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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 53
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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13. Die wahre Relativitätstheorie.

I

Daß menschliches Denken von jeher eine Doppelwelt des Sichtbaren und Unsichtbaren annahm, zeigt die frühe Entstehung der Mathematik. Aus einfacher Raummessung stieg sie zu metaphysischer Betrachtungsweise auf, indem sie sich immer mehr von Raum, Zeit, Bewegung ablösen, selbständig operieren, sogar euklidische Geometrie durch neuartige Größenauffassung ersetzen will. Sie geriet aber durch ihr Schwanken zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem auf bedenklichen Doppelweg, der sich in keinen Scheideweg spaltete und auf dessen doppelgabeligem Geleise es keine Rückkehr gibt. Man vergegenwärtige sich, daß der pythagorische Lehrsatz nur eine mit dem Zirkel demonstrierte Idee und keine irgendwo in der Außenwelt gefundene Tatsache ist. Von diesem Ausgang reiner Vorstellung verirrte sich das Messungsdenken unaufhaltsam ins dämonische Reich der Zahl, welche sich, obschon selber der Vorstellung entsprungen, an sichtbare Materie festsaugte und hier eine wachsend verhängnisvolle Praxis übte. Aus ihr entstammt die Messung des Eigentums und hiermit der gesamte Kapitalismus, der den Menschen von der Zahl abhängig macht, Zins und Wucher beruhen auf Rechnen. Obschon Mathematik diese niederen Formen vornehm hinter sich ließ, bedient sie sich doch gleicher Mittel, ihr Wesen ist Rechnen, die mechanischste Verstandesübung. Mögen Logarithmen sich noch so abstrakt gebärden, es bleibt halt Zahlenaddition wie im Geschäftsbuch eines Finanziers. Vergleicht man damit den hochgeistigen Ursprung, so wirkt es, als hätten die Veden sich in jüdische Kabbala verwandelt, die dem Weltgeheimnis mit dem Spinnennetz der Zahl auflauert, uneingedenk der Unwahrscheinlichkeit, daß ein Adler sich um Spinnengewebe kümmern werde, die er mit leichter Berührung seines Flügelschwungs von der Wand streifen kann. Das ist Abstraktion im übelsten Sinne und Goethes Wort berechtigt, daß Mathematik die Anschauung töte, was Schopenhauer erst recht unterschreibt. Abstraktes Denken steht hoch im Preise, doch wenn zwei dasselbe tun, ist's nicht dasselbe, so verwandelte Spinoza die gewaltig anschauliche Metaphysik Brunos in Substanzrechnerei.

Im eigentlichen Sinne ist intuitives Denken niemals abstrakt, alle Ideen treten wie die platonischen plastisch auf, ähnlich Kunstgestalten. So war Schopenhauer, obschon ein schiefer Denker, ein Künstler. Wenn er den deutschen Musikrausch hätschelte – Leibphilosoph Richard Wagners – und hörbare Tonkunst, die ganz in Sinnlichkeit wurzelt, für leibhaftige Weltidee erklärte, dabei aber Rossinis Rosinen für schmackhafter hielt als Beethovens Nektar, so ist dies eben sein künstlerisches Eigenwesen, sein ganzes Denken ästhetisch. Goethe schrieb seine Farbenlehre nach gleichem Maßstab wie seine Dichtung. Sobald man bei Zunftphilosophen ein Schwelgen in Formeltrockenheit bemerkt wie bei Herbarths Apperzeptionen oder englischen Utilitariern, ist's mit dem Denken nicht weit her. »Wahre Liebe denkt in Tönen, denn Gedanken stehn zu fern«, singt Tieck so hübsch, doch wahres Denken denkt in Büdern, denn Gedanken stehn zu nah, blasse Formeln bleiben leblos, bis sie in Gleichnissen plastisch vom Denkenden ferngerückt und so vor ihm lebendig veranschaulicht werden. Weil Gott sich anschauen, deshalb das Weltbild materialisieren muß, muß auch die Psyche die Idee als Bild vor sich sehen.

Höhere Mathematik nimmt als bewiesen an, was sie voraussetzt. Alle Achtung! So und nicht anders entstanden alle Kirchendogmen, dann geht alles wie geschmiert. Man sollte endlich lernen, auf welcher Basis die Wissenschaft beruht, sobald sie die Aufgabe äußeren Registrierens verläßt und in die Ferne schweift, wo ihr das Gute so nahe liegt, nämlich nur Ausdeutung und Ausbeutung äußerlicher Materiebeziehungen als praktische Milchkuh zu weiden. Ein glücklicher Spezialist wie Pasteur starb als braver Katholik, weil Wissenschaft und Religion zwei ganz getrennte Gebiete seien; das spricht Bände für die geistige Unreife solcher Materieexperten. Da scheint die Haltung Darwins, Haeckels usw. achtungswerter, weil sie wenigstens mutig sich zu ihrer Göttin der Vernunft bekannten, denn wer sich nur mit Materie befaßt, darf auch nur an Materie glauben. Den wenigen Naturforschern, denen gerade ihr Forschen den Ausblick ins Transzendente öffnete, sei Preis und Ehre, doch überzeugte Deisten sind keine Kirchenchristen, ein Gelehrter, der katholische Sterbesakramente empfängt, bezeugt nur seine Ungelehrsamkeit in allem Hochgeistigen und die Richtigkeit von Chamberlains Urteil, daß der mittelmäßigste Mensch heut ein berühmter Spezialist werden könne. Verbannte doch selbst Descartes gleichsam Gott auf den Isolierschemel einer unbewohnten Wüste analytischer Geometrie! Wenn E. v. Mayer ihn sinnlos »Mönch« schimpft, so war seine »Methode« jedenfalls nicht radikal genug für heutige Materialisten, weil seine weise Zurückhaltung die Unmöglichkeit von Nur-Mathematik erkannte. Den ethisch überlegenen Pascal führte Mathematik aus fanatischer Frömmelei zu einer Mystik, deren katholischer Anhauch den erstrebten Horizont umnebelte. Beide Begründer der hohen Mathematik beweisen nur, daß kalte Nüchternheit der Zahlenrechnung einer reinen Erkenntnisfreiheit widerstrebt und in Halbheit ideologischer Mechanik oder mechanischer Ideologie steckenbleibt. Doch diese schemenhafte Schematik hat wenigstens das Gute, Unendlichkeit des Geschehens vorauszusetzen, wie es im All nicht anders sein kann. Demgegenüber heischt die Eindeutigkeit der experimentellen Physik Unterordnung der ihr so nötigen Mathematik unter sogenannte Wirklichkeit. Unterscheidung beider Disziplinen in »konditioneil« und »kausal« (Gehrke) erscheint müßig. Mathematik verlegt das Kausale in Logik der Denkschlüsse, Physik aber müßte konditionell arbeiten, wenn sie logisch dächte und nicht Kausalität mit äußerlicher Empirie verwechselte. Sobald sie nur strenge Beobachtung des Sichtbaren will, müßte sie alle kombinierten Naturgesetze fallen lassen, die als bloße Vernunftschlüsse nur konditionell sein können. Das tut sie aber wohlweislich nicht, weil sonst ihr Experimentieren in lauter Mosaik auseinander fiele, das man nur künstlich zusammensetzen kann und das gleichfalls nur konditioneile Bedeutung hätte. Was die Physik kausal nennt, geht aus Voraussetzung bindender Naturgesetze hervor. Diese Prämissen als Gegebenes, Unbedingtes vorschützen und in Rechnung setzen, vergewaltigt den reinen Kausalbegriff. Das Unsichtbare als unwirklich ausschalten und dennoch mit unsichtbaren Gesetzen hantieren müssen, so blamiert der Realismus sich selbst.

»Exakte« Wissenschaft kam gerade durch willkürliche Selbstherrlichkeit rein spekulativer Hypothesen zustande. Über der höheren Mathematik prangt, wie schon erwähnt, Descartes' ungeheuerliche Prämisse: »Ich nehme an, daß alles Gesuchte schon gefunden sei« und Kopernikus nannte bescheiden seine Heliozentrik nur »eine mögliche Hypothese«. Wenn das schwindelnd hohe Logarithmengebäude sich ins All projiziert und die Astronomie daran hinaufklettert, so scheint die Übereinstimmung der Berechnung mit planetarischen Vorgängen ein viel größeres Wunder als die verpönte Astrologie. Denn kosmische Einflüsse (Mond auf Ebbe und Flut) sind etwas Gegebenes und Gestirnbestrahlung kann im Augenblick, wo ein Wesen »das Licht der Welt erblickt«, recht wohl ein Medium der Vorbestimmung sein. Nur denkfaulem Materialismus scheint dies undenkbar, zumal die von jedermann einzusehenden Ephemeridentafeln (vgl. Trent »Die Seele und die Sterne«) die gesetzmäßige Übereinstimmung der Horoskope zu beweisen scheinen. Der kindische Abscheu aller Materieanbeter vor »Mystik« leugnet also plötzlich die Naturmacht, ihnen dünkt alles supernaturell, was nicht auf plumpste Mechanik hinausläuft, als ob Planetenstrahlung nicht gerade so mechano-dynamisch verfahren könnte wie beliebige X-Strahlen. Dagegen müßten alle, die sich als Sklaven der Materie proklamieren, über das Märchen lachen, daß gelehrte Rechenexempel mit unbekannten Größen glatt aufgehen und »der Natur Gesetze vorschreiben«, wie Kant sich lustig ausdrückt: Man müsse den Weltstoff »so annehmen wie er sein muß, wenn wir von ihm durch Erfahrung belehrt sein wollen«. Dieser Rattenkönig geistiger Vergewaltigungen enthält das Eingeständnis, daß »Vernunft und Wissenschaft« nur ein Zauberstück des Subjektivismus aufführen, der will, daß die Welt sein muß, wie es seinem Bedürfnis paßt. Es erschüttert das Zwerchfell, wenn der Materialismus jeden Okkultismus als widersinnig verfolgt, selbst aber in widersinnig Okkultes verfällt. Er schwört auf das an sich (wie Chamberlain zugibt) abstruse Gravitationsgesetz und höhere Mathematik, weil Erfahrung ihr recht zu geben scheint, die nämliche Erfahrung, deren objektive Unhaltbarkeit klar vor Augen steht. Die Pseudo Wissenschaft entbehrt jener Skepsis, die der Allzermalmer Hune auf jeden Glauben anwendete, doch bezeichnenderweise nur vor der »Metempsychose«, d. h. dem Wiedergeburts- und Karmagesetz haltmachte, weil dies logisch unwiderlegbar eine gewisse Wahrscheinlichkeit in sich trage. Was aber der Materialist wörtlich nimmt, hat vielleicht Kants obige Formulierung ahnungsvoll viel tiefer fassen wollen? Denn solche scheinbare Übereinstimmung der Dinge mit hypothetischen Ideen ist nur möglich durch innere Einheit des Geschauten mit dem Schauenden, wodurch die »Natur« das Vernunftdenken gleichsam willig entgegennimmt und das unbewußt Schöpferische der Ideen mit der allgemeinen Weltseele zusammenfällt, indem Gott im Sinne der Mystiker des Menschen gleichsam an sich zieht.

Und siehe da, schon anerkennen die Briten bereitwülig mit bewundernswertem Freimut, daß ein deutscher Hunne ihren Naturgesetzpapst entthront: Einstein kontra Newton behält recht, wie Lodge obenan offen erklärt. Einsteins Relativitätstheorie stößt Grundbegriffe mathematischer Anschauung um und empirische Prüfung gibt ihm Gewährleistung seiner theoretischen Entdeckung. Aber schien dies früher nicht ebenso bei Newtons Hypothesen? Statt also zu schreien: Eureka, jetzt fanden wir die Wahrheit, sollte man sich bescheiden: jede Korrektur eines gültig scheinenden »Naturgesetzes« beweist nur immer wieder das Relative, keineswegs das Absolute. Unter höherer Bestrahlung des Naturschauens haben Einstein und Newton alle beide recht, beiden kommt das sichtbare All wohlwollend entgegen und paßt sich ihnen scheinbar an. Denn es scheint ein metaphysisches Allgesetz, daß die menschliche Vernunft, solange sie im Verstandesbewußtsein ohne innere »Schauung« des Subliminalen verharrt, stets die Erscheinungen der Natur so findet, wie sie es wünscht und es ihr zuträglich ist. Natürlich nur, weil sie wirklich Erscheinungen widerspiegelt, die sich in unendlich verschiedener Form mal so mal so dem Forscher vorstellen. Daß sie alle innerlich eins und das Nämliche, daß ihr Wesen jenseits jeder Verstandeswahrnehmung liegt, daß dem Objekt gegenüber immer nur Ignorabinus gilt, solange man mit Verstandeswerkzeugen arbeitet, daß innerhalb der Bewußtseinsmaterie stets nur Erscheinungsspiegelungen bemerkbar werden und jede Betastung des wahren Objekts sich ausschließt, das stempelt jede Verstandeswissenschaft zu anthropomorphischem Kinderspiel, das sich am eigenen Subjektivismus ergötzt. Man entrüstete sich einst über Swifts Gelehrtenrepublik von Laputa, doch seine Weltsatire des »Gulliver« erweist sich dauerhafter als Dekrete der Royal Society, freies Schauen dichterischer Symbolik wahrhafter, als Einbildung des Rechenverstandes.

Einstein fußte hauptsächlich auf Mißlingen des Michelsonschen Versuchs, Raumachsen eines Lichtäthers zu ermitteln, doch gerade Michelson verwahrt sich gegen ihn noch stärker als Starck und Denard, der die neue Atomlehre von Rutherford und Bohr weiterführte. Hiernach bildet das vorgestellte Atom ein Sonnensystem für sich, um das Elektronen in elliptischen Bahnen kreisen, positiv und negativ, radioaktiv umwandelbar wie Radium in Blei, Quecksilber in Gold. Konstanz im Makround Mikrokosmos wird aufgehoben, Gravitation ein elektromagnetischer Vorgang, wobei die Masse ebensoviel Energie erhält wie abführt. Durch Elektronen sind wir dem ewigen Licht verbunden, doch wenn so ewige Versorgung mit Wärme gewährleistet, warum durchreißen Erdzertrümmerungen und Kometen die stabile Konstanz? Da muß was in Unordnung sein, krankt das Lebewesen Erde an Stauung schlechter Säfte, tritt ihm Gehässigkeit seiner Bewohner in die Galle, so daß Astraldruck Störung der Schwerkraft hervorruft? Warum zieht man nicht den todbringenden Schluß, daß Verallgemeinern einseitiger Beobachtungen unnatürlich und Naturgesetze so relativ sind wie Einsteins eigene Theorie?

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