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Der Bärenjäger

Bjørnstjerne Bjørnson: Der Bärenjäger - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorBjörnstjerne Björnson
titleDer Bärenjäger
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
seriesReclams Universal-Bibliothek
volumeNr. 1867
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080522
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Der Bärenjäger

(1857)

Einen Knaben, der sich besser auf das Lügen verstand als der älteste Sohn des Pfarrers, gab es kaum in der ganzen Gegend; auch zum Lesen war er äußerst schnell bei der Hand, das verstand sich ja von selbst, und was er las, wollten die Bauern gern hören; wenn es nun aber etwas war, woran sie Gefallen hatten, so log er auch noch etwas auf eigene Hand hinzu, so wie sie es seines Bedünkens gern haben mochten; am liebsten erzählte er von starken Männern und Liebe mit tödlichem Ausgang.

Bald fiel es dem Pfarrer auf, daß das Dreschen auf der Tenne immer kürzere und kürzere Zeit andauerte; als er nach der Ursache sah, stand Thorwald da und erzählte Geschichten. Bald wieder wurde wunderbar wenig Holz aus dem Walde angefahren; er begab sich hin, um nachzusehen, und da stand abermals Thorwald und erzählte. Dies muß ein Ende haben, dachte der Pfarrer; er brachte den Knaben in die Schule.

Sie wurde nur von Bauernkindern besucht, aber der Pfarrer fand es zu teuer, sich für den Knaben allein einen Hauslehrer zu halten. Allein Thorwald befand sich noch nicht acht Tage unter ihnen, als ein Schulkamerad totenblaß ankam und erzählte, er wäre den Unterirdischen dort auf dem Wege begegnet; ein anderer kam noch bleicher und sagte, er hätte leibhaftig gesehen, wie ein Mann ohne Kopf nach dem Landungsplatz hinabgegangen wäre und sich dort mit den Booten beschäftigt hätte und was noch schlimmer als alles andere war: der kleine Knud Pladsen und seine kleine Schwester kamen eines Abends, als sie nach Hause gehen wollten, fast wahnsinnig vor Schrecken zurückgelaufen, weinten und sagten, sie hätten oben im Pfarrwald den Bären gehört, ja, Klein Marit hatte sogar seine grauen Augen funkeln sehen. Nein, nun wurde aber der Schulmeister, muß man wissen, schrecklich böse, schlug mit dem Lineal auf den Tisch und fragte, was zum Teufel – Gott verzeihe mir die schwere Sünde – die Jungen denn mit einem Male anfechte.

»Der eine wird hier immer närrischer im Kopfe als der andere«, sagte er; »in jedem Busch kriecht eine Waldfrau, unter jedem Boot sitzt ein Meermann und nickt – der Bär geht in der Mitte des Winters aus. Glaubt ihr nicht mehr an Gott und Christentum«, sagte er, »oder glaubt ihr an lauter Teufeleien und an die unseligen Mächte der Finsternis und daran, daß der Bär mitten im Winter spazierengeht?« Aber nach und nach wurde er ruhiger und fragte Klein Marit, ob sie wirklich nicht heimzugehen wagte. Die Kleine schluchzte und weinte und meinte, das wäre rein unmöglich; der Schulmeister erwiderte darauf, daß Thorwald als der größte der noch Anwesenden sie durch den Wald begleiten sollte. »Nein, er hat selbst den Bären gesehen«, sagte weinend Marit; »er war es ja, der es erzählte.« Thorwald duckte sich auf seinem Platz zusammen, besonders als ihn der Schulmeister anblickte und das Lineal zärtlich durch die linke Hand zog. »Hast du den Bären gesehen?« fragte er ruhig. – »Es ist wirklich wahr, daß der Großknecht, als er auf der Schneehuhnjagd war, oben im Pfarrwald auf ein Winterlager von Bären stieß«, entgegnete Thorwald. – »Hast du denn den Bären gesehen?« – »Es war nicht einer, sondern es waren zwei große, und vielleicht auch noch zwei kleinere, denn die Alten pflegen immer die Jungen von dem vorhergehenden und dem letzten Jahre bei sich in der Höhle zu haben.« – »Hast du sie denn gesehen?« wiederholte der Schulmeister noch sanfter und strich und strich das Lineal. Thorwald schwieg einen Augenblick. »Ich sah doch den Bären, den der Jäger Lars im vorigen Jahre erlegt hatte.« Jetzt trat der Schulmeister einen Schritt auf ihn zu und fragte so sanft, daß dem Knaben angst wurde: »Hast du die Bären oben im Pfarrwald gesehen, frage ich?« – Nun antwortete Thorwald nicht mehr. »Vielleicht fällt dir ein, daß du dich diesmal geirrt hast?« fragte der Schulmeister, packte ihn am Rockkragen und stellte sich mit dem Lineal ihm zur Seite. Thorwald sagte nicht ein Wort, die andern wagten gar nicht hinzusehen.

Da sagte der Schulmeister ernst: »Es ist schlecht von einem Pfarrersohn, zu lügen; es ist noch schlechter, es armen Bauernkindern zu lehren.« Und damit kam der Knabe diesmal davon.

Aber als am folgenden Tage der Schulmeister zum Pfarrer gerufen war und die Kinder in der Schule sich selbst überlassen blieben, war Marit die erste, welche Thorwald bat, wieder etwas von dem Bären zu erzählen. »Du wirst so furchtsam«, versetzte er. – »Oh, ich werde mich schon zusammennehmen«, entgegnete sie und flüchtete sich näher an ihren Bruder heran. – »Denkt euch nur, er soll jetzt totgeschossen werden«, sagte Thorwald und nickte mit dem Kopfe. »Ein Jäger ist in das Kirchspiel gekommen, der ganz der Mann dazu ist, ihn zu erlegen! Kaum hatte Jäger Lars von dem Winterlager der Bären oben im Pfarrwald reden hören, als er über sieben Kirchspiele hinweg mit einer Büchse angesetzt kam, die so schwer wie der oberste Mühlenstein ist und so lang wie von hier bis zu Hans Volden dort.« – »O je!« schrien alle Kinder. – »So lang?« wiederholte Thorwald. »Ei, sie ist sicher so lang wie von hier bis an den Stuhl.« – »Hast du sie gesehen?« fragte Ole Böen. – »Ob ich sie gesehen? Ich bin dabeigewesen, als sie gereinigt und geputzt wurde, denn du mußt wissen, daß er dazu nicht jeden Beliebigen gebrauchen kann. Ich, das versteht sich, ich konnte sie nicht heben – ich putzte nur das Schloß, und du kannst mir glauben, daß dies nicht die leichteste Arbeit war.« – »Die Leute sagen, daß die Büchse in der letzten Zeit nicht mehr so gut treffen soll«, bemerkte Hans Volden, indem er sich rücklings mit beiden Beinen gegen das Pult stemmte. – »Nein, seit Lars einmal dort oben in Osmarken auf den schlafenden Bären schoß, versagt sie zweimal und schießt das drittemal vorbei.« – »Ja, wenn er auf einen schlafenden Bären schoß«, sagten die Mädchen – »der Narr!« fügten die Knaben hinzu.

»Es gibt nur ein Mittel, dem abzuhelfen«, sagte Ole Böen, »man muß nämlich eine Schlange lebendig in den Lauf hineintreiben.« – »Ei, das wissen wir alle«, meinten die Mädchen; sie wollten etwas Neues hören. – »Jetzt ist es Winter, Schlangen lassen sich nicht auffinden, und deshalb verläßt sich Lars auch nicht ganz auf seine Büchse«, bemerkte Hans Volden nachdenklich. – »Er will ja wohl Niels Böen mitnehmen?« fragte Thorwald. – »Ja«, erwiderte der Knabe aus dem Hofe Böen, der hierüber doch am besten Bescheid wissen mußte; »aber Niels erhält weder von seiner Mutter noch von seiner Schwester Erlaubnis. Der Vater starb bestimmt infolge des Handgemenges, welches er im vorigen Jahre oben auf der Alm mit dem Bären hatte, und nun haben sie keinen andern.« – »Ist denn das so gefährlich?« fragte ein kleines Mädchen. – »Gefährlich?« versetzte Thorwald. »Der Bär hat den Verstand von zehn Männern und die Kraft von zwölf Männern.« – »Ja, das wissen wir«, sagten die Mädchen wieder; sie wollten endlich etwas Neues hören. – »Aber Niels ist wie sein Vater, er wird doch mitgehen.« – »Ja, gewiß geht er mit«, sagte Ole Böen; »heute früh, ehe dort auf dem Hofe noch jemand auf war, sah ich Niels Böen, Jäger Lars und noch einen Dritten, jeder mit seiner Büchse bewaffnet, aufwärts wandern; ich sollte mich wundern, wenn sie nicht nach dem Pfarrwalde gezogen wären.«

»War es früh?« fragten die Kinder im Chore. – »Ganz früh! Ich war vor meiner Mutter auf und machte Feuer an.« – »Hatte Lars die lange Büchse?« fragte Hans. – »Ja, das weiß ich nicht, aber sie war so lang wie von hier bis zum Stuhl.« – »Nein, wie du lügst!« sagte Thorwald. – »Du sagtest es ja selbst!« meinte der Knabe. – »Nein, die lange Büchse, die ich sah, gebraucht er schwerlich noch.« – »Jedenfalls war sie so lang, so lang wie – wie von hier bis beinahe an den Stuhl.« – »Ei nun; vielleicht hatte er sie dann doch mitgenommen.«

»Denket euch«, sagte Marit, »jetzt sind sie oben bei den Bären.« – »Gerade jetzt sind sie vielleicht im Kampfe!« bemerkte Thorwald. Es trat eine tiefe Stille ein; sie war fast feierlich.

»Ich denke, ich gehe«, sagte Thorwald und nahm seine Mütze. – »Ja, ja, dann erfährst du etwas!« schrien alle, und es kam wieder Leben in sie. – »Aber der Schulmeister?« versetzte er und blieb stehen. – »Ei was, du bist der Sohn des Pfarrers«, erwiderte Ole Böen. – »Ja, er sollte nur wagen, Hand an mich zu legen . . .!« sagte Thorwald mit gesenkter Stimme und nickte mit dem Kopfe. – »Schlägst du ihn wieder?« fragten sie erwartungsvoll. – »Wer weiß«, entgegnete er, nickte und ging.

Sie hielten es für das beste, während er fort war, zu lernen; aber niemand war dazu imstande – sie mußten immer wieder von dem Bären sprechen. Sie rieten hin und her, wie es hergegangen sein mochte; Hans wettete mit Ole, daß Lars' Büchse versagt hätte und der Bär ihm gerade auf den Leib gegangen wäre. Der kleine Knud Pladsen meinte, es wäre ihnen allen übel ergangen, und die Mädchen schlugen sich auf seine Seite. Aber da kam Thorwald.

»Laßt uns gehen!« sagte er, indem er die Tür aufriß und kaum reden konnte. – »Aber der Schulmeister?« fragten einige. – »Hole ihn der Teufel! Der Bär, der Bär!«, und er konnte kein Wort mehr hervorbringen. »Ist er erschossen?« fragte ein Kind ganz leise, und die übrigen wagten nicht zu atmen. Thorwald saß und schnaufte, erhob sich endlich, kletterte auf die Bank hinauf, schwenkte die Mütze und rief: »Laßt uns gehen, ich nehme alles auf mich!« – »Aber wohin sollen wir denn gehen?« fragte Hans. – »Der größte Bär ist hinabgetragen, die anderen liegen noch oben. Niels Böen ist übel zugerichtet, denn Lars' Büchse traf nicht, und die Bären gingen ihnen zu Leibe. Der Bursch, der mit ihnen war, rettete sich nur dadurch, daß er sich vornüber auf die Erde warf und totstellte, und der Bär rührte ihn nicht an; sobald Lars und Niels ihren Bären besiegt hatten, erschossen sie seinen. Hurra!«

– »Hurra!« riefen alle, Mädchen und Buben, und von den Bänken empor, zur Türe hinaus ging es fort durch Felder und Wälder hin nach Böen, als gäbe es keinen Schulmeister in der Welt!

Die Mädchen klagten bald, daß sie nicht folgen könnten, aber die Knaben nahmen sie zwischen sich, und weiter ging es. »Hütet euch, sie anzurühren«, sagte Thorwald; »es geschieht bisweilen, daß der Bär wieder auflebt.« – »Ist das wahr?« fragte Marit. – »Ja, dann erhebt er sich in einer neuen Gestalt, deshalb seid auf eurer Hut!« – Und sie liefen weiter. – »Lars hat auf den größten zehnmal geschossen, ehe er stürzte«, begann er von neuem, »denket nur, zehnmal!« Und weiter ging es mit schnellen Schritten. – »Und Niels hat ihm achtzehn Messerstiche versetzt, ehe er fiel.« – »Ach, was für ein Bär!« – Und die Jungen liefen, daß der Schweiß an ihnen hinabströmte. Und nun waren sie am Ziel! Ole Böen riß die Tür auf und war zuerst im Hause. »Sei auf deiner Hut!« rief ihm Hans nach. Marit und ein kleines Mädchen, welche Thorwald und Hans zwischen sich gehabt hatten, waren die nächsten, hinter ihnen Thorwald, der nicht weiterschritt, sondern stehenblieb, um alles beobachten zu können. »Sieh nur das Blut!« sagte er zu Hans. Die andern wußten nicht, ob sie wagen durften, sogleich hineinzugehen. »Siehst du ihn?« fragte ein Mädchen den Knaben, der neben ihr draußen in der Tür stand. »Ja, er ist so groß wie das große Pferd auf dem Gehöft des Hauptmanns«, erwiderte er und erzählte weiter. Er wäre, wie er sagte, mit eisernen Ketten gebunden und hätte doch die um die Vorderbeine geschlungene zerrissen; er sähe deutlich, daß Leben in ihm wäre, und das Blut liefe stromweise an ihm herunter.

Eine Lüge war das freilich, aber das vergaßen sie, als sie den Bären, die Büchse und Niels zu sehen bekamen, der mit den verbundenen Wunden, die ihm Petz geschlagen hatte, dasaß, und als sie von dem alten Jäger Lars erfuhren, wie es zugegangen war. Sie hörten und sahen mit einer solchen gespannten Neugier zu, daß sie gar nicht bemerkten, wie jemand hinter ihnen her kam, der auch seine Stimme zu erheben begann, und zwar folgendermaßen: »Ich will euch lehren, ohne Erlaubnis die Schule zu verlassen!« – Die ganze Kinderschar stieß einen Schrei des Entsetzens aus, und nun ging es zur Tür und zum Hausflur und aus dem Hofe hinaus. Bald sah es aus, als ob ein Schwarm schwarzer Knäuel über den schneeweißen Boden hinrollte, eines immer hinter dem andern, und als der Schulmeister endlich auf seinen alten Beinen nach dem Schulhaus kam, hörte er sie schon von weitem auswendig lernen, so daß es von allen Ecken her widerhallte. Ja, es war ein Festtag, dieser Tag, als der Bärenjäger nach Hause kam. Er brach im Sonnenschein an und ging in Regenwetter unter, aber solche Tage pflegen ja die fruchtbarsten zu sein.

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