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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 9
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III

Man spottet heute über Descartes' Zirbeldrüse, doch Anatomiepsychologie suchte gerade so naiv den Zentralnexus in der Hirnhöhle, erst heute erkennt sie, daß die Psyche Hirnwindungen nur als Apparat benutzt und sich durch alle Telephon- und Telegraphenstränge des Nervensystems unauffindbar verflüchtigt wie ein Gasfluidum. Ohne den Wandlungen in Wundts endgültigem Verzicht auf die gewünschte Psychologiephysik nachzugehen, möchten wir nicht unterdrücken, daß dieser »Heros«, diese »Leuchte«, wozu heute jeder Verstandesjongleur ernannt wird, zuletzt vor dem Wesen der Psyche ratlos stand wie die Kuh vorm neuen Tor. Denn einer solchen Methode, die zuletzt mit »Völkerpsychologie« anrückt, weil sie des allein maßgebenden Individuellen nicht Meister geht, zeigt das Unsichtbare immer neue Tore, doch leider alle verschlossen. Man darf weder dem Stoff jede Bedeutung absprechen, noch Kraft für durchaus unabhängig vom Stoffe halten, beides verwickelt in offenbare Denkfehler. Wohl lebt Stoff von Kraftes Gnaden, doch Kraft nährt sich vom Stoff, der selber nur umgesetzte Kraft ist. Weil Stoff sich nur durch Kraft belebt und Stoff nicht aus sich selber Kraft bewegen kann, folgert daraus ein Dualismus? Allerdings nicht. Denn Stoff ist nach unserer Auffassung nur Erscheinungsform unsichtbarer Kraft, deren grundlegende Eigenschaft bleibt, sich immer zu verstofflichen, und sei es in ätherischster Form jenseitiger Astralebenen. In diesem Sinne ist Kraft so wenig stofflos denkbar wie ein produktiver Geist ohne Produkte, für den Produzieren Daseinsbedürfnis wie Oxygen für die Lunge. Gerade dieser Monismus steter Vermählung des Stofflosen mit dem Stoff versetzt dem Materialismus den Todesstoß. Man braucht nur den erkenntnistheoretisch und empirisch gleich unsinnigen Satz »alles ist Materie« entschlossen umzubiegen »nichts ist Materie« im gebräuchlichen Sinne des Wortes, um ein klares Weltbild zu gewinnen. Jeder Blutstropfen ist ein Gedanke, jeder Gedanke ein Blutstropfen, weil Unsichtbares sich immer in Sichtbares umsetzt, natürlich mit veränderter Sichtbarkeit bei veränderter Wahrnehmung. Deshalb kann das subliminale Selbst (»Unterbewußtsein«, »Unbewußtes« sind unklare Definition) in allen Stadien von Telepathie oder Spiritismus sich nicht von sichtbaren Bildern freimachen. Nur in Buddhas »vierter Schauung«, Brunos »Universalaffekt« denkt man nicht mehr in Bildern.

Myers gibt zu, sein Subliminales möge in jedem Individuum sehr verschieden entwickelt sein. Natürlich, gemäß der ungeheuren Ungleichheit der Einzelwesen, was Materialismus und Demokratie aus guten Gründen leugnen. Das Telepathische offenbart sich beim einen als leidende Schwäche für Eindringen des Supranaturellen, beim anderen als höchste Kraftanspannung für höhere Erscheinungsform telepathischen Hellgesichts, nämlich die genial schöpferische, als solche der Weltseele unmittelbar verwandt. In anderer Gedankenverbindung verweist ein Psychiker auf »künstlerisches und besonders dichterisches Schaffen«. Wir ergänzen: Weil der Dichter nur mit Unsichtbarem und ohne sinnliche Außenwahrnehmung arbeitet, während Bildner und Tonerzeuger bei Ausführung der Konzeption nie sinnlicher Mittel entraten können. Indessen bleibt auch Dichtung wenigstens ins sinnlich Vorstellbare gebannt, wodurch sie eben nur ein Sinnbild des sich immer bildmäßig verstofflichenden Unsichtbaren wird. Bei Kontroversen zwischen Schülern und Widersachern von Myers, wobei Andrew Lang sich hervortat, kam die Frage aufs Tapet, daß Shakespeare als Grieche nicht den Hamlet geschrieben hätte, daher Dichtung vom Milieu abhängig, also nicht subliminal sei. Welch unglückliches Beispiel! Als Grieche schrieb Äschylos die Agamemnon-Orestestragödie, d. h. im Kern ganz das gleiche wie Hamlet, auch Ödipus und Antigone sind Lear und Cordelia in anderer Art, Achilleus ein anderer Coriolan. So sind auch Äschylos' Prometheus, Dantes Höllenwanderung, Byrons Kainflug nur Etappen auf gleicher Marschroute. Typen und Konflikte, aus denen die Dichtung schöpft, sind so beständig wie die Menschenart selber, Varianten des Milieukostüms berühren nicht die subliminale Vision, weshalb man sich Homer und Ossian blind denkt: »Erwache, du Licht in Ossians Seele!« Hingegen betonen wir, daß Erzeugung des Hamlet an und für sich nur gleiche Stoffbildung vorstellt wie jedes andere Erzeugnis der »Natur«, d. h. der unsichtbaren Kraft, die sich selbst veranschaulicht. Deshalb warnte Buddha vor Huldigung an die eigene »Seele«, denn auch das Subliminale klebt noch an der Erddimension, das zeigt der erdgebundene Trieb seiner nur sehr erweiterten Wahrnehmung. Solange wir an Stofflichkeit gefesselt, bleiben Psyche und Materie einander unentbehrlich, gerade ihr Gegensatz bedingt ihre Existenz als Mensch, scheinbar unlöslich verbunden und deshalb einig gehend. Kann man da noch Einwände gegen Unvollkommenheit subliminaler Funktionen aufrecht erhalten? Unnatürlich wäre im Gegenteil, wenn eine von allem sinnlich Beschränkten freie Seele sich im Spiritismus ausdrücken könnte. Auch in höheren Sphären könnte grundsätzliche Änderung nur eintreten, sobald der letzte Rest sinnlicher Vorstellung erlosch. Die Jenseitsbewohner müssen untereinander so unendlich verschieden sein wie die Diesseitsbürger, da nur die Mittel der Wahrnehmung sich wandelten, nicht der psychische Kern. Schon der irdische Geist Leonardos steht in himmlischer Buchführung viel höher abgeschätzt, als die ungeheure Mehrzahl der im Tod entkörperten Durchschnitts-Iche. Denn der lebende Leonardo webt schon in einer Sphäre, zu der die frömmsten »Seelen« zunächst nie zugelassen werden. Der Theologe Hagenbach betont dies einmal bezüglich Goethe. Dem höheren Menschen eine Sonderstellung einzuräumen und sich jeder Kritik zu enthalten würde beim Massenmenschen ein Anfang jeder Erkenntnis sein. Ihm fehlt aber so sehr jede pietätvolle Bescheidenheit, daß der Wissenschaftsphilister am liebsten alles Geniale als Pilz morbiden Hirnbodens auffaßt und lange Lombrosos »Genie und Wahnsinn« als Wahrheitsentdeckung galt, während diese entfernte Verwandtschaft ganz andere dem Philister unbequeme Schlüsse nahelegt. Manchmal geht der »Geistesgestörte«, weil ihm die Hemmungen ordinären Bewußtseins zerrinnen, ins Unbewußte höherer Sphäre ein.

Laut Kelvin geht das bestehende Universum zeitlichem Ende entgegen, hatte also zeitlichen Anfang, d. h. wurde »geschaffen«, so sehr sich die moderne Phrase dagegen sträubt. Durch Bewegung schwingender Atome? Atom ist abstrakte Prämisse, Bewegung nur Kausalerscheinung von Zeit und Raum, wie man ja alle Dinge nur räumlich neben- und zeitlich nacheinander schauen kann, unser Bild sich daher aus lauter Bruchstückchen zusammensetzt. Wenn Büchner von »Allmacht der Substanz«, Ewigkeit von Stoff und Kraft phantasierte, als ob die Abstraktion von Allmacht und Ewigkeit nicht der begriffliche Gegensatz alles Stofflichen wäre, so scheint zufällige Lebensentstehung durch Vermengung von Kohlen-, Wasser-, Sauerstoff und Schwefel hochkomisch. Stoff kann nur in dem Grade ewig sein wie Kraft, die ihm allein zur Existenz verhilft und daher ein notwendiges Schöpfervermögen sein müßte; was ist aber Substanz, ist sie Kraft oder Stoff? Wie kann sie allmächtig sein, wenn sie nur zufällig Atome zusammenfügte? Der Stoff, aus dem das Sichtbare besteht, ist bestimmt nicht ewig, dann aber auch nicht die Kraft, deren Wirkung wir eben nur am Stoff erkennen. Wäre sie dennoch ewig, so gehört sie eben einer anderen Sphäre an als der Stoff. Bei einer jede chemische oder Molekularkraft tötenden Gefriererstarrung leben viele Bazillen und sogar vereiste Fische weiter und wieder auf, sobald man nur die nötige Wärme erneuert. Also überlebt das Lebensprinzip den Stoff und jedem Protoplasma ging Urkraft voraus. Wenn Flammarion schon das sichtbare Licht, d. h. eine Kraftquelle »unbegreiflich« nennt, wie unbegreiflich muß erst das Licht-All bleiben! Ob Sonnen verlöschen, ihre ins All versprengten Teilchen sind unvergänglich und die unsichtbare Kraft unveränderlich. Wie will man aber etwas erkennen und benennen, was nur als Wirkung sich meldet? Wie Raupe und Schmetterling, Polyp und Meduse im gleichen Stoff abwechseln, so bleibt jede Stoffverwandlung geheimnisvoll. Die Puppenhülle der Raupe gleicht dem Sarg, in dem ein scheinbar Totes ruht, was geht da vor, um aus früher häßlich Kriechendem ein Schönheitswunder auffliegen zu lassen? Die passive Rezeptivität der Pflanze bringt Schönheitsideen in Ernährung und Fortpflanzung mit feinster Zwecktätigkeit zum Ausdruck. Ein tausendstel Gramm Rückenmarksubstanz genügt der Ameise, um einen Sozialstaat zu erdenken, während die von Lubbock und Forel vergötterte Biene mit mathematischer Berechnung ihre Zellen baut. Das Submarine lebt ohne Sonne, die man als einzige Lebenserhalterin für unsere vor ihr entstandene Erde auffaßt. Amöben wählen taugliches Futter und reagieren auf Reize, Atome wollen chemische Wahlverwandtschaft, Verbindung durch Annäherung, Veränderung im scheinbar Unveränderlichen, Kristallisierung nach bestimmtem Zentralgesetz. Überall arbeitet etwas ganz Subtiles, das mit Schulbegriffen Kraft und Stoff nie ausgetieft werden kann. Nur Immaterielles ist Trumpf, stofflose Elektronen bauen mit Radium und Helium das leuchtende All, wo das Kleinste ein All für sich bedeutet, wo Milliarden Atome Wasserstoff verdunsten und doch unzerstörbar bleiben. Jedes Atom ist ein Weltsystem mit Sonnen als Mittelpunkt eines Elektrizitätskerns, um den sich Elektronen negativer Elektrizität mit rasender Schnelligkeit schwingen. Und das angeblich unteilbare unzerschneidbare Atom spaltet sich in andere Elemente, so das Radium in Blei und Helium, auch Chlor hat man gewaltsam in zwei neue Stoffe zersplittert. Das chemische Atom ist ohnehin nichts einförmiges, sondern geformt aus Atomen positiver und negativer Elektrizität. Ob durch Umwandlung radioaktiven Stoffes riesige Energiemengen frei werden? Erhaltung der Kraft bei Wärmeverbrauch gilt für alle Kalorien, doch Zerfallsymptome des Radium, wobei ein Gramm 300 Kg. Steinkohle in Verbrauchsenergie entspricht, könnten auch Aufzehrung von Energie bedeuten. Aber kann Energie überhaupt zerstört werden, zumal Sonnenstoff wahrscheinlich aus Auflösung von Radium und Helium besteht? Rutherford zertrümmerte Stickstoffatome durch Elektronenerguß von Alphastrahlen. Das befremdet keinen, der sich zu eigen machte, daß Materie nur Energieerscheinung, Masse nur verdichtete Energie vorstellt. Beide lösen sich spurlos auf und zerrinnen sozusagen zwischen den Fingern, das als fester Baustein gedachte Atom verflüchtigt sich in – Was? Denn laut Relativitätstheorie wird auch Energie wie Masse nur Erscheinungsform eines unbekannten Dritten. Dieses große Unbekannte, der heilige Geist einer Dreiheit, begegnet uns überall. Wie Wärme, Licht, Elektrizität oder Eis, Wasser, Dampf nur Phänomene, nicht Grundelemente, so auch Stoff, Kraft, Energie oder Körper, Geist, Seele. (Die Engländer sagen nicht »Seele«, soul, sondern matter, mind, spirit). Alle bedürfen eines Weltspirits, ohne den Energie wohl Stoff bilden oder auflösen, doch nicht selber bestehen könnte. Stoff scheint wesenloses Phantasma als Energieprodukt, Energie aber nur Spiegelung von Ausstrahlung des über alle Begriffe gehenden Unbekannten. Somit ist jede bisherige Wissenschaftterminologie nur Aushilfe von Sinn- und Scheinbildern, unbegreiflich steht dahinter der letzte zureichende Grund. Wie der Materialismus sich behaupten will, nachdem er selber wohl oder übel den Materieast absägte, auf dem er saß, gehört freilich auch ins Reich des Unbegreiflichen.

Er setzte unveränderliche Gleichheit der Atome voraus, ist also die richtige Weltanschauung demokratischer Gleichmacherei, der vor ihrer Gottähnlichkeit so bange wird, daß sie lieber an ihre Affenähnlichkeit glaubt. Stürzt nun aber Atomistik als Grundlage ein und macht die Relativitätstheorie auch Raumwerte unsicher, so kann das aus Zellenatomen aufgebaute Ich keinen Bestand haben. Fortdauer selbst der inneren Persönlichkeit bedarf auch im Sinne der Wiedergeburt, geschweige im Spiritistischen, einer einschränkenden Korrektur. Mit Zerfall der Körperatome wird zwar die Energie frei, die sich ihrer zu bedienen beliebte, doch auch sie muß eine gewisse Umwandlung durchmachen. Dies erklärt die äußere Verschiedenheit des Wiederaufbaus. Denn wäre Energie etwas Souveränes und Stationäres, so könnte sie stets das absolut Gleiche verkörpern, also Gottlieb Schulze und Otto Bismarck als unverändert Gleicher wiederkommen. Doch der buddhistische Satz »nicht Derselbe und doch kein Anderer« bedeutet, daß durch Atomzerfall gewisse Werte wegfallen und dafür andere stärker auftauchen. Ungeschmälert bleibt nur die letzte transzendentale Ursache jeder spirituellen Erscheinung. Nur Ungleichheit und Veränderlichkeit der Atome erklärt die Trennung und Spaltung aller Wesen untereinander, denn die Energien als Atombauschöpfer sind offenbar geradeso verschieden und veränderlich. »Ich ersticke, Europa ist mir zu eng«, stöhnte Napoleon, »Ich ersticke in diesem All, das mir zu klein ist« klingt doppelt lächerlich in Rousseaus Munde. Die Welt als zu klein oder wie der Durchschnittsmensch als zu groß empfinden ist beides Ich-Illusion. Wenn Montaigne es vorzog, im Ungewissen zu schweben statt »sich mit den zahllosen Irrtümern menschlicher Einbildungskraft« zu beflecken, so meint Anatole France umgekehrt: »Nur was man sich einbildet ist wirklich«, ja, aber nur für das Ich. Ferner: »Leben ist Zerstören, Handeln heißt Unrecht tun«? Hiermit bedient sich die Skepsis selber eines Urteils, das sie doch vermeiden müßte, denn Agnostiker sind den gleichen Irrtümern ausgesetzt wie Gnostiker. Die Natur offenbart nichts als ihre Idealität, indem sie sich vor dem schärfsten Beschauer in Gasnebel auflöst und nichts bestehen läßt als einen unbekannten Spiritus Rector. Mehr kann sie nicht leisten, sondern nur jedem Newton und Darwin zuwinken: Du gleichst der Natur, die du begreifst.

Euer Pan trägt Bocksfüße und Faunfratzen, ein Kreis ist kein Zentrum, Milliarden unzureichender Gründe ergeben keinen zureichenden Grund, seelischer Fehlbetrag als »Sklave der Natur der Dinge« (Napoleon) keine gottverdienende »große Seele« (Maha = Atma). Wohl belustigen heut Descartes' »Gedanken der Seele« geradeso wie Bacons »Medical Remains«, doch als Jean Pauls Roquerol sich zum »Titan« träumte und Jung-Goethes Titanismus, Jung-Stillings Christlichkeit ablehnend, sich mit Brunos Promethidenerbe zu Straßburg auf der Schanz anfreundete, da blies immer wieder der alte Jäger aus Kurpfalz aus des Aufklärichtknaben Wunderhorn, und was er blies, hieß: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Die Welt entgöttern heißt sie entseelen. »Toren verachten Mich, der Ich der Herr des Alls bin« (Bagghawad), doch dieser hohe Herr bedankt sich dafür, anthroposophische Schulzes zu beglücken, die ursprünglich sprachlose Affen gewesen wären. Ob Sprachwurzeln fertige Materialien (Müller) oder Offenbarung des Unbewußten (Hartmann), jedenfalls sind sie als Denkwurzeln hoch über der »Natur«.

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