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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 49
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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12. Gehirn- und wahre Psychophysiologie.

I

Trotz ungebildetem Schimpfen auf die 6 Schöpfungs tage (6 siderische Perioden) entnimmt der gebildete eingebildete Evolutionist als konterevolutionärer Degenerierter der Sumerer, die schon so früh ihre hohe Geistesstufe erklommen, befriedigt ihren Bibeltext, daß die Lebewesen nacheinander entstanden mit dem Menschenhirn als Krone. So war es indessen nicht gemeint, wie schon daraus ersichtlich, daß Adam vor Eva geschaffen, d. h. vor dem Ei, aus dem jede animalische Welt entsteht: Symbolisch für Geschlechtlosigkeit des »himmlischen« Menschen, dem Gott seinen Odem einblies, ohne für diesen »höheren Manas« einen Hirnapparat zu bemühen! Wenn sich zur Blamage von Agassiz und Cuvier, der noch 1830 fossile Menschen und Affen bestritt, Reptile neben dem Fisch, dann Vögel neben dem Reptil, Menschen im Obertertiär als Zeitgenossen von Sauriern und Beuteltier fanden, also die angeblich streng geschiedenen Perioden bunt durcheinander liefen, so arbeitete doch das Hirn stets gleich. Jedenfalls blieb der Mensch allzeit ein für sich bestehendes konstantes Gebilde, den bis heute in sinnlicher Notdurft vegetierenden Alltagsmenschen fehlten auch gleich zu Anfang nicht die Genialen, die als Grundleger aller Kulturerfordernisse sich mit den Größten späterer Zeitalter messen dürfen. Auf diese scheinen Theologie wie Atheismus sich zu berufen, indem sie unbewußt noch am ptolemäischen System kleben mit der Menschenerde als Kern des Alls, wo sich entweder ein besonderer »Erlöser« für alle Planeten aufpflanzt oder sonstwie der glorreiche Mensch als Archimedes den großen Gott des Lebens-im-All aus den Angeln hebt. Solche Verschrobenheit hätten die Urweisen wohl nicht für möglich gehalten.

Aberglaube hieß einst Kirche, heut Wissenschaft, jeder Glaube wird Aberglaube, sobald er geahnte Möglichkeit zu sicherer Formalität aufplustert. Goethe meint, der tiefste Gegenstand der Geschichte sei Kampf zwischen Glaube und Unglaube. Doch Glaube an was? Ohne programmatischen Zusatz hat der Konflikt keine Bedeutung. Der englische Dechant Stoughton bekennt in »Einleitung zur historischen Theologie«, sie sei etwas anderes als Religion! So lange man nur den Dogmen einen Guerillakrieg machte, zuletzt mit Minen und Flammenwerfern, blieb der Wissenschaftssieg nur ein Vorpostengefecht. Man schlug sich gegen die Jesuiten, nicht gegen Gott, Locke und Voltaire blieben überzeugte Deisten, selbst Renan und Strauß begnügten sich süßsauer mit blinzelndem Augenzwinkern, den großen Bruch und Abfall vom Unsichtbaren vollzog man erst unter Darwins Devise. Nach so leichtem Triumph über allzu Sichtbares der Götzenkirchen schleuderte man Gasgranaten ins Unsichtbare. Diese verflüchtigten sich ziellos: weil sie auf nichts Greifbares prallten, so gibt es dort nur Nichts? Die Geschosse hinterließen einen übeln Gestank von Geistlosigkeit: weil diese Fehdebriefe, »die ihn nicht erreichten«, ihren Beruf verfehlten, darum sind nicht sie anrüchig, sondern das Nichtsein Gottes? Weil der Professor geistlos ist, gibt's keinen Weltgeist? Solche Schuljungenlogik äfft die Kirchenmethode nach: Jene behauptet ein für sie passendes Unsichtbares beweislos, diese wirft beweislos ein ihr nicht passendes Transzendentes weg, weil es sich ihr nicht sichtbar vorstellen will. Mit dummen Hypothesen eine große Wahrscheinlichkeit oder mit schlauen Hypothesen eine noch größere Unwahrscheinlichkeit verfechten – wer hier unwissenschaftlicher oder verderblicher, Priester oder Professor, bleibt eine wahrhaft akademische Doktorfrage!

Oft grausam enttäuscht und unruhig geworden, glättet Rationalismus wieder griesgrämige Falten und nimmt wieder einen sanguinischen Anlauf, indem er sich heiter auf Hygiene wirft wie in des Amerikaners Fisher »Making life worth while« 1910. Darüber ließe sich viel Erheiterndes sagen. Schon der unglückliche Georg Förster trug eine dilettantische Ernährungstheorie vor, Buckle baute sie salbungsvoll weiter aus; doch obwohl wir mit Fisher ganz übereinstimmen, in falscher Ernährung das Grundübel für bisheriges Versagen sonstiger hygienischer »Fortschritte« zu suchen, widersprechen unwiderlegliche Tatsachen dem vegetarisch-antialkoholischen Fanatismus. Diesem huldigt Fisher nicht einmal, sondern wirft seinen Haupthaß auf die unmäßige Proteinzufuhr, wie sich schon ein deutscher Arzt gegen den Eiweißkult landläufiger Mediziner empörte. So Vernünftiges er hierin sagt, so lächerlich sind seine Yankeespäße, gute Hygiene veredle den Charakter und stärke die geistige Gesundheit.»Macht mich unfehlbar in Ernährung, so stelle ich mich an die Spitze jeder Unternehmung«, solche Yankeeflausen stimmen zur Legende eines »heitern« Hellenismus und griechischer Idealstatuen, als ob Klingers Imperator den physischen Beethoven wiedergäbe. Silentyp, Sokratesbüste, Äskulapanbetung: Häßlichkeit und Krankheit so verbreitet wie heut! Daß der Mann sich nicht selber auslacht! Walt Witman ein biologischer Mustermensch? Warum dann homosexuell und hinterwäldlerisch formloser Nachtöner V. Hugoscher Tiraden, während der schwächliche Poe wenigstens ein glänzender Raffineur wurde? Ja, so müßte es sein, wenn banausischer Rationalismus Recht behielte, doch dies berührt nie den Kardinalpunkt der Lebenskraft. Der Italiener Cornaro, mit 40 Jahren ein Wrack, brachte es durch Diät auf 100 Jahre, stellte aber Weintrinken nie ein, arges Rauchen narkotisierte nicht die deutsche Energie, die Briten wären längst ausgestorben, wenn Fleischgenuß, Alkohol und Tee im Überfluß den vernichtenden Wirkungen entsprächen, wie wissenschaftliche Messungen sie ausklügelten. Vielmehr tritt durch Gewohnheit Immunisierung ein, wir erachten Reizmittel als Gegengifte gegen Zersetzungsstoffe der Mundhöhle und Speiseröhre. Uns scheint schädlicher, daß man nicht eigenem chemischem Instinkt gehorcht und sich stereotyper Beköstigung unterwirft. Im übrigen warfen Smiles und seine Gemeinde »Wie werde ich energisch« ein falsches Pathos in den öden Erwerbskampf, doch selbst füchsisch-wölfische Schläue eines Rockefeller paart sich mit kränkstem Magen, die meisten höheren Energetiker haben schlechte physische Ausstattung, schon dem alten Voltaire entging nicht die Logik, daß ein guter Magen keinen guten Intellekt bedinge. Ein »schlechtes« Herz müßte dies Prädikat sowohl als Blutpumpe wie als Gesinnung verdienen, doch die genialen Ethiker Paulus und Franz v. Assisi waren herzkrank, Plato und Leonardo, die ethisch Genialen, so stattlich und gesund, wie jene kränklich und unansehnlich. Darwin konnte mit Pope »that long disease my life« beklagen; der Tapferste der Tapfern, dem es nur unter Kanonenkugeln wohl war, Wilhelm III., gab sozusagen täglich den Geist auf und sein feldherrlicher Gegner Duc de Luxembourg war ein buckliger Zwerg. Überall zwingt starke Psyche den Leib in ihre Gewalt, deshalb ist alles Geniale abnorme Lebenskraft, der nervöse Boxer Byron war im Grunde auch physisch ein Gigant neben Preisboxer Jackson. Geistige Arbeit verbraucht unendlich mehr Blut als körperliche, kann nur von riesiger Energetik geleitet werden. Körperliche niedere Bewegung nutzt die Organe ab und unterbindet durch geistige Trägheit die wahre Lebensbewegung, deren Rhythmus lebenserhaltend wirkt. Freude am Schönen und Edeln, Begeisterung, Gottvertrauen sind gewaltige Heilmittel, ohne sie alles widerliche Bemühen um den Kadaver nur Anlaß zu Blutstockung. Krankheiten entstehen durch die Unfähigkeit, das Blut durch psychische Gegengifte zu purgieren, der miesepetrige Malade imaginaire des Körpers ist ein Geisteskranker, der seine werte Nasenspitze nicht über eigenen Dunst erhebt. Alle niedrigen Regungen sind gründliche Selbstvergifter und entbehren jener unsichtbaren Heilmittel, die dem Körper von der Psyche gespendet wurden. Viele Funktionen bleiben einem Verworn, Kronzeugen und Nothelfer Haeckels, durchaus verborgen: Blutbefehle des Unbewußten an die Nerven, deren Willenswirkung der ganze Organismus spürt. Fisher schwärmt von Zukunftsriesen, gleichgestellt mit »Shakespeare, Homer, Phidias, Michelangelo, Beethoven, Bach« durch prächtige Verdauung und mächtigen Brustkasten! Das sind Haeckels echte Kinder, echtes Haeckelichenblut... nur Heines Ironie könnte Pfeile schnitzen und vergiften, um die ewig neuwachsenden Köpfe der Aufklärungshydra abzuschießen... doch ein Feuerbrand wäre besser, mit denen ein Herkules sie ausbrennt.

Der Prozeß war stets der gleiche: sobald die Kirche jede innere Verbindung mit dem Unsichtbaren verlor und nur Sichtbares ihrer Formeln aufdrängte, verlor sie sich ins Reich der Lüge; sobald Wissenschaft die Psyche abschwor und das Sichtbare als Götzenbild errichtete, verfiel ihr ursprünglicher Wahrheitseifer in Unwahrhaftigkeit. Tridentiner Dogmen sind harmlos neben materialistischen, erstere mirakeln nur ins Sichtbare, letztere möchten das Unsichtbare vergewaltigen, das stumm und stolz auf den Narrenversuch herabschaut, es mit Wespenstichen zu vergiften. Kirchliches ist nur Angelegenheit der Staatspolitik und des geistigen Pöbels, heute geht der Kampf gegen alles Religiöse, wie ja der Antichrist keineswegs vor andern Religionsorganisierungen haltmacht, und selbst damit gibt man sich nicht zufrieden, sondern der Angriff richtet sich gegen jeden Idealismus. Doch Miasmen dieser Ansteckung einer seelischen Malaria betäuben nur die Schwachen, denen früher ihr »Herr Jesus Christus« allzu sichtbar im »Himmel« schwebte. Wer sich von leiblichem »Glauben« nicht freimacht – »Pistis« im Urtext heißt richtig übersetzt »Vertrauen« –, versteckt sich in die muffige Sakristei abgestandener Phrasen oder flüchtet, aus dem Christenhimmel vertrieben, in Theodemokratie verdrehter Menschenvergötterung und Verbrüderung. Gehirnphysiologie aber will nie recht mit der Sprache heraus, daß sie das letzte Wort des antipsychisch Mechanischen gesprochen wähnt.

Foreis »Gehirn und Seele« 1910 ist ein verzweifelter Versuch, das Psychische mechanistisch zu erklären, ohne zu begreifen, daß es hierdurch noch verwickelter wird. Semon erfand zwei Fremdwörter »Engramm«, Eckphorie«, ersteres soll die Reizwirkungen der Außenwelt bedeuten, letzteres den komplizierten Vorgang, daß Auftauchen irgendeines Teils eines früher angeschauten Objekts zugleich das Ganze wieder wachruft. Erinnere ich mich z.B. an eine bestimmte Uniform, so denke ich dabei zugleich an den Träger und bei diesem möglichenfalls an einen größeren Komplex, die Armee. Dies von mir gewählte Beispiel, beliebig tausendfach zu ergänzen, zeigt schon die Lückenhaftigkeit dieser »Eckphorie«. Denn ebensogut erinnere ich mich zuerst an den Träger und dann an die Uniform d.h. zuerst ans Ganze, dann erst die Teile, auch ist keineswegs sicher, daß ich mich dann an das größere Ganze der Armee erinnere. Warum ich mich plötzlich an die Uniform oder ihren Träger erinnere, bleibt völlig dunkel. Oft tauchen plötzlich Erinnerungen auf ohne jeden Zusammenhang mit vorherigem Denken. So lange diese Frage nicht gelöst – sie ist unlösbar außer durch Annahme eines Doppelbewußtseins, indem das Unbewußte aus unbekannten Gründen Bilder heraufbeschwört, die das kontinuierliche Bewußtsein unterbrechen – bleibt es aussichtslos, die »Mneme« – ein höchst unnötiges Fremdwort für Erinnerungsvermögen als Summe aller Engramme – für Inbegriff alles Seelenlebens auszugeben und sie in erbliche und individuelle Mnemen zu teilen, dies aber auch auf Wiederhervorrufung latenter unbewußter Reizwirkungen der Artbildung auszudehnen. Also stete Erschaffung des Schmetterlings aus der Raupe ist erbliche Eckphorie? Steckt hier ein tiefer Sinn, so ist er so antimechanisch wie möglich. Denn entsteht der Schmetterling, weil die Raupe gedenkt, daß sie unter bestimmten Bedingungen so werden müsse, so ist dies ein rein psychischer Akt, sintemal nicht die Eckphorie selber etwas schaffen kann, sondern der sie selbst erzeugende Kraftgrund. Ferner scheint Unterscheiden von erblich und individuell hier ebenso verfehlt wie Trennung ererbter und erworbener Eigenschaften. Erinnert man sich z.B. an verstorbene Freunde oder Feinde liebe- oder haßvoll, so bezieht sich dies nur scheinbar individuell auf zufällige Objekte, die ebensogut andere sein könnten, sondern auf erbliche Gemütsanlage. Der eine erinnert sich vorzugsweise seiner Feinde, der andere seiner Freunde, der dritte an keins von beiden, weil nur Augenblicksreize ihn berühren. Naive Unlogik ist es für Monisten und Deterministen, erblich und individuell zu trennen, man darf den Begriff der Erblichkeit, um den man nicht herumkommt, nur nicht zoologisch-darwinisch auffassen. Für karmische Psyche und ihre »Mnemen« sind erblich und individuell das Nämliche, Byrons tiefes Wort »Poesie ist Erinnerung vergangener und Ahnung künftiger Welten« deutet über persönliche Erinnerung hinaus und es erscheint oberflächlicher Leichtsinn, jede Erinnerungsart aus Außeneindrücken zu erklären. Welches Engramm soll eine Eckphorie auslösen, die sich der äußerlich nie geschauten Bilder einer Präexistenz erinnert oder, wenn man dies Phänomen nicht Wort haben will, Phantasiebilder aus dem Nichts formt? »Einbildungskraft« kann teilweise Kombination aus Erinnerungen sein, doch webt in nie Dagewesenem, also nicht Erinnertem.

Veränderung aller Außenwelt um uns her bedeutet uns Zeit, Nebeneinander der Bewegungen Raum. Auf dieser Vorspiegelung falscher Tatsachen durch Introspektion, die den eigenen Körper als Außenwelt im Vergleich zu sich selber fühlt und alle Wahrnehmung zu Lust und Unlust umbildet, beruht auch jede Wissenschaft, die nur mit Zeit und Raum operieren kann. Daher tut Forel unrecht, zwar den Mechanismus als »verfrüht«, den Vitalismus aber als unwissenschaftlich zu bezeichnen; denn daß die Möglichkeit besteht, wissenschaftlich Organisches aus angeblich Unorganischem zu entwickeln, beweist an und für sich gar nichts, da der wahre Monist eine leblose Substanz nicht anerkennt, daher Leben sich nur aus abermals Leben entwickeln kann. Das große Logoswort heißt weder Mechanismus noch Vitalismus, sondern Psyche schlechtweg. Gelänge ein Homunkulus, so hätte ihn ja nicht die Materie, sondern deren Anordnung durch experimentierende Psyche ins Leben gerufen. Wie darf man aber mit Forel Experimente der üblichen Forschermethode als »einzige Mittel für wahre Erkenntnis« preisen, wenn er zugibt: »Was wir objektiv nennen, ist nur Resultat verglichener subjektiver Bilder«. Dann liegt doch klar, daß solche Bilder sich nur relativ von introspektiven Phantasiebildern unterscheiden, über die Forel hochmütig wegsieht. Uns scheint ferner bemerkenswert, daß im Zentralnervensystem keine neuen Elemente, keine neuen Neuronen entstehen, »nicht ihre Zahl sich vermehrt, sondern nur ihre Markhülle, ihre Länge und Verästelung wachsen«. Der Gewichtsunterschied zwischen Kindes- und Manneshirn besteht ausschließlich in Vergrößerung der Isoliermasse, das Wesentliche bleibt unverändert. Was beweist dies? daß psychisches Wachstum nicht das Psycheinstrument Hirn berührt, es also gleichsam einer andern Sphäre angehört. Solche Konstanz des Neuronensystems im Gegensatz zum steten Zellenwechsel des physischen Organismus beweist die Konstanz der Psyche (sonst müßte das von ihr geschaffene Denkinstrument sich notwendig verändern) und damit ihre primäre Ursprünglichkeit vor dem Körperzuwachs. Wir erkennen hierin Unabhängigkeit vom physikalischen Kausalitätsgesetz, auf welches Mach den Satz »der Erhaltung der Arbeit« zurückführen möchte. Forel verweist darauf, daß schon »der Philosoph Spiniza erkannte, wodurch Illusion der Willensfreiheit entsteht«, nämlich Unbekanntschaft mit unsern (zwingenden) Motiven, anerkennt aber seinerseits relative Willensfreiheit in zweckmäßiger Anpassung des Willens an den Daseinskampf durch schlaue Berechnung (wir umschreiben, was er meint). Selbst solche Relativität bestreiten wir durchaus, auch sie entspringt nur gegebenen Determinanten der natürlichen Anlage. Willen zur Anpassung, d. h. Selbsterhaltung hat jedes Lebewesen und folgt ihm eben gemäß seinen Bedingungen; ob mit oder ohne Erfolg, gilt gleich. Willensunfreiheit wird aber fälschlich für Mechanismus in Anspruch genommen, sie ist nur logischer Bestandteil der Kausalität, denn da es keine Wirkung ohne Ursache gibt, so unterliegt alles notwendigem Zwang. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß das Geschehen selber mechanisch sein müsse, da alles Sichtbare eben aus Unsichtbarem herrührt. Bewußtsein »innerer Reflex« äußerer Hirntätigkeit? Grober Illogismus, denn woher Inneres, wenn nur Äußeres wirken soll? Nicht mal graue Hirnmasse ist nötig, Bräunlichkeit des Negerhirns wegen anderem Blutpigment erweist Hirn nur wie jedes andere Organ als Gehäuse des Blutstroms ohne eigenen Einfluß auf unsichtbare Bestimmung.

Forel denkt sehr hoch von Genialität, deren Kombinationen intuitiv und unbewußt »wie Blitze im Bewußtsein erscheinen« im Gegensatz zum nur reproduktiven Talent, doch wäre »Vernunft« identisch mit »gesunder Menschenverstand« wie Forel behauptet, so könnten Vernunft und Genie nicht »durchaus keine Gegensätze« sein, sondern diese Art Vernunft, die sich kritisch-analytisch dem Bekannten anpaßt, hat keine Brücke zur komplizierten Genialität. Diese spottet jeder Mechanistik sogenannter Gehirntätigkeit, denn hierbei wäre ausgeschlossen, daß Genialität den ganzen Engramminhalt der Mnemen original d. h. abweichend vom Reproduktiven verarbeitet und oft geradezu umstößt. Solche schöpferische Gabe unterscheidet sich völlig von der gewöhnlichen Vernunft, die höchstens je nach Stärke oder Schwäche der Neuronen graduell verschieden sein kann, nie aber absolut. Wäre der Geniale eine sonst physisch andre Spezies, so wäre auch dann unerklärlich, wie man mit dem immerhin gleich oder ähnlich aufgebauten Gehirninstrument intuitiv und inspiriert, original und produktiv denken könne. Da aber der Geniale physisch ein Mensch wie andere, so muß man sich schon mit der Ansicht befreunden, daß es eine selbständige Psyche gibt, die sich wenigstens transzendentaler Freiheit erfreut, indem sie zwar irdisch determiniert will und handelt, aber sich selber vorbehält, ihr Erdenwerk in ungleichsten Formen zu verrichten. Physikalische Untersuchungen des Gehirns bedeutender Geister sind nicht nur dürftig und ungenügend, sondern in der äußerst beschränkten Zahl der Beobachteten gröblich widerspruchsvoll bezüglich Schädelumfang und Gewicht, wobei obendrein fraglich, ob die Untersuchten überhaupt als eigentlich genial gelten dürfen. Harden spricht nur von Bismarcks »majestätischem Menschenverstand«, Kant würde sich selber nicht den Titel Genie zusprechen, welche beiden aber die einzigen sind, deren Gehirnumfang einen hohen Rekord schlägt unter allerlei reproduktiven Gelehrtentalenten, von denen freilich Leibniz schon eher dem Gebiet des Genialen angehört, und gerade er hatte niedriges Volumen. Damit sind solche äußerliche Gehirnmaßstäbe überhaupt nicht von Belang, und solange man geniale Gehirnarbeit nicht lebend bei der Arbeit beobachten kann, weiß man schlechterdings nichts davon. Es scheint sicher, daß die Anordnung der Neuronen und Fibrillen dort geradeso verschieden vom »Normalen« wie die weißen Markfasern der Gehirnsubstanz. Nun wohl, solange nicht die entfernteste Erklärung vorliegt, wieso ein Mensch unter gleichen organischen Verhältnissen ein durchaus verschiedenes Gehirnsystem besitzt, d. h. mit gleicher Lunge, Leber, Milz, zwei Beinen, Armen, Augen ein normwidriges Hirnleben gestaltet mit durchaus von Vernunftmenschen verschiedenen Funktionen, solange wird man kühnlich eine besondere unsichtbare Psyche als alleinmögliche Ursache ansprechen können. Selbst als das Hirninstrument sich selbst ein nötiges Instrument schuf, die Sprache, unterlag sie gleichem Gesetz der Ungleichheit: Dichtung »Sprache der Götter« unterscheidet sich völlig von der bräuchlichen Umgangssprache.

Mit der Hypothese »Gehirn gleich Seele« geht es so wie mit dem Materialismus überhaupt. Forel gesteht, daß bislang keinerlei Beweis für mechanistische Lebensentstehung vorliege, doch sie sei eben das Wahrscheinlichste. Wieso? Da er selbst voraussetzt, es gebe keine tote Materie, könnte man ebensogut fordern, eine so vervollkommnete Maschine wie ein Auto müsse sich von selbst in Bewegung setzen. Selbst wenn wir aber Benzinfüllung mit irgendeinem Materiefaktor wie Sonnenbestrahlung vergleichen – natürlich ein schlechter Vergleich, da das Benzin ja nicht aus den Wolken fällt –, so muß doch jemand erst die Kurbel drehen. Gut, dann rast das Auto ins Blinde drauf los, um zu zerschellen, es bedarf des leitenden Chauffeurs, im Vergleichsfalle also der Psyche. Wendet man ein, daß hier der Chauffeur aus der Menschenmaschine selber herauswachse? Geschähe dies mechanisch, so müßte nach gleichem Naturgesetz eine benzinhaltige d. h. lebende Maschine sich selber kurbeln, das Hirn entspricht aber hier höchstens der Kurbel. Naiver Protest, ein Auto sei ja vom Menschen gemacht, ist haltlos, denn der Mensch soll ja selbst Maschine sein, also gilt für ihn und das Auto das gleiche Gesetz, ebensogut wie ein Auto könnte Technik den Homunkulus schaffen. Es bleibt also schlechterdings bei der Tatsache, daß ein Auto, selbst wenn es sich selber kurbeln könnte, immer noch den Chauffeur braucht, der sich auf die Maschine setzt, sonst gibt es lauter »Pannen«. Forel behauptet, die beispiellos feine Komplikation des Hirnapparates entstehe durch unendlich kleine unwahrnehmbare Vorgänge der Keimzellen, jawohl, durch unsichtbare. Blickt man aber auf den Embryo, so geschieht der Hirnaufbau aus der Haut vielmehr ungeheuer schnell. Nehmen wir die Unglaublichkeit an, ein so gewaltiges Phänomen käme durch lauter niedrige Automatismen zustande, was gewinnt der Materialismus damit? Man verschiebt nur die Chauffeurfrage, denn nach Menschenbegriffen ist mechanisches Hinarbeiten auf solch zweckmäßiges Kunstwerk undenkbar. Hinter dieser durchdachten Arbeit muß ein Ingenieur stecken. Wir begrüßen Forel als Mystiker, weil er der »blinden« Materie sinnvolle Zauberei zumutet. Ja, unsichtbare Zauberei von solcher Feinheit, wie man sie bisher kaum ahnt. Als Buddha die Ethik eudämonistisch-physikalisch begründete, wußte er doch nicht, daß »unendliches Wohlwollen« unendliches physisches Wohlsein verbürgen würde. »Sehr gesund, ein gutes Herz!« ruft Bulwers weiser Homöopath. Es ist so. Güte und Mut schmieren die Lebensmaschinerie, Bosheit und Feigheit bringen sie physisch in Unordnung! Kleinlicher Haß vergiftet die Säfte, während ein Ausbruch gerechten Zorns nur als leichtes Fieber den Grollstoff ausscheidet. So arbeiten Ethik und organische Physis stets Hand in Hand.

Alle alten Denker verlegten den Sitz der Seele ins Blut, bis der Mediziner Hippokrates die Hirnpsychologie gründete, die bis heute eiligst alle Mediziner bearbeiteten. Was dabei herauskommt, wenn Leute, die berufsmäßig nur Körperliches studieren, in Seelisches hineindoktern, liegt auf der Hand. Die Experimente von Flechsig, Hitzig, His, Eichet, Langley berechtigen keineswegs, mit Verworn eine »Mechanik des Geisteslebens« zu konstruieren. Daß er Dualismus befehdet, dies Streben teilen wir ja in ganz anderm Sinne. Natürlich können Geist und Leib nicht Verschiedenes sein als gleiche Emanationen eines einheitlichen Dritten. Wir sehen nicht ein, wieso die Hirnphysiologie ihre Unwissenschaftlichkeit nicht einsieht, wenn sie Galls Phrenologie in den Papierkorb wirft. Verworn vollzieht an ihm die Ehrenrettung in der Hauptsache, Entdeckung des Großhirns als Sitz des höhern Bewußtseins, doch verwirft er in gewohntem Stil Galls Funktionsbezirke, obschon doch Hirnphysiologie selber eine genaue Topographie des Hirnbodens aufzeichnet. Das hat nicht mehr Wert als jede andere anatomische Landkarte des Körpers, instruktiv als bildliche Beschreibung, doch ohne jede Bedeutung für lebendige Bewegungen in dieser Landschaft. Abgesehen davon, daß Galls »Bumps«, die kleinen Schädelerhöhungen als Merkmale verschiedenster Eigenschaften, oft die empirische Probe bestehen,, wäre nur wunderbar, wenn es anders wäre, d. h. der Hirnapparat nicht äußere Abdrücke spezifisch entwickelter Funktionen hervorbrächte, vollends wenn er allein den Geist repräsentierte. Denn da tatsächlich die Sinnesgebiete Sehen, Hören usw. bestimmte Merkmale zeigen, so wäre unnatürlich, wenn intellektuelle und ethische Eigenschaften nicht ebenso sich kennzeichneten. Wie die Hand ihre bedeutsamen Linien muß bei Einheit von Geist und Körper das Hirn sichtbar seine Regungen auf der Schädeldecke hinterlassen. Nun ist aber das Hirn kein unabhängiges Organ, sondern unterworfen der Machtvollkommenheit des Bluts, ohne das sich keine Hirnmasse bildet und das allein deren Beschaffenheit bestimmt. Zu diesem Behuf bedient es sich der Nervenfasern, eines Zwischenapparats unterhalb der Schädeldecke. Was aber diesen Drähten analog läuft, das allbelebende Fluidum, ohne daß auch das Nervensystem nicht wirken könnte, bleibt außerhalb jeder physiologischen Betrachtung. Fiel Verworn nicht ein, daß das Subliminale sich schlechterdings nicht körperlich bestimmen läßt? Ach nein, er vermeidet sorgfältig die unheimlichen Begriffe unbewußt, Unterbewußtsein, sie sind für ihn nicht da, das ist das Bequemste. Die Frage läßt sich durch einen einzigen Vergleich entscheiden: reißt man dem Menschen die Zunge aus, so entzieht man ihm Möglichkeit des Redelauts, doch nicht den Besitz der Sprachworte; amputiert man beide Beine, so kann der Mensch nicht mehr gehen, doch der Bewegungstrieb an sich erlischt keineswegs. So, entfernt man das Großhirn, verliert er Ichbewußtsein und Mitteilungsfähigkeit, nicht die unbewußte Grundlage seiner psychischen Natur.

Das unantastbare Fluidum des Nervensystems wirkt auch nach Aufhebung des Bewußtseins fort, das Gleichgewicht des Stoffwechsels als sogenannte Selbststeuerung durch Assimilierungsersatz aus Blut und Lymphe erfolgt ohne Zutun des Hirns durch eben dies Fluidum, das über dem Blutstrom schwebt. Gedächtnisverlust durch Zerstörungen der Großhirnrinde zeugt nicht von Lokalisierung allgemeiner Gebiete, sondern Gedächtnis als Zentralgehalt des Ichs, das nur von seinen Gnaden besteht, vermindert sich eben in gleichem Grade wie das Bewußtsein, also ist Fehlschluß, Gedächtnisschwund als etwas Besonderes zu registrieren, da dies identisch mit Gehirnschwund überhaupt. Dubois-Reymond erläuterte treffend, daß wir bei genaustem Sehen der Gehirnvorgänge doch nie deren Empfindung sehen könnten, und Empfindung ist immer Dasjenige, wodurch sich die Psyche bemerkbar macht. Chemische Gleichgewichtsstände bezeugen, daß bei Verbindung zweier Stoffe nicht die ganze Masse ein Neuprodukt wird, sondern Reste des Ursprünglichen zurückbleiben. Indem sich Körperliches und Gehirnmasse verbinden, bleibt ein drittes übrig, kein schäbiger Rest, sondern ein regulierendes Prinzip, Wenn die Ganglienzellen ohne Sauerstoffzufuhr aus Erschöpfung ermüden und sich dabei Milchsäure bildet, so beweist dies weiter nichts, als daß der Hirnapparat an sich als körperlicher Faktor arbeitet. Erregung, Lähmung, Assimilierung, Dissimilierung im Hirn, Zellulareinheit von Ganglienzellen und Nervenfasern als Leitungsorgane sind an sich Vorgänge wie bei jedem andern Körperorgan. Besorgen da aber Lunge, Magen, Leber ihre Arbeit selbständig? Natürlich nicht, sondern als dienstbarer Apparat des allgemeinen Organismus, genau so das Hirn, das ohne Blut und Nerven überhaupt nicht funktionieren könnte. Wir gehen so weit, Empfinden mit Nahrungsaufnahme und Wahrnehmen mit Verdauen zu vergleichen, doch das Geschenk können wir den Naturalisten nicht machen, den Vergleich aufs Denken auszudehnen. Verdauen und Atmen sind konstante immer wiederkehrende Automatismen, Denken aber bewegt sich in fortwährender beispielloser Progression, selbst Lichtgeschwindigkeit verläuft nicht schneller als blitzartiges Auftauchen und Fortsetzen von Gedankenreihen, die einen unendlichen Kreis neuer Vorstellungen durchlaufen. Wie ist das möglich? Nur wenn ein unbekanntes Drittes mitspielt. Da sich bei den Neuronen »elektrische Vorgänge nachweisen lassen«, da ferner die Ganglienzellen nicht wie die meisten andern Körperzellen sich nach der Geburt quantitativ vermehren, wohl aber qualitativ ihre Masse entwickeln, so stehen wir vor einem verwickelten Naturprozeß, der aber in keiner Weise dartut, wieso eine unsichtbare rastlose Bewegung aus ihm entsteht, während doch sichtbare körperliche Bewegungsfähigkeit recht beschränkte Grenzen hat.

Die Schlaferklärungen von Pflüger, Preyer, Strümpell laufen auf das hinaus, was schon der Urmensch wußte, daß Schlaf durch Ausschluß der Sinnesreize eintritt und natürliche Erholung des überangestrengten Bewußtseins bedeutet. Das Träumen erörterten wir ja ausführlich, hier gibt es zuwidere Kindereien so gut beim Rationalisten wie beim Abergläubischen. Wenn äußere Anreize dem Schlafenden Traumbilder wecken, so tun es erst recht innere Erregungen bei Krankheit und Leidenschaft, somit ist falsch dies richtige Bewußtseinsvorgänge partiellen Wachzustands zu nennen, denn diese sind ja von vielfältigen Sinneseindrücken untrennbar. Wenn ein einzelner schwacher Ton- oder Lichtreiz große dimensionale Übertreibungen von Hör- und Sichtbarem als Traum weckt, so ist dies schon recht wunderbar, doch meist wirken solche äußern Reize gar nicht in der betreffenden Richtung, sondern es werden unbegreifliche Trugbilder an ferne Personen und Lokalitäten wachgerufen, die sich nicht mit Ton und Licht berühren. Nur Leute ohne eigene Traumerfahrung geben sich mit mechanistischer Deutung zufrieden, gleiches gilt von der Hypnose, die laut Verworn ein gewöhnlicher Wachzustand sein soll, bei dem nur kritische Selbstkontrolle eingeschläfert wird, jede Erhöhung seelischer Fähigkeiten sei Täuschung oder Selbsttäuschung. Das sind leere Behauptungen, da bei hochgradigen Somnambulen ein kataleptischer Zustand ohne fremdes Zutun erfolgen kann und Umwandlung oder Erhöhung seelischer Eigenart sehr oft beobachtete Tatsache ist. Telepathie wird natürlich einfach totgeschwiegen, am Schluß aber vorsichtshalber versichert, dies sei kein materialistisches Unternehmen. Was ist's dann? Gelehrte Täuschung oder Selbsttäuschung, den Hirnapparat mit dessen Beweger zu verwechseln, als ob durch ein Seziermesser die Person des Chirurgen erklärt würde.

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