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Der blaue Boll

Ernst Barlach: Der blaue Boll - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer blaue Boll
authorErnst Barlach
year1926
firstpub1926
publisherPaul Cassirer
addressBerlin
titleDer blaue Boll
pages124
created20080708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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23 Zweites Bild

25 Enger Raum in halber Höhe des Turms. Man sieht nach hinten ins Dunkel des Kirchendachs, links mündet die schmale Wendeltreppe von unten, rechts in der Mauer gehts weiter nach oben. Ein spitzbogiges Fenster. Langsames Ticken des Uhrwerks wandelt durch Raum und Mauern.

Grete sitzt auf der Schwelle zum Dachraum, Boll steigt schweratmend von unten herauf.

Grete: Sind Sie wer?

Boll: Niemand – nie Jemand gewesen – Keiner!

Grete: Ob Sie wer sind und haben hier zu sagen?

Boll (zeigt zum Fenster): Er steht da unten und sieht sich alle Ecken an, bloß hier rauf guckt er nicht, kommt gar nicht auf so'n Gedanken, Ihr Mann – haben Sie Kinder?

Grete (kriecht noch mehr in sich zusammen).

Pause.

Grete (murrend): Alles erstickt im Fleisch, Sie auch – in Fleisch.

Boll: Lassen wir das Fleisch, weg mit Fleisch – sehn Sie mal, Frau, abseits von meinem Fleisch bin ich noch sonst was, so was wie aufgetürmt, turmhaftig, was ganz gehörig Anderes.

Grete: Haben Sie hier zu sagen, gehören Sie hierher?

Boll: Ich bleibe, wo mirs gut geht, hier ist mir wohl und hier bleibe ich.

Grete: Soll ich wieder runter?

Boll: So lange Ihnen wohl ist, bleiben Sie auch hier.

26 Grete: Wo soll ich auch hingehen!

Boll: Wenn Sie Kinder haben, warum gehen Sie nicht zu Ihren Kindern – Fleisch zu Fleisch, Turm zu Turm – ich bleibe.

Grete (steht auf).

Boll: Ihr Mann steht noch unten und wird Sie schlagen.

Grete: Das hat er nie getan, wird auch nie, bin nicht bange vor ihm – aber er wird mich zu den Kindern bringen.

Boll: Und wenn das schadet – wem schadet das?

Grete: Die armen Seelen . . .

Boll: Ja, ja, – sagen Sie's nur.

Grete: Die armen Seelen wimmern und schreien zu mir, soll sie auslassen – und bitten, bitten tun sie immerfort, wollen raus und jammern, daß sie durch mich im Elend sind – Elend heißt es.

Boll: Die armen Seelen wimmern?

Grete: Sie rufen, sie schreien und grade, wenn alles schläft, hör' ichs in der Dunkelheit am hellsten.

Boll: Und haben sie was, worüber sich schreien läßt?

Grete (monoton): Die armen Seelen schreien, das wachsende Fleisch verstopft ihre Stimmen, aber immer noch quälen die armen Seelen, daß ich sie vom Fleisch erlöse.

Boll: Wie viele sinds zusammen?

Grete: Drei Seelen hab ich ins verfluchte Fleisch gebracht.

Boll: Ich bin auch so eine arme Seele.

27 Grete: Ich weiß wohl, aber zu was reden Sie das vom Turm?

Boll: Mir wird wohler, wenn ich lüge – sehen Sie, mit Lügen straf ich mein Fleisch, mit Lügen säble ich mich in tausend Stücke und werf die Fetzen vor die Hunde – und nun, kaum fallen die Hunde über die tausend Fetzen, da zuckt ein Blitz, und ruckt was hin und ruckt was her und so ists wieder ganz. Die Luft hats in sich, die Luft holts her, die Luft gibts heraus – bin ichs wieder oder bin ichs nicht mehr oder bin ichs überhaupt gewesen? Mein Blut ist rot, aber blau steht es mir zu Gesicht. Wer sind Sie denn?

Grete: Zu Haus auf dem Dorfe heißen sie mich die Hexe – weiß nicht warum. Ich denk mir was und solls denn mal gestorben sein, so ist es wohl nichts Schlimmeres als leben.

Boll: Und ich habe immer gut gelebt und muß nach einer verdammt strammen Ordnung schlimm sterben. Ich wollt, ich bekäm bei Kleinem was Lust zu sterben. So aber, weil ich bin wie ich bin, muß ich mich fürchten – und wart ungern aufs Sterben.

Grete: Wer nicht mehr im Fleisch ist, der ist im Glück – und ich muß meine Kinder vom Fleisch erlösen.

Boll (sieht sie laut atmend an, kehrt sich zum Fenster und wirft einen Blick hinaus. Dann kommt er zögernd und unsicher näher, greift in die Brusttasche und holt die Zigarrentasche heraus, schiebt sie aber sogleich zurück – scheint dann die Arme ausstreckend auf Grete zu stürzen. Sie stemmt die 28 Hände gegen seine Brust und hält ihn zurück): Würgen Sie mich nicht, es gibt sich schon – drückte mich was zu Boden, oder was gabs, da mußt ich mich an Sie halten. (Er geht zurück und lehnt sich an die Mauer.)

Grete: Ob ich wen hol'?

Boll (winkt ab und schließt die Augen).

Grete: Wär' schon gut zu Bett.

Boll (reißt die Augen weit auf): Ich stehe, wozu hab ich meine langen Beine. Will nicht liegen, aber halten Sie mich einen Augenblick fest (Grete stützt ihn). Tut gut, daß Sie mich anrühren, das wußt ich ja, darum tastete ich mich heran, als mir schwarz vor den Augen wurde (wieder gefaßt). Kann mal das liebe Fleisch nicht lassen. (Nachdenkend) Wie war denn das? Stieß ich mit der Nase beim Kreuzweg an die Ecke, stieß an und verlor einen Augenblick die Richtung, was konfus geworden? Na, es ging noch gut und so bin ich wieder auf der wohlbekannten Straße.

Uhrmacher Virgin kommt auf der Treppe von oben herab.

Virgin: Mein Gott – seh ich recht – Herr Boll?

Grete (läßt Boll los, bleibt aber nahebei stehen).

Boll: Nicht, daß ich wüßte. (Zu Grete.) Was für ein aufgeregter Herr das ist.

Virgin: Mein Name ist Virgin – Uhrmacher Virgin.

Boll: Ein auffallend schöner Name.

Virgin: So schön, wenn nicht schöner als Ihrer, Herr Boll.

Boll: Boll? Da müssen Sie anderwo fragen, ob so einer hier bekannt ist.

29 Virgin: Also nicht – Sie müssens ja wissen. Bitte übrigens um Entschuldigung, daß ich Sie mit dem Herrn verwechsele, es ist nicht grade schmeichelhaft.

Boll: Und was ist das für ein Herr, dieser Herr Boll, wenn ich fragen darf?

Virgin: Ich glaube, er hält sich selbst für eine Art von Unübertrefflichkeit in jedem Sinne, der Herr Boll.

Boll: Also offenbar ein beneidenswerter Mann.

Virgin: Dies vermaledeite Fuhrwerk von Turmuhr hatte wieder mal einen Ramm – also ich da oben und mit meiner Zeit umgegangen, wie Boll – Herr Boll mit seiner . . .

Boll: Dieser Herr Boll?

Virgin: Ja, derselbe, denn wie kann ein Mann wie der ehrenvoller dastehen als indem er seine Zeit veraast? Sprech ich nicht zu leise? Ich bin etwas engbrüstig und so die Treppen rauf und rab – wissen Sie – verstehen Sie was ich meine?

Boll: Keine Sorge.

Virgin: Ja, was ich noch erzählen wollte . . .

Boll: Doch wieder von Boll hoffentlich!

Virgin: Natürlich, aber das haben Sie vielleicht schon sonstwo gehört, das mit Boll und dem Grafen Ravenklau?

Boll: Ravenklau – Ravenklau?

Virgin: Graf von und zu Ravenklau, wissen Sie, der Patron unserer neuen apostolischen Gemeinde – ich gehöre auch dazu, darum . . .

30 Boll: Ich verstehe.

Virgin: Also der Graf hatte mehrmals öffentlich gesprochen, leider nicht, ohne dadurch zu allerhand Übelwollen Antrieb zu geben.

Boll: Mir schwant sowas: man hat mehr über ihn geredet als die ganze gräfliche Rederei wert war.

Virgin (stutzt): Hm – ja, wie Sie wollen. Boll vor allem, Boll hatte, wie er sich rühmte, das apostolische Nest eingeschwefelt und – erlauben Sie – diesem hochgeborenen, guten alten Herrn herzlich wehgetan. Nun, was geschieht?

Boll: Bin wirklich sehr gespannt.

Virgin (gestikulierend): Hören Sie bloß: beim vorjährigen Reitturnier in unserer Stadt, nach dem ersten Rennen, kommt Herr Boll von drüben quer über den Rasen auf die Tribüne losspaziert, was sich ja bloß Boll herausnehmen kann. Sehen Sie – so! Fährt daher, gemästet von Selbstachtung, frisch aus der eigenen Weihräucherei und allein für sich ein Triumphzug. Die Sonne prallt von seinem Gesicht ab und seine Beine – jeder Tritt eine Welterschütterung, pompös! Da will es nun das Schicksal, daß Graf Ravenklau genötigt ist, denselben Weg ihm entgegen zu machen.

Boll: Hatte vermutlich drüben zu tun?

Virgin: Natürlich – sie gehen aufeinander zu und die Tribüne hält den Atem an. Der Graf, schwachsichtig wie er ist, findet sich ganz wenige Schritte vor Boll, als 31 er ihn wahrnimmt, und dreht um, kehrt den Rücken, strebt wieder zu Platz – ja, so wars.

Boll: Ich finde es einstweilen nicht aufregend, Herr Virgin.

Virgin: Aber Boll, verehrter Herr, was blieb Boll zu tun übrig – durfte er, um seinen Weg zu vollenden, dem Grafen folgen, und so, öffentlich geschnitten, drei Schritte hinterdrein, folgsam und artig – folgsam, Herr – gleichsam in kuschender Haltung und Gangart so den Grafen geleiten? Er tat es – aber . . .

Boll: Nun?

Virgin: Aber wie, Herr, wie! Die Sonne, die bisher auf seinem Gesicht brannte, fröstelte, die Pracht seiner Mienen zersetzte sich, Bolls Gesicht, die aufgequollene Blüte des Festes, lief an und tauchte in Schatten, Tinte und Scham. Er nahm es hin, Herr, was sagen Sie dazu?

Boll: Sagen? Ich hätte gewünscht, es selbst von der Tribüne mit ansehen zu können.

Virgin: Sie hätten ein blaues Wunder erlebt.

Boll: Ich wundere mich nicht so sehr wie Sie, daß Boll es hinnahm – vielleicht ist er doch nicht so gemästet von Selbstachtung wie Sie meinen – aber er nahm es hin! Der alte Herr hatte der apostolischen Gemeinde gewiß recht probate Winke gegeben?

Virgin: Winke, verehrter Herr? Er hatte davon gesprochen, daß der Mensch wird, nicht ist, das hatte er erörtert, das nennen Sie Winke? Unser Sein, hatte er gesagt, ist nichts als eine Quelle, aber unser Leben ein 32 Strom des Werdens, und kein Ziel als immer neues Werden. Das hatte er gesagt – ewiges Werden! Heute ist nur ein schäbiges Morgen, morgen ist abgetan von übermorgen. Von so was ist Ihnen doch wohl – ja, doch wohl niemals das Geringste zu Ohren gekommen?

Boll: Mir? Ich denke wir sprechen von Boll?

Virgin: Gesetz, Zwang, Unentrinnbarkeit – ja, ich muß nun wirklich gehen, Herr Boll.

Boll: Grüßen Sie Herrn Boll von mir, wenn Sie ihn sehen und er soll mich mal besuchen, dann werde ich ihm die Sache von morgen und übermorgen plausibel machen – fallen Sie nicht beim Absteigen.

Virgin (zögert): Wie lange, wenn ich fragen darf, beabsichtigen Sie, den Turm zu besichtigen – ich frage nur.

Boll: Sie können mir den Schlüssel da lassen, er wird Ihnen demnächst wieder zugestellt.

Virgin (gibt den Schlüssel): Recht so, Herr Boll. (Zu Grete): Was machen Sie denn hier?

Grete (sieht verlegen in eine Ecke).

Boll: Es erübrigt sich, Herr Virgin.

Virgin: Ja, Herr Boll, wenn Sie für die Frau aufkommen . . .

Boll: Schon gut, ich komme auf, ich übernehme alle Verantwortung.

Virgin: So bin ich zufrieden (klettert abwärts).

Boll: Er hat seinen Katechismus brav gelernt – wie hieß es noch: ewiges Werden? Sehr hübsch, das erinnert mich daran, mit wie einfachen Instrumenten als zum 33 Beispiel mit einer Mundharmonika man ganz leidliche Musik macht – ja, da stehen wir nun, nicht mal setzen kann man sich – wollen ein bißchen ausschauen (sieht aus dem Fenster). Gott, also dies Sternberg, ein Gerümpel, eine Handvoll! Da gehts rechtsherum zu Grotappel, grade hier unten, daß man drauf spucken kann, das Dach der goldenen Kugel – aha – und hier: Monsieur Virgin, da sieh, Kind, da schiebt sich was Schwärzliches übern Markt, von der engen Brust ist nichts zu sehen, aber den gebogenen Rücken erkennt man . . .

Grete (legt plötzlich die Arme um seinen Hals).

Boll: He, he, was ist das, was hast du?

Grete: Sind Sie nicht doch Herr Boll?

Boll: Hast du daran gezweifelt?

Grete: Ich will Herrn Boll um was bitten.

Boll: Bitten? Herrlich, Kind, bitte!

Grete: Herr Boll kann es schaffen, er kann es, er muß es.

Boll: Schaffen – ja, was ich kann, schaffe ich. Was solls denn sein?

Grete (hält ihn noch immer fest, leise): Das, was man braucht . . . Die Leute sagen dazu Gift.

Boll: Gift – doch nicht für die Kinder?

Grete (nickt und antwortet in ersticktem Ton etwas Unverständliches).

Boll (sucht sich loszumachen): Damit – damit deine Kinder sterben können, soll ich . . .

Grete: Sie müssen! (Drängt sich fest an ihn.)

34 Boll: Hast du dir das klargemacht?

Grete: Sie müssen!

Boll: Oho – Boll muß?

Grete: Ja, Sie müssen es tun, daß es ohne Jammern abgeht, ohne Quälerei – und – (sie drängt näher) es muß vorbei sein, ehe ich zur Tür hinaus bin.

Boll: Ich versteh schon, ein paar weiße Krümel oder was zum Löffeln.

Grete: Nur schnell, daß es geht.

Boll (sucht sich zu lösen): Ich will überlegen, Kind, sei zufrieden, daß ich verspreche, daran zu denken.

Grete (hält fest): Versprechen sollen Sie und tun, an denken ist nicht nötig.

Boll: Wie kann ich versprechen, wenn ich nicht mal weiß, an wen man sich da wendet – und wie soll ich das sagen, mit was für Verdrehung verlang ich das bloß?

Grete: Herr Boll hat versprochen und zugesagt, daß er es schaffen will.

Boll: Nun sage mir eins: was wirst du tun, wenn du dann zur Tür hinaus bist und es ist vollbracht?

Grete (läßt ihn los, sieht ihn erstaunt und ungläubig an): Ich – ich – ich? (stammelnd) Wenn Alles vollbracht ist?

Boll: Na ja, du mußt doch gewärtig sein, daß du angeklagt wirst.

Grete: Wenn Alles vollbracht ist! (Schlingt die Arme um seinen Hals, schluchzend): Ich will nichts mehr tun als danken, danken.

Boll: Na, soweit sind wir doch noch nicht.

35 Grete: Doch, nun ist es so gut wie geschehen: Alles vollbracht! Bis zum Abend können Sie es schaffen.

Boll: Hör mal, Kind – wie heißt du eigentlich mit Vornamen?

Grete: Ich bin Grete.

Boll: Also, liebe Hexe Grete, wie soll es aber danach mit mir auskommen, hast du daran gedacht – schließlich bin ich auch dabei gewesen.

Grete (läßt ihn los, geht langsam zur Treppe): Du? Du hast dich von dem Grafen beschimpfen lassen, geh und spazier weiter mit deiner Unehre. Du taugst nicht – Boll muß, sagst du, aber du sagst es bloß.

Boll (hält sie zurück): Und wenn ich doch bring was du brauchst?

Grete: Daß es vollbracht werden kann?

Boll: Leicht und schnell und sicher vollbracht werden, alles vollbracht!

Grete (sieht ihn halblächelnd an, legt ihre Hände leicht auf seine): Bring es heute Abend!

Boll: Hast du mich dafür lieb, wenn ichs tue?

Grete: Ja, wenn du es getan hast, bis heute Abend getan – ja, dafür – ja dann!

Boll: Heute Abend . . .

Grete (zitternd): Wo?

Boll: Nach Dunkelwerden in der Domstraße.

Grete: Nach Dunkelwerden, ohne Fehl nach Dunkelwerden in der Domstraße.

36 Boll: Da finden wir uns.

Grete: Dann hast du es.

Boll: Hoffentlich hab ichs bis dahin.

Grete: Bis dahin hat er es!

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