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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 51
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III

Auch der englische Neospiritismus erweckt Mißtrauen, sobald er von Theologen ausgeht wie dem Reverend Owen in vielen Nummern des Weekley Despatch 1920. Hier erhalten wir wieder Jesus als Alleinherrn der Geisterwelt, als ob ein Buddhist so etwas mitmachen würde. Andererseits wird die von Wilberforce verpönte Hölle als »Land der Finsternis« ausgemalt. Warum besuchen Spirits nicht geschulte Denker, die sich nicht nach dem Herrn Jesus, sondern nach dem lebendigen Gott erkundigen? Und wenn ihm sein gefallener Sohn eine Reisebeschreibung des Jenseits lieferte, erwies sich Lodge früher in »Man and Universe« solcher Bevorzugung würdig? Vorsichtige Weltklugheit möchte hier voll unebener unbeholfener Schiefheit die Theologie mit jener Wissenschaft versöhnen, die er »orthodox«, d. h. unbelehrbar nennt. Beide bauten Halbwahres zu Systemen der Unwahrheit aus, wo der Buchstabe tötet und nie der Geist lebendig macht, Kompromiß zwischen ihnen kann nur die Wahrheit verschleiern. Weil Lodge sich noch mit Hirngespinsten progressiver Evolution herumschlägt, fühlt er »den Affen und Tiger in uns aussterben«! O si tacuisses, Sancta Simplicitas! hat ihn der Weltkrieg belehrt? Ei ei, da stimmte er ja selber ins Geheul der Affen und Tiger ein! Sein Evolutionswahn setzt sich in Selbstwiderspruch: Wissenschaft wisse rein nichts vom »letzten Ursprung« der Spezies, die günstigen Variationen zur Evolution seien höchstens durch » künstliche Selektion« zu erklären, also ein Unding. Blinder Zufall könne nicht lauter Günstiges gestattet haben, kein Überleben im Kampf ums Dasein könne Weisheit von Biene und Biber oder Genie erzeugen, Shakespeare entstehe nicht durch Anpassung an Daseinsmethoden. Gut! Da aber Gottes Methoden sich unserem Urteil entziehen, so können weder Wissenschaft noch Theologie etwas über Evolution aussagen. Beide lehnen Entwicklung über den Menschen hinaus ab, als ob ein Naturgesetz aussetzen und stillstehen könnte, man träumt gar den Menschen als nächste Stufe zu Gott! Dagegen erachtet Lodge die Folgerung höherer Lebensformen, sei es als Geisterkorps, sei es auf andern Planeten, mit Recht als allein logisch.

Dies und anderes ist nichts Neues und Besonderes, nur ein paarmal hat er Geistesblitze, die er nicht scharf genug leuchten läßt. Vergrößerung sei zugleich Veränderung: aus dem Wassertropfen kann sich Newton Umfang und Wesen des Ozeans konstruieren, nicht aber Brandung, Ebbe, Flut, Sturm. Erst durch Vergrößerung erhalte die Erde ihre Atmosphäre und hierdurch organisches Leben, die Sonne ihre planetenwärmende Energie. Also dürfen wir Gott als ungeheure Vermehrung unserer eigenen Psyche denken, doch gerade seine unmeßbare Größe verleiht ihm bestimmte neue Attribute, von deren unheimlicher Erhabenheit unsere Kleinheit keine Vorstellung hat. Ferner: Wir wissen nicht, was für uns »Wunder« bedeutet. Denn spürt man die Erdschwingung, deren furchtbare Eile in jeder Minute uns fortreißt? Während die Wissenschaft nach soliden Unterlagen sucht, ermöglicht gerade immaterielle Basislosigkeit das Bestehen der Erde, deren unablässiges Raumdurchkreuzen jeden Augenblick durch Kollision sie vernichten könnte. Daß sie unangefochten und dabei stets unter Sonnenbestrahlung bleibt, ist ein ungeheuerliches Wunder, dessen vorbestimmte Notwendigkeit nur auf supranaturelle Leitung verweist. Biblische Wunder, heute als Hypnose oder sonstwie kommentiert (in Corellis »Zwei Welten« wandelt Jesus auf dem See durch akkumulierte elektrische Kraft), sind daneben so unbedeutend, daß es nicht darauf ankommt, ob man auch die sichtbare Himmelfahrt wörtlich glaubt. Man muß sich bescheiden und Ausdrücke besser wählen. »Auferstehung der Toten«? Was starb, nämlich Zusammenfügung von Erdatomen, aufersteht nicht; was aufersteht, starb nie. Jedenfalls, wie Lodge zugibt, behält Psychoenergie ewig die ihr natürliche Fähigkeit, sich eine Hülle zu schaffen, daher als Astralkörper zu manifestieren. Das Reichenbachsche Od, wie wir ergänzen, eine auf die Nerven reagierende Kraft, die wohl mit Erdmagnetismus in Beziehung steht, bildet eine Aura um den Menschen, durchdringt die Materie mit gewissen Wellen. Diese Strahlenemanation, zu der wohl auch die Radioaktivität gehört, beeinflußt möglichenfalls das »Tischrücken« und jede Fernwirkung. Nur Aura spiritueller Kräfte sei der Körper, behauptet Stevensens Jeckyl. Übersinnliches ragt stets in Physikalisches hinein, kein physisches, wo kein metaphysisches Gesetz.

Wohl sind wir über die Zeit hinaus, wo Feuerbach dekretierte, Psychologie sei nur ein Kapitel der Physiologie. Doch mit Wundts Dualismus befreunden wir uns nicht, da er sich hütet, einen beherzten Strich unter sämtliche mechanistischen Lebensauffassungen zu setzen. Gerade der wahre Transzendentalist denkt monistisch, indem er Körperliches nicht als Parallele, sondern subordinierte Erscheinung der Spiritmagie erkennt. Daher bleibt auch der »Klarismus« unklar, den E. v. Kupfer als »Urzweiheit« aufstellt, Gottes Klarwelt und des »Naturchaos Wirrwelt«. Dies wirre Chaos besteht ja gar nicht, und daß Organisches das Primäre und Unorganisches nur dessen Schlacke sei, ist zwar eine Absage an die Evolutionsphrase, aber die »Eigenwesen« als Träger alles Werdens einsetzen, dem Individuellen selbstgestaltende Umarbeitung der Materie zusprechen ist nur eine andere Wendung von »Welt als Wille und Vorstellung«. Das führt dazu, auch die Unwirklichkeit der Zeit zu bestreiten und einen freien Willen als Gebieter vorzuschützen, denn Kausalität sei nur Summe von Vorwirkungen, bei denen jedes Eigenwesen freihandelnd mitschaffe mit einem »Rhythmus«, dessen Wirkung das zweite Gesicht vorausberechnen könne! Doch wer außer verbohrten Materieanhängern hielt denn je Kausalität für reine Mechanik ohne Einwirkung von Psychodynamik, deren Rhythmus aber kausal und Befreiung des Wülens unmöglich ist, jeder Entschluß von Eigenwesen schon selber determiniert. Auch wollte Kant den Zeitbegriff ja nicht empirisch antasten, da man sich den allem Denken nötigen Kausalnexus nur als zeitliches Nacheinander vorstellen kann. Vor dem höchsten Denken, wie es weder Kant noch Buddha allseitig vertraten, sind allerdings Sein und Werden, Ruhe und Bewegung eins, wodurch Kausalität, Zeit, Raum von selber aufhören. Doch innerhalb des Materiescheins bleiben diese Illusionen für uns empirisch wahr. Selbst hier gibt es nicht unterschiedliche Zweiheit, denn Eigenwesen sind in gleichem Grade Illusionen wie Zeit, Raum, Kausalität, innerhalb welcher sie ja allein Wirksamkeit besitzen. Wohl differenziert sich das Weltreich in zahllose individuelle Vielheiten, diese stellen aber die Welteinheit so dar, wie Atome und Zellen ein einheitliches Individuum. Wer Zeitlosigkeit nicht anerkennt, müßte dann auch bloß zeitliche Energie annehmen. Doch solcher Halbmaterialismus zieht geradezu wilde Mystik mit den Haaren herbei, wenn er unliebsamen Phänomenen begegnet. So erklärt Bohne den Geisterspuk für restierenden Niederschlag potenzieller Energien, die selbständig weiter rumoren und bei großer Anhäufung sogar Völkerkatastrophen herbeiführen! Spukende Energie, losgelöst von jedem materiellen Beisatz, heißt die Selbständigkeit des Immateriellen auf die Spitze treiben als unfreiwillige Selbstzerstörung der Mechanik! So wird dem Psychischen als Weltspuk gehuldigt, bloß um die Psyche selber wegzuschaffen! Schlauere Materiesophisten fürchten eben Verworns treuherzige »Mechanik des Geisteslebens« als gefährliche Entgleisung, denn es mißlingt ja immer, Hirn und »Seele« als identisch in Einklang zu bringen. Prüfung von Rinde und Ganglienzellen als Telephonapparate neben Fibrillen als Drähten läßt kein mechanisches Zusammenspiel zu, erst unfindbare Um- und Einschalter, Bearbeiter und Benutzer – beides in einer Person – geben die Möglichkeit. Bei soviel Absicht und Zweckmäßigkeit fällt Gehirnautomatik in sich zusammen. Ist dieser Telephonleiter nur ein Bauchredner des Unbewußten? Oder ist's Schopenhauers blinder Naturwille, im Grunde kein Wille, sondern animalischer Drang?

Dieser kommt sich bei Nietzsche plötzlich autonom vor, sein eigener Gesetzgeber gegen jeden außer und über ihm stehenden Willen. Alles wüste Romantik. Blinder Naturwille kann sich weder bejahen noch verneinen, d.h. durchschauen, kein Blinder die schärfsten Augen haben. Wie belustigt ein sich selbst freibejahender Wille, mit dem Nietzsche sich zum Gotte träumte, denn dieser unmoralische sieht dem moralisch freien Willen der Theologen so ähnlich! Nietzsche selbst war gänzlich unfrei determiniert, reine Kausalerscheinung des Milieu, das gebieterisch solch kreischende Diesseitsorientierung verlangte. Erkenntnisbejahung kann nie Lebensbejahung des Ichwillens sein, wenn die von Nietzsche so hoch gelobte intellektuelle Sauberkeit bestehen soll. Denn Diesseitserkenntnis gibt es überhaupt nicht, da es weder isoliertes Diesseits ohne ergänzendes Jenseits noch Eigenwillen ohne Kausalbeschränkung geben kann. Man kennt nicht alle Logarithmen bloß durch den pythagoräischen Lehrsatz, freilich auch nicht erstere ohne letzteren. Stirners »Ich habe meine Sach auf nichts gestellt« hat einen gewissen Sinn, keinen aber das Versteifen auf ein kurzlebiges Etwas von Gegenwartskunde, dessen ohnmächtiger Schein nie von Allem zu trennen ist. Ein auf sich Gestelltes würde zu seiner Betätigung immer einer Umwelt bedürfen. Nietzsches Anarchismus widersetzt sich gleichmäßig dem Deismus, Pantheismus, Mechanismus, romantikt eine schwarze Magie des bösen Willens, der sich wie ein Besessener allmächtig dünkt, weil ihn karmamäßig zubestimmte Gehirnsyphilis reizte. Auch selbstbestimmender »Klarismus« und Wilberfordes göttliche Immanenzerklärung beeinträchtigen die herbe Demut, ohne welche das allein mögliche Erkennen, nämlich das Intuitive, sich nicht hernieder senkt.

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