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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 61
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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senderwww.gaga.net
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16. Der transzendentale Monismus und das Gesetz des Entgegenkommens.

I

Wer zum Mount Everest aufklimmt, vor dem taucht immer neu eine höhere Spitze auf. Doch stieg unsre Bergfahrt schon so hoch über die Wolken, daß wir ausruhen und überschauen dürfen. Alles Errungene läßt sich zusammenfassen: Idealismus, was man so nennt, hängt irrig transzendentalem Dualismus an, Materialismus irrig mechanischem Monismus, Transzendental ist Eigenschaft des wahren Monismus, Monismus Eigenschaft des wahren Transzendenten. Von diesem Allbegriff strahlt dreifache Erkenntnisreihe aus. Solches All ist notwendig unendlich-ewig, Unendlich-Ewiges an sich selbst transzendental, daher sein Ein-Urgrund nicht nur immanent im All, sondern transzendent in der Unendlichkeit mit völlig unbegrenzter Macht, das Alleben ewig aufrechtzuerhalten. Obwohl nun Kausalität, Wirklichkeit, Vernünftigkeit im Menschensinn nur relative Vorstellungen sind, ist dagegen Notwendigkeit ein Absolutes im Monistischen und Transzendenten, ohne das beide nicht bestehen könnten, ist aber notwendig identisch mit Gerechtigkeit. Von diesem transzendent-monistischen, notwendig-gerechten All geht als Teilmanifestierung aus, was man organisches Leben nennt und was daher gleichfalls monistisch arbeitet, transcendental fühlt, der Notwendigkeit gehorcht, von Gerechtigkeit regiert wird, mag sie uns sichtbar werden oder nicht. Was aber dies alles ist, nimmt notwendig an den Eigenschaften der All-Stoff-Kraft teil, als da sind Göttlichkeit, Ewigkeit, Unendlichkeit, Notwendigkeit, ist daher sowohl als monistisch wie als transzendental notwendig unzerstörbar. Allerdings ist Körper mit Ich verbunden wie Ich mit Transzendentalpsyche, doch dieser Monismus überdauert notwendig die Zellenzusammensetzung, nur diese unterliegt dem Gesetz ewiger Transformierung, das alles Sichtbar-Manifestierte beherrscht! Dagegen wechselt nie der wahre Lebensodem, nämlich die unsichtbare Luft mit ihren Wasser-, Sauer-, Stickstoffen, ein physikalisches Sinnbild der Psyche, die einer beliebigen Ausdehnung im Äther fähig ist. Da der Körper seit Geburt ständig stirbt und zerfällt, ohne daß dies vom Bewußtsein gespürt wird, so bedeutet er nur eine Art Nothütte oder Straßenherberge für zeitweilige Unterkunft des Unsichtbaren, das sich auf der Erdebene manifestieren will und muß. Oder,um den Vergleich richtiger zu machen, unstreitig gehört die Haut zur Schlange, doch wenn die Schlangenhaut im Frühjahr sich abstreift, so wird eben eine neue Haut umgeworfen. Ob die Persönlichkeit mit durchaus veränderter Ich-Haut sich in Wiedergeburten fortsetzt oder die Person-Maske als Ich-Spirit mindestens ein längeres Ubergangsstadium durchläuft, jedenfalls gleicht Folgern von Lebenstod aus Körpertod dem Ausruf eines Kindes, wenn ein Blitzschlag zeitweilig die Leitung in Unordnung bringt: Die Elektrizität ist tot. Das Gesetz aber, was allein »wunderbare Gerechtigkeit göttlicher Notwendigkeit« mit Leben und Psyche monistisch und transzendent vereint, ist einzig die Karmalehre. Und glaubt der Mensch im Innersten denn wirklich an seine Nichtfortdauer? Goethe meint, kein rechter Kerl zweifle je an seiner Fortdauer: wenn er sich immer strebend bemühte, müsse ihm die Natur für das Verbrauchte ein anderes Leben anweisen. Nun lebt der sinnlich rohe Mensch so in den Tag hinein, als ob es keinen Tod gebe, obwohl jeder schlichte Verstand ihm sagt, daß alle irdische Begierde auf Sand baut wie ein Kind am Strande, dessen Sandburg jeden Augenblick die Flut wegspülen kann. Das gilt auch hier für »höhere« Berufe, für wissenschaftlichen oder technischen Spezialismus, für Realpolitik (ergötzlicher Briefwechsel von Willy und Nicky), für Pläne und Taten der praktischen Weltumwälzer, wie denn Napoleon auf St. Helena Christus für den einzig wahren Eroberer erklärte. Der Seifenblase Ruhm wird nachgejagt wie im Kinderspiel und Schiller singt, daß der Ruhm das höchste doch, weil der große Name fortlebe. Nun wird zwar der einzige wahre Ruhm geistiger Schöpfung nie um seiner selbst willen erworben, sondern nur als Selbstveranschaulichung des Schaffenden von ihm abgezwungen, aber auch hier enthüllt sich der innerste Wunsch des Menschen, wenigstens als Name das ewige Vergessen zu überdauern, das Zeitliche abzustreifen. Und da Ruhmwürdiges sich nur selten in äußere Macht ausmünzt und stets nur auf Kosten sinnlichen Behagens erreicht wird, so erkennen wir auch hierin einen sozusagen antimateriellen Trieb. Der mißbräuchliche Ausdruck des Philisters, dies oder das sei sein »Ideal« z. B. Geld verdienen, besagt naiv, daß er bewußt etwas Abstraktem nachrennt, für das er im Notfall die Grundlagen des Sinnenlebens (Essen, Trinken, Erotik) verleugnet. Der nur von Milch lebende Rockefeller achtet sein Magenleiden gering, wenn er nur weiter Milliarden anhäufen kann. In stillen Stunden naht wohl jedem Schuft die Einsicht, daß seine Intrigen, Schwindeleien und Verbrechen nur ein Satyrspiel des Selbstbetrugs aufführen, daß seinen Mammon oder sonstigen »Erfolg« die Motten fressen, dennoch geht er unbeirrt seinen Gang. Leute wie Cesare Borgia oder der anachronistische Condottiere Karl XII., den Friedrich d. Gr. so bitter verurteilt, halten ihren ruhelosen selbstverzehrenden Machtwillen um jeden Preis für berechtigt und zürnen höchstens der launischen Fortuna, wenn eine verirrte »Zufallkugel« sie verdientermaßen ausmerzt. »Das Leben ist nur ein flüchtiger Traum« murmelte Napoleon beim Glockengeläut, doch er träumte trotzdem seine Seifenblasen fort, nur daß er sie zu Wolken aufblies. Selbst die wenigen, die den kindischen Schein durchschauen und sich für die Ewigkeit vorbereiten, verfallen oft dem Zauber der Sansara. Liegt aber in solch leichtsinnigem Drauflosleben, als ob man inmitten alles Sterbens die Möglichkeit des eigenen Todes nicht in ernste Berechnung ziehe, nicht vielleicht etwas unheimlich metaphysisches, ein Wissen im Unbewußten, daß Tod als bloßer Übergangsprozeß das Dasein nicht aufhebe? Fühlte etwa der Borgia sich nur als Verkörperung eines Dämons, der nach frühem irdischen Ende unverändert weiterrasen und bald sich ebenso bösartig reinkarnieren wird? Beruht die gleichgültige Todesverachtung aller Verbrecherhelden auf diesem Sicherheitsinstinkt, daß ihnen der Tod nichts anhaben könne? Entspricht dies der gefaßten Ruhe des Weibes, wenn es beim Gebären von Leben mit dem eigenen Sterben spielt und sich durch diese Gefahr nie von Erfüllung ihrer Mutterschaft abhalten läßt?

Hier sei die wichtige Anmerkung nachgeholt, daß der Mann erfahrungsgemäß alle Fragen nur vom männlichen Standpunkt behandelt, daher unsere Geringschätzung des Menschen sich wesentlich nur auf den Mann bezieht und die Frau vielleicht Altruismus um seiner selbst willen für möglicher hält. Jedenfalls lebt Religionstrieb (Ethik um Gottes willen) stärker in der Frau als im Mann und alles kommt für die Zukunft darauf an, ob die bisher geringere Fähigkeit der Frau zu abstraktem Denken organische Schwäche oder bloß ein durch Emanzipation zu beseitigender Erziehungsmangel sei. Solange sie sich in dumpfkirchlichen Vorstellungen bewegt, wobei süßliche Inbrunst für den Bräutigam Jesus sogar in hysterische Erotik überschlägt, wirkt sie so wenig zur Befreiung der Menschheit, wie durch törichte Selbstprostitution an atheistisch-materialistische Wahngebilde, wobei überschwengliche Begeisterung ihres empfänglichen Gemütes für falsche Propheten verlogener Menschheitsvergötterung sie erst recht in die Irre führt. Gleiches gilt aber auch für die christliche Kirche, besonders die katholische, deren unsterbliches Kulturverdienst im Mittelalter ihr als günstiges Karmaerbe anhaftet und der wir daher trotz unserer Verdammung ihrer schweren Sünden, die sie aus seelischer Förderung zu seelischer Hemmung machten, ein ernstes Gewicht zuerkennen. Doch wenn sie, wie es leider den Anschein hat, allein den Kampf gegen den Materialismus aufnehmen und vom Zorn aller andern Stände gegen die Arbeiterdiktatur nur für ihre eigenen Machtzwecke profitieren will, so stellt sie »gottlosen« Proletarierinstinkten nur ein gleiches Gottfremdes gegenüber. Wenn sie aber sich all ihrer Formeln des »non possumus« entledigt und die unter Dogmen vergrabene Wahrheit vom Wust der Vernunftwidrigkeit reinigt, dann könnte man sich nichts Besseres wünschen als auf ihrem vorhandenen Gerüst nach Abtragung der verwitterten Fassade weiterzubauen. Doch leider sind keine Anzeichen dafür vorhanden und die göttliche Weltordnung dürfte wohl andere Mittel finden, um erneut »Religion«, wie sie für Heutige paßt, dem entarteten Europa einzuflößen.

Die Materiereibung im Wirbel feindlicher Iche macht aus moderner Pseudokultur eine Schreckenskammer, wo die Vernunft zu Tode gefoltert wird, während nur noch Sinnlichkeit und Verstand miteinander Cancan tanzen. Wenn die Ideenwelt stets Gott wiederspiegelt und ohne seine alldurchdringende Existenz gar nicht bestehen könnte, so spottet ein materialistischer Sozialismus seiner selbst, wenn er sich auf die göttliche Vernunftidee des Altruismus beruft. »Ich bin Du« bedeutet nicht Gewaltpöbelei von »Sklavenbefreiern«, die alles in Unnatur der Gleichmacherei versklaven möchten und selbst nur Sklaven ihrer eigenen Gelüste und Wahnvorstellungen bleiben. Altruismns ist weder aus der Materie zu begründen, noch sein Fühlen, sofern es nicht heuchelnde Interessenpolitik, zu erklären. Sklavenaufstand der Vielzuvielen kann überhaupt nie altruistisch d. h. sozialistisch denken. Nur wo erleuchtete Vernunft heranreifte, da keimt aus seelischem Überfluß das Mitgefühl. Nur radikal mit allem Materialismus brechen kann vernunftgläubigem Altruismus die Bahn bereiten. So gewiß der Abfall von Gott die Vernunftverwirrung des Weltkriegs erzeugte, so gewiß kann wahrer Sozialismus nur durch Einheitsgefühl der Menschheit siegen im Einsfühlen mit dem Gott des »immateriellen« ewigen Lebens. Vor des Gottalls ungeheurer Wirklichkeit ist Sozialismus nur ein Gesellschaftsspiel für große Kinder, Imperialismus ein Matsch ungezogener Rangen. Die alle Ungleichheiten und äußerlichen Ungerechtigkeiten überbrückende Karmalehre vom ewigen Ausgleich der Wiedergeburten ist die einzige wahre Demokratie, da widernatürliche Mehrheitsbeschlüsse sonst der natürlichen Ungleichheit sowohl in der Materie als der Ideenwelt ein Schnippchen schlagen. Sozialismus und Altruismus sind unauffindbar in der Natur, sie entdeckt man nur als Recht und Wahrheit jenseits der Menschenvernunft, im Erkennen des transzendentalen Monismus. Die Geheimlehre erkennt den »Sündenfall« in immer gröberer Materialisierung des Selbst durch hochmütige Selbstsucht (Luzifer), die sich auf eigene Füße stellen wollte, losgelöst vom Allsein, und so das Karmaverhängnis herbeirief. Die heraufbeschworene »Erbsünde« kann nur langsam getilgt werden durch steigende Erkenntnis des Ich als einer Illusion, um so allmählich in den Schoß der Allheit heimzukehren, was keineswegs Erlöschen des Lebens, sondern nur Umwandlung der Materialisierung bedeutet. Sobald das Unbewußte völlig das bloße Ichbewußtsein verdrängt, würde der »Übermensch« zustande kommen. Herr der Materie jenseits von Leben und Tod.

»Wir gehen an den Examen zugrunde« (Busch, Bismarckerinnerungen). Der durchs Staatsexamen gefallene Staatslenker meinte damit nicht nur Beamtengeheimräte, sondern auch die damals fortschrittlichen, heute alldeutschen Geheimräte der Professorei, den ganzen geistigen Dressurdrill. Selbst wenn ein Unzünftiger wie der bedeutende Schönredner Rathenau von kommenden Dingen redet, verfällt er in hochtrabenden Schulmeisterton, der stolz gedankentönende Redensarten verzapft. Seine Ästhetik nennt Kunst »unbewußte Wahrnehmung« – er meint Empfindung, denn der Künstler nimmt wahr mit verschärfter Bewußtheit – »zweckfrei«, »gesetzmäßig« – redet aber dabei von Spiel. Nachahmung, Schmucksucht, Zauberei als Urzwecken des Kunsttriebs, das Überintellektuelle der Intuition will durchaus nichts Gesetzmäßiges, sondern davon Losgelöstes. Er begreift, daß die Gewerbefreiheit der Ästhetenkaste mechanische Beckmesserei betreibt, daß wahre Kunst nur individuell spontan ausströmt, doch haspelt selber nur am Äußerlichen herum. Bildnerei und erst recht Dichtung schafft als transzendente Funktion aus unbezwinglich dunkelm Drang, dessen Ursachen sich selber schufen als eine Art Selbsterkenntnis des Unbewußten. Solange das Bewußtsein nur sinnlich auf sich wirken läßt, versinkt es wehrlos in Schein; wer nur »Natur« empfindet, verknäuelt sich in ihr; erst wer eigene Innenkraft hervorholt, entreißt sich dem Schein auf höhere Worte! »Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren«, ist ein Jesuswort von unendlicher Tragweite. Im Unendlichen sind unendliche Möglichkeiten der Fortbildung für fragmentarisch Unausgeglichenes, divergierende Linien müssen sich mathematisch am letzten Ende schneiden, im Transzendentalen wird immer alles eins. Eine Tatsache beweist sich nicht durch vorausgesetzte Ursachen, sondern durch Wirkungen, aus denen Eigenschaften sich festlegen. Die Ur- und Tatsache des transzendentalen Monismus wurzelt in ihrer empfundenen Wirkung, dem zugleich monistisch dargestellten und transzendental ausgedehnten Individualleben der Psyche. Wissenschaft füllte nur unterirdische Keller, bis zum Plafond blieb das Bildungsgebäude leer von großen Gegenständen, nur ein paar gute Gemälde hingen darin. Nicht mal die hat heut die englische Zivilisation, sie gleicht einem komfortablen Klub mit reicher Bibliothek im Rauchzimmer, die niemand liest, die deutsche einem vollgepfropften Warenhaus, wo man in jedem Spezialressort prompt bedient wird. »Schirp macht alles«, Bildung zu Schleuderpreisen, die Masse muß es bringen, das Ganze ein Konzern für geistigen Mittelstand mit Shoddyluxus zwischen Theater- und Universitätshumbug. »Man besitzt keine größere Herrlichkeit als die seiner selbst«, dies große Leonardowort gilt nicht mehr, denn wer hat noch ein Selbst, das ihm abhanden kam?

Selbst heißt Herz: Die englische Sprache hat für Auswendiglernen den wundersamen Ausdruck »learning by heart«, das ist nach neuster Forschung physikalisch richtiger als rationalistische Auffassung der »Blutpumpe«, Gehirntätigkeit identisch mit Blutzufuhr, Blut als Lebenssaft symbolisiert die Beschaffenheit psychischer Anreize. Das Auswendiglernen des Herzens ist die Sprache des Unbewußten; was die deutsche Sprache unübersetzbar »Gemüt« nennt, ist der Ausgang schöpferischer Einbildungskraft ins Unsichtbare, dies bedingt im Ätherall ein gleiches höchstes Gottgemüt. Von ihm erwartet der Mensch Erfüllung der sittlichen Forderung, ihn nicht als Spielball zwecklos hin und her zu rollen, sondern ihm weitere Möglichkeit zu leihen für Ausfüllung des zersplitterten Torsos, den selbst das reichste Erdenleben immer vorstellt. Ein Gott, der wie ein unmündiges Kind zum Spaß Fliegen rupft, könnte auch das All beliebig zerzupfen. Denkt man ihn aber als unerbittlich gleichgültige Anangke, so kann man davon nicht den Begriff Allweisheit trennen, jeder Ausblick ins All bestätigt dies. Denn wo man die Natur auf scheinbarer Willkür plötzlicher Grausamkeiten ertappt, wissen wir nie, ob diese scheinbare Inkonsequenz nicht tiefer Berechnung der Weltökonomie entspringt oder geheimer Notwendigkeit der Weltethik wie der Schwefelregen auf Sodom.

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