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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 63
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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III

In der Tat atmet jeder Versuch des Materialismus, bei mechanischem Walten von Naturprozessen dem Menschenleben irgendwelche Würde zu wahren, so verzwickte Scheinheiligkeit, daß wir jeden Offenherzigen mehr achten, der nichts als herzlose Gemeinheit des Daseinskampfes und keinerlei höheres Seelenleben anerkennt. Das deckt sich gründlich mit Schopenhauers Verneinung und nur phantastische Verschrobenheit kann hieraus lebensfreudige Bejahung predigen (Nietzsche). Denn die nichtige Vergänglichkeit wüsten Ringens um Sinnengüter verdammt, ob es will oder nicht, das Menschenleben zur innern Verzweiflung, so daß scheinbare Stachelung der Kampflust nur einem Delirium gleicht, in Wahrheit aber dauernde Lähmung der Lebenskraft vorwaltet. Um sich darüber wegzutäuschen, erfand man den Evolutionswahn, der sich vom »Jenseitswahn« freilich dadurch unterscheidet, daß letzterer sich experimentell nie widerlegen läßt, ersterer aber durch jede vorurteilslose Prüfung sich in Rauch auflöst. Sehr komisch mutet vollends an, daß heroische Persönlichkeiten (Dühring usw.) dem Menschen zumuten (im Grunde tut dies auch Nietzsche), er solle trotz Verzichtleistung auf jede moralische Weltordnung und eigene Fortdauer das Leben als Schule heroischer Ethik auffassen und seine Persönlichkeit großartig aufwärts entwickeln. Wozu denn, da blindes Walten der »Natur« ihn jeden Augenblick wegraffen kann, und vermöge welcher eigenen Triebe und Kräfte? Doch nur durch ein zu heroischer Ethik fähiges gewaltiges Seelenleben? Da dies aber innerhalb mechanistischer Auffassung keinen Platz hat, jeder wirkliche Seelenbegriff etwas Immateriell-Antimechanisches und Unzerstörbares bedingt, so verpufft jede materialistische »Moral« im leeren Raum. Vielmehr gründen sich Brunos Eroici Furori als Proklamierung heroischer Weltanschauung auf festes Gottes- und Unsterblichkeitserkennen.

Immer haben ziemlich viele diese rein seelischen Triebe geteilt, obendrein hängt die menschliche Psyche nicht bloß am Sinnlichen, sondern, vom Ethischen abgesehen, auch am Ästhetischen, also hat sie angeborene Neigungen zu Immateriellem. Wie kommt Saul unter die Propheten, ein so für sich bestehendes Seelenleben in die Mechanik? Und wenn es sich dabei noch um raffinierte Kulturblüte handelte! Aber wir finden den Kunsttrieb schon bei Urmenschen und oft bei schlichten Volksleuten ehrlicher als bei Pseudogebildeten. Der Materialismus kann also die Würde des Menschen nur retten, wenn er eine Position nach der andern verläßt und ein angeborenes Seelenleben zugibt, wie es sich schlechterdings nicht mit bloßem Sinnenleben verträgt. Denn auf letzterer Grundlage wäre jede, nicht nur die heroische, Persönlichkeit ungeheuerliche Selbsttäuschung. Eine nur auf kürzeste Kündigungsfrist gestattete Persönlichkeitsbildung besäße höchstens für den zeitweiligen Inhaber relativen Wert, objektiv gar keinen, sie wäre ironisch flüchtige Einbildung. Nun pflegen aber alle Natur- und Lebenserscheinungen irgendwelchen Sinn zu haben, zumal bestrebt sich die Naturwissenschaft, einen solchen zu entdecken, und der Mensch kann sich wirklich nicht anders helfen als je nach seiner größeren oder kleineren Anlage eine Persönlichkeit zu bilden. Der Bolschewismus, diese äußerste Entgleisung des Materialismus, ist damit nicht einverstanden, sondern möchte durch erlogene »Gleichheit« jeden Persönlichkeitswert vernichten. Daß er schon daran scheitern wird und muß, erscheint minder wichtig, als sein durchaus logischer Haß, der im Individuellen die Wurzel alles Kultur-Differenzierens fürchtet. Er sollte auch offen bekennen, was er aus geistiger Verworrenheit weder darf noch will, daß er jede Ethik, also auch sozialistisch-kommunistische verfolgen muß, womit das Chaos wiederkehrt. Denn wenn der radikalste linke Flügel der Materialisten schlankweg behauptet, Leben habe überhaupt keinen Sinn und höchstens Wert in grobsinnlicher Befriedigung der Triebe, so geben wir unsererseits gerne zu: ohne den Unsterblichkeits- und Gottesgedanken wäre alles, was wir Psyche nennen, nur unnützer Ballast.

Für etwas so Ephemeres, wie dies klägliche »Diesseits« sich um Ethik zu bemühen, wäre vergeudete Anstrengung. Ergötzlicherweise trägt aber die Amoralität ihre Remedur in sich selbst, insofern die zügellosen Egoismen sich untereinander totschlagen und das Dasein vollends unerträglich machen würden. (Der Bolschewismus verbürgt nicht mal die erlogene Gleichheit, die Ungleichheit der Muskelstärke entschiede, und das roheste Vieh würde am längsten übrig bleiben.) Ethik ist also notwendig, wie schon die ältesten Menschenarten ruckweise einsahen oder sich vielmehr unbewußt dazu genötigt fühlten, ist aber unmöglich ohne Wechselspiel der Persönlichkeiten, ist außer bloßer Polizeiaufsicht zum Schutz der Ichegoismen unsinnig ohne Beziehung auf Gott und Unsterblichkeit. Und da Persönlichkeit für so kurzes kümmerliches Dasein unbrauchbar wäre, so rennt Skepsis umsonst gegen die Wand der Wirklichkeit, daß Persönlichkeit und Ethik uraltbekannte Notwendigkeitstatsachen sind. Sinnloses und logisch Unmögliches als Allparole auszugeben ist einfach Dummenjungenstreich, metaphysische Aufklärung nur deshalb verlachend, weil sie statt grausamer Sinnlosigkeit erhabene Weisheit aus dem Allphänomen abliest. Den klarsten Denkbeweisen tönt immer nur Geschrei einer Kleinkinderbewahranstalt entgegen: auf den Tisch legen, sonst glauben wir nicht! Nitschewo! Vom notwendig Unsichtbaren Handgreiflichkeit verlangen ist um so kindischer, als der Materiegläubige selber keine Spur materieller Beweise aufbringt, sobald er für seine Zwecke abstrakt definieren will.

Tatsächlich stellt sich Kants Lehre genau auf den Kopf: Die Wirklichkeit Gottes beweist die Möglichkeit der Ethik, beileibe nicht der »Freiheit«, die nur ein scholastischer Wahn. Historisch beweisbar ist nur die Gottesidee das primär Gegebene, sie geht dem Glauben an jenseitige Fortdauer vorher, erst aus beiden stellt sich die Notwendigkeit einer Sittlichkeit ein. »Selbständiges Gewissen« war noch nie »Sonne einem Sittentag« (Goethe), sintemal es so Selbständiges nicht geben kann und das »Gewissen« sich individuell bei jedem differenziert. Nietzsche verlegt den Ursprung der Religion ins schlechte Gewissen, was wie gewöhnlich falsch bei ihm gesehen, denn der Wilde hat amoralische Gewissenlosigkeit ohne »schlechtes Gewissen«, kam umgekehrt erst durch Anerkennung eines notwendigen höchsten Wesens zu Moralbegriffen. Das darf man eher Erweckung eines guten Gewissens nennen durch Gewinnung eines Verhältnisses zu »Gott«. Kants Beweis Gottes aus menschlicher Ethik hantiert aber geradeso konfus wie die Wissenschaft, die sich als erleuchtete Lehrmeisterin einer blinden seelenlosen Materie aufbläst, deren stumpfe Indifferenz sie als Produkt dieser »Natur« doch selber teilen müßte. Kant schiebt nämlich dem Übersinnlichen menschliche Funktionen unter. Wollen und Sollen (Vernunftethik), Gott aber ist »höher denn alle Vernunft« und wäre als Vereinspräsident für Ethische Kultur eine sehr komische Person. Nur eine »reine Vernunft«, die Kant doch als unmöglich im Menschen ablehnt, könnte reines Wollen und Sollen kennen. Beim Menschen geraten schon Sinnlichkeit und Verstand in Zwiespalt, daraus entsteht organisch die »Pflicht«, zwischen niedern und höhern Interessen zu wählen. Wer mag aus solchem Zwang innere Freiheit folgern, zumal fast immer die niedern Interessen obsiegen? Ein utilitarisches Rindvieh aus Herbert Spencers Schule stochert mit seinen Hörnern im leeren Raum herum, hier aber darf man den Stier bei den Hörnern packen und Pflicht für einen bloßen praktischen Zweckbegriff erklären, derart, daß er seine staatliche Stütze durch Berufung auf einen Kirchengott erhält, der angeblich Pflichten kommandiert habe. Solche Pflichten werden, des sonstigen religiösen Brimboriums entkleidet, bald demaskiert als Ausführung verkappter Frongebote, obenan steht: »Seid untertan der Obrigkeit, denn solche ist von Gott!« (Was der Apostel natürlich nur ähnlich meinte wie Jesu vornehme Abfertigung: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist!« – nämlich daß man die Herren dieser Welt schalten lasse, weil alles irdisch Gegebene notwendig und vorbestimmt, das Reich Gottes aber inwendig und außerhalb solcher Schranken sei.) Daß diese Scherze nichts mit Ethik gemein haben, versteht sich von selbst. Die Scheinmoral, die auch sexuelle »Sittlichkeit« nur im Machtinteresse der staatlich-kirchlichen Mittelmäßigkeitsnivellierung auslegt, stützt sich notwendig auf einen beschränkten Scheingott im Jehovastil, um ihre pfiffige Pflichtpredigt im Sklavenkatechismus mundgerecht zu machen. Doch wahre Ethik kann sich nur aus einem wahren erkannten Gott ableiten. Nicht weil sie sklavisch dessen Geboten gehorchen will, denn alles echte Ethische glaubt freiwillig aus sich selbst heraus zu handeln. Es gibt hier aber so wenig ein Wollen als ein Sollen, sondern nur ein Müssen, weil jeder nur nach dem Maßstab seiner eigenen Karma-Persönlichkeit ethisch handeln kann, nach seinem besonderen Imperativ der Pflicht gegen sich selbst.

So verführerisch Kants These (Hieb gegen den Pfaffengott) sich einschmeichelt, der Mensch habe aus seiner eigenen sittlichen Erhabenheit gleichsam Gott geschaffen, d. h. die Gottesidee entwickelt, so darf man wehmütig lächeln, wie hier ein Großer und Edler sich mit der Allgemeinheit verwechselt. Von diesem kostbaren Schatz »Sittengebot im eigenen Busen« hat der Durchschnittsmensch kaum einen Pfennig, und so hoch wir von unsern Urahnen denken, so verzichtet wohl selbst Kant darauf, ihnen eingeborene Sittlichkeitswürde von solcher Tragweite zuzutrauen. Dagegen wird ihnen »die Erhabenheit des Sternenhimmels über mir«, das wirkliche von Kant bestaunte Wunder, neben dem nur eingebildeten des »Sittengesetzes in mir«, sofort so eingeleuchtet haben, daß sie sehr bald auf »Gott« schlossen, was Chaldäer und Ägypter später als Sternenkunde fortsetzten. Das Trachten des menschlichen Herzens sei böse von Jugend auf, mag Jehova von seinen Hebräern übertrieben verallgemeinern, aber sicher brachte Moses die Gesetzestafel erst vom Sinai, d. h. nicht der Mensch gebar das Licht der Ethik, sondern es blitzte ihm von den Sternen herab, in deren Diamantschrift er Unsterblichkeit las. Da erkannte er, daß er nackt war, und raffte sich nun zu sittlicherer Waffnung auf. »Berauscht von Ewigkeit« rief er mit Byrons Kain: »Mein Gedanke ist dieses Alls nicht unwert, bin ich auch nur Staub«, somit ahnte er sein innerstes Wesen als ewig wie das All und die anstaunende »Furcht Gottes« zwang ihn aus Ehrfurcht zu gottesfürchtiger Sehnsucht nach Besserung, je nachdem er sie verstand. Der kindlichste Ammenglaube ist vernünftiger als der Unglaube, der, wenn er überhaupt etwas denkt, die einzige positive Tatsache leugnet, auf der selbst die unreifste Frömmelei fußt: nämlich die Unendlichkeit und hiermit das für uns Transzendentale. Metaphysik beiseite schieben heißt den einfachsten Phänomenen den Rücken kehren, daß wir von Gnaden des Äthers und der Sonne atmen und »leben«. Alle irdische Materie (andere kennen wir nicht) wird überhaupt erst bedingt durch alles für uns Transzendentale und alle »Ideen«, die der Materialist ablehnt, steigen so unabweisbar aus dem Schoß der Unendlichkeit auf, deren notwendige Attribute sie sind, daß der Unglaube einem Schwimmer gleicht, der lieber ertrinken als schwimmen will. Das unendliche Weltenmeer verlangt, daß wir schwimmen und jeder für sich den Glaubenshafen erreiche. Denn dies eine unzweifelbare Wissen der Unendlichkeit ist gerade die freundliche Strömung, die unsere Vernunft sicher durch alle Klippen zum Hafen trägt.

Wenn Weininger spottet, mit Chemie könne man nur Exkrementen des Lebens beikommen, so befaßt sich jede rationalistische Ethik auch nur mit Exkrementen der Vernunft. Der zum Denken Erwachte findet in sich nicht den kategorischen Imperativ – wie soll er etwas entdecken, was nicht da ist! –, sondern »Gott«, die große Wirklichkeit. Die moderne Europäervernunft steht freilich so tief, teils durch semitische Mythologie verdorben, teils durch verzwickte Wissenschaftsallegorie entkräftet, daß sie die sogenannte Mystik, den Todfeind kirchlichen oder gelehrten Aberglaubens, als Aberglauben verspottet. Aber der als Rationalist beginnende Kant geriet bei zunehmender Denkreife so sicher in sein Corpus mysticum hinein, daß er neben der rein subjektiven Erscheinung nur der »intelligibeln Welt« Objektivität zuerkannte und sich zu dem denkwürdigen Satze aufschwang: könnte man Welt und Ich auf den Grund gehen, so würde man sich unter lauter »geistigen Naturen« sehen, mit denen unsere wahre Gemeinschaft »weder durch Geburt anfing noch durch den Lebenstod endet!« Er predigt also unbewußt aus eigener Erkenntniskritik die Karmalehre! Diese aber widerspricht durchaus der Priorität eines ethischen Sollens, da sie gerade kausales Müssen bedingt, und sie konnte nur entstehen, nachdem die Wahrheiten Allkraft (Gott) und Erhaltung der Kraft (Unsterblichkeit) unerschütterlich Wurzel faßten. Wie man sich dieser Wahrheiten würdig erweise, danach fragt dann erst die sekundäre Ethik, für die Gott ein »Ziel« wird, dem sie durch Ableitung des Ichwillens entgegenschreitet. »Selbst ist der Herr von Selbst«, doch »viele sind berufen, wenige auserwählt«, das Reich Gottes kann nicht beim ersten Sturm erobert werden, sondern erst durch viele Stufen von Wiedergeburten, denn »der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach«, und die Erkenntnis, der einzige Weg zum Heil, erfolgt nicht durch bloße Gnadenwahl, sondern als Lohn vieler Leiden und Mühen, der Befähigungsnachweis für endliche transzendentale Freiheit (Nirvana, Heimkehr zu Gott) muß selber erworben werden. Ohne solche Vorbereitung zappelt man sich umsonst ab, aus seiner schlechten Haut zu fahren. Doch steht geschrieben: »Suchet, so werdet ihr finden!« In wem einmal Erkenntnis entzündet, auf den bricht nie wieder die Nacht des Wahns herein, so oft er noch straucheln mag. Wer sich das Karmagesetz zu eigen machte, auf den strömen neue Erkenntnisse der Wesenheit Gottes hernieder. Er begreift die Weisheit der determinierten Vorbestimmung, allen Buddhisten-Brahmanisten und Islamiten selbstverständlich, nur dem bornierten Christeneuropäer mit seiner Vernarrung in lächerliche Willensfreiheit zuwider. Er ahnt unendliche Kräfte am Werke einer persönlichen Vorsehung für jedes Lebewesen in unendlicher Wechselbeziehung.

Goethe gesteht: daß der Mensch »voraussetzt, was er findet, und findet, was er voraussetzte«, Plato sagt bündig: »wir finden nur die Idee, die wir voraussetzten«. Hier ahnt sich geheimnisvoller Tiefsinn wie im Paulinischen Spruch: »Der Glaube kann Berge versetzen.« Eine große Erkenntnisidee kann noch mehr, sie zwingt gleichsam die Weltordnung, die volle Einheit des Alls mit dem Leben herzustellen. Aus dem Karmaglauben öffnet sich der Blick in unendliche Weiten immer lichterer Klarheit, erfüllt von demütiger Begeisterung für den unerbittlichen, aber allweisen und in seiner Strenge allgerechten Gott der Kausalität. Kann solche Gewißheit reifsten Denkens trügen? Wenn laut Cuvier jeder Teil eines Organismus genau seinen andern Teilen gleicht, so muß dies für den ganzen Weltorganismus gelten. Dann aber ist die indische Urweisheit, die reiner und inniger Gott suchte als je ein Europäer (nur die deutschen Mystiker ausgenommen), selber ein Teil der Weltseele, der ewigen Wahrheit. Daher die unverrückbare Sicherheit dieser ältesten und bis heute unverändert die ältesten Kulturvölker beherrschenden Weltanschauung. Welche Unsicherheit meldet sich dagegen in Hertz' kleinlautem Bekenntnis vom »freiwilligen Standpunkt der Wissenschaft« und »unfreiwilliger Beschränkung« der Kenntnisse!

Den Begriff Logos entlehnte Ev. Joh. aus dem Indischen, wo es gleichfalls zugleich »Geist« und »Wort« bedeutet und ursprünglich auch Brahma, d. h. der Gott der sichtbaren Materie diese Bedeutung hatte. »Auferstehung des Fleisches« dehnt sich aus: »Der Geist ward Fleisch«, der reinkarnierte Buddha begreift das letzte Wort (Gott) und tritt in das dritte »leuchtende Dasein« ein jenseits von Materie und Geist, durch das er Brahma verschwinden macht. Denn das letzte Wort der Intuition lautet: weder erzeugt der Geist die Gottesidee noch Gott den Geist, sondern beide sind untrennbar eins, wie das Ganze und sein Teil. Die transzendente Identität des Ganzen (Gott) mit den immanenten Teilen (Welt und Ich), Einheit des Seins in Schein-Vielheit der Erscheinung, bildet den transzendentalen Monismus.

Das »biogenetische Gesetz« bewiese höchstens äußerliche zoologische Symbolik einer zusammenfassenden Einheit des Lebensprinzips, dessen äußere Gewandung die Biologie mit Schneiderellen mißt. Da immer wieder Leben aus Leben stammt, kann der Tod als Konsequenz der Geburt nur eine Übergangsform des Lebens sein. Der gott- und vernunftlose Materialismus aber ist der geistige Tod.

Laut Einstein kann Materie aufhören, sich in Leuchtenergie auflösen. Sollte man für möglich halten, daß diese mathematische Fixierung des Unsichtbaren als Ursprungselement noch nicht von Mechanistik als Todesstoß empfunden wird? »Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte!« Wie jede Rotations- ist auch jede Lichttheorie einseitig, Newtons Lichtkorpuskeln stellt man beiseite für Huygens' Ätherwellen im Strahl, doch beides bleibt relativ.

So ist auch Newtonsche Farbendeutung als Lichtschwingungsdauer zwecklos außerhalb des menschlichen Augenmaßes, das bei einiger Veränderung überhaupt keine Farben unterscheiden würde. Der Blinde hat bei Musik koloristische Reize, der Taubgeborene musikalische bei Farbenanschauen, ein Beweis für die psychische Einheit sogar der Sinnesorgane. Überall tastet die Wissenschaft nur an gedeuteten Scheinobjekten herum, das Grundwesen entzieht sich ihr, ihre Errungenschaften gleichen den von Kant so geliebten Reisebeschreibungen. Wir erfahren irgendein Was von Einzelheiten, deren Allerlei wir nur durch Verständnis des Ganzen begreifen könnten, also nie ein wirkliches Wie, noch weniger ein Warum. Mechanik oder Dynamik sind nur Teileindrücke der nämlichen Weltbewegung, Bewegung und Ruhe aber sind auch nur eins (»der fliegende Pfeil ruht« der Eleaten), das in sich beruhende Sein (Plato) und das gleichzeitige ewige Werden (Heraklit) sind beide nur Funktionen des unabänderlichen Gleichen, die aufgespeicherte Arbeitskraftsumme des Alls vermehrt und vermindert sich nie (Helmholtz). Jede logische Physik mündet in Metaphysik; gegen den blöden »Despotismus des Empirismus« und »anarchischen Unfug« (Kant) sowohl der Theologen als der Sophisten gibt es nur »Transzendentalphilosophie«. Auch der Evolutionsbegriff kann nur transzendental gedacht werden, in der Materie gibt es nur Transformation, da die »untersten« Einzeller genau so vielseitig gebaut sind wie die »obersten« Vielzeller. Der komplizierte Assoziationsbegriff des Ich, dieser Wahlpräsident einer Zellenrepublik, verschwindet sofort bei Auflösung des Zellenbaus. Also könnte Transformation der Seelenmonade auch bei der Wiedergeburt nur das alte Spiel eines Zellen-Ich beginnen, wenn wir nicht, denkerisch und sogar »wissenschaftlich« beweisbar, unter dem Ichbewußtsein das Unbewußte als Tatsache entdeckt hätten. In diesem wurzelt nach indischer Urweisheit das transzendentale Ego, das ewig Unzerstörbare. In seiner unsterblichen Selbstveranschaulichung in Wiedergeburten kann eine transzendentale Evolution obwalten, in welcher die Seelenmonade ihre Erfahrungen im Leiden beherzigt und ihre Irrtümer berichtigt, bis die Karmaschuld des Ichwahns ausgetilgt und Faustens unsterblich Teil sich ins Allgefühl (Nirvana) löst. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis ... des Gleichen, die »ewige Wiederkehr des Gleichen« innerhalb der Materialisierung wird aus dem Unzulänglichen des Allzumenschlichen zuletzt Ereignis, »das Heil ist gefunden, die (wahre) Unsterblichkeit gewonnen« (Buddha).

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