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Der blaue Boll

Ernst Barlach: Der blaue Boll - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer blaue Boll
authorErnst Barlach
year1926
firstpub1926
publisherPaul Cassirer
addressBerlin
titleDer blaue Boll
pages124
created20080708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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37 Drittes Bild

39 Straße.

Holtfreter mit mehreren Bürgern.

Holtfreter: . . . also glauben Sie's oder glauben Sie's nicht: die Treppe, hopp, hopp, rabgehüpft, getanzt, gefedert, und ein richtiges Satanshinterviertel daran – glauben Sie's oder glauben Sie's nicht!

Ein Bürger: Haben Sie das selbst gesehen – ich meine bei klarem Verstande?

Holtfreter: Lauf ich die Straßen auf und ab, um mir Bewegung zu machen, oder leb ich von meiner Hantierung, he? Bin ich als ehrlicher Mann renommiert oder nicht? Bin ich nicht in strengen Berufsgeschäften den gereckten Vormittag auf den Beinen?

Grüntal biegt um die Ecke.

Holtfreter: Ist die Möglichkeit, Grüntal – immer noch in Sternberg? Hast das Bein woll einerwo laufen sehen?

Grüntal: Hast du Grete nirgends getroffen?

Holtfreter: Ach, richtig – Grete! Nee, was soll die auch woll hier wollen, die ist längst zurück nach Parum.

Grüntal: Na, und dein Bein, Onkel Holtfreter, dein Teufelsbein, is auch längst wieder in deiner Werkstatt und hat sich auf sein ein Hinterviertel hingehockt – meinst, es wird sich den ganzen Morgen von den Sternberger Hunden hetzen lassen? (Gehen abseits und stehen herum.)

40 Frau Boll, gefolgt vom Kutscher Saugwurm, der mit Paketen beladen ist.

Frau Boll: Beim Sanitätsrat ist er auch nicht gewesen, Grotappel weiß von nichts – laufen Sie doch schnell mal bei Ohls vor, Saugwurm, nicht? Und sagen Sie, daß Prunkhorstens schon lange zur Stelle sind – wollen ja so bald wie möglich essen, nicht? Gehn da gleich linker Hand durch die Armsünderstraße, hören Sie, nicht?

Saugwurm ab. Boll kommt von der anderen Seite.

Boll: Da bist du ja, Martha, wartest du auf jemand?

Frau Boll: Na, Kurt, überall hab ich dich nachgefragt – und keinerwo bist du, wo soll man denn noch suchen, wenn du nirgends bist?

Boll: Wenn ich nirgends bin, bin ich ja überhaupt nicht, Martha – hab mich verlaufen, das ist das Ganze.

Der Bürgermeister kommt.

Bürgermeister: Sehen Sie, Herr Boll, wie gut, daß wir uns noch einmal begegnen . . . guten Tag, gnädige Frau, haben Sie eine Sekunde Geduld? Wir Geschäftsleute, nämlich – und so weiter!

Frau Boll: Wenn Sie ihn nicht ums Essen bringen wollen, Herr Bürgermeister, und mich und Andere dazu, recht gern soweit – nehmen Sie ihn geliehen, aber verstehen Sie, nicht, wir müssen doch essen!

Bürgermeister: O, nur eine Beiläufigkeit, nur eine Erinnerung – also Herr Boll, das hätte ich heute morgen nicht vergessen sollen, das Abkommen wegen des Bullen 41 muß baldmöglichst bereinigt werden. (Inzwischen kommt Grüntal, Boll ins Auge fassend, langsam heran.) Wenn Sie also den Herrn von der Weidedeputation, oder doch Herrn Stadtrat Nußboom entweder eine schriftliche . . . oder besser wäre es natürlich, Sie setzten sich mündlich miteinander in Verbindung.

Grüntal (zu Boll): Wenn Sie nich derselbe Herr sind, Herr . . .

Boll: Gewiß, Herr Bürgermeister, ich bitte Sie bloß . . . vielleicht erlauben Sie, daß ich Sie bis zur nächsten Ecke bringe. (Gehen zusammen, Grüntal folgt.) Ich hätte möglicherweise noch heute Gelegenheit, Herrn Stadtrat Nußboom in seinem Amtszimmer aufzusuchen. (Zu Grüntal): Schon gut, Sie kommen später an die Reihe – haben im Augenblick Geschäfte. Also, Herr Bürgermeister!

Bürgermeister: Ja, das wäre das Beste, ich freue mich ganz besonders . . .(zu Grüntal): Guter Mann, seien Sie doch nicht so ungeduldig!

Grüntal: O, von wegen . . . hab ganz andere Sachen im Kopf, Ungeduld kann warten.

Bürgermeister: Auf jeden Fall, kann ich Ihnen versichern, kommen Sie mit der Tonart nicht zum Ziel. (Zu Boll): Ich kehre noch einmal mit um, meinen Abschied von Ihrer Frau zu nehmen, Herr Boll.

Grüntal (kehrt gleichfalls um, geht neben dem Bürgermeister).

Bürgermeister (bleibt stehen): Nanu, das muß ich sagen – das finde ich unerhört!

42 Grüntal (steht gleichfalls still): Ich laß mir was gesagt sein. Gut, ich soll warten – will mich nach Kräften damit beeilen, kann ich dreist und gottesfürchtig versprechen.

Bürgermeister (zu Boll): Verstehen Sie was davon, Herr Boll? (Zu Grüntal): Was wollen Sie eigentlich von uns?

Grüntal: Ja, wenn Sie denn nu fertig sind, kann ich woll anfangen. (Zu Boll): Ich denk bei dem Herrn um Bescheid anzufragen. Man muß fragen, wo Antworten abfallen wollen.

Boll: Bescheid – Antwort – wer sind Sie eigentlich?

Grüntal: Ich hab mir gleich gedacht, mit dem Herrn muß man nur höflich sein, denn kann man'n um den Finger wickeln. Ich möcht aber bloß dem Herrn vorstellen, daß ich ihn beileibe nich aufhalten will und wenn der Herr also nich so viele Umstände belieben wollte . . .

Boll (zum Bürgermeister): Der Kerl treibt sich schon länger in den Straßen herum – ich mache die Kleinigkeit nachher allein aus – Martha, der Herr Bürgermeister möchte dir Adieu sagen.

Frau Boll (kommt näher, Grüntal stellt sich vor sie).

Grüntal: Die Sache mit meiner Frau geht vor, der Herr wird schon wissen.

Boll (schiebt ihn fort, Grüntal hält sich am Arm des Bürgermeisters fest).

Bürgermeister: Eine handgreifliche Belästigung – lassen Sie los!

43 Grüntal (läßt los): Kommt nich auf an, hab den Herrn am Ende gar verunsäubert? (Klopft ihm auf die Schulter.) Sehn Sie, die Hand is nu mal schmutzig, und wenn ich jemand handgreiflich beschmutzige, dann wisch ich ihn auch handgreiflich wieder ab, wie es sich gehört. Der Herr da nimmt es mit so was nich so genau.

Frau Boll: Himmel, Kurt, laß uns gehen!(Zum Bürgermeister:) Ich fürchte, er schlägt ihn auf der Stelle tot.

Grüntal: Man ganz ruhig, Madam. Wenn Sie damit meinen, daß er mich totschlägt, so kann ich Ihnen das schnell ausreden. Er will ganz und gar nichts weiter tun, als mir sagen, wo er mit meiner Frau abgeblieben is, weiter nichts.

Frau Boll: Und das sagen Sie bei hellem Mittag auf offener Straße?

Grüntal: Das mit meiner Frau hat sich auch bei offener Straße so gemacht, aber das war noch am Morgen. Ich kann mich auch genau besinnen, daß es meine Frau war und keine andere.

Boll: . . . immerhin ziemlich lange her! (Zu Frau Boll:) Er ließ sich da Ungehörigkeiten zuschulden kommen, weißt du – und ich verwies es ihm.

Grüntal: Das war erst und soweit is alles richtig, aber dann, Herr, wo sind Sie mit meiner Frau abgeblieben?

Boll: Das lassen Sie sich von sonst jemand erzählen.

Frau Boll: Kurt!

Boll: Die Sache ist deiner Aufmerksamkeit unwert – laß das, lohnt nicht. Aber hör mal, weißt du, was ich 44 dachte, als ich vorher um die Ecke bog, das lohnt zu erzählen! Wenn da auf dem Turm mit einem Male die Tanten stehn und tuten mit aller Wut auf uns los . . .

Frau Boll: Gott, Kurt, wo kommst du auch alles auf! Welche Tanten?

Boll: Na, ich meine Engel – schrecken doch mal am jüngsten Tage all die tauben Toten aus den Gräbern – was für eine Gewalt von Geheul und Geschrei dann auf dem Markt anginge, dachte ich. Gott im Himmel, da heißt es nicht: zum Essen, zum Essen – da heißt es: keine Verwesung vorgeschützt – ran mit jedermann! Wohl dem, der dann sagen kann: was fragst du mich, ich bin ein anderer! Seht zu, Kinder, seht zu, wie ihrs macht, aber werdet andere, daß sie euch nicht fragen können! (Zu Frau Boll): Stell dir nur vor: nicht mal in der Kutsche werden wir vorfahren können, und deine Vorgehänge da an dir dienen nicht mehr, und vielleicht hast du nicht das bloße Hemd überzuziehen.

Grüntal: Aber bei der gnädigen Madam wird keiner zweifeln, daß die gnädige Madam sich in Gottes Namen ohne Hemd sehen lassen kann.

Boll: Lassen wirs gut sein – haben noch Zeit und am Ende gehts doch nicht ohne Hemd.

Frau Boll: Ich frage mich bloß immer, wie du dem Manne das alles erlauben magst – wie kann er sich in deiner und meiner Gegenwart so was herausnehmen. Sag bloß eins, wie willst du das überhaupt wieder gutmachen?

Boll: Wiedergutmachen, das lassen wir getrost sein, 45 wo kämen wir da hin – nein, Kinder, hört zu: was fragst du mich, ich bin ein anderer – – und du sprichst von Wiedergutmachen?

Frau Boll (zum Bürgermeister): Finden Sie das nicht förmlich seltsam?

Bürgermeister: Herr Boll, Herr Boll!

Boll: Herr Boll? Also doch Boll und kein anderer! Da haben wir die Bescherung, keinen Augenblick hat man Ruhe vor sich selbst. Du siehst, Martha, wie ichs auch anstelle – Boll bleibt Boll – je mehr ich Boll ableugne, um so bloßer steh ich da, nackt und bloß, selbst das Hemd fängt an mir verdächtig zu werden, nein, Martha, es kann doch nicht sein, kein Versteck weit und breit, nicht mal im Hemd. Boll, nichts als Boll!

Grüntal: Sehn Sie woll, gnädige Madam, er steht da für ein, wenn er sich wo was rausgenommen hat. Da kommen wir alle nich um rum, da is Verlaß auf. Und so is auf Boll Verlaß, selbst mit Ihrer gnädigen Gegenwart is da so gut Verlaß auf wie ohne (lacht).

Boll: Ich nicht und auch meine Frau sind nicht um Ihren Beifall verlegen, merken Sie sich das! Respekt muß sein, also Rand halten!

Grüntal: So im Handumdrehn – sehn Sie, so'n Respekt will sich auch mal in Ruhe am Hintern kratzen. Ihre Frau hat vielleicht ein sauberes Hemd auf dem Leibe, aber meine Frau Grete hat gewiß eins an . . .

Frau Boll: Sagen Sie ein Wort, Herr Bürgermeister, er ist doch direkt mein Mann!

46 Bürgermeister: Zu gern, gnädige Frau, aber ich müßte fürchten, Herrn Boll vorzugreifen.

Boll: Das wollen wir alles schon kriegen. (Zu Grüntal:) Aber Mensch, was denken Sie sich eigentlich! Respekt hin, Respekt her, vor Ihrer Unverfrorenheit kann man beinah selbst welchen kriegen, wie kommen Sie da bloß bei? Findest du nicht auch, Martha, daß einem so was wie Respekt anwächst?

Frau Boll: Darauf kann meine Antwort wohl nur keine Antwort sein, Kurt. Wenn ich mich auch für dich mit schäme, so tu ichs im stillen und halte meinen Stolz an, daß er mir darin beisteht. Eben weil ich stolz genug bin, um es für dich mit zu sein, siehst du, bring ich es fertig und schäme mich schweigend, nicht?

Boll: Aber, Martha, was für schnaufende Ursachen bewölken deinen Himmel. (Zum Bürgermeister:) Bin ich schon so ein anderer, daß ich meine Frau nicht wieder erkenne? Stolz und schweigend!

Bürgermeister: Dennoch und wie es auch sei, sind die Ursachen Ihrer Frau zum Stolz und schweigendem Verhalten . . .

Boll: Aber der Mann ist ja eine ganz ehrliche Haut, Herr Bürgermeister, oder kurz: er ist im Recht. Natürlich kann meine Frau nichts dafür, daß er im Recht ist – nein, Martha, laß das mit der Unterlippe, tu das nicht – du hast Stolz und Schweigen aufgeboten und besseres gibt es nicht, hast also wieder Recht gehabt, wie immer.

Bürgermeister: Somit hat dieses unerquickliche 47 Intermezzo also seinen Abschluß gefunden – gnädige Frau, hiermit gebe ich Ihnen den Ihnen ergebenen und zugehörigen Mann zurück. (Zu Boll:) Im übrigen handelt sichs wohl um eine reine Privatsache, wie ich doch richtig erkenne?

Boll: Ganz und gar, Herr Bürgermeister.

Bürgermeister: Also – gnädige Frau!

Boll (zu Grüntal): Stehen Sie immer noch da? Wir sind doch quitt! Sie haben Recht, ich wills Ihnen schriftlich geben und mit Ihrem Recht in der Tasche können Sie abschwimmen.

Grüntal: Wo Sie mich denn so reich beschenkt haben, will ich nich gern mit Undank abfahren, Herr, darum legen Sie in Gutem den kleinen Rest dazu.

Boll: Wenn ich nachdenke, ist mir, als hieße Ihre Frau Grete – oder nicht?

Grüntal: Da ist nichts bei zu ändern. Grete heißt sie und Grete hieß sie schon immer. Und Grete hat schon manchmal so'ne Touren gehabt – is aber immer noch wieder besser geworden. Der Dokter sagt: hat nix zu sagen, sagt er. Nachher is sie ganz hübsch mucksch, aber denn, denn kommt bei uns die gute Zeit, denn is Grete die lustigste Frau von der Welt.

Boll: Wissen Sie, daß Sie nicht der Einzige sind? Ach Gott, was denken Sie – haben alle irgend so'n Zaum ins Maul gesteckt, da dürfen wir auf kauen und das haben wir umsonst – aber der Zaum, dabei bleibts.

Grüntal: Ja, Herr Boll, mit Ihnen kann man sich 48 allerhand erzählen, und mit dem Zaum, das kann auch so raus kommen. Und wenn die ganze Straße rund herum sich auf den Kopf stellen will, so nehm ich mir den Zaum aus dem Mund und leg'n Ihnen ins Gebiß. Da können Sie nu auf kauen und das haben Sie umsonst dabei – aber das is die Verantwortung für Grete, wo Sie auf beißen, da kommen Sie nich von ab.

Boll: Verantwortung? Das paßt mir im Moment ganz schlecht – muß das sein?

Grüntal: Ja, Herr, das müssen Sie selbst wissen, wenn Sie beigehen und nachdenken. Alle die Herrschaften sind Zeugen, daß ich Ihnen das Geschirr zwischen die Zähne gelegt hab, und ich kann Ihnen dazu gratulieren, wie Sie mit aussehen.

Bürgermeister: Geben Sie acht, Herr Boll, verzögern Sie um Gottes und Frau Bolls Willen Ihre Zustimmung, ich . . . ich weiß . . .

Boll: Ich auch, Herr Bürgermeister, ich weiß alles, wir sind aber nicht einer Meinung. (Zu Frau Boll): Was ich mir ausgedacht habe, Martha – geh voraus in die Kugel und laß anrichten. Und Otto, dem gib die Weinkarte in die Hand und laß ihn oben rechts Seite drei aufschlagen, da steht so'n halbes Dutzend stockfranzösische Namen, da kann er sich den unaussprechlichsten von ausklauben (sieht nach der Uhr). Ja, man kann sich mit dem Mann alles Mögliche erzählen – ich hab nur noch eine kleine Besorgung (faßt nach seinem Bauch). Muß vorsorgen für alle Fälle, die nach dem Essen ausbleiben oder nicht – 49 für'n paar Groschen weiße Krümel oder was zum Löffeln. (Zu Frau Boll): Muß noch eben beim Apotheker vorspringen – Herr Bürgermeister! (Ab.)

Bürgermeister und Frau Boll sehen sich an.

Holtfreter (heran, zu Grüntal): Hast dich ja schnell an die feinste Gesellschaft rangemacht, Grüntal, nu sollst mir auch ein Wort mit Herr Bürgermeister wahrnehmen lassen. (Zum Bürgermeister): Sie können gewiß nicht dafür, daß Ihre Anstalten noch nichts geholfen haben, aber von wo aus gehn denn nu die Anstalten vor sich?

Bürgermeister: Ach Gott, Herr Holtfreter, das geht alles nicht so schnell.

Holtfreter: Von schnell soll auch gar nicht die Rede sein, aber das ist im Gegenteil langsam, langsamer geht es überhaupt nicht.

Grüntal (zieht ihn fort): Siehst nich, Onkel Holtfreter, daß Herr Bürgermeister zu keinen Anstalten kommen kann, bloß weil du ihn nich ran läßt? (Beide ab.)

Bürgermeister: Wirklich, Frau Boll, eine bewundernswürdige Frau, die Frau Boll! Welche erstaunliche Selbstbeherrschung gegenüber so bedauerlichen Anwandlungen – ja geradezu Vergeßlichkeiten – Selbstvergeßlichkeiten Ihres Mannes!

Frau Boll: Da haben Sie gleich das rechte Wort zur Hand, Herr Bürgermeister – Vergeßlichkeit – sehen Sie, er vergißt förmlich, wer er ist.

Bürgermeister: Man könnte auch sagen: Verlorenheit.

50 Frau Boll: Als ob er sich selbst verloren hätte, ich weiß oft nicht mehr –  – so aus allen Hinsichten und Rücksichten heraus . . . ja, sehen Sie, einmal sagte er: Kind, sagt er zu mir, du bist eine herrliche Frau, das bleibt bestehen wies Donnerwort, da laß dir an genügen, sei zufrieden: eine herrliche Frau! Aber dann, wenn du das zugibst, sagte ich . . . Nichts von aber, schreit er mich an, kein Aber, eine herrliche Frau, das ist viel, sehr viel, wagt auch keiner, es zu bezweifeln . . . so!

Bürgermeister: Hm – ja, Frau Boll . . .

Frau Boll: Was meinen Sie?

Bürgermeister: Ja, sehen Sie, wir sprachen von seiner Selbstverlorenheit, sollte man sich nicht vorsichtig der Frage nähern und meinen, daß der verlorene, sozusagen der bisherige Herr Boll der falsche, dagegen der jetzige und neue, neugefundene Boll der wahre Boll wäre – wenigstens, meine ich, ist es die Frage wert.

Frau Boll: Ist das Ihr Ernst – das wäre doch graulich, meinen Sie nicht auch?

Bürgermeister: Schon heute morgen ließ die Unterhaltung mit Ihrem Mann in mir . . .

Frau Boll (flehend): Nein, Herr Bürgermeister, für solche Eröffnung kann ich nicht danken, welche Vorstellung und wo bleibe ich, wenn Boll, mein alter, guter Kurt, gar nicht mehr der alte ist!

Bürgermeister: Es bereitet sich unmerklich im Dunkel des persönlichen Erlebens manches Geschehen vor.

51 Frau Boll: Das, das, nein, das ist unnatürlich. Das, wenn das zuträfe, wäre ja gleichsam ein Ernstfall, ein Trauerfall – ich würde vorziehen, ihn im Grabe zu haben, denn da wüßte ich immer, wer es ist, der da liegt, wer es war und wie ich ihn mir fort und fort denken könnte – aber so – o Gott!

Bürgermeister: Frau Boll, ich bereue tief, Sie auf solche gewiß ganz fernliegenden Möglichkeiten hingewiesen zu haben – nein, o, nein, es ist unzweifelhaft im Grund mit Ihrem Herrn Gemahl voll und ganz bei der alten, ehrenfesten und eingewohnten Beschaffenheit.

Frau Boll: Meinen Sie wirklich, Herr Bürgermeister? Nicht wahr, er ist, Kurt ist – – aber das müssen Sie zugeben, daß er neuerdings hin und wieder – ich meine ja nicht, daß er darum gänzlich ein anderer wäre, nämlich, daß er nicht doch im Grunde, wie Sie selbst sagen, der gute, alte Kurt wäre, der er wirklich ist und immer gewesen ist und sein wird. (Weinend.) Ach, Gott, ich gräme mich fast zu sehr um ihn und was Sie da eben sagten, hat neulich auf Krönkhagen der alte Melkknecht Nierhaut in fast denselben Worten gesagt. Unsere Mamsell hat es mir hinterbracht. Ich muß aber jetzt wirklich ganz schnell zum Essen gehen – wir werden schon lange sehnlichst erwartet, eine sehr wichtige Verabredung! Leben Sie wohl, Herr Bürgermeister. Ich bin ganz steif vor Hunger.

Bürgermeister: Meine Gnädigste!

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