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Der Bettelvogt

Jakob Julius David: Der Bettelvogt - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFrühschein
authorJakob Julius David
year1896
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig
titleDer Bettelvogt
pages44
created20150124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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J. J. David.

Der Bettelvogt.

Mich dünkt es allgemach an der Zeit, zu berichten und also mir und anderen zu retten, was ich bei meinen Tagen gesehen habe. Denn meine Sonne neigt sich allgemach zum Niedergange und mag verlöschen ehe ich's denke. Der Feder weiß ich mich, als geübt darin, kundig; in manche Seele durfte der Beichtiger Blicke thun. Uebel wär's, verkäme das alles mit mir. Manches erlitt ich; unstet war meine Jugend, mein Alter auf einer armen mährischen Pfarre übler, als ich es hoffen durfte, der ich in Gunst eines der Fürsten und Bischöfe von Olmütz gestanden, mit ihm am Rate, mit ihm auf der Flucht. Denn in den großen Krieg fielen meine jungen Jahre; so sah ich größer Elend, denn einer ermessen kann, der dieses nicht mitgeschaut, eine unsichere und mühevolle Erhebung danach.

60 Es wollte mir aber auch beinahe erscheinen, als sei den Menschen während jener dreißig Jahre sogar der Glauben an einen Frieden von Dauer verloren gegangen. Denn sie blieben gewaltthätig auch nachdem die böse Zeit zu Ende gegangen und der Bote mit der Heilsbotschaft durch alle Gaue geritten war, in denen Männer deutscher Zunge oder auch nur deutschen Herren zugehörig saßen. Um ihn klang Jubel von Glocken, insoweit man sie nicht in Feldschlangen umgeschmolzen, und der Heilruf der Ungezählten; hinter ihm aber visierte der Bauer sein Feuerrohr und schüttete trocken Pulver auf die Pfanne. Schrecken und Roheit saßen in aller Herzen: ein bös und streitbar Bruderpaar, das nicht gerne den Platz räumt, den es sich einmal erkoren. Die Menschen, denen die Ruhe beschieden ward, hatten verlernt, für die Zukunft vorzusorgen. Niemals, seit selbst alter Leute Gedenken, war mehr an Korn und Frucht erbaut worden, als nur was man für die eigene Notdurft brauchen zu müssen glaubte. Edler Obstbäume gab es im ganzen mährischen Lande keine mehr; man hatte sie umgehauen, um die Lagerfeuer damit zu nähren, und so aß man wieder wildes Obst, wie in Zeiten, die längst hinter aller Erinnern zurücklagen. Wer immer sich verletzt 61 fühlte, der suchte sich selber sein Recht; die Fronboten, die an Pflichten und Giebigkeiten gegen die Herrschaft mahnten, wurden gerne erschlagen, und der Thäter nahm seinen Weg ins Gebirge und zu den verlaufenen Trüpplein, die sich noch da und dort umtrieben, bis niemand mehr Fronbote werden wollte. Die Städter aber sahen's mit Bängnis, wenn in den Nächten auf den Bergen, die das flache Land umzäunen, Feuerzeichen aufstiegen und lodernd beantwortet wurden. So verständigten sich die Heimlosen, die überdies von allenthalben her Kundschaft und Zuschuß fanden.

Oftmals stiegen sie nieder in die Ebene, überfielen Fleißigere, die zu Markte wollten, plünderten sie und raubten einsame Gehöfte und Siedelungen aus. Und mit und hinter ihnen kam das Gezücht der Wölfe. Die machten manchen Schaden an Vieh und Leuten und waren so dreist, daß einmal in der Stadt der ernstliche Mangel an allem, was nicht in ihr selbst zur Genüge gewonnen ward, eingetreten ist; denn niemand wagte sich vor ihnen auf die Straße, also daß ein Malter Weizen mit fünf harten Thalern, darum man sonst ein junges Rind erstehen gekonnt, gegolten werden mußte. Und weil sie so ganz gegen ihre Natur auch bei 62 Tage jagten und sich durch Feuerbrände nicht scheuchen ließen, so entstand bei gemeinem Volke der Glauben, als seien die Seelen der schwedischen Soldaten, die bei der letzten Berennung der Stadt unter dem mörderischen Torsten Torstensson gefallen, in Wolfsleiber gefahren und bekundeten ihre freche Art auch noch nach dem Tode. Denn jeglicher Aberglaube verdrängte Einfalt und Frömmigkeit; der Seelsorger war überflüssig, weil niemand für seine Seele sorgte. Und die reiche Ebene der Hanna blieb wüst; wenn sonst der Türmer von Sankt Maurizien dreißig oder mehr Ortschaften überblicken gekonnt, so ragte damals nur noch die Kirche von Bilan einsam und traurig in die Luft. Aber ihr Turm zerbröckelte und ihre Wände waren so von Kugeln durchlöchert wie ein Sieb, daß nicht die flinkste Katze darin ein Mäuslein zu fangen vermocht hätte. Rundum das Dorf war schon seit langem verschwunden.

Es haben sich auch in jenen Tagen allerhand Zeichen und Wunder begeben, deren man lange gedachte und niemals völlig vergessen sollte. So kam an einem Tage schon zu Ende Märzen eine reisige Wölfin bei heller Sonne in die Stadt. Weiber, die an der March wuschen, gewahrten sie dahertrotten und erhoben ein 63 mörderisches Gekreisch. Davor erschrak das Tier und kehrte sich in seiner Verwirrung nicht dem Freien, sondern den Mauern zu. Die lange Tschöppan, Weib des Spenglers und Ratsherren, nahm einen Kiesel und traf das Untier so hinters Ohr, daß es blutete. Alsbald thaten's ihr die andern nach und alle zusammen, die fliegenden Kittel hoch, die Beine bis zu den Knieen nackt, rannten hinter der Wölfin. Die mochte mehr der Einsamkeit gewöhnt sein, zog den Schweif an sich und kam durchs Wasserthor, das damals noch nicht gesperrt werden konnte, weil die Bürgerschaft die Angeln nicht zahlen wollte, deren Beistellung nach altem Brauch der Stadt gehörte, während der Bischof für Bohlen und Bauholz aufzukommen hatte, auf den großen Ring und wollte durch Töpfergasse und Oberthor ihre Rettung und ihr Heil nehmen. Die Männer versteckten sich vor ihr; sie überrannte ein Kind, ohne ihm in ihrer Angst auch nur einiges Leid zu thun, woran ein Votivbild bei St. Katharein noch heute erinnert, und ward dann vor dem Thore von den Weibern ereilt, die sie mit ihren Schlegeln zu Tode prügelten, so grimmig sie auch schnappte. Im Triumphe trugen sie alsdann die Besiegte durch die Stadt und hängten sie an den Galgen, wie's einer 64 landfahrenden Mörderin gebührt. Der starke Franta Urbanek aber, da er den Zug sah, schüttelte den Kopf und meinte zu seinem Bruder, dem Thorwart Joseph vom Wasserthor, er halte sich für mutig, aber vor denen wäre sogar er ausgerissen. Dieser aber knurrte nur etwas vor sich hin und spie nachdrücklich nach den Weibern aus. Denn die Brüder sprachen einander immer zu viel – freilich auch nur einander. Andre Leute fanden, müßte einer der Urbanekischen am Himmelsthor für sich und seiner Seelen Seligkeit sprechen, so käme keiner jemals hinein. Und alle hofften, so würden beide ewig draußen bleiben. Denn Zoll zu zahlen, darum sie den Joseph so haßten, konnte es drüben doch nicht geben, und wozu ein Bettelvogt ohne Bettler und Fahrende dorten sollte, wo jeder sein stetes Heim hatte, mochte niemand einsehen. Zu was anderm aber waren die zwei doch gewiß und niemals zu gebrauchen.

Seit manchem Jahre schon war den beiden Schirm und Sicherheit der Stadt anvertraut. Denn nur rechte Männer, deren jeder es im übelsten Falle mit einigen wagen konnte, waren in solchen Zeiten dazu zu gebrauchen. Beide waren Soldaten gewesen, und der Joseph hatte als Wachtmeister, der Franta als Profoß 65 immerdar getreu zur kaiserlichen und katholischen Fahne gestanden. Der Zufall hatte sie wieder einmal in der gleichen Stadt vereinigt, eben da sie Torstensson von Olmütz aus überrannte und in Asche legte. Damals hielten sie sich im Schlosse, bis alles verloren war. Ein Schwede nahm dem Franta sein Auge und zahlte mit dem Leben dafür. Als gar keine Hoffnung mehr war, flüchteten die beiden mit dem Domschatze, soviel davon nach Schatzung, Kontribution und freiwilligem Zehent noch übrig war, und bargen ihn nach mancher Fährlichkeit und vielen Abenteuern, so wund Franta Urbanek immer war, bis sie ihn dem rechtmäßigen Herrn zurückstellen konnten. Dafür waren sie mit ihren Aemtern beliehen worden: dem einen hatte man Zoll und Hut, dem andern, der schon von seinem früheren Berufe her mit allen Schlichen und jeder Heimlichkeit fahrenden Gesindleins vertraut war, die Ordnung der Stadt übertragen. Strenge war ihm als notwendig geboten, und er übte sie gerne. Im ganzen mährischen Lande und weit darüber hinaus ins Ungarische kannte man ihn und fürchtete die Wucht seiner Streiche. Kein Gertengänger, dem es vor dem Herrn: »gebührt sich also,« wie er seine Strafanträge einleitete, nicht graute, der verwünscht ward, 66 wo immer sich Brüder vom Orden des unheiligen Merode fanden. Er haßte sie wie einer, dem sie manches Leid gethan; die Stadt und ihre Gemarkung waren unter ihm sicher vor ihnen. Man erkannte das und wußte ihm dennoch keinen Dank dafür; es bangte allen vor ihm, wenn er scheel und in unverwüstlicher Gesundheit seinen Umgang hielt. Er hatte weniges Mitleiden in sich, und man flüsterte sich immer noch das Wort zu, das er gesprochen haben soll, da die March im Frühjahr ausgetreten, viele Häuser zerstört hatte und ein großes Sterben ausgebrochen war. »Geht vielen ans Leben,« sagte damals der Joseph. Und der Franta: »Was thut's? Der Totengräber hat zu leben!« Und die Mütter versteckten seither ihre Kinder vor ihm, damit sie sein Blick nicht träfe: »Der Wein, den der Hund trinkt, wird Essig, wenn er durch seine Kehle rinnt,« schalten die Männer hinter ihm her. – Ihm aber war das eine Würze und eine heimliche Freude, er blieb, wie er war.

Und also haftete er auch noch lange im Gedächtnisse der Mitwohnenden, da er ihnen entschwand. Denn nur was hart und starr ist, hinterläßt Spuren selbst in unsern Tagen, wo das Heute dem Gestern ein grimmiger Feind ist und die Not der Stunde allein und immerdar 67 ihr Recht will. Wie er aber von uns fortkam, das deucht mir eine nachdenkliche Geschichte und der Erwägung wert; denn es scheint mir eine Warnung vor jeglicher Ueberhebung in der Gerechtigkeit und vor allem Pochen auf den Buchstaben des Gesetzes, ohne alle Milde und Billigkeit genommen. Und also habe ich mir und andern zu ewigem Gedenken alles aufgezeichnet; denn das meiste konnte ich als Kapellan und Sekretarius meines hochwürdigen Herrn, des Bischofs von Olmütz, erfahren; andres erkundete ich oder erriet es ergänzend, weil ich so vieles schon kannte. Nur that ich nichts aus Neubegierde; denn diese stünde mir und meinem Kleide übel an.

Das Schicksal des Franta Urbanek also hub sich am Markttage, zwei Wochen vor den Pfingsten des Jahres 1665, an. Schon vorher hatten der Trommler und Pfeifer, hinter ihnen der Vogt die Stadt durchschritten und nach ihrer Weise Statuta et Privilegia, Rechte und Pflichten ausgerufen. Wie üblich hatte niemand ihr Rufen, Blasen und Trommeln vernommen, nur die liebe Jugend der Gassen, die sich gerade bloßfüßig, übermütig und unbeschulet umtrieb. Und dennoch war ihr Auftrag wichtig: denn sie mahnten zum Frieden und riefen den Blutbann aus über 68 jeden, der ihn zu brechen wagen würde. Noch waren nämlich die Gemüter ängstlich vor jeder Zusammenrottung von Menschen, vornehmlich weil der Fürstbischof sich just zur Sommerlust in der Stadt verweilte, wie das seine und seiner Vorfahren Gepflogenheit seit undenklichen Zeiten war. Ich wenigstens habe mich nie darum gekümmert, wann sie sich anhub.

Es war ein recht kläglicher Markt, und ich ging in meiner freien Nachmittagszeit hin, mir ihn zu beschauen. Er füllte kaum den Marktplatz und die Lauben, die herum gehen; dort standen die Verkäufer und hatten grobe und schlechte Bauernware feil. Selbst die wurde von vielen, die zerlumpt herumgingen, neidisch gemustert. Auch ward davon fast nichts erstanden, denn niemand hatte Geld, und um ein Gröschlein nestelte man eine Stunde am Gurt herum, besah's andächtig, ehe man's fortgab. Höchstens erstand ein alter Bauer um ein mager und altersmatt Geißlein Bundschuhe oder eine Sense um Felle: sonst wäre jeder mit seinem Krame wieder heim. Es war wenig Lärmen; nur manchmal jauchzte einer, der mindestens thun wollte, als hätte er den üblichen Marktrausch; fast waren mehr Soldaten aufgeboten, als sich sonst an Leuten sehen ließ, und niemand begriff, 69 was die vielen Waffen sollten, mit denen sich jeder vorgesehen hatte, auch wenn er nur die drei Stunden Weges mit Barchent von Holleschau kam. Zu Haufen lagen schwere Partisanen und Büchsen um die Stände. Es mußte aber den Räubern sehr übel ergehen, sollte sie das reizen, was hier zu holen war.

Dennoch hielt der Joseph Urbanek rastlos Umschau, und der Franta mit seinem Stabe war überall; noch verdrossener denn sonst, weil's für ihn gar nichts zu thun gab. Und er äße seiner Herren Brot nicht gerne umsonst, pflegte er zu sagen.

Auch von Gauklern war nur wenig erschienen. Nur einer bot seinen Theriak aus und schrie dabei mörderlich, als hätte er sein höllisches Zeug selber geschluckt und müsse sterben daran. Eine Bande Luftspringer wies ihre Künste und hatte ziemlichen Zulauf; denn sie waren gewandt genug, und ein hübsches Mägdlein, immer eine Lockspeise für jugendliche Augen, war unter ihnen. Ich sah ihnen ein gutes Weilchen zu, weil es mich allzeit vergnügt, behende Künste zu sehen.

Es war schon kurz vor Vesperläuten und wollte ich mich heimwärts wenden. Da erhub sich ein Tumult; Fäuste zuckten in der Luft und 70 gelle Stimmen schrieen durcheinander: »Blutbann, Blutbann, Blutbann!« Ich kehrte mich; an einem Pfahle lehnte der junge Tschöppan, der Sohn der Langen, die den Wolf gehetzt, und über sein Wams und seinen Aermel rieselte Blut. Es mußte ihm darum nicht viel geschehen sein, denn er war unter seiner streitbaren Mutter eine Memme worden, trotz seinem Vater, der oftmals im Stadtgraben nächtigte, wenn die ihr Keifen anhub und mit dem Kochlöffel Beweise führte. Flinke Jungen schwärmten aus zu Wasser- und Oberthor und kreischten jämmerlich und jedenfalls mehr, denn ein Schock toter Tschöppans entschuldigt hätte. Der Bettelvogt aber hielt das junge Mädchen, das so vielen wohl gefallen hatte, mit seiner harten Faust am Arme und sie sperrte sich und schrie mit geller und kindischer Stimme unablässig: »Ich hab' ihn gewarnt! Ich hab' ihn gebeten! Nichts ist ihm geschehen, was ihm nicht gebührt!« Dabei umkrallte ihre kleine Faust immer noch das Messer, damit sie ihn gestochen, und ihre schwarzen Augen sahen böse wie die einer wilden Katze, die man eingekreist und die nun von ihrem Astloch herabluchst: wem von diesen allen soll ich wohl auf den Kopf springen und ihm die Haare strählen?

71 Mir gefiel das junge Geschöpf gar wohl. Denn offenbar hatte der Bursche, zutäppisch und roh, sie bedrängt, und sie hatte gemeint, sich um ihr Magdtum und ihre Ehre wehren zu müssen. Auch war ihm solch ein Aderlaß gar gesund, wie sich denn Bürgerskinder gegen Heimlose gemeiniglich und gerne übernehmen. Aber, darum stand das Ding doch übel für das junge Mägdlein: denn es hatte sich wider den Blutbann versündigt und mußte das nach dem Gesetze büßen mit der Hand und dem Haupte. Es konnte ihr auch nichts helfen, daß Männer und Weiber ihrer Bande jammerten und durcheinander riefen, man solle die Christinka freilassen. Was der Franta hielt, das nahm ihm niemand mehr, er war sicherlich für die härteste Strafe, und nur die Gnade meines hohen Herrn, die groß und fast übermenschlich war, konnte das Schlimmste von ihr wenden. Ich aber setzte bei mir fest, was ich immer für sie thun könne, das sollte geschehen. Denn der Herr will nicht, daß der Sünder sterbe, und keiner seiner Diener soll andres wollen, denn er. Und aus solcher Gesinnung erstattete ich auch Bericht, was ich leicht konnte, weil ich immer Zutritt bei unserm Oberhirten hatte, und erhielt Auftrag, mich ihrer sowohl, als auch ihrer armen Seelen, um 72 die es leicht übel bestellt sein mochte, anzunehmen.

Es war hart vor Abend, da ich zuerst zu ihr ging. Man brach gerade an Marktbuden ab, und das machte ein sonderbar Geräusch. Vor Wolken war's völlig dunkel worden: man sah nur von den Lauben aus die Laternlein durcheinander irren, nicht die sie trugen. Das war befremdlich. Und als ich mich der Stadtmauer näherte, an der der Bettelvogt hauste und wo die Christinka gefangen gesetzt worden war, da sang eine junge, hohe, doch wohllautende Menschenstimme ein slavisch Lied, das so traurig klang, daß mir davor fast die Thränen gekommen wären. Nur sie konnte es angestimmt haben, denn sonst war niemand eingetürmt. Ich verzog mich zwölf Vaterunser lang oder mehr, denn ich war so bewegt, daß ich kaum zu ihr hätte sprechen können, wie ich's doch sollte: eindringlich und ernst, sie mahnend zu Buße und Reue. Danach brauchte der Urbanek wieder eine Zeit, ehe er die Schlüssel fand, nahm, die Stufen voranleuchtete, aufsperrte. Kein Geräusch war mehr in ihrem Turmkämmerlein, da wir's betraten. Sie lag in rechtem Schlummer; es hatten sich ihr die schwarzen Haare gelöst und ihre Wangen waren rot, und sie sah fein und 73 lieblich aus, daß ich nicht das Herz fand, der armen Kreatur den Schlaf zu stören. Unten aber fluchte der Urbanek und verschwor sich, sie sei eine Heidin oder noch schlimmer. Denn seit Vesperläuten singe sie fort bis nun; und er wolle statt ihrer hängen, wenn das nicht für das Gesindel draußen ein Zeichen sei, wo sie säße. . . .

Am andern Morgen begab ich mich zum Stadtrichter. Der saß schon über seiner Anklageschrift und erwies mit mancher feinen Bemerkung aus alten Autoren und mit vielem Scharfsinn, daß Inkulpatin schuldig sei und aus mancherlei Gründen den Tod verdiene. Sein Schluß war von Anbeginn festgestanden und kränkte mich somit nicht. Er las mir manches aus dem Akt vor, und ich hörte geduldig zu, denn es mußte ihm wohlthun, einmal in einem Malefizverbrechen sich, seine Wohlredenheit und sein Latein vor einem weisen zu können, der was davon verstand. Danach begab ich mich zur Gefangenen. Man hatte ihr die großen Eisen angelegt und ich gebot sofort, daß man sie ihr abthue. Dann fragte ich, allein mit ihr, ob sie meines Zuspruches bedürftig sei. Nein, antwortete sie mir, durchaus nicht. Ich redete ihr ins Gewissen, ob sie denn auch eine Christin sei, und wenn, warum sie sich so verstocke? Sie wisse keines von 74 beiden, entgegnete sie mir. Darüber entsetzte ich mich und mahnte sie, was für Leid sie ihren Eltern bereite. Da lachte sie nur. Wer ihr Vater sei? – Dies wußte sie durchaus nicht. Wer ihre Mutter? – Die große, blonde Christinka bei der Bande am Hostein. Ob man sie zu ihr rufen solle? – Nein, nein! schrie sie gar heftig. Mich jammerte eine solche Herzenshärtigkeit eines so jungen Geschöpfes, und ich stellte ihr vor, sie möge doch ihr Gewissen entlasten, denn ich meinte ihr's gut. Ob sie dem jungen Tschöppan habe ans Leben wollen? Da sah sie mich mit ihren schwarzen und jähzornigen Augen an: Ja, das habe sie. »Denkst du auch vor Gericht also auszusagen?« »Gewiß! Und warum nicht?« »Weil es gefährlich ist für dich!« Dies gelte ihr gleich. Sie sei nicht gewohnt, andres zu sprechen, nur die Wahrheit. »Weißt du auch, was dir dann droht, und daß du nach den Rechten mit dem Leben büßen mußt?« »Hingen sie mich nur, hingen sie mich nur!« jammerte sie. Da ich aber von ihr und ihrer Seele nicht abließ und ihr herzlich mit Vermahnung zuredete, da fing sie an und sang ein also lästerlich Schelmenlied, daß ich mich schämte und mich abkehrte, und mein Herz im Leibe zweifeln wollte an ihr und vor einem sehr 75 traurigen Rätsel stand. Denn für verderbt konnte ich sie nicht halten, die mit Verachtung jeder Gefahr ihr Magdtum, das doch nicht einmal ernstlich bedroht gewesen war, so nachdrücklichst verteidigt hatte.

Vergeblich habe ich's auch späterhin versucht, ihr einige Klugheit und Vorsicht mindestens vor den Herren vom Gericht zu lehren. Sie ward vernommen und sagte gänzlich nach ihrem Sinne aus. Fragte man, ob sie dem Jungen habe ans Leben wollen, so beharrte sie: Ja, sie wollte ihn gründlich treffen oder umbringen. Inquirierte man nach ihrer Reue, so hieß es wohl, sie bereue sehr, daß sie nicht besser gezielt, also daß er mindestens einen Denkzettel für sein Leben abbekommen. Aber sie sei immer zu jäh gewesen. Warum sie ihn mit solchem Hasse verfolge? Sie kenne ihn gar nicht, habe ihn nie vorher gesehen und verlange sich's auch für weiterhin gar nicht. Aber jeder meine sich mit einem fahrenden Mädchen alles erlauben zu dürfen, und sie habe das satt und sich das längst geschworen gehabt, dem nächsten das zu thun, was sie nun diesem that. Ob sie denn nicht einsehe, daß Leute, die zur Ergötzung andrer durch das Land zögen, sich von andern auch mehr müßten gefallen lassen, denn ehrsamer 76 Bürger Kinder? Durchaus nicht. Ob sie immer so spröde gethan? Dies ginge niemanden was an. Das habe sie allein vor Gott zu vertreten. Aber sie meine rein zu sein und es zu bleiben ihr Leben lang. Fragen, die ihrer Schamhaftigkeit zu nahe gingen, überhörte sie oder verstand sie gar nicht. Aber sie erboste die Richter wider sich, und es war nur gut, daß der junge Tschöppan sich vor den Herren gar so jämmerlich benahm. Denn er log so, daß nicht einmal ein Dummkopf von seinem Wuchse ihm ein Wort glauben konnte. Er habe ihr nichts gethan: angefallen habe sie ihn ohne allen Grund. Da fuhr ihn das Mädchen zornig an und spie nach ihm aus, daß er sich verfärbte und zusammenzuckte. Andre seiner Genossen bezeugten, daß er sie bedrängt habe; ob mehr als gebührlich, wollten sie nicht entscheiden. Denn nicht eine jede sei gleich und geduldig. Man sah wieder einmal, daß ein Schelmenband aus morschen Lumpen gemacht ist. Und so stand ihre Sache so übel nicht ohne den Urbanek. Der sagte bescheiden aus, wie's seinem Amte, bestimmt, wie's seiner Stellung gebührte. Ob man sie gereizt habe? »Geht mich nichts an.« Wie sich Tschöppan benommen habe, was er sei? »Geht mich nichts an, ist mir ganz gleichgültig.« Aber: sie 77 habe den Blutbann gebrochen –: gehört sich also, was Recht ist. »Es ist Zeit. Nämlich: es wird das fahrende Gesindel immer frecher. Unterm Galgen gehen sie durch. Der ist aber nicht dazu gemacht. Wer dahin kommt, der soll auch da bleiben. Ein Exempel muß sein! Gehört sich also – aber nichts, nur was Rechtens ist. Ich hab' kein Unrecht gethan. Im Leben nicht. Aber Gesindel bleibt Gesindel. Und sie müssen sich ängstigen vor uns oder wir vor ihnen. Oder, ich kann sie bald gar nicht mehr meistern. Schwer ist's, gelehrte Herren, schwer.«

Er stand wieder still und bescheiden, doch auch unbeugsam vor den Herren. Die Mütze, die er unablässig kreiseln ließ, während er so am längsten in seinem ganzen Leben redete, ruhte für eine Weile. Verwundert und ohne Widerrede horchte Christinka dem Manne, der ihr so heftig nach dem jungen Leben wollte. Ihr Schicksal hatte gesprochen. Der Spruch fiel, wie er nicht anders zu erwarten stand, und wie ihn die Gesetze wollten; die Gnade des höchsten Richters war vorbehalten. Der Bettelvogt vernahm's ruhig, mit leicht vorgeneigtem, horchendem Haupte und selbst ohne Regung von Befriedigung. Er hatte, was er für sein Recht hielt. Ich aber sah dann nach dem Mädchen, 78 das sich erst verfärbte und danach mit unverhohlener Verachtung die Achseln zuckte, daß mein Mitleiden fast schwand. Dennoch trat ich auf den Urbanek zu: »Mann des Rechtes – du hast unrecht gethan und vielleicht Blutschuld auf dich geladen!« Er bog sich zu mir nieder und küßte meine Hand: »So betet für mich, Hochwürden! Dies ist Euer Amt. Ich thu', was ich muß.«

Auch sah ich das Mädchen bei langem noch nicht dorten, wohin es seine Verfolger so gerne gebracht hätten. Nur konnte ich eigentlich auch nichts Rechtes thun zu seiner Rettung. Denn mein Herr liebte es niemals, wenn man mit Fragen an ihn herantrat oder ihn gar mit Bitten bestürmte. Er zögerte seine Entschlüsse gerne lange hinaus, um dann rasch, mit eins, vollkommen unbeeinflußt und überraschend zu entscheiden. Allerdings war ihm Blut, dessen er in seinem Leben nur zu viel hatte vergießen sehen, ein Greuel, und ein Todesurteil konnte gerade ihm kaum als mit seiner Würde und seinem Berufe vereinbar erscheinen. Aber an seiner Fürstenwürde hielt er fest, und nichts hätte ihn vermocht, auch nur ein Titelchen dessen, was ihm danach zustand, seinen Folgern, dem Bistum und somit der Kirche selbst zu entziehen. 79 Einiges mußte bei ihm die Erinnerung an manche schwer verwundene Gefahr, an eigene Fluchten und Nöte für sie fürsprechen. Und so suchte ich denn wieder um die gewohnte Zeit die Christinka auf, nicht aber um ihr Hoffnungen zu machen – denn ich liebe es nicht, eitle Verheißungen zu spenden, deren sich vielleicht keine erfüllt – nur um nach ihr zu sehen und sie nicht der Einsamkeit zu lassen. Sie war völlig gefaßt. Am Turmfenster saß sie und sah ins Land, das so ganz sein färbig Weidmannsröcklein angethan. Denn es stand im Braun, wo noch Heide war, und im Grün der Saaten. Mir schien's aber doch, als habe sie geweint. Daß aber ihr Los unter ihren Schicksalsgefährten bekannt worden war und Teilnahme geweckt, das sah man zu Nacht. Denn mehr als sonst um Sankt Johannisnacht waren Höhenfeuer entzündet. Und vom Lande her kam die Post von Zusammenrottung und von heimlichen Märschen der Ausgestoßenen und der Gesetzlosen.

Den übernächsten Morgen erbat sich der Bettelvogt Gehör bei unserm Herrn. Ans Thor von Sankt Maurizius, Sankt Katharein und des Rathauses waren Droh- und Brandbriefe namens der Banden vom Hostein und aus den Wäldern von Aujezd und Chropin angeschlagen 80 worden, die mit grausamer Vergeltung drohten, wenn der Dirne nur ein Haar gekrümmt würde. Jeden Städter, der in ihre Hände fiele, würden sie henken und eine Fehde ohne Ende anfachen, bis sie allesamt oder die Stadt völlig ausgetilgt wären. Das war gefährlich; zumeist freilich für die Gefangene. Denn die Eminenz durfte nicht dulden, daß jedes Ansehen der Obrigkeiten und ihre Gewalt also angetastet werde. Noch kam mein Bischof zu keinem Entschlusse; aber er gebot, daß die Stadtthore täglich um die achte Stunde schon geschlossen würden, daß Soldknechte und Rumorwachen jede Nacht durch die Gassen zögen, und daß niemand eingelassen würde, der sich nicht auszuweisen vermöchte, was er sei und was ihn zu uns führe. Ich fertigte das Dekret aus, dann ging ich zur Christinka, um sie zu warnen, sie möchte nicht durch geheime Zeichen zu Anschlägen aufreizen, die ihr allein unter allen Umständen übel gedeihen müßten. Sie sah mich stumpf und verdutzt an. »Ich weiß von nichts. Und bin ich nicht behütet genug? Schildwachen stehen um meinen Turm. Eiserne Armspangen haben sie mir angethan. Und der Vogt wacht über mir – man könnte meinen, wunder was ich nicht vermöchte. Kein reißend Tier könnten sie besser verwahren. Und ich möchte 81 nicht einmal fliehen, und wenn mir Thor und Thüren offen stünden.«

»Man glaubt aber, weil du jeden Abend singst, so sei dies ein Zeichen für üble Kunden. Denn ihr habt eine geheime Sprache, in der ihr euch verständigt.«

»Die haben wir. Ja, und ich kenn' sie gut genug. Nämlich von Kind auf. Aber ich mag sie nicht gerne. Just so, wie ich noch niemals gestohlen habe. Und sie haben mich oft und hart genug darum geprügelt, wie damals auch, wo ich des scheelen Lenoch, der Hauptmann ist am Hostein, Weib nicht werden wollte. Aber ich singe nur, weil's mich freut und was jeder verstehen kann. Denn ich bin einsam, und man könnte sich fürchten, wenn man nicht einmal seine eigene Stimme hört. Oder klingt's nicht hübsch? Und endlich« – ihr Trotz regte sich wieder – »wer darf's mir wehren?«

»Niemand! Aber warum mochtest du den Lenoch nicht? Er ist doch immerhin der Hauptmann.«

»Ihrer. Ich mag nicht ihn, nicht einen andern. Sie sind mir zu roh und zu feig. Oder, soll mir einer gefallen wie der Junge, den ich stach? Nein, was der Angst vor mir hatte – vor mir!« Sie lachte in der Erinnerung ganz 82 hell, klingend, kindisch und sah nun ihren Jahren gemäß aus wie eine Sechzehnjährige.

Mir aber kam dabei ein Gedanke von Gott, wie mir schien, der ihr unbedingte Rettung bringen mußte. »Wenn du dich nicht freien lassen willst,« sprach ich, »so geh zu den Klarissinnen ins Kloster nach Olmütz. Unser Bischof beschützt sie und wird dich dann sicherlich begnadigen und vielleicht sogar aussteuern. Denn ich spreche für dich.«

Sie schüttelte den Kopf: »Ich geh' in kein Kloster. Ich tauge nicht zum Stillsitzen.«

Mir kam ein Argwohn: »Du darfst dich dann vielleicht den Heiligen nicht mehr geloben?«

Erst begriff sie den Sinn meiner Worte nicht. Und wie ihr der langsam aufging, so stieg ihr eine feine und gar mädchenhafte Röte gemach in die braunen Wangen, erst leise, bis dann das ganze Gesichtchen davon durchglüht war. Fast wie ein sommerbraunes Blatt der Waldrebe, das im Herbst vom ersten Frosthauche aufglüht. Und sehr leise antwortete sie mir. So leise, daß es mein Ohr, gewohnt der Flüsterlaute in der Beichte Bekennender, kaum vernahm: »Danach dürfte ich schon. Aber ich mag mich nicht einsperren lassen, und im Nonnenschleier mag ich nicht beten mein Leben lang.«

83 »Und was möchtest du denn?«

»Ich weiß es nicht recht. Oder doch: ich möchte sterben, Hochwürden!«

Da wurde meine Seele sehr zornig und voll Eifers über sie. »Und warum sprichst du so, Närrische? Unser Herr hat dich gesegnet vor Tausenden mit Gesundheit und mit Anmut des Leibes und hat dir reinen Sinn gegeben wie wenigen.«

Sie setzte sich auf ihre Schütte. Denn die Sonne, wandernd zu ihrem Niedergange, trat vor ihr Fenster und blendete ihr das Auge. Die Füße zog sie hoch und schlang die gefesselten Arme darum. Und sehr ernsthaft antwortete sie mir: »Und was frommt mir das alles? Es bringt mich an den Galgen. Schönheit und Anmut sind zwei große Herren; sie leiden den armen Teufel Ehrbarkeit nicht gerne um sich, pflegen sie bei uns zu sagen.« Und als ich verstummte, fuhr sie lebhaft fort: »Nicht wahr, Hochwürden, Euch fehlt die Antwort? Und so seht Ihr denn: ich bin nicht thöricht, wenn ich mir das wünsche, wonach ich begehre. Mir liegt nichts am Leben, nicht so viel.« Und sie schnellte es mit rascher Fingerbewegung fort.

»Um die Barmherzigkeit Gottes sprich mir nicht so!« und die Wallung in mir war dabei 84 mächtiger, als ich mich einer entsinnen konnte. »Aber wie konntest du nur so werden? Sage mir's!«

»Seht weg, Hochwürden!« Ich that's. »Ich meine, Ihr meint's mir gut. Und so und weil sich noch niemand um mich angenommen, will ich Euch sagen, was ich weiß. Es ist nicht gar viel, und ich denke mir: es ist gar nichts Neues, was Ihr nicht sonst schon gehört habt oder Euch ausdenken könnt.« Sie sann nach. Dann, tastend und suchend, begann sie wieder, und es war, wie wenn einer in sich spricht und inzwischen manchmal ganz vergißt, daß ihm wer zuhört: »Das macht der Frieden, Hochwürden. Denn ich war noch klein, als sie den machten. Noch klein und schon herum gewesen in aller Herren Ländern. Nur unter keinem Dache nicht und in keinem Bette habe ich geschlafen. Wolfsgenossen heißen sie mich und meine Kameraden; unter Wölfen habe ich gehaust. Meinen Vater kenne ich nicht, und ich weiß nicht, was er ist, ob er reitet mit goldenen Sporen, ob sie ihn eingescharrt haben mit andern, ob er ein Profoß oder Steckenknecht war, dem sich die Fahrende nicht geweigert, weil sie sich fürchten mußte vor ihm. Niemals spricht die Mutter von ihm. Nur wenn ich mich sperrte, weil mir etwas übel 85 erschien, dann schalt sie: Das hast du von ihm, und nannte ihn hart und einen übeln Gesellen und verwünschte mich zu ihm. So meine ich beinahe, er ist tot und ich gehe zu ihm.«

»So bin ich gewandert. Wie ich klein war, im Wagen, den einmal ein Pferdlein, dann wieder und öfter die Weiber zogen. Dann lief ich nebenher, und dann durfte ich mitziehen an dem Karren. Und immer widriger ward mir das Leben; denn ich hasse jede Lüge und allen Hinterhalt, und weiß nicht, woher? Das muß so in mir liegen; vielleicht nur, weil ich immer und in allem anders sein wollte als die um mich, die mir nicht gefielen. Mir war's immer ein Greuel, was sie um mich trieben. Niemals mochte ich trinken; es widersteht mir. Und wie ich sah, daß sie die Gefilde wieder besiedelten, und sie mauerten wieder Häuser auf und die Schwalben schossen umher und zwitscherten so gar vergnügt, als freute sich die kluge Kreatur Gottes, daß nun wieder für sie gesorgt wird und für Stätten, daran sie ihre Nester bauen kann und ihre Brut füttern und großziehen, da ward ich froh. Und ich meinte, nun käme auch ich einmal zu meiner Rast. Aber, Hochwürden, wer wird die Heimatlose freien und zu seinem Herde führen: da sitze oder schaffe, nach 86 Gefallen? Und so ducken könnt' ich mich wieder nicht mehr. Und ich war einmal, noch ein Kind, betteln in einem Bauernhause. Ich weiß nicht einmal mehr, wo das war, aber sie hatten Ruhe schon lange und sich schon erholt. Hochwürden, ich war noch in keiner Kirche mein Leben. Aber schöner ist's dorten auch nicht. Und so möcht' ich leben, wie's das Bauernweib gehabt hat, und möcht' arbeiten wie sie mit meinen eigenen Händen, oder sie sollen mich einscharren. Mir thun die Füß' schon so weh vom ewigen Gehn, Hochwürden, ich spür's schon im Schlaf. Und da ist's wohl am besten, Ihr laßt mich gehn, wohin sie mich wollen führen. Und jetzt werdet Ihr mir glauben, und wenn's bald an der Zeit ist, so werdet Ihr mich nicht martern wollen mit Beichten und Vermahnungen. Denn, Hochwürden, wozu? Nur die Hand abschlagen müßten sie mir nicht. Es thut weh, man weint am End' danach, und will man sich's abwischen, so kann man's nicht einmal. Nur das solltet Ihr mir richten, Hochwürden!«

Ich habe in meinem Leben manche Beichte abgehört. Ergriffen hat mich vordem und später gleich dieser keine. Mir verschlug's das Wort. Ich wußte der Unseligen keinen Laut zu sagen, der ihr gemäß und tröstlich gewesen wäre. 87 Gesegnet habe ich sie, und sie neigte das junge Haupt unter meine Hände und küßte sie dann innig. Ein warm und beklemmend Gefühl stieg dabei in meiner Brust auf. Auf die Gnade meines Herrn setzte ich die Hoffnung. Mochte sie immer nach dem Tode verlangen, so war's ihrer Freunde Pflicht, sie davor zu behüten und ihr das zu geben, wonach ihr nicht unbilliges Herz verlangte. Den Franta Urbanek aber haßte ich und sollte es bald mehr thun, als mit dem Gewissen eines Christen, gar wenn er selber Christi Gebot verkündigt, sich vereinbaren läßt.

In der nächsten Nacht brannten die Scheunen der Tschöppans ab. Es war ein großer Schaden, und das Weib lief weinend und heulend nach dem Markte und raufte sich da das Haar. Vierundzwanzig Stunden später standen alle Triften, Schober und Baulichkeiten der Bürger auf dem flachen Lande in Flammen. Es geschahen Zusammenläufe vor dem Schlosse; die schrieen um den Tod der Christinka, die um ihre Freilassung, damit man nur wieder Frieden bekomme. Man haderte wider einander, und es war eine Verstörung, nicht anders, als stünde der Torstensson abermals vor den Mauern mit seinen reisigen Geschwadern. Der Bischof ließ sich von mir 88 den Akt auf sein Gemach bringen. Zu Nachmittage wurden Richter und Vogt wieder aufs Schloß beschieden. Ich wußte nicht, welchem Sinne sich mein Herr zugekehrt. Da sie gingen, schaute ich also nur nach dem Urbanek. Er hielt sich wie sonst; aber, so sicher ich wußte, daß Tumult und Zusammenrottung insgeheim mit sein Werk waren, so für ganz gewiß sah ich's ihm an: er hatte, was er verlangen zu müssen glaubte. Und noch in der gleichen Stunde wurde das Urteil ausgerufen und weckte ein heimliches Gemurmel und Geraune, zweifelnde Stimmung und eine bängliche Neugierde.

Den folgenden Tag wurde die erste der drei Messen für die arme Seele gelesen. Denn dies ist bei uns also üblich, ob sich vielleicht der Herr ihrer im letzten Augenblicke noch erbarme und sie durch ein Wunder rette. Ankläger und Richter sind ihr anzuwohnen gezwungen. Ich celebrierte sie, und nach seiner Pflicht erschien der Urbanek. Er war ruhig und gelassen wie immer.

Danach hielten sie in der Stadt den Wochenmarkt, und er ging seinem Amte nach. Es gab nichts für ihn zu thun; die Ruhe im Orte und um ihn war so groß, daß es fast unheimlich und wie ein böses Vorzeichen war. Man sprach 89 allenthalben vom nahen Ende der Christinka und davon, was die Heimlosen unternehmen würden, sie zu rächen oder zu retten. Zornige Blicke galten dem jungen Tschöppan und dem Franta, der sie gleichmütig nahm und mit Trotz erwiderte. Den ganzen Tag trieb er sich um, und oftmals steckten er und sein Bruder Joseph die Köpfe zusammen und sprachen nach ihrer Gewohnheit in hastigen und abgerissenen Worten miteinander.

Erst im Schummern ging er heim, und zu Einbruch der Nacht, nach einem Rundgang um Wall und Mauern, stand er vor seiner Wohnung. Ein Licht, ihm verwunderlich, leuchtete durch das offene, niedrige Fenster. Er zuckte ein Weilchen zusammen, faßte alsdann seinen Stab fester; denn niemand suchte ihn heim, so daß er einen Anschlag wider sich witterte. Erregter und vorsichtiger war nämlich selbst er worden. Niemandes konnte er gewahr werden. denn die Helle war sehr ungewiß. Nur da er näher hinzutrat und durch das Fenster einen spähenden Blick warf, erkannte er, daß sich ein Weib auf sein Lager hingesetzt hatte. Ein Kopftuch hing ihr tief ins Gesicht; unordentliches, zausiges, doch reiches und blondes Haar quoll darunter hervor. Er stieß die Thür auf; sie 90 schrak vor dem Geräusch zusammen und sah ihn an. Die Stube war von flacher und niedriger Wölbung: fast stieß sein Scheitel an die Decke. Eine dumpfige Kellerluft war in ihr. Er holte mächtig Atem: »Wer bist? Was willst bei mir?«

»Guten Abend, Franta,« entgegnete die Fremde und blieb müde sitzen.

»Noch einmal: wer bist und was willst? Mach fort! Schläfrig bin ich, schlafen will ich, mein Bett ist's. Wirst fort? He?«

Sie erhob sich und stand nicht um vieles kleiner vor ihm. »Wirst mich heute doch nicht fortschicken, Franta!«

»Was frantat die? Der Bettelvogt Urbanek bin ich für dich. Siehst mir just so aus, als gehörtest du mein. Fort, oder mein Stecken kommt über dich!«

»Wirst mich heute doch nicht schlagen, Franta? Hast's mich früher oft genug. Muß nicht gleich wieder sein, nach sechzehn Jahren!«

»Wer bist? Eine Verrückte? Geh zum Teufel!«

»Das werden wir beide. Aber zusammen, Franta. Sieh mich an!« Und mit der Linken schob sie das Kopftuch beiseite, die Rechte hielt den Kienspan hoch, und das rötliche Leuchten 91 glitt dem Weibe übers Gesicht. »Schau mich an und besinn dich, Franta.«

Er starrte sie an wie einer, der in sich sucht und sucht und nicht recht finden kann. »Du bist . . . bist nicht . . .« und immer vor dem Namen weigerte sich die Zunge.

»Ich bin's, Franta! Dein ehelich Weib bin ich. Christina Urbanek!«

»Ah!« und in seiner Faust zuckte der Stock. »Ah, und alt bist du geworden und willst dich auswärmen bei mir? Nichts ist's! Mach' fort zu deiner Bande!«

»So alt bin ich noch nicht, daß ich mich auswärmen möchte bei dir. Ich komme wegen der schwarzen Christinka, die ihr nach Samstag henken wollt.«

Er sah sie höhnisch und boshaft an. »Und nun – willst vielleicht zuschauen dabei? Ist sie vielleicht von deiner Bande?« Und er trat nachdrücklich und hastig mit dem Fuße den Boden, wie wenn man ein übel und ekelhaft Gewürm zertritt.

»Bei meiner Bande ist sie, seitdem sie lebt. Aber zuschauen werd' ich übermorgen nicht. Ich nicht und du auch nicht, Franta!«

»Ich schon; wüßt' nicht, warum ich nicht sollte dabei sein!«

92 »Weil du vielleicht doch noch so viel Mensch bist, nicht die Leiter zu halten, auf der dein Kind zum Galgen steigt!«

»Herr Jesus! Herr Christus! Du lügst wieder einmal!«

»Ich lüge. Ja und oft. Aber diesmal nicht. Frag die Christinka, ob sie mein Kind ist. Frag sie, ob sie noch von einem Kinde weiß. Frag sie, wie alt sie ist – weil du sie grade bei der Hand hast. Und paß auf, obs nicht stimmen wird, alles!«

»So wollt' ich, ich hätte dich liegen lassen im Schnee. Weißt noch? Wo ich dich hab' gefunden, vor Jahren, halb schon tot und verfroren.«

»Da sagst mir nichts Neues damit. Das kann ich mir ausdenken, ohne daß du mir's sagtest, daß du's dir wünschtest. Und kann auch sein, es wär' besser für alle.«

»Oder so wollt' ich doch mindestens, ich hätt' dich niemals zu mir genommen oder geheiratet.«

»Warum hast's denn gethan? Mir oder dem Kind zulieb? Oder nur, weil der Geschorene wollte, daß man heiratet, damit wieder Eheleut' in die Stadt kommen? Und hast mich auch nur gefragt: willst mit mir hausen? Oder danach: 93 willst mit mir zur Kirche? Genommen hast mich zu dir, weil ich mich nicht konnte wehren und dir gefallen hab'. Hast dich drum gekümmert, ob du mir zu Gesicht stehst? Gebunden hast mich an dich, weil du hast dein Amt behalten wollen. Aber, ist dir was dran gelegen, ob ich mich will binden lassen für immer? Ob ich auch nur tauge unter ein Dach? Nein – ich bin frei gewesen für immer, und ich bin kein Hund, den man ankettet vor das Haus, damit er dort bleibt und bellt und nichts thut, nur bellen und sich schlagen lassen und fressen, was man vor ihn hinstellt, und der dann noch springt vor Freuden an seinem Herrn hinauf, wenn ihn der nur loskettet und mit sich läßt laufen, wohin es dem Herrn gefällt. Nein, ich such' mir meinen Weg schon noch selbst – und ich komm' schon durch. Und, was meinst, wie mir war, wenn du fahrende Leut' gemartert hast, Franta! Und hast mir's noch am Abend gern erzählt. Noch weißt nicht, wie das schmeckt. Aber, wirst's schon kosten, Franta!« Und ihr Auge leuchtete im Grimm.

»So hast du die Christinka an den Galgen gebracht! Hättest mir das Kind gelassen!«

»Kann sein, aber so ganz hatte ich meine Hand nicht im Spiele dabei, wie du, Franta. 94 Und das Mädel gehört der Mutter in der ganzen Welt.«

»So wollt' ich –« stöhnte er.

»Was wolltest? Aber setz dich, Franta, die Kniee wollen nicht mehr mit.«

Er gehorchte ihr, und sie stand hoch und überragend neben ihm. Und dann, ganz weich, hub er an: »Und so ein liebes Kind war sie. Und noch kaum über zwei Jahre alt kann sie gewesen sein und hat schon laufen können wie ein Wieselchen. Stundenlang, ohne müde zu werden. Und ich hab' sie so lieb gehabt, und so flink war sie.«

»Ja. Sonst hätt' ich noch länger warten müssen. Denn die Tag' hab' ich gezählt, von dem, wo ich mich dir geschworen hab' bis zu dem, wo das Kind wird so weit sein, daß man's nicht mehr muß im Tragtuch tragen. Und ich habe gehofft, sie wird's mit der Muttermilch bekommen, daß sie passen wird zu uns, die wir freie Menschen sind und hinter der Hecke schlafen. Das thut sie nicht. Sie ist doch schon in der Stadt geboren und dein Kind ist sie.«

»Und so schöne Handerln hat sie gehabt. Und sie hauen sie ihr ab!« Er hörte gar nicht auf das, was sie sprach.

95 »Sie will nicht lügen. Und mit keinem Manne will sie zu thun haben, und ehrlich ist sie und sehnt sich, wo zu wohnen,« respondierte das Weib.

»Und sie machte kleine Schritte, wenn sie mir entgegenlief. Und ein krähend Stimmchen hatte sie. Lieb hat sie mich gehabt und nur sie!« Eine Tote hatte sich ihm aus dem Grabe heben gewollt und er wälzte den schwersten Stein darüber, daß sie ewig darinnen bleiben mußte, und der Gedanke an das, was er sich selber bereitet, erschütterte den harten Mann.

»Und sie ist rein und hat nichts verschuldet und soll hängen,« plärrte das Weib.

Beide schwiegen ein Weilchen in ihrem Jammer. Danach setzte sie sich neben ihn. »Lebt dein Bruder, der Thorwart Joseph noch?« forschte sie.

»Ja, was soll's damit?« kam's dumpf zur Antwort.

Sie neigte sich zu ihm. »Du hast die Schlüssel zu ihr. Er könnt' ihr das Thor aufthun. Bitt ihn drum. Es kostet vielleicht nur ein Wort.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich bitt' ihn nicht. Geht gegen den Eid. Er thut's auch gar nicht, auch mir nicht. Muß anders gehn.«

96 »Wir könnten uns flüchten und anderwärts miteinander leben. Alle drei, Franta!«

»Wo? Unter deinesgleichen?« forschte er mißtrauisch.

»Nein, anderswo. Ich will jetzt arbeiten. Sie hat's immer wollen. Du kannst es. Leben auf dem Dorf wo. Ich hab's satt, daß mir jeder Wind um die Ohren pfeift. Und ich meine, wir könnten's jetzt noch einmal probieren miteinander. Und ich hab' so viel Angst gehabt um sie, wie ich da heruntergelaufen bin vom Berg bis daher – ich möcht' nicht mehr sein ohne sie oder wo es ihr nicht gefällt. Was kostet jetzt Grund im Ungarischen? Eine Zwetschke ums Joch. Aber rett sie. Franta, rett sie. Kost's was gilt. Und ich werde brav sein und will dir's danken mein Leben lang.«

»Wärst es früher gewesen. Nichts gegen den Eid. Komm!« und er stand auf und bedurfte diesmal des Stabes als einer Stütze. Das rötliche Licht des Kienspanes glitt die enge, steile Treppe zum Turmgemach der Christinka empor, und zwar mühsam, oftmals rastend. Von ihrer Zelle aus aber ging dann ein unbändiges Weinen, Schluchzen, Stöhnen durch eine ziemliche Weile durch die Nacht. Die sterben sollte, war stiller und ruhiger denn beide, denen 97 das Leben verhängt war. Danach klopfte der Urbanek an meine Thür im Schlosse. In ungelenken Worten, in denen die unbändige Angst seines Herzens zitterte, berichtete er, was sich begeben, bat mich, ihm beim Herrn Gehör zu verschaffen. Ich sann. Endlich: »Mann der Gerechtigkeit – nun, wo ist dein Recht?« Aber er jammerte mich, kaum daß ich's gesprochen, ich schämte mich meiner eiteln Regung, und so fügte ich hinzu: »Warte eine halbe Stunde oder etwas darüber. Ich muß zum Herrn, der mich zur Arbeit befohlen. Danach, auch ohne jede Post, tritt ins Zimmer der Eminenz und probier's, ob sie dir einen Ausweg weiß aus der Schlinge, in der dich dein hartes und erbarmungsloses Herz verfangen.«

Es war eine lange Frist, wie mir schien. Endlich kam der Urbanek. Der Bischof schritt nach seiner Gewohnheit sinnend auf und ab und rief mir manchmal einen Satz ins Nebenzimmer zu, den ich festhalten sollte. Denn er liebte niemandes Anblick, war er beschäftigt. Es war nur eine schwache Helle, denn der Herr litt an den Augen und vertrug keinerlei grelles Licht. Kaum daß er eingetreten, stürzte der Urbanek vor ihm nieder, als sähe er das Allerheiligste, und reckte die Hände zu ihm empor: »Herr! 98 erbarme dich!« flehte er inbrünstig, »erbarme dich, Herr!«

»Steh auf,« gebot mein Herr, der nicht unvorbereitet war. »Was willst du von mir? Was kann ich thun? Das Urteil ist ausgefertigt und verkündigt. Du selber drangst darauf. Du mahntest mich an das Recht, zu dessen Hüter ich bestellt bin. Gilt das nun mit eins nicht mehr, weil dein Kind darunter leidet? Du erbarmst mich und mich jammert's des jungen Lebens, das übermorgen schmählich endigen soll. Aber vielleicht ist's besser so, als daß sie in der Seele Schaden litte und verkäme, unstet und schweifend, wie sie nun einmal leben muß. Ich kann mein Urteil nicht umstoßen, nicht ändern, Franta Urbanek.«

Der knieende Mann stöhnte jammervoll. »Erbarme dich, Herr! Sie darf nicht sterben, Herr!« Wieder hub er die Hände flehend empor, und mir that das Herz weh, ob ich gleich die große Milde und die unerschöpfliche Weisheit meines Gebieters kannte.

Der Bischof zuckte die Achseln. »Ich weiß nichts. Rate du mir. Siehst du einen Ausweg? Sie will ja sterben, sagt man, und sie hat vielleicht nicht unrecht!«

»Sie will's nicht mehr, Herr! Wir bleiben 99 beisammen. Alle drei! Erbarme dich, Herr!« Und er sprang auf und riß die Binde fort, die sein erloschen Aug verhüllte. »Mein ander Auge! Nur nicht sterben lassen, Herr!«

Mein Bischof wendete sich mit einem leisen Schauder. Es war ein Schweigen, daß ich mich nicht entsinnen kann, in einem gleichen geatmet zu haben. Ein Wetter ging irgendwo, ganz ferne, nieder und sandte sein starkes, verzuckendes Leuchten zu uns. Immer noch stand der Franta mit den Händen über dem Haupte und ächzte verzerrten Angesichts, ohne davon zu wissen. Endlich sprach der Bischof: »Verhülle dein Auge,« und zu mir rief er: »Fertige den Brief ans Kapitel in Olmütz aus. Es ist wichtig, daß niemand in der Stadt davon erfährt, daß ein Bote von hier ausgeschickt ward. Sende also einen Boten an den Joseph Urbanek. Um zehn Uhr hat er das Wasserthor vorsichtig aufzuthun, und um elf Uhr wird's gesperrt; es ist noch manches zu überlegen. Wer inzwischen hinaus will, der passiert ohne Frage.« In mir aber war bei aller Freude über ihre Rettung doch ein Ding wie Leid, daß nur die so bald und für immer entschwinden sollte, die mir in kurzer Weile werter worden war, als ich selbst damals noch erkannte.

100 Da stürzte der Franta zu Boden. Sein Kopf schlug auf die Fliesen, und er umklammerte meinen Gebieter und küßte demütig seine Füße. Als aber um halber elfe der Kurier ausritt, da überholte er hinter Bilan drei Ziehende. Ein Mann und zwei Frauen schritten unter dem drohenden Himmel dahin. Er grüßte; der Mann aber drückte den Hut tiefer in die Stirne und kehrte sich scheu zur Seite. In unsrer Gegend vernahm man lange nichts von den Entflohenen. Nur nachmals kam die Kunde, sie hätten sich gegen Ungarn gewendet, wo noch Slaven hausen, und dorten den Boden zu bauen angefangen. Sie gediehen; und andere Fahrende, müde des schweifenden Lebens und vertrauend auf die Dauer friedlicher Umstände, schlossen sich ihnen an. Eine Gemeinde erstand und blühte mächtig auf, in der Franta Urbanek, vordem ein Bettelvogt, als ein Richter gebot, dessen Milde man weithin rühmte, und im wilden Walde Beskid war jeglicher Gesittung eine bleibende und neue Heimstatt gewonnen.

Entschwunden sind aber Franta Urbanek und die schwarze Christinka samt ihrer Mutter aus unsrer Gegend am Samstag vor Exaudi 1663.

 


 








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