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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 59
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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II

Was ist der langen Rede kurzer Sinn? Zunächst daß Naturökonomie für ausreichenden Ersatz sorgt nach dem Grundsatz: Auf Schlachtfeldern doppelte Ernte. Unheilvolle Kriege brachen nie das Mark einer Nation, hielten nie ihr Anwachsen auf, man darf sie von höherer Rotunde nie als unbedingtes Übel betrachten, sondern als Transformationsmittel, wie Orkane zwar Einzelunheil anrichten, doch zur Reinigung der Atmosphäre zweckmäßig sind. Den Franzosen kamen ihre verbrecherischen Eroberungskriege teuer zu stehen, doch man vergleiche das gehobene literarische Niveau im 19. Jahrhundert mit ihrer klassischen Pose und Espritnüchternheit früherer Zeit. Gewiß ist solcher Fortschritt nur relativ, doch wenigstens war Transformation durch Aufrütteln bisher schlummernder Seelentriebe nicht nachteilig. Selbst die schlimmste Kriegsform, der Bürgerkrieg, schadet nur vorübergehend, auf den Peloponnesischen folgte größte Expansion des Griechentums unter Alexander. Die amerikanische Union zählte beim Sezessionskrieg 24 Millionen, verlor dabei viel wertvolle Menschen nebst finanziellem Staatsruin, heute nach 60 Jahren hat sie über 100 Millionen Einwohner und den größten Nationalreichtum auf Erden. Von Frankreichs Armut vor der Revolution entwirft der Zeitgenosse Young ein erschreckendes Bild, erst die Gewaltzeit 1792–1815 begründete den nationalen Wohlstand, Sedan und die Kommune wurden ein Anreiz zu Wiederaufbau, wie ihn Mrs. Edwards »Frankreich von heute« schilderte. Italiens unablässige Leiden durch Fremdherrschaft förderten nationalen Aufschwung. Nicht durch einschneidende Kriege siechten die Großmächte Spanien, Türkei, Venedig dahin, um ihr militärisches Prestige gebracht durch innere Fäulnis. Gleiches gilt für Schweden, das sich von Carls XII. Abenteuern nie erholte, doch sehr zu seinem Heile, weil unnatürliche Machtstellung doch nie behauptet werden konnte, Fehrbellin war gerechte Vergeltung für Gustav Adolfs scheinheiligen Wikingzug auf Deutschlands Kosten. Daß dies physisch kräftige Volk sich so wenig vermehrte, wodurch die Natur ihm alle Großmachtsgelüste austrieb, bleibt an und für sich unerklärlich. Denn wir kommen nun zu dem andern Ergebnis, daß Bevölkerungszunahme vom Rapiden bis zum Stationären sich weder durch physische noch wirtschaftliche Gründe erklären läßt bei so erstaunlicher Ungleichheit. Ein Volk vermehrt sich unter günstigen Bedingungen, das andere nicht, ungünstige Bedingungen halten Vermehrung nicht auf, siehe die konstante Zuwachstendenz der Inder, Chinesen, Japaner unter großer Armut, während Perser, Araber, Türken unter günstigeren Bedingungen ins Entgegengesetzte verfallen. Als die Araber kühn auf schwachen Booten das Rote und Indische Meer berühren, auf den Sundainseln Sultanate errichteten, wie Marco Polo ausführlich beschreibt, und, an Afrikas Ostküste Fuß fassend, längs der Nordküste bis Mittelspanien sich ausbreiteten, hätte man denken sollen, sie müßten sich unaufhaltsam vermehren. Nichts davon! Bagdad, Ispahan, Grenada verödeten, während Mongolen und Spanier in Wüste und Gebirge anschwollen. Wie alle andern Darwinischen Phrasen erweist sich auch auf diesem Gebiet Überleben der Auslese durch Anpassung als Strohdreschen. Vielmehr dämmert die gewaltige Tatsache, daß es sich wiederum um Eingriff unsichtbarer Mächte handelt, die nach vorbestimmter Notwendigkeit die Dinge so regeln, wie es nicht physischen, sondern psychischen Gesetzen gefällt. Man denke an Buddhas Spruch: »Sind Vater und Mutter bereit, doch der Genius nicht, so erfolgt keine Geburt«, die also unsichtbarem Gebot oder Verbot gehorcht. Nationalökonomie überträgt umsonst nur Lokalgesetze auf Bevölkerungsbewegung, unbekannte psychische Faktoren außer acht lassend. Vermehren sich also Völker nicht, wie sie sollten – Spanien, Schweden, alle Mohammedaner, Franzosen, die früher 30 Prozent von Europas Einwohnern ausmachten –, so gibt es dafür nur transzendentale Erklärung. Bedenkt man, daß in jedem dieser Fälle eine Stärkung durch expansionsbedürftige Volkszunahme ein Unglück für die übrigen Völker und zuletzt auch für die Gestärkten selber bedeutet hätte, während rapide Zunahme der Deutschen und Engländer das notwendige Gleichgewicht gegen Slawen, Magyaren, Rumänen herstellt und heute 40 Millionen Italiener als dritter Faktor hinzutreten, so erkennt man tiefen Sinn der Völkerzahlgruppierung. 1914 umfaßte Rußland angeblich noch 170 Millionen, heute 130, womit seine panslawistische Stoßkraft verringert. So dämmen Kriege, Revolutionen, Epidemien die Übervölkerung ein, wo sie anfängt, lästig zu werden.

So regeln kirchliche Reformationen die Übervölkerung mit Phantasmen. Indem Buddha den Weltfluch unterdrücken wollte, übte er dabei eigenen Machtwillen. Kann sich Einzelwesen vom All-Leben loslösen, da doch nichts aus dem All herausfallen kann? Daher gegen mönchisches Mißverstehen seiner Nachfolger der Gegenstoß des Brahmanismus. Christenkirche hatte nichts voraus vor Seneca, der auf Menschenwürde der Sklaven hielt (der Sklave Epiktet durfte als Professor dozieren), vor Antonin und Marc Aurel, die Feindesliebe predigten; Jesuitismus machte Gott zu einem streitbaren Papst Julius, der Ordensgeneral fordert Kadavergehorsam: daher Protest des Protestantismus. Da er aber von sich selber abfiel und nur die Staatsgewalt stützte, ward geschichtlicher Hintertreppenwitz, neues non possumus im Konklave »reformierter« Päpstlein habe Geistesfreiheit gefördert (vgl. Buckle über grausame Pfaffereien der Presbyterianer). Wer am Ruhmportal frommer Reformer eine Stufe tiefer steigt, stößt auf blöde Intoleranz des Methodistenheilands Wesley (Fähnrich Wesley änderte seinen Namen in Wellesley, um als späterer Wellington für »Kirche und König« zu streiten!), Miltons eklige Haustyrannei verriet in lateinischen Privatgedichten unsittliche Anlage, seine mannhafte politische Haltung entbehrte nicht der Streberei, während der Materialist Hobbes das ihm von Cromwell angetragene Staatssekretariat aus philosophischem Ehrgefühl ablehnte. Ihre Bibelfrommheit schützte Luther und Calvin nicht vor Charakterfehlern, Heinrich VIII. und Elisabeth simulierten gleisnerisch Theologeneifer für ihre »geheiligte Majestät«. Daher Rückstoß des Rationalismus. »Beten und arbeiten« nannte Rochester Selbstbetäubung, Carlyles Arbeitsverhimmelung vergißt, daß der Yankee Longfellows »Lebenspsalm« als Aufforderung zum Dollarismus betrachtet, Tolstoi höhnt, die größten Schufte seien die emsigsten Arbeiter. Arbeits pflicht? Erst anerkennt das Arbeits recht des freien Geistes statt professoraler Brotfresserei, nur freie Idealität, die selber in sich Religion ist, befriedigt religiöses Bedürfnis. Das Beten warf man über Bord, das Arbeiten entsprach nur noch merkantilem Geldkult. Der Rationalismus vergaß nur: wer aus Naturbehagen heraustritt, muß Anlehnung an höhere Welt suchen, Eudämonismus mußte das Spiel verlorengeben, da er mit dem Tier nicht konkurrieren kann. Überlebensgroße Steinachverjüngung künstlichen Pubertätskitzels bei sozialer Verkalkung will vom Leben, was es animalisch nicht bietet. Daher der Gegenstoß des Anti-Rationalismus, bei dem auch die Kirche wieder gute Geschäfte macht. Ein sonderbarer Priesterroman »Jim B« nennt Oxfordtheologie »eine große Lüge«, ihre »Evidences« Humbug, wie ihn z. B. Dechant Pierson in »unumstößlichen Beweisen« für jede Bibelzeile zusammenschaufelt. Natürlich erbaut es den ungesunden Menschenverstand, Gott habe persönlich stenographisch diktiert, copyright reserved and registered, wie er ja auch jenem Kameltreiber den Koran persönlich überreichte als Versicherungsprämie für Hurihimmel. Las vielleicht Shakespeare im Astrallicht Gottes Tagebuch? Fromme Einschläferung (»Der Herr siehet«, »When it was light«) erhebt fleißig Beten sogar zur sichersten Kapitalanlage: Christus erhört jedes Gebet, vergilt jede Guttat materiell dreifach, der Herr gibt's den Seinen im Schlafe. Wenn wir uns von solcher Selbstbeschwindelung finster abwenden, verleugnet immanente Gerechtigkeit sich dennoch nicht in jedem Stoß und Gegenstoß religiöser Vorstellung.

Wird nun der Futterkampf nach unsichtbarer Weltökonomie geregelt, so bedürfen die wellenförmigen Biegungen der Kulturströmung erst recht unsichtbarer Nachhilfe. Wie physische Fruchtbarkeit ein psychischer Impuls, so ordnet Vorbestimmung auch geistige Fruchtbarkeit.

Deshalb verteilt sie seit Anbeginn unter belanglose Massen jene winzige Überrasse prozentual wohl immer gleichmäßig, nur bei besonderen Elektronenergüssen stärker sichtbar, die Aurignacier hatten sicher ihren Leonardo in anderer Form. Meist aus unscheinbarem Milieu ohne Familienbeziehung spottet das Genie jeder Evolutionserklärung und evolutioniert auch nicht die Menschheit, deren Totem-Totenkult sich mit Festessen genug tut, nachdem sie die Hohen möglichst verhungern ließ. Man wundert sich, daß Karthago just bei seinem Untergang Hannibal hervorbrachte, schroffsten Gegensatz semitischen Krämergeistes, noch merkwürdiger Louvertures Erscheinung in so verachteter Menschengattung oder des Nationaldichters Petöfi aus slowakischen Rastelbindern, Auftauchen des Genialen an allen beliebigen Orten in Palast oder Hütte, Psychisches also völlig unabhängig von Milieubedingung. Natürlich setzt sich aber Ungleichheit aller Iche im Jenseits fort, und auch drüben darf keine Evolution der Massenspirits erwartet werden, die steter Wiedergeburt bedürfen. Wohl gibt es plötzliche geniale Wallungen wie ein Meerbeben in weitem Umkreis einer Zeitaufwühlung. So war eine deutsche Revolution jene Romantik, wo Weihe der Kraft Kleists männermordende Penthesileamuse übergoldete, wo Werners Wolfsgeheul »Blutiger, sei uns willkommen!« Kleists Amphytriospruch nachstöhnte: »Steigst du nicht in des Herzens Schacht hinab und betest deinen Götzen an?« Feudalreaktion war nur Beigabe, man kokettierte mit ihr wie die Krüdener mit Gott, die doch später als Pietistin echte Selbstaufopferung bewies. So konnte, während Görres und Menzel als politische Hyänen die stinkende Leiche Rationalismus benagten, die Romantik leicht aus Auersbergs »Schutt« in demokratische Freischützen übergehen. Heine im Hörselberg war freilich ein schmerzlicher Epilog der Überschwenglichkeit Schellings, der »Freiheit zum Ein und Alles machen« wollte, eine Freiheit, die nach Canossa hinkte. Man suchte wie Ibsens Frau vom Meere das Wunderbare in gar zu wunderlichen Glotzaugen, Impressionismus ließ Farben musizieren, Töne strahlen, physiologisch nicht unwahr, doch hier unangenehm nur – ästhetisch empfunden. Doch Helmholtz stimmt ja mit Steffens überein, daß Goethe sein Naturerkennen seinem Dichtertum verdanke. Im eigenen Wesensgrund einer Dichterseele schlummere die Ahnung als Fackelträger, Natur sei nur Umformung der Phantasie, inneres Wissen die Urfunktion, Naturweisheit sei Poesie, Natur sichtbarer Geist, Geist sichtbare Natur? Solche Weltästhetik wird Phrase, denn der Geist ist eben nicht sichtbar, Naturgeist erst recht nicht, man kann nicht sichtbare Kunst auf unsichtbare Drähte spannen. Die Genielehre vergöttlichte ja auch den Dichter als Befreier von Natur, ihr gibt's der Herr im Schlafe. Natur als bewußtlose Poesie sei dem Kunstwerk Untertan, letzteres das einzige Erkenntnisorgan, Wissenschaft münde nur im Ozean der Poesie. Der Ozean ließ sich aber nicht blicken, nur lyrischer Honigseim sickerte aus allen Röhren, die Natur rächte sich an ihren Verächtern, denn gerade ihnen, die für den Poeten göttliche Ehren verlangten, versagte sie die Magie naturvollen Schaffens. Wohl erblindete Goethe-Faust (nach Türks trefflicher Auslegung) an Alltagssorge, doch sein unsterblich Teil strahlt immer noch, er stieg ehrerbietig zu den Müttern herab und verlangte vom Kunstwerk nicht mehr, als es leisten kann, oft sogar weniger. Denn nicht Kunst an sich ist das Befreiende, sondern Schauen ins schweigend allwirkende Unbekannte. Vergleicht man aber alle Schwächen der Romantik mit den Todsünden des Klassizismus, so erfährt man, wo fruchtbares Seelenleben, wo unfruchtbarer Tod. Wohl erfüllte die Paradiesschlange der neuen Poesiephilosophie nicht ihre Verheißung, doch stellte den Individualstolz dem Prosakult der Gleichmacherei entgegen, d. h. eine Tatsache dem leeren Voraussetzen, daß Vernunft – »bei wenigen nur zu finden« – Allgemeingut jedes Pöbelmenschen und die Menschheit eine gleichmäßig aufzudrehende Normaluhr sei.

Der Gegenstoß in Gervinus' lederner Naturgeschichte der Literatur entsprach einem dringenden Bedürfnis. Der Professor, diese deutsche Krankheit, schwatzt eben unfehlbar über Kunst, von der er nichts verstehen kann, deutsche Disziplin und Organisation machten aus Kunstbestrebung stets Kathederbelehrung, weshalb man an Maler und Musiker den »Charakter Professor« verleiht! In Gervinus, der im Grunde ein wackerer Mann von der Art Schlossers war, dessen Literaturabschnitte in streng pragmatischer Weltgeschichte manch gutes Wort enthalten, wechselte Rationalismus sonderbar die Farbe. Sein Haß gegen romantisches Geniegepupe wäre wohltuend, sein Standpunkt sogar richtig, daß Dichtung nichts mit Ästhetik, sondern mit Leben zu tun hat. Den Deutschen sei nur wohl, wenn sie Abstraktes an der Muse aufstöbern, das wußte schon Goethe, während Taine es übertrieben den Franzosen zuschreibt und Schulmeistern wohl überall die moderne Kunst zur Fron einer poesielosen Gelehrtenkultur anhält. In der Form aber, wie Gervinus seine Lehre vom praktischen Leben vortrug, das mehr bedeute als Schöngeisterei, führte es notwendig zum jungen Deutschland, das er haßte, zum Tagesliteratentum seit 1850, das er, der Shakespearekorybant und Byronverherrlicher, wahrlich nicht wünschte. Wir haben heute eine ähnliche Erscheinung in Spengler, dessen umfassendes Wissen, Feinheit des Kunstgefühls, geniale Selbständigkeit gegenüber den Halbwerten der Wissenschaft wir ehren, doch seiner Prophetie vom Untergang des Abendlands geistigen Untergang bereiten möchten.

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