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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 60
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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III

Er will Herders bescheidene »Ideen z. Philosophie d. Geschichte« in ziemlich unbescheidenes starres System bringen, was er mit Entdeckung des heliozentrischen Systems vergleicht. Stolz will ich den Spanier! Doch sein »Blühen, Reifen, Welken, Altern, Sterben« von Kulturen und Staaten machten ihm schon die ältesten Autoren vor, auch Unterscheiden von Kultur und Zivilisation. Daß letztere als Alterssymptom die Kultur ablöse, läßt sich nicht so scharf auseinanderhalten. Schminke und Puder konventioneller Gesittung hält man für Farbe eines Kulturgemäldes, doch was früher da sei, Schminktopf oder Künstlerpalette, bestimmt keine Regel. Cheopspyramide und Nebukadnezars Babelpracht waren beide Kulturdenkmale, doch erstere entstand am Morgen Altägyptens, letztere vor Babels Abendröte. Rassenblut untergegangener Rassen bleibt so unversehrt, daß Fellachen heute noch altägyptischen Typ zeigen. Verlor das staatlich untergehende Hellenentum seine Kultur, die man mit der Perikleszeit entblättert wähnt? Ihr »Verfall« krönte Alexanders Weltreich mit Kraftmenschen, neben denen die üblichen Schulhelden erblassen, Alkibiades ein Tropf neben Demetrios Poliorketes. Von Empedokles bis Archimedes, von den Gnostikern bis Hypatia strotzte dies untergegangene Volkstum immer noch von Kulturkraft, übernahm auch im Christentum die geistige Führerrolle. Die untergetauchten Perser lebten als Parther wieder auf und gewannen nach arabischer Überrennung die ghaznavidische Hochkultur, die durch Firdusi alte arische Sagen zur Nationaldichtung erhob. Ein Volk, das erst nach staatlicher Auslöschung sein wahres Völkisches entfaltet, kommentiert ergötzlich Spenglers Verwelkungstheorie. In seinem Register fehlt Bearbeitung sumerobabylonischer und mykenokretischer Kultur, wobei Kretas Gewerbefleiß einfach nach Ionien übersiedelte, nachdem auch die barbarischen Achäer von Resten der Mykener zehrten. Übergang von einer Form in die andere ist nicht Untergang. Ein Schutzgeist der Arier warf das semitische Kaufmannswesen nieder, doch die Semiten gingen damit nicht unter, syrische Rasse zersetzte das Römerreich durch Mythraskult, die Juden drängten sich in die Peterskirche herrschend ein. Auch römisches Imperium setzte die Weltherrschaft im Papsttum fort, während Araber erst wieder äußern Zivilisationsschliff nach Europa brachten. Selbst chinesische angebliche Stagnation hat ein zähes Leben und erzwingt vielleicht völkische Neugeburt. Indien erreichte zwar seine Blüte unter Asoka, doch seine Literatur ging weiter bis heute, Tagore knüpft an brahmanische Überlieferung an, Neuerhebung steht bevor. Peruanische Kultur – richtiger aztekische – starb keines natürlichen, sondern gewaltsamen Todes, dagegen darf man nicht sagen, daß Gallierart unterging, weil Cäsar die Druidenbibliothek in Bibrakte verbrannte, oder Angelsachsen starben, weil Normannen ihre Sprache verpönten. Statt dessen eroberten sie eine Welt und gründeten eine Weltsprache, 550 Jahre trennen die Hastingsschlacht von Skakespeare und Fortschreiten der Ausmerzung welscher Bestandteile. Wie will man hier Blüte und Altern zeitlich ansetzen? Die von Römern und Franken unterworfenen Gallier brachten den Esprit Gaulois immer schärfer zum Ausdruck, ihr Volkstyp allein gibt dem Franzosentum den Stempel. Nichts vergeht als vorübergehende Machtverhältnisse, das Eigentümliche jeder Rasse und jeder Kultur lebt unzerstörbar fort. Die größten Staatsmächte der Renaissance, Spanien und Türkei, sanken gänzlich von ihrer Machthöhe, doch die Türken zeigen gerade jetzt bei ihrem Untergang neues Kulturstreben. Nach Spenglers Schema müßte in Spanien nach Verwelken seiner künstlerischen Hochkultur müde Zivilisation gefolgt sein, die aber lange ausblieb und selbst heute ins Hintertreffen geriet. Der Kulturglanz unter den ersten Philippen flimmerte bereits von Fäulnissymptomen, denn Spaniens wahre Blüte liegt viel früher zurück, ehe der Imperialismus einzog, in Bürgerfreiheit wohlhabender fleißiger Städte. Denn Blüte läßt sich so wenig nach Äußerm beurteilen wie Altern. Wie paßt Spenglers Geschichtsrezept zu Deutschland? Engländer und Franzosen stellen sich an, als hätte 1870 ein junges Volk neue Großmacht gegründet, tatsächlich blieben aber Deutsche und Italiener bestimmend bis ins 17. Jahrhundert. Bis ins 16. waren die Deutschländer (les Allemagnes) die von Montaigne bewunderte Vormacht auch nach Verwelken des Kaiseransehens. Deutsche Blüte reifte so schnell, daß sie lange vor Dante eine Nationalliteratur schuf, was England und Frankreich erst 400 Jahre später vermochten. Dies alte Kultur- und Herrenvolk wurde aus seiner Bahn geworfen durch eigene arische Verschuldung, Griechen und Inder trieben es ja ebenso, auch die Angelsachsen vor normannischer Imperialbefruchtung. Doch wo nacheinander Dürer, Kepler, Leibniz, Friedrich d.Gr., Goethe und so viele andere Kulturträger erstanden, da soll man Verfall sehen? Waren Bismarck und Richard Wagner Alterssymptome? Wenn politische Katastrophe materielles Wohlsein zerstört (England bis Elisabeth, Frankreich bis Richelieu gingen durch Krisen der Verelendung), so verliert die Rassenseele nicht die Fähigkeit, einem sozial veränderten Milieu neue Kulturschätze einzufügen. Verfallzeichen treten auch im jungen Amerika hervor, wenn man darunter Überwiegen materialistischer Zivilisierung und Versiegen schöpferischer Seelenkraft versteht. Im 17., 18. Jahrhundert gewann in England merkantile Scheinzivilisierung die Oberhand, stieg damit die englische Hochkultur zu Grabe? Um so kräftiger der neue Seelenschwung zur Revolutions- und Napoleonszeit; für Frankreich läßt sich Gleiches bejahen. Spengler schulmeistert am Geschichtsbild herum, vergewaltigt es mit »Blüte, Verfall, Kultur, Zivilisation«, die sich nie sauber ablösen. Da die Schlußperiode der Antike sich christlich gestaltete, merkt man auch keinen neuen Einschnitt christlich abendländischer Kultur. Selbst das Bolschewistentum hatte seelische Keimzellen von Iwan dem Schrecklichen bis Tolstoi, möchte nicht Untergang des Abendlands, sondern Verjüngung bezwecken.In Stammlers anregender Studie »Berkeleys Philosophie der Mathematik«, 1922, finden wir das Urteil: »Spengler übersieht, daß jeder Stil des Erkennens nur Mittel zur erstrebten Einheit der Gedankenführung ist, also das Problem der Geschichte darin besteht, dies einigende Band zu finden.

Unsere Greisenkultur bedürfe Preußentum und Sozialismus, d. h. Nivelierung der Persönlichkeit durch Massenorganisierung? Welches »alternde« Zeitalter wies solche Züge auf? Massendisziplin der Hunnen- und Mongolenhorden oder Türken, die sich dem Islam aufzwangen und ihr Nomadenzelt als Waffenlager in Europa aufschlugen, ohne je über primitive tartarische Staatsauffassung hinauszukommen, haben weder mit Kultur noch Altern etwas gemein, sie waren geschichtlich so jugendlich wie die blonden Bestien des Nordens. Sozialistik war allen Morgenländern, zu denen auch die Griechen gehörten, und den Römern fremd im Sinn von Gleichheit der Lebensansprüche, Kaste und Sklaventum schienen ihnen natürlich geboten, wo tritt also soziale Bestrebung beim Altern vergangener Kulturen auf? Mit köstlichem Selbstwiderspruch betont er ja auch: » Alle Weltverbesserer sind Sozialisten, also gibt es keine antiken Weltverbesserer«, worüber sich die Gracchen, Catilina, Spartakus wundern werden, aber auch Buddha, Mohammed, Jesus, die ihre Weltverbesserung wahrlich nicht auf materiellen Sozialismus stützten. Nur in babylonischer und von ihr durchtränkter mosaischer Gesetzgebung trifft man soziales Einlenken gegenüber dem Sklaventum, aber keineswegs in Verfallzeit. Obiger Satz liefert ein Musterbeispiel für Spenglers Voreiligkeit. War die große frühreformatorische Kommunistenrevolution Wat Tylers vielleicht auch ein Symptom, daß ein alterndes England sozialistischer Massendisziplin bedurfte? Oder die Jaquerie und der deutsche Bauernkrieg? Die damalige Gesellschaft war dafür so wenig reif, daß sie genau entgegengesetzte Bahn ging und, altersschwach wie sie war, jetzt erst recht nach Kräften »blühte«.

Homologie und Analogie der Organismen sind freilich auch im Völkerleben zu erkennen, und »Morphologie der Weltgesetze wird notwendig zu universeller Symbolik« (I 63), welche übliche Phrasensprache Spenglers man eigentlich erst ins Deutsche übersetzen müßte, »Weltgesetze« und »universell« klingt wirklich gar zu »morphologisch« für die kleine Menschengeschichte. Vielleicht ist fein bemerkt, daß dem modernen Naturforscher Hertz wie dem alten Spinoza der faustische Kraftbegriff fehlt (I 537), weil beide als Juden noch dem »magischen« Denken der Semitenkultur angehören. Doch warum schworen dann die Juden Marx und Lassalle auf Hegels arischfaustische Kraftphänomenologie? Daß 1758 der Jesuit Boskowich auf Newton Prinzipien der Dynamik aufbaute, hat wohl noch tiefere Bedeutung, insofern Jesuitismus kirchlichen Rationalismus vorstellt. Spengler gibt zu, daß alle physischen Naturgesetze heute relativ und nachgebetete Formeln werden (I 543–45). Doch so anregend seine Entdeckung, daß Antike und Morgenland notwendig das Naturbild anders schauten, moderne Wissenschaft daher nur zeitlich abendländische Spezialität bedeutet, so zog er daraus nicht die letzten Konsequenzen. Wir erinnern daran, daß die Jesuiten den Stammbaum lieferten, »Augustin zeugte Calvin, Calvin den Jansen«, weil ihnen alle mystische Tiefe wie im Jansenisten Pascal in der Seele zuwider war. Die Bedeutsamkeit solcher Verwandtschaft von Loyola mit Locke, von kirchlicher mit wissenschaftlicher Dogmendisziplin begriff und vertiefte Spengler nicht. Noch heute beschuldigen sich Freimaurer und Orden Jesu unlautern Wettbewerbs im Verfolgen gleich rationalistischer Machtziele.

Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, der Untergangsprophet verrät kein Alterszeichen, sondern ungestüme Jugendlichkeit, die mit Wortschwall betäubt und Tabellen aufrichtet wie mosaische Gesetztafeln. Die ägyptische Kultur, deren Bildkunst von ernster strenger Kolossalerhabenheit bis zu feinster technischer Vielseitigkeit, doch noch lange nicht plastische Veranschaulichung einer ungeheuren Geistoffenbarung von Jahrhunderttausenden vorgeschichtlicher Überlieferung darstellt, sei 3000 v. Chr. entstanden unter Ramses II. ins Greisenalter getreten? Der Scherz, daß in der Hyksoszeit »Wirtschaftskomplexe« den alten Kulturstaat aufsaugten, würde die räuberischen »Wüstenkönige« belustigen, die unter Wirtschaft nichts verstanden, als sich plündernd im Niltal niederzulassen. Bei Beleuchtung des Tutanch-amon-Grabs setzte man sogar den Höchstpunkt auf 1800 v. Chr., als »Amon« (Sonne) der Ketzerdynastie bis Echetnon siegte. Höchste Kultur blühte aber im Schatten von Pyramide und Wüstensphinx schon 6000 v. Chr. gerade unter den ersten Memphisdynastien, alles Spätere war nur Renaissance, so sehr sich noch im 2. Jahrtausend Porträtskulptur und Kleinkunst üppiger Zivilisation in Theben und Luksor verfeinerten, doch von Altern so wenig unter den Ramses zu merken, daß noch viel später die Hyksos mit jugendlicher Kraft hinausgejagt wurden. Thutmosis III. verfolgte sie nach Asien, doch ist unbegreiflich, daß dies die einzige kriegerische Tat der ägyptischen Geschichte genannt wird, als habe Sesostris nie gelebt. Nubische, persische, griechische Invasion veränderte nicht das typisch Pharaonische, ägyptischer Geheimkult beeinflußte noch das Römerreich. Aus obigen Daten wird klar, wie die Fachgelehrten sich über »Blütezeit« in den Haaren liegen! Auf gleicher Höhe steht die Entdeckung, indische Kultur altere als Buddhismus. Indiens Vorgeschichte gehört der Urrasse an, die Arier aber befanden sich zu Buddhas Zeit gerade in voller Blüte, der Indusfürst Porus imponierte noch Alexander, mit den Diadochen trat Asoka in Verbindung, unter dem sich Buddhismus auch künstlerisch als Kulturfaktor ersten Ranges erwies. Dies als müdes Altern zu beschimpfen, ist empörend, auch in nachbuddhistischer Zeit schuf Indien reiche Architektur und Skulptur. Entweder ist die eine kecke Behauptung falsch, daß nur junge Kulturen Kunst erzeugen, oder die andere, Buddha sei ein Alterssymptom, natürlich sind beide falsch. Der Islam fand seine Architektur erst spät (Alhambra, Tadsch in Agra), die Abendländer formten ihre schönsten Kunstbauten im Spätmittelalter, die Malerei erst in der Renaissance, die meiste Poesie und ganze Musik in solcher Altersperiode, daß Goethe, Byron, Beethoven, Wagner fast in die Jetztzeit hineinragen. Buddhismus aber wollte mit jugendfrischer Männlichkeit die Materie überwinden, verlangte seelische Größe. Wieder ein Pröbchen dieses Geschichtsdilettantismus, der hochtrabend doziert: Christentum sei im Gegensatz zum senilen Buddhismus das Produkt junger Kultur, nämlich der arabischen! Das wird Juden und Griechen lebhaft überraschen! Daß er dies Semitische »magisch« nennt, können nur Unkundige hinunterschlucken. Magisch dachten Ägypter, Perser, Spätgriechen. Hält er vielleicht die Kabbala für autochton? Eine neue »magische Kultur« der Araber gab es nie. Arabischer Islam ohne Kultur begann 600 Jahre n. Chr., der Koran enthält kein Körnchen christlicher Ethik, die nur mit Urreligion sich berührte, sonst gealterter mosaischer Umwelt entsprang. Betrachtet man Jesus als Juden, so wäre er Alterserscheinung kurz vor völkischem Untergang; hält man die Galliläer für versprengte Gallier, so wäre er auch nur letztes Aufflammen der Südarier, ehe sie an die Nordarier ihr Zepter abtraten. Doch Genius hat nichts mit Welken und Altern der Rasse gemein, die Altsemiten erzeugten ihre mächtigste Erscheinung Hannibal bei ihrem Untergang, so wie die Juden ihre stärksten intellektualen Kräfte erst in ihrer Rassezerstreuung gewannen.

Daß jede Kultur ihre eigene Seele habe, ist Binsenwahrheit; daß dieser Geschichtsklügler sie aber nicht versteht, zeigt seine Auffassung apollinisch-euklidisch eng umgrenzter Griechenseele, als ob dionysische Ekstase des Orpheuskult Plato und mystische Telepathiker nie existiert hätten, neben dem goldigen Apollo steht Apollonius. Daß Lebensablauf von Kulturen abwechselt, dafür braucht man kein sensationelles Buch zu machen nach Vorbild des Rembrandtdeutschen und anderer rhetorisch schillernden Eintagsfliegen. Daß er indirekt jede Evolution ausschließt, würden wir begrüßen, doch was hilft ein unfreiwilliger Bundesgenosse, der selber höchst gefährliche Altersstimmung verbreitet! Nur unpsychische Anschauung glaubt an Altern und Sterben psychischer Werte, deren Blüte oder Welken keiner äußerlichen Zeitbestimmung unterliegt. Ebensowenig wie Evolution gibt es Dekadenz, da körperliche Erschlaffung und Einschrumpfung kein Spiegelbild seelischer Entartung zu sein braucht, oft das Umgekehrte. Soweit wir die Spur der Erdentage verfolgen, geht nichts wirklich unter, verbessert und verschlechtert sich nicht, sondern im äußern Wechsel bleibt stets das gleiche Gewoge psychischer Regungen, deren Ausleben andern unsichtbaren Ursachen entspringt als materiellem Kraftzuwachs oder Machtverfall. Großartig wirft Spengler der Jetztzeit die Altersbrandmarkung ins Gesicht, daß sie deshalb keine großen Dichter hervorbringe. Seine Weltfremdheit ahnt nicht, daß im kommerziellen Zeitalter der Technik und alexandrinischen Wissenschaftsklauberei selbst zehn Shakespeares nicht gehört würden unterm Modetamtam des Massengeschmacks, der auch Kunst zum Handwerk mit goldenem Boden und Kulturgeschäft machte. Solch äußere Erstickung bedeutet gar nichts für inneres Altern, denn werte Zeitgenossen wie Spengler pflegen nie zu wissen, wann Kleist oder Grillparzer lebten.

Nichts läßt sich in Formeln einschachteln. Ob Färber Kleon oder Klodiusbanden heut in Deutschland ihr Unwesen trieben, darum braucht es nicht entfernt den Gang zu gehen wie antike Demagogie, vielleicht eher des Mönchleins Luther schweren Gang und Scharnhorsts bedächtigen Schritt. Wer Chamberlains Scherz mitmacht, Religion mache Rasse, statt umgekehrt, mag allgemeine christliche Europäernation der Gotik dekretieren, obschon Germanisch und Romanisch sich in gleicher Kirche bald rassig trennten. Jedenfalls wäre dies aber nicht »faustisch«, sondern ein »magischer« Consensus. »Faustisch« seefahrteten Phöniker so gut wie Normannen, die Griechen kann man faustisch, magisch ebenso nennen wie euklidisch, da eigentlich nur ihr Theaterszenarium den Ödipus auf Kolonos vom Todesvorhang abgrenzend abschloß. Auch ist Zivilisation nicht »Geist«, sondern geisttötend, Kultur aber stets städtisch, »Blut« des Landes stockt träge, in Stadt wie Land drückt hindämmernde Masse Kultur nieder, deren Bestand jedoch in wenigen Mehr-als- Menschen nie ausstirbt. Indem Spengler Erfolglosigkeit alles Geistigen versichert, schmeichelt er den Ewiggemeinen, die ihn instinktiv als Apologeten ihrer Nichtigkeit begrüßen, verkennt aber den trotzdem »magischen« Einfluß »faustischer« Individualitäten. Ist Faustidee so willensmörderisch, warum war der politische Bannerlöser des geographischen Begriffs Deutschland ursprünglich eine Faustnatur? Wer den Spießer noch aufhetzt, Unpraktisches zu lynchen, plaudert nur verspätet das Geheimnis von jedermann der Vorkriegszeit aus und »deklamiert, jetzt sei nicht Zeit zum Deklamieren«.

Spengler stieß das nämliche zu wie dem jungen Weininger bei »Geschlecht und Charakter«: alles, was sich auf ihre Buchtitel bezieht und den Augenblickserfolg sicherte, ist anfechtbar, oft geradezu falsch, alles aber, was zu philosophischer Begründung dienen soll, ist nicht nur kühn, sondern oft groß gedacht, nur hat es zum Grundthema nichts zu besagen. Dies gilt besonders für Spenglers Handhabung der Begriffe Zeit, Raum, Schicksal, Zufall. Seine Auffassung der Zeit als einer nur qualitativen Größe macht Aristoteles und Kant zu Zeitgenossen, läßt gleiche Geschichtsperiode vor 5000 Jahren wie heute sich abspielen. Dieser Gedanke ist nicht neu, lange vor ihm hat ein bayrischer Freiherr alle Geschichtsabschnitte mit einer Art Zahlenkabbalistik eingeteilt, auch Kemmerich hat neuerdings auf Grund solcher Zahlenberechnung prophezeien wollen. Goethe war mathematisch-geometrisches Denken verhaßt als Tötung lebendiger Anschauung, die seit Pythagoras so oft gepredigte Wichtigkeit der Zahl ist Nichtmathematikern verschlossen, indessen erhebt sich der Mathematiker Spengler insofern über Zahlengläubigkeit, als er mit Schicksal und Zufall rechnet. Was er über Schicksal äußert, ist im ganzen tief, doch verwirrt er alles durch Glauben an planlosen Zufall. Solche Vermischung zwei einander ausschließender Begriffe ist ebenso furchtsam wie konfus. Mechanistik ist nicht furchtsam, indem sie nur Zufall anerkennt, wohl aber konfus, denn gerade in ihr kann es nichts geben als Kausalität, ihrem Wesen nach nie zufallmäßig. Wer aber auf Fatum und Kismet schwört, rechnet mit unberechenbaren Faktoren neidischer Götter oder eines launischen Allah. Beides zugleich kann es nicht geben, für Geschichtsgesetze kommen nur zwei verschiedene Möglichkeiten in Betracht. Entweder Mechanistik, selber Schicksal, die mit logischer Kausalität Geschichtsepochen abschnurren läßt wie Grammophonstücke in immer gleicher Abwechslung. Oder eine vom Schicksal gehäufte Tatsachenmenge, die jederzeit durch zufällig scheinende Eingriffe andere Richtung und Form bekommen könnte. Erstere Annahme setzt unmögliche Automatik voraus, als ob Geschichtsvorgänge sich mit gleicher Regelmäßigkeit abspielten wie Verdauungsprozesse. Die zweite aber macht jede Gesetzmäßigkeit unmöglich, obschon doch Spengler gerade darauf hinaus will, denn Zufall könnte jedes Schicksalsgesetz zerstören. Als Karthago zum Falle reif, gebar es zufällig seinen einzigen großen Mann: hätte Hannibal zufällig Rom erstürmt oder auch nur Hastrubal am Metaurus gesiegt, wäre also Europa nicht für die Arier gerettet worden. Daß der Zufall umgekehrt handelte, war von ihm merkwürdig weise berechnet! Spengler scheint zu unterscheiden, obschon er es nirgends klar sagt: Schicksal ist das durch Natur und Psyche Gegebene, was zwar allgemeinen Gang vorausbestimmt, nicht aber Herr ist über tausend Zufälle der Materiereibung. Doch sind scheinbare Zufälle nicht gesetzmäßig? Da gilt z. B. das von ihm nirgends beachtete Reaktionsgesetz. Die Dominante, wie wir es nennen wollen, einer Epoche, z. B. der Rationalismus des 18. Jahrhunderts, hat die lasterhafte Neigung, ein ganzes Milieu einseitig zu erdrücken, doch als er seinen Gipfel fand, klappte er ganz von selber in Romantik um, d. h. Belebung vertrockneter Verstandesbildung, Selbstheilkräfte im physischen Organismus wiederholen sich also im psychischen, Rückschläge erhalten das Gleichgewicht. So kann man heute bei Zertrümmerung mechanistischer Genügsamkeit einen Rückschlag des Metaphysischen erwarten, das magischen und faustischen Drang in sich vereint mit neuem Kräftezuwachs für angeblich sterbende faustische Kultur. Dies sieht aber alles eher als danach aus, daß Menschheitsschicksale Zufälligkeiten untertan seien. Spenglers Geschichtstafeln sind im einzelnen unsicher und oft unmöglich, so verlockend es scheint, bestimmte Grundlinien festzulegen. Man hat schon einst in einem Essay Gesetze der Weltliteratur aufstellen wollen, doch mancherlei bestehende Analogien lassen sich dabei wieder nicht mit auffälligen Verschiedenheiten verknüpfen. So scheint auch gewaltsam lächerlich, daß französische und englische Geschichte um 100 bis 200 Jahre der deutschen voraus sein sollen, Bismarck als Zeitgenosse Richelieus und Cromwells hätte doch wesentlich andere Aufgaben, Goethe entsprang nicht Shakespeares Renaissancemilieu. Entstehen eines Cäsar und Alexander mag man vorausahnen, doch nicht voraus berechnen, wann sie Rubikon und Hellespont überschreiten. Kepler las Wallensteins Tod in den Sternen, doch keineswegs die Begleitumstände. Der entscheidende »Zufall« war immer, ob Genies geboren werden, doch wie kann man sie Zufälle nennen, da sie doch selber sich als Schicksal fühlen!Daß nicht Konstanz geistiger Formen, sondern deren Verschiedenheit das Tiefste erschließen, würden wir Spengler (S. 84–88) zugeben, wenn er nicht als deren Ursache organische Periodizität annähme statt davon unabhängiges Erstehen großer Einzelpsychen. Der »Weltschmerz« wurde nur periodisch, weil ausgerechnet ein Lord im wenigst weltschmerzlichen England ihm Worte lieh.

So ist auch Ethik nie zufallmäßig. Sobald das Leben ihm die Spielsachen abstrakter Ethikbegriffe zerschlagen vor die Füße wirft, windet sich der kirchliche wie der rationalistische Moralist in Verzicht und Verzweiflung. Der wahre Idealist steht dem Leben und seinem Anprall, weil er moralisches Übel als jenseits irdischer Remedur betrachtet und sich nicht einbildet, wechselnde Notwendigkeiten von Gut und Böse in gleiches Schmetterlingsnetz ethischer Regel einzufangen. Der sozusagen mit Dramaturgie in der Hand geborene Lessing wußte dem Lebensdrama nur den bittern Schutz des Stoizismus zu entnehmen. Wer aber geheimnisvolle Beziehung von Personen und Dingen in jedem Einzelleben betrachtet, der verkennt weder seltsam genaue Gerechtigkeit, noch leugnet er Gut und Böse an sich, erhebt sie nur ins Reich notwendiger Impulse, wo unter Umständen ein Verbrechen sittlicher sein kann als laue Biederkeit. Die ziemlich abstruse Abhandlung Spenglers über morphologisch in jeder Kultur verschiedene Moral dürfte wohl auf obige Sätze hinauslaufen, wie denn mehrfach eine gewisse innere Übereinstimmung mit unsern Ansichten überrascht, doch ließe sich noch vieles dazu erinnern, man kann unmöglich eine dunkle Unklarheit im Spengler-Orakel verkennen. Seiner anthroposophischen Nörgelei stellen wir klar gegenüber nur Schicksalsordnung in Zeit und Raum. Zu behaupten, des Abendlands Afterkultur habe nun für immer tiefere Quellen der Höhergesittung verschüttet, heißt quirlenden Schaum der Oberfläche mit unergründlichem Meer verwechseln, Schaum versprüht, die Welle rollt weiter um die Erde. Unbeirrt von öder Zeitlichkeit geht der Psyche ewiges Leben seinen Gang, das Meer unsichtbarer Psychewelten flutet ineinander ohne Ebbe. Ob jemand unter Sesostris oder den Majestäten Wilhelm, Lloyd George, Poincaré »blühte«, ist ohne Belang für sein wahres Wesen, die Psyche der Kultur kennt nicht Welken, Altern, Sterben, denn sie setzt sich zusammen aus Myriaden immer neuinkarnierter Psychen. Vielleicht trug schon ein Neanderthaler den Shakespeare in sich, der später zum Vorschein kam durch Karmafügung.

»Piatonismus ist Vater des Christentums, Judentum die Mutter«, orakelte Napoleon vorschnell. Es gibt nicht allgemeine Gesetzgebung für Aufgang und Untergang von Religionen so wenig wie von Kulturen. Indische Mythologie unterschied vom Brahma ihrer Trinität den Brinaha-Brahm, dem man tiefsinnig keine Tempel baute, weil über menschliche Verehrung erhaben. In dem einzigen ihm geweihten Tempel gab es kein Bildnis, weil der höchste Eine nicht verbildlicht werden darf. Monotheistischer Monismus ist so alt wie die Welt. Auch das ältere Christentum rang nach intellektueller Sauberkeit. Bei Justin und Theophil findet man erhebliche Argumente für Nebenzeichen der Auferstehung: »Beständige Auferstehung geht in dir selber vor, dein Körper wechselt, Teile verschwinden, andere ersetzen sie.« Clemens sucht Jesus schon bei Plato und Plotin, Origenes lehrt Bestehen früherer Welten, Wiedergeburt, kausales Jenseits. Wer gegen solche Auferstehung griechischen Denkens den Streit aufnimmt, trifft nicht Kirche, sondern Theosophie, wie heute ungescheut beabsichtigt. Doch sobald Wahrheiten großer Seelen zum Massendogma erniedrigt, verwandeln sie sich notwendig ins Gegenteil. Die Seelenrevolution, den Händen von Jesus und Johannes entglitten, mußte Reaktion einer Kirche werden, die bezeichnenderweise eher die Apokalypse als apokryph fallen ließ, doch die weltliche Tendenzpropaganda hebräischer Messiaspropheten schlau zum obersten kanonischen Rang erhob. Sie weiß also wie die Wissenschaft nichts mit Offenbarung wirklicher seherischer Verzückung anzufangen, versteht sich nur auf Talmimirakel. Für diese disziplinierten Judenchristen waren die Gnostiker Faselanten, weil sie zyklische Sphären, Überchristos der Weltseele, Erlösung nur durch eigene Läuterung in Wiedergeburten lehrten und erbittert den persönlichen Jahve als Demiurgos verwarfen, den bösen Feind als Materie, ohne in Dualismus eines positiven und negativen Prinzips zu verfallen wie Lotze der Jüngere. Auch mit den Manichäern läßt sich reden, die sich an Zoroaster anlehnten, obschon ihre wilde Verdammung alles Körperlichen zu verdummender Askese beitrug. Ursprünglich Manichäer, überlieferte Augustin die Gnadenwahl an Calvin, seine 18 Bände zeigen die Verheerung, die verbissener Priesterwahn in einer groß angelegten Natur anrichtet, seine »Bekenntnisse« lesen sich wie die Rousseaus als Gewissensschreie innerer Unruhe, seine Gottliebe malt er mit Schönheitsumarmungen und Blumendüften! Das ist die große Konterrevolution, die immer unvermeidliche, wo Jesus auf Athanasius herabsinkt. Als 600 Bischöfe auf 6 Konzilen sich um Dogmen balgten, wie Athanasier und Arianer Mönche handgreiflich auf dem Byzanzmarkt, war dies »Wachstum des Christentums«, wie Vincentius frohlockte, ein schlechtes Beispiel für »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen«. Gleichwohl ist niederschmetternd für Evolutionsträumer, daß die ganze Fehde moderner Bibelexegeten längst schon bei Beginn der Kirche entbrannte, wo Arius sich gegen Christi Gottheit sträubte und der britische Mönch Pelagius einige Weizenkörner unter die Spreu mischte, sogar in Augustins Chaos der Lichtblick glomm, daß er Erlösung durch bloße Taufe verwarf. Immerhin sehen wir in allem Religiösen sich das Gute zum Schlechten wenden, das Schlechte sich verschlechtern.

Wie bei Alimentklagen viel tüchtige Zeugen in Reih und Glied die Schwurhand erheben und das schlichte Volkslied ertönt »Geld kost's auf alle Fälle«, so muß der Bastard des Jetztgeschlechts doch 'nen Vater haben, wir werden's Kind schon schaukeln, doch die Namenstaufe macht Schwierigkeiten. »Persönlichkeit und Schönheit«, ruft Ellen Key in hohen Tönen an, vermengt »Evolutionismus, Individualismus, Solidarität« als unauflöslich verbunden, wie ja schon Krapotkin Egoismus und Altruismus beide für naturgesetzlich erklärte. Was sie als Selbstverzicht des Philisters betrauert, ist gerade Selbstfrönen der Profitwut, die für Gendarmen der Schweinemast und Bewachungshunde für Schafe schwärmt. Ist Schafen nicht gesund, daß der Spitz sie in Ordnung hält und in die Hürde einpfercht, die als freie Schweifer sich verirren würden? Allerdings betreut man Schafe nur, um sie zu scheren, doch wonach strebt die Schafseele, als nach gesichertem Futter und Obdach! Das ist der wahre Individualismus der Masse, ihre Solidarität heißt Feigheit, falls nicht ein starker Hammel für sich allein mehr Futter beansprucht! Die tapfere Ellen brandmarkt sogenannte Pflichterfüllung im bürgerlichen und Staatsleben, doch »Freiheit« und »Pazifismus« sind geradeso verdächtige Masken. Hohe Seelen sind nur sich selbst verantwortlich, Beethovens Satz: »Echte Kunst ist eigensinnig«, bedeutet, daß Kunst ihren eigenen Sinn hat. Ist »der Mensch selbst ein Teil des Schicksals« (Emerson), so denke man daran, daß ein Tiger weniger schadet als eine Horde weißer Ameisen (Multatuli) oder Doggenhunde (Kipling), Napoleon harmlos dasteht neben unzähligen kleinen Verbrechern des Alltagslebens. »Da unsere eigene Autorität unsere Handlungen entscheidet, können nur wir selbst sie richtig beurteilen«, sagt die Key brav, doch solche Selbstherrlichkeit schließt jeden Ausgleich zwischen Individualismus und Sozialismus aus. Heidentümer unterscheiden sich nur in der Formsprache, kein »drittes Reich« des Joachim von Florio kann die ewigen zwei Reiche des Geist- und Sinnenmenschen verschmelzen. Auch die schwächste Psyche hat Tiefen, die sie selbst nicht kennt, doch wenn der Massenmensch immer vor der Weltlüge kapituliert, so murre er nicht über Selbstbestrafung seiner Halbheit. Der Graphologe Langenbruch spottet in seinem Handschriftenbuch, daß die Deutschen sich kritisch dünken und doch kritiklosen Autoritätsrespekt vor Titeln und Orden behalten. Womit soll aber eine Null sich sonst einen Einerzähler beschaffen? Persönlichkeiten lassen sich nicht züchten, und eine als Pazifistin herumkutschierende und das Leben bemutternde Damenseele naht sich nie dem Abgrund, wo der gefesselte Prometheus auf keinen sozialen Herkules und Hiobs »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt« auf nichts Irdisches wartet. Und »Schönheit«? Im Warenumtausch geistiger Güter kann kein krampfhafter Massenaufstand der Talente den durchlöcherten Eappen der alten Ästhetik flicken. Balzacs »Prolegomena der eleganten Welt« nennt die Gesellschaft Versicherung der Reichen gegen die Armen, jawohl, sie weiß am besten, womit sie ihre Räder schmiert. Steigt mal ein Genialer in die Tagesarena, so scheint das ungesetzlicher Raid über ein Grenzgebiet, Einbruch in verbrieftes Besitzrecht der Ungeistigkeit.

Doch der Rest ist nicht Schweigen, sondern ewig tönende Ordnung, denn nur Vermenschlichung Gottes beraubt ihn seiner natürlichsten Eigenschaft haarscharfer Gerechtigkeit: nur wer diese nicht brauchen kann, wünscht von ihm Affenliebe, himmlische Buchführung fälschend. Alle Natur ist – natürlich. Ossendowski meint, im Ussuriland, wo Tropisches und Arktisches durcheinandertaumeln, mache die Natur »einen dummen Witz«, sie setzt aber nur die Idee einer vermittelnden Wetterscheide in Form um. Der nämliche Lebenserfahrene sagt: »Das Leben verknüpft Menschenschicksale auf sonderbare Weise, Endergebnis von Zufälligkeiten mutet oft sehr geheimnisvoll an.« Zufälligkeiten? Nur unsere trüben Augen sehen nicht den Blitz der Planmäßigkeit. Wer aus schaukelnder Hängematte unsanft herunterpurzelt, dessen Klage auf Schadenersatz lehnt der Weltgerichtshof ab: Stellt eure Forderung billiger! »Blessings in disguise« nennt man englisch Unfälle, die sich nachher als heilsamer Erziehungswert erweisen. Die Natur selbst sagt dem Materialismus ab, geniale Magen gibt's nur bei Rabelais, Gram vergiftet tödlicher als Arterie-Bluthunde der Eiweißüberfütterung. Wer »Hygiene des Geschlechtslebens« (Gruber) als Siamesischen Zwilling mit kühler Erotik verkuppelt, dem ist das ewige Weh und Ach aus keinem Punkte zu kurieren. »Minne« als Doppelsinn von »Liebe« und »Gedächtnis« schwand aus der Sprache, weil Treufähigkeit erlosch. Nichts Psychisches hat physische Basis. Aus gleicher Globetrotterei schöpft der gesunde Weltmann Loti Pessimismus, der schwindsüchtige Stevenson Optimismus, Samuel Johnson schimpfte bei sechzehn Tassen Tee genau wie beim gewohnten Grog, Falstaff und Hamlet sind beide »fett«. Maupassant spottet: »Ein Porträt zeigt nicht unser Skelett«, doch er selbst trug bald sein Skelett-im-Haus zur Schau, der »Horla« packte ihn am Kragen, die gewollte Allsinnlichkeit strafte sich im Übersinnlichen. Überall gerechte Immanenz: wer sich in Gefahr des Sinnlichen begibt, kommt drin um.

Lafarge »Höheres lieben in Kunst« belegt Mißtrauen und Mißgunst der Kunstakademien gegen alles Lebensfähige (vgl. Shaws Vorrede zu »Frau Warrens Beruf«). Bolschewismus bescheinigt nur in breiterem Maßstab den Haß gegen Geistmenschen. Gorki trampelt auf Tolstois und Dostojewskis Gräbern, doch als den Zarismus verdientermaßen der Teufel holte, hörte man nicht die Warnung der eingestampften Bibel »Die Rache ist mein.« Wilhelm der Nichtschweiger wollte »den Russen den Demokratenstaub aus der Weste klopfen«, dafür klopfte das Schicksal ihm die Hosen voll. Im »Dunkeln Wald«, Weltkriegsroman von Walpole, blitzt seelische Erleuchtung durch Todesgrauen, doch wertloser Tod sühnt kein wertloses Leben, Kampf von Unrecht gegen Unrecht wie im amerikanischen Bürgerkrieg, vollzieht wechselseitige Vergeltung, stets tönt von höherer Warte ein Hoheslied der Nemesis. Straßenverkäufer Britton (1659–1714) versammelte wöchentlich um sich vornehme Lords und Ladies zur Kunstpflege, doch welcher Adel und welcher Proletarier begünstigte sonst solche Gleichstellung von Rang und Geist! Die Armen-im-Geist – Butter statt Luther – trieben stets Bilderstürmerei. »Welch ein Verschwender ist die Natur«, seufzt M. Arnold über Heines Matratzengruft, doch ändert dies die Sichtung, daß in Völker- und Einzelleben mehr Gerechtigkeit herrscht, als uns lieb ist? Seit Hesiod hofft man umsonst auf Verbesserung, aus Pest und Aussatz werden Tuberkeln und Syphilis, aus Inquisitions-Jakobinertribunale, aus Hexentorturen hochnotpeinliche Kniffe von Versailler Friedensengeln. Schopenhauer als »Buddha der Table d'hote« (Bourreau) lebt in ständiger Todesangst, Condorcets »Atlantis«, Cheniers »Hermes« hecken mitten unter Guillotinebeilen für ihre Unglaubensgenossen den Glauben an irdische Unsterblichkeit aus, de Maistre verheißt Katholiken Gleiches. Überall Vogelstraußpolitik schmutziger Verschlammung. Mill fiel in die Verelendung, ob Gott Macht über seine Schöpfung habe, solche vorlaute Beckmesserei vergißt, daß Gott nicht verantwortlich sein kann für die Bête humaine, die gebundener Marschroute ihres Verschuldens folgt und, vorm eigenen Basiliskenblick erstarrend, um Hilfe gegen sich selber schreit. Ein witziger Roman »Lebenskomödie« schildert Oxforder Studentenbengel, nie wachsen sie heraus aus ihrer Philisterhaut, ihr Jugendtollen juckt wie Krätze, im Alter verlieren sie nur physische Gaben ihrer akademischen Narrheit. Solche Typen soll Gott »lieben«? Christliche Sündenmohrenwäsche verquickt sich mit Tetzels Ablaßzetteln, der Karmagott aber bedingt sich aus: »Ich will vergelten«, denn Sein ist die Herrlichkeit der unbedingten Gerechtigkeit. Wer mit dem »liebenden Vater« Schluß macht als einer entgleisten Persiflage der Notwendigkeit, dem tagt der Wahlspruch der Selbstverantwortung: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. In der großen Puppenallee werden theologische und soziologische Versprechen gespendet als Pralinés für naschgierige Kinder, was kann Gott dafür, daß sie sich den Magen verderben! Ein düsteres Buch »Jim Street 5« stöhnt Gewissensbisse der Anständigen, die sich durch Volksausbeutung gemästet fühlen. Gewissen? Was Gewisses weiß man nicht. Doch daß eine Moral von der Geschicht' da sein müsse, dafür gibt sich Ahnung das Jawort. Fichtes Abhandlung »Über den Grund des Glaubens an moralische Weltordnung« bleibt leere Gemütsübung, solange man nicht die Menschheit offenkundig ihr Selbstgericht vollstrecken sieht. Hegel tadelt Kant, daß er Gott für unbeweisbar halte, doch Kant stand fest auf viel Unbeweisbarerem, nämlich demütigendem Sittengesetz, das der Mensch aus sich selbst herausholt. Ein schottischer Rationalist folgerte vorschnell daraus moralische Anlage des Menschen, Massenvielheit spottet des Alleinseligmachens theosophischer Rezepte, immerhin rüttelt der vom Materiegeier zerhackte Prometheus der geschändeten Psyche an seinen Ketten und »macht den Tod zum Sieg« (Byrons Prometheus). Der Mensch ist gerichtet, doch gerettet sein Bedürfnis sittlicher Forderung. Entsprechen sich Tätigkeit und Mitgefühl (Raid), so hätte ein unendlich tätiger Gott unendliches Mitgefühl, doch ohne Karmalehre müßte man meutern, er verlange mehr Duldermut, als selbst große Seelen leisten können (vgl. Rollands traurige Enthüllungen über Michel Angelo). Doch das scheint gerade der Zweck der Übung. »O Mensch mit deinem Palmenzweige«, keines Jahrhunderts Neige lehrt dich mehr, als daß der Karmagläubiger nicht deinen Fallit will und dir überweltliche Wächter als Konkursverwalter einsetzt. Gott arbeitet selber mit, Allfürsorge erstreckt sich gerade in Notwendigkeitswelt. Da jede Maschine ab- und ausläuft, so könnten Störungen der Planetenordnung nie vermieden werden ohne höhere Eingriffe, Unregelmäßigkeit kann auf Erden so wenig walten wie am Sterngewölbe, nichts kann allem Geschehen immanent sein als lautere Gerechtigkeit. Doch wenn wir das Leben als Karmamanifestierung verehren und ihm das Heroische entgegensetzen, so schmeckt dies nicht nach Schlagsahne und Süßholzraspelei liebestrunkener Weltschönheitfreude des großen Lyrikers Tagore. Sein Interpret Engelhardt (1922) täuscht nicht über denkerische Unbestimmtheit solcher Verinnerlichung, die vor Übel und Leid als nur episodisch die Augen schließt und doch Buddha als Bundesbruder anzurufen wagt, während er es über sich gewinnt, in nietzscheanischer Lebensrhapsodie zu schwelgen. Was nur für Indien Möglichkeit hat, predigt er als eitel gefeierter Gast im abendländischen Staatsgefängnis mit törichter Unterstellung, daß jeder voll gleicher »göttlicher« Kräfte stecke und sich nach Gottliebe sehne. Doch »die Menschen sind nicht gut«, klagt der gütige Philanthrop Fénelon, Brunos heroische All-Liebe verachtet sowohl wehleidige wie wonnige Sentimentalität.

Ein hoher Herr nannte sich treuherzig »überzeugter Optimist«, er meinte »verwöhnter Egoist«. Von so verächtlicher Gemütlosigkeit bekehrt uns schon das Leiden harmloser Tiere. Wem eine treue Mieze aus Kummer starb, eine andre im Kindbett an tückischer Seuche, eine dritte wochenlang um ihr Kindchen klagen hörte, das qualvoll verendete, der hatte gerade genug, und fragt, warum die lieben Geschöpfe erst nach so zwecklosem Schmerz in die Astralebene zurückkehren dürfen. Doch vielleicht ist auch dies karmisch begründet, und wir ahnen wie in der Geschichte so auch im Privatleben immanente Gerechtigkeit, sobald wir uns von kleinlichen Menschenbegriffen losmachen, die immer Glück und Unglück nur materiell werten. Eine von sich selbst zehrende Vernunft kredenzt als Marketenderin »zwischen den Schlachten« allerlei Begriffsschnäpse mit der Flaschenetikette: Patentiert, Achtung, zerbrechlich! Nur ab und zu sprudelt natürliches Mineralwasser. So im »Phädon« Mendelsohns: plötzliches Absterben (»Untergang des Abendlands«) widerspreche der Natur, deren Umkleidungen nur Stetigkeit ohne jähes Abreißen zulassen. Ja, Goethe mutet ihr nicht zuviel zu: »Natur muß mir ein neues Kleid geben«. Cherbury lehrte 1645, Bös und Gut würden schon im Diesseits vergolten. Rochester verneinte es fürs Jenseits, weil ja mit Vernichtung des Hirns jedes Gedächtnis der Diesseitstaten schwinde. Freigeisterei setzt eben alles Mögliche voraus, während sie gegen theologische Voraussetzungen ficht. Auslöschen der Erinnerung im Tode wäre unnatürlich – falls man nicht überhaupt Vernichtung voraussetzt –, erst Wiedergeburt vertreibt sie, wo sie als Karmabestandteil ins Unbewußte versinkt. Da aber Dies- und Jenseits kausal zusammenhängen, so dürfte man fragen: Wenn nicht im Diesseits, warum im Jenseits, haben nicht beide Systeme das gleiche Leitmotiv? Nun, vorurteilsvolle Betrachtung für uns geistig ungeordneter Stoffmassen berührt nicht die zahllosen individuellen Bewußtseinsstände, alles innere Leben bleibt ein unbekanntes Y, selbst wenn es sich mechanisch abrollte. Daß die Weltordnung nicht aufdringlich Moral einpaukt und äußerlich oft das Böse zeitlichen Sieg hat, beeinträchtigt noch lange nicht angemessenes Ausleben der Persönlichkeit, dies höchste Glück der Erdenkinder. Addison, der glattgebürstete Staatssekretär der Moral, die er wie heimisches Mehl und Laster als unerlaubten Einfuhrartikel überwachte, verschied: »Seht, wie ein Christ stirbt!« Das rührt uns nicht, wir denken an Swifts schauriges Ende, der kein glückverwöhnter nobler Gentleman, sondern ein von Bosheit Tollwütiger war, dem dauernde Verbitterung jede Milch in Drachengift verwandelte mit der Leiderfahrung: »Ein Genie erkennt man daran, daß alle Toren sich dagegen verbünden.« Doch ohne sein wildes Dunkel von Grimm und Leidenschaft wären die Blitze seiner Weltsatire nie emporgezuckt, er wäre ein gemeiner Streber geworden, ohne seine Bestimmung zu erfüllen. Solch Manko als Selbstwiderspruch hätte ihn zehnmal unglücklicher gemacht, seine Größe war so gerechte Vergeltung wie sein zerrissener Lebenslauf, der im Grunde doch auch seiner Überhebung schmeichelte. Umgekehrt hätte Addison seine milde Bonhomie nie ins Publikum getragen ohne ein so wolkenloses Dasein. Da drängt sich Gewißheit auf, daß jedem wird, wodurch seine Persönlichkeit sich am richtigsten entfaltet. War der kluge Kritiker Addison zufrieden mit sich selbst und seiner weltberühmten Stümperei »Cato«, war die glatte Ebenheit seiner sonnigen Lebenschaussee nicht ein Danaergeschenk? Hätte Swift je mit Philisterglück ohne Größe getauscht? Lieber Verzweiflung und Wahnsinn, als Verfertiger des Cato und nicht Schöpfer des Gulliver sein, wodurch er der Menschheit mit vergifteten Dolchstößen heimzahlte, was sie stets an Genialen verbricht, und sich ins Buch der Unsterblichkeit einschrieb! Je genauer man den Lebenslauf aller Bedeutenden auf allen Gebieten verfolgt, staunt man über Schicksalsschiebung für Individualrechte. Die Ursprungslage isolierter Geistmenschen wäre aussichtslos ohne ungewöhnliche Eingriffe ihres »Wächters«, alles spricht dafür, daß gerechte Vorbestimmung auch den Milliarden, deren Leben unbekannt bleibt, die Bahn vorzeichnet. Weltordnung ist ein weiter Begriff, doch es wäre zu sonderbar, wenn sonst im All harmonisches Gleichgewicht herrschte, nur für Erdbewohner nicht, so unharmonisch ihr Streben. Würde ein Geistmensch gern in die Schuhe eines Finanzers überspringen? Dann wäre er keiner, obendrein ein Narr, keine Speise nährt, wenn die Psyche verhungert. Materie müßte aber alles Geistige erdrücken, nur durch unberechenbare Gewalten wird der einzige menschliche Lebenszweck, Ausbildung des Individuellen, ermöglicht. Bulwer protestiert mal gegen »poetische Gerechtigkeit«, bestrafte aber seine Bösewichte so aufdringlich wie Dickens. Wer viel erfuhr, entsetzt sich geradezu, wie prompt Vergeltung arbeitet und wie raffiniert, es gibt nicht immanente Ungerechtigkeit für Mit- und Nachwelt. Lord Bulwer, dem und Disraeli nur Byron einen Ständer abgab, an dem sie den Talar ihrer weltlichen Streberei und Anmaßung aufhingen, schmeckte des Sängers Selbstfluch, ungerecht von der Nachwelt geohrfeigt, wo er als Muschel vergessen fault am Strand der Literatur, und doch menschlich verdientermaßen. Als fälschender Ideologe läßt er den gewissenlosen Warwick, den fetten Advokaten Rienzi, der gackerte wie die Gänse am Kapitol, schuldlos untergehen, doch Charakterbilder schwanken nur in der Geschichte, die sich nicht auskennt. Die großen Vergrämten in Sanssouci, St. Helena, Sachsenwald wußten vermutlich sehr gut, wofür das Schicksal sie belohnte und bestrafte. Ein Buch »Taten und Worte« von Zeidler schmeichelt neudeutschem Antiidealismus mit der Vorstellung eines literarisch entseelten Goethe als »Herzog von Frankfurt«, Tasso Goethe fühlte freilich gelegentlich Neigungen zum Antonio, doch hätte mephistophelisch beifällig gekichert zu Bismarcks Zorn: »Es wird nicht besser, bis nicht alle Geheimräte ausgerottet«, er wußte am besten, wo ihn der Schuh drückte und daß sein Leben genau so verlief, um ihn zum heimlichen Kaiser und nicht zum Rheinbundssatrapen zu machen. Bentham schäkerte »für die größte Masse das größte Glück«, Helvetius definierte Tugend als Streben fürs allgemeine Beste, doch der Racker Staat trägt einen Geßlerhut, dem wir nit Reverenz erweisen, das Futter der Masse ist Gift für Eigenbewußtsein, »souvent de tous les meaux la raison est le pire« bekannte sogar der Pedant Boileau. Wo die Menge vor Vogelscheuche Vernunft und dem das Beste beschneidenden Staat kniet, betet der Denker zum großen Gesetz des innern Ausgleichs, wichtiger als jede äußere Experimentalbetrachtung zum Verständnis der »Natur« als rein psychischer Bewegung. Nirgends Untergang, überall Übergang der Werte ineinander. Der Starblinde sieht im Leben ein Rübenfeld, der Kurzsichtige ein Moderfeld der Verwesung, der Sehende ein Schlachtfeld, über dem die Sonne immanenter Gerechtigkeit tagt. Dies Karmalicht der Urweisheit entschleiert zu schauen, das würde und das wird der neue Aufgang des Abendlands sein.

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