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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 7
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2. Das Unwirkliche des Wirklichen.

I

Bergsons und seines Schülers Grandjean Vorwürfe gegen die Vernunft berücksichtigen nicht die radikale Ungleichheit der Anlagen, so daß man von allgemeinverbindlicher Menschenvernunft kaum reden darf. Bergson griff eigentlich nur den Verstand an, Grandjean das, was er Vernunft nennt, wobei er Begriffsschnitzler wie Spinoza meint. Plato, Bruno, Kant stehen auf anderer Stufe, obwohl Kants »praktische« keine »reine« Vernunft sein will. Kuba ist das einzige Tropenland, wo keine giftigen Schlangen und Insekten gedeihen: Gibt es Lande der Psyche, wo keinerlei Unvernunft regiert? Zweifellos das Reich der Genialität, doch Bergson und sein Schüler bestreiten, daß hier Vernunft arbeite, sondern nur Intuition, die sie streng davon unterscheiden. Sind Intuition und inspirierte Vernunft zu trennen? Was die Inder den höheren Manas nennen, kann kein Gegensatz der Vernunft sein. Allerdings läßt sich die Wirklichkeit, die hinter den Dingen steht, nur mit der Vernunft, die hinter dem Verstande ahnt, innerlich wahrnehmen. Das von Chamberlain gepriesene Nach-Außen-Schauen hilft zu nichts, richtig betont Grandjean, daß wir jedes Ding einseitig, einförmig, als Festbegrenztes nebeneinander sehen, was es notwendig nicht sein kann, und auf diesem Falschsehen Schlüsse aufbauen, so daß jede äußere Logik täuschen muß. Er übersieht dabei noch, daß der einseitig entwickelte Gesichtssinn (Tast- und Geruchsinn verkümmert, Hörsinn mangelhaft) wiederum sehr ungleich ist. Immerhin muß das Schauen des Sichtbaren so verschieden sein wie die Augen selber, allen gemeinsam nur das Nebeneinandersehen. Man versuche einen größeren Komplex anzuschauen, diese Probe wird jeden überzeugen, daß man nur einen bestimmten beschränkten Punkt des Gesichtsfeldes gleichzeitig sieht. Das Nebeneinander wird notwendig ein Nacheinander, so daß unsere Erfahrung sich aus lauter zeitlich und räumlich getrennten Bruchstückssteinchen zusammensetzt. Ist richtig, daß genau Gleiches beim Innern Schauen zutrifft? Mehr als ein Objekt und einen Gedanken kann man nicht gleichzeitig erfassen, doch genügt dies, um der Vernunft jede Fähigkeit des Erkennens abzustreiten? Wohl für gewöhnliche Verstandesprozesse, doch jede Denkervernunft gerät unwillkürlich in tranceartigen Zustand, wo sie alles mit einem Blick zu überschauen sucht. Der ernstlich Nachdenkende erblindet sozusagen für die näheren Objekte, seine gewöhnliche Wahrnehmung stumpft sich ab, während er überlegt, so befindet er sich auf dem Weg zur Intuition, die Bergson und Grandjean allein als großgeistig anerkennen. Das begrüßen wir an sich als Anerkennung des Schöpferisch-Geistigen im Vergleich zum trockenen Gelehrtenverstand, aber leiten aus obiger Betrachtung ab, daß Intuition und Vernunftdenken nur graduell verschieden sind, d. h. aus Letzterem die Erstere aufblitzen muß. Denn der intuitive oder gar inspirierte Zustand, »des Dichters Aug' in schöner Verzückung rollend« (nicht »Wahnsinn« wie Schlegel mal wieder falsch übersetzt) zeichnet sich dadurch aus, daß die Konturen des tagläufigen Gesichtsfeldes verschwimmen, das Einzelne nicht mehr unnützes Aufmerken erregt und so Erweiterung des Sehkreises gleichzeitiges relatives Allsehen verbürgt. Arsène Houssaye sagt von Musset: »Was ist Genie? eine Stunde Betäubung am Rand eines Abgrundes. Die das Absolute begehren, für die ist alles gut, was sie aus sich selbst heraustreibt.« Doch die Vielzuvielen sehen weder den Abgrund noch begehren Absolutes und doch verbringen sie ihr Dasein in chronischer Betäubung der Materietrunkenheit, »der Mensch, weil vernünftig, muß sich betrinken« höhnt Byron. Vielmehr möchte gerade der Geniale unbetäubt Abgründe überfliegen, nimmt aber wahr, daß sie überall und nirgends sind in ihm selber wie im Allgott, der immer gewaltiger und doch immer verschwindender wird, je mehr sich beflügeltes Denken ihm nähert.

Für Pythagoras bedeutete sein »Kreis« die Einheit der Gottsubstanz, sein »Punkt« darin die Monade, sein Dreieck die Gleichung von Geist, Materie und ihrem Sprößling Welt. Aristoteles verflachte dies in Linie, Form, Körper, doch wenn die Kabbala den Raum als substantielle Wesenheit erfaßte, so stand auch Demokrit dieser Urdenkweise keineswegs fern. Moderne legen alles in ihrem Sinne grob buchstäblich aus, wie z. B. Hatha Yoga »die Kunst willkürlichen Atmens« falsch wörtlich verstanden wird, während es innerlichen Geistatem der Selbstbeherrschung bedeutet. Sie hatten es freilich schwer, sich aus mittelalterlicher Scholastik herauszuarbeiten, die einige Reste von Grundwahrheiten so durch Kirchendogmen filtrierte, daß nur ein schwächlicher Abguß übrig blieb. Descartes mit seinem Korpuskularplenum blieb ganz Dualist, für Leibniz' ätherisches Plenum sind Atom und Element geistige Wesen, deren Natur das Wissen, Spinozas untätige Substanz wird ihm Energie, doch die Monaden bleiben ihm unkörperliche Automaten (Entelechien wie bei Aristoteles), während doch alle Teile einer tätigen Substanz Energien sein müssen. In Hegels vernunftgeschwängerter Welt ist alles einer universalen Existenz untergeordnet, ihr dienstbar und Werkzeug zu ihrer Entwicklung, doch zu welcher? Wieviel klarer und gesunder schreibt der alte Plutarch: »Eine Idee ist ein unkörperliches Wesen, das an sich selbst kein Dasein hat, doch der gestaltlosen Masse Figur und Farbe gibt und so Ursache der Offenbarung wird.« Denn Ideengeist im All kann als ursächlich gedacht werden, substantielle Existenz nur als bestehende Wirkung, die nichts erklärt. Der Psychophysiker G. Th. Fechner (»Zendavesta«, »vom Leben nach dem Tode«) meint, daß alle Gestorbenen noch als die gleichen Individuen in anderen Lebenden fortdauern, Wundt empfiehlt diese Phantastik, während er und Fechner die »Seelenwanderung« phantastisch nennen! Hört man dies unbeholfene Wort Seelenwanderung, so weiß man schon, welch unwissende Vorstellungen die Karmalehre in europäisch Verbildeten annimmt. (Unendliche Oberflächlichkeit in solchen Dingen! Der große Orientalist M. Müller verwechselt Vedanta mit Buddha, der große Sanskritkenner Rys Davids Buddha mit esoterischer Geheimlehre.) Wir kommen also wieder zum Doppelich, dem des Lebenden und des Verstorbenen, der sich ihm zugesellt, abstruser Dualismus. Rationalist Spencer führt aber auch mit vollen Segeln in die hohe See der Spekulation, wo alles, was als feste Säule des Herkules aufragt, weggeschwemmt wird von einem Meer unergründlicher Elemente »unter Bedingungen, die hervorzubringen die Chemie nicht imstande war«. Als den einzigen ehrlichen systematischen Denker schätzen wir den Metachemiker Crookes. Für ihn sind Wasser-, Sauer-, Stickstoff keine heilige Dreifaltigkeit, er verleugnet die 64 Elemente für einen Grundstoff, seine »Genesis der Elemente« predigt, daß Molekülen nicht an und für sich bestehen, sondern, durch unbekannte Prozesse aufgebaut, nach ihrer Auflösung alle die gleiche Substanz zeigen, wie Silber eines Fünfschillingsstückes im Schmelztiegel, das darin jede Prägung verliert und doch Silber bleibt. Dies entspricht dem okkulten Verstehen, daß Kraft und Stoff nur zwei Seiten derselben Erscheinung sind. Die Urquelle bildet Spiegel aus den Atomen und wirft auf jedes »einen Spiegel des eigenen Angesichts«, d. h. Silberstoff und individuelle Prägung sind beide nur Abbilder von etwas, was in keinem Schmelztiegel vergeht.

In veränderte Wahrnehmung jenseits der Bewußtseinsschwelle nehmen Durchschnitts-Iche unverändert sich selbst hinüber. Ihre Beschränktheit offenbart sich gerade in ihren Hoffnungen, wo man in Walhalla pokuliert, himmlische Jagdgründe durchstreift, sich der Huris erfreut oder stracks als psalmsingender Engel davonfliegt oder aber im Grabe traumlos für immer schläft, eins so unmöglich wie das andere. Jedenfalls kann ein Jenseits für »fleischlich« Gestorbene nichts anderes sein als Kehrseite bisheriger Wahrnehmung in unfleischlicher Umgebung bei genauer Fortsetzung bisherigen Trachtens. Die von Helmholtz hervorgehobene konstante Arbeitssumme im All bleibt stets an gleicher Stelle wie das Meer mit Ebbe und Flut, deren Vor- und Rückstoß die Brandungswogen noch immer auf dem nämlichen Platze läßt. Beständigkeit der Art erlebt auch jenseits keine plötzliche Evolution, sie vollzieht sich nur im Unsichtbaren durch lange Reihe von Wiedergeburten, die langsam Aufstieg oder Abstieg erzielen unter Ausgleich hemmender oder fördernder Milieuform. Auch hier »macht die Natur keinen Sprung«, Schulze bleibt noch lange Schulze, sein Abstand von Leonardo wird durch keine Jenseitigkeit vermindert, der jenseitige Leonardo bleibt ein Geisterfürst höherer Sphären im gleichen Verhältnis wie er es im Leben war.

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