Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Bleibtreu >

Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typetractate
authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
year
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081210
projectideb82d75e
Schließen

Navigation:

IV

Ebbinghaus' »Abriß der Psychologie« (1914) kann weder Entstehen einer Vernunftidee erklären, noch »Eigenart« als Selbsterhaltungstrieb ausschöpfen. Als ob nicht umgekehrt das stolze Behaupten der Persönlichkeit die äußere Selbsterhaltung im Lebenskampf gefährdete! Methodische Einschachtelung in Allgemeinheiten entwurzelt nicht die Herrschaft des Individuellen bei ganz verschiedenem Reagieren auf Materieeindrücke, während bei sinnlicher Mechanik alle Eindrücke gleichmäßig wirken müßten. Wir könnten eine Reihe grundlegender Tatsachen anführen, wonach das Leben in der Psyche eine Korrektur besitzt, um sowohl der Lust als der Unlust äußerer Reibung zu widerstehen. Schält man das moderne Psychologiegerede klar heraus, so sei alles, was Ethik heißt, nur Gemeinsinn, verhüllt durch einen aus Gewohnheit vererbten Selbstzwang, der sich einbildet, aus eigenem Antrieb sittlich zu handeln? Kants abstruser kategorischer Imperativ wäre somit, wenn wir dies nachdeuten, praktischer Niederschlag der Gemeinbürgschaft, unbewußt ihres Zwecks: Erhaltung der Art? Solche Phraseologie vergißt, daß das Ich nur auf Erhaltung seiner selbst, nicht der Art bedacht bleibt, daß der Durchschnittsmensch die Zweckmäßigkeit des Gemeinsinns heimlich nicht anerkennt. Ein aus Gewohnheit vererbter Selbstzwang zum Sittlichen als Vorschule des Gemeinsinns ist eine Fiktion, nur das Ungewohnte und gar nicht Vererbbare steigt als höherer »Manas«, wie der Inder unterscheidet, aus dem Unbewußten empor und zwingt zu altruistischer Selbstaufopferung in vereinzelten Exemplaren, was nur durch Karmalehre verständlich und mit irgendwelcher Mechanistik unvereinbar ist.

Adlers Psychoanalyse, man gleiche Minderwertigkeit in einer durch Mehrwertigkeit an anderer Stelle aus, beutet Wirtz in einer Rundfrageschrift über Krüppel (1919) aus: »Gilt vom verwachsenen Michel Angelo dies Gesetz des Ausgleichs?« Da 99% der Genialen nicht verwachsen und 99% der Krüppel nicht hervorragend begabt sind, auch ethisch Ersatz von Häßlichkeit durch Seelenschönheit nur selten zutrifft, so entspricht dies der köstlichen Logik: weil einige Genies Abnormitäten zeigten, drum sind alle Normwidrigen Genies. Siehe auch die oberflächliche vorschnelle Übertreibung »Genie und Wahnsinn«, deren sich Lombroso, der als Spiritist endete, später selbst geschämt haben muß, denn der Prozentsatz wirklich »verrückt« gewordener Genies ist abnorm gering. Wir könnten dies ganze Thema durch reiche Erörterung zergliedern, haben aber hier nicht Anlaß zu solchen Aufzählungen und betonen nur kurz, daß Byrons besondere Verbitterung (Klumpfuß bei apollohafter Schönheit, ein ganz abnormer Fall) weder seinen Edelsinn und Heldenmut schmälerte, noch seine echt englisch-nationale Weltschmerzpoesie wirklich beeinflußte. Alle seelischen Eigenschaften sind völlig unabhängig von Umständen der Materie. Angeborene Gutheit wird angemessen handeln auch ohne religiöse Vorschrift oder Pflichtimperative, doch selbst Zweckmäßigkeitspolitik kann Selbstsucht nicht zu Gemeinsinn erziehen, wie halsstarrige Unbelehrbarkeit von Kapitalisten und Arbeitern gleichmäßig lehrt. Gerade Altruismus, die höchste Blüte »guter Gesinnung«, als deren ursprüngliche Grundlage aufzufassen, zu solcher Verschrobenheit versteigt sich diese weltfremde Psychologie im heißen Bemühen, Ethik rationalistisch auszudeuten! Ähnlich impfte Demagoge Eisner den dummen Massen das Gift ein, jeder Mensch werde als Genie geboren! Mit solchem ekelhaften Blödsinn sucht man die jeder Biologie im Wege stehende Ungleichheit aus der Welt zu schaffen. Der Streit, ob erworbene Eigenschaften vererbbar oder nicht, verrät die innere Unsicherheit, denn erkenntnistheoretisch besteht überhaupt keine Verschiedenheit von Vererbtem und Erworbenem, da alles, was Eigenart kennzeichnet, nur »erworben« sein kann durch Karmafügung. Selbst Spezialanlage eines bestimmten Berufstrebens durch erworbene Familienanpassung vererbt sich äußerst selten. Darwins Großvater und die drei Maler Vernet dürften wohl das einzige bekannte Beispiel sein. Genie vollends vererbt sich weder, noch wird es geerbt. Keiner wird je ergründen, wie Napoleon, Cromwell, Byron, Leonardo oder Proletarier wie Luther, Fichte, Kant, Petöfi, Burns, Faraday, Keats, Dickens aus so unbedeutender Abstammung unvermittelt hervorgingen. So steht es bei allen Bedeutenden.

Frau Rat gebar nicht den Faust, der schlaue Philipp und die wüste Olympias produzierten gewiß nicht die poetische Genieromantik Alexanders. Der Gründer des Preußentums bot den schreiendsten Gegensatz zu seinem elenden Papa und der schöngeistigen Mama, seine Tochter Wilhelmine malt ihn in ihrer Menagerie fürstlicher Paviane und Meerschweinchen nur als höheren Gorilla, und wenn sie einseitig übertreibt, so stimmt Treitschkes Verhimmelung des rasenden Staats- und Haustyrannen gewiß nicht zum hysterisch-pathologischen Temperament dieses ins Deutschpedantische übersetzten Peter der Große, dem die versöhnenden Züge des seltsamen russischen Gewaltmenschen mangeln. Was außer zwangsweiser Anpassung an das überkommene Staatsmilieu Friedrich der Große von ihm und der intriganten eitlen Mutter geerbt haben soll, wissen die Götter. Auch hilft hier der beliebte Biologensprung nach rückwärts zu Großmutter und Urgroßvater nichts, denn hier könnten allenfalls Ansätze geistiger Struktur übertragen sein, nie und nimmer aber ihre Verarbeitung zu einer völlig verschiedenen Eigenart von unermeßlich höherem Umfang. Dagegen waltet freilich bei seinen und Napoleons Geschwistern anscheinend die natürliche Vererbung, was den Geniefall erst recht unerklärlich macht, und Jesus weist Eltern und Brüder ab: »Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?« Der heilige Geist senkt sich plötzlich auf ein Ich ganz außer der Reihenfolge seines Geschlechts. Kaiser Titus war Sohn und Bruder schlechter Menschen. Die unzähligen »übernatürlichen Phänomene« im genialen Menschen seit Sokrates' Dämon, der so sein Unbewußtes personifizierte, sind so verbürgt, daß der Astronom Herschel, dem wir auch ein religiöses Gedicht von tiefherzlicher Selbsterlebtheit verdanken, aussagte: »In unserem eigenen Organismus arbeitet eine Intelligenz, verschieden von derjenigen unserer sonstigen Persönlichkeit.« Auch die plötzlichen Bekehrungen, die »Metanoia« des alten Adam, die scheinbare Umkehr des innersten Menschen aus dem Unbewußten heraus, sind spontane inkommensurable Größen, die weder mit Zweckmäßigkeit noch vorher unhörbaren Imperativen, sondern nur durch das Karmagesetz erklärt werden können als Erwachen einer präexistenten Kausalität. Wie unbedeutende und schlechte Eltern oft bedeutende und gute Kinder haben, so können bedeutende und gute Eltern oft unbedeutende und schlechte Kinder haben, was bei Identität vom Physischen und Psychischen unmöglich wäre. Die psychischen Eindrücke der Schwangerschaft können jede natürliche Vererbung selbst im zoologischen Sinne umstoßen, z.B. ein schönes Gesicht von häßlichen Eltern stammen, wenn die Schwangere fortwährend inbrünstig einen Apollo anschaute. Umgekehrt wirken ungünstige seelische Einflüsse: häßliche Kinder schöner Eltern. Selbst jene Hypnose, die eine Masse selbstsüchtiger Einzelner gegenseitig mit Opfermut für Religion, Vaterland, Befreiung ansteckt, beweist die Übermacht der »Ideen«. Das ästhetische Bedürfnis, wahrscheinlich Urgrund des sittlich Schönen, wie denn Plato »schön und gut« zu einem einzigen Doppelwort verband, steht als begehrungslose Freude ohne jede Beziehung zum materiell Zweckmäßigen, hiermit aber außerhalb sinnlicher Mechanik. Wunschloses Anschauen der Welt in ästhetischem und sittlichem Gefühl läßt sich als Ideenbildung nur mit Einwirkung der Äther-Weltvernunft zusammenreimen, nie mit gleichmäßiger Zweckmäßigkeitsmechanik zur »Erhaltung der Art«. Denn jeder Idealismus beeinträchtigt die Erhaltung des Ich und damit der Art im ordinären Kampf ums Dasein. Allerdings nur scheinbar, denn der Idealismus züchtet eine höhere Art neben den ihm völlig ungleichen Vielzuvielen. Wie aber dies Züchten im vollsten Widerspruch zur Materie möglich sei, vor dieser Problemstellung muß selbst der denkunfähigste Materialismus die Waffen strecken.

Im Grunde beruht er wie der gegenstandslos gewordene kirchliche Aberglaube auf Personenglauben, indem er die Materie wie eine konkrete Person unterschiebt. Indessen ist sie so wenig konkret wie das Ich, sondern nur ein abstrakter Schulbegriff für das sinnlich Wahrnehmbare, so verschwommen und trügerisch, daß es sich durch nichts beweisen läßt als wieder durch sinnliche Eindrücke. Helmholtz sagt einmal: Wenn er sich an den Tisch stoße, so sei diese Materie doch da und nicht wegzudisputieren. Aber nichts ist an und für sich da als der subjektive Eindruck auf die menschliche Haut, und die Immunität des Fakirs gegen viel gefährlichere schmerzhafte Angriffe lehrt genügend die Unzuverlässigkeit der Empfindung. Denn wenn ein Zustand möglich ist, wo die sonst erfahrungsmäßigen Bedingungen aufgehoben werden, so zeigt das materielle Fühlen ein Janusgesicht, das sich nicht unter einen Hut bringen läßt. Ob also die Kirche einen persönlichen Gott oder die Naturforschung die persönlich empfundenen Naturphänomene anbetet, so bleibt beides gleich anthropomorphische Einbildung. Ob die »Natur« nichts als subjektiver Schein oder halbe Wirklichkeit sei, keinenfalls kann sie mehr als relativ sein, gerade weil wir sie nur sinnlich wahrnehmen und doch das Unvorstellbare zu erkennen glauben. Denn Materie als Allgemeinbegriff ist gerade so sinnlich unvorstellbar wie das Transzendentale, der Physiker also ein ähnlicher Charlatan wie der Theologe, sobald beide etwas sinnlich Vorgestelltes mit naiver Gewißheit als positiv »offenbart« unterschieben. Wer verderblicher, Wissenschaftspfaffen oder Priester, läßt sich kaum entscheiden, beide sind Früchte vom gleichen giftigen Upasbaum der Verblendung. Nur wer ihm den Rücken wendet, wird Byrons Vers »der Baum der Erkenntnis ist nicht der des Lebens« umprägen: wahre Erkenntnis ist das ewige Leben.

Descartes' »Ich denke, daher bin ich«, heißt ebenso klar: Ich bin, daher denke ich. (Sein und Denken sind das nämliche, selbst die Pflanze denkt: je höher das Denken, desto höher das Sein.) Schon er erkannte, daß Bewegung und Ruhe nur Zustände, nicht Gegensätze sind, Licht nur Ausstrahlung unwägbarer Substanz, Sehkraft in Gehirnmolekülen verlegt. Ja, natürlich! Jedes auf wahres Naturschauen eingestellte Auge schaut immer nur Einheit: Von Bewegung mit Ruhe, von Licht mit Äther, von Auge mit Licht, von äußerem Augennerv und äußerem Licht mit innerem Gehirnlicht! Die Ameise aber denkt nicht mit einem Hirn, sondern einem Klümpchen Rückenmark, die Insekten haben mehrseitige Augen, sehen also Welt und Farben anders als das angeblich mit einem Streifen Farbensubstanz ausgestattete Menschenauge, dem Papagei lösen nicht Brocasche Windungen die Zunge, obschon es sich auch bei ihm lediglich um Gehirnvorgang handelt. Das Pferd mit seinem großzügig konstruierten Hirn scheint einen sechsten Sinn zu besitzen, der vor uns unsichtbaren Dingen »scheut«. Anatomie menschlicher Gehirnfunktionen ist daher denkerisch zwecklos, weil die Psyche höherer Tiere auf anderer Basis beruht und die nämliche Allvernunft sich ihnen in anderer Weise mitteilt. Sie als »Automaten« zu betrachten wie Descartes oder sie mit dem fiktiven Begriff »Instinkt« abzuspeisen ist Rückständigkeit, übrigens auch ein Schlag ins Gesicht monistischer Erkenntnis.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.