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Der Besuch um Mitternacht

Johann Anton Leisewitz: Der Besuch um Mitternacht - Kapitel 1
Quellenangabe
typefragment
booktitleJulius von Tarent und die dramatischen Fragmente
authorJohann Anton Leisewitz
firstpub1775
year1969
publisherWissenschaftliche Buchgesellschaft
addressDarmstadt
titleDer Besuch um Mitternacht
pages133-134
created20040825
sendergerd.bouillon
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Johann Anton Leisewitz

Der Besuch um Mitternacht.

Der Fürst und der Kammerherr am Schachbrett.

Der Fürst. (nach einigen Zügen) Schachmatt! . . . . Wahrhaftig es ist Mitternacht, und die Gorgone ist noch nicht da! Weiß sie denn nicht, daß ich morgen mit dem Frühesten mustre? . . . Eh ich's vergeße, Herr Kammerherr, ziehn Sie mir morgen die Halsbinde etwas fest. Man sieht bey dergleichen Gelegenheiten gern ein bißchen braun – ein bißchen martialisch aus. Die Gorgone hält doch nie Wort!

Der Kammerherr. Eure Durchlauchten belieben sich zu erinnern, daß ihre Gemahlin noch auf ist, und daß sie dorten vorbey muß.

Der Fürst. Sie haben Recht. Und ich muß izt mit meiner Frau so behutsam umgehen, wie mit einem überlaufenden Gefäße.

Der Kammerherr. Aber in der That, ich begreife nicht, was die gute Dame will. Sie haben ja einmal einen Erbprinzen von ihr: und wenn Sie den auf eine andre Weise hätten bekommen können, so hätten Sie keine Gemahlin genommen.

Der Fürst. Ich weiß nicht. Eine Gemahlin ist doch immer eine Maitresse mehr. Freylich von einer andern Seite . . . (Es erscheint ein Geist. Der Fürst fällt in Ohnmacht. Wie er sich nach einer langen Pause erholt, zum Kammerherrn.) Gott! wer ist das?

Der Geist. Hermann, der Cherusker! Siehe, hier klebt das Blut des Varus, und hier das meinige; beydes nicht vergoßen, daß du der Tyrann von Sklaven, und Sklave einer Hure seyst!

Der Kammerherr. (ganz leise.) Ein respectwidriger Ausdruck!

Der Geist. (zum Fürsten.) Edelknabe, hast du je die geweihte Last gefühlt, die auf deinen Schultern ruhen sollte? Glaubst du, daß süßer eßen und trinken wie andre, sein Leben unter Weibern, verschnittenen und unverschnittenen Halbmännern vertändeln – daß das heiße ein Fürst seyn? Und diese Ueppigkeit in einem Lande, wo man in keinem Hause lacht, als in deinem! Und doch deucht mir das Jauchzen deines Hofes in deinem verwüsteten Gebiete, wie der Schall einer Trompete in einem Lazareth, daß man das Winseln der Sterbenden und Verstümmelten nicht höre!

Der Fürst. Geist, warum kamst du zu mir?

Geist. Um zu reden! – Hier hat noch niemand geredet! Alles, was du je gehört hast, war Wiederschall deiner Begierden. Dieß verdient es, daß ein Geist sichtbaren Stoff anziehe, und die Sonne noch einmal sehe. – Sie ist das einzige in Deutschland, was ich noch kenne! Aber Jüngling, höre, was ich rede! So gewiß jezt dein Knie vor einem Geist und der Wahrheit zittert, so gewiß kommt eine Zeit, in der es Hermannen nicht gereuen wird, daß er für Deutschland starb! Verstehst du mich? – Nicht? – Despotismus ist der Vater der Freyheit! – Verstehst du mich jezt? (Er verschwindet.)

Der Fürst. Ungarisch Wasser, Herr Kammerherr!

Der Kammerherr. Ich – ich – habe nichts bey mir.

Der Fürst. Sie sind ein Freygeist, und haben in der Gespensterstunde kein ungarisch Wasser!








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