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Gutenberg > Reinhard Sorge >

Der Bettler

Reinhard Sorge: Der Bettler - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Bettler
authorReinhard Sorge
year1985
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008265-X
titleDer Bettler
pages1-88
created19990904
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Der erste Aufzug

Vor einem Vorhang.

Der Dichter und der ältere Freund einander gegenüber. Der Raum hinter dem Vorhang ist erhellt. Sehr gedämpfter Stimmenschall von dort.

Der Dichter. Im Auge steht dir noch die Freude und haftet noch die Erinnerung des Beifalls...

Der ältere Freund. Ja, es war ein großer Erfolg. Zum Schluß rief man ihn siebenmal. Schon nach dem dritten Akt klatschten die Leute stürmisch.

Der Dichter. Nach solchem Erlebnis kannst du kaum noch Gedanken für meine Sache haben –

Der Freund. Rede nicht so! Aber wir konnten die Besprechung auf keine andere Stunde legen, das weißt du; ich muß heute Nacht wieder abreisen, und dein Mäzen – so nenne ich ihn schon – er war übrigens auch im Theater...

Der Dichter. Sprachst du ihn?

Der Freund. Ich war am Nachmittag bei ihm. Er scheint wirklich Eindruck von deinen Dichtungen zu haben; wenigstens sagte er nur Lob. Ich glaube, daß es gut wird. Selbstverständlich darfst du ihm die Forderungen nicht nennen, von denen du neulich sprachst; ich versuchte ihm gegenüber heute eine Andeutung; aber er lehnte sofort ab.

Der Dichter. Du sprachst ihm davon, und er lehnte ab?

Der Freund. Natürlich lehnte er ab. Ich tat es auch nur, um dich von der Unmöglichkeit recht zu überzeugen. Ich habe dir genug zugeredet; – und du scheinst es auch einzusehen, nicht wahr?

Der Dichter. Sicherlich, ich verstehe deinen Rat.

Der Freund. Endlich also! Ich bitte dich! ein eigenes Theater! und in deinen Jahren! Das hat dir die Verzweiflung eingegeben, aber gerade die Verzweiflung sollte dich bescheiden machen; in solcher Lage muß man schließlich für jeden Pfennig dankbar sein.

Der Dichter. Gewiß, die Lage ist verzweifelt.

Der Freund. Wenn er den Druck deiner letzten Dramen ermöglichte, wäre dir schon geholfen; du hättest ein kleines Auskommen, es ließe sich leben. Zu Aufführungen kommt es doch sobald nicht, die Stücke sind zu fremd und neuartig. Noch schöner wäre es, wenn er dir eine dauernde Sicherheit gibt, dann bist du von Geldsorgen für alle Mal frei und kannst dich in Ruhe weiterbringen.

Der Dichter. Es wäre sehr gütig von ihm...

Der Freund. Ich merke, du bist vernünftig geworden und hast auf mich gehört.

Der Dichter. Wann wirst du mir nicht mehr raten wollen?

Der Freund. Das klingt wieder eigensinnig, mein Lieber. Aber ich hoffe, dir mein ganzes Leben lang raten zu können, und hoffe auch, daß du davon Gutes hast; schließlich bleibe ich doch immer einige zwanzig Jahre älter als du.

Der Dichter. Da hast du recht.

Der Freund. Wie geht es eigentlich zu Haus?

Der Dichter.
Mit jedem Tag umdüstert es sich dort.
Auf jeden Flecken Sonne speit die Not.
Der Vater schreckt uns mit der furchtbaren Krankheit.

Der Freund. Was sagen die Ärzte?

Der Dichter. Sie reden von des Vaters fester Natur und daß man nicht wissen könne, wie lange es noch dauert. Es könne jeden Augenblick der Tod eintreten, aber auch noch dauern. Ihr Gerede besagt nichts; doch diese Unentschiedenheit liegt wohl im Wesen der Krankheit...

Der Freund. Soviel ich weiß, ist es so. – Und deine Mutter?

Der Dichter.
Sie siecht.
Meist starrt sie ängstlich auf die Tür und lauscht
Auf Vaters Schritte. Schleifen sie heran,
Dann zwingt sie für den Irren sich ein Lächeln
Auf ihre Lippen, hilflos und tief rührend,
Daß mir die Tränen kommen. Sie weint viel
Und spricht von Sterben. Armut tut das Letzte.

Der Freund. Es ist furchtbar. – Nein, in dieser Umgebung kannst du nicht gedeihen.

(Kurze Stille.)

Komm jetzt, wir wollen ihn im Vestibül erwarten; es ist Zeit. – Deine Hände zittern. Sei ruhig, es wird gut für dich.

Der Dichter (indem beide langsam nach rechts abgehen). Zittern die Hände...?! Sieh, es gilt doch etwas!

Jetzt teilt sich der Vorhang und man blickt in den Saal eines Kaffeehauses. Er ist gegen den Hintergrund hin erhöht, Stufen führen durch die Mitte. Rechts: im Vorder- und Mittelgrund: Tische in der üblichen Art, zahlreiche Gäste, Kellner auf und ab. Links: freier Raum, an der Wand Zeitungen, vorn Kleiderständer, im Mittelgrund ein langes, an den Enden umgebogenes Ledersofa. Auf diesem dicht gedrängt die Zeitunglesenden. Augenblicklich liest der erste Vorlesende, er sitzt auf einer zweiten kleineren und etwas über der ersten erhöhten Lederbank, neben ihm noch zwei andere: der zweite und der dritte Vorlesende, die zuhörend ihre Zeitungen gesenkt in Händen halten. Ebenso die Zuhörer der unteren Bank, von diesen sind einige auch ohne Zeitung. Im (erhöhten) Hintergrund stehen zum Nachtessen gedeckte Tische, selten besetzt. Die Hinterwand hat einige Fenster; weiße Vorhänge. Rechts im Hintergrund eine Art Erker, achteckige Vertiefung in die Wand, durch Vorhang geschlossen. Wieder rechts davon und auf den Erker zuführend das Ende einer Treppe, die aus dem (unsichtbaren, rechts hinter der Bühne gedachten) Vestibül heraufführt. Elektrisches Licht. Die Lichtquellen für den Hintergrund sind unsichtbar. Die Gruppe der Lesenden hat die volle Aufmerksamkeit, das übrige Publikum spricht daher gedämpft, es ist Dekoration. Gedämpftes Geräusch der Geschirre.

Der erste Vorlesende. ... und es ist sehr wohl möglich, daß der italienische Geschäftsträger in Konstantinopel den Auftrag erhalten hat, umgehend an die Pforte...

Erster Zuhörer. Bitte Schluß! Das wurde schon einmal gelesen! Soll man vor Langerweile krepieren?

Zweiter Zuhörer. Wir sind zu Ende.

Dritter Zuhörer. Kann man die neuen Zeitungen denn noch nicht bekommen?

Vierter Zuhörer. Also, meine Herren, fangen wir ruhig noch einmal von vorne an.

(Gelächter.)

Fünfter Zuhörer. Von hinten, meine Herren! das ist wie neu...

Sechster Zuhörer. Lest doch die Annoncen, die sind voller Schweinereien!

Erster Zuhörer (gähnt). Ach... langweilig!...

(Sie sitzen zusammengesunken, stieren vor sich, gähnen und blicken trübe.)

Dritter Zuhörer. Wo bleiben denn die Herren Kritiker?

Zweiter Zuhörer. Wenn es so lange dauert, bedeutet's Erfolg.

Sechster Zuhörer. So... Fräulein Gudrun hat also Erfolg gehabt – (gähnt) oder ist sie Frau, wie ist das eigentlich...?

Vierter Zuhörer. Na, wir werden ja sehen...

Sechster Zuhörer. Höchstens doch hören, nicht wahr...?

Vierter Zuhörer. Also: wir werden hören, wir werden hören...

Alle (durcheinander, gähnend, sich räkelnd). Ja, wir werden hören.

Zweiter Vorlesender (ruft). Da kommen die Zeitungen!

(Von links kommen zwei Kellner mit Zeitungen.)

Stimmen (lebendig hin und her).
Her damit! Mir!
    Mir! Mir!
Nein, die Vossische!
    Erlauben Sie – –
Was denn...?
Teufel, so geben Sie doch!!
    Hier! Hier!
Dreck...!

(Die Zeitungen sind den Kellnern aus den Händen gerissen, man liest gierig, die keine Zeitung bekommen haben, spähen dem Nächsten mit hinein.)

Siebenter Zuhörer. Donnerwetter...

Achter Zuhörer (ohne Zeitung). Vorlesen! Vorlesen!

Sechster Zuhörer. Na, Kinder, was sagte ich...?

Achter Zuhörer. Los doch! Lesen Sie endlich!

Zweiter Vorlesender. Hören Sie: Erdbeben in Mittelamerika!

Stimmen. Halloh! Wieviel Tote?

Zweiter Vorlesender. Fünftausend.

Dritter Zuhörer. Puh Teufel!

(Bewegung.)

Zweiter Vorlesender. Gefecht bei Tripolis.

Stimmen. Wieviel Tote?

Zweiter Vorlesender. Etwa zweihundert Tote. Dreihundertfünfzig Verwundete.

(Raunen.)

Zweiter Vorlesender (blätternd). Absturz eines französischen Fliegers.

Neunter Zuhörer. Immer Frankreich...

Vierter Zuhörer. Wieviel Tote?

(Gelächter.)

Dritter Vorlesender. Massenaufstand... Spanien...

Erster Vorlesender. Grubenkatastrophe...

Zweiter Vorlesender (immer blätternd). Fabrikbrand... Sturmflut...

Erster Vorlesender. Eisenbahnunglück...

Zehnter Zuhörer. Aufhören! Mich friert! Brr...

Stimmen. Aufhören!!

Fünfter Zuhörer. Mich friert auch. Wahrhaftig.

Sechster Zuhörer. Immer weiter! Immer weiter!

Siebenter Zuhörer. Nein! Nein! Das Positive!

Dritter Vorlesender. Positives. Gut... Ein neues deutsches Kriegsschiff.

Stimmen. Ah!... Hört! Hört!

Dritter Vorlesender. Zwei neue englische Kriegsschiffe.

(Bewegung.)

Achter Zuhörer. Potztausend!

Sechster Zuhörer. Das ist negativ.

Stimmen. Was? Wieso?

Sechster Zuhörer. Drei Kriegsschiffe, das bedeutet: drei Hungerjahre.

Stimmen. Quatsch! Bravo! Volksfeind! Bravo! Was, Volksfeind!?... Verrückt!

Siebenter Zuhörer. Ruhe doch! Mehr Positives!

Zweiter Vorlesender. Die Geburt eines kräftigen Jungen!

Stimmen. Bravo! Bravo!
Positiver Junge! Positiver Junge!

Dritter Vorlesender. Neue erfolgreiche Versuche mit Ehrlich-Hata!

Stimmen. Ah! Bravo! Himmlisch!

(Großer Beifall, Händeklatschen.)

Die drei Kritiker kommen von links.

Stimmen. Ah! Aha!

(Laute Begrüßung.)

Erzählen! Erzählen!

Sechster Zuhörer (die anderen überschreiend). Nun?! Nun!? War Fräulein Gudrun gut gebaut? Hatte sie ihre anständigen Höhepunkte, heh!? Gings auch zum Schluß hübsch abwärts mit ihr?!

(Gelächter und Lärm. Der zweite und dritte Kritiker setzen sich zu den übrigen.)

Erster Kritiker (mehr im Vordergrund, summt ingrimmig, wie als Antwort auf die Frage des Sechsten).
Ihr »sprang ein Dolch ans Herz«! Wie herb, Herr Dichter!
Haben Sie die Güte, uns damit nicht zu behelligen –
Moderne Damen, die sich vor Eitelkeit schrauben;
Die lassen Sie zu Hause – bitte ich – gefälligst!

Sechster Zuhörer. Was brummt man da?

(Der erste Kritiker setzt sich auf die rechte Lehne des Sofas, da kein Platz mehr frei ist. Es wird allmählich ruhiger.)

Erster Zuhörer. Also nun bitte vernünftig berichten! Los! (Zum ersten Kritiker.) Fangen Sie an!

Erster Kritiker. Meine Herren, ein Erfolg ohne Widerspruch. Alles Mittelmäßige hat nämlich ohne Widerspruch Erfolg. (Zustimmung.) Das Stück taugt gar nichts.

Zweiter Kritiker. Hören Sie – nein, da muß ich doch sagen das ist eine ganz verrannte Ansicht!... Es ist im Gegenteil ein sehr gutes Stück. Ganz prachtvoll. Aber der Dichter ist eben kein solch fahriges Genie und kein Kraftmeier, wie's ja der Pöbel gewöhnlich liebt, sondern ein ernster, gewissenhafter Arbeiter –

Erster Kritiker. Sie mißverstehen mich, Bester. Ich schätze den Handwerker, aber dieser ist beschränkt im Gelobten Geist, denn er versteht sich nur auf Umpflanzung; nehmen Sie ihm die Sage, und er wird Hunger leiden.

Zweiter Kritiker. Aber die schöne Sprache – !

Erster Kritiker. Schön krähen kann jeder Hahn.

Zweiter Kritiker. Herrgott, auf diese Weise können Sie auch Goethe verulken!

Dritter Kritiker. Erlauben Sie mal, daß auch ich rede! Ich finde nämlich das Stück im allgemeinen recht annehmbar. Es hat Geschmack, ist taktvoll, es verstößt nicht; überhaupt: es ist die Arbeit eines Gentleman. Aber gerade dieses – meine ich – wird ihm zum Verhängnis: da fehlt irgendwie ein Mutwille, der sich eigen Land zu erobern sucht; da sitzt irgendwo eine Schwäche, die er durch alles Blut und Schwert und Herbheit nicht verhüllen kann – im Gegenteil, er deckt sie dadurch erst recht auf; – dieser Dichter hat einen Mangel tief in seiner Tiefe, der ihn richtet.

Erster Kritiker. Bravo! Ich will Ihnen auch sagen, was da im Grunde fehlt: das große Herz fehlt, das sich hingibt bis zur Demut, die große Weltgüte, die sich hingibt bis zur Torheit, die göttliche Blindheit, die so tief sieht in alles Geheimnis – ja! es fehlt der Seher – – !

Zweiter Kritiker (unterbricht lachend). Na! Na! Na! Nur nicht pathetisch! Das große Herz hat mit seinem Stil gar nichts zu tun und mit dem Stoff, den er nimmt, auch nicht.

Erster Kritiker. Das tut es doch! Sie sehen eben verkehrt! Ja, dieser Mangel verwirft ihn ein für allemal unter die Fruchtlosen. Dichter sind Liebende, Weltliebende und ihrer Liebe endlos verfallen; der aber ist im Herzen verkümmert und dichtet aus Enge und Eitelkeit sich eitle Frauen.

Dritter Kritiker (ohne Pause auf die Worte des ersten). Und es fehlt ihm der Dämon, die große Bestätigung seines Selbst von jenseits. Er ist nur immer sein Schatten, niemals sein besseres Teil. Vor dem Geist wird er zur Spreu.

Zweiter Kritiker. Ach, das ist ja alles –

Sechster Zuhörer. Nur nicht tragisch werden, bitte! Nur nicht ereifern!

Dritter Kritiker. Bei dieser Mittelmäßigkeit heute! wer könnte sich da ereifern!

Zweiter Kritiker. Sie machen etwas fix reinen Tisch! Wirklich! Da haben wir unter den Neuesten jetzt den Artusdichter!

Erster Kritiker. Er soll uns gestohlen bleiben! Artus und Gudrun – aber unsere Zeit schaut aus – blickt fern und späht – und ihr brennt die Seele! – –
Oder wollen Sie etwa noch jenen Dichter nennen, der, als er leergeschrieben war, mit seiner Armut sich noch brüstete und nun mit Pantomimen, Weib und Pomp mirakelt?! Das kann einen ja zum Heulen bringen!

Dritter Kritiker. Ruhig! Ruhig! Bester.

Zweiter Kritiker (zum ersten). Ach, Sie! Wenn Sie nicht schimpfen können, ist Ihnen nicht wohl.

Sechster Zuhörer. Gehen wir noch ins Viktoria, meine Herren?

Viele Stimmen. Natürlich. Los. Ins Viktoria. Sofort.

(Lärm und Aufbruch.)

Dritter Kritiker (der mit dem ersten unterdessen im Gespräch nach vorn gekommen ist, im Abgehen). Da haben Sie recht. Wir warten auf einen, der uns unser Schicksal neu deutet, den nenne ich dann Dramatiker und stark. Unser Haupt-Mann, sehen Sie, ist groß als Künstler, aber als Deuter befangen. Es ist sehr an der Zeit: einer muß einmal wieder für uns alle nachsinnen.

(Der Vorhang schließt sich wieder.)

Der ältere Freund, der Mäzen und der Dichter treten von rechts auf und gehen bis vor die Mitte des Vorhangs.

Der Mäzen (im Auftreten zum Älteren). Darf ich Ihnen meinen Glückwunsch zu dem schönen Erfolg Ihres Freundes aussprechen...

Der Freund. Ich danke ihnen, ich bin in der Tat sehr glücklich...

Der Mäzen. Dazu haben Sie alle Ursache. Es war ein ganz ungewöhnlicher Erfolg, ein literarisches Ereignis. (Er wendet sich zum Dichter.) Aber ich muß auch noch einen zweiten Glückwunsch aussprechen, Ihnen, mein Herr. Ich habe Ihre Dichtungen nun alle gelesen und finde darin sehr reiches und ernstes Talent und viel Zukunft und neue Möglichkeiten. Ich würde gern zu Ihrer Ausbildung beitragen.

Der Dichter. Haben Sie Dank! Ich fürchte leider, es möchten sich noch Schwierigkeiten zwischen uns stellen.

Der Mäzen. Bis jetzt, mein Herr, haben Sie nicht im geringsten Grund zu solcher Furcht.

Der Freund (zum Dichter). Du machst dir ganz unnütze Gedanken...!

Der Dichter. Ich möchte über dieses alles nicht so in Eile reden. Nachher – meine ich – wird sich bessere Gelegenheit finden...

Der Mäzen. Gewiß. Ich wollte Sie nur nicht lange über meinen allgemeinsten Eindruck im Unklaren lassen. Ich habe Ihnen natürlich zum einzelnen noch viel zu bemerken, auch manches anders zu wünschen, das versteht sich von selbst. – Kommen Sie, bitte, ein Platz ist bestellt. (Er geht nach links ab.)

Der Freund (zum Dichter). Warum die Bemerkung über deine Furcht und die Schwierigkeiten? Sie war unnötig. Sie scheint ihn auch verstimmt zu haben.

Der Dichter. Ja, sie ist wohl unnötig gewesen.

Der Freund. Rede recht bedachtsam, ein Wort kann viel verderben. Komm jetzt, er wartet.

(Er geht nach links ab, der Dichter folgt.)

Der Vorhang schlägt abermals zurück. Der rechte Teil der Bühne ist jetzt dunkel und menschenverlassen. Irgendwo aus der Höhe links fällt schräg über die linke Seite der Bühne das Licht eines Scheinwerfers, in dessen Strahl man die Kokotten lachend und schwatzend auf der unteren Lederbank sitzen sieht. Sie sind noch atemlos von einem raschen Lauf und ordnen ihren verwirrten Anzug. Ihre Stimmen kommen dem grellen und nackten Eindruck des Scheinwerfers zu Hilfe. Drei Kokotten kommen eben von links und setzen sich flink zu den übrigen.

Die Erste. Schnell nur! Sie kommen gleich! Wer fehlt denn noch?

Eine der Angekommenen.
Die Rote und die Lange putzen sich
Noch unten.

Eine zweite der Angekommenen.
                    Oder warten auf die Kerle,
Weil sie die ersten Küsse schmatzen möchten!

Die Zweite (zu einer Nachbarin).
Wieviele waren sie?

Die Nachbarin.                 Ein Dutzend etwa!

Die Zweite.
Ha, guter Fang!

Die Vierte (sich vorbeugend, zur Ersten).
                          Die Rote ist jetzt reich,
Sie trägt nur Echtes.

Die Erste.                       Ach, du junge Pute!
Du glaubst den Schwindel noch?

(Drei Kokotten auf der rechten Seite der Bank, die bisher miteinander getuschelt haben, lachen laut auf.)

Die Dritte.                                           Jawohl die Rote
Hat einen Engländer, ganz hart vor Geld.
Und rote Augen hat er und Pferdekiefer!

Die Vierte.
Haha! den sah ich auch; ich glaube, er
Ist ein Amerikaner.

Die Erste.                       Sie ist dumm;
Was geht sie dann mit uns?

Die Dritte.                                   Sie wird nie satt.

(Sie lachen.)

Eine der drei Kokotten rechts (kreischend).
Und gab ihm einfach etwas auf den Hintern? Hihi!

(Lachen. Eine Kokotte kommt von links.)

Die Dritte (zur Eintretenden).
Du bleiche Lange mit der Todessehnsucht –
Wo bleibt die Rote? Geht sie schon zu Bett?
Da unten?

Die Lange.       Nein, sie schminkt sich erst. Die andern
Sind noch nicht da.

Die Zweite (gähnt).       Das rote Luder wird noch
An seiner Schminke sticken.

Die Lange.                                     Feine Schminke
Hat sie, Pariser Schminke...

Die Erste.                                     Äh, da kommt sie!

(Die Rote kommt von links.)

Die Zweite.
Wo steckst du, du Schmink-Affe!

Die Dritte und Die Vierte (kreischend).
                                                      Hi, Schmink-Affe...

Die Rote (schlägt die Zweite).
Da hast du was... ich werd dir... da!

Die Anderen (lachend durcheinander).
He, sie ist wütend.

Die Rote (sich balgend). Freche Unke – Freche...

(Der Roten entfällt im Streit aus ihrem Handtäschchen eine Büchse Puder, die öffnet sich und der Puder stäubt.)

Die Zweite (wälzt sich vor Lachen).
Der Puder! ho! Pariser Puder! ho!

Die drei rechts (jetzt auch aufmerksam).
Hi, seht! der Puder...

Stimmen.                           Puder... Puder... hi!!

(Lärmen und Lachen.)

Die Dritte.
Paß auf, daß dir dein Kind nicht so entwischt!

Eine der drei Kokotten rechts.
Setz dich hinein, so hast du was davon!

Die Rote (keifend).
Ihr Schneppen!... äh!

(Sie rafft die Büchse auf und tilgt das Verschüttete.)

Die Dritte.                         St... st... Jetzt kommen sie!

(Die drei Kokotten lachen wieder laut.)

Die Vierte.
Still doch!

(Sie lauschen.)

Die Zweite.       Ach Unsinn, 's ist ja alles still –
Sie sind's noch nicht.

Die Dritte (zur Vierten).    Du, sag mal, sitzt mein Haar?

Die Vierte.
Ja doch, sitzt meins denn?

Die Zweite (zur Vierten, indem sie in einen Taschenspiegel blickt).
                                          Leih mir deine Schminke!
Ich bin am Auge schwarz.

Die Vierte (reicht ihr).             Da hast du sie.

Die Rote (zur Zweiten).
Du schielst ja! Da nutzt keine Schminke, hi!
Ne Glaskugel stände dir besser als
Dein Schielauge!

(Schritte und Stimmen links. Es wird rasch stille.)

Die Zweite.                 Du Ekel!! (Bleckt die Zunge.)

Stimmen.                                     St... st...

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