frau Boll: Ich frage aber, was sollen wir Frauen denn tun, wenn die Männer sich so was herausnehmen – dabei meinst du noch zu, daß sie es ganz arglos und in aller Unschuld tun.

Otto: Arglos, ganz richtig, es stimmt nämlich. Männer sind immer argloser als Frauen – sprechen wir eigentlich von speziellen Männern?

Frau Boll: Aber, Otto, wie du mit Vergeßlichkeit kokettierst, kannst du denn noch immer dagegen an bei so viel Wein, nicht?

Otto: So lange ich vernehmlich bestellen kann, wird nicht aufgehört. Ja, was denkst du denn, Martha, wie wir in Goldensee zusitzen? Bertha geht zu Bett, das tut sie nun mal, das hat sie schon vor der Hochzeit so gemacht – und so – was bleibt mir anderes übrig und wie kann ich mich davon drücken, da muß ich das Aufsitzen selbst besorgen und mit dem Rotspohn allein fertig werden. Und heute hab ich auch für Kurt sein Quantum aufzukommen – was meinst du denn, Martha?

Frau Boll: Ja, wir müssen doch auf ihn warten, denn wenn er auch sagen läßt, daß wir nicht warten 74 sollen, so ist das doch bloß ein Anerbieten, nicht?

Otto: Totsicher, ganz deiner Meinung, Martha. (Schlägt auf den Tisch.) Soll er nur denken, ich verkriech mich vor ihm ins Bett, als ob ich seine Erlaubnis brauchte zu kneifen. Hier sitz ich und hier sauf ich so lange, bis die Sache spruchreif ist und spruchreif ist sie spätestens bald! Und dann hab ich die Eigenheit, je mehr ich trinke, desto eher werde ich mit den Flaschen fertig und immer flotter geht die Karriere meiner Gedanken.

Frau Boll: Otto, hör mal zu. Glaubst du, daß Menschen sich ändern können, nämlich so, daß sie förmlich andere werden? Ich hab mehr als ich sagen mag Furcht für Kurt, mußt du wissen.

Otto (lacht): Wenn Kurt Lust zu so was hat, so muß er das auf eigene Rechnung treiben. Wenn ers aber nicht lassen kann und uns damit behelligt, dann, so will ich ihm schon was beweisen. Wir können ihn nicht anders brauchen, als er ist – Veränderung überhaupt!

Frau Boll: Ja, aber . . .

Otto (schlägt auf den Tisch): Ich bin gegen jede Änderung. Es kann nicht besser werden und darum bleibt das Werden besser nach – basta, nichts da! Sei ganz ruhig, Martha, ich will es ihm schon arg genug auslegen. – Bertha ist auch gegen jede Veränderung und darum ist sie zu ihrer beständigen Stunde zu Bett gegangen, das ist ein großartiger Zug von Bertha, Martha, sieh das ein. – – Pipelow! (Kellner kommt, Otto zeigt auf die leere Flasche, Pipelow holt eine andere.)

75 Frau Boll: Weißt du, Otto, Kurt läßt sich ja oft unversehens einschüchtern – ja, sagt er dann, es soll so sein, daß es nicht sein soll, oder ähnlich, darum . . .

Otto: Ganz richtig, Martha, darum kann er sich gern mal was gönnen. Ich weiß aber nicht, warum er sich meine Anwesenheit aussucht, um mit seiner Abwesenheit zu glänzen.

Frau Boll (leise): Ich glaube, er ist jemand, wir wissen nur nicht, was für einer. Darum kann er vielleicht nicht dafür, daß wir uns über ihn wundern. Am Ende darf er sich mehr über uns wundern als wir uns über ihn.

Boll, Herr und Holtfreter kommen.

Boll: Wie das gehen kann, wer hätte daran gedacht – so spät! Na, hoffentlich habt ihr euch nichts abgehen lassen. Gut bei Wege, Otto? 'n Abend Martha.

Otto: Wie's geht? Na, weißt du, zu was, denk ich, verabreden wir uns, wenn du erstens nicht kommst und zweitens meine Frau – meinst du, daß Bertha zweitens warten mag?

Boll: Habe ich nicht mehrere Male telefoniert, haben sie euch denn nichts ausgerichtet davon, daß ich immer abgehalten wurde?

Otto: Ja, richtig, und so weiter alles. Bloß telefoniert und nichts sonst?

Frau Boll: Hättest du mich nicht vielleicht rufen lassen können, Kurt?

Boll: Warum? Aus lauter Rücksicht, Martha, zu was dich beim Essen stören! Iß, dachte ich, laß sie ruhig essen, 76 wer da ißt, der hat den Mund voll und kaut ins Telefon – nein, dachte ich, laß sie in Frieden – übrigens, Otto, hab acht, Martha, was wirst du nun erst sagen, ich muß euch bekannt machen. Dieser Herr ist mein Gast, sein Name bleibt im Verborgenen und geheim, aber erschreckt nicht, Kinder: es ist unser Herrgott selbst, natürlich streng inkognito, gewissermaßen unter der Hand – und hier als Bürge und Bestätiger meiner Worte, auch ohne Namen bis jetzt . . .

Holtfreter: Holtfreter heiß ich, Schuhmachermeister. (Devot zum Herrn): Wenn Er erlaubt.

Herr (zu Boll): Wenn Ihnen das so beliebt, Herr Boll, so will ich den Mantel der Namenlosigkeit nicht lüften, den Sie mir umlegen – nur ganz wenig und beiläufig, im Vertrauen unter uns Beiden: ja, Herr Boll – Herrgott sagen Sie so – also unter uns: es ist was daran, nur etwa als sachte und demütige Spiegelung aus der Unendlichkeit nehme ich den Namen des Herrn hin, eine schwache, kaum wahrnehmbare Abschattung Gottes, nicht wahr, so ists gemeint?

Boll: Keine unnötige Bescheidenheit, Herr, ich weiß meine Gäste zu ehren – also, Otto, behalt Platz im Fond und der Herrgott setzt sich beian, es ergibt eine majestätische Symmetrie mit euch beiden. Komm, Martha, bleib im Sessel, habt ihr alle noblen Nummern durchs probiert? (Sie gruppieren sich wie angegeben.)

Otto: Den Herrgott hab ich mir immer anders gedacht – ich für mein Teil hab ihn ja auch gar nicht nach 77 seiner Hantierung gefragt, aber das kannst du dir ja selbst denken, was ich mir denke. Ich bin Gutsbesitzer, du bist Gutsbesitzer, das genügt für heute und für länger, was brauchen wir den Herrgott zur Gesellschaft! Ja, weißt du, Kurt, jeder ist sich selbst der Nächste, meine Frau hat sich nämlich zu Bett gelegt.

Boll: Was für schöne, blanke Zähne Bertha immer noch hat, Otto, aber die sind nun bei ihr im Bett. Gott erhalte ihr Gebiß noch lange Jahre, ich hätte es unserm lieben Herrgott heute herzlich gegönnt, sie damit zu bewundern, aber wie du ganz richtig sagst: jeder ist sich selbst der Nächste – sie ist müde geworden und – – – ja, sag mal, aber damit will ich dich und sie heute nicht mehr behelligen.

Otto: Wenn du das wirklich so gern meinst, dann könnte ich sie ja mal einen Augenblick fragen, Kurt. Natürlich, ihre Zähne, gegen ihre Zähne, da kannst du ganz richtig nichts gegen sagen.

Boll: Schenk ein, Otto. (Otto schenkt ein.) Weißt du – aber nimm mirs nicht übel – wenn ich dich so hantieren seh, Otto – eine scheußliche Familienähnlichkeit! Ich fürchte, wir sehen uns bitterlich ähnlich – mir ist schon oft eingefallen, daß dieses Auftauchen der Familienähnlichkeit einen förmlich schlägt – niederschlägt, weißt du – aber nimm mirs nicht übel, hör mal zu! Also die Zähne deiner Frau, wie lange, denkst du, wird sie die haben – und überhaupt, will sie ewig Bertha Prunkhorst bleiben – lohnt sich das?

78 Holtfreter (steht auf, devot zum Herrn): Wenn Er erlaubt! (Zu Boll): So ist es, Herr Boll, genau so! Es lohnt sich nicht, aber weiter, es lohnt sich dagegen, dahin zu kommen, daß man sich schämt, einmal solch eine Dame gewesen zu sein. So recht haben Sie, Herr Boll. (Setzt sich.)

Boll: Ich hatte mich nicht direkt an Sie gewandt, Herr Holtfreter, nicht wahr, so heißen Sie und sind offenbar Schuster – gut. Streng genommen kennen Sie die Dame gar nicht, von der die Rede ist.

Holtfreter (steht auf, devot zum Herrn): Wenn Er erlaubt! – Wir Alle, die wir da beisammen sitzen, werden uns mal schämen, und die Dame Gott sei dank auch! (Setzt sich, leiser): Denn es kommt ja nicht darauf an, ob ich die Dame kenne, wenn ich nur weiß, in was für einer Hinsicht sie im Falle ist, sich schämen zu dürfen, nämlich im Falle der werdenden Herrlichkeit. Alle Damen sind im gleichen Falle.

Otto: Einerlei, Kurt, wenn das so weiter gehen soll, oder was denkst du dir, Kurt? (Zu Holtfreter): Sie stoßen noch an die Flaschen, wenn Sie so auf- und abspringen. Kurt, wenn du mal nach Goldensee kommst, muß du dir ganz gewiß die Antonie ansehen – tondernsche Rasse, weißt du – fabelhaftes Milchgeschirr – und – ja, was wollte ich doch sonst noch sagen!

Herr (nimmt sein Glas): Sie haben eine besonders sichere Hand, mein Herr, das habe ich gleich gemerkt. Wenn Sie es denn erlauben: Ihr Wohl und natürlich vor allem 79 das der anwesenden und abwesenden Dame. (Stoßen an.)

Otto: Sicher, sicher, o, eine ganz sichere Hand und überhaupt, sonst noch – wissen Sie nicht, was ich sonst noch gleich sagen wollte? (Zu Frau Boll): Gott, Martha, wir haben doch den ganzen Abend davon geredet, was war es doch noch?

Frau Boll: Auf keinen Fall, Otto, tu mir nur jetzt den einzigen Gefallen und laß das heute Abend gut sein.

Otto: Ja so, das ist es ja: Gefallen oder so was – nein, nicht Gefallen, aber es war doch was mit einem Fall und der Fall war der Fall mit einer Frau. (Zu Boll): Kurt, was das für eine Frau, weißt du, Kurt, das war, glaub ich, eine Frau und du hast eine Verantwortung für eine Frau, möglicherweise dieselbe Frau, Kurt, was – richtig übernommen? (Triumphierend zu Frau Boll): Siehst du, Martha, denkst du, ich vergesse solche spruchreifen Sachen?

Frau Boll (bedeckt ihre Augen).

Holtfreter (steht auf, devot zum Herrn): Wenn Er erlaubt! Diese Frau, dieselbe Frau, ist Grete, zu der ich Onkel bin. (Zu Boll): Die Verantwortung des Herrn Boll ist eine solche, daß sie so gut ist wie eine städtische Anstalt. So gut wie Herr Boll gut ist. Sie nennen meine Grete die Hexe von Parum, aber das hat nichts mit der Verantwortung zu tun. Die hat Herr Boll zwischen die Zähne gesteckt gekriegt und mein Schwager Grüntal, der Mann zu dieser selben Frau, ist getrost nach Parum gereist zu seinen drei Kindern, dieselben, die auch Grete ihre drei Kinder sind. (Setzt sich.)

80 Otto: Das sind mir viel zu wenig Kinder, als daß Sie mir da was von erzählen brauchten. Aber Kurt, sag mal Kurt, was das für eine Frau und dieser Onkel Schuster – was, eine Hexe, eine richtige Hexe? (Steht auf.)

Boll: Ja, ja, was denn weiter, ist das nicht genug? Ich sollte denken, das wäre mehr als genug – setz dich doch, Otto!

Otto: Eine richtige Hexe, Kurt?

Boll: Und obendrein habe ich sie bei einem richtigen Teufel untergebracht. (Zum Herrn): Der Herr muß trachten, keine Absicht darin zu sehen, daß er von solcher Sippe unterhalten wird. (Zu Otto): Setz dich doch, Otto!

Herr: Ich bin auch mit Teufeln und Hexen gut Freund, wir sind alle auf demselben Wege.

Otto: Kurt, ich setze mich nicht, das hab ich Martha versprechen müssen, darauf hab ich ihr die Hand geben müssen. Ich darf mich nicht setzen, so lange ich ein anständiger Kerl bin. Und was du da von bitterer Familienähnlichkeit sagtest, das ist einerlei, das kann ich mit demselben Grund auf dich anwenden. Ich schäme mich, Kurt, Gott sei Dank, das ist eine erschreckende Wahrnehmung, ich schäme mich wegen der Familienähnlichkeit – Martha, arme Martha! (Gibt ihr die Hand, sie schluchzt.)

Frau Boll: Setz dich hin, Otto, es ist viel zu spät, als daß wir noch einigermaßen genug Schlaf kriegen. Soll ich uns nicht einen Kaffee kommen lassen?

Otto: Tu das, Martha, Kaffee tut gut und also tust du wohl daran. Aber sitzen – nein, das kann ich nicht. 81 (Frau Boll betränt hinaus.) Sieh, Kurt, was du da mit allem Fleiß zuwege gebracht hast, ich schäme mich, daß ich Martha so was überhaupt versprechen gemußt habe. Warum können wir das alles nicht ruhig miteinander bereden?

Boll: Wenn du es ihr doch versprochen hast, Otto, nämlich, wie ich denken muß, daß es nicht in Ruhe, sondern im Gegenteil unter Anwendung verwandtschaftlicher Geraktheit vor sich gehen soll . . .?

Holtfreter (steht auf, devot zum Herrn): Wenn Er erlaubt! – Ich tu mir was zugute und rufe zur Wahrnehmung auf, daß in unserer Stadt vom Morgen an das Werden auf gloriose Art vorkommt. Und so spät, daß ein Kaffee gekocht werden muß, so spät ist das Werden offenbar in ewig müheloser Rüstigkeit frisch in Schwung gekommen. Und ich weise all und jeden in Demut und nicht, ohne mir was drauf zugute zu tun, auf die Anwesenheit des (neigt sich vor dem Herrn) als ursächliche Wirksamkeit hin. (Setzt sich.)

Frau Boll (kommt zurück).

Otto: Na, Martha, Gott sei Dank, Martha, wir haben Pipelow höchst nötig, denn Pipelow besorgt doch wohl den Kaffee, oder ist Pipelow auch schon zu Bett?

Frau Boll: Ich konnte doch nicht gut so vorbeigehen und guckte mal bei Bertha hinein, Otto – Bertha verbietet patuh, daß noch Kaffee getrunken wird und du sollst auch gleich zu Bett kommen, Otto. (Zu Boll): Saugwurm spannt an – so spät sind wir noch nie gefahren.

82 Otto: So? Keinen Kaffee? Ja, liebe Martha, ausgerechnet Bertha erzählst du das mit dem Kaffee? Das finde ich eine unentschuldbare Achtsamkeit. (Zum Herrn): Wollten Sie etwa aufstehen, so will ich Sie gern durchlassen, ich verstand es so, als ob Sie etwas dergleichen sagten.

Herr: Ehe ich Sie bemühe, Herr, möchte ich Sie etwas fragen.

Otto: Leihen tu ich prinzipiell außer aus Grundsatz nichts, danach müssen Sie sich gefälligst mit Ihren Fragen einrichten.

Herr: Es soll von keinem Geld die Rede sein. Ich wäre sogar in der glücklichen Lage, Ihnen im Bedarfsfalle mit einer kleinen Summe aushelfen zu können.

Otto: Im Bedarfsfalle? Meinen Sie, ich und, na, wir haben Geld nötig? Ich kenne keine solchen Kreise, in denen ich verkehre, Sie scheinen solche Art Leute zu kennen – unsere Kreise sind nie im Bedarfsfalle.

Herr: Leider gibt es viele bedürftige gute Menschen unter meinen Freunden. Indessen, wenn auch nicht im gleichen, so doch im verwandten Bedarfsfalle sind wir wohl alle miteinander.

Otto: Das wird ja immer zusehender! Im verwandten – etwa mit Ihnen im verwandten Dings? Oder bin ich betrunken?

Herr: Es wird Ihnen weder im bedauerlichen noch nüchternen Zustand entgehen können, daß Ihr vorheriges Wort von der bitteren Familienähnlichkeit das Bedürfnis 83 einer andern Beschaffenheit Ihrer Familie, also wohl einer bessern Beschaffenheit, ausdrücklich anzeigt. Oder einfacher gesagt, Sie fühlen, daß Ihr Zustand durchaus einer Veränderung benötigt.

Otto: Weißt du, Kurt, zu was wollen wir diese Leute nicht wegschicken, he? Ich meine, dieser Herrgott hat nun genug Wein getrunken, den er nicht bezahlt.

Boll: Was heißt schicken, er wohnt in der Kugel wie du selbst und ist mein Gast. (Schlägt ihm auf die Schulter): Aber Mensch, Otto, da holst du deine Worte aus der Kluft und dem Kern deines Holzes – Wetter nochmal: wir im Bedarfsfalle! Möchte wissen, was wir in diesem Falle zu suchen haben, wonach hätten wir Bedarf, das soll uns mal jemand nachweisen. Tut uns Veränderung not? Ver – än – de – rung?

Otto: Alter Junge – nicht?

Boll (zum Herrn): Sodann ist Ihnen wohl nicht entgangen, daß mein Vetter an dem bösen Wort von der Familienähnlichkeit unschuldig ist?

Herr: Aufgegriffen von Ihrem Herrn Vetter, gewiß – aber ein gutes Wort, kein böses, Herr Boll! In ihm liegt ein Keim, Bereitschaft regt sich, Werden will sprossen. (Zu Otto): O, auch Ihnen stehen in Bälde große Veränderungen bevor, nein, nicht Ihnen allein, Herr Prunkhorst, wir alle fühlen uns in gleicher Gunst des Geschehens, stehen wir doch alle miteinander verquickt und versippt im leidigen Zustand einer allgemein-menschlichen und bitteren Familienähnlichkeit.

84 Otto: Ich bin nicht betrunken genug, um so betrunken zu sein, daß ich seine lachhafte Gotthaftigkeit nicht durch und durch schaute – ein Schwindler ist das, Kurt, ein Schwindler, sag ich!

Herr: Ein solcher, Herr Prunkhorst, ein Schwindler, eine Hexe, ein Teufel auf dem gleichen Wege mit Ihnen und allen. Betrachten Sie die schöne Handlungsweise des Herrn Boll: er trägt Verantwortung für die Hexe, auch in ihm keimt das hüllensprengende Drängen des Werdens und es darf Sie nicht kränken, Herr – wir alle miteinander sind in diesem tieferen Sinne Hexengenossen und Teufelsbrüder – Sie eingeschlossen!

Otto (schwingt die Fäuste): Kurt, ich berufe dich, fasse dich – – hubuh, was weht die Fahne meiner Gekränktheit hin und her, was wackelt sie! Also Kurt, ich berufe dich – schwöre ab – ab den Zustand jeder Veränderung. Steh fest, alter Junge, im Zustand der Ehe, steh fest im Zustand vor der Ehe und hinter der Ehe und neben der Ehe, krieg beim Wickel, wen du willst, meinetwegen Hexen, und vor allem bleib fest im Zustand der Verantwortungslosigkeit, darin steh fest! Schwöre die Verantwortung ab! (Saugwurm erscheint in der Tür, halberstickt): Saugwurm, da kommt zum Glück Saugwurm gespökt, oller Saugwurm, lang' mir doch da aus der Ecke linker Hand, da steht ein Spucknapf, nicht? Ja doch, her damit. (Stellt den Spucknapf vor den Herrn, schenkt Reste aus den Flaschen) So, Sie Wahrsager, Sie Halskünstler, Sie Schreibfehler an einer Abtrittswand, Sie verdautes 85 Mittagessen, Sie allgemein benutzte Gelegenheit, Sie vergessener Umstand – wahren Sie sich vor meiner sicheren Hand, wozu ich Ihnen rate, und letzen Sie sich an dem, was Ihnen meine Verantwortung vorspeit! (Zu Boll): Schwörst du die Verantwortung ab?

Auf Bolls Wink nimmt Saugwurm den Napf wieder fort.
Otto will sprechen, stockt und setzt sich nieder.

Saugwurm: Die Herrschaften können denn auch einsteigen. (ab.)

Frau Boll: Gottlob, daß wir endlich fortkommen.

Boll: Abfahren – nach Haus? Ich? Nein, Grete, nicht abfahren!

Frau Boll: Grete sagst du?

Boll: Nein, nun und nimmer fahre ich, Grete. Führe ich aber, es ginge gradeswegs zur Hölle mit mir. Grete in den Klauen des Teufels – und ich soll abfahren? Grete, die nicht weiß was sie tut, Grete, für die ich Vormund bin, Grete, die die Hütten in Brand stecken will, in denen ihre Kinderseelen wohnen, Grete, der ich versprochen habe, dabei zu helfen, anstatt ihr zum Gegenteil beizustehen!

Frau Boll: Hört nicht auf ihn. Ich für mein Teil will ihm Verzeihung aufheben und er soll sie haben. Aber jetzt muß er, muß mitfahren – muß!

Otto (mühsam): Ich hol' wohl am besten meine Fahne auf Halbmast runter – kann ich dir noch bei was helfen, arme Martha, soll ich ihn noch mal berufen? (macht sich stark).

86 Frau Boll: Ach, Otto, wozu könnte das auch helfen – ich versteh beinah den lieben Gott nicht mehr, denn was könnte er wohl mit uns im Sinne haben, da ers offenbar anders meint als wir – nein, o, nein!

Boll: Also, liebe Martha, verzeihen willst du mir? Sag aber bloß, was nützt mir deine Verzeihung, wenn ich mir nicht selbst verzeih? Da, da, da bin ich im Bedarfsfalle, das ist der Fall der Fälle. Kannst du dir das Folgende nicht denken, Martha: draußen die stille Nacht und ich, Boll selbst, im Turm die Treppe raufgequält, und was sagt der Turm dazu? Er sagt: Boll muß! Und dann so läßt die stille Nacht ein Lüftchen fahren, nur eins und ein ganz geheimes – von oben her und niemand siehts, aber ein schwarzes, schweres Stück Nacht kommt mit dem Lüftchen angefahren und schlägt das Pflaster entzwei und am Morgen waschen sie ein halb Dutzend Meter Bollsches Rot von den Steinen? Stell dir vor, was für vielleicht unnötige Umstände und sieh es bitte gründlich ein – lieber als ich mit Saugwurm an deiner grünen Seite in die Hölle kutschier, fahre ich durch die Luft und schieß unterweg Kobolz.

Frau Boll: Es – es, es kann mich doch nur schauerlich erschrecken, oder was kann ich sonst dabei tun?

Boll: Verstehst du nicht? Hör mal genau zu, denn heute Morgen habe ich dabeigestanden, wie du als Dulderin und gekränkt stolz und schweigend – du weißt doch – – so sollst du jetzt vor allem Volk geehrt werden, denn alles Volk soll erkennen, daß dein die große Ehre 87 der Entscheidung ist. Ihr Beide teilt euch in der Gewalt über mich, du und der Turm, ihr Beide redet und ratet und ihr entscheidet. Erheb dich siegend, Martha, du bist berufen.

Frau Boll: Gott, mir wird so fürchterlich bange, wo denkst du denn wohl an, Kurt, wie soll ich das alles denn auch gleich verstehen.

Boll (hebt den Finger und schüttelt ihn, als wünsche er ungestört zu lauschen. Alle sehen ihn an, Frau Boll sucht auf den Gesichtern der anderen nach Erklärung, sieht zuletzt den Herrn an, der ihr zulächelt).

Herr (leise): Muß Boll?

Frau Boll (mit kurzem Schluchzen zu Boll): Du mußt, Kurt, du mußt zu ihr, ich schick dich zu ihr, geh zu Grete, Kurt, geh gleich!

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