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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 8
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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II

Neueste Fachkunde lehrt, daß Stottern »eine qualvolle Seelenkrankheit«, Sprachfurchtsamkeit, ferner »Hörstummheit« intellektueller Mangel an Sprachverständnis oder seelischer Gelenkigkeit zur Sprachbewegung sei. Gibt es deutlicheren Wink, daß Körpervorgänge unkörperlichen Ursprungs sind? Stottern so wenig ein physischer Zungenfehler, wie geistige Inartikuliertheit einer dummverworrenen Seele! Die Zungenfehler des Gemüts oder der Denkkraft, die Hörstummheit für das Schöne und Wahre sind völlig analoge psychische Gebrechen, so auch das Stottern der Menge in Religionssprache. Im christlichen Zeitalter lebte ein allgegenwärtiger Gott, der junge Schiller jauchzt noch, überm Sternenzelt müsse ein guter Vater wohnen. Je häufiger aber die zweiten Ursachen als sog. Naturgesetze bekannt wurden, desto ferner verblaßt im menschlichen Bewußtsein die erste Ursache Gott als schattenhafter konstitutioneller Monarch, dem die Natur eine Verfassung auferlegte und dem ein Eingreifen in die gesetzgebenden Faktoren nicht zukommt. Sogar Pascal verwarf jede Theodizee und versteift sich, um die Repräsentativfigur seines Gottkönigs zu retten, ganz wie Kant auf angebliche Erhabenheit menschlichen Denkens und Fühlens. Jede Ethik, die er bezeichnenderweise Charité nennt, stehe höher als jedes Wissen, das sei der einzige Gottbeweis. Das ist stets der erste Schritt des Rationalismus, parallel zur Kirchenscholastik, die alte Einbildung menschlicher Überlegenheit über alle anderen Gebilde, obwohl man vom sittlichen Instinkt der Tiere gerade genug weiß, um sich für den Menschen schämen zu müssen. Für Pascal sind auch die Planeten tot und geistlos, in welcher kindlichen Überzeugung Kirche und Wissenschaft sich die Hände reichen, er zieht wie Kant sittlichen Imperativ nur aus sich selber, ein Seelenprophet nur für bestimmte Seelen wie Madame Guyon. Wird Sittliches durch Notwendigkeit emporgezüchtet? Kain und Abel leben noch heut nebeneinander, die Raubmörder des Weltkrieges schliefen gewiß mit gutem Gewissen auf dem besten Ruhekissen ihrer Schandtaten. Gröbste Selbsttäuschung hält sich für sittlichen Imperativ. Sollten aber die Unsichtbaren mit eisernen Besen über das Spinngewebe fahren, so würden alle Kreuzspinnen dies für Vergiftung der moralischen Weltordnung erklären. Europas Selbstblutvergiftung stellt sich als Bolschewismus Selbstdiagnose, daß es nur durch Amputierung an Haupt und Gliedern zu kurieren sei. Der byronische Weltschmerz, der wenigstens noch an sich selbst glaubte, bedeutete den letzten Widerstand der aristokratischen roten Blutkörperchen gegen die gefräßigen Bazillenhorden des Pöbelmaterialismus, die seelische Dekomposition ist nun vollendet. Immer blamieren sich Prophezeiungen der Vernunftpächter, man erklärte Kriege in Europa für finanztechnisch unmöglich und machte den Weltkrieg, aus der Kriegsmaschine trieb Wissenschaft den Künstlergeist aus, Vernunft schickte man beständig auf Reisen mit unbestimmtem Urlaub, Unvernunft blieb daheim als unabkömmlich.

Vergleicht man römische Katapulte oder Leonardos Kriegsmaschine mit heutigen Zerstörungsmitteln, so waren eben erstere damaligem Milieu angemessen wie letztere dem heutigen, das ist der ganze Fortschritt auf diesem negativen Gebiet. Nicht mal die Schlachtverluste vermehrten sich durch moderne Taktik verbesserter Waffen, wahre Gesetze der Kriegskunst bleiben, wie Napoleon und Jomini sich angesichts der ersten Erfindung des Hinterladers durch Leutnant Pauly theoretisch einigten. Studiert man nun aber mit J. H. Fabre »les moeurs des insectes«, so findet man die grausamen Kampfmethoden des Cerceriskäfers, der Pompilawespe, des grünen Grashüpfers gegen Käfer, Tarantellaspinne, braune Cigalen – sämtlich an Kraft, Größe, Gift überlegen und dennoch verloren wie die größte Kobra gegen den winzigen Mongun – viel geistreicher berechnet. Da doch alles im Sichtbaren relativ und keine Art physisch entwickelter als die andere, »jedes nach seiner Art« so darf der erst recht nicht an geistigen Fortschritt glauben, wer Geist und Stoff für identisch hält. Ein englischer Revueartikel »Chance und Change« will völligen Wechselumsturz bis in heutigen literarischen Stil bemerkt haben. Wieso? Shaw ist nur verkleinerter Swift, Wells verkleinerter Defoe, bei Einführung von Christentum, Humanismus, Reformation, Aufklärung, Revolution jubilierte man auch, eine ganz neue Menschheit beginne, doch der Rest war nicht Schweigen, sondern Hohnlachen der Verstehenden. Die Maschine habe das ganze Menschenwesen verändert? Chesterton predigt, alle Maschinen müssen zerstört werden, um das merkantile Zeitalter zu töten: was immer Technik bewirkt haben mag, jedenfalls nichts im Sinn von Aufwärtsbewegung. Einführung von Meerschiffen oder Pferden hatte relativ den gleichen Bewegungswert wie Eisenbahn und Luftschiff, Entdeckung Amerikas erweiterte den Horizont drastischer als drahtlose Telegraphie. »La matière derneure et la forme se perd« sang schon der alte Ronsard, das liest sich richtiger: jede Form verliert sich, der Stoff bleibt unverändert als Abbild des Unsichtbaren. Auch die Psyche des Erdballs bleibt eine Konstante mit Arbeitsteilung vom Moneron bis zum Normalmenschen, auch die Psyche des Alls vom Übermenschen (Genie) bis zum Erzengel (überirdische Kraftsumme), innerhalb dieser ewigen Einheit gibt es nur ein Unterscheidendes, Veränderliches und Entwicklungsmögliches: Individualität. Art, Rasse sind gleichgültige Begriffe, biologische Wichtigtuerei auch nur Milieuerzeugnis der Philisterdemokratie, alles Erhöhende stammt nur vom großen Individuum, Rasse und Masse bleiben nur Material für Aufrechterhaltung des Naturhaushalts für unsichtbare Zwecke. Doch auch das geniale Individuum jenseits der Masse und beim Prozeß des Schaffens jenseits des Sichtbaren bleibt ein unveränderter Typ, dessen Erzeugnisse nur die Form wechseln. Michelangelo war nicht genialer als die Urschöpfer von Skulptur und Malerei, Shakespeare nicht genialer als die sumerischen Dichter der Genesis. Was Evolution sein mag, ist nicht von dieser Welt und auf höheren Ebenen kann auch das Geistige sich nur relativ steigern; was verändert und evolutioniert werden kann, ist nur ethische Erkenntnis, doch nur Karmagesetz und Wiedergeburt ermöglichen solch transzendente Evolution, sonst müßte man auch sie verneinen. Die unsagbare Lächerlichkeit des Wahns, Wissenschaft reinige die Ethik, demaskierte sich in der Nichtswürdigkeit des sterbenden 19. Jahrhunderts, nachdem das internationale Zwischenreich bei Waterloo den Heldentod starb. Die Propheten des 18. Jahrhunderts waren Friedrich der Große, Goethe, Beethoven, Napoleon, Byron, die des 19. Jahrhunderts Darwin und Nietzsche mit dem Intermezzodichten Bismarcks und Wagners, wo der eine mit Blut und Eisen klirrende Prosa, der andere mit Operntönen mystische Erotik niederschrieb. Vergleichskommentar überflüssig, so evolutionierte sich die Menschheit. Das 16. und 18. Jahrhundert brachten Ausnahmeentladungen besonders zahlreicher Individualpsychen, nur Täuschung ohne Relativitätsperspektive meint aber, ihr Massenmilieu habe sich gehoben.

Das Wort Persona bedeutet ursprünglich Maske, Bühnenrolle, Antlitz: die Weisheit der Sprache stempelte also Ich und Äußeres so ab, daß hinter solcher Maske etwas anderes verborgen liege. Tritt diese Person aus dem Mutterleib, so scheint sie psychisch ein unbeschriebenes Blatt; was ewig wechselndes Leben darauf kritzelt und einätzt, muß billionenfach verschieden sein. Variation ist die natürlichste Erscheinung der Transformation, alle Varianten berühren nicht einheitlichen Grundstock der Arten, deren Ursprung aber von vornherein sich der Arbeitsteilung befleißigte, gleich wie das Moneron sich durch Teilung vermehrt. Das Prototyp von Vogel wie Mensch, ihre Idee, war schon im Protoplasma vorhanden und Übertritt in organisches Leben bedürfte keiner stufenweisen Entwicklung, die viel mehr Anforderung an Wunderglauben stellt als Annahme vielseitiger Schöpfung durch unsichtbaren Psychewillen. Jede Art kann jeweiliges Bedürfnis eines Weltgedankenganges sein. Jüngst entdeckte man in südamerikanischer Wildnis ein in noch manchen Exemplaren erhaltenes Urtier, von dem man nicht weiß, ob es zu Sauriern oder Mammals gehört. Warum starb dieser etwaige Pleosaurius nicht aus, warum evolutionierte er sich nicht wie das gleichalterige Riesenkänguruh, von dem man noch heutige Lebensspuren in Zentralafrika entdeckt haben will, in das heutige kleine Australiens, warum erhielt sich letzteres uraltes Beuteltier trotz Lemuriens Untergang, wo so viele Urtiere versanken? Wenn ein Urungetüm in Südamerika sich erhielt, indem es vor den Menschen in unbewohnte Gegenden flüchtete, so müssen alle gleichaltrigen Arten lediglich durch gewaltsame Erdkatastrophen vernichtet sein, ohne daß sie sich in irgendwelche andere Form umsetzten, also entstanden spätere Arten nicht aus ihnen. Nimmt man aber de Vries' »Mutation« durch revolutionäre Naturentladung an, so ist dies einfach ein willkürlicher Schöpfungsakt, genau so wie die Kirche ihn Gott zuschrieb, Entstehung des Menschen konnte rein spontan auf solche Weise erfolgen. Daß hierfür rudimentäre Grundzüge eines Uraffen benutzt sein könnten, entspräche nur dem gemeinsamen anatomischen Bauplan alles Lebens. Wir halten zwar Mutation nicht für unbedingtes Grundgesetz, sie ist so wenig beweisbar wie der Darwinismus, freilich mit dem Unterschied, daß de Vries wirklich etwas aus der Botanik dokumentieren kann, während Evolution niemals sichtbar beobachtet wurde. Wenn etwas so Erstaunliches wie die Mutationsbelege sich noch heute vollzieht, so wäre es nur logisch für ein Grundgesetz, das heute wirken muß wie vor Billionen Jahren. Dies widerlegt schlagend die Ausrede, Evolution vollziehe sich so langsam, daß ihr Stillstand in der ganzen historischen Zeit und darüber hinaus bis zum Neandertaler nichts besage. Wenn Mutation, etwas viel Wunderbareres, noch heute sich zeigt, dann müßte Evolution gleichfalls sich melden. Man will es nicht Wort haben, doch beruft sich der Biologe, da er keinerlei sichtbare Entwicklung im Tierreich bemerkt, unbewußt immer auf angebliche Menschenevolution. Dieser jeder Psychologie bare Wahn vergleicht leichtfertig das »dunkle« Mittelalter mit der Jetztzeit, als ob nicht die Antike vorangegangen wäre, die aber auch nur relativen Fortschritt über vorhergehende Semitenzeit darstellt, denn die Urrasse bis zum Sumerer war den Griechen relativ gleichwertig, wo nicht überlegen als Kulturgründer. Neueste Entdeckung in Los Angeles und eines Musterierjünglings vor 100+000 Jahren bekundet bedeutende Schädelform, was betretene Wissenschaft nicht mehr leugnet. Das Mittelalter aber schöpfte aus gewaltsamer Verstandesverdunklung durch Kirchendogmen andererseits eine Tiefe und Einheitlichkeit des Gemüts, die es zu großen Leistungen befähigte. Lange vor Newton oder Kant strebten Roger Bacon, Erigena, Duns Scotus; mittelhochdeutsche Poesie; Dante, Dome und Münster bereiteten Renaissance vor. Nur unverschämte Einseitigkeit mißt »Größen der Menschheit« nach technischen Erfindungen und Naturforschungen, die aber wahrlich den Alten nicht fremd waren. Sogar auf Aviatik verweist die Dädalussage. Selbst Denkerevolution fehlt völlig, man hält Kants Vernunftkritik für Original, dem Lockes »Essay on human Understanding« die solide Grundlage bot, doch Locke selber tönte im Grunde nur Lehren der Stoiker seit Zeno nach. Wenn heute Drews »Sternenhimmel und Religion« das Christentum als Astralmythos auslegt, so ist es unbewußt nur satter Erbe uralter Weisheit.

Schon unter Heinrich IV. soll deutscher Kultureinfluß überwogen haben, jedenfalls ging die Geistwissenschaft griechischer Mystiker zunächst auf die Deutschen über. Von der rationalistischen Anlage englischen Denkens abgesehen, konnte auch skandinavische Mystik sich nicht von kirchlichen Vorstellungen freimachen. Sahlinger 1901 suchte Swedenborg in Beziehung zu Herder und Goethes Morphologie zu stellen, das scheint ebenso willkürlich wie Steiners Anknüpfung an Haeckel, die er damit motiviert, Haeckel arbeite mit lebendigen Anschauungen, aber toten Begriffen. Von seiner Naturerkenntnis hätten »eigentlich nur die Bilder, die er hinmalte, Bedeutung«, was bleibt dann aber philosophisch von Haeckel übrig! Ebensowenig haben Herder und Hammann mit Swedenborg gemein, Hammann sieht alles als »Natur«, die aber den Samen des Ideellen in sich trage, Herder sagt ausdrücklich »kein Wort ist vieldeutiger als Natur«, sein Lebensbegriff geht auf Verarbeitung der Persönlichkeit aus, welche er weder wie Winkelmann bloß im Kunstsinn noch wie andere im Philosophischen, sondern ganz allgemein gestalten will. In solcher Hinsicht begrüßen wir auch Hefeles waghalsigen Versuch (österreichische Rundschau 1923), Schiller als »Denker« wieder lebendig zu machen, sobald man sich nur an die ringende Persönlichkeit hält. Diese behält ihr historisches Recht, so wenig sonst Schiller uns heute zu sagen hat.

Die englischerseits aufgetauchte These einer Auto-Central-Control des Hirnlebens kann nur Sinn haben, sobald man die Folgeerscheinungen des Hirnapparats als unwesentlich ausschaltet, denn mit ihnen verhält es sich nicht anders wie mit dem Blutkreislauf. Diesen betrachtete die Medizinphysik als Folge mechanischer Wirkung der Herzpumpe, wie man Atmen als Folge des Lungenblasebalgs, Stoffwechsel als Folge der Reibmaschine Magen, Ausscheidungen als Folge der Filtriermaschine Niere einstellte, ohne die vitalen Einflüsse organischer Bestimmung zu bedenken. Wir atmen nicht, weil wir eine Lunge haben, sondern die Wesen bilden sich Lunge, Kiemen oder Atmungsorgane der Pflanze, weil sie atmen wollen und müssen. Kreislauf der Säfte im Organismus ist das wahre Urphänomen, ohne welches keine Lebenserhaltung möglich wäre. Denn die gebrechlichen Außenwände der Zelle befinden sich in fortwährendem Absterben, »Leben ist verhindertes Sterben« (Kolisko), die Säfteströmung erfolgt überall bis zu den untersten Gebilden ohne wirklichen Motor. Daß der Kreislauf sich bei höheren Tieren eine Herzpumpe schuf, ist nur konstruktive Nebenerscheinung, Blutkreislauf entsteht aus der Polarität des Lebens, nicht durch mechanischen Druck, sein Pulsieren und Zirkulieren ist identisch mit den Bildungen des Nervensystems. Zwischen Sinnesnerven und Stoffwechselsystem vermittelt im Embryowachstum das Blut, das sich als selbständige Strömung der Venen offenbart (Hesebroeks Forschung 1914) und im ganzen Gefäßgewebe wirkt. Der Rhythmus entsteht durch Mitwirkung sämtlicher Organe, nicht bloß der Gefäße, denn jedes Bedürfnis eines Organs saugt das Blut an sich. Das lehrt die einfachste Beobachtung z. B. spontanen Errötens und Erbleichens. Drückt man dabei auf einen hydrodynamischen Knopf der Herzpumpe? Nein, Scham, Zorn, Angst erregen einen Aufruhr im Blute, der vom Gefäßkomplex der Nerven nach oben wallt. Dies ist also eine sog. Hirnvorstellung, die an sich nicht aus irgendwelchem Herzvorgang entsteht, aber mit Blut- und Nervenbewegung eins ist. Das Hirn selber aber wird vom Blut erzeugt und hört zu funktionieren auf, sobald die Blutspeisung aufhört. »Blut ist ein ganz besonderer Saft«, der Satz hat einen tieferen Sinn als er gemeint war: Blut ist nichts einzeln Besonderes, sondern die eine Hauptsache, das Lebensprinzip selber. Nicht nur Bewußtsein und Stoffwechsel, sondern jedes seelische Erleben ist Blut, jede Vorstellung wird nur durch Blut dem Hirn vermittelt. Schon Okens »Naturphilosophie« wußte, daß der Herzschlag nicht Ursache, sondern Folge des Kreislaufs. Jawohl, er benutzt eine von ihm selbstgeschaffene Herzpumpe nur als regulierendes Werkzeug ähnlich wie das Gehirn. Jede Bewegung im Organischen hat eine einzige unsichtbare Ursache, die sich eines unfaßbaren Nervenfluidums bedient. Beschaffenheit des Blutes entspricht der Beschaffenheit des psychischen Faktors. Das Herz ist so wenig selbständig wie jedes andere Organ, es hängt z. B. von Lungenatmung ab, Blut aber ist der unabhängige Träger des Lebens und wird ausschließlich gelenkt vom geheimen Unsichtbaren der Psyche.

Mit Wundts Erfahrungspsychologie ist dem Komplex bewußter Täuschung und eingeredeter Selbsttäuschung nicht beizukommen. Seine »Hegemonie der Zwecke« verbindet sich sonderbar mit Schopenhauers blindem Naturwillen. Die Natur gehe erst durch willkürliche Handlungen des Individuellen in Kultur über? Willkür der Individuen gibt es nicht, ihre kausal bestimmten Regungen sind immer Natur und wie soll hier der Begriff Kultur definiert werden? Außenkultur, d. h. Zivilisierung, entsteht durch Anpassung der Masse, wobei umgekehrt die Individuen vom Milieu mitgerissen werden. Meint aber Wundt individuelle Eingriffe der Genialen, so ist deren in der Masse verschwindende Ausnahmeart nicht imstande, allein eine Kulturgesellschaft zu gründen. Pythagoras gründet eine Schule, nicht eine Kultur, obendrein ist niemand mehr »Natur« als der antikonventionelle Geniale. Deshalb scheint absurd, eine zehnbändige »Völkerpsychologie« aus Naturlauten und Sprachgefühl der Wilden herauszuhören. Die Psyche einer Nation wird immer schärfer herausgearbeitet, je verfeinerter ihre wachsende Tradition. Die Gallier hatten wohl Grundelemente des Franzosentums, doch erst heute kann man mit einer französischen Nationalpsyche rechnen infolge angesammelter Masse jahrtausendlanger Eindrücke. Als Segest Tochter, Enkel, Schwiegersohn an den Landesfeind verriet, lieferte er schon typischen Beitrag vom deutschen Wesen, doch daß Kleists Hermannsschlacht den deutschen Nationalcharakter so umfassend zeichnete, verdankte er eben nur langer Geschichtserfahrung. Um den Franzosen richtig zu umschreiben, muß man die lange durcheinanderlaufenden Adern des Gallischen und Fränkisch-Burgundischen sezieren, Kobold Lafontaine neben Zeremonienmeister Racine sehen, während Chateaubriand schwerlich von den Druiden für seine »Märtyrer« profitiert hätte.

Der vielgeschäftige Wundt, für Universitätler natürlich »ein König des Geistes« (!), offenbart nur die Unfähigkeit, in Unerklärbares Gesetze hineinzudiktieren. Diese Wichtigtuerei geht an allem Telepathischen vornehm vorüber, begnügt sich mit Einteilung in »Elemente« und »Komplexe«, doch muß »psychophysischer Parallelismus« wenigstens zugeben, daß aus Körperlichem nur Körperliches wird, daß wohl Körperliches dem Seelischen parallel läuft, nicht aber Seelisches dem Körperlichen, wie Spinozas Substanz voraussetzt. In psychischer Kausalität walte »schöpferische Synthese«, Wachstum der Energie, physische Verbindungen arbeiten mechanisch, psychische »schöpferisch«. Dies starke Adjektivum kann leicht mißverstanden werden. Eigenartig berührt die durch Wundt bewirkte Teilung von Naturforschung und Psychologie, denn diese Trennung der Beobachtungssphäre hebt schon das Grundgesetz jedes Materialismus auf, die Identität von Physischem und Psychischem. Wundt nennt sein Gebiet Erfahrungswissenschaft, erklärt also nur das Psychische im Gegensatz zum abstrakten Naturforschen als konkret tatsächlich. Das wäre ganz recht, wenn er sich nicht von Fechners Psychophysik abgewendet, das Unbewußte geleugnet, die Bewußtseinsstände mit allerlei Messungen beglückt hätte. Solcher Halbmaterialismus kommt gerade in der Hirnanatomie zu Fall. Der Neger hat nur etwa 100 g weniger Hirnsubstanz als der Engländer, dessen Durchschnitt mit 1534 ccm sehr übertrieben wird. Der weit geringere Schädelumfang vieler bedeutenden Männer (Leibniz usw.) beweist aber schon die Hinfälligkeit bloßer Gewichtstheorie. Nicht mal hilft die Korrektur, daß nur das relative, nicht absolute, Gewicht entscheide: Wenn Verhältnis von Gesamtkörper zu Gehirn beim Tier meist 100:1, beim Menschen 36:1 beträgt, so übertreffen viele Singvögel und südamerikanische Äffchen mit 13:1 das Menschenmaß weit. Auch liegt strukturelle Hirnverbesserung beim Menschen so wenig vor, daß laut Brocas Gräberfunden der Pariser von 1850 tief unter dem von 1150 stand.

Letzte Behauptung: Die Furchen der »Konvolutionen« im Hirn bestimmen dessen Kraft? Diese sind aber nichts Gegebenes, beim Kind viel weniger vorhanden, sondern bereits Folge von angewandter Energie. Individuelle Beschaffenheit der Gehirnsubstanz, unabhängig vom Gewicht, mag darauf Einfluß haben, doch dieser individuelle Energieprozeß entzieht sich jeder Betrachtung. Warum hierbei der bewegliche weibliche Intellekt für geringeres Gewicht große anderweitige Kompensationen erhält? Ein Narr wartet auf Antwort, doch nur ein Narr leugnet, daß hier unsichtbare Energiefaktoren wirken, für die jedes Maß fehlt. Die Ausdehnung der »Seele« durch den ganzen Organismus scheint ein genaues verkürztes Miniaturabbild der Elektronenbeseelung des Alls. Wie das Warum-Darum der Notwendigkeit hüllt sich auch das Warum und Wie geistiger Betätigung in undurchdringliches Dunkel. Für unsichtbare Vorgänge sind Analogieschlüsse aus Körperbewegungen unzulässig, die alten Jäger konnten ihr erfinderisches Hirn nicht trainieren wie ihre Muskeln und keine Pflege eines Denkapparats könnte je schöpferische Genialität oder telepathische Kräfte erzeugen. Weil man sturmfrei schlecht verteidigte Außenforts der alten Scholastik erstürmte, muß man nicht Berennung der uneinnehmbaren Zitadelle ausprahlen. So konfus zupft der Evolutionist am verworrenen Garn, daß Vogt zuerst mit Recht über Bischoff spottet, ein Idiot solle kein Mensch sein, dann aber plötzlich selber den hilflosen Idioten für ein Zwischenglied von Mensch und Affe hält. Der Schimpanse verbittet sich das, da er alles eher als idiotisch den Kampf ums Dasein führt, sondern höllisch aufgeweckt. Daß es sich bei Mißgeburten lediglich um »Miscarriage« lebensunfähiger Organismen handelt, zeigt das rasche Ableben geborener Mikrozephalen. Naturspiele sind kein »Rückfall«. Daß einer zerstörten Intelligenz ein Ichbewußtsein fehlt, ist unglaubhaft, jedes Lebewesen setzt eine Psyche voraus, und da die organischen Funktionen des Idioten menschliche sind, so darf man ihn ebensowenig wie den Genialen vom Menschentum ausschließen. Auch Telepathie ist nur Abstufung von Genie, wo Hellsehen und Seelenlesen zum Gestalten gesteigert.

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