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Der Bauer als Millionär

Ferdinand Raimund: Der Bauer als Millionär - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Bauer als Millionär
authorFerdinand Raimund
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000120-X
titleDer Bauer als Millionär
pages1-4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1826
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Vierter Auftritt

Verwandlung

Nobles Gemach in Fortunatus Wurzels Haus, an der Seite ein bronzierter Kleiderschrank. Rechts ein Fenster neben dem Schlafgemach Wurzels. Auf der entgegengesetzten Seite der Eingang.

Lorenz mit zwei Bedienten. Habakuk.

Lorenz läuft zum Fenster und sieht hinaus.

Stimme von unten.
Herr Lorenz, der Wein ist da. Gehts einer herunter!

Lorenz (ruft hinab).
Gleich, gleich, nur nicht so schreien, da ist den Herrn sein Schlafzimmer! (Zu den Bedienten.) Gehts hinunter zun Wagen, der echte Champagner ist kommen. Tragts die Flaschen in Saal hinauf. Morgen ist Punschgesellschaft, da muß er austrunken werden, aller, sonst wird er hin, er halt sich nur ein paar Tage. (Zwei Bediente gehen ab. Zum dritten.) Und du nimmst ein zehn Flaschen weg und stellst mir s' auf die Seite, ich brauch s' für eine arme Familie, die gern trinkt.

Habakuk.
Schon recht, Mußi Lorenz. (Geht ab.)

Lorenz (allein).
Was man alles zu tun hat, wenn man erster Kammerdiener in ein Haus ist! Wie ich noch Halter bei ihm war, hab ich lang nicht so viel zu tun ghabt als jetzt. Ja, wenn wir auch von Land sein, deswegen sind wir doch nicht auf den Kopf gfallen. Wie ich Bedienter worden bin, hab ich nicht gwußt, warum die Schneider so große Säck in die Livreen machen, jetzt weiß ichs schon: weil die Bedienten von ihre Herrschaften so viel einstecken müssen. (Sieht durchs Schlüsselloch.) Mir scheint, er steht schon auf. Das war wieder ein Spektakel heut nacht, mit ihm und seine guten Freund. Bis um drei haben s' trunken und gsungen, über achtzig Gläser zusammgschlagen, und so gehts alle Wochen viermal. Mich wundert nur, daß ers aushalt – Und seine guten Freund halten ihn für ein Narren, sie sagen, er wär der gscheideste Mensch von ganz Mamelukien oder wie das Land heißt. Jetzt will er gar ein heimlicher Gelehrter werden, und ich hab schon was wispern ghört, ein Philosoph auch noch. Ein Bauer, es ist schrecklich! und er laßt nicht nach, auf die Wochen gehts schon los, da lernt er 's Lesen, und aufs Jahr schreiben, und da hat er recht. Wenn ein dummer Mensch nur wenigstens schreibt, so kann er sichs doch selber zuschreiben, daß er nichts glernt hat. Da kommt die Lottel, die därf ich gar nimmer zu ihm lassen, wenn die den Fischerkarl nicht laßt, das wird noch eine schöne Metten absetzen.

Fünfter Auftritt

Lottchen. Voriger.

Lottchen (einfach gekleidet).
Guten Morgen, lieber Lorenz! Ist mein Vater schon auf?

Lorenz (sich ein Ansehen gebend).
Guten Morgen, Fräulein Lottel!

Lottchen.
Wieviel hundertmal hab ich dich schon gebeten, du sollst bloß Lottchen zu mir sagen. Ich bin nur ein armes Landmädchen.

Lorenz.
Was sind Sie? ein armes Landmädchen? das bringt ja einen Tannenbaum um. Sie sind ja eine Millionistin.

Lottchen.
Ich will aber keine sein, denn der Schatz, den der Vater gefunden, hat Unglück über unser ganzes Haus gebracht. Ach, wo ist die schöne Zeit, wo der Vater so gut mit mir war, wo ich täglich meinen Karl sehen durfte, wo noch Schwalben unter unserm Dache nisteten, und keine so hungrigen Raben wie jetzt die falschen Freunde meines Vaters! Ach, wo bist du, glückliche Zeit?

Lorenz.
Ja, es kann halt nicht immer so bleiben, hier unter den wächsernen Mond!

Lottchen.
Wo seid ihr, ihr Nachtigallen im grünen Wald, ihr wirbelnden Lerchen, ihr funkelnden Käfer? ach! das ist alles vorüber, jetzt kommen keine Schwalben, keine Lerchen, keine Käfer, und mein Karl kommt auch nicht mehr.

Lorenz.
Und das wär Ihnen halt der liebste Käfer. Den haben wir aber die Flügel gestutzt.

Lottchen.
Nein, noch heute will ich meinem Vater zu Füßen fallen und ihn bitten, das unglückliche Gold von sich zu werfen, seit dessen Besitz sich seines Herzens ein so böser Geist bemächtigt hat. Ich will gleich zu ihm. (Will gehen.)

Lorenz (tritt vor die Tür).
Fräulein Lottel, tun Sie das nicht. Ich darf Ihnen nicht hineinlassen.

Lottchen.
Warum nicht?

Lorenz.
Der Herr Vater ist krank.

Lottchen (erschrickt).
Krank? mein Vater krank? Himmel, und bedeutend?

Lorenz.
Ja!

Lottchen.
Ist das wahr?

Lorenz.
Wollen Sies nicht glauben? –

Sechster Auftritt

Habakuk mit einer großen Tasse, worauf eine große Gans liegt, ein Teller voll Backerei und eine große Flasche Wein steht, tritt seitwärts ein, bleibt an der Tür stehen, an der andern Tür steht Lorenz, in der Mitte, einen Schritt zurück, Lottchen.

Habakuk.
Den Herrn sein Frühstück!

Lorenz.
Nur hinein damit. (Deutet aufs Schlafzimmer. Habakuk trägt es hinein. Lorenz zu Lottchen.) Jetzt haben Sies selbst gesehen, daß er mediziniert. (Geht verlegen vor.)

Lottchen (beleidigt und erstaunt, stellt sich vor ihn).
Lorenz! also mein Vater ist krank?

Lorenz.
Nu, schon wie! Bei ihm heißts: Friß Vogel, oder stirb!

Lottchen.
Also so kannst du mich hintergehen? Pfui! das hätt ich nicht von dir geglaubt. Geh, du bist ein abscheulicher Mensch! Doch nein, ich will dich nicht böse machen, ich will dir schmeicheln, ich will dir sagen: du bist der beste, der schönste Lorenz auf der Welt, wenn es auch nicht wahr ist, aber laß mich zu meinem Vater!

Lorenz.
Und ich darf nicht. Er hats verboten. Er sagt, Sie sind nicht sein Kind, Ihre Mutter war ein Bettelweib.

Lottchen.
Himmel! was ist das? So weit ist es mit ihm gekommen, daß er sein Kind verleugnet? Hat er mir nicht oft erzählt, meine Mutter wäre bald nach meiner Geburt gestorben, und ich wäre sein einziges Kind, von dem er einst Dankbarkeit hofft? Und nun verstoßt er mich? Ach du lieber Himmel, ich habe keine Verwandten, keine Freunde, keinen Vater mehr, wenn du dich nicht um mich annimmst, so muß ich zugrunde gehen. (Geht weinend ab.)

Lorenz (allein).
Was Verwandte, zu was braucht man die? Unser schwarzaugigtes Stubenmädel ist mir lieber als alle Verwandtschaften auf der Welt. (Ab.)

Siebenter Auftritt

Wurzel aus dem Kabinett.

Wurzel.

Arie
                            Ja, ich lob mir die Stadt,
          Wo nur Freuden man hat!
          Mich sehn s' nimmer aufn Land,
          Bei dem Volk ists a Schand.

In aller Früh treibn s' schon die Ochsen hinaus,
Und da findt man kein einzigen Bauern mehr z' Haus.
          Den ganzen Tag sitzt man aufn Pflug,
          Trinkt Bier aus ein steinernen Krug,
Und auf d'Nacht kommt man z' Haus, was ist gwest?
Um achte liegt alls schon im Nest!

          Drum lob ich mir die Stadt,
          Wo man Freuden nur hat.
          Mich sehn s' nimmer aufn Land,
          Bei dem Volk ists a Schand.

          Jetzt hab ich so viel Bediente,
          Steh um halber zwölf Uhr auf,
          Trink Kaffee und iß geschwinde
          Fünf bis sechs Polakel drauf.

          Kurz, es kann kein schöners Leben
          Als mein jetziges mehr geben,
          Denn wer mich ansieht, 's ist ein Spaß,
          Fallt fast vor Ehrfurcht in die Fraß.

Was das für ein schönes Bewußtsein ist, einen guten Magen zu haben. Ich bin mit den meinen recht zufrieden, ein fleißiger Kerl, alle Achtung für ihn. Oh, ein Magen zu sein, ist eine schöne Charge. Sultan über zwei Reiche, übers Tierreich und übers Pflanzenreich. Ein wahrer Tyrann! Hendeln und Kapauner sind nur seine Sklaven, die druckt er zusammen, als wenn s' nie da gewesen wären. Und doch ein Ehrenmann, der keine Schmeicheleien mag, mit Süßigkeiten darf man ihm nicht kommen, da verdirbt man ihn ganz. Sackerlot, ich bin der fidelste Kerl auf der Welt! Eine Freud hab ich manchmal in mir, da wird mir so wohl ums Herz, so gut, daß ich alles zusammprügeln möcht, so seelenfroh bin ich. Und Geld hab ich, daß mir angst und bang dabei wird. Jetzt hab ich das Haus gekauft, und jetzt kauf ich mir noch einen saubern Weltteil, wo ein kleiner Garten dabei ist, das wird ein Leben werden. Lenzl!

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