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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 55
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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14. Unnatur der Naturforscher, Unbelehrbarkeit der Verlehrten.

I

Da systematische Durcharbeitung, wobei Arbeitskraft und Arbeitsteilung in genauem Verhältnis stehen, sich in der sichtbaren Materie nicht verkennen läßt, so schwächt Vorwitz dies ab: Die bewußtlose Natur tue nur so, als seien ihre Werke und Wirkungen bewußt. Doch kraft welcher Messung will man bewußt und unbewußt in der Natur unterscheiden! Man operiert hier einfach wie mit Kirchendogmen, schließt eine Menge Dinge aus eingebildeter Voraussetzung. Bei Todesstrafe, für unwissenschaftlich zu gelten, darf man aus der Planmäßigkeit des Naturbetriebes, die sich trotz einzelner scheinbarer Abirrungen dem Augenschein aufdrängt, beileibe nicht auf hier waltende Bewußtheit schließen. Warum darf man nicht natürliche Logik ziehen? Einfach weil Mechanik Trumpf sein soll und diese sich mit Bewußtheit nicht verträgt. Vollbringt das Genie seine Schöpfung ohne Bewußtsein? Seine Schöpferin Natur hat sich aber wohl bei ihren unbegreiflich hohen Werken bis zur Bewußtlosigkeit überarbeitet, so daß sie fortan im unbewußten Dämmerzustand duselnd weiterproduziert! Unwissenschaftlicher als solche Gewaltsamkeit verfährt kein Tridentiner Konzil. Es wäre schon Willkürdiktat, wenn das, was man Bewußtsein nennt, sich nirgends in der Materie nachweisen ließe, denn ein Fehlen sichtbarer Beweise würde für voraussetzungsloses Denken noch gar nichts beweisen. Doch der einzige uns wirklich bekannte Bestandteil der Natur, das organische Leben, ist Bewußtsein vom Genie bis zur Pflanze. Da liegt vielmehr die Folgerung nahe, daß alle Planeten, wie die Inder und Fechner annehmen, und sogar alle Elementargebilde (siehe Shelleys Personifizierungen »die Wolke«, »der Westwind«) bewußte Lebewesen seien, deren Handlungen zwar einem noch höheren Wesen der Allnotwendigkeit gehorchen, aber von sich aus sich gerade so individuell betätigen wie irgendein Menschenich. Das deterministische Gebundensein jedes sichtbar agierenden Bewußtseins bedeutet mit nichten Mechanistik, denn das Unsichtbare dahinter, versinnbildlicht als Äther, erfüllt den unendlichen Raum und seine Wirksamkeit läßt sich sogar physikalisch nachweisen, nur stumpfe Gedankenlosigkeit verkennt im Sichtbaren einen psychophysikalischen Doppelprozeß. Daß dieser aber auf Anordnung des Unsichtbaren erfolgt, diese nicht anerzogene, sondern angeborene Selbstverständlichkeit natürlichen Denkens muß künstlich umgebracht werden, damit nicht die Katheder wanken und die vom Geiste freien Freigeister wieder mal umlernen müssen, daß die Freiheit ganz wo anders zu suchen sei. Der Materialismus fragt spöttisch, da er wie die Kirche nur auf faustdicke Buchstaben pocht, wie sich das Unsichtbare beweisen lasse. Nun, Napoleon sagte auf der Sternwarte zu Laplace, der ihm »die Hypothese Gott« verekeln wollte: »Sie zeigen das unendlich Große, mir scheint das unendlich Kleine, das uns unsichtbar ist, viel wichtiger«. Darüber lächelten damals Laplace und Monge mit gleicher Superklugheit, wie sie den Erfinder des Dampfschiffs dem Irrenhaus empfahlen. (Beiläufig blamierte sich später auch Cuvier mit diktatorischer Bestreitung unmittelbar darauf erwiesener Tatsachen). Heute sehen wir in jedem Tropfen oder Staubklümpchen neue Lebewelten. Als man den Einfluß wohltätiger oder gemeinschädlicher Bakterien entdeckte, hätte man sich über den Analogieschluß Rechenschaft geben sollen, daß ähnlich unzählbare psychische Bazillen wirken, sinnlich unerkennbar, doch gewaltige Wirklichkeiten. Heutige Katastrophenatmosphäre ist wohl bis zum Rande damit geschwängert und nichts verbietet, daß ein erleuchtetes Geisterauge sie wahrnimmt.

Laut Paracelsus herrscht in jedem Menschen diejenige Tiernatur, die in ihm meistausgebildet. Er meinte es figürlich, doch wirklich zeigt manches Menschengesicht tierähnliche Züge, wie die Griechen es im Faun ausdrückten. Sind das nun Affengesichter, wie es Darwinisch sein müßte? Weit gefehlt, meist Schaf-, Ziegen-, Pferd-, Hund-, Fuchs-, Katze-, Vogelgesichter sogar Löwen-Falken-Adlertyps kommen vor. Atavistischer Rückfall? Nein, Tierähnlichkeit offenbart sich weniger in Physiognomie als Ausdruck, psychisches Zurücksehen nach dem Tierreich schafft Faungedanken, die vielleicht als Astrallarven sich beim Reinkarnierten eindrängen. Nichts bezeichnender für die verstimmende Absicht, als daß Evolutionsgläubige ihren Traum am Grabe abbrechen und ihn um Himmelswillen nicht auf ein Jenseits übertragen. Doch ein Naturgesetz müßte universal gelten und Aufwärtsentwicklung vom Fisch zum Menschen wäre ein solches Wunder, daß es Fortsetzungswunder für Übermenschen bereithalten müßte, deren Existenz sich unmöglich mit bloß irdischer Bewußtseinssphäre vertrüge. Oliver Lodge wundert sich über Engherzigkeit der Evolutionisten, die keine Jenseitsevolution anerkennen, harmlos begreift er nicht, daß das zweckstreberische Märchen nur dem Spießeraufkläricht huldigt und sein Salz verlöre, wenn man es mit Idealzucker bestreut. Ohne es zu wollen, sagte schon Helmholtz die ganze Theorie tot, indem er die Arbeitssumme im All für eine Konstante erklärt, was kann sich also darin evolutionieren? Nun geht ja jede Welterklärung des Menschen von seinem Bewußtsein aus, in diesem aber bilden Lust und Unlust gleichfalls eine sich gegenseitig aufhebende Konstante, Empfindungs- und Denkweise bleiben als »Temperament«, »Charakter« unveränderlich, jeder angebliche Fortschritt unterläge immer dem Relativitätsgesetz. Der Bewußtseinsstand der heutigen Eidechse ist kein anderer als der des Dinosauriers gemäß seiner damaligen Umgebung. Da der Durchschnittsmensch nichts als sein Futtersuchen versteht, so bleibt ihm der Fisch relativ gleichwertig, der eigentliche Bewußtseinsstand unterscheidet sich nicht merklich, nur das Milieu wechselt. Bemerkenswerte Winke gibt die Gleichgültigkeit zoologischer Stufenleiter für geistige Wertbestände. Papageien, Raben, Krähen stehen intellektuell fast über allen Säugetieren, sogar physisch durch Langlebigkeit über allen mit Ausnahme des Elefanten, die Ameisen und Bienen sogar in mancher Hinsicht über dem Durchschnittsmenschen; unstreitig zeigen Elefant, Hund, Pferd, Biber höhere geistige und ethische Eigenschaften als der anthropoide Affe. Schlammabdruck des Archäopterix, das einzige magere Beweisstück für Umwandlung irgendeiner Reptil- in eine Vogelart, scheint nur für menschliche Auffassung das Merkzeichen einer Verbesserung. Die Schlange fühlt sich in ihrer Haut so wohl wie die Amsel, möchte sicher nicht mit ihr tauschen, übrigens hat sie musikalische Instinkte und galt bei Naturvölkern für weise. Nur der aus ihr angeblich evolutionierte Condor wetteifert mit ihr in Grausamkeit, die Aviatik muß aber ein schlechtes Handwerk sein, das seinen Mann nicht ernährt, denn die Vögel siedelten sich angeblich als seßhafte Erdbürger an und näherten sich als Säugetiere dem Menschen? Welche Ehre! Nashorn und Flußpferd und andere ungeschlachte Vorweltler schritten fort über Schwalbe und Storch? Gefräßige Dummheit der einen und bedächtige Klugheit der andern blieben bis heute unverändert. Die Konstruktion des Vogelleibs ist feiner als der reichlichere Knochenbau der Säugetiere, die oft auch größere Ernährungsschwierigkeiten und mehr Feinde und Krankheiten haben, daher sicher nicht das bessere Teil erwählten. Deshalb plumpsten sie manchmal ins Wasser, wo sie sich aber so wenig anpaßten, daß sie warmes Blut behielten und Junge säugten. Die kluge (wenn gezähmt, anhängliche) Fischotter ist eine Art Katze, das Walroß nach dem Schädelbau eine Art Hund, weder der Sturzbach noch das wilde Meer änderten ihr wahres Wesen. Das Mammut wanderte in den Ozean aus oder wohl richtiger der Elefant, dessen Rüssel der Fontäne gleicht, die der Wal aus seinen Nüstern schießt. Der sanfte nachdenkliche Großwal gleicht dem indischen, der kleinere bösartige Schwertwal dem afrikanischen Elefanten, so blieb bis in jede Eigenheit die Konstante des Wesens. Bei der Eidergans erinnert nur ihr Trangeruch an ihren Meeraufenthalt, der Albatros lebt fast beständig auf den Wogen, ohne je seine Vogelnatur zu ändern. Wie viel wahrscheinlicher, daß Wasservögel aus Futtergründen sich zu halben Amphibien machten, als daß sie sich vom Amphibienreich zu Fliegern aufschwangen! Daß ungebrauchte Organe ihre Gebrauchsfähigkeit verlieren, einseitig ausgebildete den Vorrang gewinnen, ist wieder eine Selbstverständlichkeit: Ein Mensch, der nie seine Beine bewegt, würde das Gehen verlernen. Aus solchen einfachsten Kausalitäten macht man Evolutionsprinzipe.

Alle Arten sind derart beständig, daß Verpflanzung einer Fauna in andere Weltteile nur ganz unerhebliche äußere Merkmale ändert, Gleiches trifft für jede Flora zu. Aufwärtszüchtung des Hundebegriffs? Mancher ruppige Affenpinscher steht psychisch höher als reinrassige Doggen, dem Windhund (siehe Friedrich d. Gr.) werden gleich hohe Eigenschaften zugesprochen wie dem Spitz, dessen gewölbter Schädel so sehr vom flachen Reptilkopf des Windhunds absticht. Überhaupt spottet das Psychische meist äußerer Merkmale, niemand würde aus dem Pferdeschädel auf die von Anatomen bewunderte Gehirnstruktur schließen, während die Elefantenstirn schon mehr zu bedeutender Sagazität zu passen scheint, die Natur bindet sich an keine Regel. Auf menschliche Wahrnehmung darf man sich so wenig verlassen, daß die »falsche Katz« sich im deutschen Volksmund umtreibt, doch selbst die Großkatzen sind, wenn gezähmt, ohne Falsch und Arg, dem Menschenfreund treu ergeben, bei Hauskatzen wechseln schöne Wölbung oder zurückfliehende Flachheit der Stirn, was sich stets mit dem Ausdruck treuherziger Freundlichkeit oder scheuer Bösartigkeit deckt gemäß der erfahrenen Behandlung. Eine Katze mit Verbrecherphysiognomie trägt meist ihre Leidensgeschichte auf der Stirn, eine andere gutbehandelte blickt mit treuen offenen Augen. Das radikal Böse ist im Tierreich viel seltener als beim Menschen, doch psychische Individualisierung bei höheren Tieren nicht geringer. Überall beobachten wir nur Konstante der Art, dagegen Variabilität des Individuellen, was sich beides mit darwinistischer Mechanistik nicht verträgt.

Im »Lehrbuch der Zoologie« von O. Schmid 1906 werden Schimpanse und Gorilla mit wenigen Worten abgetan, der Orang hingegen ausführlich geschildert, vielleicht aus Ehrfurcht vor dem Duboisaffen, da dies Lehrbuch natürlich biologisch arbeitet. Dies Ungeheuer, vor dessen Gebrüll der Tiger ausreißt, soll laut Wallace Krokodile und Tigerschlangen zerreißen und totbeißen, wenn sie ihn belästigen, scheint aber an seiner angeblichen Menschwerdung kein Gefallen gefunden zu haben, es blieb allzeit ein richtiggehender Affe. Wir fanden allerdings in Trelawneys Borneostreifereien eine Begegnung mit solchem bejahrten Einsiedler, als Verbrecher oder Rebell von seiner Herde ausgestoßen, der sich eine Hütte aus Ästen und Blättern gemacht habe. Da der Orang sonst immer ein Baumnest hat, wird die bekannte lebhafte Phantasie des Erzählers wohl übertrieben haben, und soll man etwa aus dem Einzelfall folgern, sein Sprößling Mensch habe von ihm Hüttenbauen gelernt? Die Malaien wissen sogar, der Waldmensch rede nur deshalb nicht, weil er fürchte, sonst arbeiten zu müssen, nach malaiischer Anschauung der schlimmste Fluch des vom Naturleben Abtrünnigen. Solcher kindlichen Volkssage entspricht die Vorstellung, der Mensch stamme von diesem inartikulierten Baumkletterer ab, dieser vom Halbaffen, der nicht mal Ähnlichkeit mit dem Affen hat, welches dumme, niedrige Geschöpf dann wieder von viel höheren Säugetieren und diese in bunter Reihe von Vogel, Insekt, Reptil abstammen. Natürlich müßte der Fisch als unterste animalische Stufe dann wieder von der Pflanze herrühren! Eher ließe sich hören, daß Insekten direkt aus den Pflanzen aufsteigen, siehe Verhältnis der Wespe zum Gallapfel, doch auch damit wäre ja die famose Stufenleiter unterbrochen. Und das alles nur wegen ähnlicher Knochen oder Gewebestruktur? Haben denn Pflanzen und Kristalle den gleichen Bau? Nicht daß wir wüßten! Sie haben zwar gleiches Bewegungsstreben, vollbringen damit sogar wahre Wunder, aber da ihr Los das Beharren der Wurzel im Boden bleibt, hat ihr Bau eine vertikale Richtung, verschieden vom animalischen, und ihre Ernährungswerkzeuge sind andere. Warum? Weil eben ihr Ernährungsprozeß ein anderer, viel reinlicherer ist. Kam die zufrieden gedeihende Flora etwa gemäß dem Kriechen der Orchideenschmarotzer, ihrer schlechtesten Auswürflinge, zur Faunabewegung und verwandelte sich so selbstmörderisch zu eigenen Pflanzenfressern? Solcher Absurdität begegnen vernünftige Evolutionisten mit Fallenlassen der einen Urzelle und Annahme verschiedener Urzellen, zerbrechen aber damit schon die darwinistische Gesetztafel, denn genau mit gleichem Recht darf man dann unzählige Urzellen für jede beliebige Art voraussetzen.

Schon am Eingang der Entwicklungslehre steht nicht etwa ein Fragezeichen, sondern ein hahnebüchener Schlagbaum. Denn da nachweislich jede Zelle erst aus einer andern entsteht, spottet eine Generatio æquivoca der Urzelle jeder empirischen Erfahrung und theoretischen Möglichkeit, gerade dann, wenn man Mechanistik zugrunde legt. Um mechanische Evolution zu dekretieren, setzt man umgekehrt Selbsturzeugung voraus, ein Wunder aller Wunder, das von vornherein Mechanistik niederschlägt. Durch Sonne und Wasserschleim werden Bedingungen des Lebens geschaffen, gleichsam seine Wiege, doch keine kosmische Befruchtung könnte aus Materieklümpchen lieben erwecken, falls nicht ein Eikeim schon vorhanden war, d. h. eine aus früherer Zelle stammende Zelle. Früher woher? Jedenfalls aus unsichtbaren Ursachen. Wären Wissenschaftsmechaniker nicht so bar denkerischer Logik, müßte ihnen aufgehen, daß einerseits ex nihilo nil fit, andererseits Etwas immer dem Etwas gleicht, aus dem es hervorging, also die Schöpfung in ihrem Wesen nur einem unsichtbaren Ursprung gleichen kann. Generatio spontanea muß tatsächlich stattgefunden haben, wenn wir bis zum letzten zureichenden Grund zurückgehen. Wie man aber einer spontanen Zeugung eine Zielstrebigkeit absprechen kann, erklärt sich nur durch Vernunftlosigkeit der Vernunftpächter.

Wir gehen nicht so weit wie v. Rechenberg im Aufsatz »Die Ursache der Ähnlichkeit menschlichen und tierischen Körperbaus« 1915, daß »plötzlich ohne verbindendes Zwischenglied ganz unvermittelt die Säugetiere nach den Sauriern auftreten«, denn Archäopterix und Schnabeltier sollen doch eben angebliche Zwischenglieder bedeuten. Wichtiger ist, daß die Fossilien ganz und gar nicht die chronologische Reihenfolge des Darwinismus zulassen, daß vielmehr in gewissen alten Schichten weder Säugetiere noch Vögel, wohl aber Menschen und Saurier nicht einträchtig nebeneinander wohnten und um die Oberherrschaft kämpften. Daß hierbei der kleine schwache Mensch (der Urmensch glich meist keineswegs dem Orang und Gorilla an Kraft) der überlebende Sieger blieb, ist ein deutlicher Fingerzeig eines antimechanischen Naturkampfs. Allerdings finden sich schon in der Jurakreide Vogelspuren neben Reptilien und Fischen, die ältesten Säugetiere aber, die Riesenkänguruhs, waren Zeitgenossen der Saurier und damit des Menschen. So liegt theoretisch kein stichhaltiger Grund vor, dem Urmenschen ein ungemein ehrwürdiges Alter zu verweigern; darüber handelten wir in früherem Abschnitt.

Wäre Darwins Theorie richtig, so müßten alle bekannten Tatsachen sie eindeutig stützen; statt dessen widersprechen sie alle, besonders innerhalb der allein beobachtungsreifen historischen Zeitalter, selbst wenn wir diese bis zum Aurignacier ausdehnen. Bleibt also nichts als die Ähnlichkeit morphologischen Baus, wobei aber auch gar nichts für wechselseitige Abstammung folgert. Stammt ein Arier etwa deshalb von einem Neger ab, weil beide die gleichen Halswirbel und Schlüsselbeine haben, oder der Neger vom Gorilla, weil beide Hände haben, d. h. Greifwerkzeuge, was an sich nichts Besonderes ist, wenn man die Pfoten der Mieze und des Eichhörnchens und anderer Nager vergleicht, die ganz wie Hände verwendet werden? Dann wäre auch der Elefant ein naher Verwandter des Menschen, denn er braucht seinen Nasenrüssel als feinfühligste Hand, ein Triumph des Individuellen in der Natur. Der Gorilla hat sogar eine besser gebildete Hand als der Neger, man müßte ihn also an die Spitze der andern Anthropoiden stellen, die aber intellektuell über ihm stehen. Die Tragweite hiervon wird nicht begriffen: bei mechanischer Entwicklung wäre unmöglich, daß Hirn und Hand, dies bedeutungsvolle Organ, sich nicht gleichmäßig ausbilden. Um so seltsamer, daß der Gorilla mit seiner bessern Hand noch weniger anzufangen weiß als der Orang, und gar der Neger mit seinen ungelenken Fingern sich Waffen und Werkzeuge schafft.

»Schottische Vettern« zeigen, wie weit man den Begriff Verwandtschaft ausdehnen darf. Nun fällt uns ja nicht ein, die Verwandtschaft aller Organismen als einer einzigen großen Empfindungsgemeinschaft zu leugnen. Theologischer Widerstand gegen biologische Zoologie ist lächerlich, menschlicher Größenwahn in Ablehnung körperlicher Tierverwandtschaft trifft gar nicht den Kern der Frage. Wenn Rechenberg »nach jahrelangem Suchen« eine glückliche Erklärung für die Identität animalischer Struktur gefunden zu haben sich freut, so ist dies wahrlich das Ei des Kolumbus, denn die Antwort lag ja stets für jeden Denkenden in den Dogmen der Naturwissenschaft selber, im richtigverstandenen Begriff der Anpassung. Da alle animalischen Wesen sich unter gleichen chemophysikalischen Bedingungen der Atmung, Ernährung, Bewegung in Kraft umsetzten, können selbstverständlich ihre Organe und ihr Knochenbau nur identisch oder wenigstens höchst ähnlich sein. Jedes Tier muß Blutkreislauf und Nervenstränge, sogar der Fisch Leber und Kiemenlunge haben, um leben zu können. Hätte daher der auf gleicher Erde unter gleicher Luft lebende Körpermensch eine andere Struktur als das Säugetier, so müßte er als Fabelwesen außerhalb der Erde existieren. Dieser natürliche Vorgang ist keineswegs mechanisch, vielmehr widerspricht solche Auslegung sogar den falschen Prämissen der Anpassung, die ja an und für sich nur ein psychischer Willensakt ist. Das Psychische als bloße Begleiterscheinung molekularer Schwingungen und chemischer Umsetzung der Gehirnzellen, welch naiver Spaß! Denn wäre es nur wie das Chemische und Physikalische eine äußere Potenz des Stoffes, so würde chemisch-physikalische Rotation als Lebensursache gleich nichtsbedeutend sein wie die geistige und dann gibt es auch keine mechanische Erklärung der Stoffbildung, denn was ist Stoff an sich? Wohl das Ding-ansich, empirisch ein unbekanntes X! Ob sich das fingierte Atom, selber eine Hypothese, physikalisch bewegt, entzieht sich jeder Betrachtung, und von blinden Naturgesetzen zu schwafeln, ist Art von Blinden, die von der Farbe reden. Alles Denken seit Urzeit ergibt, daß das psychologische Element im Leben das Primäre und der physische Eindruck das Sekundäre bedeutet.

Rechenberg verbreitet sich weitläufig über Uraltgewußtes, daß nämlich unmittelbares Ichbewußtsein das erste Wahrgenommene sei, wobei vorerst der eigene Körper und die Außenwelt gar nicht in Frage kommen. Das ist gewißlich wahr, niemand darf leugnen, daß vor aller äußern Erfahrung die Lebensempfindung besteht. Daß in uns die Anschauung der Zeit und »vermittels der Zeit« die Erinnerung unmittelbar gegeben sei, diese fragwürdige Kategorie hätte er sich ebenso sparen können, wie den schopenhauerisch mißverständlichen Willen zum Sein. Denn wenn der Säugling schreiend und wimmernd das Sein begrüßt, so deutet dies nicht auf Daseinswunsch, der alles organisch durchziehende Trieb ist mehr Selbsterhaltungsnotwehr; Descartes' Cogito ergo sum, worauf solche Darlegung hinausliefe, ist nicht das wahre Primäre, sondern die Empfindung »ich bin«, vermöge deren man das eigene Körperliche und nach und nach die Außenwelt als außer uns liegend empfindet. Man identifiziert sich nicht damit, fühlt sich, wie R. richtig sagt, als »etwas prinzipiell Verschiedenes«, das sich unabhängig halten möchte. »Wir alle wollen leben, uns ernähren, bewegen und fortpflanzen«, Menschen, Tiere, Pflanzen, und da alle physisch das gleiche wollen in der gleichen Außenwelt, müssen alle physisch gleich konstruiert sein. »Tische, Stühle, Bänke haben nicht deshalb eine gleiche Konstruktion, weil sie voneinander abstammen«, sondern weil sie als Stützapparate dem Gesetz der Schwere entgegenwirken sollen. Dies hinkende Gleichnis erfüllt trotzdem seinen Zweck, indessen werden Tische und Stühle vom Menschen zweckmäßig konstruiert, hingegen bleibt eben ungewiß, ob Lebewesen sich selber konstruieren oder die Natur dies besorgt. Ersteres Abstrusere lehrt die Wissenschaft, hier unbewußt metaphysisch, nach unserer Erkenntnislehre trifft beides in sich zusammen. Wir möchten daher nicht R. beipflichten, daß der menschliche Wille genüge, um formbildend und organisierend den Stoff zu gestalten, wobei er sich zur Unzeit auf das »Stigma« religiöser Ekstase und die »ideoplastischen« Spiritmedien beruft. Denn ohne geheime Beihilfe unsichtbarer Kräfte käme auch derlei nie zustande, Du Prel folgert vorschnell, daß die dem Medium innewohnende Kraft, Phantomkörper zu bilden, »offenbar dieselbe« sei, die auch den Körper des Mediums bildete. Das ist keineswegs offenbar, und R. muß hier dem Einwand begegnen, daß der Menschenkörper zum Ausreifen 20 Jahre fordere, während die Phantome oft nur minutenrasch gebildet würden. Das komme von der komplizierten Aufgabe eines Dauerkörpers, während Phantomkörper für kurze Augenblickswirkung berechnet seien. Wer sagt ihm, daß dies Phantome seien? Keiner; stoffliche Astralkörper sind als »mindstuff« genau so real wie der Materieleib, doch die Form, die sie für unser Auge annehmen, hängt von unserer subjektiven Schaukraft ab, beides läßt sich nicht vergleichen, weil verschiedenen Sphären angehörig. Es geht zu weit, nur den Eigenwillen als Körperschöpfer zu erachten, dazu bedarf es der Beihilfe unsichtbarer Allgewalt. So beruht Farbenanpassung auf natürlicher Zwangsfärbung durch Umgebung und Bestrahlung, der bunte Dschungel färbt den Tiger bunt unter gleicher Sonne, nicht diese »lebendige Falle« sich selbst. Komischerweise sehen die Evolutionsfanatiker nicht, daß sie mit ihrer Eigenanpassung schlechterdings einen psychischen Willensakt betonen, und einem solchen schon materielle Wirkung zuschreiben, also den Begriff »mechanisch« ins Psychische umdeuten. Wir denken hier sozusagen mechanischer als sie, indem wir Anpassung und Natureingriff für etwas spontan Zusammenfallendes halten. Gleichwohl bleibt bestehen, daß selbstherrliche Psyche allein die Erscheinungen erklärt, freilich nicht die einer irdischen, sondern transzendenten, nach Karmabeschluß handelnden. Da die erste Empfindung des Lebens nicht das Körperliche, sondern das Lebensgefühl selber betrifft, so ist nur dieses das Unbedingte, das Körperliche Bedingende. Überhaupt verirrt man sich immer, wenn man bei Biologischem den Begriff »mechanisch« falsch buchstabiert. Jemand will neuerdings den Ursprung der Sprache aus unwillkürlichen Naturlauten herleiten, andere halten Sprechen für Nachahmung der Vogelstimmen. Das möchte angehen, zumal Volkssagen stets von Menschen reden, die eine Vogelsprache verstehen, hiernach wären Rabe und Papagei des Menschen Sprachlehrer! Aber war deren Plappern das Primäre? Der fabelhafte Vogel Greif oder Phönix, der die Menschen belehrt haben soll, ist nur Phantasiegeschöpf, dessen Skelett im Illusionsreich gefunden werden könnte. Doch bezweifeln wir nicht, daß körperliche Anstöße wie Töne beim Essen, Laufen, Springen, Schmerz- und Lustschreie den Menschen aufmerksam machten, daß er redend sich mitteilen solle, weil dies zweckmäßig sei, wie auch für die Vögel. Doch was ist dies als Willens- und Denkakt beobachtenden Nachsinnens? Warum erwies sich nur die Menschenstimme, ursprünglich Lallen des Säuglings, so modulationsfähig, daß sie immer mehr bestimmte Laute zu Worten formte? Was sind Worte? Formeln für Begriffe. Je mehr Begriffe und Gegenstände in den Kreis der Betrachtung traten, desto mehr Worte entstanden und so zuletzt umfangreiche Sprache als Zwecktätigkeit unermüdlichen Wollens und Denkens. Wollen und Denken sind das nämliche selbst bei untersten Lebeformen, Wollen ist nichts als empfundenes Denken. Daß aber Sprechen ein unabhängiger Akt, zeigt schon die Entdeckung, daß Sprachfähigkeit einer bestimmten Gehirnwindung entspricht, die sich immer feiner ausbildet, je mehr das Rede bedürfnis steigt. Reden selber ist das Sekundäre, die Stimme ein Handwerkszeug. Bisher fehlt es jammervoll an genügender Hirnsezierung vieler bedeutenden Schädel, wir stellen als sichere Wahrscheinlichkeit auf, daß die Brocasche Windung, bei Polyglotten nie besonders entwickelt, keineswegs nur bei Rhetoren, sondern bei allen Schriftstellern und besonders Dichtern sehr entwickelt sei, obschon diese ihr eigentliches Reden lautlos am Schreibtisch vollziehen, also unhörbar im Reich des Unsichtbaren. Somit bedarf es keines Beweises mehr, daß das Reden sich nach psychischer Regsamkeit richtet.

Ziel- und zweckloses Entstehen aus zufälligen Änderungen der Umwelt wäre Selbstwiderspruch, weil jedes Wesen ins Leben tritt mit Zweckwillen eines bestimmten eigenen Lebens. Was den Einzelnen absondert von den andern Ichen, ist die Einzelart als Individualtyp inmitten anderer Gattungen, aus denen sie weder entstand noch von ihnen abhängig ist. Wenn Rechenberg schließt, der gegebene Wille habe sich eben den Körper gebaut, den er zur Ausführung seiner »ihm vorschwebenden oder ihm vorgezeichneten Zwecke bedurfte«, so ist das »oder« in ein »und« zu verwandeln, denn das transzendente Ego unterwirft sich Karmabestimmung und ist zugleich mit ihr eins. Plötzliches Entstehen neuer Formen, wie Fossilfunde es nahelegen, wäre mechanisch unerklärlich, dagegen verständlich als spontaner Willensakt. Übrigens kommt nicht viel darauf an, ob Mensch oder Art sich selbst ihren konstanten Körper verabreichen – was man als hypermetaphysisch verwerfen mag –, sondern darauf, daß jedes Bewußtsein sich nur als Lebensempfindung meldet und weiter nichts. Mit den Unterscheidungen »mechanisch« und »geistig« wird von der Wissenschaft Schindluder getrieben, denn Kampf ums Dasein, Anpassung, Selektion sind ja lauter Willensakte, also nicht automatisch, und wenn das Geistige wohl oder übel als Tatsache anerkannt wird, so wäre es selber eine Anomalie in materieller Mechanik. Ebenso wirr schließt man aus Kontinuität äußern und innern Geschehens auf steigende Evolution. Die Sprache z. B. bereichert sich fortwährend, indem sie für neugefundene Gegenstände neue Worte findet. Das Altenglische besaß wohl nur 2–5000 Worte, Shakespeare hat 15+000. Glaubt man aber, diese 15+000 würden sonst von irgendwem angewendet? Der englische Volksmensch besitzt auch heute schwerlich mehr als 2000 Worte. Auch ist der Unterschied der englischen Welt- oder der Hottentottensprache nur relativ, beide dem Milieu angemessen; das allein Wesentliche ist die Mitteilungsfähigkeit selbst, und die besaß sicher schon der Urmensch am La Plata, es deckt sich mit Menschwerdung überhaupt. Sumero-Akkader, Altägypter, Inder besaßen schon eine so reich ausgebildete Sprache, daß ihre Ahnen bis zum Neandertaler schon sehr sprachkundig gewesen sein müssen. Und was zeigt die Kontinuität eines Menschenichs? Eine Konstante, wenn nicht eher absteigende Linie. Im Kindeskörper der ersten sieben Jahre zeigt Geistiges sich regsamer als je nachher, beim Tier fällt dies so auf, daß die Anthropoiden nur jung sogenannte Menschenähnlichkeit dartun und um so dümmer und boshafter werden, je mehr ihr Alter fortschreitet, während der gutartige Mensch gerade im Alter abgeklärtes Wohlwollen erwirbt. Wenn laut Schopenhauer »das Genie« (richtiger allgemein: Geniale und Idealisten) zeitlebens ein »Kind bleibt«, d. h. die frische geistige Empfänglichkeit der ersten Lebensjahre bewahrt, so kehrt dies gründlich die seelische Verfassung des Orang um! Im ganzen aber bleibt nicht nur der Durchschnitts-, sondern auch auch der große Geistmensch unverändert. Daß sein Charakter sich in äußerer Betätigung durch Lebenserfahrung abschleift und unablässig geistiger Stoffwechsel durch immer neue Nahrungszufuhr das Wissen vermehrt und formale Abrundung fördert, diesen natürlichen Prozeß darf man nicht mit wirklicher Vergrößerung und Verbesserung verwechseln. Lear, Hamlet, Macbeth sind umfassendere Visionen als Romeo, das Genie aber ist nicht mal relativ verschieden, der ältere, gereiftere Shakespeare hätte vieles in diesen Jugendwerken nicht mehr schreiben können.

Huxley feiert beredsam, wie sich der Embryo aus sich selbst entwickelt, doch tut er dies wirklich? Er selbst gibt zu, es sei als ob die Striche eines Zeichners sich zu einem Konterfei zusammenfügten. Ganz recht, übergeordnete Psyche zeichnet dem Embryo die Gestalt vor. Täglich erweckt jedes Zeichen der Natur gleiches Staunen, die mit Pflanzen angestellten Experimente beweisen deren eigenen Energiewillen, verbunden mit ungemeiner Verständigkeit, Samenkeime bewegen sich selbsttätig im Wasser wie Insekten. Allgegenwärtiger Wille bringt notwendig Veränderungen mit sich, was man ohne weiteres Entwicklung nennt, als ob Verwandlung der Kohle in Diamanten eine Verbesserung wäre. Wie man den künstlichen Begriff »Nichts« gar nicht plastisch fassen kann, so führt das ewige Etwas, in dem kein Nichts möglich ist, durch ewige Bewegung sowohl zu Veränderung als Vermehrung. Das Moneron reproduziert seine Einzelle sofort durch Teilung, Amöben wechseln beständig die Gestalt, sogenannte Cilia der Schwämme sind ehrwürdige Verwandte ähnlicher Cilia in tierischen Eingeweiden, Polypen können sich in eine Fischgattung verwandeln. So wird Transformierung das gleiche Naturbedürfnis wie Atmung, Ernährung, Zeugung, denn jede Arbeit verändert und vermehrt, fügt etwas hinzu, was noch nicht da war, deshalb muß ständige Arbeit der Zellen neue Organe und die der Organe neue Gebilde schaffen. Solche natürliche Erkenntnis kann unmöglich etwas Neues sein, obschon wir unsern obigen Satz in so knapper Klarheit noch nirgends formuliert fanden. Die ältesten Yogi übernahmen ihre »Darwinische« Weisheit aus viel älteren Quellen, als der Mensch noch inniger im Naturganzen lebte, mit leiblichen und Geistesaugen mehr sah als der bebrillte Gelehrte. Nach indischer Art paukte man den Asiaten diese Lehre durch unablässige Wiederholung so ein, daß sie sich baß verwunderten, als Europa im 19. Jahrh. so Uraltes als Neuentdeckung begrüßte. Doch die Yogi nannten diesen ewigen Wechsel »Entfaltung«, was ganz anders lautet als »Entwicklung«; erst heute adoptierte ihre europäische Propaganda sehr zu ihrem Schaden das Schlagwort Evolution im Sinne eines Aufwärts. Wir sind nur einverstanden mit »Entfaltung«, wie die Urweisheit es nur verstanden wissen wollte, denn ihr Grundgesetz ist Gleichmäßigkeit in Einheit alles Seins. Veranschaulicht sich aber das Unsichtbare gleichmäßig in allen Wechselformen, so sind diese alle gleichwertig ohne Auf- und Abwärts. Des Menschen innere Organe Leber, Magen, Herz arbeiten unsichtbar ihm unbewußt, ohne sie wäre aber seine physische Existenz unmöglich. Wie darf also sein Bewußtsein sich einbilden, daß es über sein unbewußtes Doppelleben etwas aussagen könne! Alles, was wirklich wirkt, vollzieht sich unsichtbar, der Pflanze Entfaltung erscheint hier bewunderungswürdiger als die des Homo sapiens, der als Durchschnittsmensch sich fälschlich dies Prädikat beilegt.

Physische Verkettung der Lebewelt leugnet niemand. Sucher nach Missing links empfehlen die Teufelsnase in Nikaragua als Übergang vom Pflanzen- zum Tierleben, der landbereisende Schlammfisch in Südamerika soll Mittelglied zum Reptil, die Monotremen als Schnabeltier (Entenschnabel) und Echdina (Ameisenfresser) vom Vogel oder Reptil zum Mammal bilden. Als ob solche ganz vereinzelten Exemplare als Ausnahme eine Regel wären! Wenige wissen, daß manchmal ein guter Kater in Abwesenheit der Frau Gemahlin die Kleinen an sich saugen läßt, wofür ihm täuschende Illusion erwächst. Das Hermaphroditische steckt so tief in der Natureinheit, daß auch der Mann vertrocknete Milchdrüsen an der Brust hat, woraus man seit Carus Sterne den Urmenschen als Hermaphroditen folgert. Daß Geschlechtsteilung ein sogenanntes Evolutionsprodukt bedeutet, scheint sicher, ist sie aber Verbesserung? Das ganze Elend physischer Geburt der Säugetiere entstand so, steigende Trennung und Absonderung des Individuellen kann als Folge eigenen unlautern Willens gedeutet werden, d. h. als ein durchaus psychischer Akt. Die seltene Ausnahme eines mitleidigen Katers, dem vermutlich diese psychische Regung Milchdrüsen verschafft, beweist keineswegs, daß alle Kater ihre Sprößlinge gelegentlich säugen können! Milchdrüsen des Schnabeltiers als vereinzelte Spielart bezeugen nicht, daß andere Vögel je ein solches Bedürfnis spürten und aus dem Schnabel- das Säugetier entstand. Lemuren sollen Bindeglied zum Affen sein, doch scheinen ebenso verwandt den Nagern, Insektenfressern, Känguruhs, die einst so groß waren wie ein Elefant. Innere Einheit wird nicht aufgehoben durch natürliche Veränderungen vermittels Arbeitsreibung der Lebensenergie. »Entfaltung« ist natürliche Bedingung ständigen Arbeitswechsels, doch »Entwicklung« im Sinn von Verbesserung hat in ewiger Einheit keinen Platz, das sind Menschenbegriffe, im physisch Sichtbaren gibt es nur Relativität. Unsichtbaren Ahnherrn alles Sichtbaren erkennen wir, einen physischen nicht. Das Protoplasma mochte noch so lange von der Sonne im Wasserschleim bebrütet werden, das wäre nur der gleiche chemische Vorgang, mit dem die Chemie so gern einen Homunkulus erzeugen möchte, doch nicht kann. Derlei ergibt irgendwelche Materieverbindung, nie aber, was man organisches Leben nennt, das kommt nur zustande durch Bewegung unsichtbarer Energie. Sobald diese aber am Werke war, muß allgemeiner Lebensursprung sich durch Arbeitsteilung, dies Grundgesetz des Sichtbaren, gleichzeitig in die verschiedensten Formen umsetzen.

Embryologie braucht keineswegs Rekapitulierung vorausgegangener Entwicklung vorauszusetzen. Jeder Embryo hat naturgemäß gleichen physischen Grundstoff, im ersten Stadium der Keimzelle gleichen sich deshalb Mensch und Hund, Kiemen als erste Entfaltung des Atmungsorgans dürfen auch beim Menschenembryo nicht fehlen, spätere Veränderung ist natürliche Milieufolge, der Hundeembryo paßt sich eben dem Hunde, der Menschenembryo dem Menschenleib an. Im physischen Grundtrieb der Ernährung und Fortpflanzung haben Hund und Mensch den gleichen Wert, gerade physische Maßstäbe aber bleiben bei Evolutionsbegriffen lächerlich, weil jeder physische Wert relativ, der Korallenbaum ist fürs physische Dasein so vollendet ausgerüstet wie der Mensch. Man wird den Gorilla schwerlich überzeugen, daß der auf zwei Beinen gehende schwache Vetter, der nicht mal ein schirmendes Fell am Leibe trägt, etwas Besseres sei, weil er mit vergifteten Pfeilen oder blitzendem Rohr hinterlistig schießt. Mit unbewußter Komik verlegt sich daher die Mechanistik auf Evolution des Geistigen, dessen Für-sich-Bestehen als Unsichtbares sie doch leugnen muß. Wir unterstreichen immer wieder, daß der geistige Fortschritt des Durchschnittsmenschen über Elefant und Pferd höchst relativ ist: Was er an Verstandesbewußtsein gewann, verlor er in Einwirkung des Unbewußten, noch abgesehen von Abschwächung der Sinneswahrnehmung, auf die sich doch der Materialismus stützen will. Pflanzen, geschweige denn Insekten und sogar Fische, vollbringen psychische Energieakte, die mindestens den Masseninstinkten der Menschheit gleichstehen.

Warum sind nur bestimmte Pflanzen Insektenfresser, warum atmen nur bestimmte Fische und Wassermolche auch am Lande, jener landbereisende Schlammfisch nach wie vor durch Kiemen? Warum lebt nur eine bestimmte giftige Seeschlange im englischen Küstenwasser, während jede andere Schlange, die man ins Meer wirft, ertrinken würde? Warum wählten nur wenige bestimmte Säugetiere (Wal, Robbe, Biber, Otter) das Wasser als Aufenthalt? Bei jeder Variante waltet kein Entwicklungsübergang, sondern individueller Antrieb als psychischer Wille mit Unterstützung einer Energie, die dem Verlangen geheimnisvoll entgegenkommt. In jedem Lebewesen bis zum Mineral liegen alle Möglichkeiten psychischer Entfaltung, was gar nicht anders denkbar, weil die Zellenbestandteile überall gleich. Dieselbe »allmächtige Liebe, die alles bildet, alles trägt«, wirkt in jeder Zellenzusammenfügung nach ihrem Bedarf? Diese Liebe, ein anthropomorphischer Begriff, ist vielmehr die allmächtige Psyche, deren weltweite Energie sich in unendlicher Vielseitigkeit und daher Ungleichheit gefällt, weil sie dies als Allökonomie wünscht. Die berühmte Stufenleiter der Wesen besteht nur für Menschenaugen, im Grunde ist alles eins, wie der Giebel des Palastes aus Stein gebaut gleich dem Fundament. Dies Gleichnis deckt sich nicht voll mit der Wahrheit, denn ein Palast wird eben Stück für Stück bis zum Giebel von außen her gebaut, während das sichtbare All vielleicht so plötzlich aus dem Äther aufsteigt, wie Byron Venedigs Paläste aus den Wogen sich erheben sieht »unter dem Schlag eines Zaubererstabs«. Daß die unendliche Vorstellungskraft der Weltpsyche unendlich langsamer Arbeit bedürfe, um sich zu veranschaulichen, ist nur Vorstellung menschlicher Ohnmacht. Die Weltordnung hat mehr zu besorgen und zu bemuttern als das bißchen Erde, dankt aber nicht einen Augenblick ab, um statt ihrer ein beliebiges Entwicklungsgesetz mechanisch laufen zu lassen. Da Geist und Energie in allen Lebeformen – und alles ist Leben – gleichmäßig wirken, so wäre wahrlich kein Grund vorhanden, auf künstlichem Wege in unendlichen Zeiträumen die dem Erdleben nötige Vollständigkeit aller Formen herzustellen.

Wann, wie, wodurch der erste Mensch entstand, darüber zu grübeln entbehrt jeder Wichtigkeit. Genug, daß er war und ist als diejenige Form, in welcher die Erdpsyche sich am stärksten bewußt wird und Individualverlangen jedes Lebewesens sich am schärfsten ausdrückt. Physisch hat er nur Relativitätswert im Vergleich zu andern Formen, psychisch überragt er die Ameise nicht, die in ihrer besondern Weise gleichfalls die physische Natur zu meistern sucht. Denn warum beißt sie sich die Flügel ab und läßt nur einzelne Beschwingte zu Botenzwecken bestehen? Das ist auch eine Variante, doch ohne jede Beziehung zu organischer Entwicklung, sondern als Willensakt der Ameisenvernunft. Wie sie die organisch verliehenen Flügel abstreift, weil sie es für ihr Staatswesen zweckmäßig erachtet, so hat der Urmensch – wenn er je affenähnlich lebte – lediglich durch eigenen Willen das Tierische abgestreift, das ihm für sein Fortkommen hinderlich schien, ohne seine Grundnatur physisch zu ändern, die sich nach wie vor um Ernährung und Fortpflanzung dreht (Hunger und Liebe). Was darüber hinausragt, erschien freilich nach unserer Meinung schon seit Anbeginn als Ahnen und Nachdenken. Das hat aber nichts mit angeblicher Verbesserung des Hirns gemein, denn das dort tätige Verstandesbewußtsein ist so unreif, daß die Staatsweisheit der hirnlosen Ameise sich über menschlichen Unverstand wundern würde. Er hat nicht die Fähigkeit, sich unnütz gewordene Flügel abzubeißen, eine für alle Mitglieder zuträgliche Gesellschaft zu bilden wie sie. Sein Vorzug liegt also nicht im Verstande, worin ihm genau betrachtet jedes Lebewesen ebenbürtig, so weit es sich um Erfüllung des Struggle for life handelt. Was ihn auszeichnet, ist besondere Bosheit des Willens, der das naive Naturfressen aus reinem Hungerzwang in Raffiniertheit unheilbarer Selbstsucht »Stirb du, damit ich lebe« steigerte, er bezeichnet die äußerste Spitze des Individuellen in üblem Sinne, unter welchem Gesichtspunkt Buddha jedem Ich Tod und Verderben schwor. Sich als Krone der Schöpfung anzupreisen entspricht seinem Größenwahn, denn der von »Tamas« oder »Rayas« gegängelte Schulze ist eher ein Schandfleck der Weltpsyche, ethisch niedriger als Schlange und Schwein, sein Individuelles stellt nicht eine höhere Entwicklungsstufe dar, sondern das Gesetz unendlicher Ungleichheit, das in allem Sichtbaren wirkt und ein Nebeneinander unzähliger Formen fordert. Die Menschheit besteht aus lauter Varianten trotz ermüdender Einförmigkeit der Masseninstinkte. Regungen von Fuchs, Schlange, Marder, Schwein, Schaf, Rindvieh wechseln in Millionen menschlicher Individualitäten. Aus rätselhafter Neigung bestimmter Frauen für die Schlange folgert aber gewiß nicht, daß sie sich aus der Schlange entwickelten und alte Verwandtschaft spüren. Nur individuell Schlangenhaftes seelischer Triebe fühlt sich angezogen. Nur das Streben nach Variation, das die ganze Natur durchzieht, brachte im Menschen ein Phänomen hervor, das er mit gewohntem Erwerbssinn für sich stiehlt, wie der Rabe etwas Glitzerndes, für das er doch persönlich keine Verwendung hat. Die Weltpsyche hielt für angemessen, gewisse Emanationen höherer Äthersphären als Menschen zu individualisieren, bei denen das Psychische derart überwiegt, daß ihr Bewußtsein weit über das Menschliche hinausstrebt und sich mit dem schöpferischen Willen des Unsichtbaren vermählt. Es ist das Phänomen des Genialen und Idealisten, das schon den Urmenschen antrieb, sich in der Materie umzusehen. »Das Licht, das selbst Natur sich angezündet in seinem Hirn«, singt Grisebach von Schopenhauer. Statt aber dies Wunder demütig anzustaunen, denkt Schulze: anch io sono pittore, auch ich bin ein Naturlicht vermöge wundertätiger Evolution!

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