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Der Bärenjäger

Bjørnstjerne Bjørnson: Der Bärenjäger - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorBjörnstjerne Björnson
titleDer Bärenjäger
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
seriesReclams Universal-Bibliothek
volumeNr. 1867
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
thirdcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080522
projectidbd9cc89c
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Treue

(1868)

In der ebenen Gegend meiner Heimat wohnte ein Ehepaar mit sechs Söhnen; es mühte sich auf einem großen, aber verwahrlosten Hofe getreulich ab, bis ein Unglücksfall dem Mann das Leben raubte und die Frau mit dem schwer zu bestellenden Gute und den sechs Kindern wieder allein dasaß. Sie verlor nicht den Mut, sondern führte die beiden ältesten Söhne an den Sarg und ließ sie dort über der Leiche des Vaters ihr geloben, für ihre Geschwister zu sorgen und ihr, der Mutter, beizustehen, soweit Gott ihnen Kräfte gäbe. Das gelobten sie und taten es, bis der Jüngste der Söhne konfirmiert war. Dann glaubten sie sich ihres Gelübdes entledigt, der Älteste heiratete die Witwe eines Hofbesitzers und der Nächstälteste kurz darauf ihre wohlhabende Schwester.

Die vier übriggebliebenen Brüder sollten nun das Ganze leiten, nachdem sie bisher selbst unaufhörlich geleitet worden waren. Sie fühlten keinen sonderlichen Mut dazu; von Kindheit an waren sie gewohnt, zusammenzuhalten, zwei und zwei, oder auch wohl alle vier, und taten es nun um so mehr, da sie beieinander Hilfe suchen mußten. Niemand sprach eine Ansicht aus, ehe er die der übrigen zu kennen glaubte, ja im Grunde verstanden sie auch ihre eigene nicht, ehe sie sich nicht gegenseitig angeblickt hatten. Ohne daß sie sich darüber verabredet hatten, war es doch zwischen ihnen ein stillschweigendes Übereinkommen, sich nicht zu trennen, solange die Mutter lebte. Diese selbst wollte es indessen etwas anders haben, und es gelang ihr, die beiden verheirateten Söhne auf ihre Seite zu ziehen. Der Hof war bedeutend verbessert worden, er bedurfte mehr Menschenkräfte, weshalb die Mutter vorschlug, die beiden Ältesten abzufinden und den Hof zwischen den vieren derart zu teilen, daß je zwei und zwei ihre Anteile zusammen bewirtschafteten. Neben dem alten Haus sollte ein neues aufgeführt werden; da hinein sollte das eine Paar ziehen, während das andere bei ihr bliebe. Aber von dem ausziehenden Paare müßte sich einer verheiraten, denn sie bedürften für die Haus- wie für die Viehwirtschaft der Hilfe – und die Mutter nannte das Mädchen, das sie sich zur Schwiegertochter wünschte.

Dagegen hatte niemand etwas; aber jetzt war nur die Frage, welches Paar sollte ausziehen und wer von den Brüdern sollte sich verheiraten. Der Älteste sagte, zum Ausziehen wäre er zwar bereit, aber verheiraten würde er sich nie, und jeder von den andren wies diese Zumutung ebenso entschieden zurück.

Da wurden sie mit der Mutter darüber einig, daß sie dem Mädchen selbst die Entscheidung überlassen wollten. Und oben auf der Alm fragte die Mutter dasselbe eines Abends, ob es nicht als Frau in ihr neues Haus einziehen wollte, und das Mädchen wollte es gern tun. Ja, wen von den Burschen es denn haben wollte, denn es könnte bekommen, wen es wollte. Nein, daran hatte es noch nicht gedacht. Dann müßte das Mädchen es jetzt tun, denn das hinge nur von ihr ab. Ei nun, dann könnte es ja der Älteste werden; aber den konnte es nicht bekommen, weil er nicht wollte. – Nun nannte es den Jüngsten. Allein die Mutter meinte, das sähe so sonderbar aus; »er wäre ja der Jüngste!« – Nun, dann der Vorjüngste. – »Weshalb denn aber nicht der Nächstälteste?« – »Freilich, weshalb denn nicht der Nächstälteste?« erwiderte das Mädchen, denn an ihn hatte es die ganze Zeitlang gedacht und ihn deshalb nicht genannt. Aber die Mutter hatte schon von dem Augenblick an, daß sich der Älteste zu verheiraten weigerte, geahnt, er müßte befürchten, daß der Nächstälteste und das Mädchen ein Auge aufeinander geworfen hätten. Der Nächstälteste heiratete also das Mädchen, und der Älteste zog mit ihm aus. Wie der Hof nun geteilt wurde, bekam kein der Familie Fernstehender zu wissen, denn sie arbeiteten zusammen wie früher und ernteten bald in die eine, bald in die andre Scheune.

Nach einiger Zeit begann die Mutter schwach zu werden; sie bedurfte Ruhe, folglich Hilfe, und die Söhne kamen überein, ein Mädchen, welches sonst bei ihnen in Arbeit ging, zu mieten. Der Jüngste sollte das Mädchen am nächsten Tage beim Laubsammeln im Walde fragen; er kannte es am besten. Aber der Jüngste mußte an das Mädchen lange im stillen gedacht haben, denn als er es endlich fragte, tat er es so sonderbar, daß das Mädchen es für einen Heiratsantrag hielt und ja sagte. Dem Burschen wurde angst, er ging sofort zu seinen Brüdern und sagte ihnen, wie verkehrt es ihm ergangen wäre. Alle vier wurden ernst, und niemand wagte das erste Wort zu sagen. Aber der Vorjüngste sah es dem Jüngsten an, daß er das Mädchen wirklich liebhatte und daß ihm deshalb so angst geworden war. Er ahnte zugleich sein Los, Junggeselle zu bleiben, denn verheiratete sich der Jüngste, so konnte er es nicht. Es wurde ihm etwas sauer, denn er hatte selbst eine Dirne, die ihm gefiel; aber dabei war jetzt nichts zu tun. Er sagte deshalb das erste Wort, nämlich daß sie des Mädchens am sichersten wären, wenn es die Frau auf dem Hof würde. Sobald erst einer gesprochen hatte, waren die anderen damit einverstanden, und die Brüder gingen, um mit der Mutter zu reden. Als sie aber nach Hause kamen, war die Mutter ernstlich erkrankt; sie mußten warten, bis sie wieder genesen wäre, und als sie nicht mehr gesund wurde, hielten sie abermals Rat. In diesem setzte es der Jüngste durch, daß sie, solange die Mutter das Bett hütete, keine Veränderung vornehmen wollten, denn das Mädchen sollte nur die Pflege der Mutter übernehmen. Dabei blieb es.

Sechzehn Jahre lang lag die Mutter krank. Sechzehn Jahre lang pflegte die zukünftige Schwiegertochter sie still und geduldig. Sechzehn Jahre lang versammelten sich die Söhne jeden Abend an ihrem Bett, um Andacht zu halten, und des Sonntags auch die beiden ältesten. Sie bat sie in diesen stillen Stunden oft, derjenigen eingedenk zu sein, die sie gepflegt hatte; sie verstanden, was sie meinte, und versprachen es. Sie segnete während aller dieser sechzehn Jahre ihre Krankheit, weil dieselbe sie die Freude einer Mutter bis zum letzten Augenblick hätte empfinden lassen; sie dankte ihnen bei jeder Zusammenkunft, und einmal wurde es die letzte.

Als sie tot war, kamen die sechs Brüder zusammen, um sie selbst zu Grabe zu tragen. Hier war es Sitte, daß auch Frauen zum Grabe folgten, und diesmal folgte das ganze Kirchspiel, Männer und Frauen, alle, die gehen konnten, bis zu den Kindern hinab – erst der Küster als Vorsänger, dann die sechs Söhne mit dem Sarg und dann die ganze Gemeinde unter Trauergesang, der weithin hörbar war. Und als die Leiche eingesenkt war und die sechs das Grab zugeschaufelt hatten, zog das ganze Trauergefolge in die Kirche hinein, denn dort sollte gleichzeitig die Trauung des Jüngsten stattfinden; so wollten es die Brüder haben, weil beides im Grunde zusammengehörte. Hier predigte der damalige Pfarrer, mein jetzt bereits verstorbener Vater, von der Treue und predigte so begeistert, daß ich, der ich zufällig dazugekommen war, beim Verlassen der Kirche glaubte, daß Berg und See und die Größe der ganzen Natur ineinander aufgingen.

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