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Der blaue Boll

Ernst Barlach: Der blaue Boll - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer blaue Boll
authorErnst Barlach
year1926
firstpub1926
publisherPaul Cassirer
addressBerlin
titleDer blaue Boll
pages124
created20080708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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53 Viertes Bild

Dunkle Straße, hinter Fensterläden links hört man Kegelschieben, im Hause gegenüber kümmert Gesang. Im Hintergrunde über Dächern der Umriß des Doms. Grete kommt von hinten, schaut um sich und taucht ins Dunkel einer Mauerecke, Boll von vorn, kehrt um und steht still.

Grete (löst sich aus dem Schatten des Verstecks und tritt von hinten zu ihm).

Boll (kehrt hastig um und fährt mit der Hand über ihren Kopf): Bist du's?

Grete (bleibt stumm).

Boll: Aber doch die Hand, Grete!

Grete (reicht die Hand).

Boll: Du hast eine gute Hand, wie heilend kommts aus dir, mir wird besser, wenn du so was warme Wenigkeit herreichst – hörst du, daß du mir wohltun kannst, Hexe?

Grete: Ich kriege nichts zu fassen – hast du's in der Tasche? (Sie greift ihm in die Rocktasche.) Wo steckt es?

Boll: Er war nicht zu sprechen, es soll nicht sein.

Grete: Wenn du nichts bringst, wozu brauchst du auch zu kommen?

Boll: Du hilfst mir, Grete, schon hilfst du, wenn du kaum selbst willst. Wenn du wolltest . . .

Grete: Ich will nur, wenn du mir hilfst.

Boll: Es geht mir leichter vom Mund, wenn ich deine Hand halte – – also gib her, ich muß es dir doch erklären.

Grete: (gibt die Hand).

56 Boll: Sieh mal, Kind, solche Besorgung ist ein Witz – paar Worte sagen und die Groschen dafür, das ist wie mal gehustet und es war geschafft. Aber es gehört Weisheit dazu, das Sprüchlein anzubringen und es machte sich nicht – konnte das Winkelchen nicht finden, wo der Provisor Stand hielt, eine stille Minute unter vier Augen.

Grete: Aber du sagtest doch selbst: Boll muß!

Boll: Und dann haben sie mich gejagt, die an mich Verwandten! Denk dir: dies Nest und meine Gestalt dahinein – grade wie wenn ein Ochs auf freiem Felde ins Mausloch will, also habe ich die unsäglichsten Gelegenheiten ausgemacht, um meinen Leib den Leuten aus den Augen zu bringen, bin den ganzen Nachmittag an allen herrschaftlichen Gewohnheiten geschunden – bedenk das, Grete.

Grete: Wieder bedenken – wo doch ich muß und du mußt?

Boll: Weißt du, Kind, ich glaube nicht, daß es hier an dem ist, daß Boll muß. Und ich glaube nicht, daß du mußt.

Grete: Laß mich los.

Boll: So schnell nicht – mir gehts wie im Turm; wo mir wohl ist, da bleibe ich – und mir ist wohl bei dir.

Grete: Pfui, wie wohl fühlst du dich im Fleisch – mein Mann und ich wissen, was im Fleisch steckt und bei dir ist viel zu viel – laß los.

Boll (gibt sie frei): Wohin willst so schnell, geh' langsam, Grete, und laß uns von guten Dingen reden.

Grete: Denkst du, ich laufe vom Dorf herein, um 57 Fleisch zu finden? Ich suche, was ich brauche, weg mit Fleisch! (Guckt um sich.) Hier sind auch zu viel Leute!

Boll: Leute – was für Leute?

Grete (zeigt): Eben standen sie vor den Fenstern, jetzt sieht man keinen – sind da oder sind nicht da, aber Leute sinds.

Boll: Dicke Schatten sind da, Grete, so dick wie die dicksten Menschen nicht machen können.

Grete: Wenn ich sie doch gesehen habe! Ich bleib nicht, wo so viel Leute sind.

Boll: Sieh, ich hab dir doch helfen wollen!

Grete: Ich geh hin und geh so lange, bis ich hab, was ich such. Mancher wird sein, der besser taugt als du. Ich hab bloß deine Stimme lieb und die sagte das vom Vollbringen.

Boll: Kommt nicht meine Stimme aus meinem Fleisch?

Grete: Deine Stimme kommt aus der guten Welt und du bist wohl aus der guten Welt, aber pfui über dein Fleisch.

Sie geht die Straße hinab und verschwindet im Dunkel, Boll, unbeachtet von ihr, begleitet sie. Links wird die Tür geöffnet, ein starker Lichtstrom fällt heraus und bildet einen hellen Raum quer über die Straße. Elias mit halbem Leibe hinaus und horcht auf den Gesang von gegenüber.

Elias: Heute klingts wie eine Kaffeemühle, da ist die alte Unk bei – ihr Hals ist wie 'ne rostige Rattenfalle und da quetscht sichs arme Hallelujah drin zu Schanden.

58 Stimme von drinnen: Heute, hab ich mir gedacht, setzen sie die nächtliche Ruhestörung aus und halten Auktion um den Herrn Grafen seinen Nachttopf.

Elias: Ich glaub, ist Zeit – wollen alles parat machen, setzt vielleicht Almosen aus der himmlischen Vorschußkasse.

Elias und seine Gäste tragen unterdes einen Tisch und Stühle auf die Straße in den Lichtstreifen, so daß die Runde grell beleuchtet wird. Elias bringt Gläser.

1. Gast: Ja, oder den verlornen und wiedergefundnen Groschen, wißt ihr!

2. Gast: Kannst mir sagen, wer der Mann mit dem Eselskinnbacken war?

3. Gast: Das, wo Mißgeburten vorkommen, haben wir nicht behalten müssen – du fragst umsonst.

1. Gast: Seid still, sie kommen.

Die Tür gegenüber öffnet sich und die Sekte verkrümelt sich ins Dunkle.

Elias: Nummer eins hat sich Gewalt angetan und jemand anders gelobt als sich selbst. Nummer zwei hat sich einen Bruch posaunt und mit Ereiferung seine Weste bekleckert. Nummer drei – oha, Nummer drei! Hat eine Stirn, da kann keiner mit – steckt ihn mit der Nase in seinen eigenen Mist und er sagt: gesalbt bin ich, gesalbt! Nummer vier, du bist nur Nummer vier, aber du hilfst Nummer fünf. Nichts kommt zu Wenig und das macht zusammen Was. Nummer sechs, steht auf, Leute, ehrt Nummer sechs, Tante Unk soll leben!

59 Sie stehen auf.

Elias: Hier, Tante Unk, tu einen Schritt retour, hier sind Leute und verstehn sich auf Flötentöne. Hier heißt es zur gemütlichen Teufelsküche, hier kannst hocken, da setz dich und laß dich vom Stuhl auf deinen frommen Steiß küssen.

Frau Unk (geht weiter): Sie können mich doch nicht kränken, Herr – – aber wissen Sie wohl wie es heißt: geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür hinter dir zu?

Elias: Das ist schon besorgt für heute, in die geheime Kammer brauch ich nur einmal täglich. (Gelächter.)

Frau Unk eilig fort.

Holtfreter mit dem Herrn.

Holtfreter: Herr, Sie können mir das nicht übel nehmen, Herr, daß ich nicht von Ihnen abgeh – aber ich konnte mir das nicht antun, Herr.

Herr: Ich seh schon, Sie haben Lust, Bekanntschaft zu machen, wollen wir uns hier mit hinsetzen?

Holtfreter: Wenn Sie es denn wirklich nicht übelgenommen haben, gern.

Setzen sich.

Holtfreter: Ich bin den ganzen Tag so rumgelaufen und hab müde Beine – Sie gehn auch nicht schnell, Herr.

Herr: Nur etwas steif zu Fuß, hier das eine Bein kann nicht so wie das andere.

Holtfreter: Das seh ich, das sah ich gleich. Haben Sie – sind Sie – in was für Schuhwerk laufen Sie – ich bin nämlich Fachmann (sieht unter den Tisch).

60 Herr: O, ich trage gut gemachte Sachen – kaum zu erkennen, daß das Bein zu kurz ist.

Holtfreter: Ja, das ist es, Herr, was ich mir gleich gedacht habe, wie kommen Sie bei dem Bein?

Herr (lacht): Wieso? Ist ganz mit rechten Dingen zugegangen, das ist ein Fehler von Geburt an.

Holtfreter: Das machen Sie mir nicht weis! Das Bein ist vor drei Tagen bei meiner Person zur Reparatur abgegeben und unversehens entwischt. Das Bein hab ich verantwortlich übernommen, für das Bein hab ich zu seiner Erlangung städtische Anstalten aufgeboten.

Herr (lacht): Lassen wirs gut sein und nehmen Sie ein Glas Bier von mir an.

Elias bringt Gläser.

Holtfreter: Gut sein lassen? Nee, Herr, ich soll persönlich für das Bein aufkommen – muß ich erst nach Polizei rufen?

Herr: Die Mühe will ich Ihnen sparen; wenn ich verdächtig bin, mit einem gestohlenen Bein aufzutreten, so begleite ich Sie damit auf die Wache. Sind Sie zufrieden? Prost!

Holtfreter: Aber ich muß mir was mit aufpassen herausnehmen, das Bein hat einen verteufelten Schritt am Leibe und sitzt an einem Satanshinterviertel – Prost!

Herr: Soweit ist alles in Ordnung – also ein Satanshinterviertel! (Klopft sich auf den Schenkel.) Aber außerdem, ich meine, was sonst noch dranhängt, Gräten und 61 Gerüst, das ist aller Ehren wert – ich bin – außerdem, wissen Sie – ein Menschenfreund.

Holtfreter: Na – ja, das will ich auch gar nicht anders gesagt haben.

Herr: Da ist übrigens wieder mal ein Beispiel auf die Beine gebracht – das Wachsen und Werden sucht sich seltsame Wege.

Holtfreter: Wie meinen Sie das?

Herr: Sie können gar nicht ausspucken, ohne einen Punkt zu treffen, wo was drauf lauert, geschaffen zu werden, wo was raus will aus dem Puppensack. Sehen Sie: was ist heute aus dem Bein geworden – bin ich nicht ein passabler Zeitgenosse, gewachsen aus einem Satanshinterviertel? Werden, das ist die Losung!

Elias: Der Herr sucht hier wohl das Bethaus?

Herr: Ganz recht, ich habe hier Freunde, aber ich fürchte, es ist zu spät und sitze ja auch hier in guter Gesellschaft – bin überall unter Freunden, im Bethaus wie in der Kneipe, wir und ihr, alle sind auf gleichen Wegen des Werdens und laufen dem Bessern zu, selbst auf Teufelsbeinen.

Elias: Da haben wir ja die schönste Erbauung umsonst zum Bier.

Herr: Zu dienen – umsonst. Bier wird bezahlt, mit Erkennen werden wir belohnt. Immer voran, immer was Frisches, immer mehr ins Freie – so gehts mit uns und – wie gesagt, völlig umsonst.

Holtfreter: Ich heiße Holtfreter, Herr.

62 Herr: Nun?

Holtfreter: Aber das mit dem Werden muß doch mal seine Grenzen haben, denn, Herr, wenn das immer so weiter geht und wir so fort in die unermeßliche Großartigkeit hinwachsen, denn erkennen wir uns ja schließlich selbst nicht wieder.

Herr: Ist das schade? Wollen Sie ewig Holtfreter sein – lohnt sich das? Aber lohnen tut es sich, so zu werden, daß Sie sich schämen müssen, Holtfreter gewesen zu sein.

Holtfreter: Schämen, Herr?

Herr: Sie nicht, so nicht – übrigens, kennen Sie einen hiesigen Herrn Virgin und können Sie mich zu seinem Hause bringen? Wir gehen, wenn Sie wollen, vorher zusammen auf die Wache. Ich sage Ihnen unterwegs, wie ich das mit dem Schämen meine.

Holtfreter: Halten Sie ums Himmelswillen mit Ihrem Teufelsbein langsamen Schritt – Herr Virgin wohnt gleich rechts vom Markt.

Holtfreter und Herr ab.

Erster Gast: Na, Elias, ich bin noch durstig.

Elias: Heute gibts nichts mehr, dein Durst ist im Werden und wird immer großartiger, aber dein Kredit bleibt im Puppensack, da ist kein Ausgleich.

Gast: Also auf Morgen!

Zweiter Gast (zum Dritten): Wir haben einen Weg. (Alle drei ab.)

Grete kommt zurück, Boll hinterdrein und faßt sie am Arm. 63 Elias räumt auf.

Boll: Es ist reichlich viel verlangt, Grete – – schließlich bist du eine gescheite Frau und weißt, daß ich jemand bin und mich sonst mit Bitten nicht lange aufhalte. Also, du sollst alles haben, hörst?

Grete: Wie du doch schlank bist, blauer Boll – nicht, das läßt du dir gern sagen?

Boll: Versprach ich dir nicht alles und alles, Grete?

Grete: Wie jung, blauer Boll – magst du das wohl?

Boll: Denkst, du mußt mich quälen, Hexe?

Grete: Bist du nicht der, der nicht müssen braucht, blauer Boll, hast das noch lieber?

Boll: Wenn du es sagst, muß ichs wohl gern hören. Ja, Grete, sags noch einmal.

Grete: Du mußt nicht müssen, wenn du gleich der blaue Boll bist!

Boll: Weiter so!

Grete: Ich hab dich lieb, blauer Boll, ob dir das gefällt?

Boll: Es tut gut – ja Grete, mehr als ich sagen will, weiter so.

Grete: Boll muß – hinnehmen muß er, muß sich schämen, muß sich sonstwas sagen lassen!

Boll: Ich hör' es, Grete, sags noch einmal, wenn dir danach ist.

Grete: Alles aus Lust, aus böser Lust, blauer Boll, hörst du zu?

Boll: Ich hör'.

64 Grete: Nichts sollst du von mir haben, nichts geb ich dir – und wenn du noch einmal sagst, daß du mir helfen willst. Boll muß, bald so, bald so.

Elias: Leute, Leute, was für ein Leben! Könnt nichts Besseres tun, als zu Bett gehen. Aber wenns so weit noch nicht ist, na, denn wartet auf gute Zeit, laßt frische Weile anzapfen, hebt keine alten Reste auf – Werden ist die Losung.

Er schiebt Grete einen Stuhl hin und nötigt sie zum Sitzen.

Boll: Was ist das hier für eine Wirtschaft – tiefe Nacht und auf offener Straße?

Elias: O, die Polizei macht bei mir ein Auge zu – stehen uns gut miteinander, hier ist mancherlei Gesellschaft wohl aufgehoben – können sich ruhig hinsetzen.

Boll (setzt sich an die andere Seite des Tisches): Was kann man hier denn noch haben?

Elias: Lauter bekömmliche Auswahl, Happen für die herrschaftlichsten Mägen. Dürfen nur befehlen.

Boll: Haben Sie mal was von Maraschino läuten hören?

Elias: Meine Frau, Herr, schläft ihren gerechten Schlaf und ihre Gewohnheit darin ist stets und ständig mit den Schlüsseln unterm Kissen – kann nicht an den Schrank mit den Nippsachen, leider, leider! Aber die ganze ordinäre Aptheke will gern verwandt mit dem Herrn werden.

Boll: Ich seh schon, was dabei herauskommt, behalten Sie Ihr Gift für sich.

65 Elias (stellt sich breitbeinig vor ihm hin): Wie ich schon sagte: Werden, Herr, das ist die Losung – gar nicht abzusehen, wohin es noch mal mit uns kommt vor Großartigkeit. Auch Sie, Herr, sind zu Großem erlesen – was ich Ihnen sage, wollen Sie ewig der blaue Boll sein, lohnt sich das? (Nötigt ihn, da er aufstehen will, zum Bleiben.) Darin können Sie was vertragen, und wütend wird Ihr Werden wuchern – auf dieser Wiese des Trostes können Sie tapfer grasen gehen.

Boll: Woher wissen Sie, wer ich bin? Im Grunde habe ich mit dem blauen Boll ganz wenig zu tun, fast nichts.

Elias: So gut wie nichts, auch das Schätzchen nicht?

Boll: Das ist ihre eigene Sache – ich jedenfalls nichts mit ihr. Und wenn schon blauer Boll, möchten Sie mit mir tauschen?

Elias: Sie vielleicht mit mir? Man nennt mich hier herum den Teufel Elias. (Flüsternd.) Und ich will Ihnen was sagen: im Vertrauen, unter uns Beiden – es ist was dran!

Boll: Na, denn lassen wirs tauschen nach – ausgerechnet Teufel? Woran merken Sie denn das so hauptsächlich, das mit der Teufelei – was für Symptome? Finden Sie nicht, daß ich bei dieser Sachlage geradezu nett mit Ihnen rede?

Elias: O, ich bin es förmlich gewohnt, selbst mit Ehrenmännern zu reden – aber man soll die Vorteile davon nicht überschätzen. Ja, Herr Boll, also das Teufelsein – wissen Sie, man soll es nur richtig sein, dann ist's 66 schon gut. Jeder ist sich selbst der Nächste, ein ehrlicher und anständiger Nächster wohlverstanden – gehts damit einigermaßen, so ist schon ein artiger Teufel geraten. Und dann: nur nicht bange werden, am wenigsten vor sich selbst. Kann der Teufel Angst vor Teufeln haben? Ihr, die ihr mit keinem Teufel tauschen wollt, tut es nur darum nicht, weil ihr ein Haufen Angst seid und nicht wißt, daß der Teufel was Ganzes ist. Was ihr wollt, das könnt ihr nicht, was ihr müßt, das wollt ihr nicht – halbe Leute sind keine Teufel. (Streckt die Hand hin.) Fassen Sie zu und geben mir Ihre Hälfte, dafür kriegen Sie von mir einen höllischen Schuß ab. Ich meinerseits – was ich mit so 'ner schäbigen Hälfte wie Ihre bei mir mach? (Schnäuzt sich mit der Hand und streckt sie wieder hin.) So – und weg ist es!

Boll: Hören Sie auf mit dem verfluchten Hokuspokus – pfui Teufel!

Elias: Und das Schätzchen – es sieht ganz so aus, als obs mit halben Leuten nichts zu tun haben mag.

Boll: Pah – – und schließlich, warum sollt ich auch den blauen Boll ablegen. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Elias: Grade, grade – weg mit dem blauen Boll, das wär' am Ende das Beste für ihn. (Lacht.)

Boll: Was lachen Sie so dumm?

Elias: Ich freu' mich, daß ich nicht der blaue Boll bin, bin bloß Elias, der Teufel, aber was Ganzes, Gott sei Dank. Was Elias tut, das muß er tun, und was Elias muß, das will er auch – denken Sie von mir was Sie 67 wollen und wenn Sie denken, ich hab' vorhin zugehört, was da das Schätzchen zu säuseln hatte, so stimmts. Da stand was im Dunkeln und klang was wie: Boll muß, bald so, bald so.

Boll: Kam das so heraus?

Elias (zu Grete): Etwa anders?

Grete: Ja, so kams heraus und so stimmts.

Elias (zu Grete): In dir, armes Särglein, hat sich was Totes verkrochen – da ist der Elias am Platze, der hilft ihm wieder auf die Beine. Hier, liebes Frauchen, hab ich schon manchem geholfen, hier ist man wohlverwahrt. Ein schönes Zimmer und müde sind Sie auch – schlaf dich aus und schweig dich aus, was du willst. Nein, sagst du? Weißt du, was du ausschlägst? Merk dir das – erst sehen, dann sagen. Sieh und dann sag, dann ist Zeit, nein zu sagen, wenn dir Bett und Kammer mißfallen. Da gehst du hin und schließt die Tür hinter dir zu und morgen ist auch ein Tag. (Faßt sie, obwohl sie widerstrebt und schiebt sie ins Haus.) Sachte, sachte, daß meine liebe Frau nicht munter wird, geh leise geradeaus. (Zu Boll, der aufgesprungen ist:) Doch vielleicht was gefällig von meinem Gift? Ist nun zu spät, wir machen zu und hier ist kein Quartier für so noble Leute wie der blaue Boll. (Schließt die Tür hinter sich, Boll steht im Dunkeln.)

Boll: Weg mit Boll – und darf nicht einmal fragen, ob er will oder muß? Hab ich nicht den Zaum im Gebiß? Was hilfts – muß warten, bis er zuckt und zeigt, wohin die Reise geht.

68 Virgin, Herr, Holtfreter,
letzterer in devoter Haltung hinter dem Herrn.

Holtfreter: Hier wird die Straße krumm und der Schein vom Markt schabt sich dünn. Steht da nicht jemand?

Boll: Niemand sonst.

Virgin: Wir suchen die Elias'sche Wirtschaft hierherum, können Sie uns nicht helfen?

Boll (klopft): Elias, he, Elias – Gäste!

Elias (aus einem oberen Fenster): Nichts da, Herr Boll, Gäste können sich feste auf die Socken machen.

Virgin: Was hör' ich – Herr Boll, und steht hier im Dunkeln? (Zu dem Herrn.) Derselbe Herr Boll, von dem Sie wohl noch wissen. Sehen Sie, Herr Boll, der Herr ist hier fremd und möchte übernachten – warum grade hier, das sieht wohl reichlich mysteriös aus, aber er legt es ganz einfach auf eine Gelegenheit an, dem guten Elias ein bißchen in sein leidiges Gemüt zu langen. Wir von der Gemeinde und Elias sind Nachbarn und – na, mein Gott . . .

Herr: Ich begrüße Sie, Herr Boll. Sie halten vermutlich auch nicht viel von der Aussicht auf Unterkommen bei Elias?

Boll: Setzen Sie das Palaver nur getrost in Betrieb – Elias ist möglicherweise auch ein Mensch.

Herr redet mit Elias.

Holtfreter (zu Boll): Herr Boll – ach, Herr Boll, es geschehen Dinge – Dinge, Herr Boll! Dieser Herr da, der unbekannte Herr – wer, glauben Sie, mag das sein?

69 Boll: Na, wer schon?

Holtfreter: Kurz heraus: der Herrgott selbst, einfach als pilgernder Mensch. Alle uns umfassend in Teilhaftigkeit in – in – kurz: der Herr selbst. Ich habs zuerst erkannt und tu mir was drauf zugute.

Boll: Wollen Sie, daß ich mich darüber wundere? So was liegt massenweise in der Luft, die Luft holts her, die Luft gibts heraus – – wenns kein anderer ist, muß es wohl der Herrgott sein!

Virgin: Wissen Sie, Herr Boll, was ich für Angst um Sie ausgestanden habe!

Boll: Viel Ehre, Herr Virgin, danke ergebenst für so viel – na, für so viel Teilhaftigkeit.

Virgin: Denken Sie, da wart ich Stunde um Stunde auf den Kirchturmschlüssel – warte und denke: ach, Gott, Herr Boll klettert im Turm herum und da fällt er womöglich.

Boll: Oder stürzt?

Virgin: Oder stürzt – ja, oder stürzt.

Boll: Sich herab . . . . .

Virgin: Niemand kann wissen, was geschieht – Sie bewegten sich heute morgen so unüblich in Rede und Gehaben, Herr Boll – wie halten Sie es mit dem Schlüssel?

Boll: Der Schlüssel, ganz recht! Aber sehen Sie, im Dunkeln weiß ich in meiner eigenen Tasche nicht Bescheid, warten Sie bis morgen. (Für sich.) Einer sagt: weg mit Boll, der andre denkt, er stürzt wie Donnerwetter und 70 Hagelschlag bums von der Turmspitze – bin neugierig, wie Bolls Werden ausfällt.

Herr: Also finden wir uns hinein – Elias ist offenbar ungeneigt, mir Gastfreundschaft zu gewähren. (Zu Virgin:) Wohin nun?

Boll: In die Kugel mit dem Herrn, in die goldene Kugel, dahin wo ich selbst auf dem Wege bin. Sie sind mein Gast, Herr, auch als Anonymus – ich danke der Gelegenheit, den Herrn zum Behelf mit meinen Diensten einzuladen. Darf ich mich glücklich schätzen, indem Sie einwilligen?

Herr: Ja, Herr Boll, damit Ihre Freundlichkeit nicht zuschanden wird, bin ich gerne einverstanden.

Boll (für sich): Grete hat den Teufel als Schlafkameraden, ich geh mit dem Herrgott heim – man kann auf seltsame Gedanken kommen.

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