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Der Bauer als Millionär

Ferdinand Raimund: Der Bauer als Millionär - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Bauer als Millionär
authorFerdinand Raimund
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000120-X
titleDer Bauer als Millionär
pages1-4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1826
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Dritter Auftritt

Lakrimosa erscheint mit betrübter, aber doch höflicher Miene. Ajaxerle im schwäbischen gestreiften Zauberhabit. Er ist sehr geschäftiger, gutmütiger Natur. Trippelt gerne herum und sagt alles mit dummlachender Miene, als freute ihn alles, was er spricht.

Vorige.

Alle.
Vivat die Hausfrau!

Lakrimosa.
Es freut mich, meine werten Gäste, wenn Sie sich gut unterhalten haben.

Alle.
Vortrefflich!

Lakrimosa.
Hier stell ich Ihnen meinen geliebten Vetter vor, Magier aus Schwabenland.

Ajaxerle (im schwäbischen Dialekte).
Freut mich, Sie allerseits kennenzulernen.

Alle.
Freut uns!

Bustorius.
Was Teuxel! das ist ja der Ajaxerle?

Ajaxerle.
Der Tausend, wie kommen denn Sie daher? ah Herrjegerle, das freut mich! (Umarmt ihn.)

Lakrimosa.
Kennen sich die Herren?

Ajaxerle.
Das glaub ich. Wo haben wir denn nur geschwind Freundschaft geschlossen?

Bustorius.
Wissen Sie nicht? Auf dem letzten Geisterdiner in Temeswar.

Ajaxerle.
Richtig! wo Sie mir die Bouteille Wein an den Kopf geworfe habe, da hab ich die Ehr gehabt, Sie kennezulerne.

Lakrimosa (tritt zwischen beide).
Genug, meine Herren, diese schönen Erinnerungen ein andersmal. An mir ist die Reihe. (Überblickt alle mit Wohlgefallen, dann spricht sie mit Gefühl.) Ja, es ist keines ausgeblieben, alle sind sie hier, die mein Schmerz zu sich bitten ließ. Türkische, böhmische und ungarische Wolken haben sie zu mir getragen. (Jedem die Hand reichend.) Mein Bustorius aus Warasdin, meine Freundin, die Nymphe von Karlsbad, sogar Selima und Zulma, die Feen von der türkischen Grenze. Du stille Nacht, an deren Busen ich so oft mein sinnend Haupt gelegt. Der Morgen und der Abend. Blödsinn und Faulheit et cetera, et cetera, alle, alle sind sie hier.

Bustorius.
Ist das Freude, sind wir alle da!

Lakrimosa.
Und nun hören Sie die Ursache, warum ich Sie auffordern ließ, ihre Wolkenschlösser zu verlassen und mir in meiner bedrängten Lage Beistand zu leisten.

Alle.
Erzählen Sie. (Alle setzen sich.)

Lakrimosa.
Es sind nun volle achtzehn Jahre, als ich an einem heitern Juliustage auf einem Sonnenstrahl nach der Erde fuhr und mich in Blitzesschnelle in einem angenehmen Tal befand. Vor mir stand ein junger blonder Mann, sein edler Anstand und sein gemütliches Auge bürgten für die Aufrichtigkeit seines Herzens. Ihn zu sehen und zu lieben war das Werk eines Augenblicks. Es war der Direktor einer reisenden Seiltänzergesellschaft, die in diesem einsamen Orte halt machte und nicht mehr weiterziehen wollte, bis die für zweihundert Gulden rückständige Gage augenblicklich gesichert wäre. Mein Entschluß war gefaßt: er mein Gemahl oder keiner – ich zauberte ihm schnell einen Beutel Louisdors in die Tasche und flog, in eine girrende Taube verwandelt, in mein Reich zurück. Mein Freund Zenobius sah mich kommen. Erinnerst du dich noch?

Zenobius.
Ja, es war an einem Mittwoch, und den Tag vorher haben wir Holz bekommen.

Lakrimosa.
Ihm übergab ich geschwinde die Schlüssel meines Palastes, und um schneller die Erde zu erreichen, verwandelte ich mich in einen Pfeil, und Zenobius schoß ihn in das Dach des Wirtshauses, welches mein Geliebter indessen bezogen hatte. Ich stieg als reisende Schauspielerin darin ab, und, um kurz zu sein, er sah mich, liebte mich, ward mein Gemahl. Doch nach zwei glücklichen Jahren – wer hilft mir die Erinnerung dieses Schmerzes ertragen? – stürzte er vom Seil, das er von einem Kirchturm zum andern gespannt hatte, und verhauchte seinen stolzen Geist. (Sie weint.)

(Alle weinen mit.)

Ajaxerle.
Ja das Seiltanzen, ich habs auch einmal probiert, aber ich versichere Sie, ich bin recht auf den Kopf gfalle.

Bustorius.
Das hab ich schon lang bemerkt, hab ich nur nicht gleich sagen wollen.

Lakrimosa.
Von tiefer Trauer erschüttert, nahm ich mein Kind, ein Mädchen von zwei Jahren, und kehrte mit ihr ins Feenreich zurück. Bezahlte schnell die Schulden, die mein treuer Zenobius indessen auf meinen Namen gemacht hatte, und nachdem mein Schmerz vertobt war, erbaute ich meiner Tochter einen Brillantenpalast, ließ sie in dem höchsten Reichtum erziehen und schwur, ihre Hand nur dem Sohne der Feenkönigin selbst zu geben. Kaum hatte ich diesen unseligen Schwur getan, so krachten die Säulen meines Palastes, und vor mir stand die Königin der Geister. Büße deine Frechheit, sprach sie, übermütiges Weib. Einem Sterblichen hast du dich vermählt, und deines Kindes Herz willst du durch Glanz vergiften? So höre meinen Ausspruch: Entrissen sei dir auf Erden deine Feenmacht, so lange, bis die Bescheidenheit deiner Tochter deinen Übermut mit mir versöhnt. In brillantene Wiegen hast du sie gelegt, darum sei Armut ihr Los, und des Reichtums Glanz werde ihr zum Fluch. Meinem Sohne hast du sie bestimmt, dem Sohn des ärmsten Bauers werde sie angetraut. Auf die Erde setze du sie aus, dem Irdischen gehört sie an, dann kehrst du zurück in dein Wolkenhaus, und nur die Tugend deiner Tochter kann dich daraus erlösen. Wird sie allen Reichtum hassen und vor ihrem achtzehnten Jahre mit einem armen Manne, der ihre erste Liebe sein muß, sich verbinden, so ist dein Bann gelöst, du darfst sie wiedersehen und in mäßigen Wohlstand sie versetzen. Erfüllt sie bis zu ihrem achtzehnten Frühling diese Bestimmung nicht, ist sie für dich verloren. Bescheidenheit heiße ihr Glück, denn sie ist nur eine Tochter der Erde. Sie verschwand.

Bustorius (nach einer Pause).
Erdök! ist das schöne Geschichte!

Ajaxerle.
Ja! So traurig und so lang auch noch, das ist das Schöne.

Lakrimosa.
Ich sank mit meinem Kinde auf die Erde nieder, in einem düstern Wald, und in der Gestalt eines alten Weibes pochte ich an eine niedre, aber reinliche Hütte. Ein lustiger treuherziger Bauer, ihr einziger Bewohner, sprang heraus, er hieß Fortunatus Wurzel. Ich sank zu seinen Füßen und beschwor ihn, er möchte sich des armen Kindes erbarmen, sie gut und fromm erziehen, sie nie aus dem Walde lassen und mit siebzehn Jahren an einen armen Jungen, den sie liebgewinnt, verheuraten. Wird er dies befolgen, soll er mich am Tag der Heirat wiedersehen, und ich werde ihn reichlich belohnen. Wer ich sei, dürfte ich ihm nicht sagen. Er schwur, meine Bitte zu erfüllen, und eilte mit dem Kind in die Hütte. Langsam und trauernd schwang ich mich auf, Tränen entstürzten meinen Augen, wurden zu kostbaren Perlen und fielen nieder auf das Strohdach seiner Hütte. (Nach einer Pause seufzend.) Ob er sie gefunden, weiß ich nicht.

Bustorius (gleichgültig).
Weiß ich auch nicht. (Will aufstehen.)

Lakrimosa.
Jetzt kommt das Wichtigste.

Bustorius.
Also noch nicht aus? Bravo! (Setzt sich wieder nieder.)

Lakrimosa.
Vierzehn Jahre hat er sein Wort treu gehalten, doch über ein Jahr lebe ich schon in qualvoller Angst. Die mißgünstigen Gesinnungen meiner Dienerschaft verschafften dem Neid Eintritt in mein Exil, und dieser mächtige Fürst der Galle verliebte sich in mich und warb um meine Hand, doch da er von jeher aus meinem Herzen verbannt war, wies ich ihn mit Verachtung ab. Um sich nun dafür zu rächen, schwur er, mich durch meine Tochter zu verderben, und ließ den Bauer einen großen Schatz finden. Im Besitze dieses Reichtums ist dieser nun seit zwei Jahren wie ausgewechselt, wohnt in der Stadt, lebt auf dem größten Fuß, ergibt sich dem Trunke, mißhandelt meine Tochter und will sie zwingen, einen reichen Freier zu wählen, während ihr Herz an einem armen Fischer hängt. Morgen um Mitternacht zählt sie achtzehn Frühlinge, und wenn sie bis dahin nicht die Braut des Fischers ist, ist sie für ihre Mutter verloren. Ich muß hier müßig bleiben und darf sie nicht beschützen. Alle Geister in der Nähe der Feenkönigin habe ich seit zwei Jahren vergebens um Hülfe angefleht, darum habe ich in meiner höchsten Not nun Sie versammeln lassen, und wenn Sie nicht alles aufbieten, mein Kind zu retten, so bin ich die unglücklichste Fee, die je einen Zauberstab geschwungen hat.

Alle (springen auf).
Pereat der Neid! Pereat der Bauer!

Zenobius.
Lakrimosa soll leben!

Alle.
Hurra!

Bustorius.
Kommen Sie, Frau, sein Sie nicht traurig. Waren Sie zwar stolzes Weibsbild, aber sein Sie bestraft, sein Sie doch gute Person, haben Sie Ihr Kind gern, das gfallt mir. Geben Sie mir Bussel. (Nimmt sie beim Kopf und küßt sie.) Nit wahr, meine Freunde, wollen wir ihr alle helfen?

Alle.
Alle! Alle!

Bustorius.
Was wollen Sie mehr, sein das nicht rare Geister? Verlassen Sie sich auf ungarischen Zauberer. Was Ungar verspricht, das halt er. Hat er festes Blut in sich wie Eisenbad in Mehadia. Wir wollen schon einheizen den vertrackten Purzel oder Wurzel, wie der Kerl heißt.

Ajaxerle.
Ja, das wollen wir, und ich will die ganze Sache dirigieren. Jetzt lauf ich gleich ins Wirtshaus und laß mir was immer für a Vieherle sattle und reit in die Stadt hinunter und werd alles auskundschafte, und außer der Stadt draußen steht ein verrufenes Bergle, das heißt der Geisterscheckel, da kommen wir in zwei Stunden in dem alten Schloß oben alle zusammen und machen den ganzen Plan aus, und die Nacht da (auf die Nacht zeigend), die muß vor uns herfliegen, damit die Sach kein Aufsehen macht, und heut abend müsse Sie schon Ihr Töchterle habe, und wenn sie auf den Blocksbergle vermählt werde soll.

Alle.
Ja, heute noch, Hurra!

Lakrimosa.
So sind Sie, wie ich Sie haben wollte, jetzt ist mein Mutterherz getröstet. Ich verlasse mich ganz auf Sie. (Im Konversationstone.) Darf ich Ihnen gschwind noch mit ein Glaserl Punsch aufwarten?

Bustorius.
Was Ponsch? Nichts Ponsch, ist schon Tag. Lassen Sie Wagen vorfahren. Wo ist mein Fiaker 243?

Zenobius.
Die Wägen herbei. Die Mäntel! Es ist ja noch stockfinster in den Wolken, es muß ein Wetter am Himmel sein.

(Alles bricht auf, nimmt die Mäntel um. Der mittlere Vorhang geht auf, man sieht in eine Wolkenstraße. In der Ferne sind die beleuchteten Fenster einiger Feenschlösser zu sehen. Die Wolkenwagen fahren vor und gerade in die Kulisse ab, nicht durch die Luft. Zwei Diener mit Fackeln leuchten.)

Ein Feendiener (ruft).
Fiaker 243, vorfahren!

Fiaker (schreit).
Ja! (Fährt vor.)

(Bustorius steigt ein, sein)

Diener (springt hinten auf und ruft).
Nach Haus!

(Ein anderer Wagen mit zwei Laternen folgt. Antimonia steigt ein und fährt fort. Zuletzt erscheint eine Wurst, mehrere Zauberer und Feen setzen sich auf und fahren fort.)

Lakrimosa (nachrufend).
Kommen S' gut nach Haus! Vergessen S' nicht auf mich! Sie Herr Vetter, ich laß Ihnen einspannen und in den Gasthof führen.

Ajaxerle.
Ei bewahr! ich hab ja mein Laternbüble da. (Ruft.) He, rufts ihn doch!

Feendiener.
He, Laternbub!

Ein kleiner Genius (mit einer Laterne springt herein).
Hier, Euer Gnaden!

Ajaxerle.
Voraus, Spitzbüble!

Genius (ihn nachäffend).
Voraus, Spitzbüble!

(Unter allgemeinem Lärm und Empfehlungen: Kommen Sie gut nach Haus! usw. fällt der Vorhang vor.)

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