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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 54
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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II

Lord Kelvin erklärte den Weltäther für die einzige Materieform, von der wir etwas Bestimmtes wüßten, wirklich? Dies Wissen führt zu seltsamen Widersprüchen. Einerseits soll der Äther die Transversalschwingung des Lichts und die Gravitation bewirken, was elastischen Körper voraussetzt, andererseits muß er ein Gaszustand sein, da er gravitierenden Planeten keine Reibung entgegenstellt. Fricke verglich ihn daher mit flüssigem Wasser, das sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt und dessen Energie zuerst als Gravitation einen Druck und dann als Wärme ein Einströmen in die Materiekörper ausübt. Lenards Hypothese von den in Licht umgesetzten Ätherschichten soll der Kritik Einsteins ein Bein stellen, hat aber wenig Überzeugendes, denn sie teilt diese Grundlage aller Materie überflüssig in Einzelschichten und den außerhalb zwischen den Sternen ruhenden Uräther. Dagegen steht Wienharts Frontmachen gegen Einsteins Ätherwegleugnung auf metaphysischem Untergrund, der sympathisch berührt: auch Schwerkraft gehöre zur Elektrodynamik, die aus Verkettung von Äther und Materie entspringe, Wahrnehmung unzähliger selbständiger Körper täusche, alles sei ineinander verflochten, und zwar durch die Beschaffenheit des Äthers, der allein Verbindung zwischen Molekülen herstellt. Das leuchtet ein, indessen ist Physik nicht imstande, diese Verbindung irgendwie zu beobachten. Wohl aber läßt sich feststellen, daß selbst eine so gewaltige Molekularmasse wie die Sonne die an ihrer Oberfläche tanzende Richtgeschwindigkeit des Äthers nur um ein winziges Quantum ändert. Die Materie ist so locker und materiell wesenlos, daß ihre Bewegung durch den Äther hindurch von diesem sogar nicht empfunden wird, sie scheint so fein ätherisch wie der Äther selbst. Der Gravitation werden durch riesigste Weltkörper keine Schienen angelegt, sie überspringt diese, als wären sie nicht da! Von Struktur des Äthers oder gar von Raumstruktur statt Äther (Einstein) möchten wir aber absehen, beides setzt solche Materiequalitäten voraus, die das Unsichtbare seinem Wesen nach nicht haben kann. Struktur soll ihm angedichtet werden, um die Atomistik zu stützen, die in Bälde als überwundener Standpunkt gelten wird. Raum ist ein Menschenbegriff und Raumstruktur eine jener Abstraktionen, die man einschiebt, wo Begriffe fehlen, denn wie kann es Struktur in der Unendlichkeit geben! Wer verfolgt denn eine strukturelle Raumeinteilung, etwa die Planeten unter sich? Deren innere Wärme sowie die Radioaktivität lassen dagegen darauf schließen, daß Ätherlicht und Materiemasse sich in einer Art Austausch zueinander befinden. Letztere entsteht aus Äther oder löst sich in ihm auf, jedenfalls ist der Weltäther als Ursprung aller sichtbaren Dinge, als Verleiher aller Körperlichkeit, als alleinige Allmacht der Materialisierung zu schätzen. Daß die Bedingungen unbekannt bleiben müssen, gibt Nölke zu, will aber dabei mit Campbell an der kausalen Erhaltung der Materiemasse festhalten. Das ist sicher falsch in solchem Sinn, Masse ist steten Zufall ausgesetzt, und was in ihren Transformierungen erhalten bleibt, ist eben nur die Kraft, nämlich der Äther. Dies Unsichtbare kann auch allein den Vermittler zwischen dem molekularen Zellenkörper und dem anti-atomistisch einheitlich wirkenden Bewußtsein abgeben. Übrigens entschied sich die Physik bereits in obigem Sinne, indem sie die Masse des Atoms von dessen Energie abhängig macht, für deren Erhaltung sich die der Materie unterzuordnen hat. Tausend Sonnen brauchen nicht »erhalten« zu werden, wohl aber ist die Kraft, aus der sie stammen, unvergänglich. Ändern Sonnen das Postulat Unendlichkeit?

Nicht nur fürs Auge, sondern auch fürs Teleskop enthalt das mächtige Himmelsgewölbe leere Räume? Das ist wahrscheinlich ein Irrtum, der ganze Äther dürfte mit Dichtkörpern durchsetzt sein. Die Unendlichkeit hat vielleicht den gleichen Horror Vacui, den das menschliche Bewußtsein empfindet. Man darf ruhig folgern, daß das Element der Unendlichkeit, nämlich der Äther, mit der Stoffrealisierung identisch und das Unsichtbare nicht rundweg das Unstoffliche sei. Man muß sich nur von allen bisherigen Stoffbegriffen frei machen und das Psychische, dies Äquivalent des Unsichtbaren, von jeder Abstraktion befreien, es vielmehr als die gleiche Trägerin aller Weltkräfte auffassen wie den Äther. Dieser macht sich ja in größerer oder kleinerer Dimension dem bewaffneten oder unbewaffneten Auge sichtbar als ein bläulich erscheinender Himmelsstoff. Was aber irgendwie sichtbar wird, ist schon deshalb nicht das wahre Wesen einer Kraft, sondern nur ihr Sinnbild. Seit den ältesten Zeiten hat man hinter diesem »Himmel« die Unendlichkeit und in ihr den Sitz der unsichtbaren Weltpsyche geahnt, ehe man noch im entferntesten die physikalische Allmacht dieser anscheinend stofflosen Erscheinung kannte. Man vergleiche die wundersame Intuition Napoleons über den Äther als allgemeines Psychenreservoir. Indem wir aber dem Äther wie der Psyche die gleiche Notwendigkeit steter stofflicher Emanation zuschreiben, erkennen wir sie als eins und den Begriff »Geiststoff« (Mind-stuff) als einen Schuß ins Schwarze.

Daß die Sonne vermöge ihrer Schwerkraft das Licht der ihrem Rande nahen Fixsterne von ihrer geradlinigen Bahn ablenke und daher Lichtkrümmungen stattfinden, diese Stütze der Relativitätstheorie und ihre astronomische Bestätigung erweist sich nach Lenards Feldzug gegen Einstein als Schein? Denn der alte Mathematiker Soldener behauptete schon 1801 Gleiches, obschon er von den durch Einstein umgestürzten alten Raum- und Zeitbegriffen ausging, so daß Einsteins neue Formeln teüs überflüssig, teüs auf die gleichlautende Berechnung aus ganz andern Voraussetzungen nicht anwendbar erscheinen. Daß ein Kathodenstrahlenforscher wie Lenard den durch Hertz und Maxwells Elektrizitätslehre geheiligten Äther pietätvoll verteidigt, könnte man ja nur als erfreulich billigen. Doch solange die Physiker selbst den letzten zureichenden Grund ihrer Materie mit empirischem Rüstzeug behandeln, wo doch jede Möglichkeit des Experiments fehlt, und die sinnbildliche Bedeutung ihres Uräthers ihnen sozusagen ein kauderwelsches Fremdwort bleibt, werden sie die Klippe physikalischer Widersprüche in ihrer Ätherlehre nicht umschiffen. Die Relativitätstheorie mag physikalisch wenig bedeuten, das ändert nicht ihre erkenntnistheoretische Bedeutung, indem sie in die chinesische Mauer der Naturgesetze ein breites Loch schlug.

Nicht als ob Einsteins mathematischer Scharfsinn selber philosophisch etwas Höheres beabsichtigte als den üblichen Gelehrtenkrakeel über Formeln, wodurch man im Konversationslexikon die Unsterblichkeit gewinnt, etwa so: »Der geniale Urheber der heute freilich überlebten Nullstrahlentheorie ...«, man begackert feierlich den Stuhlgang der Natur wie ein frisch gelegtes Ei, verliert sie aber aus dem Auge, denn selbst mikroskopische Untersuchung ihrer Eingeweide erriete nicht, wie sich ihr Weltenblut durch den Allkörper verteilt. Wissenschaft denkt durch und durch materialistisch, benimmt sich aber wie ein Ideologe, der Schatten nachrennt. Ihre Hypothesen gleichen Rousseaus Gesellschaftsvertrag mit der Prämisse »der Mensch ist freigeboren«, während die Abhängigkeit des Säuglings sich endlos fortsetzt und seine Ketten von ihm selber geschmiedet werden, von der Feigheit seines jedem Zwang gehorchenden Ich. Wenn die Gelehrten prahlen, sie suchten freigeborene Wahrheit ohne Rücksicht auf materiellen Erfolg, so wäre dies ein Idealismus, der wenig zu materialistischer Anschauung paßt. Der kundige Thebaner weiß es besser und würdigt die Amtsinteressen, die jedes Eingehen auf Unsichtbares verbieten. Wahrheit im Sichtbaren suchen und daraus trotzdem einen unsichtbaren Endfaktor in blauer Ätherferne ableiten, von dem ziellos magnetische Ströme ausgehen, ist belächelnswerter Selbstwiderspruch. Denn solange man diesen unsichtbaren Raum- oder Äthergrund nicht greifbar wahrnimmt, ist ja das alles nur Glaube, unangekränkelt von Wissen, nichts wird damit erreicht, daß man Uräther als Schoß aller Dinge lehrt, solange man ihn wieder nur als sublimierte Materie auffaßt. Ruckweise fielen die Schuppen von den Augen, daß auch die Molekularmasse als Geschöpf des Äthers genau wie er jeder Körperlichkeit nach Menschenbegriff entbehrt. Die Vorstellung, Atome seien »bevorzugte Stellen« im Äther, ist gottvoll, durch wen bevorzugt? durch den Äther selber, dessen immer gleiche Lichtgeschwindigkeit nirgendwo auf Widerstand stößt und daher auch nicht durch Hemmungsreibung konkrete Massen bilden könnte? Welchen Anlaß hätte er zu künstlicher elektrischer Spannung, um dadurch Materie zu erzeugen? Das wäre sinnlos, da der Äther an sich verdichteter Stellen nicht bedarf. Inwiefern sind sie bevorzugt? Verdichtung eines Gases ist Benachteiligung seiner schrankenlosen Alldurchsichtigkeit und Alldurchdringung, solche Inseln eines Äthermeers nimmt man nur an, weil die gewöhnliche Wahrnehmung keine materielle Vollbesetzung des unendlichen Raums erkennt. Jede Stelle des Äthers mag von Lebensgewalt wimmeln, nur gibt es kein Teleskop für das uns Unsichtbare. Lauter Ausflüchte, um sich an der Tatsache vorbeizudrücken, daß auch der Äther nur eine für Menschenverstand letzte feinste Form bedeutet, hinter welcher aber noch viel Feineres verborgen sein mag. Dem Unsichtbaren, das seine Verstofflichung reihenweise wie Blätter einer Artischocke ausbreitet, vermag man eben nicht auf den Leib zu rücken, bei so subtilen Wechselbeziehungen würden selbst dem denkbar größten Verstand und sogar jenseits der Bewußtseinsschwelle viele Einschläge entgehen. Das einzige Wissen von den letzten Dingen kommt nur dem intuitiven Denken, das sich bescheidet, nicht als Topfgucker der Natur herumriecht, doch die Maske des Sichtbaren durchschaut und von vornherein dem Unsichtbaren als dem Alleinigen huldigt. Wissenschaft fängt endlich zu begreifen an, daß ihre Gesetze stets einer Relativität unterliegen, insofern sprach Einstein ein erlösendes Wort, obschon er nur die Materieträumerei an anderm Webstuhl fortspinnen will. Im Grunde hieb Herbert Spencer in unsere Kerbe, wenn er meinte, jede Evolution müsse mit Gleichgewicht enden, daher Evolution und Auflösung aufeinanderfolgen. Damit wird aber dem Begriff Evolution die Spitze abgebrochen, denn was notwendig zu einem Ende kommt, ist kein ständiges Aufwärts, jedenfalls macht man so Entfaltung zu etwas Relativem, während wir wohl Gleichgewicht, doch keine Auflösung anerkennen, denn wir sehen durch die Zauberformel des Unsichtbaren klar das einzige Nichtrelative.

Erhitzte Psychen wirken suggestiv, wie heiße Eisenstangen ihr Vibrieren kälteren Metallen mitteilen, doch »Molekularbewegung« von Hirn zu Hirn verträgt als unsichtbarer Akt kein Umhängen mechanistischer Mäntelchen, denn Übertragung kann hier nur durch Äthervermittelung im Zwischenraum der Atome geschehen, auch hypnotische Berührung erfolgt durch unstoffliche Brücke mit elekronischen Faktoren, wir sind selbst mit der Sprache als Vermittler unsichtbarer Denkbewegung so im Reich des Geheimnisvollen, daß Nordaus »Paradoxe« Unnötigwerden der Sprache durch unstoffliche Verbreitung von Vorstellungen zulassen. Überall waltet psychisches Relativitätsgesetz. Nietzsches Ankündigung vor versammeltem Kriegsvolk »Gott ist tot« fälscht, wie Salmoneus' Nachahmung des Zeusdonners, die Relativität: jedes Erleben hat die Weltregierung, die es verdient. Horneffers Apotheose zeigt uns nur, daß dieser Seiltänzer, während er vor gaffender Menge den Niagara zu überschreiten versprach, sich uralte Schwimmgürtel anschnallte. Überwundenwerden im Selbstüberwinden, wie ist uns denn, klingt das nicht gnostisch? Ewige Veränderung läßt sich nicht dinglich fassen, kein Entweder-Oder, sondern lauter Oder, Ja und Nein. Hartmanns Kulturethik und Tolstois Kulturekel stehen auf gleichem Illusionsschlamm. Solche Kurpfuscher fördern nur »Selbstzersetzung moderner Kultur« (Rosener, »Propheten«). Turgenieffs »Erinnerungen« fühlten sich von Tolstois Verbrecherphysiognomie eines lasterhaften arroganten Grandseigneur-Offiziers abgestoßen. Wie bekehrte sich solch Puschkinscher Onegin oder krummbeiniger Salonhusar Lermontow zum Muschikheiland? Nur er selbst erfand angebliche Volksbewegung als Baldriantropfen für die eigene Selbstverdammnis, so wie der epileptische Spieler Dostojewski mystische Neumoskowiter nur zu eigener Selbstbefreiung schuf. Nur Personalismus ist Historismus. Alles zu fett mit sozialem öl gesalbte Denken vergißt, daß Plutus I. sich ebenso ein hilfreicher Helfrich dünkt wie Rathenaus schmalziger Edelmut, im »historischen Materialismus« des Sozialismus treiben Hegels Gesetz des Widerspruchs und dialektische Spitzfindigkeit durchaus Subjektives. »In der Produktion versachlicht sich die Person, in der Konsumtion subjektiviert sich die Sache«, doch der Bann, in den die Objekte das Subjekt schlagen, waltete allzeit auch in der Agrargesellschaft, die Bodenscholle legt das gleiche unerbittliche Lohngesetz auf wie die Maschine. Grundlegender Irrtum des Marxismus, ewigen Wechsel der Produktionsbedingungen vorauszusetzen und sich doch auf die Leibgarde der Fabrikarbeiter zu beschränken! Sozialismus ist so wenig »Wesenswissenschaft« (Fries) wie »Evidenz immanenter Sachlichkeit« (Windelband), aus Marx' Synthese ergibt sich die Analyse, daß Abkehr vom Sozialismus in späterer Phase ebenso vernünftig wäre. Daß wir durch eigene Einwirkung auf die Außennatur unsre eigene verändern (»Kapital«), ist verschroben. Verschaffe ich mir viele Nahrungsmittel, ändere ich damit meine gute oder schlechte Verdauung? Jeder Wirtschaftszwang bleibt relativ.

Wie bezeichnend, daß Adam Smith als Adam der Nationalökonomie in einem Buch Gemeinsinn, im andern Selbstsucht zur alleinigen Triebfeder macht! Sobald Gorter »lebendigen, nicht mechanischen Prozeß« anerkennt, macht er seinen »Historischen Materialismus« zunichte. Plechanow »Grundprobleme« 1910 verachtet »vulgäre Evolutionstheorie«, findet Haeckel so unklar wie Hegel, doch denkt Marx klarer, im Kunstwerk kämen allgemeine Sitten der Umwelt zum Ausdruck? Mona Lisas Lächeln drückt nur Leonardo aus, gemalte und gemeißelte Metaphysik nur den Michelangelo. Und Marck 1922, Lasson usw. oder Simmler, Sombart usw. oder Stammler als Marxkritiker, üben für Gehör des reinen Sozialismus vielleicht nur Stammeleien, doch wir müssen auch abwinken, wenn Eleuteropolos Philosophensysteme als bloße Ausflüsse des Klassenkampfs ausgibt. »Die Menschen machen ihre Geschichte selber, ihre Bestrebungen durchkreuzen sich« (Engels), holla, das ist glatte Ableugnung einer nur wirtschaftlichen Basis, wie die Altmeister sozialistischer Theorie ja auch den »Zufall« großer Männer einbeziehen. Damit fällt aber die Möglichkeit, ökonomisches Bedürfnis als unvermeidlich ausschlaggebend vorzuschützen. Keynes' »Wirtschaftliche Folgen des Friedensvertrags« enthüllen Vergewaltigung durch niedrigste Parteipolitik, doch sie genügte, das Rad rückwärts zu drehen. Den Weltkrieg schuf eine Summe seelischer Gebresten, deren Symptom der »historische Materialismus« selber. Luthers »Von weltlicher Überkeit« nennt Fürsten »die ärgsten Narren und Buben«, doch solchen »Henkern Gottes« müsse man demütig zu Füßen fallen! Alte Produktionsverhältnisse forderten Bauern- und Bürgerrevolution, doch weil er bremste, blitzte das verpönte »Schwert« als verschärfte Obrigkeit. Man nehme gängelnde Personen weg, und es gibt weder diese noch von Dittrichs »Reden an die deutsche Nation« fälschlich gepriesene Reformation noch Loyolas unnatürliche Gegenreformation. Ohne lebendige Einzelmotoren bleibt die träge Masse tot.

Relativität ist auch Merkmal des Spiritismus, dessen Verneiner das Kind mit dem Bade ausschütten. Astralleiber als leere Schalen würden vom Medium angezogen, durch ihn zu Scheinleben galvanisiert, so daß sie sinnloses Zeug schwatzen? Nun, nicht immer ist es sinnlos, nicht immer nur dem Medium angepaßt. Wohl soll man jeder Erscheinung mißtrauen, weil alles körperlich Erscheinende nach Erdenton schmeckt, wie steht es aber mit Tischrücken, wo außer physischen Handlungen des Tisches nichts sichtbar erscheint und redet, sondern Unsichtbares sich in kontrollierbarer Zeichensprache meldet? Raymond, der seinem Vater über das Heerlager des Geisterreichs rapportiert, gleicht völlig dem lebenden Leutnant Lodge, dies hätte rückwirkende Kraft für Möglichkeit persönlicher Fortdauer. Man gewöhnte sich, da moderne Psychologie ins selbe Hörn Buddhas stößt, das Ich höchstens als Präsidenten einer Zellenrepublik aufzufassen, dessen Wahl durch Zellenauflösung ungültig wird, jedenfalls hat es als Vizestellvertreter des transzendentalen Ego nur Existenz auf Kündigung. Doch man kommt an der Tatsache nicht vorbei, daß das anstößige Allzumenschliche der Spirits mit ihrer den Menschenichen analogen Ungleichheit eher für ihre Richtigkeit spricht. Die Schattenhaftigkeit der Geisterwelt behält die gleichen Triebmotive mit Unebenheiten und Unstimmigkeiten psychischer Verschiedenheit. Metempsychose der Pflanzen beobachtet man in ihrer sichtbaren Metamorphose, Transformation zersprengter Körperzellen beeinträchtigt nicht mal die Unsterblichkeit in materialistischem Sinne, denn ob sie als Grashalm oder Wurm weiterleben, kommt für das entschlafene Ich auf eins heraus.

Was ist das für eine Materie, die selber nicht weiß, wohin sie gehört und die ein gelehrtes Phantasma wird? Sie muß sich über Gaswirbel lustig machen, mit denen man sich den Kopf des Weltalls zerbricht, sie zu messen ist aussichtsloses Unterfangen, man kann Wärme messen, doch nicht den unsichtbaren Ursprung subjektiven Wärmebegriffs. Biologie bekennt zwar selber ihr Ignorabimus, warum der Keim sich zum Organismus entfaltet und dieser sich zweckmäßig behauptet, doch das Problem ist ohnehin falsch gefaßt. Wäre Leben eine Reihe zufälliger Erscheinungen beliebiger chemisch-physikalischer. Kausalitäten, so könnte allgemeine Zweckmäßigkeit nirgends stattfinden, man wirft nicht dauernd Treffer, wenn man nicht mit falschen Würfeln spielt. Mechanismus widerlegt sich selbst, wenn er nicht ehrlich-radikal Leben und Welt für ein Zufallchaos hält. Deshalb hilft sich der Vitalismus damit, daß er Leben als unphysikalischen Begriff einführt; daß aber Energetik nur rein Psychisches als Welthebel voraussetzt, wollen Oberflächentänzer nicht einsehen und verdrehen auf Grund grobkörnigen Materials das Eigenwesen zu Lebemaschinerie. Das umgeht die Frage, was diese Mechanik aufdrehe, Leben als sein eigener Deus ex machina agiert im Grunde wie Schopenhauers Wille, obwohl supraindividuell. »Kraft ist Beschleunigung der Masse« bedeutet nur, daß man Beziehungen der Dinge untereinander messen kann, läßt aber die Frage unbeantwortet, woher die Beziehung stamme, und versinkt in achselzuckende Hilflosigkeit, wenn man solche Formel beim Worte nimmt und zur Rede stellt. Sobald man es irgendwie naturwissenschaftlich faßt, zerflattert Leben zwischen den Fingern. Zuletzt wird offen ausgesprochen, Wissenschaft sträube sich gegen etwas so Unnatürliches wie das Leben, sintemal nur Mechanik natürlich sei! Dies Aufdenkopfstellen unbefangener Naturbetrachttung macht die Biologie als Lebenslehre verdächtig und anrüchig, indem sie eine Gruppe sichtbarer Erscheinungen von »totem« Stoff absondert, ohne diesen Unterschied irgendwie erklären zu können. Organisches Leben ist keine organische Chemie, tatsächlich wissen wir aber von ihm weit mehr als von einem toten Stoff. Wenn ein Gelehrter naiv verlangt, Metaphysik dürfe nur Analogien zur Materie aufstellen, so liegt umgekehrt der Analogieschluß nahe, daß wir aus dem wenigstens äußerlich bekannten Leben folgern müssen, der uns psychologisch ganz unbekannte tote Stoff sei eben nicht tot, sondern lebendig in anderer Art. Eine Luftwelle, ein elektrisches Fluidum sind geradeso Lebensäußerung wie Atmen, ein Lichtstrahl wie Hellgesicht, ein majestätisches Gewitter wie Entladung genialer Gedanken, nur die Ebenen dieser Vorgänge sind verschieden.

Telephonischer Anschluß an die Zentrale der Weltkraftquelle hat die verschiedensten Drähte und bedient sich ihrer mit ungleicher Geschäftigkeit. Sie sorgt für Sicherungen der elektrischen Maschinerie: versinkt ein Erdteil, taucht ein anderer auf, erblindet ein Stern, erstrahlt ein anderer, stirbt ein Genie, flugs wird ein anderes materialisiert. »Denn die Erde zeugt sie wieder wie von je sie sie gezeugt« (Goethes Euphoxienklage). Auch hierin herrscht transzendentaler Monismus, daß Ibsens Julian umsonst nach einem dritten Reich sucht, sondern nur ein Reich Gottes »inwendig« ist. Dies ewige Leben, ja auch nur äußeres organisches Leben als Sonderform einer Zufallsmaterie auslegen ist die unnatürlichste Ausgeburt einer Geisteskrankheit. Jede bloß intellektualistische Phüosophie, welcher das intuitive Empfinden abhanden kam, gelangt immer auf einen toten Punkt, solche Verstandesgymnastik quält sich mit Neukanteanismus. In der Schopenhauergesellschaft sprach man von der »durch Kant entgötterten Welt«, Th. Lessing erkannte im historisch gewordenen Gott nur den nach Naturherrschaft lüsternen Menschen! Doch wenn alle Erlösungslehren den Aufstand des Geistes gegen Erdenleben bedeuten, so soll dieser Geist sich eben zur Wahrheit durchringen, daß er selber Leben ist, also seine subjektiv berechtigte Unzufriedenheit gegen Materieeinkerkerung mit sich selbst in Zwiespalt gerät. Sobald er seine Materialisierung als notwendige Phase des ewigen Lebens erkennt, die zur Abschleifung seiner Bedürfnisse dient, und in der Menschheitsgeschichte Selbstbestrafung und Selbstbelohnung unter supranaturellem Antrieb entdeckt, läßt sich die Karmafrohn gelassener ertragen. Alles Erleben auf allen Ebenen bleibt nun einmal ein unsichtbarer Prozeß, nur inneres Erlebnis macht den Geist lebendig.

»Poeta nascitur, non fit« gilt auch für Anlage zum Materialismus und Idealismus. Jeder, der auf Pseudorealismus schwört, verfährt unselbständig determiniert, Evolutionsgeschwafel enthüllt am klarsten, daß nicht Tatsachen heiliggehalten werden, sondern deren hypothetische Vergewaltigung, die eigene antiideale Nüchternheit führt charaktereologisch den Schulgelehrten wie den Krämer zur Leugnung des Idealen, so wie früher Theologieprofessoren den Geist in ihre anthropomorphisch materialistischen Glaubensartikel einschmieren wollten. Wissenschaftskirche ist nur Auferstehung geisttötender Pfaffen. Der ganze Schwarm von Darwins Nachfolgern und Anhängern begrüßt im Mechanismus nur eigene Verstandesöde und Charakterschwäche, deren deterministisch böser Wille es sich mit Ausstreichung des Transzendentalen bequem macht. Wir dürfen spotten: Ist Geist nur Ausscheidung wie Urin und Galle, und ist der Mensch, was er ißt, dann darf man doch von Darwins chronischer Verdauungsstörung nur insana mens in insano corpore erwarten, und sein Verstandesurin wäre ein Symptom physischer Unzulänglichkeit gestörter psychischer Maschinerie! Haeckel war freilich ein sehr gesunder Mensch; falls man nicht seine Ansteckung durch Darwins Hirnbazillen annimmt, bewiese ihre Übereinstimmung, daß der Geist unabhängig vom Körper arbeitet, Physisches darauf nicht den geringsten Einfluß hat. Wenn wir uns von banausischen Scherzen der Kraftstoffelei abwenden, bleibt jedenfalls bestehen, daß jede Weltanschauung menschlich-subjektiv denkt, entsprechend dem eigenen individuellen Trieb. Unwissenschaftliche oder wissenschaftliche Krämerseelen müssen Materialisten sein, Pseudodemokratie geistiger Pöbelmajorität muß antiheroisch und antiidealistisch handeln, sonst verurteilte sie ihr eigenes niedriges Fühlen, dagegen muß ein Geistesaristokrat das Leben heroisch idealistisch, das All transzendental auffassen. Da es sich also nur um subjektive Machtfrage handelt, so wird man wohl Buddha, Jesus, Plato, Bruno, Leonardo, Goethe mehr Verständnis für das Wesen der Dinge zutrauen als einer Rotte von Mittelmäßigkeiten. Diese wird freilich jeden Tag unverschämter, ein solcher Kathederschmarotzer (wie Chamberlain in seinem Kantbuch zitiert) rieb sich herablassend an Goethe, weil dessen Naturanschauung nicht mit nachgeschmierten Kollegienheften in Einklang steht. Das ärgste Versehen, Vergehen, Verbrechen einer als gewissenhafte Registrierung von Beobachtungen und Messungen verdienstvollen Wissenschaft besteht in der Verstocktheit, womit sie aus ihren eigenen jüngsten Entdeckungen nicht die natürliche Folgerung ziehen will: Hinfälligkeit sichtbaren Stoffes, Alleinherrschaft unsichtbarer Kräfte. Alle wahren Grundsätze des Materialismus fußen auf Annahme undurchsichtiger Materie, beweglich durchsichtige Stofflichkeit wird durch Strahlung zum gleichen Vorgang wie Beseelung im Organischen, alle okkulten Phänomene sind natürliche Analogien der elektrischen und Strahlenvorgänge. Wäre der Mensch nicht selber Psyche, würde sein Denken als bloße Ausscheidung des Stoffes sich nicht stets in gleicher automatischer Linie bewegen? Die ungeheure Ungleichheit der Iche, obwohl alle auf gleicher stofflicher Grundlage, verweist eben auf unsichtbar Psychisches als einzig mögliche Ursache karmamäßiger Unterschiede. Wer materialistisch oder idealistisch fühlt, der denkt auch so, handelt danach und sieht die Dinge, wie er fühlt, denkt, handelt. So irrt einseitig überspannter Spiritualismus ebenso wie Materievergötzung, denn das Sichtbare ist an und für sich da als Koeffizient menschlicher Vorstellung und kann nur insofern als Schein gelten, als es für subjektive Wahrnehmung nur ein Sinnbild wird ähnlich wie Götterbilder. Wer eine Zeusstatue anbetete, meinte ja nicht, dies sei Zeus selber, sondern glaubte nur vermöge des Sinnbilds die Nähe des Gottes zu spüren. Die Griechen dachten vielleicht weise, wenn sie für die Menschen nur den Olymp der Naturgewalten brauchten, darüber aber den unbekannten Gott der Notwendigkeit hängen ließen, der logisch Parzen und Erynnien entsendet Alles Geschehen ist die Ethik selber, so wenig Vernunft und Wirklichkeit nach Menschenbegriff sich decken.

Pan flötet wie der Rattenfänger von Hameln, der Mensch scheint äußerlich dualistisch wie die Zentauren, doch die Natur ist monistisch beseelt, jede Woge eine Nymphe, jeder Baum eine Dryade. In indischen Walddörfern, wo Hellgesicht so wohlfeil wie Brombeeren (vgl. ruhige Aufzeichnung eines englischen Forstmeisters), sieht man einen Spirit in jedem Baum. Nicht als ob wir an Baum- oder Windgeister wörtlich glauben sollen, wohl aber an das Grundprinzip, daß die Psyche in Verbindung mit allem Unsichtbaren steht. Wer über indischen Okkultismus die Nase rümpft, der lese den Bericht eines kühlen Briten über den »Tigerzauber«, wie ein kleiner fröhlicher Greis mit einem Glöckchen alle Tiger in weitem Dschungelumkreis psychisch morphinisiert, so daß man sie gefahrlos abschießt. Danach erscheint das Erlebnis der Blavatzky, wie ein Chela durch Aussprechen eines Wortes einen springenden Tiger tötet, nicht mehr so ungeheuerlich. Wirklichkeit hat Sinn und Würde nur, wenn man sie als gegenseitige Ausgleichung von Stoff und Kraft würdigt. Wenn Materialismus einen Pseudomonismus als Grundpfeüer trägt, so darf Idealismus in viel höherem Sinn monistisch denken. Alles greifbare Sichtbarwerden des ewig Verborgenen und ewig Offenbarten verlockt dazu, die aus irdischem Verhältnis von Subjekt und Objekt entspringenden Zwangsvorstellungen für selbständige Erscheinungen zu halten, doch jede Glasscherbe, jeder Wassertropfen spiegelt die gleiche Sonne. Jedes Phantasiebüd lebt als anschauliche Spiegelung, »ich weiß, sie sind unsterblich, denn sie sind«, rühmt Goethe von seinen Frauengestalten, jede Vorstellung ist Schöpfung, jeder Gedanke wirkliche Tat.

Hegels Dekret: »Was wirklich, ist vernünftig, was vernünftig, wirklich«, klingt als Gemeinplatz sehr unvernünftig. Beide Menschenbegriffe könnten nur Attribute einer höheren Einheit sein, nämlich des Notwendigen, das allein Wirklichkeit und Vernunft für sich beanspruchen darf, ohne diesen Sein-Sinn könnten all die Scheinattribute, die er in sich schließt, gar nicht bestehen. Hegels Satz müßte lauten: »Was vernünftig scheint, ist notwendig, was notwendig ist, scheint vernünftig.« Doch auch damit kann man nicht zurecht kommen, der Syllogismus ist falsch, denn während Vernünftiges notwendig sein muß, braucht Notwendiges nicht vernünftig nach Menschenmaßstab zu sein. Was ein Herr namens Hegel als vernünftig anspricht, deckt sich schwerlich mit dem Ungeheuer Notwendigkeit. Der Hinkefuß seiner Lehre lugte bald hervor, indem er das Konservative damit schirmte, weil das Bestehende allein vernünftig sei. Natürlich haben Revolutionsgreuel das gleiche Wirklichkeitsrecht: weil sie entstehen, sind sie notwendig. Und deshalb vernünftig? Keiner Phänomenologie kommt volle Wirklichkeit zu, Notwendigkeit ist geradeso transzendental wie Freiheit, steht daher nicht in Beziehung zu unserer Erfahrung sichtbarer Materie. Der Raubmörderfrieden von Versailles war sehr wirklich, obendrein kausal bedingt durch notwendige Bosheit und Dummheit der Urheber, doch Keynes plauderte das Geheimnis von jedermann aus, daß dies höchst unvernünftig sei. Empirisch darf man nicht mit der Zuversicht schmeicheln: Was Gott tut, das ist wohlgetan. Menschenurteil soll sich größerer Zurückhaltung befleißigen. So sah Hegel den Napoleon als wirklich werdende Weltvernunft, aber was war vernünftig-notwendig, sein Aufstrahlen oder Verlöschen? Eins oder das andere beurteilte Parteistandpunkt als vernünftig, der Parteilose wird sogar das gepriesene »Waterloo« als unvernünftigste Begebenheit auffassen, konterrevolutionäres Zurückschrauben um 50 Jahre Reaktion zum Schaden Europas. Warum war notwendig, diesen Sturz zu veranlassen? Der Mechanist begnügt sich mit grundlosem Kräftespiel, doch der Kenner weiß, daß nicht mal gewöhnliche Kausalität Waterloo ergab. Eine Reihe unberechenbarer Faktoren mußte schon 1812 und 1813 zusammenwirken, 1815 mischten sich erneut Naturelemente ein und ertränkten im Wolkenbruch des 17. Juni alle Siegeschancen Napoleons, die am 16. 18. sich schicksalmäßig ins Gegenteil verkehrten. Napoleons Geniewille selber sah seinen Untergang voraus, Hugos Phrase »er genierte Gott« gibt nur wieder, was der von »Schicksal« Verlassene selber fühlte. Dies alles war aber weder materiell notwendig noch vernünftig, die Notwendigkeit hat also andere Zwecke supranatureller Art, wofür sie plötzliche Ursachen und Wirkungen anhäuft. Für uns aber bleibt Alles nur relativ.

Um vom Großen und Ganzen aufs Teilchen und Kleine zu schließen, was ist wirklich an einer Persönlichkeit? Marmonts Memoiren schildern Napoleon als Doppelich, welches von beiden war das Wirkliche? Jeder denkt sich »Miß« Tennyson den Lovelypoet als Ladiesman, in Wahrheit war er ein ungehobelter Gesellschafthasser, dessen wahres Wesen nur das byronische »Locksley Hall« einmal ausstöhnte. Bei Byrons Tod schrieb der Jüngling auf alle Dünen: »Byron starb, die Welt ist zu Ende«, ahnten das Carlyle und Thackeray, als ihre Poesiefremdheit den sittigen Tennyson gegen den bösen Byron ausspielte? Welcher Kausalvernünftigkeit entsprach es, daß seine poetische Wirksamkeit sich so entgegengesetzt entwickelte? Horace Smith, der 1814 Jung-Byron witzig parodierte, erzählt mit bitterm Ernst ehrfurchtsvoll, »der Außerordentliche« habe seine Rippen befühlen lassen, um seine trainierte Magerkeit festzustellen: »Selbst die kleinste Äußerung des illustren Dichters muß interessieren.« Wer wird aber solche Scherze für vernünftige Wirklichkeit Byrons halten? Es gab eine Zeit, wo ein Vater sein Söhnchen begeisterte: »Der Lahme dort ist Byron«, als ob er vom Herrgott spräche.Vgl. »Byron et le romantisme Français« 1902 mit neuester Literarhistorie von Macwilliam 1905, Kathedereinseifung für Studenten. Auch jedes Geschichtsurteil ist relativ, die einzige Rienziquelle (Sammlung Muratori) notorisch von Jesuiten gefälscht, und wie widersprechend malen Kavalier Porter und Puritaner Hutchinson die Cromwellzeit in Privaterinnerung ihrer Parteiinteressen. Auch politische Begriffe sind relativ. Internationale? Isolierte Nationalitätsinseln gibt's nicht mehr, man beschenkt sich gegenseitig, mit Recht stellt Nölting der Pflanzenanalogie Spenglers entgegen, daß Pflanzenschicksal auf Wechselseitigkeit beruht, doch andererseits bewahrt jede Pflanzengattung ihre Eigenart, internationale Verflachungsüberschwemmung verschlingt keine Rasseninsel. Auch »Recht« bleibt relativ. Die einen schnitzen Pfeile der Rache, andere spannen den Bogen, der Gläubige wartet ab, ob Donnerkeile vom Himmel fallen, doch »welcher recht hat, weiß ich nicht«. Was war vernünftig, die lange Byronschwärmerei Europas oder heutige Nichtbeachtung, was ist Wirklichkeit in ewig schwankenden Werturteilen? Früher pries man Raphael auf Kosten Michelangelos, heute diesen auf Kosten Raphaels. Bei Dickens und Thackeray zweifelt heute niemand, wer der Echtere war, doch bei Lebzeiten verdiente Dickens jährlich 10+000 Pfund, sein größerer Rivale sah sich 1849 nach einem Staatspöstchen um, damit er ohne Not schaffen könne. Nur Dickens selber kannte die Wirklichkeit, haßte, beneidete, verfolgte hinterhältig trotz eigenen Riesenerfolgs den Überlegenen, dessen neidlose Großmut mit rührender Selbstblasphemie den Kitsch »Dombey« über sein unsterbliches »Vanity fair« und den sentimentalen Copperfield über seinen genialen Pendennis stellte. Nur einmal riß ihm die Geduld: »Meine Bücher sind ein Protest gegen die seinen, sind die seinen wahr, dann sind die andern falsch«. Der schauspielerische Effekthascher, hinreißendes Darstellungstalent zu lauter Mätzchen mißbrauchend, und sein eitler, unwahrer Charakter waren aber nicht minder wirklich als sein bedeutendes Gesicht, während Thackeray wie ein gutmütiger John Bull aussah. Was war nun wirklich an solcher unvernünftigen physiognomischen Täuschung? Und nun Thackerays Urteile: Hoods »Sang vom Hemde« die feinste Lyrik, die je geschrieben«, Dumas »wunderbar, besser als Scott«! Urteile und Wertabmessungen sind aber psychische Faktoren und Tatsachen, falsche Kunsterfolge erst recht, ihr Unwirkliches und Unvernünftiges klingt wahrlich nicht als Vernunftharmonie. Wie kann sich das äußerlich Materielle mit Hegels Satz decken, wenn das Psychische, dem er doch den Begriff »vernünftig« entnimmt, hier überall versagt?

Ein schottischer Hausierer fand auf der Landstraße ein liegengelassenes Buch, Murrays Byron-Gesamtausgabe 1837, diesen Funken blies er in sich zu einem Poetenlichtchen an.

War dies notwendig, da er schon mit 30 Jahren starb? Wenn Tyche de Brahe von Schweden ausgerechnet nach Böhmen ins Exil ging, war wohl kausal, daß er dort Kepler zum Assistenten nahm. Wenn er dort plötzlich starb, hinterließ er ziemlich notwendig Kepler seine astronomischen Notizen, mit denen er als bloßer Beobachter nichts anzufangen wußte. Dies alles mag man noch kausal nennen bis zum entscheidenden Punkt, daß Kepler daraus die Ellipsentheorie fand. Oder ist inspirierte Intuition auch notwendig? Dann wird dieser allmächtige Grundbegriff sofort der Materie enthoben und ins Immaterielle verschoben. Zufall gibt es nicht innerhalb Notwendigkeit, ihr Wesen aber bleibt geradeso verhüllt und unsichtbar wie die Weltvernunft, wir erfahren nur einen Schein davon. Jeder Menschenbegriff braucht ein unbekanntes Supplement, das über Supranaturelles verfügt und sich nicht dem anpaßt, was ein Hegel wirklich oder vernünftig findet. Dies ist leichter gesagt als verstanden. Fand der Urmensch die Einsicht seiner Nichtigkeit im unbegreiflichen All, so war dies gewiß notwendig auf Grund psychischer Wirklichkeit. Denn sich dem Religiösen widersetzen heißt das Psychisch-Notwendige unwirklich und die sicherste aller Wahrnehmungen, die eigene Kleinheit, vernunftwidrig schelten. Zu welcher Logik als zur Gottheit soll denn der Naturmensch gelangen, wenn er sich Wurm unter den Gestirnen sieht? Dagegen sind Gebete zu einem Gottbegriff »Liebe« Versuche an untauglichem Objekt. Nur in der Karmaauffassung wird alles gleichzeitig vernünftig und notwendig. Überall ist etwas am Werke, was Napoleon Schicksal nannte, absichtlich bestimmende Leitung höherer Kausalität, die sich nicht begrifflich mit dem strikt Notwendigen deckt, sie ist keine Formel »Wenn's regnet, wird's naß«. Nicht »zwei mal zwei ist vier« regiert, sondern ein unbekanntes X. Warum der Hausierer Macferlane das Byronbuch fand und deshalb dichtete, scheint objektiv zwecklos, aber nicht subjektiv, ihm war es notwendig durch vernünftigen Beschluß seines Karma. Wenn einseitiges Anschauen des Kausalnexus zu Mechanismus verführte, so stimmt dies höchstens zum Sichtbaren, zerfällt sofort, sobald man das Unsichtbare als das Wirkliche erkennt. Jeder antimetaphysische Monismus verdient nicht seinen Namen, blöde Einseitigkeit verleugnet hier die wahre Einheit und zwingt Nachdenkliche so förmlich zum Dualismus. Indem sie aber das Sichtbare vom Unsichtbaren trennen, begehen sie gleichen Denkfehler. Sie beten einerseits gläubig den Evolutionsschwindel nach, den ein Fußtritt des Alls ebenso leicht zerstören kann wie Nietzsches Übermenschenwahn, erkennen andererseits ein höheres Prinzip und folgern daraus dessen Absonderung vom »Naturchaos«. Doch so wenig hienieden Geist und Stoff zu trennen, so wenig Immanenz und Transzendenz, Allmanifestierung und Weltseele, eins ohne das andere ist begrifflich ein Unding. Es gibt weder Materiemonismus noch Dualismus, sondern nur das eine, wofür wir das Wort transzendentaler Monismus fanden.

Selbst die Sprache bedarf der Säuberung von dualistischen Elementen. In Sinnumbildung vieler Worte im Laufe der Zeit darf man keine seelische Umwandlung suchen. Einbürgerung und Festpflanzung englischer Worte hielt nicht Schritt mit äußerer geschichtlicher Entwicklung. »Church«, »Monastery« mag man aufs Griechische zurückführen, Monk aber ist lautlich Mönch, Cloyster und schottisch Kirke blieben während Normannenzeit als Sachsenworte für Kloster und Kirche. Für Abstrakta fehlen die richtigen Worte. So hat Deutsch nicht zwei verschiedene Ausdrücke für »Geist«, wie englisch mind (Verstand) und Spirit (höherer Manas). Geist als Logos darf nicht mind heißen, dennoch umstellt Wilberforce beide Begriffe, macht aus mind Gott und Seele, aus Spirit ein verstohlenes Ich. Byron vereint beides: »Eternal Spirit of the boundless mind«, spricht aber im Unsterblichkeitsgedicht der »Hebräischen Melodien« von mind, offenbar um das kirchenverdächtige soul zu vermeiden. Ebenso wird unterschieden Ghost (Gespenst) von Spirits. Das gibt lauter Wirrwarr. Gott kann unmöglich den gleichen Namen Geist führen wie der Menschengeist, Holy Spirit oder deutsch Heiliger Geist nicht von Gott verschieden, Weltspirit aber nicht mit Spirits gleich benannt sein. Im Deutschen übersetzt man Geist für Logos, obwohl man gleiches Wort für Menschenverstand anwendet, was griechisch keineswegs Logos heißt. »Geist Gottes« ist ein übertragener Ausdruck, als sagte man Geist Goethes, Gott hat weder Geist noch Seele, sondern ist alles zugleich. Das geheimnisvolle Logos verwirrt durch falsche Interpretierung; das italienische Spirito ist annähernd richtiger, zumal anima als Seele davon unterschieden wird, im Englischen etymologisch sogar ins Tierische animal degradiert: Seele also gleich organisches Leben. So wirbeln Begriffe durcheinander, ihres ursprünglichen Sinnes entkleidet. Denn philosophisch ist Seele wirklich gleich Leben, die Religionen machen aber daraus persönliche Ichseele, so daß das Wort denkerisch in Verruf kam. Für »im Anfang war der Logos« genügen »mind« und »spirit« so wenig wie »Geist«. »Der Logos war bei Gott und Gott war der Logos« soll vielleicht heißen » wurde«, der Logos verschmilzt sich mit Gott. Der Sinn ist wohl: im Anfang war das Unnennbare, das »Wort«, oberstes Weltgesetz als Gottesemanation. Dies Wort sie sollen lassen stahn.

Der Blitz erlischt, die aufblitzende Kraft besteht fort. Der Begriff Seele scheint junger und kirchlich dunkler Herkunft, die Evangelien kennen nur Logos, verwandt mit Genie, wie das Wort Genius besagt, Geist (mind) nur sein Ausdrucksmittel. Deshalb ein Genieblitz Byrons, wenn er Freiheit als Genius des grenzenlosen Geistes anruft, der in Ketten am hellsten leuchte: transzendentale Freiheit von Materieketten. »Evidenz von Güte und Weisheit in der Außenwelt ist sehr fragwürdig«, meint der Aufklärungstheologe F. W. Robertson (»Leben und Briefe« von Brooke). Ihn lasse Gott als Schöpfer und erste Ursache kalt, und wo Laplace und Hume dies nirgendwo demonstriert sehen, genüge kein bloßer Glaube. Wir lassen dies nicht gelten, geben dem Unglauben kein Recht zu denken: »Gott scheint ein boshaftes Vergnügen darin zu finden, daß er beim Leid verweilt, das er verursacht«. Dieser Freund Lady Byrons, dem sie ihr ganzes Leben erzählt haben soll (man begegnet bei Robertson keinem Tadel gegen Byron), möchte Gott nur durch Jesu Leben und Lehre offenbart finden, wohlgemerkt durch einen vermenschlichten Erlöser, von dem er meint, niemand wisse, was Jesus wirklich wollte. Derlei ist doch nur unbrauchbarer Kantismus: Gott als Produkt menschlicher Seele. Welcher Seele, von Jesus oder Kant? Gewiß anerkennt Larochefaucould nur deshalb Eitelkeit und Selbstsucht als einzige Triebfeder, weil er selber eitel und selbstsüchtig war, doch für den Durchschnittsmenschen trifft es zu und dessen Seele soll Gott schaffen? Vor dem Gerichtshof des Verstandes stellt Berufung auf Gott in Leben und Natur keinen juristisch haltbaren Beweisantrag, keine Offenbarung Gottes bloß von Gnaden menschlicher Vermittler ist zulässig, er offenbart sich nur dem eigenen innern Erkennen.

In Balfours Biographie Stevensons erscheint dieser tragisch angehauchte Liebhaber des Unheimlichen und seltsame Schöpfer brutaler Gestalten, der in lebenslangem Siechtum energische Mannheit bewies, als demütiger Gottgläubiger. Ihm aber strahlt Offenbarung nur in Schönheit und Erhabenheit der Natur, was dem Philister mehr oder minder fremd bleibt, unter 100 Alpinisten folgt kaum einer andern Reizen als denen »mannhafter« Muskelbetätigung. Und die großen Massen? – »Ich ahnte nicht, wie ganz unzugänglich sie sind für Beweggründe, die den bürgerlichen Durchschnitt regieren, wie ganz versunken in Selbstsucht infolge unablässigen Kampfes gegen die Gesellschaft, düstere undurchdringliche unterirdische Schufterei brütet im Proletariat der Weltstädte« (»Rutherfords Deliwerance«). Und das soll unsere Zukunft bestimmen! Im Stadtleben offenbart die Natur wenig von ihrer Eigenschaft, organisch Wunden zu heilen. Findet zwischen Erwerbsphilister und Hungerkandidat der Geistarbeit innerer Ausgleich statt? Endet der Idealist nicht stets in schleichendem Ekel-Ärger und Lebensüberdruß? »Müd' alles dessen schreie ich nach ruhevollem Tod«, beichten Shakespeares Sonette. Nichts trauriger als Anklammern verzweifelnder Geistmenschen an ein Diesseits, das ihnen nur Unlust bereiten muß. Wer sich heroisch aufschwingt, wie oft erlahmt sein Fittich! der Materie eintöniges Tropfen höhlt den Stein. In solchem Gedankenkreis bewegt sich jeder Gottsucher, den christliche Schönrederei nicht blendet, doch allzumenschliche Stimmung muß überwunden werden. Des Waldes geheimnisvolle Heilgymnastik für Pflanzen und Tiere waltet auch in der Menschenwildnis, schafft Raum und Licht, daß hohe Wipfel die Sonne schauen, Singvögel ihre Nester bauen und Eichhörnchen nach droben turnen. Der Adler, den Johannes schaute, wird ewig am Himmel schweben. Beliebige Molekülen im Äther können keine Psyche ausmachen, bloßer Lebensodem des Äthers nicht einer Neugeburt Individualität verleihen, sonst würde man dazu kommen, jedes Atom für einen besondern Spirit zu halten. Daß die Individualpsychen immer wieder zurückkehren, zeigt die Unzerstörbarkeit jeder Rassenpsyche. So erbte die Romkirche genau den herrschsüchtigen Imperialgeist der Römer, die griechische mit Systemen und Sekten alle Vorzüge und Fehler der Hellenen. Die Patmosschauung als beweisbare Voraussicht des unsichtbar Werdenden muß uns Mut machen, kein zeitlicher Tod ist möglich in zeitloser Zukunft, das Geistige kann sich vom Stoffe lösen. Gott aber ist nicht Stoff, also nicht Person, nicht Einzelwesen, also nicht Persönlichkeit, nicht Geist, also nicht bloß Immanenz der Menschenpsyche, nicht alliebende Allseele, also kein dem Lebensjammer gelassen zuschauender »Vater«, sondern ein mit sich selbst ringendes Unvorstellbares, in dem Stoff, Kraft, Geist, Seele sich zu unbegreiflicher Einheit verknüpfen. Sein Name ist: Ich bin, der Ich bin, Ich war, der Ich war, Ich werde, der Ich werde. Das allein ist nicht relativ.

»Plötzlich stößt Mathematik auf eine Grenze ... daß Probleme, die in der Natur liegen und von ihr selbst gelöst werden, dem Menschen unlösbar bleiben, so führt Mathematik mathematischen Beweis für Existenz der Gottheit« (Prinz Hohenlohe: »Aus meinem Leben«). Schellings »Natur in Gott«, Goethes »Gott und Natur sind eins nur« degradieren das Selbst aller Selbste zum Naturwesen, »Gott mag unser so wenig entbehren wie wir sein« (Tauber), man setzt ihn trotzdem außer sich, Gott bleibt immer Du, sein »Selbstbewußtsein« (Hegel) stößt als Überpersönlichkeit sein Werk von sich ab.

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