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Der blaue Boll

Ernst Barlach: Der blaue Boll - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer blaue Boll
authorErnst Barlach
year1926
firstpub1926
publisherPaul Cassirer
addressBerlin
titleDer blaue Boll
pages124
created20080708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7 Erstes Bild

9 Marktplatz mit Läden, hinten der Grundstock des Kirchturms mit großem Bogenportal.

Boll und Frau kommen quer über den Markt.

Boll (bleibt stehen): Immer noch leichter Nebel – eigentlich gar nicht unsympathisch, Martha – was?

Frau Boll: Bis auf das Frösteln – und so – als wir Krönkhagen abfuhren, wurde es mir doch beinah ein ganz klein wenig zu frisch.

Boll: Hast Recht, Martha – immerhin, sieh diese verwischte Perspektive, mags woll leiden – – es kann mehr dahinter stecken als man denkt, kann anders kommen als ausgemacht ist – und schließlich, was hat man auf die Dauer von dem flotten Lebenslauf mit garantiert ausgeschlossenen Beinbrüchen – wie sagst du, Martha?

Frau Boll: Ich weiß es nicht und niemand kann wissen, wozu es gut sein mag, daß etwas anders kommt als man denkt, aber darum lege ichs noch lange nicht auf an und laß den Respekt vor mir selbst außer Acht – dazu versteh ich den lieben Gott viel zu gut, als wollt er wohl was anderes mit mir im Sinn haben, wie ich einsehn kann – nein – o nein!

Boll: Na, da ist der Laden – Bierhals & Co.! Soll ichs riskieren, bei dem Fräulein wieder abzulaufen? Sie hat den Geschmack, du hast die Entscheidung und ich – wozu ich?

Frau Boll: Du weißt doch, Kurt, irgendwas Passendes für Tante Emma zum Geburtstag müssen wir kramen.

10 Boll: Ganz recht, Martha, der Fall ist so ein Fall und kann Kopf und Kragen kosten – und also, bei meiner Neigung zu Blutandrang und Schwindel – siehst du, Martha, das siehst du ein, seh ich schon – nicht? Ich darf dir doch noch die Tür öffnen? (Öffnet die Tür.)

Frau Boll: Weißt du nicht, Kurt . . . ja, und dann haben wir uns mit Prunkhorstens zum Essen bestellt und Otto und Bertha sind bei so was immer so reizend pünktlich und das verpflichtet uns doch zu Gleichem – tu doch nicht so, Kurt! (Sie verschwindet.)

Boll (zögert, für sich): Die Luft hats in sich, die Luft holts her und die Luft gibts heraus. (Folgt ihr.)

Holtfreter und Grüntal begegnen sich.

Grüntal: Jemine, Onkel Holtfreter!

Holtfreter: Kuck an, Grüntal, denk mal, Grüntal!

Grüntal: Und nu – was nu?

Holtfreter: Ja, was ist dabei zu machen, Grüntal, laß bloß alles gut sein. Ist die Grete dir weggelaufen, kommt die Grete auch woll retur, laß man gut sein! Ja, sie ist bei mir gewesen, ist gekommen und hat geweint und geweint und geweint . . . . .

Grüntal: Denn is alles in Ordnung – kannst gleich mitkommen, Onkel Holtfreter und daß ich sie bei dir abhol' – müssen nach Parum zurück, denk bloß, was die Kinder durcheinander bölken!

Holtfreter: Sieh allein zu, ob du Grete findest. Als ich wegging, saß sie nicht mehr zu weinen. Onkel, sagt sie, 11 geh man aus, Onkel, ich will auch ausgehen, sagt sie – was ist denn diesmal wieder nicht grade in ihr, hat sie wieder ihre Gedanken? Gedanken, Grüntal, sind Dinge, die du nicht kennst – kennst du nicht. Ist sie diesmal auch wieder übers Fleisch zu Gange?

Grüntal: Kannst dich auf verlassen – nichts als Fleisch is ihr im Wege. Weg mit Fleisch, sagt sie oft zu den Kindern – Speck und Schinken und Würste, sagt sie, wollen euch zu Speck und Wurst machen. Seid ihr Wänste, oder was seid ihr? Und denn so hält sie sich die Ohren zu und fragt: hörst du nicht, was sie sagen und meint die Kinder, und wenn ich frage, sagt sie, sei still, laß sie jammern, laß sie schreien – sollen ihren Willen haben. So gehts bei uns her, siehst du.

Holtfreter: Ja, das seh ich.

Grüntal: Was, sagt sie – Fettwerden ist Guttun von aller Art Mastvieh, so gehörts zum Ehrenwandel der Schweine, aber sind Kinder Schweine? Weg mit Fleisch, sagt sie, der Paster hat ganz Recht, der sagt das auch, da kam sie grade aus der Kirche. – – Und nu wollt' sie ausgehen, warum hast sie nicht eingeschlossen, Onkel Holtfreter?

Holtfreter (unruhig); Da kommt der Bürgermeister, grad auf uns los; geh weg, Grüntal, ich muß mit Herr Bürgermeister reden – Herr Bürgermeister!

Grüntal wartet. Bürgermeister kommt eilig um die Ecke, grüßt zurück und will weiter.

12 Holtfreter (vertritt ihm gelassen den Weg): Herr Bürgermeister, das ist doch nicht in Ordnung!

Bürgermeister: Seien Sie nur zufrieden, Herr . . . Herr . . . sind Sie nicht Herr Schuhmachermeister Holtfreter? Ich muß zur Sitzung, Herr Holtfreter.

Holtfreter: . . . gar nicht in Ordnung, Herr Bürgermeister!

Bürgermeister: Kommen Sie mit, Herr Holtfreter, wir haben einen Weg, Sie wollen offenbar auf die Polizei, ich geh ins Rathaus. Haben Sie nicht auch gesehen – war da nicht eben Herr Gutsbesitzer Boll mit seiner Frau und gingen zusammen in den Laden? Ich habe ein paar Worte nötig mit ihm zu reden.

Holtfreter: Boll kauft ein, hat das Geld und nimmt sich Zeit dazu. Sie nennen ihn hier den blauen Boll.

Bürgermeister: Ich weiß – aber . . . .

Holtfreter: Aber wenn er sein Leben so liebt, wie er es liebt, na, denn muß er es pflegen, solang er es hat. Wohltun trägt Zinsen und wenn er sich weiter so wohl tut wie bisher, so verzinst es sich mit 'm Baller, Herr Bürgermeister, nämlich mit 'm Schlag.

Bürgermeister: Ich kann doch nicht so lange warten, bis er fertig ist – adjö, Herr Holtfreter.

Holtfreter (streng): Wenn Herr Bürgermeister keine Zeit haben, auf Herr Gutsbesitzer Boll zu warten, kann ein Bürger dieser Stadt natürlich Herr Bürgermeister seine Zeit weder in ihr rechtes noch in ihr linkes Ohr liegen.

Bürgermeister: Ach, Sie wollten mir etwas 13 vortragen, Herr Holtfreter, sagen Sie's nur – was ist es denn?

Grüntal (will sprechen).

Holtfreter: Sei still, Grüntal, was kann das auch Herr Bürgermeister kränken, daß dir deine Frau wegläuft. (Zum Bürgermeister) Er ist mein Schwager nämlich und Schweinehirt von Parum, weiter nichts. – Herr Bürgermeister, vor drei, vier Tagen kommt ein Herr zu mir in meine Werkstatt – ich wohne Grünwinkel.

Bürgermeister (gefaßt): Schön – weiter.

Holtfreter: . . . . kommt die Treppe rauf, wo ich überm Schweinsstall arbeite – rauf, wie soll ich sagen: gehüpft oder gefedert oder getanzt – einerlei. Bestellt für seinen rechten Fuß, Klumpfuß, Herr Bürgermeister, echter Klumpfuß, wonicht Pferdefuß – bestellt Schuhwerk – bestellt, läßt den Fuß mitsamt Bein zur Stelle, setzt den Hut auf und hüpft oder federt oder tanzt die Treppe, wo ich überm Schweinsstall im Grünwinkel meine Werkstatt hab – herunter, weg ist er.

Bürgermeister: So ordne ich hiermit an, daß Sie das Bein unverzüglich im Bureau des Oberwachtmeisters deponieren.

Holtfreter: Das Bein? Nee, Herr Bürgermeister, das ist es ja grade, darum laufe ich hier durch die Straßen und finde keine Ordnung dabei, denn das Bein ist aus meiner Werkstatt entsprungen wie ein richtiges Tanzbein, springfedrig, unverschämt lustig, mit einem richtigen Satanshinterviertel daran – also, daß das Bein galoppiert und daß Herr Bürgermeister – – nee, Herr 14 Bürgermeister – es muß eine Treibjagd vorkommen, sonst ist keine Ordnung darin.

Boll tritt aus dem Laden und grüßt.

Boll: Paßt es, Herr Bürgermeister, oder – ich sehe, Sie haben Geschäfte!

Bürgermeister: Im Augenblick – gleich, Herr Boll. (Zu Holtfreter) Ich laß den vorgetragenen Fall untersuchen, Herr Holtfreter, bestimmt, Sie können ruhig sein.

Grüntal: Komm man, Onkel Holtfreter, Herr Bürgermeister hat nu genug von unsern Familiengeschäften. (Beide ab.)

Bürgermeister: Also, Herr Boll, was macht die Frau Gemahlin – und selbst?

Boll: O, soweit . . . sehen Sie, danke, Herr Bürgermeister, aber . . . .

Bürgermeister: Aber?

Boll: Was für eine unerhörte Wirtschaft ist das, Herr Bürgermeister, ich erkläre Ihnen feierlich und aufrichtig, es frißt mich hohl und schabt mich inwendig wund, daß das so und nicht anders ist. Unerhört, Herr Bürgermeister!

Bürgermeister: Es tut mir wirklich leid, Herr Boll, daß es so ist, so und nicht anders; und besonders, daß ich oder ein anderes Glied der städtischen Verwaltung dessen verantwortlich scheinen.

Boll: Gewiß, Herr Bürgermeister, einer muß die Schuld bekommen – also Sie! Welch eine haarsträubende Sinnlosigkeit!

15 Bürgermeister: Ich bin Ihnen von Herzen erkenntlich für Ihre Offenheit – aber die Sache selbst, wenn ich bitten darf?

Boll (mit blau anschwellendem Gesicht): Eine verdammte und unentschuldbare, sinnlos verfahrene Sache ist die Sache selbst. Ist »sinnlos verfahren« entschuldbar, wie? Kann man eine sinnlose Sache, eine verpfuschte, verteidigen? Das wäre eine nette Fürsprache!

Bürgermeister: Ich hoffe, daß sich für eine so unbestreitbar bedenkliche Sache kein Verteidiger, wenigstens in unserer Stadt nicht, finden wird.

Boll: Schlimm, schlimm!

Bürgermeister: Zweifellos, aber welches wäre am Gesamten dieser bedauerlichen Sache der Teil, mit dessen Vorhandensein eine Schuld meinerseits verbunden wäre?

Boll: Teil? Ja, sehen Sie, ich geh heut aufs Ganze – Teil hin, Teil her, lassen wir die Teile! Wie? – Geht es mit rechten Dingen zu, Herr Bürgermeister? Besser gelebt als gestorben, das ist die Sache! Wie abscheulich unangebracht ist die Kreatur in diesem Dasein – wie ist sie ins Kälberleben hineingebracht – gefragt etwa, mit ihrem Einverständnis? Kälberleben – wieso? Gehts uns nicht gut – o, sehr gut, besser, noch besser und noch immer besser – und plötzlich, was seh ich – es will nicht noch und immer noch besser werden, sondern schlimm und schlimmer und noch schlimmer! Was für eine schäbige Ungehörigkeit und – sehen Sie, Herr Pastor, 16 welche Falle schnappt mit geölten Gelenken und scharfen Kiefern nach unserm Fleisch und Bein! Schwapp, und wir müssen stillhalten. Erst gut gelebt, zu gut, und dann . . . . na, so stehts!

Bürgermeister: Ich verstehe völlig, Herr Boll, Sie tun einen Blick und schweifen ins Weite mit Ihren ahnenden Organen.

Boll: Was kann der Gutsbesitzer Boll dafür, daß Boll ein Gutsbesitzer ist? Er ist ungefragt, un–ge–fragt, ob er Gutsbesitzer Boll werden wollte. Eine Dreistigkeit gradezu, den Gutsbesitzer Boll zum Gutsbesitzer Boll zu machen – denn, was hat er davon, Herr Pastor? Sich selbst als Herrn, weiter nichts, und wie kann der Diener seiner selbst mit solchem Herrn zufrieden sein?

Bürgermeister: Ja, ja.

Boll (lacht): Mag er zusehen, Herr Sanitätsrat! Nicht wahr, sagten Sie nicht: Boll trinkt, Boll spielt, Boll sitzt unermüdlich und thront gewaltig auf der Majestät seiner vier Buchstaben, Boll wird gut Freund ausgerechnet mit seinem Feind, dem verkehrten Leben?

Bürgermeister: Wie Boll ja wohl auch seine Stärke lahm geritten hat und muß nun auf seiner Schwäche voran kommen . . . .

Boll: Ganz recht, Boll hat seine Hirsche abgeschossen und knallt mit der Flinte in den leeren Wald . . . . überhaupt: Boll hat Boll beim Kragen, vor ihm nichts als Magerkeit seiner guten Aussichten, vor ihm Alles, ausgenommen das Gute, das Willkommene, das Freundliche 17 – nichts als Teufelskram – mag er zusehen, wie er damit fertig wird! (Präsentiert Zigarren) Marke Sargnagel!

Bürgermeister (lehnt ab): Auch Sie, Herr Boll, sollten sich des starken Rauchens enthalten!

Boll: Wieso sollte? Heißt es nicht: Boll muß?

Bürgermeister: Herr Boll, ich bin, obgleich Sie die Kosten der Unterhaltung bestritten haben, ganz außer Atem. Mein Interesse an Ihnen . . .

Boll: Boll bringt Boll um – können Sie das hindern?

Bürgermeister: Aber vielleicht könnte er selbst es hindern? Herr Gutsbesitzer Boll, ein Antrieb freimütiger Herzlichkeit hilft mir, Ihnen zu sagen, daß allerdings anscheinend Boll Boll umbringt; aber warum, verehrter Herr, ist der eine dieser Beiden ein schädlicher Boll – könnte er nicht ein solcher sein, der für Boll alle erfreulichen Möglichkeiten der kommenden Jahre wie ein guter, ehrlicher Advokat erlistet, der ihn mit gewiegter Sorglichkeit schirmt – könnte Boll nicht gradezu der beste Helfer Bolls sein?

Boll: Da kommt meine Frau, Herr Bürgermeister, überlassen wir Boll sich selbst, mag er zusehen, wie ich, glaube ich, schon mal sagte.

Bürgermeister: Die Stadtverordneten warten, Punkt elf Uhr ist Sitzung, Herr Boll, ich empfehle mich (ab).

Frau Boll aus dem Laden.

Frau Boll: Kaum, daß wir eine halbe Stunde . . . Kurt, hörst du auch?

18 Boll (sieht nach der Uhr, nickt).

Frau Boll: Und schon zu Anfang die Hetze ohne Ende. Mir ist doch, als könnte es nicht länger her sein – oder was denkst du?

Boll: Ich gehe was zu Grotappel, ein Stündchen oder zwei, gehst du mit?

Frau Boll: Ich weiß nicht, wie du mir vorkommst, Kurt!

Boll: Ach was, ich muß mir Mut antrinken. Die Schose mit Vetter Prunkhorst wird weitläufig – also Mut antrinken! Weißt du, es ist noch ein Glück, daß ich dazu wenigstens Kurage habe. Wer so viele festliche Jahre hinter sich hat, sollte Feierabend machen dürfen und sich an völliger Festivitätslosigkeit berauschen.

Frau Boll (bestürzt): Ja, wie soll ich denn in Gemütsruhe meine Besorgungen machen, wenn ich immer denken muß . . . was meintest du eigentlich, als du gestern Abend wie aus der Pistole geschossen sagtest: Jeder ist sich selbst der Nächste, besonders auf einem Gut, wo man stundenweit keine Nachbarn hat – oder so? Ich, sagtest du dann, ich möchte so Einer nicht sein. Sag selbst, ob man dabei nicht stutzig werden kann! Erst sprichst du offenbar von dir, dann sagst du, ich möchte in seiner Haut nicht stecken – was hat das bloß zu bedeuten?

Boll: Gar nicht, gar nicht möchte ich, ganz und gar nicht!

Frau Boll: Mir wird ganz schwindelig, denn, was ist 19 das nun wieder für eine Antwort! Ich möchte aufrichtig wissen, wie du zu den immer neuen Methoden kommst, um mich zu quälen.

Boll: Es kann sich gar nicht besser treffen, als es sich trifft.

Frau Boll: Trifft? Was trifft?

Boll: Sieh mal, Martha, wie der Turm hochsteigt und steigt, und steigt wieder nicht. Aber er hat im Nebel eine so verschwommene Perspektive, daß man denkt, er macht mit seiner Spitze einen kleinen Spaß, drückt sich oberwärts aus der Sicht – mir ist wohl wie ihm, denn ich glaube bestimmt, ihm ist wohl.

Frau Boll: Kurt, ich erschrecke mich so leicht – sagtest du nichts von dem dummen Schwindel, hast du nicht doch wieder etwas Blutandrang?

Boll: Wozu auch – was sollte ich mich ausgerechnet mit sowas abgeben!

Frau Boll: Ach Gott, was ist das nun wieder für eine Antwort, man kann auf seltsame Gedanken kommen.

Uhrmacher Virgin geht vorbei, schließt die Kirchentür auf, tritt ein und läßt die Tür angelehnt. Beide sehen flüchtig hin.

Boll: Der seltsamste Gedanke ist wohl der, daß man in manchen Fällen gar nicht bestimmt weiß, ob der Gedanke seltsam oder gewöhnlich ist. Zum Beispiel!

Frau Boll: Hör auf, Kurt, ich hab noch so viel zu besorgen. Also, Kurt, . . . wo hab ich bloß meinen Zettel, kannst du mir nicht suchen helfen – ach richtig, da ist 20 er schon, na, Gott sei Dank! Also, Kurt, spätestens zu vier in der goldenen Kugel zum Essen. (Sie gibt dem Wort Essen eine kreischende Betonung.) Prunkhorstens sind sicher schon um drei da, denk daran, nun muß ich aber wirklich . . . . .(ab).

Boll: Denk daran? Schön, aber auf seltsame Art (sieht in die Luft). Die Luft hats in sich, die Luft holts her, die Luft gibts heraus – (lacht) mir ist lange nicht so wohl gewesen. Schwindel? Mir war doch, als sagte Jemand was von Schwindel – hat jemand was von Schwindel gesagt?

Grete Grüntal, sonntäglich geputzt, ein buntes Tuch überm Kopf, kommt und sieht im Vorbeigehen Boll dreist ins Gesicht. Boll greift in die Brusttasche, holt die Zigarrentasche hervor, nimmt eine lange, dicke Zigarre und steckt an, während er Grete mit den Augen folgt.

Boll (sieht sich um): Da hinaus gehts zum Sanitätsrat . . . . also kehrt marsch! (kehrt um und schickt sich an, Grete zu folgen, als sie schon zurückgeeilt kommt und schnell vorbeigeht. Ihr folgt Grüntal und legt eine Hand auf ihre Schulter.)

Grüntal: Dauert schon 'n büschen lang, Grete, daß du aus bist und spazieren, Grete.

Grete (will weiter, da legt er auch die zweite Hand auf sie und wendet sie herum)

Grüntal: Nach Parum, Grete, hast woll vergessen, daß wir nach Parum gehen, und nach Parum gehts da, Grete – gradaus.

21 Boll (schiebt ihn beiseite, er kehrt sich um, sie sehen sich an, Grete schlüpft in den Laden).

Grüntal: Herr – oder was Sie eigentlich sind!

Boll (schwenkt die Zigarre): Hände weg, wissen Sie, Hände von der Frau – weiter ist nichts los.

Grüntal: Wo das doch meine eigene Frau ist!

Boll: Grade, grade – grade die Hände weg, grade weils Ihre eigene Frau ist!

Grüntal (sieht um sich, läßt von Boll ab und läuft um die nächste Ecke).

Grete (kommt heraus, sieht ihn fragend an).

Boll (zeigt mit der Zigarre): Ja – werden gesucht.

Grete: Kann ich mich einerwo verstecken?

Boll (weist auf die Kirchentür): Der Turm steht offen – brauchen bloß gegen die Tür zu drücken.

Grete (schlüpft ins Portal).

Grüntal (zurück): Wo is sie, wo kann sie einmal abgeblieben sein?

Boll (zeigt in die andere Richtung, Grüntal läuft davon).

Boll (wirft die Zigarre weg): Man kann nicht für alles aufkommen. Wenn sie absolut aufbrennen will, muß sie sich einen andern Raucher suchen. Also zum Sanitätsrat prinzipiell nicht, zu Grotappel wohlweislich nicht – aber zum Turm und abermals zum Turm! (Ab in den Turm.)

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