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Der Bauer als Millionär

Ferdinand Raimund: Der Bauer als Millionär - Kapitel 8
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Bauer als Millionär
authorFerdinand Raimund
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000120-X
titleDer Bauer als Millionär
pages1-4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1826
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Zweiter Aufzug

Erster Auftritt

Die Dekoration stellt nur zwei Kulissen tief ein angenehmes Tal vor, in welchem sich die Natur einfach und kräftig ausspricht. Links eine praktikable Hütte, auf deren Strohdach Tauben nisten. Die Hütte ist von einem kleinen Gärtchen umgeben, in welchem sich einige Lilien, aber keine bunten Blumen befinden. Die Kortine stellt hohes Gebirge vor. Die Hälfte dieser Hinterwand nimmt ein breiter, in den Vordergrund tretender Blumenberg mit vielen sich verschieden krümmenden Wegen ein, auf denen sich dort und da wie in einem Garten silberne Statuen befinden und Rosenbrücken angebracht sind. Auf der andern Hälfte dieser Hinterwand sind in weiterer Entfernung zwei ausgezeichnete Alpen zu sehen. Die niederere erglänzt silberartig und ist mit goldenem Gesträuch bewachsen. Auf ihrem Gipfel erblickt man die Statue des Reichtums mit einem goldenen Füllhorn. Die noch höhere Alpe ist steil, mit Lorbeerbäumen bewachsen, auf ihrer Spitze steht der goldene Tempel des Ruhmes, aus welchem eine Sonne strahlt, die den ganzen Horizont um das Haupt des Berges rötet. Zwischen diesen Gebirgen und dem Tal liegt ein dichter Wald, durch welchen sich ein steiler einsamer Weg in das Tal abwärts windet.

Unter passender Musik kömmt Illi, ein Genius, als Klepperpostillon angezogen, mit dem Klapperbrettlein lärmend durch die Luft auf einem großen Stieglitz geflogen, welcher ein Paket Briefe im Schnabel hält. Er steigt ab, nimmt einen Brief aus dem Paket und klappert vor der Hütte.

Illi.
He, die Klepperlpost ist da, aufgemacht! (Das Fenster in der Hütte öffnet sich. Illi spricht zum Fenster hinein.) Ein Brief aus Wolkenhain vom Geisterscheckel mit Rezepiß. Gleich unterschreiben. (Gibt den Brief hinein. Nach einer Pause, während er ein paarmal ungeduldig auf und abtrippelt.) Ein bißl gschwind, ich muß wieder weiter! (Eine Hand gibt das Rezepiß zurück.) So. Was? Nichts franco! Acht gute Kreuzer. (Die Hand gibt ihm das Geld.) So. (Sieht das Geld an.) Keinen Pfennig gibt s' mehr als acht Kreuzer und kein neues Jahr auch nicht. Wann ich nur da keinen Brief herbringen durft, das ist schon mein größter Zorn. (Indem er sich aufsetzt.) Gar so eine Schmutzerei! (Den Stieglitz schlagend.) Na weiter, wirst fliegen oder nicht? (Der Stieglitz fliegt ohne Musik ab, und unter dem Fliegen räsoniert Illi noch immerfort.) Pfui Teuxel, da wollen s' Geister sein, ja – Bettelleut Umkehr! (Ab.)

Zweiter Auftritt

Sanfte Musik.

Lottchen tritt auf, ihren Strohhut anhängend.

Lottchen.
Wo befinde ich mich? Welch ein angenehmes Tal! Gehör ich schon den Geistern an? Am Eingange des Waldes nahm mein freundlicher Führer von mir Abschied und sprach: Weiter darf ich dich nicht geleiten, doch folge deinem Herzen, und du wirst mich nicht vermissen. Ich ging und ging, und unwillkürlich hat es mich hieher gezogen. Dieses schöne Gärtchen, diese Hütte, wie wird mir so sonderbar bei ihrem Anblicke! Warum wird es auf einmal so stille, so ruhig in meiner Brust? Wer bewohnt sie? (Über der Tür erscheinen schnell die transparenten Worte: Die Zufriedenheit. In diesem Augenblicke ertönt ein sehr schmelzendes Adagio von einigen Takten.) Die Zufriedenheit? Der Vater sagte ja, die wohne nur in der Stadt? wie kommt sie hieher? Ich weiß es schon, sie wird in der Stadt erkrankt sein und gebraucht jetzt die Landluft. Ich will anklopfen und sie um Beistand bitten, vielleicht braucht sie ein Dienstmädchen, sie wird wohl eine vornehme Frau sein. (Klopft an.) Euer Gnaden, ein armes Mädchen möchte gern die Ehre haben –

Dritter Auftritt

Die Zufriedenheit. Lottchen.

Zufriedenheit (mit innerer Ruhe und heiterem Gemüte. Ihr Anzug ist griechisch, eine einfache graue Toga, unbedecktem Haupt. Sie tritt aus der Tür, einen Brief in der Hand).
Was verlangst du von mir, mein Kind?

Lottchen (erstaunt).
Wer ist denn das?

Zufriedenheit.
Nur näher, ich bin die Dame, die du suchst.

Lottchen.
Wirklich? Sie sind eine recht liebe Person, aber für eine Dame hätt ich Sie nicht gehalten.

Zufriedenheit.
Nicht? Und doch bin ich noch mehr, ich bin die Königin dieses Tales, und von meiner Stirne strahlt das Diadem der Heiterkeit –

Lottchen (fällt ängstlich auf die Knie).
Ach, so verzeihen mir Euer Hoheit, aber da wär ich in meinem Leben nicht darauf gekommen.

Zufriedenheit.
Steh auf! Du bist mir in diesem Brief, den ich vor kurzem erhielt, von mächtigen Geistern schon angekündet, und ich will dich in meine Dienste nehmen. Du hast wenig Geschäfte. Das Aufbetten wirst du ersparen, denn ich schlafe auf einem Stein. Küche und Keller werden dir wenig Mühe verursachen, denn mich nähren die Früchte des Bewußtseins, mich tränket die Quelle der Bescheidenheit.

Lottchen.
Ach, ich bin ja mit allem zufrieden!

Zufriedenheit.
Hast du denn meine Hütte so leicht gefunden?

Lottchen.
Ach ja, das ist ja nicht schwer.

Zufriedenheit.
Glaubst du? Viele Tausende wandern nach mir aus und finden mich nicht, denn der dürre Pfad, der zu mir führt, scheint ihnen nie der rechte zu sein. Siehst du dort oben die bunten Auen, wo des Glückes Blumen farbig winken? (Deutet auf den Blumenberg.) Dort wollen sie mich finden, und je reizender der Pfad sie aufwärts lockt, desto tiefer entschwindet meine niedre Hütte aus ihrem getäuschten Auge. Denn wer mich ängstlich sucht, der hat mich schon verloren.

Lottchen.
Aber auf jenen hohen Bergen muß doch eine schöne Aussicht sein?

Zufriedenheit.
Nicht für dich, mein Kind. Du gehörst ins Tal. Siehst du dort den hohen flimmernden Berg? Das ist die Alpe des Reichtums, und ihm gegenüber sein noch glänzenderer Nebenbuhler, der Großglockner des Ruhmes! Das sind schöne Berge, doch sende deine Wünsche nie hinauf, stark und erhebend ist die Luft auf ihren Höhen, aber auch der Sturmwind des Neides umsaust ihre Gipfel, und kann er die Flamme deines Glückes nicht löschen, so löscht er doch den schönen Funken des Vertrauens in deiner Brust auf immer aus.

Lottchen.
Das versteh ich nicht.

Zufriedenheit.
Darin bestehet ja dein Glück, weil du mich nicht verstehst, bist du mit mir verwandt.

Lottchen.
Verwandt? Und doch haben sich Euer Hoheit nie um mich bekümmert?

Zufriedenheit.
Glaube das nicht, ich habe dich mir ja erzogen und will nun deine Freundin sein. Der Mann, der heute dich verstieß, ist nicht dein Vater, sonst hätt er es nie getan. Doch eine Mutter hast du noch, die dich innig liebt und die du bald umarmen wirst. Bis dahin reiche mir deine Hand und nenne mich Schwester.

Lottchen.
Recht gerne! Ach, was ist das Schönes, wenn man eine Schwester hat. Aber da muß ich hernach auch du zu Euer Hoheit sagen und bin so viel als Euer Hoheit selbst?

Zufriedenheit.
Allerdings! Du sitzest neben mir auf meinem moosbewachsenen Thron, und über uns spannt sich der schönste Baldachin, der heitre Himmel aus.

Lottchen.
Ach du liebe Schwester, wie soll ich dir danken?

Zufriedenheit.
Bleibe, wie du bist, und du hast den Lohn schon abgetragen.

Lottchen (freudig).
Ach ja, wie ich bin – doch – nun ja – wie ich bin, nicht wahr?

Zufriedenheit.
Nun ja.

Lottchen.
Da muß ich aber auch ledig bleiben?

Zufriedenheit (lächelnd).
Ja so! Und du hast den schönen Wunsch zu heiraten?

Lottchen.
Ja freilich. Doch sei nicht böse, liebe Schwester, seit ich bei dir bin, wünsche ich mir fast gar nichts mehr. Aber wenn ich an meinen Karl denke, kann ich doch mit dem Wünschen noch nicht recht fertig werden.

Zufriedenheit.
Das sollst du auch nicht, liebes Lottchen! Tröste dich, ich werde dich mit deinem Karl vereinen. Er verdienet dich, ich kenne ihn genau.

Lottchen.
Du kennst ihn? Ist er vielleicht auch mit dir verwandt?

Zufriedenheit.
Er war es. Ich war stets um ihn, wie noch der muntere Hirsch das Sinnbild seiner kräftgen Freude war, und nur du hast uns entzweit, du hast ihn mir entrissen.

Lottchen.
Das ist mir unbegreiflich.

Zufriedenheit.
Komm! Du wirst deinen Karl heute noch erhalten. Er soll uns beide wiederfinden, dich und mich durch dich. Und hab ich euch vereint, geb ich auch meinem Herzen dann ein Fest, durchziehe froh die Welt, und wo ich einen Armen finde, der krank liegt am Verlust der Freude, will ich schnell die Hand ihm reichen und sie überströmen lassen aus meinem Herzen in das seinige! Vielleicht gelingt es mir, ein Bündnis mit der Welt zu schließen, die ich so innig liebe und die so hart mich von sich stoßt. (Geht mit ihr in die Hütte.)

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