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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 65
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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V

Ein Elefant würde Gott einen weltumspannenden Rüssel verleihen, Plato prophezeite einen Menschen, in dem die Idee sich leibhaftig mache, Kingsley meinte, Gott habe sich mal als Christos internieren müssen: so einseitig bleibt jede Dogmatik des Religiösen, wenig verändert bei Christ und Nichtchrist. Die Diana der Epheser war so wundertätig wie ein Lorettobild, Kybele-Korybanten entmannten sich so brünstig wie Herrnhuterekstase, Pilgern zu Buddhas Fußspuren gleicht Wallfahrt zum heiligen Rock von Trier. Kardinal Newman »Apologie« verzweifelt: die Schlechtigkeit der Welt strafe Gott Lügen, dessen er doch so sicher sei wie seines eigenen Ichs! Bist du dessen so sicher? Solche Identifizierung möchte Gott als Hausknecht der kleinen Erde anstellen und gibt den Herren von der Wissenschaftscouleur noch einige Points der Selbstanbetung vor. Denn so wenig Professorenweisheit Weltwirklichkeit, so noch weniger die Menschheit schon »die Welt«, ihr kann die Kirche nicht Gewalt antun. Strauß rühmte 1839 Schleiermachers »Freihalten des Ichs«, als ob ein kirchlich gebundenes Ich frei sein könnte. Vom Leipziger Allerlei, Mixed Pickles und Hors d'œuvres moderner »liberaler« Theologie behält man erst recht einen leeren Magen, heute unterhält sie sich nur historisch, wie dies oder das Konzil den Heiligen Geist auffaßte, was bei solcher Geistverlassenheit seine Schwierigkeit hatte. Als Absud dieser ollen Kamellen bekommen wir, daß Pelagius sich »von Gott zu befreien« hoffte! Alles Kampf um den grauen Bart eines amtlich beglaubigten Gottvaters. Gerade der Schulzeglaube erzeugt als natürlichen Sohn den Atheismus. Jesus als Pater profundus lehrte gemeinsames Vaterland der Allethik, doch »Handel folgt der Flagge«, jede Staatskirche dem Rassebedürfnis, Zeus war nur griechische Ästhetik, der kapitolinische Jupiter nur Romimperium, das die Peterskirche in internationale Theokratie verschleppte, all solche »Religion« ist nur Soziologie. Weil heute Schulze über einmaliges Sichtbarwerden des Göttlichen am See Tiberias lachen muß, so ist ihm die »Religion« erledigt, denn tausendfältige göttliche Spannung in so viel anderen Genien ist ihm keine Offenbarung! Alles zieht er in den Staub, wo seine Schuhe waten, heute legt Professor Nebelstreif wie früher der Papst dem störrigen Pöbel die Trense an, Strohfeuer aus falschen Akten und Fakten soll und muß ihm als Sonnenschisma des Unglaubens leuchten. Doch auch hier noch Nebeldunkel. Denn man ist kein Apostata, wenn Julians Sterberede einem regelrechten Glaubensgebot gleicht, man ist kein Antichrist, wenn Oberkonfusionsrat Nietzsche mit Oberkonsistorialrat Feuerbach bekennt, das Leben sei »durchaus göttlicher Natur«! Amenhotep sang seine Sonnenhymne aus so freier Seele wie San Franziskus, umsonst möchte man Gott diktieren, wie man zu ihm eingeht, Wahrheit ist ein aalglatter Proteus, der dem Ketzer so leicht entschlüpft wie dem Pfaffen. An passiver Ergebung kann Gott so wenig liegen wie am »eitlen Wahn der Eigenart« (Thomas a Kempis), gegen geopfertes Lamm als Christsymbol sträubt sich alles Vornehme, Heldenlöwen lassen sich nicht damit über einen Leisten schlagen. »Wer nichts begehrt, nichts hat, nichts weiß, nichts liebt, nichts will«, gleiche Gott, der »nichts sucht und will«? Solch Cherubinische Dynamitverpackung machte Silesius oft verletzend. Gott sucht und will Selbstveranschaulichung, sein Beruf ist ewige Schaffenstat, kann also hinüberfliehende Ohnmacht des Tatverzichts das »höchste Gute« sein?

Einfache Kosmosharmonie der Vorsokratiker bestritt Parmenides, doch Heraklits Identität von Harmonie und Disharmonie (Houwald 1925) fügt sich schon wahrem Monismus ein. »Schwinden der Erscheinungswelt ist transzendent Aufrichtung der Welt der Dinge in sich und ihrer Harmonie« urteilt Berndl über die Samkhyalehre, deren dualistische Verfälschung durch vedantistische Umbildung er gegen Garbe verficht. Doch das Wesentlichste bleibt hier, daß kein Stoff-Praktiri ohne Geist-Puruscha überhaupt bestehen könne, daß »Urmaterie« nur immaterielle Grundform bedeutet, daß unendlich viele Geister die wahren Weltkonstituenten sind. Selbst wenn man alle vedantistischen Seelenbegriffe hinauswirft, bleibt dieser Vor-Buddhismus streng antimaterialistisch, weil er nur den Grundcharakter der Dinge-an-sich als real, frei, ewig anerkennt, diese Ethik unterscheidet sich nicht vom allgemeinen indischen Grundsatz: »Der Seele Taten im früheren Dasein müssen gesühnt werden, Stätte der Sühne zu sein ist die einzige Bedeutung der Welt« (Deussen). Berndl meint, Notwendigkeit gehöre nur der Erscheinung an, doch da diese nur Ausdruck des Unsichtbaren, herrscht gerade jenseits von ihr erst recht das Ewig-Notwendige. So führt gerade unbedingter Monismus zu unbedingter Transzendentalität, jede Abweichung davon entgleist entweder im unverständigen Dualismus oder in noch unverständigerem Materialismus, der im Sichtbarkeitsstoff eine Einheit hineindichtet, deren Vorhandensein alle psychischen Phänomene ausschließen. »Für das Gemüt ist Phantasie die Haupttätigkeit« (Feuerbach), doch wie phantastisch denkt sich Haeckels Verstand »blinde zweck- und planlose Naturkräfte«, die durch »Willkür« den großen Haeckel schufen! Wenn Darwins Abhandlung über Regenwürmer permanente Charakterisierung des unscheinbarsten Geschöpfs für besondere Aufgabe festlegt, so ist dies nur krauser Umweg zur Teleologie sorgsamer Zwecke und Endzwecke.

Jeder Sterbliche muß eben die ihm lebensnötigen Kausalfunktionen Zeit und Raum erst selber wieder erwerben (ein geheimnisvoller mechanisch unklärbarer Vorgang), der Lebensprozeß rückt also nie von der Stelle, beginnt immer von vorn am gleichen Fleck! Laut Lodge ist Leben ein ganz anderes Prinzip als Kraft und Stoff, laut Arrhenius hatte es keinen Ursprung in der Zeit. Es muß also mit einem andern Weltprinzip in Verbindung stehen als der sogenannten Materie, nämlich einer hoch über Kraft und Stoff thronenden Ordnung. Die Schwangerschaft der »Ideen« kann nur indisch durch »Gottesatem« (Atman) erklärt werden. Eine ausgeschiedene Gehirnsekretion (Büchner, Moleschott) ist ebenso kraftstofflich phantastisch wie ein anatomischer Sitz der Seele (Descartes' kostbare Zirbeldrüse), und die Psycho-Physiologie (Mach, Wundt) verneint kleinlaut jeden Zentralnexus der Hirnganglien, die »Seele« flüchtet neckisch vor Naseweisen, verflüchtigt sich durchs ganze Nervensystem (richtiger gesagt: durch die organische Lebensgestalt), wie es ja bei Elektronen nicht anders sein kann. »Der Wind weht, man weiß nicht, von wo er kommt und wohin er geht.« (Auch dies christliche Gleichnis für den heiligen Geist der Ideenschauung stammt wörtlich aus den Upanischaden.) Diese physikalisch erkannte und mathematisch bewiesene stofflose Elektronenseele kommt aus dem Äther und kehrt dahin zurück, um sich erneut einer andern Lebensgestalt anzupassen. Das ist notwendig ihr Wesen, eins folgt aus dem andern. So drängt sie sich jedem auf, der indische Weisheit fortsetzt. Doch das Gesetz der Anpassung »des immateriellen Lebensprinzips« (Kant) an die »Natur« legt noch feinere Rätsel vor. Wir wählen dafür ein von uns gefundenes Beispiel.

Bekanntlich ist Begrünen der Wälder und Wiesen nur Aufspeicherung von Sonnenlichtern, dies wirkt wohltätig auf Sehkraft und Nerven! Wer schuf dies Phänomen zugunsten des Menschen? Er selbst durch Anpassung, da selbstredend das Grün nur von ihm als Grün gesehen wird, oder die Natur aus Wohlwollen? Wohl wird der Evolutionist frischfröhlich schwärmen, der Mensch besitze die Macht, seine Augenlinse so einzustellen wie ihm beliebt. Das führt logisch zur »Welt als Vorstellung des Ich« und macht jedes objektive Naturforschen illlusorisch, da dann das Naturbild nur vom Menschenwillen abhinge. Diesen Größenwahn verbittet sich der Transzendentalist genau so wie der Materialist. Hält hingegen der Deist alten Stils dies wohltätige Grün für freie Schenkung der Natur, so stecken wir in schönster Theologie, wo Gott sich höchst persönlich ums Wohlsein seiner Menschenkinder müht! Das Naturerscheinungen expreß für uns erfunden und zugestutzt werden, gehört zu anthropomorphischem Wahnwitz, der Jehova für Josua die Sonne stillstehen läßt. Die Lösung kann also nur sein, daß Ich und Natur sich in die Hände arbeiten, beide gleichzeitig das Grün als passend wollen. Logik: die innere Einheit alles Seins. Haeckel erklärt das Grün vieler kleiner Vögel, Insekten, Strandfische auf Ceylon mit der Mimicry, diese Geschöpfchen befehlen wohl auch das abnorme Floragrün der Insel für ihre Selbsterhaltung gegen etwaige Feinde? Abgesehen davon, daß dortige schwarze Affen, die doch auch zum Verstecken Anlaß hätten, nicht grün anlaufen, hat die Sonne auf Ceylon abnorme Lichtfülle, selbst das Strandwasser abnorme Wärme. Da Grün aufgefangenes Licht ist, zeigt also Ceylon selbstverständlich abnormes Begrünen, was sowohl die Flora als die im Licht badende kleinere Fauna grün färbte. Die Anpassung erfolgt nur von außen, das Licht paßt sich dieser Färbung an, nicht die Geschöpfe sich der Naturerscheinung. Indessen drängt sich sofort jene andere Betrachtung auf. Sobald man sich vom ungebildeten Mechanismus lossagt, erkennt man sinnvollen Zusammenhang bei individueller Willkür psychischer Emanation. Das Schauen des Grün als Grün ist subjektiver Akt bestimmten Sehvermögens, bei dessen Verschiebung die Farbe anders ausfallen könnte. Nun tut Grünsehen der Bäume und Wiesen den Augen und Nerven wohl, der wahre Sehnerv arbeitet aber unsichtbar im Hirn und muß daher erst den Wunsch des Grünsehens hegen. Bei solcher Zwecksetzung fragt sich, wie oben gesagt, wer uns die Wohltat verschafft, die Natur oder wir uns selber. Daß die angeblich mütterlich besorgte Natur, bloß um dem Menschen zu dienen, die Lichtumsetzung in Grün schuf, wäre um so unverständlicher, als es ein objektives Grün gar nicht gibt. Daß aber umgekehrt die subjektive Farbenempfindung von sich aus die Macht hätte, die ihm subjektiv zuträglichste Farbenskala auszusuchen und der Natur aufzuzwingen, glaubt wohl kaum der radikalste Anpassungsgläubige, der ja doch sonst objektive Allmacht der Natur voraussetzt. Dieser Widerspruch zweier gleich unmöglicher Annahmen reizt zur metaphysischen Deutung, daß auch hier kein dualistischer, sondern einheitlicher Prozeß vorliegt. Die Natur muß etwas in sich bergen, was wir als Gesetz des Entgegenkommens formulieren wollen. Die Selbstheilungskräfte des Körpers fallen unter gleiche Kategorie. Im Physikalischen nachweisbar, regiert dies auch auf der psychischen Ebene, sonst könnte kein Weltbild von anscheinender Richtigkeit zustande kommen.Naturforscher denken ja so naiv, daß Francé in seinen reizvollen Waldbildern den Baum lobt, weil er sich für sein Grün rote und gelbe Bestrahlung aussuche – ohne zu bedenken, daß es weder Grün, Rot, Gelb, noch Strahlen an sich gibt, sondern nur unsere Nervenschwingung, auf die der gute Baum wohl kaum Rücksicht nähme! Oder doch durch supramaturelle Mitarbeit bei feinen Pflanzenpraktiken? Aus diesem entgegenkommenden Wohlwollen und gegenseitiger Deckung psychischer Vorstellung und Materiebedingtheit keimt subjektiv-objektive Übereinstimmung.

Die Darwinische »Anpassung« deutet dies Urgesetz nur mit anthropomorphischem Trugschluß aus. Besondere Grünfärbung der Fauna auf Ceylon dem besonderen Grün der Flora angepaßt? Gibt es dort nicht auch genug Tiere anderer Färbung, überhaupt grüne Vögel, Fische, Insekten ähnlich oft auf Erden? Wo sie vorkommen, hat Lichtreichtum sich gesetzmäßig in Massengrün für unser Auge umgesetzt. Selbst Ceylons Küstenwasser blitzt von scharfen Sonnenstrahlen, so daß Fische wie Waldvögel und Insekten ganz natürlich für unsere Sehnerven Grün ansetzen. Somit liegt keine eigene Anpassung der Fauna vor, sondern nur Anpassung der dortigen Natur an unser Auge, das die sonst unerträgliche Lichtbrechung als Grün empfindet. Ähnlich steht es offenbar bei jeder Tierfärbung, die anscheinend ins Kolorit von Wald oder Steppe übergeht und sich so dem Blick des Jägers verbirgt. Daraus auf absichtliche Verwandlung zum Zweck des Verbergens von Seiten des Tieres zu schließen, ist lächerlich, denn es kommt ja dabei gar nicht auf das Tier, sondern auf das menschliche Auge an, dessen Farbenillusionen doch wahrhaftig das Tier nicht kennen kann. Will man also in dieser Sinnestäuschung einen vorbedachten Zweck suchen, so könnte nur die »Natur« selber wohlwollend den Tierschutz besorgen als persönliche Vorsehung, etwa mit der Absicht, eine Tierspezies vor unzweckmäßiger Ausrottung zu behüten. Die abstruse Vorstellung eines bewußten Tierstrategems bei Farbenanpassung entstand nur durch Mangel philosophischen Denkens, das kindlich übersieht, daß die von uns gesehenen oder nichtgesehenen Farben ja an und für sich gar nicht da sind, sondern nur von uns subjektiv empfunden werden.

Jedes Sichausleben-im-Geist bedingt Entgegenkommen der Ätherquelle, jeder Psychevorgang wird sich Endzweck im Vertrauensverhältnis zum Unsichtbaren, Gebetskontakt schafft Krafterhöhung, die eigenen ausgesendeten Strahlen rufen Zuströmen sittlicher Beruhigung hervor, Gott hebt so seine Außerweltlichkeit auf, wenn man »an seiner Sphäre lang gesogen ...« Berufstheologie verhunzte Luthers Denken, das so viel verdarb, doch seine ursprüngliche Tiefe verraten die Sätze: »Wie du dich kehrst und wendest, also wendet und kehrt sich Gott.« »Wie du ihn glaubst, also hast du ihn.«

Die innere Einheit der äußern Zweiheit Subjekt und Objekt hat aber nichts mit Haeckel-Monismus gemein, der nur noch ein Objekt gelten läßt, erkenntnistheoretisch geradeso ein Unding wie der umgekehrte Subjektivismus. Als ob ein Spiegel an und für sich nicht da sei, sondern Glasform und Lichtbrechung erst vom Ding empfinge, das sich in ihm spiegelt! Der Spiegel ohne gespiegeltes Ding ist immer noch da, wäre freilich blind und zwecklos, das Ding aber umgekehrt desgleichen Null ohne Selbstspiegelung. In solchem Sinne wären, transzendental betrachtet, Spiegel und Ding beide nicht mehr da, weil ohne Bewußtsein. Indessen ist das Ding (All) auch dann unzweifelhaft da, selbst wenn alle Spiegel zertrümmert würden, und der Spiegel (Ich) wäre immer noch vorhanden, selbst wenn alles zu Spiegelnde vor ihm verlöschte. Letzteres bestreitet der Materialist, weil das Bewußtsein nur durch Apperzeption der Alleindrücke bestehe, doch gilt dies etwa fürs Unbewußte, für die Energetik der stofflosen Elektronen des Lebensprinzips? Auch gleichen solche Spitzfindigkeiten der Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Denn da das Lebensbewußtsein ein Teil des Alls, so hat es das gleiche dauerhafte Dasein wie das All. Deshalb schafft das Leben, wenn Milliarden Einzelspiegel verdunkeln, wieder neue Milliarden Spiegel. Denn Gesetz und Ursprung der Spiegelung ist das unsterbliche Licht, das sich einfach andere Formen der Lichtbrechung (siehe als Gleichnis den Wasserspiegel) schüfe, wenn die bewußte Spiegelform nicht da wäre. Sie würde sich statt des animalischen Ichs einem andern, vielleicht der Pflanzenpsyche verwandten Lichtreflex öffnen. Ding und Spiegelung sind also untrennbar eins, beide nur Teilerscheinungen der ewigen Notwendigkeit, in welcher sich das Ganze verbirgt. Genau so wie das Ding (All) ist, muß auch sein Spiegelteil (alles bewußte Leben) sein. Dies erhebt Sinn und Wert des Lebens ins Unzerstörbare, verleiht ihm eine unverkennbar ewige Aufgabe und unsterbliche Bestimmung. »Wir schauen hier im Spiegel in einem dunkeln Wort, einst aber von Angesicht zu Angesicht.«

Beide, das Bewußtsein des organischen Lebens und das All, dienen sich gegenseitig als Spiegel, um sich anzuschauen, »Gott« stellt sich als »Welt« dar, um seiner selbst bewußt zu werden. Diese unheimliche Wahrheit einer absoluten Allverknüpfung durch ständige Wechselbeziehung innerhalb der Allseele begründeten transzendentalen Monismus. Reflex des Alls, die Verschiedenheit der Iche im Schauen, ist nur verschiedene Lichtbrechung der Beziehungen, relativ und karmisch bestimmt, je näher oder je ferner wir dem Zentrallicht rücken.

Fort mit dem mechanistischen Spuk vom Untergang des Abendlands, als ob geist- und herzlose Zahlenperioden den Faden der Geschichte an der Spule abschnurren ließen und nicht unerschöpfliche Kräfte eines lebendigen Gottes den Teppich der Wiedergeburt webten! Sprach man von Untergang des Morgenlands, weil in Volneys »Ruinen« die Kanonen Bonapartes und Clives hineinbrüllten? Über den Sonnentempeln von Palmyra und Heliopolis, über den Grotten von Ellore und Chinas Pagoden strahlt die alte Sonne und weckt den schläfrigen, doch nie entschlafenen Riesen Asien zu neuem Anfang. Wenn die Sonne der Urweisheit im Osten aufgeht und das erkaltete Gemüt des Westens wärmt, kann jederzeit ein Anfang des Abendlandes neu beginnen.

Pflanzenwelten? Als ob Fortpflanzungs- nicht auch Verpflanzungsfähigkeit zuließe! Kultur ist Assimilierung, ihre Todesstunde schlägt nie. Den Zynismus von W. James: »Wahr ist, was befriedigt«, darf man umbiegen: Nur was wahr ist, befriedigt – am wenigsten das Schreckgespenst des Untergangs. Nichts, was einmal war, sinkt in die Tiefe, astrales Abbild leuchtet für immer, Trümmer sind nur Bausteine, und wo Kärrner sie zusammenscharrten, können Könige bauen. Mancher möchte Untergang für Zwangsleid des Sichtbaren eintauschen, doch es ist ja nur Modalität des Unsichtbaren, das niemals untergeht.

Ins Sondersein getreten, kreuzigt und entsühnt sich die Weltpsyche in jeder Kreatur; je schwerer der Fels von ihrem Scheintodgrabe rollt, desto freier die erlöste Himmelfahrt. Für ihr Ringen und Leiden müssen Tatverstrickung und Schaffen oft wohlgefälliger und ehrwürdiger sein als Yogigymnastik, Abseitgehen, Sichaufgeben. »Brahma selbst ist das Opfer, Opferfeuer und dessen Nahrung, er opfert sich selbst« (Baggawed), »Verlange das Feuer, wirf Körper, Geist, Seele ins Feuer, so wirst du's lebend oder tot besitzen« (Rosenkreuzerspruch), solchem Feuersturm gilt das Dichterwort vom Immer-strebend-sich-Bemühen. So nur naht »der Geist der Wahrheit«, den »die Welt nicht kann empfangen«.

Auch geistige Bewegung dreht sich in endlosen Kurven, jenseits Materie und Geist rollt der transzendentale Monismus in ewiger Rotation um die Achse der Ruhe-in-Gott. Wer sich zum letzten Rand der Wahrheit gekommen wähnt, vor dem reißen neue leuchtende Abgründe sich auf, Geheimnisse, die sich nicht in Worte fassen lassen. Jeder im »Trance« scheinsichtbar werdende »Spirit« ist genau so subjektiv-objektiv lebendig wie das »Wirkliche«, beides ist Schein und beides ist Wahrheit. Vergangenheit und Zukunft sind immer gegenwärtig, unheimlich groß erhebt die Ewigkeit als immergleiche Gegenwart das Zeitliche ins Unzeitliche hervor. Will das Geschlecht des Weltkriegs, zur Salzsäule erstarrt, auf das brennende Sodom rückwärtsstarren? Wasser der Sintflut verlaufen, doch nur die Arche religiöser Wiedergeburt kann Faustens unsterblich Teil auf dem Gipfel des Ararat ins Feste hinübertragen: Es kann die Spur von allen Erdentagen nie in Äonen untergehn.

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